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Donnerstag, 11. August 2011

Simone Weil - Selbstaufopferung für Frieden und soziale Gerechtigkeit

Impressionen einer Ausstellung in Wismar

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Man kommt einfach nicht zur inneren Ruhe, die man sich als Qualität für ein gutes Leben wünscht. Kaum hat man sich damit abfinden müssen, dass Thilo Sarrazin SPD-Mitglied bleibt, kaum haben Migranten und Migrantinnen die Leitkultur-Angriffe unserer Regierung vom Herbst letzten Jahres verdauen müssen, kocht wieder überall die braune Suppe des Argwohns und des Hasses, des Misstrauens und der nationalen Selbstbeweihräucherung.

Selbst gute Freunde, die man für weltoffen und tolerant hielt, sehen plötzlich “im Islam” ein Schreckgespenst und wollen offensichtlich nicht mehr zwischen Islamgläubigen und religiösen Hardlinern oder Übereiferen unterscheiden. Da werden die Ohren plötzlich taub, wenn ich mit Tahir al-Kadri argumentiere, der den koranbasierten Islam in seiner Fatwa 2010 mit Demokratie und Menschenrechten vereinbar hält und Terroristen als Ungläubige verurteilt.

Nun vor kurzem das Bombenattentat und die planmässige Hinrichtung von Jugendlichen in Oslo. Die offensichtliche Nähe des Attentäters zur English Defense League lässt schon aufhorchen. Ich habe Sorge, dass die skandinavischen Staaten insgesamt dem Druck von rechts nicht mehr gewachsen sind. Das Prinzip Nulltoleranz gegen Rechtsextremismus bei gleichzeitiger Offenheit und Meinungsfreiheit ist allerdings ein Seiltanz, der vermutlich staatlichen Institutionen nicht mehr gelingen könnte. Um so wichtiger nun die Erkenntnis: jeder einzelne Mensch in seinem ganz persönlichen Umfeld muss gegendrücken und gegen Menschenverachtung, Hass und Gewalt arbeiten…leichter gesagt als getan, ich weiß. Zumal nach den jüngsten Studien (im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung etwa) mehr als die Hälfte der Bevölkerung unserer Bundesrepublik eine mehr oder weniger starke Tendenz zum rechtsextremen Denken und Urteilen zeigt. Und diese Haltung ist in allen Gesellschaftsschichten gleichermaßen spürbar.

Irgendwie ist unser Sommerurlaub nicht nur von Sturm und Regen, sondern auch von rechtsextrem dunklen Wolken überschattet. Wir fahren durchs westliche Mecklenburg. Jungnazis - aber auch ein alter Nazi - heben die Hände zum Hitlergruß. In fast allen Dörfern und Kleinstädten leuchten die NPD-Plakate mit Botschaften wie “Sei kein Frosch, wähle deutsch” oder “kriminelle Ausländer raus”. Das Wörtchen “kriminelle” ist allerdings kleingedruckt und so bleibt allein die Aussage “Ausländer raus” in den Hirnen der Vorbeifahrenden haften. Diese Plakate finanziert der Steuerzahler und in meinen Augen ist diese Aussage nicht mit unserer freiheitlich demokratischen Grundordnung vereinbar. Das schürt Hass, grenzt aus. Doch die NPD darf solche Plakate aushängen und ist gut geschützt dank dieser V-Leute des Verfassungsschutzes. Ich bin sicher, dass ein NPD-Verbot zwar ein Zeichen in die richtige Richtung oder zumindest ein gutes Signal wäre, doch ist die rechte Szene äusserst anpassungsfähig und verkleidungsfreudig. Man ist schliesslich in der Kommunalpolitik sowie auf europäischer Ebene erfolgreicher….

Ist der Zug schon abgefahren und haben wir den gewaltigen Rechtsruck in Europa mal wieder verschlafen? Wie können wir Mitmenschen zu friedlichem Miteinander überzeugen? Das geht nur im Nahbereich…Mensch zu Mensch.

In Wismar sitzen wir in der Nachmittagssonne vor der Nikolaikirche. Irgendwo in den Gassen brüllt eine offensichtlich alkoholisierte Gruppe von Nazis los. Wir betreten die Kirche - und plötzlich wie durch eine Fügung geht die Sonne auch in mir auf: ein kleiner Nebenraum beherbergt Stellwände mit Fotografien und Texten. Die Leute drängeln sich und blicken ergriffen. Man fragt sich, warum diese langen Stellwände nicht im Hauptschiff der Kirche stehen. Die Assoziation zu mittelalterlichen Altarbildern drängt sich mir auf. Ein großartiger Altar, der sich schamhaft in einem kleinen Nebenräumchen - nicht größer als vielleicht eine Sakristei - versteckt. Die meisten Kirchenbesichtiger gehen entsprechend desinteressiert vorbei. Doch die, die es in den kleinen Raum geschafft haben, erleben den Nahbereich “Mensch zu Mensch” im wahrsten Sinne des Wortes…und erleben den möglichen Weg zum Frieden. In der Lektüre von Texten der französischen Philosophin und Kämpferin für die Menschenrechte: Simone Weil.

Zahlreiche Schwarzweiss-Fotos aus der Weimarer Republik bis zur Gegenwart konfrontieren den Ausstellungsbesucher mit dem realen Menschen, der Macht ausübt oder leidet, der arbeitet oder keine Arbeit hat, der krank ist oder gesund oder in der nächsten Sekunde erschossen wird. Menschen in allen Lebenslagen und überall auf der Welt, scheinbar wahllos zusammengestellt. Doch Themen wie Krieg, Gewalt gegen Menschen, soziale Ungleichheit, Macht des Kapitals, Nationalsozialismus heute und damals, Flucht in die Drogen werden alsbald deutlich und das Thema der Ausstellung “Die gefährlichste Krankheit” wird schnell konkret.

Simone Weil schrieb: “Die Entwurzelung ist bei weitem die gefährlichste Krankheit der menschlichen Gesellschaft. - Wer entwurzelt ist, entwurzelt. - Wer verwurzelt ist, entwurzelt nicht. - Die Verwurzelung ist vielleicht das Wichtigste und meistverkannte Bedürfnis der menschlichen Seele.”

Simone Weil schrieb dieses Fazit ihrer Überlegungen kurz vor ihrem Tod 1943. Sie starb - nur 34 Jahre alt - an Hunger und Tuberkulose im britischen Exil. Sie hungerte aus Solidarität zu den Armen.

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Geschrieben von Martin Rzeszut am 11. August 2011 um 20:29 Uhr
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