Donnerstag, 24. August 2006
Mein Klavier
Teil 2
Herr B. war Vergangenheit, das Klavier für mich auch. Meine Eltern ließ es natürlich nicht ruhen, denn drohte doch die musikalische Ader in der Familie zu versiegen. Meine Mutter spielte Akkordeon und Klavier, mein Vater war ein begeisterter und kritischer Zuhörer – auch wenn unsere Meinungen manchmal auseinander gingen. Wir vieles lief viel über Hören-Sagen. So kamen wir an Frau Z.
Frau Z. wohnte in Potsdam-West und war als ich sie kennenlernte schon in den Sechzigern, wenn nicht drüber. Für einen jungen Menschen ist das immer schwer zu sagen, schließlich handelt es sich bei allen Menschen jenseits der dreißig um alte Menschen. Danach kommen dann Omas und Opas. Frau Z. fiel schon die Kategorie »Oma« und ich glaube, sie konnte damit leben.
Was fällt mir zur Frau Z. ein: Sie war Konzertpianistin, die auch auch zu ihrer aktiven Zeit als Klavierlehrerin Konzerte gab. Sie war Diabetikerin und lebte in einem Haus, das ihr selbst gehörte. Ein großes Haus, welches ihr aber viel Kopfzerbrechen bereitete. Schließlich konnte sie nicht die Mieten nehmen, die sie gern hätte, sondern musste die Mieten nehmen, die ihr der Staat vorschrieb. Sie hatte nach dem Krieg in Russland gearbeitet, ob gewollt oder nicht, kann ich gar nicht mehr sagen und sie war ziemlich dick.
Frau Z. war die geborene Lehrerin. Ich habe selten Menschen kennengelernt, die herzlich und freundlich sind, aber trotzdem in der Arbeit sehr autoritär und konzentriert sind. Mochte sie mit einem gerade ein freundliches Wort gewechselt haben, lieferte man kurz darauf Murks ab, so sagte sie es mit drastischen Worten. Ein weiterer Unterschied zu Herrn B. deutlich: Sie fand die Klavierschule, die der gute Mann benutzte, schlicht albern. Ich konnte sie wegschmeißen. Sie sagte mir, was für Noten benötigt würden. Es war keine andere Klavierschule.
Hier wurde nicht ein Stück gelernt und im Anschluss weggeschmissen, nur damit man so schnell wie möglich die Klavierschule durchackern konnte, sondern konzentriert an einem Stück gearbeitet. Das konnte schon mal ein halbes Jahr dauern, aber dann saß das Stück.


Tolle, freundliche, informative und mit profunder Fachkenntnis geschriebene Rezension. Da lernt auch ein dicker Hippie noch was. Tausend goldene Fleißpunkte!