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Montag, 7. März 2011

“Deutsche Leitkultur” und der unausgeprägte Islam

...mein närrischer Beitrag zum Rosenmontag

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Hatte man nach der letzten Attacke auf Zuwanderer im Oktober letzten Jahres (“Integrationsunwillige”) gehofft, dieser dümmliche Begriff “Deutsche Leitkultur” würde jetzt endlich einmal verschwinden, sah man sich unversehens eines anderen belehrt: der frisch gebackene Innenminister Hans-Peter Friedrich benutzte diesen schwammigen Unbegriff flux für einen kleinen - ?...nein: für einen großen - Hieb gegen den Islam. Dass er diesen in seiner Antrittsrede ausführte, erhöht die Brisanz.

Mit sichtlichem Wohlbehagen äusserte Friedrich in seiner Antrittsrede, dass er den Islam nicht als Teil Deutschlands sehen will. Ein paar Sätze nach dieser Bemerkung bemühte er die “Deutsche Leitkultur” und deren christlich-abendländische Wurzeln. Als Opposition und Islam-Verbände sich über diese Sichtweise empörten, lenkte Friedrich ein: Immerhin will er “den Dialog mit den Muslimen voranbringen” [zitiert nach Tagesschau, 7.3.11]

Ich meine: es reicht nun! Nachdem wir dieser Regierung also abnehmen sollten, dass das Zusammenkopieren von Doktorarbeiten ohne Quellennennungen durchaus Teil unserer Deutschen Leitkultur wäre (wie sonst bitte darf man sich die beschönigende Haltung unserer und schliesslich selbst promovierten Bundeskanzlerin im Fall Guttenberg wohl erklären?) sollen wir im Lande der christlichen Kirchenaustrittler wohl jetzt auch noch so tun, als ob es Koran-Gläubige bei uns nicht gäbe….? Wohl auch alles “Plagiate”, was?...Helau! Helau!

Es macht für mich keinen Sinn, gegenwärtig deutlich fühlbare Spannungen zum Thema “Religionen” in Politik und Gesellschaft argumentativ auf ein frühgeschichtliches Wurzel-Niveau zu verlegen. Jetzt ist jetzt. Heute ist heute. Ausserdem sollte Politik und Gesellschaft alles daransetzen, besonders jetzt die Stimmung gegen “fremde Religionen” nicht anzuheizen. Das Schlimmste, was aus solchen Provokationen uns allen erwachsen kann, sind Religionskämpfe und damit riskieren wir bürgerkriegsähnliche Zustände, von denen die Geschichte unseres Abendlandes voll genug ist.

Aus eigener Erfahrung weiss ich, wie eine solche Rhetorik aus friedlichen Mitbürgern ängstliche macht, die schon beim Anblick von Minaretten in unmittelbarer Nachbarschaft Unwohlsein empfinden. Erfolgreiche Integrationspolitik sollte sich durch das Abbauen von Ängsten auf allen Seiten auszeichnen. Und nicht durch das Hochreden von künstlichen Unterschieden. Schliesslich glauben alle religiös empfindenden Menschen auf dieser Welt an den einen Gott. Sogar die Atheisten setzen sich mit diesem einen Gott immer wieder gern auseinander.

Vielleicht sollte man sich mal um ganz andere “Wurzeln” bemühen: friedvolles Miteinander verschiedenster Religionen über Jahrhunderte. Das sind Tatsachen, die jeder Historiker kennt und die auch Politik und Gesellschaft nicht ignorieren sollten. Und Kultur als solche war und ist immer interreligiös geprägt. Nirgendwo gibt es jene scharfen Grenzen, die plötzlich beschworen werden. Die gab es bei uns immer nur als Hinweis auf verstärkt einsetzenden Nationalismus. Deshalb kann ich nur sagen: wehret den Anfängen!

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Geschrieben von Martin Rzeszut am 7. März 2011 um 18:41 Uhr
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