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    <title type="text">Das Tönchen</title>
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      <title>Schleswig&#45;Holsteinisches Freilichtmuseum &#45; Projekt&#45;Schule mit Zukunft?</title>
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      <published>2011-09-29T18:44:31Z</published>
      <updated>2011-10-10T11:26:33Z</updated>
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            <name>Martin Rzeszut</name>
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      <category term="Projektschule Museum"
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      <content type="html"><![CDATA[
        <p>Das Museum liegt für uns in Fahrradentfernung und just hinter dem für die Stadt Kiel so wichtigen Grüngürtel nach Süden hinaus.<br />
Und heute haben meine Frau und ich Glück: warme Sonne ist nach all den Regentagen eine Wohltat - ja, und es soll ja auch Bauernmarkt im Museum sein! Na, dann man los zum Freilichtmuseum Molfsee!</p>

<p>Der absolute Vorteil dieses Freilichtmuseums bäuerlicher Kulturdenkmale liegt in seiner landschaftlich wunderschönen Lage. Es befindet sich mit seinen rund 70 Häusern sozusagen auf einer Insel und wird umrauscht von der Eider, vom Verkehr der Hamburger Chaussee und vom Verkehr der Hamburger Landstraße. Also: optimal erreichbar, selbst mit dem Kajak - wenn es denn einen entsprechenden Eingang gäbe&#8230;.übrigens stört der Verkehrslärm nur bei Westwind.</p>

<p>Das Gelände von insgesamt ca. 60 ha - wobei ein großer Teil noch ungenutzt östlich der L 318 (Hamburger Chausee) liegt - ist landschaftlich sehr abwechselungsreich. Wir finden die für Ostholstein typischen Landschaftskomponenten Wald, Wasser, Feldwege, Wiesen und ländliche Bebauung. Einige Häuser - nach Landschaften in Schleswig-Holstein geordnet - sind zu Weilern zusammengefasst, so dass kleine Zentren entstehen. Leider ist die Eider nicht in die Museumslandschaft integriert und ein Bach sickert nur bei starkem Regen vor sich hin. Immerhin gibt es zwei großflächige künstlich angelegte Teiche und einen kleinen Mühlenteich, der das intakte Mühlrad der frisch restaurierten Wassermühle zum großen Bedauern der Museumsbesucher nicht in Bewegung setzen kann.</p>

<p>Ein Besuch im Freilichtmuseum erfreut besonders all jene, die sich jahrelang Gedanken um die Zukunft bzw. die Geschäftsfähigkeit des Museums Gedanken gemacht haben. Wie wir an anderer Stelle berichtet hatten, stand das Museum vor noch nicht allzulanger Zeit kurz vor der Insolvenz. Doch mit gezielten Finanzspritzen, einem engagierten Einsatz der Museumsleitung und vor allem mal wieder zahlreichen ehrenamtlichen Helfer und Helferinnen gelang die vorläufige &#8220;Rettung&#8221; des Museums in letzter Sekunde.</p>

<p>Was zur nachhaltigen Stabilisierung besonders der finanziellen  Verhältnisse jedoch unbedingt notwendig wäre: die Angliederung des Museums an die Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloss Gottorf. Das Zieldatum ist der 1.Januar 2012. Hoffen wir, dass diese Perspektive sich auch bewahrheite!</p>

<p>Um es gleich vorwegzunehmen: wir von PROJEKTSCHULE MUSEUM stellen mit Freude fest, dass zahlreiche Ideen zur Belebung dieses Museums bäuerlicher Kulturdenkmale, die wir der Museumsleitung seinerzeit nahegelegt haben, teilweise oder ansatzweise aufgenomment wurden. Seinerzeit - das war noch während der drohenden Insolvenzgefahr. Unsere spontan gegründete regionale Bürgerinitiative nannten wir MUSEUM INTERAKTIV. Daraus entwickelte sich dann die von der Initiative Regionalgenossenschaft e.V. konzipierte PROJEKTSCHULE MUSEUM.</p>

<p>Natürlich liegt uns von PROJEKTSCHULE MUSEUM das Molfseer Freilichtmuseum weiterhin am Herzen, auch wenn wir inzwischen überregional orientiert sind. Wie könnte es auch anders sein: liegt es doch unmittelbar &#8220;vor unserer Haustür&#8221;. Es erweitert sozusagen den in den 1920iger Jahren vom Stadtplaner Leberecht Migge konzipierten Kieler Grüngürtel als dringend benötigten Erholungsraum der Stadt.</p>

<p>Neben dem Kulturzentrum Hof Akkerboom in Mettenhof hätten wir im Molfseemuseum weiteres Potential für ein Stadtteilzentrum bzw. einen kulturellen Fokus nahe der Landeshauptstadt. Neben dieser regionalen Bedeutung könnte das Museum zu einem Touristenmagnet erster Güte werden und ähnlich wie Schloss Gottorf und dessen angegliederte Museen Weltruf erlangen. Voraussetzung dafür ist allerdings eine deutlich höhere Besucherzahl sowie eine optimale Einbindung des Museums in regionale und landesweite öffentliche, aber auch wirtschaftliche Strukturen.</p>

<p>Wir nenen hier beispielsweise die intensive Zusammenarbeit mit schleswig-holsteinischen Schulen, den Support durch Handel und Handwerk oder die Nutzung des Museums als Veranstaltungsort für kulturelle Veranstaltungen, wobei wir da nicht nur an die für Normalbürger kaum erschwinglichen Konzerte des S-H-Musikfestivals denken: Kultur beginnt zuhause in der Region und muss für alle erschwinglich sein.</p>

<p>Auf Grund seiner diversifizierten Strukturen und seines kultur- und  sozialgeschichtlich orientierten Erscheinungsbildes kann dieses Museum bäuerlicher Kulturdenkmale eine hervorragende Rolle in &#8220;Erziehung&#8221; und &#8220;Erinnerung&#8221; bieten.&nbsp; Junge Menschen bringt es auf berufliche Ideen, Senioren erinnern ihre Jugend, unsere sog. &#8220;Bestagers&#8221; mitte 50 plus bringen konstruktive Gestaltungsideen ins Museum ein und für einige &#8220;Midagers&#8221; wäre das Museum und sein Netzwerk eine Perspektive, um sich etwa aus wirtschaftsverschuldeter Arbeitslosigkeit herauszuarbeiten und eine kulturell orientierte Selbständigkeit aufzubauen.</p>

<p>Das Museum der Zukunft ist ein Bürgertreff für alle. Die Grundlagen einer Zivilisation zu erfassen und die Vielschichtigkeit der eigenen Kultur zu begreifen erfordert nicht intellektuelle Distanz, sondern direkte und unmittelbare emotionale Anteilnahme. Lassen wir etwa die Enge des Deldorfer Armenhauses auf uns wirken und lesen wir die Dokumentationen über Armut in der jüngeren Geschichte, so entfährt uns vielleicht jener Seufzer: &#8221; Oh mann&#8230;.ein Glück, dass es uns besser geht als denen damals in diesem Haus.&#8221;</p>

<p>Und &#8220;die damals im Armenhaus&#8221; könnten ähnlich geseufzt und dem Bürgermeister gedankt haben, dass sie nicht als Obdachlose der Winterskälte ausgeliefert sein mussten.- Wohlstand ist relativ und das direkte Gefühl dafür könnte uns angesichts von Facebook und Bad Banks leicht verloren gehen. Das Museum hilft! Und es lehrt uns, was lebensdienliches und nachhaltiges Wirtschaften im kleinen und im großen Stil bedeuten kann.</p>

<p>&#8220;Unser Museum&#8221; sind wir selber mit all unseren Erfahrungen, Skills, Hoffnungen und Sehnsüchten. Aber auch mit unseren Ängsten. &#8220;In der Geschichte der Menschheit diente die Technik dem Menschen zum Überleben, die Kultur dem Zusammenleben&#8230;Nur wenn wir die Leitwerte unserer Kultur in der Welt des technischen Zusammenlebens dauerhaft und immer wieder neu verankern, wird ihre Rolle eine heilsame sein und nicht eine, die unsere Gesellschaft zersplittert und unseren Gemeinsinn zerstört.&#8221; [R.D. Precht, Die Kunst kein Egoist zu sein, München 2010,S.485] - Genau das: im Museum lässt sich Gemeinsinn erkennen und erleben - wenn es denn genügend &#8220;belebt&#8221; ist.
</p> <p>Genau das wollen wir heute und morgen herausfinden. Eine Begehung der Anlage sieben Wochen vor Saisonende gibt Aufschluss über Neues im Museum. Ein Wochende mit Bauernmarkt - dazu noch bei warmem sonnigen Spätsommerwetter - lässt leicht erhöhte Besucherzahlen vermuten.</p>

<p>Besucherdichte: Interessieren tat uns zunächst, wie sich Besucher auf dem großen Gelände während der Sonderveranstaltung &#8220;Bauernmarkt&#8221; verteilen. Erwartungsgemäß waren sowohl am Samstag als auch am Sonntag im alten Bereich in der Westhälfte des Museums, aber auch um die sog. Winkelscheune herum im Zentrum der Ausstellungsfläche sehr viele BesucherInnen zu sehen. Die &#8220;Landstrasse&#8221; zwischen beiden Aktionsflächen war in Spitzenzeiten voll wie eine Fußgängerzone. Erhöhte Besucherkonzentration gab es stets auf dem Jahrmarkt. Am Sonntagnachmittag zählte auch die &#8220;Meierei unter Dampf&#8221; auf dem Apothekenberg zu den Publikumsmagneten.</p>

<p>Leer dagegen wirkte an beiden Tagen der Ostteil des Geländes vor allem um Hallighäuser, Walfanghäuser und große Windmühle herum. Auch beim Haus mit der Schusterwerkstatt am See sowie auf dem Weg über &#8220;Stapelholm&#8221; bis zur neu restaurierten Wassermühle war wenig los. Sehr leer war es auch beim Fischer. Hier fehlt eindeutig interaktive Belebung oder zumindest atmosphärisch wirkende Attraktionen wie Kleinvieh, Musik, wandernde Marktfrauen oder authentische Figuren wie der &#8220;zufällig vorbeikommende Messerschleifer&#8221; und andere Kreationen der PROJEKTSCHULE MUSEUM. Der Platz oben vor der Apotheke schreit geradezu nach &#8220;Volkstanz&#8221;, wie es zahlreiche MuseumsbesucherInnen sicherlich auch von anderen Freilichtmuseen kennen. Warum er hier nicht regelmässig stattfindet, bleibt mir seit Jahren ein Rätsel.</p>

<p><br />
Auf den ersten Blick fällt uns positiv auf : es gibt sehr viele  neue und sehr schön gedeckte Dächer, frisch angestrichene Balken und nachhaltig reparierte Fenster. Dezent angebrachte Sponsorentafeln künden von den Geldgebern, die sich in hervorragender Weise um das Museum verdient gemacht haben. </p>

<p>Sehen wir nun genauer hin und betreten wir das Altenteilerhaus aus Negenharrie (Nr.4): im relativ neu eingerichteten sog. &#8220;Spielzeughaus&#8221; sind so ziemlich alle unsere Erwartungen an eine nutzerorientierte Ausstellung erfüllt. Hier kann Opa mal zwei Minuten lang mit der Eisenbahn spielen! Die reichhaltig ausgestatteten Vitrinen zeigen einen wirklich guten Querschnitt durch ca. 200 Jahre Spielzeuggeschichte. Schade nur, dass man nicht mit alten Töpfen auf den echten Herden des Hauses &#8220;Kochen&#8221; spielen kann&#8230;.Alle meine alten Steiftiere blicken mich melancholisch und fünfzigerjahremässig an: ach ja, die gute alte Zeit!</p>

<p>Im ersten Stock entdecke ich Kinder-Kaufläden mit kleinen Waschpulverpäckchen&#8230;..Erinnerungen werden wach:&nbsp; Wandertag der Klasse 3 der Volksschule Oldentrup (ca.1963) zum Großmarkt am Stadtrand von Bielefeld. Im Lagerhaus der Großeinkaufsgesellschaft Deutsche Konsum-Genossenschaften hatte man zahlreiche kleine Ladentische aufgebaut: alles in Kindergröße. Richtige Waagen zum Abwiegen, Kisten voller Gemüse, kleine Packungen mit Hengstenberggurken, Erbswürsten, Zucker und Salz in den Regalen. Dazu Ata, Vim und Sunil. Brot und Käse gab es ebenso wie kleine Getränkefläschchen. Wir Kinder standen hinter den Ladentischen und &#8220;bedienten&#8221; andere Kinder, die mit ihren Einkaufskörben Schlange standen. Man kaufte mit Spielgeld, das jedes Kind in gleicher Menge und zusammen mit einem Einkaufskorb bekam. Alles was wir kauften und verkauften, konnte man auch wirklich essen und es machte einen Riesenspaß!...Und warum gibts das heute eigentlich nicht mehr?</p>

<p>Den Raum in der Deele dieses Spielzeughauses oder eines anderen Hauses könnte man für ebensolche interaktive Aktionen nutzen: &#8220;Wir Kinder standen hinter den Ladentischen und &#8216;bedienten&#8217; andere Kinder&#8221;...&nbsp; oder am besten gleich einen Dorfladen ins Museum translozieren&#8230;nur so Gedanken, die uns durch den Kopf gehen. Die wirklich interaktive Stelzenlaufstation an der Aussenecke des Hauses liegt günstig am Hauptweg. Generationenübergreifend ist man allgemein von der Physik einer schlichten Fahrrad-Felge fasziniert. Hier läuft Kommunikation auf höchstem Niveau und ältere BesucherInnen werden im Nu zu stelzenden Kindern&#8230;</p>

<p>Noch ganz erfreut vom lustig springenden jungen Eselchen gerät man fast zufällig in die Kate Göttsch, dem Altenteilerhaus aus Krummbeck von 1650 (Haus Nr. 19) und ist erschrocken, wer da so laut hustet&#8230;oder grunzt?...schwer zu sagen. Hier befinden wir uns nun im neuen Glanzstück des Museums. Der leicht irritierte Besucher hat zunächst Schwierigkeiten, das, was er in der Dunkelheit kaum sieht und was er aber ziemlich laut hört, sinnvoll zusammenzubringen. Schliesslich ist in diesem kreuzbraven Museum ja Theater unbekannt!</p>

<p>Haben die Augen sich erstmal an die authentische Dämmrigkeit einer Kate im Jahre 1888 gewöhnt, so hat man nun die Wahl: entweder ein Blick in die die Großküche, wo sich Kinder untereinander und mit der Mutter streiten und wieder vertragen und wo es in den hervorragend konzipierten Redeszenarien um den Gang zur Schule, unerlaubtes Apfelmausen oder das Kochen geht. Oder man steht vor der Altenteilerwohnung, wo sich Altbauer und -Bäuerin Gedanken darüber machen, ob und wie gut der Sohn den Hof weiterführen wird und wie es mit Ernte und Vorräten im Haus steht.</p>

<p>Dann lässt sich noch ein Knecht finden, Haustiere, ...Lebensgroß sind die sorgfältig gestalteten und liebevoll gekleideten Puppen. Die überaus lebendigen Dialoge - nein, sie sind nicht in Platt sondern in regionalem Slang und gerade deshalb gut verständlich - sind aus dem Hier und Jetzt gegriffen. Man glaubt kaum, dass es digitale Tonkonserven sind. Dieses Tonsystem ist einzigartig: diese &#8220;Personen&#8221; reden wirklich kristallklar und ohne Nebengeräusche miteinander und wir bekommen Appetit auf die Bockwurst auf dem Teller und möchten uns zum alten Mann an den Tisch setzen und mit ihm und seiner Frau (&#8220;Karl&#8221; und &#8220;Marie&#8221;) plaudern&#8230;.Wir leben tatsächlich im angepeilten Zeithorizont: Herbst 1888, abends in der Probstei. Magisch!</p>

<p>Diese Art der Animation hatten wir von MUSEUM INTERAKTIV schon vor Jahren angeregt. Ich hatte solche Inszenierungen in  schottischen Bergwerksmuseen Ende der 1980iger Jahre kennengelernt, aber die waren geradzu simpel gegenüber dem, was ich jetzt in der Kate Göttsch erlebe. Sehr gut auch die Information im Eingangsbereich - und natürlich wünschen wir uns für die nächste Saison eine ähnliche Inszenierung von authentischer Sozialgeschichte beispielsweise für das Drelsdorfer Armenhaus! </p>

<p>Und keine Frage: so etwas lässt sich auch mit Life-Darstellern etwa im Rahmen eines Schulprojekts machen und Museumsnutzer werden eingeladen, sich eine mögliche Rolle zu wählen, die sie dann allein im Alltagsgespräch und vor anderen Museumsnutzern vertiefen. PROJEKTSCHULE MUSEUM hat dafür Ideen in Hülle und Fülle! </p>

<p>Soweit die Highlights, die uns als neu und belebend ausgesprochen begeistern. - Setzen wir unseren Bummel über das Gelände fort. Nun interessieren uns Aktionen zu museumstypischen Themen.</p>

<p>Hervorragende Referenten: Bereits im Haus Nr. 3 aus Grossharrie weht uns Holzfeuerrauch um die Nase: Bierbrauer Ralf Stelter braut in der dunklen Deele Bier. In einem Topf über dem Feuer unterm Schwibbogen rührt er  die Maische. 50°C sind erreicht. &#8220;Es ist nicht leicht, die jetzt erforderlichen etwa 70°C über längere Zeit zu halten&#8230;die hatten damals ja noch kein Thermometer.&#8221; sagt er. Eine interessierte Familie drängelt sich um den duftenden Kupfer-Topf und Ralf Stelter erzählt und zeigt und lässt probieren. Hier haben wir es also mit einem echten Belebungsschwerpunkt zu tun. Nur schade, dass Bierbrauen nicht jeden Tag während der Saison stattfindet. Ralf Stelter findet unsere Idee gut, soetwas als Projekt mit Schülern im Museum oder an Schulen zu veranstalten. &#8220;Die Einstellung der Jugendlichen zu Bier oder Alkohol würde sich dann normalisieren - Bier ist nichts &#8220;verbotenes&#8221; sondern war und ist eines unserer traditionellen Grundnahrungsmittel.&#8221;</p>

<p>Neben Haus Nr. 40 am See sitzt Jörg Nadler und fertigt ein Netz. Ein Fischer wie vor 100 Jahren. Er erzählt bewegt über das Fischen in der Schlei, vom Holm in Schleswig, von seinem Fischerboot. Einige wenige Besucher haben sich auch in diesen abgelegenen Teil des Museums verirrt und schnuppern den Holzfeuerqualm aus dem Räucherofen. &#8220;Ja, die müssen noch ein bisschen im Rauch hängen, aber gleich sind sie fertig&#8230;der Ofen zieht nicht so gut, die alte Tür hat sich verzogen&#8230;mit diesen Netzen hier wurde schon vor Jahrhunderten gefischt&#8230;wollen Sie Fisch kaufen?...ja, ich komme gleich&#8230;schon die Römer hatten ein solches Werkzeug wie ich hier in der Hand&#8230;ach, Sie hatten vorbestellt?...nein, ich habe hier leider kein Boot&#8230;&#8221;</p>

<p>Jörg Nadler ist darauf spezialisiert, vorbeigehende Museumsbesucher in die Welt des Fischfangs zu entführen. Hört man ihm 30 Minuten zu, geht man sozusagen als &#8220;angelernter Fischer&#8221; weiter. Nein&#8230;er redet so intuitiv, dass man zum Fisch wird, wenn man nicht aufpasst. Er kann in verschiedene Rollen schlüpfen und ist Fischer der Steinzeit, der Bronzezeit, der Vorrömischen Eisenzeit, der Frühen Römischen Kaiserzeit, des Frühmittelalters, des Hoch- und Spätmittelalters. Heute vertritt er den Zeithorizont 1900. Fangequipment und Kleidung sind wissenschaftlich korrekt: &#8220;auch meine Brille ist 100 Jahre alt!&#8221; Besser kann es wirklich nicht sein: hier ist ein Enthusiast am Werke. &#8220;Im Bereich der Archäotechnik und lebendiger geschichtlicher Darstellung bin ich der einzige ausgebildete Vollerwerbsfischer mit einer nach Originalvorlagen rekonstruierten Ausrüstung&#8230;&#8221; heisst es auf seiner Website. 	</p>

<p>Leider sitzt Jörg Nadler nicht jeden Tag im Museum&#8230;für diesen Mann sollte man eine Planstelle einrichten, bevor dies andere Museen tun! Sein Arbeitsplatz könnte dann der Museums-See samt Fischerkaten (Häuser Nr.39 bis 41) sein und der Platz wäre endlich einmal &#8220;bewohnt&#8221;. Dass das Museum ihm offensichtlich nicht einmal ein Boot organisieren kann, stimmt mich traurig. - Stand da nicht vor Jahren einmal ein Volksmusikschlagersänger neben dem alten verrotteten Boot am Museums-See und schmalzte irgendein Fischerlied in die Kamera des NDR-Fernsehens? Dieser Mann bekam ein - wenn auch nicht mehr schwimmfähiges - Boot, weil es das Klischee verlangte. Jörg Nadler zieht die Alltagsrealität dem Klischee vor und ist ohne Boot ....</p>

<p>Wäre Jörg Nadler täglich im Museum, so könnten zahlreiche interaktive Aktionen mit Museumsnutzern laufen: Schülerprojekte zur Fischtechnik, Bootsbauprojekte, Netzeproduktion. Lust hat er dazu! In der benachbarten Schmiede könnte Fischfanggerät aus Metall hergestellt oder repariert werden. Nadler zeigte mir Teile, die im Giessereimuseum hergestellt oder repariert werden müssten&#8230;Themen ohne Ende. Ich frage mich, ob diese rezente Weihnachtsmarktbretterbude, in der Nadler seinen Fisch verkauft, nicht vielleicht zu vermeiden gewesen wäre, denn historische (Museums-)Bauten gibt es am See genug. Man könnte auch Fischverkauf und Fischen trennen, wenn denn das Museum einen täglichen Markt hätte&#8230;</p>

<p>Besuchen wir doch noch Klaus und seine Schreinerei, den es hier seit dem Frühjahr gibt. Jemand kommt uns mit einem frisch und selbstgebauten Katzenbaum entgegen. &#8220;Baus mit Klaus!&#8221; heisst es im Museumshaus aus Bergenhusen (Nr.69). Die ehemaligen Wohnräume beherbergen eine kleine Schreinerei mit mehreren Arbeitsflächen, Hobelbänken und jede Menge Werkzeug. Es herrscht eine wirklich einladende Atmosphäre: irgendwie ein wohltuendes kreatives Chaos. Eine aufgeräumte Werkstatt ist nicht wirklich eine Werkstatt. Man möchte sogleich mit irgendetwas loslegen: Vogelhaus bauen, Stuhl reparieren, Fußbank schreinern&#8230;und natürlich ist der freundliche und versierte Klaus auch offen für Projektarbeit in Kooperation mit Schulen.</p>

<p>An den Wochenden öffnet Klaus Mende seine Werkstatt und die ist somit eines der dauerhaft aktiven Zentren im Museum. &#8220;Hier können Sie oder Ihre Kinder einfach nur einmal &#8216;rumprobieren&#8217;, also mit einem Hobel, einem Stechbeitel oder anderen klassischen Tischlerwerkzeugen arbeiten,&#8221; heisst es auf seiner Website. Schade nur, dass er sich im Museum kein wirklich authentisches Werkstattgebäude einrichten konnte: der Wohnbereich des Hauses aus Bergenhusen wurde schliesslich niemals als Tischlerwerkstatt genutzt. Eine wissenschaftlich nicht korrekte Sache in einem Museum, das gerade großen Wert legt auf &#8220;wissenschaftliche Forschungsarbeit&#8221; legt, wie es auf der Museumswebsite heisst. Klaus braucht eine richtige Tischlerei!</p>

<p>Warum sog. &#8220;Aktions-Stationen&#8221; nicht funktionieren können: weil es an Personal fehlt! Liebevoll wurden im Molfseer Freilichtmuseum von der hauseigenen Museumspädagogik sog. &#8220;Aktions-Stationen&#8221; eingerichtet. Da kann sich der Besucher in Haus Nr. 8 in ein Butzenbett legen oder seine (mitgebrachte?) Wäsche waschen und aufhängen. Schilder wie &#8220;Anfassen erlaubt, Ausprobieren erwünscht!&#8221; laden zu aktiver Beschäftigung ein. Wir haben allerdings weder einen Besucher im Bett gesehen noch war jemand am Waschen. Vor dem Bett schreckt man auch irgendwie aus hygienischen Gründen zurück (Besucherkommentar: &#8220;Na, wenn die da alle mit Schuhe reingehen&#8230;&#8221;)</p>

<p>An der Aktions-Station &#8220;Waschtag&#8221; neben Haus Nr. 28 gab es weder fließend Wasser noch eine gespannte Leine an den Wäschepfählen. Wie und wofür die alte Wäscheschaukel (siehe Foto oben!) bedient wurde war weder auf einer Hinweistafel beschrieben noch stand eine authentisch gekleidete &#8220;Waschfrau&#8221; daneben und spielte ihre Rolle, wie sich PROJEKTSCHULE MUSEUM das für interaktives Museumserleben wünschen würde. Nein, niemand zog uns Museumsnutzer in den Bann der frühgeschichtlichen Seifenlauge&#8230;meine Frau bleibt ratlos!</p>

<p>Egal ob &#8220;Aktion&#8221; oder &#8220;Interaktion&#8221;: es geht nicht ohne Hilfe eines Kulturvermittlers, der Museumsnutzer anleitet und auf ihre Rolle als &#8220;Waschfrau im Jahre 1920&#8221; oder &#8220;Todmüder Tagelöhner, geb. 1843, nach der Arbeit endlich im Bett&#8221; vorbereitet. Wie das durchführbar wäre, dafür hat PROJEKTSCHULE MUSEUM allerdings Ideen. Aber die Museumspädagogen haben hier immerhin schon mal deutliche Zeichen für eine interaktive Zukunft gesetzt: mit passivem Museumgucken ist nun Schluß, liebe Besucher, nun seid ihr dran!</p>

<p>Belebung allgemein empfohlen: Das älteste Haus des Museums aus dem Jahre 1569, das Pfarrhaus aus Grube (Haus Nr.13), ist museumstechnisch leider nicht genügend gewürdigt. Besonders mit dem neuen Dach ist es ein Schmuckstück und hätte anderes verdient. Hier könnte während der Saison eine Familie &#8220;leben&#8221;, was für interaktiv arbeitende Museen normal ist und z.B. in Haithabu-Dorf erfolgreich praktiziert wird. Der große Vorplatz des Hauses erlaubt Aussenaktivitäten mit Besuchern. Die Nähe zu Schweinen und Ställen ist ideal für die Demonstration bäuerlicher Lebensweise im ausgehenden 16.Jahrhundert.</p>

<p>Die dort im August durchgeführte Wochenend-Veranstaltung &#8220;Bodendieks Gesinde - Das Leben und Wirken einer Gemeinschaft von Knechten und Mägden, Bauern und Handwerkern eines Dorfes im 13. Jahrhundert. Erleben-Sehen-Begreifen-Probieren ...&#8221; ist grundsätzlich schon mal ein Gewinn für das Museum, weil sie die Mitwirkung von Museumsnutzern zulässt. Doch leider läuft diese Aktion nicht alltäglich, zum anderen verfolgen Bodendieks Gesinde darstellerisch einen viel früheren Zeithorizont, den die Konzeption dieses Museums nicht berücksichtigt.</p>

<p>Das Pfarrhaus aus Grube jedoch passt frühestens eben in die Welt der Spätrenaissance, wie sie sich etwa im Werk Pieter Brueghel des Jüngeren zeigt. Eine entsprechende Darstellertruppe ließe sich beispielsweise sehr schnell aufbauen, wenn man über die notwendigen Kontakte zu Schulen, Theatergruppen und Ehrenamtlichen verfügt. Dieser Zeithorizont wäre überdies ein idealer Fundus für Projektarbeit im Geschichtsunterricht, denn die damaligen Maler haben das Alltagsleben akribisch und bis ins letzte Detail dokumentiert. Was spricht also dagegen, wenn Kieler Schulen gemeinsam mit einem &#8220;Brueghel-Projekt&#8221; vor dem Pfarrhaus von Grube aufwarten?</p>

<p>Nun zu einem anderen Thema schleswig-holsteinischer Sozialgeschichte: es mutet etwas merkwürdig an, dass gerade im größten Freilichtmuseum Norddeutschlands mit keiner Aktion oder Ausstellung jener 4000 Kolonisten gedacht wird, die  vor genau 250 Jahren aus Hessen ins damalige Dänemark gelockt wurden und unter größten Entbehrungen täglich ums Überleben kämpfen mussten, soweit sie unsere sumpfige und unfruchtbare Halbinsel nicht gleich wieder fluchtartig verließen. Was etwa im Raum Eckernförde/Hüttener Berge dieses Jahr zu allerlei Veranstaltungen Anlass gab (z.B. im Kolonistenhof und im Dorfmuseum Alt-Duvenstedt) wird in unserem Museum nicht weiter thematisiert, obwohl ein original gut erhaltenes Typenhaus (Kolonistenhaus aus Klappholz, Haus Nr. 50) zum Inventar gehört.</p>

<p>PROJEKTSCHULE MUSEUM hat gerade zu diesem aktuellen Thema ein interaktives Projekt ausgearbeitet und auf der diesjährigen Landesgartenschau in Norderstedt erfolgreich vorgestellt. Wie bereits in diesem Medium berichtet geht es um den Nachbau der Kolonistenkate aus Klappholz im Holzmodell, Maßstab 1:20. Natürlich würde es Sinn machen, dieses Projekt vor oder in genau diesem Museumshaus mit Museumsnutzern, Schulklassen o.ä. auch noch während der Saison 2012 durchzuführen. Wir beraten gern bzw. bieten die Durchführung unseres Projektes hiermit auch der Museumsleitung gerne an.</p>

<p>Einer unserer früheren Vorschläge betraf die Musik im Museum. Selbst während des Bauernmarktes hörten wir keinen Ton. Da wir beruflich MusikerInnen in traditioneller Musik und gerade auch für Musikausübung in Freilichtmuseen ausbilden, sind wir sicher, dass sowohl bei Musikern als auch bei Museen hierfür ein deutlicher Bedarf besteht. Es gibt Museumsleitungen, die festivalartig aufgezogene Musikertreffen begrüßen und darin keinerlei Problem sehen - so z.B. alljährlich im Freilichtmuseum Hösseringen in der Lüneburger Heide (&#8220;Klangrausch&#8221;-Treffen).</p>

<p>Neben vereinzelten Musik-Aktionen (wie sie etwa mit der gelungenen Kieler Formation Hans Dans hin und wieder stattfinden) braucht ein Museum unserer Meinung nach &#8220;die tägliche Hintergrundmusik&#8221;. Das kann ein &#8220;fahrender Spielmann&#8221; Anno 1875 sein, das kann ein jetztzeitiger Volksliedchor sein oder eine Tanzgruppe der LAG-Tanz mit Life-Musik. Es sollte auf jeden Fall aber etwas zu hören sein. Die Jahrmarktorgel des Museums ist schon ein alter Schritt in die richtige Richtung, doch käme handgemachte traditionelle Musik ebensogut an, wie Konzepte wie Hjerl Hede oder Skansen bestätigen. Im Molfseemuseum ist genügend Platz für zahlreiche gleichzeitig auftretende Musiker, Gaukler oder Folkbands aus der Region. Man muß sie nur engagieren.</p>

<p>Dorflärm: die Tiere der Arche Warder sorgen hervorragend für gelegentliche klangliche Untermalung. Konzentrieren tut sich diese Geräuschkulisse hauptsächlich auf den alten Teilbereich des Museums (Häuser 10 - 16). Tierlaute über das gesamte Gelände verteilt wären wünschenswert. Apropo Haustierhaltung: die traditionellen kleinen Kaninchenställe am Haus Nr.10 sind mit Sicherheit authentisch, doch würde ein Kaninchenimitat hier weniger unter dem Eingesperrtsein leiden&#8230;</p>

<p>Kinder vermissen Ponyreiten. Nach wie vor wird die Mickey-Mouse-Bimmelbahn - die uns beim besten Willen nicht ins traditionelle Erscheinungsbild des Museums passen mag - von einem wiedrum authentisch lärmenden Traktor gezogen. Wie schön würde sich ein restauriertes Pferdefuhrwerk auch für den Personentransport eignen. Wagen stehen genügend viele in den Häusern herum. Allein in der Kolonistenkate sind es zwei, die ich nicht ins sozialgeschichtliche Umfeld einer armen Kolonistenfamilie von 1837 einordnen kann.</p>

<p>Überhaupt fällt auf, dass besonders zahlreiche Deelen in den Museumshäusern vollgestopft sind mit Inventar, das weder zum Umfeld &nbsp;  &nbsp; des Hauses gehört noch ansehnlich genannt werden kann. Als besonders eklatantes Beispiel für diesen Missstand fällt uns das Haus aus Kosel (Nr.58) auf. Das Mindeste an Besucherorientierung wären erklärende Beschreibungen an diesen beziehungslosen Exponaten. Noch besser wäre ein externer und klimatisierter Lagerraum, für den nicht gerade ein Museumshaus geopfert werden sollte. Wären zahlreiche Häuser leer, so könnte man besonders die Deelenhallen für Seminare, kulturelle Veranstaltungen oder interaktive Projekte mit Schulen nutzen. </p>

<p>Ein Haus des Museums verwundert: stand es nun schon jahrelang zerlegt unter Wellblech (man hatte damals vor der Translozierung die Wände als Ganzes und unzerlegt geborgen), so steht es jetzt schon mindestens zwei Jahre im Rohbau und wird nur von einer Deltaplane vor dem Regen geschützt. Diese Neubauruine rechts neben dem Hauptweg in Richtung &#8220;Dithmarschen&#8221; motiviert Museumsnutzer zur Traurigkeit. Mit Sinn für &#8220;Tugend aus der Not&#8221; könnte der Vorplatz als &#8220;lebendige Baustelle&#8221; mit Leben erfüllt sein: Sandkasten für die Kleinsten! Interaktion: wir bauen mit Lehmziegeln! Oder noch besser: eine Schule baut zusammen mit dem örtlichen Handwerk dieses Haus endlich einmal fertig! Die Museumsleitung sollte mehr Mut zu vielleicht ungewöhnlichen Experimenten haben!</p>

<p>&#8220;Meierei unter Dampf&#8221; ist immer wieder ein Erlebnis, für das man dem Förderverein Historische Meierei Voldewraa e.V.und der MEIEREI GENOSSENSCHAFT HOLTSEE EG einmal ausdrücklich Danke! sagen muss. Meist Sonntags von 11.00 bis 14.00 faucht im Nachbau der Meierei von Voldewraa (Haus Nr.53) die Dampfmaschine und dreht über eine beeindruckende Transmission einige historische Molkereimaschinen, die Senioren begeistert aus ihrer Jugend erinnern. Haben Museumsnutzer bei so viel Drehmoment dann Hunger, bleibt nur der Hinweis auf das hervorragende Café im Hause mit dem tollen Kuchen und dem wohlschmeckenden Kaffee. Die frisch hergestellten Käse- und Milchprodukte dagegen sind für den Verzehr aus hygienischen Gründen leider tabu!</p>

<p>Es ist jammerschade, dass es noch immer keine Ausnahmegenhmigung für im Museum hergestellte Käse- und Milchprodukte gibt und die Tagesproduktion nach jeder Aktion amtlich entsorgt werden muss. Sieht man das Museum hier wieder als Schule für die Zukunft, so hinterlässt diese Verschwendung von Nahrungsmitteln angesichts 1 Milliarde hungernder Menschen auf unserem Globus einen sehr unguten Eindruck. PROJEKTSCHULE MUSEUM empfiehlt daher Kontaktaufnahme des Vereins bzw. der Museumsleitung mit den zuständigen Hygienebehörden in Kiel zwecks Ausarbeitung einer Sonderregelung zum Zwecke des &#8220;Verschenkens der Ware&#8221; und &#8220;Verzehr auf eigene Gefahr&#8221;.</p>

<p>Soweit unser zweitägiger Rundgang. Facit: dieses Museum ist sehenswert und man wundert sich nicht, warum selbst anlässlich eines sog. &#8220;Bauernmarktes&#8221; die Besucherzahlen bescheiden ausfallen. Es fehlt dem Museum ganz einfach an öffentlichen Mitteln, aber auch deutlich an Know-How, sich kreativ und selbst zu finanzieren. Ein paar Tipps: den Winterschlaf weglassen, jedes Haus und das gesamte Gelände interaktiv beleben, noch ungenutztes Gelände für Naturerfahrung erschließen, den Dorfcharakter durch soziale Komponenten erhöhen, den Nutzerkreis auf Kindergärten, Schulen, Krankenhäuser, Behinderteneinrichtungen und Altenheime aktiv ausdehnen, museumseigene Produkte verkaufen und Sponsoren suchen, die sich an ICOM-Normen und wissenschaftliche Korrektheit eines Museums gewöhnen können.</p>

<p>Ich hoffe, dass im Laufe dieser Betrachtung besonders der Begriff von Interaktivität deutlich wurde. PROJEKTSCHULE MUSEUM geht es vornehmlich um diesen Sektor, der aber schon als Kernbereich für erfolgreiches kulturelles Marketing angesehen werden kann.</p>

<p>Interaktive Belebung empfohlen: Der Leiter des neuen Europäischen Hansemuseums in Lübeck Hans Wißkirchen brachte es auf der letzten Herbsttagung des Musesumsverbandes - die 2010 in Kiel stattfand - irgendwie auf den Punkt: die für den Betrieb notwendigen 125 000 Besucher pro Jahr als Benchmark &#8221;...sei nur durch ein interaktives Konzept mit Erlebnischarakter zu realisieren. Der Besucher kann dann frei entscheiden, ob er als Nonne oder Kaufmann durchs Mittelalter gehen möchte.&#8221; [Kieler Nachrichten, 30.Nov.2010,S.8]</p>

<p>PROJEKTSCHULE MUSEUM sieht das ähnlich. Für unser Museum lassen sich die unterschiedlichsten Rollen für interaktives Erleben finden. Ein paar Beispiele: den Viehhirten kann der 40-jährige Gymnasiallehrer im Urlaub spielen und geht mit museumseigenen Ziegen und in authentischer Kleidung überall auf dem Gelände umher. Ein Großteil des Museumsgeländes ist landwirtschaftlich nutzbar. Die örtliche Bürgerinitiative MUSEUM INTERAKTIV hatte schon seinerzeit auf dieses schlafende Potential hingewiesen und Museumsleiter Carl Ingwer Johannsen hatte entsprechende Pläne auch kurz danach im Ostholstein-Magazin des NDR präsentiert.</p>

<p>Museumsrelevant wäre nicht nur Viehhaltung oder das Ackern mit Pferd und Gerät, sondern auch das Ernten der Produkte. Im kleinen Museum Lensahn kann man das Erlebnispotential solcher Ernteprozesse eindrucksvoll studieren. Die Weiterverarbeitung bzw. der Verkauf an die Region oder im museumseigenen &#8220;Dorfladen&#8221; könnte Unkosten decken. Der interaktive Kick: Der &#8220;Bauer&#8221;, der hinter dem von Pferden gezogen Pflug und in Begleitung eines &#8220;Großknechts&#8221; (etwa Landwirt im Ruhestand, 82 Jahre alt) geht, könnte eine 14-jährige Schülerin sein. Buchweizenanbau würde die Speisetafel in der Kate Göttsch real beleben. Lifedarsteller bereiten Buchweizengrütze auf der real befeuerten Kochstelle und laden Besucher zum Kosten ein&#8230;</p>

<p>&#8220;Bauerngärten&#8221; - es gibt gleich mehrere - sind im Molfseemuseum leider nicht für die Öffentlichkeit geöffnet. Doch wir trafen einen netten Gärtner, Äpfel und Marmelade standen dort zum Verkauf. Die interaktive Konzeption wäre allerdings eine andere: ein möglichst großer authentischer Bauerngarten als Teil eines Feldes (und natürlich ohne Buxbaumrabatten) stünde aktiv gestimmten Museumsnutzern samt Gartengerät und mit Stroh ausgestopften Holzschuhen zur Gartenarbeit zur Verfügung. Auch hier wird evtl. ein Gärtner oder Landwirt (arbeitslos, ehrenamtlich oder im Ruhestand) Hilfestellung geben, die Arbeiten koordinieren und Tipps für den heimischen Gemüseanbau vermitteln.</p>

<p>Die Balkenstapel zwischen Stellmacherei und Töpferei sind &#8220;Häuser&#8221;, nur ist das nirgendwo auf Hinweistafeln beschrieben noch wird das praktisch demonstriert. Auch hier schlummert interaktives Potential! Denn hier haben wir eine hervorragende Gelegenheit, Aufbau- und Abbbautechnik von Fachwerkbauten zu erklären oder gar praktisch zu demonstrieren, indem tagtäglich z.B. eine Fachwerkwand im Abbund und in Kooperation mit helfenden Zimmerleuten und Museumsnutzern gelegt wird. Ist sie fertig, so werden die (etwas dünneren) Holznägel wieder herausgeschlagen und die Balken wieder zum Stapel zusammengelegt. So wird Museumsnutzern deutlich, was diese mysteriösen Balkenstapel bedeuten. Weitere Themen wären etwa eine Ausstellung zu den Themen dokumentierter Hausabbau und Translozierung. </p>

<p>Angesichts des Riesenthemas &#8220;regenerative Energie 2011&#8221; wundern wir uns über zwei still vor sich hinrostende stählerne Windräder, die sich weder drehen noch irgendetwas antreiben. Hat vor Jahren das große Windrad neben der Meierei wenigstens noch quietschfideel auf sich aufmerksam gemacht, so wurde für diese Saison und ein paar Monate nach Fukushima diese Chance einfach nicht gesehen.</p>

<p>Neben der Demonstration von traditionellen Windrädern zum Antrieb von Transmissionen,Generatoren oder Wasserpumpen gäbe es - Museum ist ein Fenster in die Zukunft! - ausreichend Platz zur Ausstellung von Kleinwindkraftanlagen, die beispielsweise zur Beleuchtung der Museumshäuser beitragen und mit der Abgabe von nicht gebrauchtem Strom ins öffentliche Netz zur Finanzierung des Museums und damit zur &#8220;Sicherstellung des Betriebes&#8221; beitragen, ohne gegen die ICOM-Vorgaben (s.u.) zu verstoßen.</p>

<p>Spinnen wir weiter: Zusammenarbeit mit Windkraftforschung ist möglich, taktvolles Sponsering durch Anlagenhersteller inklusive. Die Nutzung des Hauses aus Kosel (Nr.58) neben dem Windrad ist für technisch orientierte Schülerprojekte wegen seiner großen Deele hervorragend geeignet - wenn es eben nicht mit vorübergehend gelagerten Exponaten vollgestellt wäre.</p>

<p>Sicherlich ist deutlich geworden, was wir unter &#8220;interaktiv&#8221; verstehen: durch Einbeziehung der Besucher in das museale Geschehen erhöht sich die Identifizierung der Museumsnutzer mit möglichen Rollen und mit dem Museum selbst deutlich. Nicht die sekundäre Rezeption, die passive Rolle des Ausstellungsbesuchers sondern das Selbsterleben einer Rolle führt zu einer spielerischen und aktiven Beschäftigung mit der Vergangenheit. Generationenübergreifende Gemeinschaft und soziales Lernen sind Kernpunkte. Der &#8220;Besucher&#8221; wird zum &#8220;Nutzer&#8221; - und plötzlich ist das Museum - als Fenster in die Vergangenheit einmal gedacht - eine attraktive Tür in die Zukunft!</p>

<p>In diesem Zusammenhang ist es sicherlich sehr interessant, wie Besucher des Museums bereits jetzt denken. Wir haben keine Umfragen gemacht, doch warfen wir einmal einen Blick in das im Haus Nr.26 ausliegende Gästebuch:</p>

<p> &#8220;Es ist komisch und interessant zu sehen wie die Menschen früher gelebt haben. Ausprobieren möchte ich es auch mal, aber auf Dauer lieber nicht. Denn wir haben es heute einfacher mit fliessend Wasser und Strom, auch im Winter drehen wir die Heizung auf und brauchen kein Holz zu sammeln. Ich habe heute viel dazugelernt.&#8221; (Nina, 10 Jahre)</p>

<p>&#8220;Ich bin froh in dieser Zeit zu leben.&#8221; (Sarah)</p>

<p>&#8220;Das Museum insgesamt fand ich sehr interessant (A.L.).&#8221; - &#8220;Finde ich auch, aber hätte ich dafür Geld bekommen, würd ich da schon ne Woche schlafen! Ich finde es echt klasse, wie sie hier alles wieder aufgebaut haben. Ich bin jetzt schon das 2. Mal hiergewesen.&#8221; (M.)</p>

<p>&#8220;Uns gefällt es hier, da gerade meine Großeltern vieles miterlebt haben und so Geschichten über die Vergangenheit erzählen können. Ich finde, dass das Museum noch ganz lange erhalten werden und gut besucht werden soll.&#8221; (Oma, Opa, Freund, ich) -&#8220;Und ich bin die Oma. Viele Erinnerungen kamen&#8230;&#8221; (Oma)</p>

<p>&#8220;Ich finde das Museum toll, weil ich jetzt weiß, wie meine Oma früher gelebt hat.&#8221; (Larissa,9)</p>

<p>&#8220;Bombig hier. Lernt man alles in der Schule und hier sieht man das alles.&#8221; (L+S)</p>

<p>&#8220;Sehr schön hier. Ich hab frisches Brot und Worscht vermisst, aber sonst sehr fein.&#8221; (Malte)</p>

<p>&#8220;Ich finde es hier sehr schön und interessant. Da will man wieder so leben wie die Leute damals!&#8221; (Alina) - &#8220;Ich finde dass die Leute früher viel schöner gelebt haben als heute!! Ich finde auch, dass es früher besser gebaut war!!&#8221; (Sarah)</p>

<p>&#8220;Wir waren hier, um Opas alte blaue Kacheln zu sehen.&#8221;</p>

<p>&#8220;Ein schöner Tag geht nun zu Ende. Hut ab, vor den Menschen die zur damaligen Zeit so glücklich und froh miteinander gelebt haben.&#8221;</p>

<p>&#8220;Ich hatte am Anfang keine Lust hier herzugehen, ich finde es aber echt cool hier.&#8221; (Lui)</p>

<p>&#8220;Meiner Katze Merle würde es auch gefallen.&#8221; (Eva Maria)</p>

<p>Facit: das besondere und interaktive Erlebnis wird eingefordert (&#8220;ausprobieren möchte ich es auch mal&#8221;), aber das Museum ist mit einigen erfolgreich umgesetzten Pilotprojekten bereits jetzt auf einem guten Weg. Der Bedarf an Identifikation und das starke Interesse an historischen, sozialgeschichtlichen Fakten wird aus diesen Selbstzeugnissen überdeutlich. Packen wirs doch an!</p>

<p>Für viele spontane Vorschläge die wir an jenem sonnigen Wochende noch hatten, ist hier kein Raum mehr. Doch noch einige Stichworte: kleine Kinder basteln gern Wasserrädchen, z.B. in der Nähe der Wassermühle, ein Mähdrescher läd etwa wie in Lensahn zum Besteigen ein, eine im Regen stehende Dampfmaschine könnte in Zusammenarbeit mit der Kieler Fachhochschule saniert werden.</p>

<p>Für Senioren wünschen wir uns mehr Bänke, mehr Ruhezonen und Plätze, wo sie ihre &#8220;Geschichten von früher&#8221; erzählen können. Eine Dorfkneipe mit Stammtisch - Zeithorizont 1950iger Jahre - wäre der richtige Ort für &#8220;Neuen Klatsch aus Büttenwarder&#8221;...</p>

<p>Last not least: es gibt noch immer keine wissenschaftliche Dokumentation über das Museum. Nur wenige Häuser sind offensichtlich vermessen worden. Wir sprechen von einer Monografie, in der jedes Haus mit korrekten Zeichnungen und Baugeschichte umfangreich dokumentiert ist. Meines Wissens ist Molfsee das einzige Freilichtmuseum bäuerlicher Kulturdenkmale, das keine Monografie verkaufen kann. Schulische Projektarbeit würde mit solch einem Werk deutlich begünstigt.</p>

<p>“I came to see a museum and I found a school” sagte Leonard R. Bacich, Professor of Design am Pratt Institute N.Y., nach seinem Besuch im Weimarer Bauhaus im Juli 2004. Jedes Museum ist eine potentielle Schule, das ist nur eine Frage der Einstellungen: sowohl der des Museums, als auch des Museumsnutzers. Die Wissenschaft sieht dies schon länger so, doch fehlen ihr geeignete Kulturvermittler. Ob &#8220;Politik&#8221;, ob Stadt, Land und Bund dies so sehen, ist noch nicht klar erkennbar. Ständige Sparmaßnahmen im Kulturbereich bestätigen eher das Gegenteil. Fühlt sich die sog. &#8221;öffentliche Hand&#8221; für Museen nicht mehr zuständig und muss sich ein Museum nach &#8220;den Regeln des Marktes&#8221; kostendeckend und sozusagen im Rahmen der Freizeitindustrie umsatzstark behaupten, so bleibt für die Qualitätssicherung nur noch bürgerschaftliches Engagement. Ebenfalls stabilisierend wirken sich generationenübergreifende Konzepte aus. </p>

<p>Wesentlich für die Funktion von Museen erscheint uns deshalb von PROJEKTSCHULE MUSEUM gegenwärtig besonders die &#8220;Schärfung des öffentlichen Bewusstseins für die Belange der Museen&#8221;, wie es auch der Internationale Museumsrat ICOM formuliert. Weiter definiert die ICOM in den &#8220;ethischen Richtlinien für Museen&#8221; Aufgabe und Funktion von Museen wie folgt: &#8220;Museen bewahren, zeigen, vermitteln und fördern das Verständnis für das Natur- und Kulturerbe der Menschheit.&#8221; [ICOM - Ethische Richtlinien 2010,1.0]</p>

<p>Ebenfalls fordern die Ethischen Richtlinien der ICOM eine ausreichende finanzielle Sicherheit zur Sicherstellung des Betriebes eines Museums. Hierfür sei der Träger des Museums verantwortlich. Museumsorientierte Verwendung von Gewinnen wird ebenso angesprochen wie eine Warnung vor allzu schädlichem Kommerz: &#8220;Gewinnorientierte Tätigkeiten dürfen nicht die Museumseinrichtung oder deren Besucher kompromitieren.&#8221; [ICOM - Ethische Richtlinien 2010,1.10 Gewinnorientierte Tätigkeiten]</p>

<p>Beispielsweise drängt sich in diesem Zusammenhang eine interessante Frage auf: kompromitiert ein Kunsthandwerker- oder Bauernmarkt in einem Freilichtmuseum Bäuerlicher Kulturdenkmale nicht bereits das Museum oder seine Besucher, weil z.B. etliche Häuser mit Verkaufsware zugestellt und nicht mehr zur Besichtigung voll zugänglich sind? Liesse sich ein solcher &#8220;Markt&#8221; nicht auf alle Tage im Jahr verteilen unter Nutzung von vielleicht nur ein oder zwei Museumsgebäuden, die dafür auch geeignet sind? Statt Gemüse beispielsweise aus Dithmarschen - könnte man da nicht Gemüse aus museumseigenen Gärten und als Ergebnis etwas schulischer Projektarbeit anbieten?</p>

<p>Falls Sie an der Beantwortung etwa dieser Frage Interesse haben, oder falls Sie sich für die gesamte Thematik jetzt neuerdings mehr interessieren sollten, falls Sie Ideen haben und vielleicht sogar beruflich spezialisiert noch ganz andere Möglichkeiten für das &#8220;Museum von heute&#8221; sehen, möchten wir von PROJEKTSCHULE MUSEUM gerne mit Ihnen zusammenarbeiten. PROJEKTSCHULE MUSEUM ist ein ehrenamtlich strukturiertes Programm der Initiative Regionalgenossenschaft e.V. Einsteigen lässt sich auch über das &#8220;Bestagers&#8221;-Projekt des PARITÄTISCHEN. Anfragen bitte über die Kontaktseite dieser Website an Martin Rzeszut.</p>

<p>Unser Artikel könnte Sie aber auch dazu motivieren, mal wieder ins Museum zu gehen, der Museumsleitung Vorschläge zu machen oder dort ehrenamtlich mitzumachen.</p>

<p><br />
Der Verfasser:</p>

<p>Martin Rzeszut studierte Ur- und Frühgeschichte, Kulturwissenschaften und Pädagogik. Von 1975 bis 1990 arbeitete er im Bereich Archäologie und Denkmalpflege (Deutschland/Schottland). Neben Grabungstechnik waren Praktische Archäologie, Ausstellungstechnik sowie populärwissenschaftliche Methodik und Didaktik Schwerpunkte seiner Arbeit. Seit 1982 arbeitet er als Musiker und seit 1988 als Musiklehrer. Ausserdem ist er als Journalist, Publizist und Fotograf tätig.</p>

<p>Zusammen mit seiner Frau Jolanta betreibt er die Musikwerkstatt Rzeszut in Kiel Hassee etwa 7 Kilometer vom Museum entfernt. Beide sind spezialisiert auf traditionelle europäische Volksmusik des 18., 19. und frühen 20.Jahrhunderts. Seit längerem bieten sie ein Musikprogramm unter dem Motto &#8220;Musik ins Museum!&#8221; (im Duo Jolka) an und bilden nach museumsspezifischen Erfordernissen Volksmusiker für Freilichtmuseen aus. Im Rahmen von Projektschule Museum, der Musikwerkstatt Rzeszut und des PARITÄTISCHEN SH bieten sie u.a. Workshops, Kurse und Vorträge zu Themen wie &#8220;Volkslied&#8221; oder &#8220;Volksmusik&#8221; an. Weitere Schwerpunkte sind das Coaching von Projektarbeit an Schulen (Themen Sozialgeschichte/Schulgarten) und die Mitarbeit an generationenübergreifenden Wohnprojekten, bei denen auch Museen eine künftige Rolle spielen sollen. </p>

<p>Martin Rzeszut ist Vorstandsmitglied der INITIATIVE REGIONALGENOSSENSCHFT e.V. und  im Bestagers-Projekt des PARITÄTISCHEN engagiert.&nbsp; Überdies ist er Mitglied des Fördervereins des Museums. - Anfragen zu aktuellen interaktiven Museumsprojekten u.a. bitte über die Kontaktseite dieser Website.</p>


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      <title>Das Massaker von Wielun</title>
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      <id>tag:musikwerkstatt-rzeszut.de,2011:index.php/mwr/index/1.286</id>
      <published>2011-09-01T16:47:12Z</published>
      <updated>2011-09-01T16:58:13Z</updated>
      <author>
            <name>Martin Rzeszut</name>
            <email>martin.rzeszut@musikwerkstatt-rzeszut.de</email>
                  </author>

      <category term="Martins Gedanken"
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        label="Martins Gedanken" />
      <content type="html"><![CDATA[
        <p>Am 1. September 1939, am Morgen eines warmen Spätsommertages zerbombten die Nazis mit Sturzkampfbombern und ohne jede Vorwarnung das kleine Städtchen Wielun, etwa 20 km östlich der deutsch-polnischen Grenze gelegen. Die 13 000 Einwohner wussten nichts von Krieg oder Besatzung und waren der Situation hilflos ausgeliefert. Es gab keine Bunker oder Sirenen. Die Innenstadt wurde zu 70% in Schutt und Asche gelegt, darunter ein Krankenhaus. 1300 Menschen - 10% der Einwohner - wurden so ermordet.</p>

<p>Die Menschen - Babys, Kinder, jüngere und alte Menschen, kranke und gesunde - verbrannten, eingeklemmt unter den Trümmern ihrer Häuser. Sie schliefen friedlich, ...und plötzlich war alles aus.</p>

<p>Warum???</p>

<p>Weil ein Wahnsinniger 1933 die Macht bekommen hatte und Millionen Deutsche ihm huldigten, blind vor Führerverehrung.</p>

<p>Wie konnte das passieren?</p>

<p>Führerverehrung und quasi willenlose Abhängigkeit der Menschen vom Führer wurde mit psychologisch perfektionierter Taktik per Gleichschaltung aller Informationskanäle erzeugt. Wer kritisch war oder anders dachte wurde aus dem Land geekelt oder gleich umgebracht.(...und trotzdem leisteten Mutige unter Einsatz ihres Lebens Widerstand!) Rhetorische Drohgebärden, eine menschenverachtende Rassen-Theorie, &#8220;schneidiges Auftreten&#8221; und billige Abenteuerlust und Ostfahrt-Romantik - das waren die Mittel der Gehirnwäsche und damit konnte man kritiklose und entwurzelte Menschen für sich und für die Idee einer Okkupation Polens begeistern.</p>

<p>So einfach ist das also?</p>

<p>&#8220;Ja! - Ja, ganz einfach&#8230; wenn keiner aufpasst!&#8221; sagte mein Vater, Jahrgang 1925.</p>

<p>Warum denn gerade Polen?</p>

 <p>Es war die Sache mit der &#8220;Ostlandfahrt&#8221;! Der Bestsellerautor Hans Grimm hatte sich 1926 mit seinem Roman &#8220;Volk ohne Raum&#8221; kurz mal so ausgedacht, dass &#8220;der natürliche Siedlungsraum des deutschen Volkes&#8221; weit über die Reichsgrenzen nach Osten und bis hin zum Ural gehen könnten - warum eigentlich nicht? Wer sollte und könnte denn das Gegenteil beweisen? Grimm war Rassist und dachte sich diese Theorie in Südafrika aus, wo deutsche &#8220;Kolonialherren&#8221; hemmungslos die angestammte Bevölkerung ermordeten um Platz für Farmen zu gewinnen. </p>

<p>Etwas früher schon hatte z.B. der heute immer noch von Regionalgeld-Fanatikern verehrte Silvio Gesell seine &#8220;Freiland&#8221;-Theorien für südamerikanische Kolonien angedacht. Beiden gemeinsam ist, dass man sich hemmungslos bei Gastvölkern mit Land bedienen und sie dann durchaus abschlachten darf wie Vieh. Anschließend &#8220;gehört&#8221; einem das Land und man hat es &#8220;auf natürliche Weise&#8221; bekommen - per &#8220;Schicksal&#8221;, &#8220;Fügung&#8221;...oder weil man sich als &#8220;Herrenmensch erster Klasse&#8221; fühlt und sich das sog. &#8220;Recht des Stärkeren&#8221; nimmt.</p>

<p>Die Nazis hatten Zeit genug, ihre Propagandamaschine zu programmieren: 13 Jahre nach Grimms Bestseller und eben im Jahre des Massakers von Wielun finden wir z.B. im Liederbuch des BDM (Bund deutscher Mädel) Lieder wie &#8220;Brüder, wir ziehen im gleichen Schritt&#8221; mit den aufschlussreichen  Zeilen: &#8220;Voran zum Ziel! nehmt alle mit! Wer einzeln steht, den holt der Feind, wir siegen oder fallen vereint, wir brauchen jede deutsche Hand für Volk und Land.&#8221; Ferner hatten &#8220;die Mädels&#8221; das &#8220;Ostland-Lied&#8221; zu singen (&#8220;nach Ostland wollen wir reiten&#8230;da ist uns ein bessere Stätt!&#8221;) [&#8220;Wir Mädels singen&#8221;, Berlin 1939,&nbsp; S.173]. Ein anderes Lied heisst &#8220;Nach Ostland geht unser Ritt&#8221;: &#8221;...auf,Brüder, die Kräfte gespannt: wir reiten in neues Land&#8230;Hinweg mit Sorge und Gram! Hinaus aus Enge und Schwüle!...&#8221; [ebenda, S.174]</p>

<p>Die gleiche Botschaft versuchte der noch in den 1950/60iger Jahren vom Bildungsbürgertum als netter, harmloser Hausmusikpoet und Jugendbuchautor verehrte Hans Baumann (Gerhard-Hauptmann-Preisträger 1959) beim damaligen &#8220;Jungvolk&#8221; zu landen: &#8220;In den Ostwind hebt die Fahnen, denn im Ostwind stehen sie gut, dann befehlen sie zum Aufbruch, und den Ruf hört unser Blut. Denn ein Land gibt uns die Antwort, und das trägt ein deutsch Gesicht, dafür haben viel geblutet, und drum schweigt der Boden nicht.&#8221; [ebenda, S.175] </p>

<p>Baumann dichtete auch dies: &#8220;Nun wird zu eng das weite Land, der Boden zu hart. Dort steht der Morgen wie ein Brand zu guter Fahrt. Nach Ostland führt der Wind! Drum Weib und Kind und Knecht und Gesind auf die Wagen und auf die Pferde. Wir hungern nach frischer Erde und spüren den guten Wind&#8221; [&#8220;Die Ostlandfahrer&#8221;, ebenda, S.176] Die Schwester meiner Mutter war in Klasse 3, als sie dieses BDM-Liederbuch bekam und ab sofort diesen Schrott singen musste&#8230;</p>

<p>Mein Vater war 1939 vierzehn Jahre alt und Mitglied der HJ (Hitlerjugend). Er sang mit Inbrunst - weil es so cooler war - Baumanns 1932 entstandene Lied von den &#8220;morschen Knochen&#8221; mit der Zeile: &#8220;Heute gehört uns Deutschland, morgen die ganze Welt&#8221;. Dass ich das weiß, habe ich nur dem Glück zu verdanken, dass mein Vater 1945 und zwanzig Jahre alt vor den britischen Flammenwerfern an der Westfront irgendwo bei Geldern ausreissen konnte und sich nicht im wahrsten Sinne des Wortes für den Hitlerstaat verheizen ließ...und wenn er das Lied von den &#8220;morschen Knochen&#8221; zitierte, verzog sich sein Gesicht zu einer grausigen Fratze. Die Nazis hatten ihn fertig gemacht.</p>

<p>Diese paar Zitate reichen vollkommen, um die Antwort auf die oben gestellte Frage - &#8220;wie konnte das Massaker von Wielun passieren?&#8221; -&nbsp; zu geben: vom Baby bis zum Greis wurden unsere Vorfahren gehirngewaschen und für einen Einmarsch in Polen eingestimmt und vorprogrammiert. Lieder wie oben zitiert hallten durch Grundschulen und Gymnasien. Und durch reichsdeutsche Wohnzimmer aus Volksempfängern, die Goebbels allein zu Propagandazwecken bauen ließ. Das erste Modell dieser sog. &#8220;Goebbelschnauzen&#8221; hieß nicht umsonst VE301 nach dem 30.Januar 1933, dem sog.&#8220;Tag der Machtergreifung&#8221;. Besonders die Jugend hatte man psychologisch im Griff: neben Uniform und dem Zwang zur Mitgliedschaft in paramilitärischen Jugendbünden gab es auch Bücher wie &#8220;Jungen, eure Welt!&#8221; oder Bilder über diese besonders geilen Sturzkampfbomber mit ihren starken Motoren&#8230;</p>

<p>Eroberungs und Kampfeslust  wurde besonders gern mit Liedern und im trauten Beisammensein erzeugt. Suggestiv waberte Fahrtenromantik um die Lagerfeuer: neues Land  und Wind, Blut und Fahnen illustrierten die Doktrin der Landnahme. &#8220;Wer einzeln steht, den holt der Feind&#8221; - welcher Feind sollte das denn sein&#8230;? Fragen verboten! Es ist wie es ist! &#8220;Und wer anzuzweifeln wagt, was die Obermaid, der Fähnleinführer oder der Führer sagt, der machte sich dadurch sofort zum Feind&#8221;, erzählte mir mein Vater.</p>

<p>&#8220;Hinaus aus Enge und Schwüle&#8221; war das Rezept, der geschwächten Wirtschaft der Weimarer Zeit und der großen Arbeitslosigkeit zu entkommen. Und der Weg in den &#8220;deutsche Osten&#8221; führte leider durch das kleine verschlafene und wehrlose Städtchen Wielun&#8230;Kollateralschäden, würde man heute sagen.</p>

<p>Es klingt nach Wahnsinn, ist aber wahr: diese Ostland-Lieder werden und wurden in Neonazi-Jugendorganisationen wie der HDJ (Heimattreue deutsche Jugend) oder dem &#8220;Freibund&#8221; weiterhin mit Inbrunst gesungen&#8230;nur fällt es kaum einem auf. Oder vielleicht nur denen, die solche Mütter und Väter haben wie ich&#8230;und wir werden leider immer weniger.</p>

<p>Das Rezept zur Macht ist ganz einfach: möglichst viele und junge Menschen dazu bringen, sich selbst und ihre &#8220;Rasse&#8221; und ihre &#8220;Nation&#8221; am wichtigsten zu finden. Mit der Warnung vor &#8221;Überfremdung&#8221; - dieses Unwort wird bis heute gern genutzt - wird Angst und Hass geschürt, was wiedrum zu diffusen Feindbildern bei denjenigen führt, die  natürlich nicht &#8220;einzeln stehen&#8221; möchten, weil sie dann ja &#8220;vom Feind geholt&#8221; werden könnten. 1939 war der Feind neben &#8220;dem Juden&#8221; eben auch &#8220;der Pole&#8221;!</p>

<p>Ist das Feindbild klar genug, wird ein Vorwand inszeniert. Einen Tag vor dem Massaker von Wielun lief das wochenlang von Heydrich und Hitler vorbereitete &#8220;Unternehmen Tannenberg&#8221;: als polnische Partisanen verkleidete SS-Leute überfielen den schlesischen Sender Gleiwitz und suggerierten einen Aufstand der polnischen Minderheit. Man hatte nun einen &#8220;Vorwand&#8221; für den Einmarsch in &#8220;neues Land&#8221;, ganz Deutschland entrüstete sich.</p>

<p>&#8220;Dann befehlen sie zum Aufbruch&#8221; dichtet Baumann&#8230;wer? Die Vollstrecker der Macht. Die gibt es in jeder Diktatur haufenweise. Ist das gelungen, erledigen Bomben und Schusswaffen den Rest&#8230;</p>

<p>Etwa 25% der damaligen polnischen Bevölkerung wurde im Weltkrieg II von Deutschen und Russen ermordet. Wir hoffen, dass solche Greueltaten niemals wieder geschehen. Wir müssen allerdings aufpassen, dass sie nie wieder geschehen können und dies ist eine Forderung und ein Gebot!</p>

<p>Meinem Vater Hasso Bartling (1925 bis 1982) bin ich äusserst dankbar, dass er mir die psychologische Mechanik der Hitler-Diktatur aus seiner Opferrolle heraus verständlich machte und mich zu einem politisch äusserst sensiblen und kritischen Menschen erzog. Vom Einmarsch in Polen erzählte er mir eines Sonntagsmorgens im Jahre 1968 am Frühstückstisch - ich war damals 14 Jahre alt, so alt wie er, als die Bomben auf Wielun fielen. Ich habe damals - als ich das alles hörte - wirklich nicht geglaubt, dass ich dieses unschöne Wissen einmal wieder auskramen und darüber schreiben werde. Auch, dass in meinem Lautensach-Schulatlas damals Polen als &#8220;Ostdeutschland&#8221; bezeichnet wurde, habe ich belächelt und auf keinen Fall als politische Manipulation der Nachkriegsgeneration gewertet&#8230;.die sie aber zweifelsohne war&#8230;</p>

<p>&#8220;Nie wieder Krieg!&#8221; scheint heute vergessen. Wer sich offen gegen den Afghanistan-Krieg ausspricht, wird wegen mangelnder Solidarität mit den Nato-Verbündeten kritisiert. Als ob es keine humanitäre Hilfe in Krisengebieten gäbe, keine Ärzte ohne Grenzen. Es scheint um mich herum der primitive Grundsatz zu herrschen: wer nicht mitballert ist doof und gehört nicht mehr zu uns. Unglaublich!</p>

<p>Wehret den Anfängen! - Dieser alte Spruch unserer Eltern und Großeltern ist topaktuell. Nicht nur wegen der überall aus ihren Startlöchern kriechenden Nazis, sondern auch, weil die Bereitschaft für und die Gewohnheit an Krieg in diesem Lande wieder überall spürbar ist: einem generellen NEIN zu Krieg wird nur mit wenigen Ausnahmen widersprochen. Der Waffenhandel blüht und wird stillschweigend geduldet. Arbeitslosigkeit, schwache Wirtschaft und die damit stets verbundene Entwurzelung des Menschen könnten wieder einen idealen Nährboden für Machtdoktrinen und Gehirnwäsche abgeben. Auch die Qualität der Volksempfänger hat sich während der letzten 72 Jahre erschreckend perfektioniert&#8230;</p>

<p>Käthe Kollwitz schrieb im Dezember 1941 in ihr Tagebuch: &#8220;1918, als Richard Dehmel zum Weiterkämpfen bis zum Weißbluten aufrief, schrieb ich eine Entgegnung. Ich schloß sie mit den Goetheschen Worten aus dem Lehrbrief: &#8216;Saatfrüchte sollen nicht vermahlen werden.&#8217;...ich zeichnete also noch einmal dasselbe: Jungen, richtige Berliner Jungen, die wie junge Pferde gierig nach draußen wittern, werden von einer Frau zurückgehalten. Die Frau (eine alte Frau) hat die Jungen unter sich und ihren Mantel gebracht, gewaltsam und beherrschend breitet sie ihre Arme und Hände über die Jungen. &#8216;Saatfrüchte sollen nicht vermahlen werden!&#8217; Diese Forderung ist wie &#8220;Nie wieder Krieg!&#8217; kein sehnsüchtiger Wunsch, sondern Gebot, Forderung.&#8221; [Käthe Kollwitz, Aus Tagebüchern und Briefen, Berlin 1959]</p>

<p><br />
Wir trauern und gedenken heute besonders der Toten von Wielun. Auf sie entlud sich der Hass zuerst. Wir vergessen ihre Schicksale nie! Und diese Botschaft geben wir bitte, bitte weiter!</p>

<p>________________________</p>

<p>Die Abbildung: Lithographie von Käthe Kollwitz, 1942, &#8220;Mutter beschirmt ihre Kinder - Saatfrüchte dürfen nicht vermahlen werden.&#8221; gescannt aus Käthe Kollwitz, Aus Tagebüchern und Briefen, Berlin 1959, Abbildung 22
</p>
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      <title>Simone Weil &#45; Selbstaufopferung für Frieden und soziale Gerechtigkeit</title>
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      <published>2011-08-11T19:29:03Z</published>
      <updated>2011-08-11T19:47:04Z</updated>
      <author>
            <name>Martin Rzeszut</name>
            <email>martin.rzeszut@musikwerkstatt-rzeszut.de</email>
                  </author>

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      <content type="html"><![CDATA[
        <p>Man kommt einfach nicht zur inneren Ruhe, die man sich als Qualität für ein gutes Leben wünscht. Kaum hat man sich damit abfinden müssen, dass Thilo Sarrazin SPD-Mitglied bleibt, kaum haben Migranten und Migrantinnen die Leitkultur-Angriffe unserer Regierung vom Herbst letzten Jahres verdauen müssen, kocht wieder überall die braune Suppe des Argwohns und des Hasses, des Misstrauens und der nationalen Selbstbeweihräucherung.</p>

<p>Selbst gute Freunde, die man für weltoffen und tolerant hielt, sehen plötzlich &#8220;im Islam&#8221; ein Schreckgespenst und wollen offensichtlich nicht mehr zwischen Islamgläubigen und religiösen Hardlinern oder Übereiferen unterscheiden. Da werden die Ohren plötzlich taub, wenn ich mit Tahir al-Kadri argumentiere, der den koranbasierten Islam in seiner Fatwa 2010 mit Demokratie und Menschenrechten vereinbar hält und Terroristen als Ungläubige verurteilt.</p>

<p>Nun vor kurzem das Bombenattentat und die planmässige Hinrichtung von Jugendlichen in Oslo. Die offensichtliche Nähe des Attentäters zur English Defense League lässt schon aufhorchen. Ich habe Sorge, dass die skandinavischen Staaten insgesamt dem Druck von rechts nicht mehr gewachsen sind. Das Prinzip Nulltoleranz gegen Rechtsextremismus bei gleichzeitiger Offenheit und Meinungsfreiheit ist allerdings ein Seiltanz, der vermutlich staatlichen Institutionen nicht mehr gelingen könnte. Um so wichtiger nun die Erkenntnis: jeder einzelne Mensch in seinem ganz persönlichen Umfeld muss gegendrücken und gegen Menschenverachtung, Hass und Gewalt arbeiten&#8230;leichter gesagt als getan, ich weiß. Zumal nach den jüngsten Studien (im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung etwa) mehr als die Hälfte der Bevölkerung unserer Bundesrepublik eine mehr oder weniger starke Tendenz zum rechtsextremen Denken und Urteilen zeigt. Und diese Haltung ist in allen Gesellschaftsschichten gleichermaßen spürbar.</p>

<p>Irgendwie ist unser Sommerurlaub nicht nur von Sturm und Regen, sondern auch von rechtsextrem dunklen Wolken überschattet. Wir fahren durchs westliche Mecklenburg. Jungnazis - aber auch ein alter Nazi - heben die Hände zum Hitlergruß. In fast allen Dörfern und Kleinstädten leuchten die NPD-Plakate mit Botschaften wie &#8220;Sei kein Frosch, wähle deutsch&#8221; oder &#8220;kriminelle Ausländer raus&#8221;. Das Wörtchen &#8220;kriminelle&#8221; ist allerdings kleingedruckt und so bleibt allein die Aussage &#8220;Ausländer raus&#8221; in den Hirnen der Vorbeifahrenden haften. Diese Plakate finanziert der Steuerzahler und in meinen Augen ist diese Aussage nicht mit unserer freiheitlich demokratischen Grundordnung vereinbar. Das schürt Hass, grenzt aus. Doch die NPD darf solche Plakate aushängen und ist gut geschützt dank dieser V-Leute des Verfassungsschutzes. Ich bin sicher, dass ein NPD-Verbot zwar ein Zeichen in die richtige Richtung oder zumindest ein gutes Signal wäre, doch ist die rechte Szene äusserst anpassungsfähig und verkleidungsfreudig. Man ist schliesslich in der Kommunalpolitik sowie auf europäischer Ebene erfolgreicher&#8230;.</p>

<p>Ist der Zug schon abgefahren und haben wir den gewaltigen Rechtsruck in Europa mal wieder verschlafen? Wie können wir Mitmenschen zu friedlichem Miteinander überzeugen? Das geht nur im Nahbereich&#8230;Mensch zu Mensch.</p>

<p>In Wismar sitzen wir in der Nachmittagssonne vor der Nikolaikirche. Irgendwo in den Gassen brüllt eine offensichtlich alkoholisierte Gruppe von Nazis los. Wir betreten die Kirche - und plötzlich wie durch eine Fügung geht die Sonne auch in mir auf: ein kleiner Nebenraum beherbergt Stellwände mit Fotografien und Texten. Die Leute drängeln sich und blicken ergriffen. Man fragt sich, warum diese langen Stellwände nicht im Hauptschiff der Kirche stehen. Die Assoziation zu mittelalterlichen Altarbildern drängt sich mir auf. Ein großartiger Altar, der sich schamhaft in einem kleinen Nebenräumchen - nicht größer als vielleicht eine Sakristei - versteckt. Die meisten Kirchenbesichtiger gehen entsprechend desinteressiert vorbei. Doch die, die es in den kleinen Raum geschafft haben, erleben den Nahbereich &#8220;Mensch zu Mensch&#8221; im wahrsten Sinne des Wortes&#8230;und erleben den möglichen Weg zum Frieden. In der Lektüre von Texten der französischen Philosophin und Kämpferin für die Menschenrechte: Simone Weil.</p>

<p>Zahlreiche Schwarzweiss-Fotos aus der Weimarer Republik bis zur Gegenwart konfrontieren den Ausstellungsbesucher mit dem realen Menschen, der Macht ausübt oder leidet, der arbeitet oder keine Arbeit hat, der krank ist oder gesund oder in der nächsten Sekunde erschossen wird. Menschen in allen Lebenslagen und überall auf der Welt, scheinbar wahllos zusammengestellt. Doch Themen wie Krieg, Gewalt gegen Menschen, soziale Ungleichheit, Macht des Kapitals, Nationalsozialismus heute und damals, Flucht in die Drogen werden alsbald deutlich und das Thema der Ausstellung &#8220;Die gefährlichste Krankheit&#8221; wird schnell konkret.</p>

<p>Simone Weil schrieb: &#8220;Die Entwurzelung ist bei weitem die gefährlichste Krankheit der menschlichen Gesellschaft. - Wer entwurzelt ist, entwurzelt. - Wer verwurzelt ist, entwurzelt nicht. - Die Verwurzelung ist vielleicht das Wichtigste und meistverkannte Bedürfnis der menschlichen Seele.&#8221;</p>

<p>Simone Weil schrieb dieses Fazit ihrer Überlegungen kurz vor ihrem Tod 1943. Sie starb - nur 34 Jahre alt - an Hunger und Tuberkulose im britischen Exil. Sie hungerte aus Solidarität zu den Armen.</p>

 <p>Simone Weil kam aus gutbürgerlichem Hause. In Paris wuchs sie in einer unorthodoxen jüdischen Familie behütet auf. Ihr Vater war Arzt. Nach der höheren Schule studierte sie Philosophie. Sehr früh war sie betroffen von sozialer Ungerechtigkeit. Simone de Beauvoir kannte sie und berichtet z.B., dass Simone Weil in Tränen ausbrach, als sie von einer Hungersnot in China hörte. &#8220;Diese Tränen zwangen mir noch mehr Achtung für sie ab als ihre Begabung in Philosophie. Ich beneidete sie um ein Herz, das imstande war, für den ganzen Erdkreis zu schlagen.&#8221; [Simone de Beauvoir, Memoiren einer Tochter aus gutem Hause, Hamburg 1968, S. 229]</p>

<p>Hingebung und starke Emotionen lebte Simone Weil auch beim Musikhören aus: &#8220;Hört man eine Musik von Bach oder einen gregorianischen Choral, so schweigen alle Fähigkeiten der Seele und recken sich aus, dieses vollkommen Schöne zu erfassen, jede auf ihre Weise.&#8221; [Simone Weil, zitiert nach  Ausstellungs-Paper S.54]</p>

<p>Simone Weil versuchte (existenz-)philosophische Erkenntnisse mit politischem Handeln zu verbinden. Sie war eine Frau der Tat. 1931 setzte sie sich für arbeitslose Industrie- und Landarbeiter ein und teilte mit ihnen ihr Lehrerinnengehalt. 1934 kündigte sie ihren Lehrerinnenjob und arbeitete als ungelernte Arbeiterin in der französischen Elektro- und Autoindustrie. Sie arbeitete an Stanzmaschinen und Stahlöfen. Wegen einer Handverletzung wurde sie fristlos gekündigt und arbeitslos. Geldmangel und Hunger teilte sie mit ihren Arbeitskollegen und Kolleginnen. Sie wollte die Lage der Arbeiter direkt kennenlernen: von Mensch zu Mensch.</p>

<p>Simone Weil war überzeugte Sozialistin, lehnte jedoch den Stalinismus strikt ab. &#8220;Sie haßte diese Verbindung von brutaler Gewalt und Politik&#8221; schrieb Jacques Cabaud [zitiert nach  Ausstellungs-Paper S.6]. Nicht das System sondern der Mensch und sein Wohlergehen, seine Gesundheit stand im Fokus ihrer Interessen. Sie versuchte, die zerstörerischen Auswirkungen des Kapitalismus auf die Menschen zu begreifen und überlegte Gegenmaßnahmen. Sie erkannte, dass bessere Bildungs-, Lebens- und Arbeitsbedingungen mehr soziale Gerechtigkeit schaffen und sie setzte sich vehement dafür ein.</p>

<p>Simone Weil war Pazifistin und arbeitete dennoch nach der Besetzung Frankreichs durch die Nazis in der Résistance. Als Jüdin hatte sie einen schweren Stand, wurde mehrmals von der Gestapo verhaftet und emigrierte schliesslich nach England.</p>

<p>Sie stand der christlichen Kirche sehr kritisch gegenüber und verabscheute besonders Gewalt im Namen der Kirche wie Kreuzzüge oder Religionskriege. Göttliche Kraft als Kraft der Liebe allerdings war für sie Realität und diese offenbarte sich ganz direkt im Miteinander von Mensch zu Mensch.</p>

<p>Simone Weil vermutet in der Verwurzelung des Menschen ein Potential für soziales Gleichgewicht und Frieden: &#8220;Die Seele hat Bedürfnisse, und bleiben diese unbefriedigt, so befindet sie sich in einem ähnlichen Zustand wie ein verhungerter und verstümmelter Leib.- Die Verwurzelung ist vielleicht das wichtigste und meistverkannte Bedürfnis der menschlichen Seele&#8230;Ein menschliches Wesen hat eine Wurzel durch seine wirkliche aktive und natürliche Teilhabe an einer Gemeinschaft, die gewisse Schätze der Vergangenheit und gewisse Ahnungen des Zukünftigen lebendig erhält&#8230;Jedes menschliche Wesen bedarf einer Vielzahl solcher Wurzeln.&#8221; [Simone Weil 1943, zitiert nach  Ausstellungs-Paper S.7]</p>

<p>Die Gefahr der Entwurzelung (&#8221;..bei weitem die gefährlichste Krankheit der menschlichen Gesellschaft&#8221;) sieht Simone Weil &#8221;...jedesmal dann&#8230;, wenn ein Land mit Militärgewalt erobert wird&#8221;. Ausserdem: &#8220;Selbst ohne militärische Eroberung können die Macht des Geldes und die Beherrschung des Wirtschaftslebens einen fremden Einfluß so nachdrücklich aufzwingen, daß er die Krankheit der Entwurzelung hervorruft.&#8221; [Simone Weil 1943, zitiert nach  Ausstellungs-Paper S.18]</p>

<p>Wie lässt sich Gewalt bekämpfen? &#8220;Nur das Gleichgewicht zerstört die Gewalt und hebt sie auf. Die soziale Ordnung kann nur in einem Gleichgewicht der Kräfte bestehen&#8230;.weiß man, wodurch das Gleichgewicht der Gesellschaft gestört ist, so muß man sein Möglichstes tun, um zu der leichten Schale ein Gewicht hinzuzufügen&#8230;&#8221; Der Mensch sollte &#8221;...sich bemühen, die Gewalt in der Welt immer mehr durch eine wirksame Gewaltlosigkeit zu ersetzen&#8230;&#8221; [Simone Weil, zitiert nach  Ausstellungs-Paper S.56/57]</p>

<p>Zum Thema Verpflichtung: &#8220;Es ist sinnlos zu sagen, die Menschen hätten einerseits Rechte, andrerseits Pflichten&#8230;Der Begriff der Verpflichtung hat den Vorrang vor dem des Rechtes&#8230;Ein Recht ist nicht wirksam durch sich selbst, sondern einzig durch die Verpflichtung, der es entspricht&#8230;Es besteht eine Verpflichtung jedem menschlichen Wesen gegenüber aus dem einen Grunde, weil es ein menschliches Wesen ist, ohne daß eine andere Bedingung hinzuzutreten brauchte, und sie besteht sogar dann, wenn es selber keine Verpflichtung anerkennt&#8230;Fast mit Sicherheit immer, belügt der, welcher jede Verpflichtung leugnet, die anderen und sich selbst&#8230;&#8221; [Simone Weil 1943, zitiert nach  Ausstellungs-Paper S.8]</p>

<p>Worin zeigt sich beispielsweie Verpflichtung? &#8221;...niemand wird einen Menschen für unschuldig halten, der, selber Nahrung im Überfluß besitzend, auf seiner Schwelle einen fast zu Tode Verhungerten findet und vorbeigeht, ohne ihm etwa zu geben. Es besteht also eine ewige Verpflichtung dem Menschenwesen gegenüber, die uns befiehlt, es nicht Hunger leiden zu lassen, wenn wir Gelegenheit haben, ihm zu helfen&#8230;Wer, um die Probleme zu vereinfachen, gewisse Verpflichtungen leugnet, hat in seinem Herzen einen Bund mit dem Verbrechen geschlossen.&#8221; [Simone Weil 1943, zitiert nach  Ausstellungs-Paper S.9]</p>

<p>Zur Notwendigkeit von Freiheit, Gemeinwohl, Gleichheit und - oh, wie aktuell! - &#8220;Triebfeder Geld&#8221; lesen wir: &#8220;Eine Nahrung, die der menschlichen Seele unentbehrlich ist, ist die Freiheit&#8230;Wenn die Möglichkeiten der Wahl so weit reichen, daß dem gemeinen Nutzen Schaden daraus erwächst, so genießen die Menschen keine echte Freiheit. Die Gleichheit ist ein Lebensbedürfnis der menschlichen Seele&#8230;Indem man das Geld zur einzigen oder beinah einzigen Triebfeder aller Handlungen, zum einzigen oder beinah einzigen Maßstab aller Dinge machte, hat man das Gift der Ungleichheit allenthalben verbreitet.&#8221; [Simone Weil 1943, zitiert nach  Ausstellungs-Paper S.10]</p>

<p>Über Geld als &#8220;Gift&#8221; und Faktor für &#8220;Entwurzelung&#8221;: &#8221;Überall, wo das Geld eindringt, zerstört es die Wurzeln, indem es alle anderen Trieb-Kräfte durch das Verlangen nach Bereicherung ersetzt. Es hat insofern leichtes Spiel, die anderen Triebkräfte auszuschalten, als es einen bedeutend geringeren Grad an Aufmerksamkeit erfordert. Nichts ist so klar und so einfach wie eine Zahl.&#8221; [Simone Weil 1943, zitiert nach  Ausstellungs-Paper S.19] Bereits 1934 - fünfunzwanzig Jahre alt - lamentierte sie:&#8220;Die kapitalistische Gesellschaft führt alles auf Francs, Sous, Centimes zurück; die Hoffnungen der Massen drücken sich auch hauptsächlich in Francs, Sous, Centimes aus.&#8221; [Simone Weil 1934, zitiert nach  Ausstellungs-Paper S.29]. An anderer Stelle fordert sie: &#8220;Man muß das Geld in Verruf bringen. Es wäre nützlich, daß diejenigen, die höchstes Ansehen oder sogar Macht besitzen, gering entlohnt werden&#8230;Öffentlich soll anerkannt sein, daß ein Bergmann, ein Drucker, ein Minister einander gleich sind.&#8221; [Simone Weil, zitiert nach  Ausstellungs-Paper S.57]</p>

<p>Über die Auswirkungen von Arbeitslosigkeit schreibt Simone Weil 1943, was Politiker und Arbeitgeber 2011 unbedingt lesen sollten:<br />
&#8221;...Verantwortlichkeit, das Gefühl, daß man nützlich, ja daß man unentbehrlich sei, sind Lebensbedürfnisse der menschlichen Seele. Eine völlige Beraubung in dieser Hinsicht findet im Fall des Arbeitslosen statt, selbst wenn er Unterstützung erhält, die ihm Essen, Kleidung und Wohnung sichert&#8230;Jede Gemeinschaft, gleichviel welcher Art, die ihren Mitgliedern diese Befriedigung nicht gewährt, ist verdorben und muß umgewandelt werden.&#8221; [Simone Weil 1943, zitiert nach  Ausstellungs-Paper S.11]</p>

<p>Stichwort NPD - und überhaupt aktueller denn je: &#8220;Der Kampf der Parteien, wie er in der Dritten Republik herrschte, ist untragbar&#8230;Eine Demokratie, in welcher der Kampf der Parteien das öffentliche Leben ausmacht, ist unfähig, die Bildung einer Partei zu verhindern, die eingestandenermaßen die Demokratie zu beseitigen strebt. Erläßt sie Ausnahmegesetze, so beraubt sie sich selber der Lebensluft. Erläßt sie keine, so ist ihre Sicherheit so groß wie die eines Vogels vor einer Schlange.&#8221; [Simone Weil 1943, zitiert nach  Ausstellungs-Paper S.14]</p>

<p>Stichwort Privatisierung: &#8220;Die menschliche Seele bedarf des persönlichen und des kollektiven Eigentums&#8230;Die Seele fühlt sich vereinzelt, verloren, wenn sie sich nicht von Dingen umgeben sieht, die für sie gleichsam eine Verlängerung der Körperglieder sind&#8230;es ist wünschenswert, daß die meisten Menschen Eigentümer ihrer Wohnungen, eines Stückchens umliegenden Landes und, falls dies technisch nicht unmöglich ist, ihres Arbeitsgerätes sind&#8230;Die Teilhabe an den Kollektivgütern&#8230;ist ein nicht minder wichtiges Bedürfnis.&#8221; [Simone Weil 1943, zitiert nach  Ausstellungs-Paper S.15]</p>

<p>Über die Wahrheit: &#8220;Das Bedürfnis nach Wahrheit ist geheiligter als jedes andere&#8230;es fordert, daß alle zu den geistigen Kulturgütern Zugang haben&#8230;, daß im Bereich des denkenden Geistes niemals ein materieller oder seelischer Druck ausgeübt wird, der einer anderen Absicht entspringt, als der ausschließlichen Bemühung um die Wahrheit; was unbedingtes Verbot ausnahmslos jeder Propaganda in sich schließt&#8221; [Simone Weil 1943, zitiert nach  Ausstellungs-Paper S.16]</p>

<p>Simone Weil beschreibt mit klaren Worten jene &#8220;Verantwortungslosigkeit&#8221;, durch die Hitler Macht bekommen konnte: &#8220;Die Deutschen waren in dem Augenblick, wo Hitler sich ihrer bemächtigte, in der Tat, wie er unaufhörlich wiederholte, ein Volk von Proletariern, das heißt von Entwurzelten; die Demütigung von 1918, die Inflation, die unmäßig gesteigerte Industrialisierung und vor allem die äußerste Bedrohlichkeit der Arbeitslosigkeitskrise hat bei ihnen die moralische Erkrankung bis zu jenem Grade verschärft, der die Verantwortungslosigkeit nach sich zieht&#8230;Hitler bedeutet organisierter Massenmord, Beseitigung jeder Freiheit und Kultur.&#8221; [Simone Weil 1943/1932, zitiert nach  Ausstellungs-Paper S.21]</p>

<p>Wer denkt bei diesen Sätzen nicht an heute? - Wirtschaftskrisen durch Börsenzockerei, Milliardengewinne verschwinden in schwarzen Löchern, gleichzeitig sind Staaten, Länder und Kommunen überschuldet und die Arbeitslosigkeit dank juristischer Tricks bedeutend höher als beziffert. Wie weit ist der Entwurzelungsprozess bei uns schon gediehen?</p>

<p>Simone Weil könnte folgendes etwa vorgestern gesagt haben: &#8220;Die gegenwärtige Periode ist eine von jenen, wo alles, was gewöhnlich einen Lebenssinn zu geben scheint, sich verflüchtigt, wo man alles in Frage stellen muß, will man nicht in Verwirrung oder Unbewußtheit verfallen. Daß der Sieg autoritärer und nationalistischer Bewegungen fast überall das Vertrauen braver Leute in Demokratie und Pazifismus zerstört, ist nur ein Teil des Übels, in Wirklichkeit ist es viel tiefer und ausgedehnter.&#8221; [Simone Weil 1934, zitiert nach  Ausstellungs-Paper S.24]</p>

<p>&#8220;Man müßte auf den Begriff Nation verzichten - oder besser gesagt, auf den Gebrauch dieses Wortes, denn der Ausdruck &#8220;national&#8221; und alle Zusammensetzungen, in denen er auftaucht, sind bedeutungsleer. Sie haben keinen anderen Inhalt als Millionen Leichen, Waisen und Krüppel, Verzweifelung und Tränen.&#8221; [Simone Weil 1937, zitiert nach  Ausstellungs-Paper S.34]</p>

<p>&#8220;Mit Hilfe der Massenpresse und des Rundfunks kann man ein ganzes Volk, beim Frühstück oder Abendessen fertige und folglich absurde Meinungen hinunterschlucken lassen, denn sogar vernünftige Ansichten werden entstellt, wenn sie unreflektiert aufgenommen werden. Damit kann man auch nicht einen einzigen Geistesfunken erzeugen&#8230;&#8221; [Simone Weil 1934, zitiert nach  Ausstellungs-Paper S. 36]</p>

<p>&#8220;Das Wesen der Erziehung - es handele sich um Kinder oder Erwachsene, um Individuen oder ein Volk, oder auch um einen selbst - besteht darin, daß sie seelische Antriebe zum Handeln hervorruft. Dem eigentlichen Unterricht liegt es ob, aufzuzeigen, was vorteilhaft, was verpflichtend, was gut ist. Die Erziehung befaßt sich mit den Beweggründen, aus denen heraus das tatsächliche Handeln erfolgt. Denn eine Handlung kommt niemals zur Ausführung, wenn ihr nicht Beweggründe vorausgehen&#8230;&#8221; [Simone Weil 1943, zitiert nach  Ausstellungs-Paper S.42]</p>

<p>Simone Weil prangert weiter &#8220;Maßlosigkeit&#8221; in der Gesellschaft an und die &#8220;unumschränkte Herrschaft der Technik&#8221; [Simone Weil 1942/1943, zitiert nach  Ausstellungs-Paper S.28]. Im Alter von 25 Jahren stellte sie fest: &#8220;Wir leben in einer Welt, in der nichts menschlichen Maßstäben entspricht. Eine monströse Disproportion besteht zwischen dem menschlichen Körper und den Dingen, die sein Leben ausfüllen. Alles ist aus dem Gleichgewicht gekommen&#8230;Die in dieser Atmosphäre aufwachsenden Jugendlichen drücken mehr als alle anderen in ihrem Inneren das sie umgebende Chaos aus.&#8221; [Simone Weil 1934, zitiert nach  Ausstellungs-Paper S.33]</p>

<p>Wieder stellt sich mir die bohrende Frage: was ist heute nach 77 Jahren denn besser oder anders oder ähnlich oder gleich? Was spiegeln die entwurzelten Jugendlichen uns heute? Drücken junge Neonazis nicht auch heute das sie umgebende Chaos aus? Brauchen nicht besonders sie Orientierung nach &#8220;menschlichen Maßstäben&#8221;? Wie bekommen wir das hin? Packen wir das überhaupt? Können wir Rechtsextreme wieder &#8220;einwurzeln&#8221;?</p>

<p>Simone Weil antwortet: &#8220;Die einzige Art, wie man Hitler bestrafen und ihn in den Augen der nach Größe dürstenden kleinen Jungen künftiger Jahrhunderte zu einem abschreckenden Beispiel machen könnte, bestünde in einer so vollständigen Umwandlung dessen, was als groß gilt, daß er davon ausgeschlossen wäre&#8230;.Es ist ein Wahn&#8230;zu glauben, man könne Hitler von der Größe ausschließen, ohne unter den heutigen Menschen den Begriff und die Bedeutung der Größe von Grund auf umzuwandeln. Wie sollte ein Kind, das im Geschichtsunterricht die Grausamkeit und den Ehrgeiz verherrlicht sieht; im Literaturunterricht den Egoismus, die Eitelkeit, die Sucht, von sich reden zu machen;...wie sollte dieses Kind die Bewunderung des Guten lernen?...in der Atmosphäre der falschen Größe wird man vergeblich nach der wahren Größe fahnden. Man muß die falsche Größe verachten.&#8221; [Simone Weil 1943, zitiert nach  Ausstellungs-Paper S.49/50]</p>

<p>Wie erkennen wir nach Simone Weil eine Gesellschaft, die sich im Gleichgewicht befindet und in der &#8220;Verwurzelung&#8221; selbstverständlich ist? &#8220;Das Kriterium, das uns erlaubt, zu erkennen, ob die Bedürfnisse der menschlichen Wesen irgendwo befriedigt sind, ist eine Entfaltung der Brüderlichkeit, der Freude, der Schönheit, des Glücks. Da, wo Verschlossenheit, Trauer, Häßlichkeit herrschen, liegen Beraubungen vor, die nach Heilung verlangen.&#8221; [Simone Weil 1943, zitiert nach  Ausstellungs-Paper S.59]</p>

<p>Simone Weil war eine sehr besondere Frau. Heinrich Böll schrieb über sie: &#8221;...es ist der potentielle Christ in mir, der sie bewundert, der in mir verborgene Sozialist, der in ihr eine zweite Rosa Luxemburg ahnt&#8230;Ich möchte über sie schreiben, ihrer Stimme Stimme geben, aber ich weiß: ich schaffe es nicht, ich bin ihr nicht gewachsen, intellektuell nicht, moralisch nicht, religiös nicht.&#8221; [zitiert nach  Ausstellungs-Paper, S. 5]</p>

<p>Zum Abschluss noch diese Weil-Zitate zum Thema &#8220;Einwurzelung&#8221;:</p>

<p>&#8220;Es ist endlich Zeit aufzuhören, von der Freiheit zu träumen; man muß sich entschließen, sie zu konzipieren&#8230;man muß sich bemühen, die vollkommene Freiheit klar zu entwerfen, nicht in der Hoffnung, sie zu erreichen, aber um eine weniger unvollkommene Freiheit zu erlangen, als sie unser gegenwärtiger Zustand gewährt.&#8221; [Simone Weil 1934, zitiert nach  Ausstellungs-Paper S.53]</p>

<p>&#8220;Das Wort ist nur ein Anfang&#8230;Ein Stück Brot geben ist mehr als eine Predigt halten&#8230;wenn man etwas als ein Gut erkennt, muß man es ergreifen wollen. Sich seiner enthalten ist Feigheit&#8230;Das Höchste ist nicht, das Höchste verstehen, sondern es tun.&#8221; [Simone Weil 1940 - 43, zitiert nach  Ausstellungs-Paper S.60]</p>

<p>&#8220;Ich werde niemals, in keinem Falle, darin einwilligen, für irgendeinen Menschen, wer es auch sein mag, als angemessen zu akzeptieren, was ich für mich selbst als moralisch inakzeptabel ansehe.&#8221; [Simone Weil, April 1936, zitiert nach  Ausstellungs-Paper S.62]</p>

<p>Wir verließen die Kirche und tauchten in die Nachmittagssonne der Wismarer Altstadt ein: bedrückt von den auf den Fotos dargestellten &#8220;Ungleichgewichten&#8221; der Welt: Hunger, Gewalt, Gewaltverherrlichung&#8230;kurz der Entwurzelung. Die Welt und die Kraft der Simone Weil ließ uns &#8220;gegendrücken&#8221; und die NPD-Plakate auf dem Rückweg zum Campingplatz belustigten uns eher, zumal Storch Heinar uns vereinzelt entgegenrief: Storchenkraft statt NPD! Da sind glücklicherweise noch mehr, denen das Gleichgewicht in der Gesellschaft lieb und teuer ist.</p>

<p><br />
&#8220;How long shall they kill our prophets, while we stand aside and look?&#8221; sang Bob Marley (&#8220;redemption song&#8221;) Diese Ausstellungen der Friedensbibliothek und des Antikriegsmuseums der Evang. Kirche in Berlin-Brandenburg sind wesentliche Schritte in die richtige Richtung. Sie erinnern an all jene, die uns Wesentliches zu sagen haben - auch wenn sie nicht mehr leben. In jeder Kirche, in jedem Rathaus, in jeder Schule könnten diese Ausstellungswände stehen.</p>

<p>Die Worte dieser jungen engagierten Frau sollten alle kennen&#8230;.</p>

<p>___________</p>

<p>Quellen und Bemerkungen:</p>

<p>alle Zitate stammen aus dem Ausstellungspaper, das die Ausstellungsmacher gegen Spende bereithalten. Dort befindet sich auch eine ausführliche Literaturliste zu Werken von und über Simone Weil. Das Paper kann bestellt werden bei Friedensbibliothek/Antikriegsmuseum, 10405 Berlin, Greifswalder Straße 4 (Haus der Demokratie und Menschenrechte).</p>

<p>Hier das Link zur Website, unterseite &#8220;verleihbare Ausstellungen&#8221;:<br />
<a href="http://www.friedensbibliothek.de/friedensbibliothek.php?fbakm=ausstellungen">http://www.friedensbibliothek.de/friedensbibliothek.php?fbakm=ausstellungen</a></p>

<p>Das Foto zu diesem Artikel gibt die Titelseite des Papers wieder.</p>


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      <title>Mein pädagogischer Garten: Heinrich Vogeler und Célestine Freinet</title>
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      <id>tag:musikwerkstatt-rzeszut.de,2011:index.php/mwr/index/1.284</id>
      <published>2011-06-08T19:35:42Z</published>
      <updated>2011-06-17T08:40:43Z</updated>
      <author>
            <name>Martin Rzeszut</name>
            <email>martin.rzeszut@musikwerkstatt-rzeszut.de</email>
                  </author>

      <category term="Pädagogik"
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        label="Pädagogik" />
      <content type="html"><![CDATA[
        <p>Öfters werde ich gefragt, was denn die Grundlagen meiner Pädagogik seien. Interessieren tut dies besonders die Eltern unserer kleinen Musikschüler und -Schülerinnen. Erwachsene, die bei uns Instrumente lernen sind allerdings auch an dieser Frage interessiert. Neuerdings werde ich auch in Zusammenhang mit &#8220;Projektschule Museum&#8221; danach gefragt.</p>

<p>Für mich selber, der seit Mitte der 1970iger Jahre sein Brot mit Technik, Musik und Pädagogik verdient, ist ein kurzes Resümee &#8220;meiner Pädagogik&#8221; in der Mitte meines 6. Lebensjahrzehnts durchaus reizvoll. Nachdem ich selbst jahrzehntelang gelernt und &#8220;genommen&#8221; habe, möchte ich nun auch einmal &#8220;weitergeben&#8221; - und wenn es auch nur Anregungen für jene Art von Lehrerarbeit ist, die selbständig denkende Menschen - egal welchen Alters - &#8220;begeistert&#8221;. Die Pädagogik, die mir persönlich am meisten liegt ist die am frühen Sozialismus orientierte Reformpädagogik der frühen 20iger Jahre und die sog. Alternativpädagogik der 60iger,70iger und 80iger Jahre.</p>

<p>Angesichts der gegenwärtigen pädgogischen Ratlosigkeit (besonders auf der kultusministeriellen Ebene) kommt es - wie ich meine - immer mehr auf die Initiative und Ideen Einzelner an, die im öffentlichen und privaten Schulwesen tätig sind. Das schlingernde Schiff, das sich staatliche Schule nennt, ist aus meiner Sicht ein klarer Fall für die Reparaturwerft, um die Schwimmfähigkeit wiederherzustellen. Kosmetische Reparaturen, wiederholte schöne Anstriche usw. sind auf Dauer zu wenig. Der Lack ist ab und der Kahn braucht eine sichere und ausreichende Finanzierung. Besonders wichtig: die Mann- und Frauschaft (Lehrer) sollte verdoppelt werden und Sozialpädagogen müssen an Deck. Verkleinerung der Klassen, die Einstellung zusätzlicher Lehrer/Erzieher in erheblichem Umfand und ein klares ganzheitliches Schulkonzept (etwa jenes von Célestine Freinet) könnten den alten Kahn wieder flott machen.</p>

<p>Schule ist wie ein Garten! Welcome to my garden! Ich mache mit Ihnen nun eine kleine Führung.
</p> <p><img src="http://www.musikwerkstatt-rzeszut.de/images/uploads/Ökogarten_juni_2011_007_thumb.JPG" style="border: 0;" alt="image" width="300" height="225" /></p>

<p>Wichtig waren und sind mir Lebensfreude, Musik, Vergangenes, die Natur, die Solidar-Gemeinschaft und Zusammenarbeit mit Menschen jeden Alters. In die Zukunft schaue ich zuversichtlich. Mein pädgogisches Ideal fasse ich hier einmal als &#8220;weltweit friedliches Zusammenleben unter größtmöglicher Freiheit und persönlicher Vielfalt&#8221; zusammen.&nbsp; &#8220;Gute Pädagogik&#8221; ist für mich Erziehung zum Teilen, zum Pazifismus und zum bewussten Umgang mit Gesundheit, Natur und Umwelt. Unterrichtsziel ist stets, Menschen zur Selbständigkeit, Selbsttätigkeit und Selbstverantwortung zu motivieren. </p>

<p>Die Ergebnisse der Reformpädagogik und der Arbeitsschule bestätigen mich in diesen Zielen. Deshalb mag ich Vogeler, Freinet und viele andere. Auch denen ging es um eine Gesamtschau der verschiedensten Lebensbereiche und der Unterricht in sozialem Verhalten, Gemeinwirtschaft und Selbsttätigkeit kam in der Beschäftigung mit Kunst und Handwerk, Gärtnern und Essen, Produzieren und Handel bzw.Tausch der Produkte zum Tragen: hier lassen sich schnell und effektiv Projekte aufbauen und hier profitieren Schüler und Lehrer direkt voneinander. Ideal ist die pädgogisch orientierte und produzierende Arbeits- und Lebensgemeinschaft, von der letztlich Stadt, Land und Region profitieren.</p>

<p>Leider ist es mir noch nicht gelungen, eine pädagogisch motivierte Arbeits- und Lebensgemeinschaft aufzubauen oder mich einer bestehenden anzuschliessen. Trotzdem können meine Frau und ich in unserer Musikwerkstatt in dieser Art von Gesamtschau eben auch fächerübergreifend arbeiten. Hauptsächlich aus räumlichen Gründen konzentrieren wir uns auf Musikpraxis und Instrumententechnik, doch die &#8220;Projektschule Museum&#8221; (die nicht an ein Schulgebäude gebunden ist, sich selbst noch im Projektstadium befindet und als Unterrichtsraum Museen erfordert) bietet noch mehr Raum für reformpädagogische Ansätze.</p>

<p>Demokratisches, selbstbestimmtes Handeln geht nicht ohne soziales Bewusstsein. Projektschule Museum bietet hier hervorragende Bedingungen: Sozialgeschichte wird erlebbar. Wir brauchen solide Kenntnis der  Sozialgeschichte für ein am friedlichen Zusammenleben und am gemeinsamen Wirtschaften orientiertes Leben. Nicht nur das: Solidargemeinschaft kann effektiv nur über Selbsterfahrung gelernt - oder besser noch -&nbsp; verinnerlicht werden. Sozialgeschichte muss also &#8220;nacherlebt&#8221; werden: dies bietet &#8220;Projektschule Museum&#8221;.</p>

<p>Mit &#8220;Projektschule Museum&#8221; geht die Reise gleichzeitig in Vergangenheit und Zukunft. Möglich macht dies die rein praktische Erfahrung von Sozialgeschichte. Durch interaktives Handeln erlangen unsere SchülerInnen Handlungskompetenz und lernen Sachlagen in Geschichte und Gegenwart selbst einzuschätzen. Wer z.B. ein Haus der frühen Kolonisten im Modell nachbaut, kann sich sehr lebendig vorstellen, unter welchen Umständen diese &#8220;Migranten aus dem Süden&#8221; Ende des 18.Jahrhunderts in Schleswig-Holstein Ödland und Moore in Ackerland umwandelten. Sachinformation lässt sich während des Bastelns und Werkens hervorragend und ohne Anstrengung vermitteln.[1]</p>

<p>Mit etwas Gemüsegarten-Kenntnissen ausgestattet fragte mich neulich ein Schüler, warum die Kolonisten denn unbedingt extensiven Ackerbau und nicht intensiven Gartenbau betrieben hätten: es wäre ihnen vermutlich mit Gartebau bedeutend besser gegangen. Auch haperte es offensichtlich an der richtigen Integrationsbereitschaft der Einheimischen: die Einwanderer aus Hessen sprachen eine Sprache, die man in Schleswig-Holstein nicht sprach: so waren die Kolonisten schon mal stigmatisiert, bevor sie überhaupt die erste Ernte einbringen konnten. Fächerübergreifende Pädagogik bietet neue Blickwinkel. &#8220;Projektschule Museum&#8221; generiert so neuen Mut, die Zukunft mit selbstgewonnen (oder einfach an sich entdeckten) Fähigkeiten zu meistern.</p>

<p>&#8220;Projektschule&#8221;: der Name signalisiert einmal die Nähe zum reformpädagogisch relevanten &#8220;Projektunterricht&#8221; [2]. Das Nachbauen eines Hauses, das Einrichten eines Schulgartens, die musikalische Belebung eines Museumshauses oder eine Fahrradtour zu prähistorischen Denkmälern sind Einzelprojekte, die z.B. in die Projektwoche einer Schule passen oder für den Aktionstag im Museum geeignet sind.</p>

<p>Zum anderen soll diese Bezeichnung Nähe zur Idee der UNESCO-Projektschulen assoziieren, deren fest definierte Ziele mit reformpädagogischen Ansätzen nahezu identisch sind: Verwirklichung der Menschenrechte für alle, Nachhaltigkeit lernen, Umwelt schützen und bewahren, gegenseitige Toleranz, Akzeptanz und die Bereitschaft, voneinander zu lernen, Bekämpfung von Armut und Elend und das Voranbringen der globalen Entwicklung (wobei auch Nachteile oder Probleme einer globalen Entwicklung zu diskutieren sind). 1954 (und zufällig in meinem Geburtsjahr) wurde - wie ich es jedenfalls sehe - mit der Eröffnung der Helene-Lange-Schule in Hamburg eine neue Ära alternativer und reformpädagogisch orientierter Schularbeit eingeläutet. Der (gegenüber den 1920iger Jahren) deutlich erweiterte Blickwinkel war nun international und das Achten der Menschenrechte war Programm.</p>

<p>Ein Blick in unsere &#8220;Musikwerkstatt&#8221;: Musik sehe ich praktisch und als Sprache, um sich in Familie oder unter Freunden nonverbal verständlich machen zu können. Ich halte jeden Menschen für musikalisch. Ein erfolgreicher Musiklehrer sollte diese kreativen Kräfte beim Schüler freilegen,ihm spiegeln und bewusst machen.</p>

<p>Jeden Tag bin ich praktisch gefordert: ich arbeite in unserer Musikwerkstatt daran, aus jedem Menschen, der als SchülerIn zu mir kommt, das Musikalische herauszukitzeln, weil das Leben mit Musik eben großen Spaß macht. Immer versucht das Lehrer-Schüler-Team, das immer noch zu unseren soziokulturellen Normen leider gehörende &#8221;üben! - üben! - üben!&#8221; in ein spielerisches Tönchenmachen umzuwandeln. Besonders bei Kindern unter 10 Jahren wirken sich musikalischer Wettbewerb und technisch wie geistige Überforderung destruktiv aus: sehr schnell landet das Instrument &#8220;in der Ecke&#8221;, weil es eher Schwierigkeiten zu machen scheint als das Leben verschönern hilft.</p>

<p>Nicht das viel gepriesene &#8220;hohe technische Niveau&#8221; ist bei uns Maxime, sondern ein (noch höheres) emotionales Niveau. Nämlich Zufriedenheit beim kreativen Musizieren. Zufriedenheit und Freude beim (Selbst-)Lernen: das sind wesentliche reformpädagogische und alternativpädagogische Ziele!</p>

<p>Und wesentlich für gute Laune ist der weite Blick: um gute Musik machen zu können brauchen wir einen gesunden Lebensstil und gute Ernährung: hier ist auch für unsere SchülerInnen der ökologisch organisierte (Selbstversorger-) Garten interessant, in dem ich u.a. etwa die Gartentechnik von Gertrud Franck [3] vorführe und die Komposttechnik nach Leberecht Migge [4].</p>

<p>Geräte und Gegenstände des täglichen Lebens (z.B. Musikinstrumente und Werkzeuge) müssen wir - aus Spar- und Umweltgesichtspunkten - in hoher Qualität kaufen, damit sie lange halten. So sollten also auch unsere SchülerInnen etwas von Technik und Eigenbau von Gegenständen des täglichen Bedarfs verstehen und die Merkmale von &#8220;Qualität&#8221; schätzen lernen. Hier kommt der Werkunterricht ins Spiel. Natürlich repariert hier jeder Musikschüler sein, jede Musikschülerin ihr Instrument selbst.</p>

<p>Unter &#8220;Musikwerkstatt&#8221; verstehen wir eine Stätte, an der sowohl musiziert als auch gewerkelt wird. Die Professionalität einer in unserem Hause befindlichen &#8220;Werkstatt&#8221; (im wesentlichen Holz/Feinmechanik) gibt unserem Unterricht eine sehr praktische Dimension: denn nur, wer sein Instrument technisch durch und durch &#8220;begriffen&#8221; hat, also seine physikalische Wirkungsweise und seine technische Funktionalität kennt, kann es wirklich auch spielen. Also nehmen hier unsere SchülerInnen Akkordeons auseinander, entrosten alte Stimmplatten, lernen das Stimmen mit der Feile und lernen eine ganze Menge nebenbei über Stahlsorten, Luftspaltbreiten, die Centskala und Messtoleranzen. Sie lernen mit Schraubenziehern und Schieblehren umzugehen. Vor allem können sie sich jederzeit selbst helfen, wenn ein Ton nicht kommt oder eine Taste, ein Knopf klemmt. Auch Technikseminare werden regelmäßig bei uns veranstaltet.<br />
 </p>

<p>In der Musikwerkstatt ist es das Musizieren in der Gruppe, das Sozialisierung, Kompromissbereitschaft und Konsensdenken fördert. Alle sitzen im Sitzkreis in der &#8220;ersten Reihe&#8221;, aber alle sollten harmonisch miteinander musizieren können oder: zurecht kommen.</p>

<p>Musik selbst erfinden! Diese wichtige Forderung ist einer der Kernpunkte der Freinet-Pädagogik - und das nicht nur für kleine Kinder. Bevor man nicht seine &#8220;eigene Musik&#8221; entdeckt hat, ist der Zugang zu existierender Musik schwierig. Tönchen suchen auf diversen Instrumenten, spontanes Singen! Musik genießen - wirklich freies Musizieren, frei von Regeln und Theorien. Denn erst war die Musik, dann kam jemand und analysierte sie. Eigentlich vielleicht nur aus der Angst heraus, sie nicht festhalten zu können, weil sie so schnell verfliegt&#8230;</p>

<p>Pädagogische Erfahrungen sammeln ist vergleichbar mit der Bestellung eines Gemüsegartens: man freut sich über Anregungen, probiert aus was andere probiert haben, tauscht gärtnerisches Feinwissen aus, steckt andere Gärtner mit guten Ideen an. Im letzteren Sinne ist auch dieser Artikel gemeint. Entsprechend symbolhaft das Foto unseres Öko-Gemüsegartens mitten in einem Kleingartengelände im Kieler Grüngürtel, den Leberecht Migge aus Worpswede während der frühen 1920iger Jahre aus reformpädagogischen Ansätzen heraus stadtplanerisch konzipiert hat (&#8220;Gartenstadtgedanke&#8221;). In diesem Garten, in dem nicht mit Giften und Chemie gearbeitet wird und in dem jede Pflanze ihre Bedeutung und Aufgabe hat, genieße ich die Gartenarbeit, komme zur Ruhe und bereite mich auf meinen Unterricht vor. Sog. &#8220;Unkraut&#8221; gibt es hier nicht&#8230;</p>

<p>Prüfen wir doch einmal die Bodenqualität unseres Gartens. mit regelmässiger Kompostdüngung erreicht man sehr bald die hervorragende Qualität eines Waldbodens. Darum geht es in meinem Gemüsegarten.</p>

<p><img src="http://www.musikwerkstatt-rzeszut.de/images/uploads/Ökogarten_juni_2011_012_thumb.JPG" style="border: 0;" alt="image" width="300" height="225" /></p>

<p><br />
Meine Interessen an Pädagogik bzw. meine &#8220;Lieblingspädagogik&#8221; basiert auf sehr viel Lebenserfahrung und intensivem Studium. Da ich Arbeit und Privatleben nicht trennen kann, gehen meine ersten pädagogischen Studien in meine frühe und spätere Kindheit zurück. Hier wurde mein &#8220;pädagogischer Garten&#8221; sozusagen geplant und angelegt.</p>

<p>Mein Vater war Tüftler und Bastler, meine Mutter Volksschullehrerin. Beide schwelgten für &#8220;Kultur&#8221;. Meine Erziehung war &#8220;fächerübergreifend&#8221; und hatte stets praktischen Bezug: Haus bauen, Musik machen, Radiotechnik, Gartenarbeit, Autobasteln, Literatur, Zeitgeschichte. Apropo Geschichte: die Geschichte der Nazizeit bekam ich als großes Beispiel für Gewalt gegen Menschen, für Missachtung aller ethischen Grundlagen, für verbrecherisches Handeln von größenwahnsinnigen Politikern aus allererster Hand serviert. Mit Ende des letzten Weltkrieges waren mein Vater 20 und meine Mutter 27 Jahre alt.</p>

<p>Meine antifaschistische Arbeit hat also sehr reelle Wurzeln&#8230;.und: man hat mich zu einem kritischen Staatsbürger erzogen, der demokratisch denkt und den elementarkommunistische &#8220;Visionen&#8221; immer zum praktischen Ausprobieren herausfordern - stets in der Hoffnung, dass unsere bundesrepublikanische bzw. europäische Gemeinschaft einmal bitte kapiert, worum es im Leben geht: nicht um Reichtum und Macht, sondern um Gleichverteilung aller Mittel, Umgang mit natürlichen und gemeinsamen Ressourcen &#8220;nach Augenmaß&#8221; (um dieses Modewort einmal zu benutzen) und vor allem ohne Krieg und Diktatur. Ich bin sehr empfindlich gegen rechtsextreme Meinungen, die sich neuerdings quer durch alle Gesellschaftsschichten ausbreiten&#8230;[5]</p>

<p>Wobei ich ergänzen muss: die kapitalistischen Strukturen, die mir zur Zeit auch sehr unangenehm entgegenwehen (&#8220;Heuschrecken&#8221;), tragen durchaus schon prädiktatorische Züge, weil sie Politik direkt und geradezu gewalttätig beeinflussen und Demokratie und Mitbestimmiung zur Farce werden lassen. Der wahlmüde Mitmensch wird vom scheinbar blühenden Wohlstand digital perfekt eingeschläfert, und das nahezu zur Bewusstlosigkeit (Stichwort Atomkraft). Wo soll da noch für Autonomie, Selbstbestimmtheit, Selbstbewusstsein Platz sein?...doch die Hoffnung stirbt bekanntlich immer zuletzt.</p>

<p>Meine Mutter war Reformpädagogin und machte Waldorfunterricht in der staatlichen Volksschule, ohne groß zu fragen. Mein Vater begann als Laborant in der pharmazeutischen Industrie und schaffte es wegen seiner wahnsinnigen Technikbegeisterung bis zum Ingenieur, der dauernd Erfindungen machte, die andere dann wirtschaftlich nutzten, nur nicht er.</p>

<p><img src="http://www.musikwerkstatt-rzeszut.de/images/uploads/Ökogarten_juni_2011_023_thumb.JPG" style="border: 0;" alt="image" width="300" height="225" /></p>

<p><br />
Ich war drei Jahre alt und konnte nicht nur Noten mit der Blockflöte abspielen, ich konnte auch eigene Stücke erfinden. Mit 6 Jahren schrieb ich meine ersten Kompositionen am Küchentisch: Melodien mit vier Takten. Ansonsten bearbeitete ich Gitarren mit Teelöffeln wozu meine Mutter mit Schellenbändern an den Füßen durch die Wohnung hüpfte. Meine Mutter war Spezialistin für Orff-Musik. Im Alter von 8 Jahren genoss ich es, mit meinem Tamburin ein ganzes Flötenorchester auf Geschwindigkeit zu bringen, wenn der Schulrat mal wieder zu einer Feierstunde erschien. </p>

<p>Mein Vater brachte mir bei, wie man das Getriebe einer Isetta 250 ausbaute und das Kardangelenk zum Kettenkasten der Isetta. Ich lag stundenlang schraubend (und schnaubend) unter diesem Auto - aber nur ich konnte das Getriebe ausbauen, denn ich hatte kleine Hände (sagte jedenfalls mein Vater). Ich war damals 10 Jahre alt.</p>

<p>Mit 13 Jahren brachte ich mir selber das Akkordeonspielen bei und ich weiss daher genau, welche Vor- und Nachteile autodidaktisches Arbeiten hat.</p>

<p>Im Alter von 14 Jahren wurde ich verpflichtet, zusammen mit meinen Eltern ein abbruchreifes altes Fachwerkhaus zu entkernen und so umzubauen, dass ein neues Haus im alten entstand: von aussen Museum, von innen modern. Es ging nicht ohne Praktika bei Schreinern und in einer Zimmerei ab. Ich lernte Fachwerkbau und es tat im Rücken weh&#8230;bis heute!</p>

<p>Mit 16 stand ich in der Feinmechanikwerkstatt meines Vaters im blauen Kittel an der Werkbank und testete frisch gebaute medizinische Apparaturen (Impfpistolen).</p>

<p>Was mir mein Vater vor allem beibrachte war: &#8220;alles musst du selbst reparieren können!&#8221;. Die Botschaft meiner Mutter: &#8220;das ganze Leben ist Pädagogik und ohne Musik und Kunst ist niemand glücklich.&#8221;</p>

<p>Das Bestellen von Gärten (egal ob Blumen oder Gemüse) war seit frühester Kindheit eines meiner Hauptinteressen.&nbsp; Die &#8220;Solidargemeinschaft der Pflanzen&#8221; forderte Liebe, Mitgefühl, Hilfe, Einsatz und Durchhaltevermögen. Deswegen mag ich bis heute Schulgärten - übrigens ein typisches Element aller Reformpädagogik. Es gibt in Schleswig-Holstein viel zu wenig Schulgärten, eine Menge dagegen in Baden-Württemberg [6].</p>

<p>Meine Studienjahre in Göttingen waren fächerübergreifend oder &#8220;interdisziplinär&#8221;: ich konnte locker Theologie mit Archäologie verbinden. Ethnologie, Kunstgeschichte und Musikwissenschaft rundeten mein Interessenspektrum ab. Bis die PH in Göttingen Mitte der 1980iger Jahre geschlossen wurde, genoß ich dort eine hervorragende Ausbildung zum Werklehrer, der auch in Architektur beschlagen war. Im Allgemeinen Schulpraktikum (des Studienganges Grund-/Hauptschule) lernte ich praktische Freinet-Pädagogik kennen und schätzen.</p>

<p>Mein damaliger Brotberuf im Rahmen der Ur- und Frühgeschichte (1975 bis 1990) machte mich fit im analytischen Denken, im technischen Zeichnen und in der Sachfotografie, die sich bald in Richtung künstlerische Fotografie entwickelte. Sehr viel später und nach einem langen Auslandsaufenthalt (Schottland) drückte ich noch einmal die Schulbank und machte mein Waldorflehrer-Diplom.</p>

<p>Das soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass ich von der Person Rudolf Steiners wenig halte. Was er entwickelt hat und wofür er gefeiert wird, lag in der pädagogisch-geistigen Strömung der Zeit. Dass er als Pädagoge Gehör bekam, lag m.E. an der gesellschaftlich nicht unerheblichen Rolle der Anthroposophie. Mit jenem vom Waldorflehrer erwarteten anthroposophischen Tunnelblick kann ich nichts anfangen. Ich habe etwas gegen geistige Gleichschaltung. In der Heilpädagogik sehe ich allerdings sehr gute Ansätze.</p>

<p>Meine (allgemein)reformpädagogisch orientierte Mutter war nicht ausgebildete Waldorflehrerin, setzte aber Waldorftechniken in der Staatsschule erfolgreich um. Andrerseits habe ich zahlreiche Waldorflehrer kennengelernt, die um einiges realitätsbezogener arbeiteten als die fundamentalistisch an Steiner orientierten Anthroposophen. Meine Erfahrung ist, dass die Waldorfschule immer schon ein guter Nährboden für andere reformpädagogische Strömungen und deren Anhänger war. Schade finde ich, dass der bei uns übliche Waldorfschul-Enthusiasmus bei Eltern dazu führen kann, dass andere wertvolle reformpädagogische Ansätze oder komplette Schulsysteme (wie etwa die Freinet-Schulen in Belgien) einfach übersehen werden.</p>

<p>Eine wichtige Schule des Lebens war für mich meine Zeit in Schottland (1988 bis 92). Ich spielte Drums und Akkordeon in mehreren Tanzbands in Edinburgh, Glasgow und bis in die Highlands hinein. Ich arbeitete als &#8220;experienced excavator&#8221; archäologisch auf Siedlungsgrabungen, ich baute eine Akkordeon-Reparaturwerkstatt auf und arbeitet zwei Jahre lang auf einer Ökofarm (Pillars of Hercules/Fife), was einer kompletten Ausbildung im ökologischen Gartenbau gleichkam, zumal der Betreiber der Farm Bruce Bennett auch mit einen Lehrauftrag für ökologisches Gärtnern betraut war. Fünf Jahre lang sprechen, denken, arbeiten, Karriere machen in einer zweiten Sprache kann ich nur jedem empfehlen. Mein pädagogischer Garten bekam eine sehr praxisorientierte Ausrichtung und ökologischen Gartenbau lernte ich wahrsten Sinne des Wortes. Heute ist diese Ökofarm im originalen Sinne eine &#8220;Arbeitsschule&#8221;. Ich freue mich, dass ich vor 20 Jahren mitgeholfen habe, sie aufzubauen. [7]</p>

<p>Man muß nach diesem kurz skizzierten &#8220;offiziellen Lebenslauf&#8221; wirklich nicht daran zweifeln, dass ich mit allen Wässern des Lebens gewaschen wurde. &#8220;Meine Pädagogik&#8221; umfasst fast alle Bereiche des Lebens und jedes Material (Holz, Pflanze, Haus, Auto, Elektrik usw.) und erfordert eine eigene Art des pädagogischen Herangehens. Ich nenne das &#8220;Erfahrung im Umgang mit dem Material&#8221;. Was ich selbst erfolgreich gelernt habe, bringe ich auch erfolgreich meinen SchülerInnen bei. Motivation ist stets &#8220;Anwendbarkeit im realen Leben&#8221;, &#8220;sich zu helfen wissen&#8221;, &#8220;Durchblick bekommen, wie was funktioniert&#8221;,&#8220;sich selbst einen Stuhl bauen, auf dem man sitzen kann&#8221;.</p>

<p>Die Motivation meiner Schüler gelingt also nicht allein wegen meines pädagogischen Wissens, sondern weil ich &#8220;das Material kenne&#8221; und meine Erfahrungen weitergebe. Ich weiss, worüber ich rede. Schüler merken genau, ob der Lehrer da mogelt oder nicht. Weiss der Lehrer etwas nicht, so kümmert sich der Schüler um die Aufarbeitung der Information. Beide sind danach einen Schritt weiter und freuen sich über gute Zusammenarbeit.</p>

<p>So lässt sich das Interesse an Sachverhalten wecken: man beginnt zu erzählen. Man muss als Lehrer immer damit rechnen, dass das Sachgebiet jederzeit wechseln kann. Die Kunst besteht dann im Zurückfinden zum Ausgangspunkt, ohne dass das Interesse beim Schüler verloren geht.</p>

<p>Ein guter Pädagoge - so wie ich ihn mir vorstelle - ist jemand, der vertrauensvoll signalisieren kann: &#8220;was wir im Unterricht machen, brauchen wir für das Leben ganz praktisch und sachlich. Wir alle lassen uns jetzt mal auf einen spannenden Prozess ein, aber ich bin sicher, dass es gelingen wird und wir heute im Möbelbauprojekt einen Stuhl hinbekommen, auf dem wir sitzen können. Wird es zufällig ein Tisch&#8230;? Macht nichts, der Stuhl wird dann das nächste Projekt sein! Das müsst ihr dann in euren Arbeitsgruppen selbst regeln.&#8221;</p>

<p><img src="http://www.musikwerkstatt-rzeszut.de/images/uploads/Ökogarten_juni_2011_013_thumb.JPG" style="border: 0;" alt="image" width="300" height="225" /></p>

<p>Ich weiss auch nicht, warum ich in meinem pädagogischen Garten hier eine Reihe Bohnen gesetzt hatte und nun wachsen dort Erbsen&#8230;.aber das ist schliesslich realistisches Leben. Richard Senett sagt: &#8220;Für den Praktiker ist besessenes Streben nach Perfektion ein sicherer Weg zum Scheitern.&#8221; [8]</p>

<p>Mein pädagogischer Garten wird öfters von Stürmen durchzaust. Aktuelles Problem: soll/darf/kann ich ich als Betreiber einer privaten Musikschule eine &#8220;Atomkraft - Nein Danke!&#8221;-Fahne zum Fenster heraushängen? Mein Unterricht soll weitestgehend unpolitisch bleiben (...falls das überhaupt geht&#8230;), schliesslich muss jeder selbst wissen&#8230;usw&#8230;usw. Nein, die Fahne hängt seit Wochen und das Ergebnis ist gut: ich habe Schüler, die mit mir darüber ein Gespräch anfangen. Der nukleare Sturm aus Fukushima gibt meinem fächerübergreifenden Unterricht neuerdings zusätzlichen Schub. Schliesslich müssen genau jene 14, 16 oder 20jährigen noch den nuklearen Schrott entsorgen, den meine Generation ihnen seit 50 Jahren hinstellt und um den wir uns in 50 Jahren garnicht mehr kümmern können&#8230;.nein, die Flagge bleibt solange an der Schule, bis zweifelsfrei klar ist, dass diese Bundesrepublik auf nuklear generierten Strom wirklich verzichten tut! Und es ist wirklich spannend: eine Schlagzeugstunde beginnt jetzt durchaus einmal mit 10-Minuten-Technik-Talk über Kühlwasserkreisläufe, Kernschmelzen und Montagsdemonstrationen&#8230;Motivation zum Selberdenken! Trotzdem: Ideologisierung per Unterricht läuft bei mir nicht (was meine Hauptkritik an der Waldorfschule ist). Ideologien diskutieren? - gern und jederzeit.</p>

<p><img src="http://www.musikwerkstatt-rzeszut.de/images/uploads/Ökogarten_juni_2011_005_thumb.JPG" style="border: 0;" alt="image" width="300" height="225" /></p>

<p>Jeder pädagogische Gärtner hat seine Gartenlehrer im Kopf und meistens dann auch deren Werke im Bücherregal. Was sind meine? Hier eine Auswahl, die ich für das Verständnis meiner Pädagogik für aufschlussreich halte:</p>

<p>Der erste interessante Schullehrer begegnete mir kurz vor meinem Abitur (...auf einem altsprachlichen Gymnasium). Es war das &#8220;Tutorentreffen&#8221; (Oberstufenreform 1973) und der spätere Leiter eines Bielefelder Gymnasiums improvisierte zu Hause auf dem Klavier, und beim Bier schwätzten wir über alles andere, nur nicht die Schule. Diesen Lehrer habe ich bis heute ins Herz geschlossen. Ich konnte ihm menschlich vertrauen, er war ohne Hintertürchen, ich lernte Offenheit und Vertrauen. Er ist mit dafür verantwortlich, dass aus mir ein Pädagoge wurde. </p>

<p>Bethel bei Bielefeld: Herbert Kauffeld. Diesem Diakon, Maler und Philosoph, der mit Patienten in der BT Tonfiguren knetete und in ganz Gadderbaum nach geeigneten Ecken und Plätzen suchte, um (natürlich auch wieder zusammen mit Patienten) an allen erdenklichen Leerstellen (entlang Zäunen, an Bürgersteigen, auf Parkplätzen&#8230;)Bäume oder Blumen zu pflanzen, habe ich vor einiger Zeit einen kompletten Artikel gewidmet [9]. Er war der gute Geist des Klinikdorfes und brachte uns Studenten Hermann Hesse, Buddha und Jesus näher. Er selbst war ein Revolutionär des Geistes und befand sich im steten Klinsch etwa mit der knochentrockenen Verwaltung der Bodelschwinghschen Anstalten, die damals keinen Sinn für ökologisches Bewusstsein und Strassenbegleitgrün auf Mikroflächen hatten. Sein unbedingter Pazifismus hat mich begeistert. Seine Tonfiguren gehören zu meiner Familie.</p>

<p>Mahahatma Gandhi konnte ich leider nie persönlich kennenlernen - aber Sie kennen ihn hoffentlich!</p>

<p>Heinrich Vogeler, Worpswede. Leider war es mir nicht vergönnt, im Rahmen seiner Arbeitsschule Barkenhoff zu arbeiten, ich hätte das gern getan. Er war ein liebevoller Lehrer und &#8220;Vater&#8221; für jene Kinder, die aus den Ghettos des Hungers, aus den Arbeitersiedlungen der großen Städte auf seinen Hof landverschickt wurden. Die &#8220;Kommune Barkenhoff&#8221; war eine Kombination reformpädagogischer Ideen mit einem Wohnprojekt in Selbstverwaltung. Kinder lernten hier eine Gemeinschaft kennen, in der es weder Wettbewerb noch Hass, weder Geld noch privaten Besitz geben sollte. Vogelers starke Haltung resultiererte  aus der Synthese christlicher Werte mit fundamental kommunistischen wie Teilen, Konsenslösungen, gegenseitige Hilfe, Besitzlosigkeit und Bargeldlosigkeit. Für ihn waren Kommunismus und Glauben kein Widerspruch. Vor den Nazis flüchtete er nach Russland. Er glaubte bedingungslos an das Gute und den &#8220;neuen Menschen&#8221; und an die Verwirklichung des Ur-Kommunismus. Er scheiterte letztlich an den Hierarchien des Sowjetkommunismus und verhungerte als missachtetes Opfer des Stalinismus in Kasachstan. Seine Vorstellungen und Postulate zu Gemeinwirtschaft, Nächstenliebe und Nächstenhilfe, Leben im Einklang mit der Natur und gärtnerische Selbstversorgung sind wesentliche Reihen meines pädagogischen Gartens.</p>

<p><img src="http://www.musikwerkstatt-rzeszut.de/images/uploads/barkenhoff_worpswede_mai_2011_008_thumb.JPG" style="border: 0;" alt="image" width="300" height="225" /></p>

<p><br />
Heinrich Vogelers &#8220;Arbeitsschule&#8221; war keine Erfindung von ihm: dieser reformpädagogische Terminus war besonders wegen der überall in den Industriezentren entstehenden Armut nach dem Ersten Weltkrieg allgemein in der Diskussion. Für Vogeler lag es deshalb nahe, seine Lebens- und Wirtschaftsgemeinschaft als &#8220;Arbeitsschule&#8221; zu bezeichnen, denn es gab Holz- und Metall-Werkstätten, Garten- und Feldbau und gekocht wurde gemeinsam. Das große künstlerische Umfeld bot entsprechende Erziehungsmöglichkeiten. Der Barkenhoff war ein Treffpunkt von Schriftstellern, Malern und Philosophen, Handwerkern und Landarbeitern. Kinder aus den  Arbeiterslums der von der Rezession gebeutelten Industriestädte wurden eingeladen, ihre Ferien auf dem Barkenhoff zu verbringen, sich sattzuessen und nebenbei spielerisch zu lernen, wie man einen Selbstversorgergarten anlegt. Wieder zuhause konnten sie dieses Wissen wiedrum in Tausenden von Schrebergärten und zusammen mit ihren Familien umsetzen. [10]</p>

<p>Als Begründer des Begriffes &#8220;Arbeitsschule&#8221; gilt Georg Kerschensteiner, der Anregungen von Pestalozzi in die Praxis umsetzte. Bereits um 1900 gründete er die ersten &#8220;Arbeitsschulen&#8221; als Vorläufer der späteren Berufsschulen. Die damals noch aktuelle &#8220;soziale Frage&#8221; forderte eine umfassende Bildung und Erziehung jugendlicher Schulabgänger besonders in den industriell geprägten und teilweise verarmten Großstädten. Die Arbeitsschule sprang hier ein, indem sie  ein Sozialisierungsangebot für von Armut und Krankheit gezeichnete Bevölkerungsschichten bereithielt und berufsorientierte Weiterbildung empfahl.</p>

<p>Kerschensteiner kam selbst aus ärmlichsten Verhältnissen und kannte die Not. Ihm war aus eigener Erfahrung klar, dass erfolgreiche Pädagogik nicht mit trockener Wissensvermittlung, sondern über die handwerkliche Praxis gelingt (&#8220;Medium der Wirklichkeit&#8221;). Unterricht soll anschaulich sein und zur &#8220;Selbsttätigkeit&#8221; motivieren. Durch strengen Bezug zur realen Arbeitswelt wurde das Gelernte auch direkt anwendbar und aus der Schule durchaus auch eine Produktionsstätte: &#8220;In Werkstatt und Küche, im Garten und auf dem Felde, im Stall und am Fischerboote sind sie stets zur Arbeit bereit.&#8221; lobt Kerschensteiner seine Schüler im jugendlichen Alter [11]. Neben elementarem Physik- und Chemieunterricht stand der Werkstattgedanke im Zentrum: Holz- und Metallwerkstätten, Küchen und Schulgärten boten ein reichhaltiges Fächer-Spektrum. Die Arbeitsschule bedeutete für Kerschensteiner eine &#8220;Schule der Zukunft&#8221; und seine Schüler sollten &#8220;brauchbare Staatsbürger&#8221; sein. Kerschensteiner ging es mit seiner Werkstatt-Erziehung vornehmlich darum, im Laufe von gut durchgeplanten Produktionsprozessen etwa einen Nistkasten von der Planung zum fertigen Produkt unter grösstmöglicher Sparsamkeit von Material und Arbeitszeit zu bauen.</p>

<p>Der Sozialist und Mitglied der SPD Paul Oestreich gehörte zum &#8220;Bund entschiedener Schulreformer&#8221; (Beitritt 1919). &#8220;Die elastische Einheitsschule&#8221; war sein Thema auf der Reichsschulkonferenz 1920. Für ihn war die &#8220;Arbeitsschule&#8221; zusammen mit &#8220;Lebensgemeinschaftsschulen&#8221; und der &#8220;Karl-Marx-Schule&#8221; Ausdruck einer &#8220;neuen Pädagogik&#8221;. Vogeler proklamierte den &#8220;neuen Menschen&#8221;....</p>

<p>Ein anderer Vertreter der Arbeitsschule war Pavel Petrovic Blonskij, Dozent für Psychologie und Philosophie an der Staatsuniversität Moskau. 1921 wurde Blonskijs Schrift &#8220;Die Arbeitsschule&#8221; vom Russischen ins Deutsche übersetzt. Es liegt nahe, dass dieses Werk für Vogeler wegweisend wurde, denn bis 1920 war der Barkenhoff noch eine &#8220;Arbeitsgemeinschaft&#8221;, ab 1921 eine &#8220;Arbeitsschule&#8221;.[12] Blonskij vertrat die sog. &#8220;Komplexmethode&#8221; oder auch &#8220;Projektmethode&#8221; als Kern seiner Produktionsschule. Heute ist Projektarbeit aus den Curricula nicht mehr wegzudenken, damals war es etwas Revolutionäres im Schulwesen.</p>

<p>Blonskij ging es bei seiner Produktionsschule um das Lehren wirtschaftlicher und industrieller Produktionsweisen des 20. Jahrhunderts. Er argumentiert (mit Karl Marx), dass der Mensch seine Erfüllung in der Arbeit findet und man die Trennung von Hand- und Kopfarbeit nicht akzeptieren dürfe. Klassengegensätze sollen aufgehoben werden. Produktion und Unterricht sollen miteinander gekoppelt sein. Schule sollte Wohnraum und Arbeitsraum zugleich sein. Blonskijs Erziehungsziel ist Ganzheitlichkeit. Schüler seiner Schule sollten polytechnisch, wissenschaftlich und philosophisch ausgebildet sein (&#8220;Arbeiterphilosoph&#8221;). Interessant auch auch die Betonung einer gegenseitig starken Verbindung von Schule, Gesellschaft und Wirtschaft.</p>

<p>Johann Heinrich Pestalozzi, Maria Montesorri und Pestalozzis Schüler Friedrich Fröbel gehören ebenfalls zu den Architekten meines pädagogischen Gartens. Deren Ideen waren für die Reformpädagogik der 1920iger Jahre ebenso wesentlich wie für die &#8220;alternative Pädagogik&#8221; der 1970iger. Auch die &#8220;Arbeitsschule&#8221; wäre bei diesen Protagonisten sicherlich gut angekommen, als alle in der praktischen und experimentellen Arbeit einen hohen pädagogischen Wert sahen. Allen gemeinsam war auch als pädagogisches Ziel die Erziehung zur geistigen Autonomie. Darauf im Einzelnen einzugehen führt hier allerdings zu weit.</p>

<p>Leberecht Migge, Gartenarchitekt und Versuchsgärtner in Worpswede war nach Vogelers (politischer) Einschätzung &#8220;erzkonservativ&#8221;, aber immerhin arbeiteten Vogeler und Migge gartenbautechnisch zusammen. Migge entwarf Strategien zur Kompostbildung, Frühbeettechnik und zur Anlage von Tomatenterassen. Vogeler setzte diese Konzepte mit seinen Kommunarden und den Kindern der Arbeitsschule in die Realität um. Migge hatte sehr gute Ideen und war auch stadtplanerisch ein äusserst kompetenter Mann. Nicht nur seine Technik der Kompostgewinnung, auch seine Ideen von &#8220;Gartenstadt&#8221; und &#8220;Selbstversorgersiedlung&#8221; haben mich bereits Mitte der 1980iger Jahre überzeugt.</p>

<p>Der Zufall wollte es, dass ich heute in einer Stadt lebe, die maßgeblich und nachhaltig von Leberecht Migge durchplant und mitgestaltet wurde. Ich lebe in Kiel in dem von Migge nach Gartenstadtmaximen konzipierten &#8220;Grüngürtel&#8221; in einer ehemaligen Selbstversorgersiedlung und gehe gern durch die von ihm geplante Selbstversorgersiedlung Hammer. Ich wohne in einem Typen-Siedlungshaus, das auch Migge gut fand und in Hammer bauen ließ. Ferner bewirtschafte ich meinen ökologischen Schrebergarten (meinen Lehr-Garten) in einem Bereich des Vieburger Gehölzes, den Migge damals Anfang der 1920iger für Schrebergärten im Interesse der Selbstversorgung der Bevölkerung Kiels freigegeben hatte. [13]</p>

<p>Henryk Goldszmit oder &#8220;Janusz Korczak&#8221;, Arzt, Buchautor und Pädagoge. Er war Leiter eines Waisenhauses und bildete im Rahmen einer alternativen Schule Sonderschullehrer aus. Pädagogik war für Korczak nicht eine vom Leben losgelöste Wissenschaft über das Verhalten des Kindes und wie man es unterrichten solle. Pädagogik ist für ihn vielmehr die Stärkung des Ichs beim Kind und die Erziehung des Erwachsenen zum Verständnis für das Kind. Man führt es in eine Situation, in der es lernt, selbst zu entscheiden. Das Suchen des eigenen Weges und den Mut dazu diesen zu finden - darum geht es. Eigene Techniken finden, um Probleme zu lösen. &#8220;Fröhlich&#8221; sein: die Gefühle des Kindes müssen im Zentrum jeder pädagogischen Arbeit stehen. Eines seiner Werke heisst: &#8220;Wie man ein Kind lieben soll&#8221;. Weitere Themen: die Erziehung zum demokratischen Denken und Handeln (&#8220;Kinderparlament&#8221;), Kinderrechte und die Selbstbestimmung des Kindes. 1942 wurde er in Treblinka von den Nazis ermordet, weil er Jude war. Er ging zusammen mit &#8220;seinen Kindern&#8221; fröhlich singend in die Gaskammer&#8230;.</p>

<p><img src="http://www.musikwerkstatt-rzeszut.de/images/uploads/Ökogarten_juni_2011_015_thumb.JPG" style="border: 0;" alt="image" width="300" height="225" /></p>

<p>Célestin Freinet hat mich mit seiner &#8220;Schule des Volkes&#8221; besonders deshalb angesprochen, weil er mich in meinen ganz persönlichen Themen wie &#8220;Musikerziehung&#8221;,&#8220;Umgang mit der Natur&#8221;, &#8220;Lernen aus der Natur&#8221;, Erziehung zur Selbständigkeit und zum demokratischen Handeln methodisch und didaktisch am ehesten bestätigt und stützt. Seine von ihm formulierten und bis heute in der Freinet-Bewegung &#8220;10 geltenden pädagogischen Grundsätze&#8221; sprechen mich sehr an:</p>

<p>&#8220;1. Die SchülerInnen haben das Recht auf ihren eigenen Lernprozeß, ihre eigene Entwicklung und ihre individualität. Dies gilt besonders auch für ausländische Kinder und Kinder anderer Muttersprache.</p>

<p>2. Die Verschiedenheit der Lernenden ist eine Bereicherung - ihre &#8220;Gleichschaltung&#8221; ist verderblich.</p>

<p>3. Die Lernenden haben das Recht auf ihren eigenen Lernrhythmus.</p>

<p>4. Das Lernen soll Freude machen und in Erfolgserlebnissen münden.</p>

<p>5. Selektion aufgrund von Konkurrenz und Mißerfolg soll so weit wie möglich abgebaut werden.</p>

<p>6. Nicht Übernahme &#8220;fertiger&#8221; Ergebnisse, sondern eigenes Experimentieren und &#8220;tastendes Versuchen&#8221; sind Ziele des Lernprozesses.</p>

<p>7. Nicht Indoktrination durch vorgegebene &#8220;Schulbuch-Weisheiten&#8221;, sondern eigene kritische Untersuchungen der Wirklichkeit sollen das Denken der SchülerInnen bestimmen.</p>

<p>8. Die SchülerInnen sind InitiatorInnen und OrganisatorInnen ihres eigenen Lernprozesses (mit Hilfe von individuellen Arbeitsplänen, Arbeitsmaterialien zur Selbstkorrektur, freien Texten und individueller Bewertung von Lernfortschritten).</p>

<p>9. Das Lernen der Klassengruppe soll in gemeinsamer Verantwortung kooperativ organisiert werden.</p>

<p>10. Die Selbstregulierung von Konflikten erfolgt im Klassenrat.&#8221; [14]</p>

<p>Es würde hier zu weit führen, detailierter auf Freinet-Methodik einzugehen.</p>

<p>Und ich weiss, ich wiederhole mich hier bewusst, weil ich es für so wichtig halte: mir als Musiklehrer gefällt der erklärte methodische Grundsatz &#8220;freier Ausdruck auf allen Ebenen&#8221;. Musikalisch sind hier besonders &#8220;freies Experimentieren mit Klangkörpern&#8221; und &#8220;Lieder selbst erfinden&#8221; Hinweise auf im wahrsten Sinne des Wortes  &#8220;freien&#8221; künstlerischen Ausdruck, wie er auch in unserer Musikwerkstatt praktiziert wird. Unter &#8220;Lernen durch Handeln&#8221; versteht der Freinet-Pädagoge auch &#8220;produktiven Umgang mit Technik&#8221;, so z.B. die Herstellung eigener Musikinstrumente oder das Verstehen technischer Zusammenhänge. So lernen meine Schüler z.B. das Reparieren und Warten ihrer Musikinstrumente. Technik ist bei uns Bestandteil des Musikunterrichts.</p>

<p>Ich meine auch, dass Freinets Ideen nicht nur auf die Erziehung in der Primarstufe passen. Man kann mit Freinet-Technik Menschen in allen Lebensaltern erzieherisch helfen. Faszinierend finde ich auch die Kooperation aller Freinet-Lehrer national und international (&#8220;Lehrerkooperative&#8221;).</p>

<p>Die Aktualität des an Freinet orientierten Unterrichts ist z.B. angesichts eines erdrückend populären und staatlich geduldeten Rechtsextremismus, angesichts zurückgehender Wahlbeteiligung, kapitalkräftiger und zunehmend die Politik manipulierender Seilschaften, angesichts einer wachsenden Oberschicht, die auf unser aller Geld und Ressourcen sitzt und angesichts eines neubeschworenen Nationalgefühls in &#8220;Deutschland&#8221; unübersehbar aktuell: unsere alte Bundesrepublik braucht dringenst genossenschaftliches Denken, mehr gewerkschaftliche Kontrolle, Erziehung zur Mitbestimmung im Sinne eines selbständig denkenden und friedlich gestimmten Staatsbürgers, der sich allein mit einer Handvoll von sehr ähnlich redenden Parteien nicht zufrieden gibt. Freinets Lernziele sind sehr wohl dazu geeignet, aus der unpolitischen Schafherde kritisch denkende und aktive Demokratiebürger zu machen. Zumindest ist dies meine Hoffnung, dass da über eine gute Pädagogik noch etwas zu machen sei&#8230; </p>

<p>Ich glaube - und wir sehen das eigentlich alltäglich in der Tagesschau - , dass Machtstreben und persönliche Karrieren das Ende einer jeder politischen Partei sind, weshalb sich m.E. auch garnicht in eine politische Partei einzutreten lohnt. Eher gründet man besser selbst eine - und das am besten auf Zeit.</p>

<p>Célestine Freinet jedenfalls gehörte wie Heinrich Vogeler zu jenen fundamental kommunistisch orientierten Pädagogen, die sich eher an der (z.B. als &#8220;urchristlich&#8221; definierten)&nbsp; Gütergemeinschaft orientierten und den Parteistrategen irgendwann lästig wurden, die solches selbstlose Teilen als zu naiv empfanden. So wurde der nach heutigen Maßstäben linksradikale Vogeler im Alter von 57 Jahren (1929) nach längerer Mitgliedschaft und aktiver Mitarbeit aus der DKP ausgeschlossen, weil er christlich dachte und sich nicht linksextrem genug zeigte. Freinet wurde im Alter von 52 Jahren (1948) aus der PCF, der kommunistischen Partei Frankreichs gemobbt, weil seine Pädagogik nicht parteikonform genug war.</p>

<p>Der tiefere Grund war m.E. auch, dass Freinet ebenso wie Vogeler unter &#8220;Kommunismus&#8221; die Erziehung des Menschen zum selbstbestimmten und demokratisch denkenden Bürger mit Gemeinschaftssinn und Bereitschaft zum Teilen vorhandener Ressourcen (genossenschaftliches Denken) verstanden und sich nicht vom Machtstreben parteilicher Rädelsführer zum &#8220;Kampf&#8221; instrumentalisieren lassen wollten. Vogeler wie Freinet waren überdies erklärte Pazifisten - Kommentar überflüssig. Die Revolution frisst stets ihre eigenen Kinder. Aber vergessen werden sie nicht!</p>

<p>______________________________</p>

<p>Quellen der Zitate, Hinweise und weiterführende Links:</p>

<p><br />
[1] siehe mein Artikel &#8220;Projektschule Museum - Sozialgeschichte begreifbar vermitteln&#8221; unter Link:<br />
<a href="http://www.musikwerkstatt-rzeszut.de/index.php/mwr/projektschule_museum_-_sozialgeschichte_begreifbar_vermitteln/">http://www.musikwerkstatt-rzeszut.de/index.php/mwr/projektschule_museum_-_sozialgeschichte_begreifbar_vermitteln/</a></p>

<p>[2] zu &#8220;Projektunterricht&#8221; und &#8220;Projektmethode&#8221;: Bastian/Gudjons/Schnack/Speth (Hrsg.), Theorie des Projektunterrichts, Hamburg 1997.</p>

<p>[3] Gertud Franck, Gesunder Garten durch Mischkultur, München 1980.</p>

<p>[4] über und von Leberecht Migge gibt es zahlreiche Publikationen. Einen ersten Überblick verschafft:<br />
Fachbereich Stadt- und Landschaftsplanung der Gesamthochschule Kassel (Hrsg.), Leberecht Migge - Gartenkultur des 20. Jahrhunderts, Worpswede 1981.</p>

<p>[5] Die Mitte in der Krise : rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2010 / Oliver Decker ... [Hrsg.: Nora Langenbacher. Friedrich-Ebert-Stiftung, Forum Berlin, Projekt &#8220;Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus&#8221;]. - Berlin, 2010.</p>

<p>[6] Bei Interesse lohnt sich die Mitarbeit oder gar Mitgliedschaft bei der Bundesarbeitsgemeinschaft Schulgarten BAGS. Hier das Link: <a href="http://www.bag-schulgarten.de/">http://www.bag-schulgarten.de/</a></p>

<p>[7] Link: <a href="http://www.pillars.co.uk/">http://www.pillars.co.uk/</a></p>

<p>[8] Richard Senett, Handwerk, Berlin 2009</p>

<p>[9] Link zu diesem Artikel: <a href="http://www.musikwerkstatt-rzeszut.de/index.php/mwr/artikel/mountja_herbert_kauffeld_und_karlfried_graf_duerkheim/">http://www.musikwerkstatt-rzeszut.de/index.php/mwr/artikel/mountja_herbert_kauffeld_und_karlfried_graf_duerkheim/</a></p>

<p>[10] aus der zahlreichen Vogeler-Literatur, die man auf dem Barkenhoff in Worpswede kaufen kann, empfehle ich als Einstieg Walter Hundt, Bei Heinrich Vogeler in Worpswede, Worpswede 1981. Walter Hundt, Landwirtschaftsspezialist, war langjähriger Mitarbeiter Vogelers und lebte in der Kommune Barkenhoff. Seine Memoiren sind lebendig und umfassend und das besonders für Leser, die sich für den Garten- und Landbau auf dem Barkenhoff interessieren.</p>

<p>[11] Kerschensteiner, Schule der Zukunft, zitiert nach: Christian Salzmann, der Gedanke der Arbeitsschule in der deutschen Pädagogik. Enthalten in: Träume, Wege, Irrwege - Nachdenken über Heinrich Vogeler (Hrsg. Ernstheinrich Meyer-Stiens), Worpswede 1995, Schriftenreihe der Barkenhoff-Stiftung, hier S.94.</p>

<p>[12] Diese Annahme wird gestützt durch Walter Hundt, der das erste Jahr der Arbeitsschule Barkenhoff mit 1921 angibt. Vogeler hatte eine (bei Hundt abgebildete) Radierung geschaffen mit demTitel &#8220;Werden - Baustein für die Arbeitsschule Barkenhoff&#8221; und datiert mit 1921. Quelle: Walter Hundt, Bei Heinrich Vogeler in Worpswede - Erinnerungen, 2.Aufl.,Worpswede 1995. S.80.</p>

<p>[13] Hierzu empfehlenswert zu lesen: Dörte Beier, Kiel in der Weimarer Republik - Die städtebauliche Entwicklung unter der Leitung Willy Hahns, Kiel 2004. - Migges eigene Vorstellungen über Stadtplanung, Schrebergärten und Selbstversorgersiedlungen findet man in: Leberecht Migge, Der soziale Garten - Das grüne Manifest, (Nachdruck), Berlin 1999.</p>

<p>[14] Ingrid Dietrich (Hrsg.) Handbuch Freinet-Pädagogik - eine praxisbezogene Einführung, Weinheim/Basel 1995, S.27</p>

<p>Alle Fotos von Martin Rzeszut, Kiel. Das Vogelhaus hat mein Vater mit mir ca. 1960 gebaut und das Fachwerkhaus ist der Barkenhoff in Worpswede.
</p>
      ]]></content>
    </entry>

    <entry>
      <title>AKW &#45; Boykott!</title>
      <link rel="alternate" type="text/html" href="http://www.musikwerkstatt-rzeszut.de/index.php/site/akw_-_boykott/" />
      <id>tag:musikwerkstatt-rzeszut.de,2011:index.php/mwr/index/1.283</id>
      <published>2011-06-01T13:45:58Z</published>
      <updated>2011-06-01T13:50:59Z</updated>
      <author>
            <name>Martin Rzeszut</name>
            <email>martin.rzeszut@musikwerkstatt-rzeszut.de</email>
                  </author>

      <category term="Menschenrechte"
        scheme="http://www.musikwerkstatt-rzeszut.de/index.php/site/C36/"
        label="Menschenrechte" />
      <category term="Gegen jedwede Nutzung von Kernenergie!"
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        label="Gegen jedwede Nutzung von Kernenergie!" />
      <content type="html"><![CDATA[
        <p>&#8220;Wasser, Wind und Sonne! - Atomkraft in die Tonne!&#8221; 3500 AKW-Gegner gröhlten diese Forderung letzten Samstag in Kiel - zusammen mit 160 000 AKW-Gegnern bundesweit. Als Teil-Erfolg unserer Anti-AKW-Demonstrationen der letzten Monate können wir durchaus die angeplante Abschaltung unserer alten Schrott-Meiler sehen. Doch glauben wir das erst, wenn dieser Beschluss als Gesetz formuliert verabschiedet wird und der Rückbau wirklich beginnt.</p>

<p>Die Regierung hat sich schliesslich auch nicht an die Empfehlung der sog. &#8220;Ethik-Kommission&#8221; gehalten, die für weniger Jahre plädierte und Hintertürchen nicht empfahl. Was also letzten Sonntag von Merkel und Co &#8220;beschlossen&#8221; wurde, könnte also auch mal wieder Wahltaktik sein&#8230; wer weiß das schon so genau?</p>

<p>Was wir also von Röslers &#8220;Pufferkraftwerk&#8221; halten sollen,...na ja. Der Typ ist immerhin Arzt und sollte über die negativen Auswirkungen der Atomtechnologie besser informiert sein. </p>

<p>Ich empfehle Herrn Rösler und allen anderen Nuklear-Enthusiasten in Regierung und Wirtschaft da unbedingt die Lektüre der Website der IPPNW - Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, Ärzte in sozialer Verantwortung e.V: &#8220;Die atomkritische Ärzteorganisation IPPNW kritisiert den Beschluss der Regierungskoalition, die Bevölkerung weitere 3.650 Tage der Gefahr eines Super-GAU im dicht besiedelten Deutschland auszusetzen, als verantwortungslos.&#8221;&nbsp; [zitiert nach <a href="http://www.ippnw.de/">]http://www.ippnw.de/]</a></p>

<p>Kaum eine politische Lobby solidarisiert sich zur Zeit mit jener Million AKW-Gegner, die hierzulande und regelmäßig montags und samstags gegen die AKWs und gegen nukleare Rüstung demonstrieren gehen. Allein Die Linke plädiert für &#8220;Abschalten sofort!&#8221; - ebenso gradlinig, wie sie sich gegen Bundeswehreinsätze im Ausland ausspricht. Interessant: für beide Thematiken setzten sich vor Jahrzehnten einmal die Grünen ein&#8230;.macht nix, die Zeiten ändern sich deutlich und der Protest der Massen kann nicht mehr totgeschwiegen werden. Wir lassen uns von den Interessen einer kleinen reichen Oberschicht nicht dominieren, zeigen klar die Gier nach Gewinnmaximierung per Kernspaltung auf und gehen jetzt zum friedlichen aber entschiedenen Protestkampf über, weil alle Überzeugungsversuche mit stichhaltigen und sachlichen Argumenten nichts mehr zu nützen scheinen.</p>

<p>Macht man Ohren und Augen wirklich einmal in diesen Tagen deutlich auf und schaut man etwas weiter, als der Arm lang ist, so geht es bei allen AKW-Diskussionen der Befürworter ausschliesslich um wirtschaftliche Vor- und Nachteile. Kurz: um das große Geld, nicht aber um das Wohl und die Gesundheit des Menschen! Und welche Engpass-Dramen werden da inszeniert&#8230;es ist unglaublich, wie wir da verarscht werden. Die Vorständler der großen Energiekonzerne müssen allerdings nicht auf ihre Traumhonorare verzichten, um die sie nun weinend ringen: der Rückbau der bundesdeutschen AKWs wird sie noch bis weit über 2050 mit Steuergeldern füttern&#8230;</p>

<p>Schalten wir also die AKWs einfach selbst ab! Seit 50 Jahren wollten wir sie sowieso nicht. Man hat sie uns aufgedrückt, weil Atomtechnik prestigeträchtig sei. Wir sehen momentan an Japan, was das genau bedeutet.</p>

<p>Wie denn das, AKWs selbst abschalten? - Aus der Steckdose kommt doch immer auch Atomstrom, oder?</p>

<p>NEIN! Das ist alles Moppelkotze, genau wie der Spruch, dass ohne Atomstrom die Lichter ausgehen.</p>

<p>Ich entscheide mich ganz einfach für einen Ökostromanbieter und bezahle und fördere dann mit meiner Stromrechnung ausschliesslich die Produktion von erneuerbarer Energie und Energie aus Kraft-Wärme-Kopplung mit Erdgas. Mein Strom stammt also nicht aus irgendeinem dieser unberechenbaren Meiler, die eher Zeitbomben gleichen und damit habe ich etliche Menschenleben gerettet.</p>

<p>Wir sind mit unserer Musikwerkstatt in Kiel seit Jahren Kunde von Die Strommixer GmbH in Jemgum. Der Strommix ist überzeugend und enthält keinen Strom aus AKWs. Die Stommixer sind auch keinesfalls an Atomkonzernen beteiligt oder von ihnen abhängig. Ausserdem ist ihr Strom bundesweit verfügbar. Der Wechsel von unserem alten Anbieter &#8220;Stadtwerke Kiel&#8221; verlief reibungslos und die Strommixer nahmen mir alle Arbeit der Umstellung und die Kündigung des alten Vertrages ab. Ausserdem gab und gibt es für ein Jahr Preisgarantie und Gebühren für den Wechsel fallen nicht an.</p>

<p>Die Strommixer gehören zu den großen Fünf, die empfohlen werden.<br />
(Siehe: <a href="http://www.oekostromern.de/oekostrom/empfohleneanbieter/">http://www.oekostromern.de/oekostrom/empfohleneanbieter/</a>)</p>

<p>Wir können sogar ausschliesslich die Strommixer empfehlen, und zwar deswegen, weil es der einzige Ökostromanbieter ist, der ohne Werbung und große Verwaltung auskommt. Ich zitiere im Folgenden aus dem &#8220;Profil&#8221;:</p>

<p>&#8220;Aus der zukunftsweisenden Idee einer sozial-ethischen Initiative heraus 1989 entstanden, produzieren die Strommixer-Initiatoren bereits 1992 umweltfreundlichen Strom mit eigenen Windkraftanlagen (Opens external link in new windowisrwind.de), speisen ihn ins öffentliche Netz der „großen&#8221; Versorger.</p>

<p>Im März 2001 wird die Strommixer GmbH von 14 Privatpersonen gegründet. Aufgabe: Der Handel mit ausschließlich sauberer Energie als echte Alternative zu den &#8220;grünen Töchtern&#8221; herkömmlicher Energieversorger. Neben der Vermarktung von regenerativer Energie aus der nordwestdeutschen Region gehört auch die Produktion solcher Energie zum Profil der Strommixer. Windkraftanlagen an verschiedenen Orten im Rheiderland und weitere realisierte wie geplante Projekte sind dafür Beleg.</p>

<p>Die Strommixer sind in Nordwestdeutschland der einzige unabhängige Stromanbieter und unterscheiden sich von den übrigen Stromanbietern durch die Transparenz der Unternehmensziele. Mindestens 20% der Gewinne werden garantiert in ökologisch-soziale Projekte reinvestiert. Die Realisierung dieser Projekte ist neben dem Handel mit Energie gleichberechtigtes Unternehmensziel.</p>

<p>Mit heute ca. 8.000 Kunden (Stand Oktober 2009) und 6,5 Mio € brutto Umsatz (für 2009) befinden wir uns auf einem stetigen Wachstumskurs, der unsere Philosophie bestätigt.&#8221; [zitiert aus <a href="http://www.die-strommixer.de/unternehmen/profil/">]http://www.die-strommixer.de/unternehmen/profil/]</a><br />
 
Sollten also Atomstromkunden wegen der Honorarausfälle in den Vorständen der führenden vier großen Energiekonzerne kräftig zur Kasse gebeten werden, so tangiert uns das nicht - und leider wird da auch kein sog. &#8220;Solidaritätsprinzip&#8221; greifen. Die Scherben der Atomenthusiasten und -Nutzer sammeln wir Ökostromnutzer nicht auf!</p>

<p>Und noch eins: Atom-Boykott bedeutet auch, all den unnützen Kram nicht zu kaufen, der bei unseren Discountern massenhaft verscherbelt wird. Im privaten Konsum können wir massenhaft Energie sparen. Und jede Kilowattstunde, die wir intelligent sparen, kann jemand anders sinnvoll nutzen!</p> 
      ]]></content>
    </entry>

    <entry>
      <title>Atomkraftwerke jetzt abschalten!</title>
      <link rel="alternate" type="text/html" href="http://www.musikwerkstatt-rzeszut.de/index.php/site/atomkraftwerke_jetzt_abschalten_-_grossdemo_am_28.mai_in_kiel/" />
      <id>tag:musikwerkstatt-rzeszut.de,2011:index.php/mwr/index/1.282</id>
      <published>2011-05-26T13:47:44Z</published>
      <updated>2011-05-26T13:52:45Z</updated>
      <author>
            <name>Martin Rzeszut</name>
            <email>martin.rzeszut@musikwerkstatt-rzeszut.de</email>
                  </author>

      <category term="Allgemeines"
        scheme="http://www.musikwerkstatt-rzeszut.de/index.php/site/C14/"
        label="Allgemeines" />
      <content type="html"><![CDATA[
        <p>Ablauf am 28. Mai in Kiel:</p>

<p>Auftakt: 12 Uhr, Bahnhofsvorplatz</p>

<p>Demonstration zum Rathausplatz</p>

<p>Abschlusskundgebung: 14-vrstl.16 Uhr, Rathausplatz</p>

<p>Programm:</p>

<p>&nbsp;   RednerInnen:</p>

<p>&nbsp;  &nbsp;  &nbsp; Uwe Polkaehn (DGB-Vorsitzender Bezirk Nord)<br />
&nbsp;  &nbsp;  &nbsp; Professor Rosenau (theologische Fakultät der Universität Kiel<br />
&nbsp;  &nbsp;  &nbsp; AVANTI<br />
&nbsp;  &nbsp;  &nbsp; BUND<br />
&nbsp;  &nbsp;  &nbsp; Greenpeace<br />
&nbsp;  &nbsp;  &nbsp; IPPNW<br />
&nbsp;  &nbsp;  &nbsp; x-tausendmal quer</p>

<p>&nbsp;  &nbsp; </p>

<p>&nbsp;   Musik:</p>

<p>&nbsp;  &nbsp;  &nbsp; Käpt&#8217;n Kümos Marching Band (Flensburg, Samba)<br />
&nbsp;  &nbsp;  &nbsp; Feijoanda (Samba)<br />
&nbsp;  &nbsp;  &nbsp; The Clerks (Köln, Ska) </p> 
      ]]></content>
    </entry>

    <entry>
      <title>Kseniya Simonova erinnert an die Tschernobyl&#45;Katastrophe</title>
      <link rel="alternate" type="text/html" href="http://www.musikwerkstatt-rzeszut.de/index.php/site/kseniya_simonova_erinnert_an_die_tschernobyl-katastrophe/" />
      <id>tag:musikwerkstatt-rzeszut.de,2011:index.php/mwr/index/1.281</id>
      <published>2011-05-19T11:17:58Z</published>
      <updated>2011-05-20T10:56:59Z</updated>
      <author>
            <name>Martin Rzeszut</name>
            <email>martin.rzeszut@musikwerkstatt-rzeszut.de</email>
                  </author>

      <category term="entdeckt bei You Tube"
        scheme="http://www.musikwerkstatt-rzeszut.de/index.php/site/C21/"
        label="entdeckt bei You Tube" />
      <content type="html"><![CDATA[
        <p>Nun wissen wir es, was wir eh schon dachten: die Kernschmelze in Fukushima ist in vollem Gang und die Verantwortlichen (AKW-Betreiber, japanische Regierung usw.) haben seit Wochen verheimlicht und gelogen. Hunderte von Menschen werden zur Zeit dem Versuch geopfert, noch eben zu retten, was nicht mehr zu retten ist. Aber man gibt sich Mühe, man entschuldigt sich, man hat es eben raus, wie man die Menschen für dumm verkauft. Die flexiblen Alurohre, die die Todeskommandos in Fukushima verlegen, sehen perfekt nach Problemlösung aus. Klappt es nicht, wird man weitere Kamikaze-Methoden erfinden um der Welt zu beweisen, dass Japan technisch auf höchstem Niveau steht&#8230;.wie damals in Tschernobyl&#8230;</p>

<p>Womit man in Japan und anderswo allerdings merkwürdigerweise nicht rechnet, ist dass der &#8220;normale Mensch&#8221; oder &#8220;der Laie&#8221; durchaus Durchblick hat und sehr gut beurteilen kann, ob eine Technologie ausgereift und ohne viel Aufwand und Gefahren beherrschbar ist oder ob sie es nicht ist. Schliesslich bleiben unsere Fachleute nicht stumm und es ist nicht so leicht, Wissenschaftlern hierzulande einen Maulkorb zu verpassen, der sie am Sprechen und Beurteilen hindert. Schliesslich haben wir hier in der Bundesrepublik die stärkste Anti-AKW-Bewegung weltweit und da machen auch Fachleute und Wissenschaftler mit!</p>

<p>Doch was in Japan gerade läuft, kann und wird überall auf der Welt, in Europa, in der BRD bei den kommenden AKW-Katastrophen jederzeit wieder genauso ablaufen. Ich meine den Vorgang des Belügens. Ich erinnere den aufgebrachten Japaner, der einen Tepco-Funktionär wütend anschrie und ihn der Lüge bezichtigte. Soetwas sieht man selten im Lande der aufgehenden Sonne. </p>

<p>Der Mensch lügt in ausweglosen Situationen gern, und besonders gern, wenn er an all die goldenen Kälber denkt, die es zu retten und umtanzen gilt: Wohlstand, Produktion, wirtschaftliche Macht, nationaler Stolz usw. Technisch ist sowieso klar: Brokdorf kann jederzeit genauso hochgehen wie Fukushima. Meist sind es banale technische Probleme, mit denen stets &#8220;niemand rechnen konnte&#8221;...wie damals in Tschernobyl&#8230;</p>

<p>Das Belügen der Menschen, auch &#8220;Wähler&#8221; genannt, ist das, worum es geht. Die prekäre technische Seite steht klar ausser Frage: Frau Merkel ist Physikerin mit Schwerpunkt Strahlenforschung. Sie weiss genau, (und spätestens seit damals in Tschernobyl&#8230;) was ein Supergau ist und eine bessere Fachfrau in Sachen Atomfragen können wir uns an der Spitze unserer Republik in dieser Beziehung gar nicht wünschen. Ich würde sagen: das könnten, was Sachverstand und technischen Durchblick betrifft, geradezu optimale Bedingungen sein.</p>

<p>Frau Merkel hat auch die Tschernobyl-Katastrophe erlebt. Sie war damals 32 Jahre alt (zufällig genau so alt wie ich). Das ging an uns damals nicht so einfach vorrüber und ich glaube nicht, dass es in Sachen Angst und Trauer einen besonderen Unterschied zwischen Ost und West gab. Wir litten alle unter Desinformation, doch die gemessenen Strahlenwerte überzeugten. Jeder zitterte&#8230;.damals nach Tschernobyl&#8230;</p>

<p>Also: als klar war, was in Fukushima läuft, hätte Frau Merkel aufgrund eigener Erfahrungen und eigenen Fachwissens ein komplettes Abschalten der AKWs erstmal anmahnen und im weiteren durchsetzen müssen. Dass man dafür die richtigen Gesetze und die bitte schnell braucht, ist auch klar. Dass unsere AKWs alle unsicher sind, weiss Frau Merkel nicht erst nach dem letzten &#8220;Stresstest&#8221;...Frau Merkel ist schliesslich Physikerin und brauchte eigentlich nur ihre ganz persönliche technisch fundierte Sicht der Dinge auszusprechen. Und der Flugzeugabsturz auf ein AKW war immer Thema in 50 Jahren deutscher AKW-Geschichte.</p>

<p>Frau Merkel sagt nicht ihre Meinung: sie sitzt das Problem nach alter CDU-Manier aus. Sie macht sich selber was vor und sieht das parteimeinungstechnisch. &#8220;Moratorium&#8221; klingt nach was (erinnert doch irgendwie an &#8220;Oratorium&#8221;, nicht war?) und wirkt überzeugend. Das &#8220;Moratorium&#8221; ist Augenwischerei, denn am 27. Mai ist es vorbei.</p>

<p>Auch &#8220;Ethikkomission&#8221; macht was her. Dass das Wort &#8220;Ethikkomission&#8221; sich in den letzten Jahren unbemerkt in die Wirtschaft eingeschlichen hat, kommt Frau Merkel ganz gelegen. Jeder weiss, dass Ethik direkt mit dem Menschen zu tun hat und der Begriff &#8220;Ethikkommission&#8221; wurde Mitte der 70iger Jahre einzig zu dem Zweck gewählt, daß Mediziner und Wissenschaftler sich zusammensetzten, um den Menschen oder die Menscheit vor negativen Folgen der Forschung zu schützen. Daran aber denkt Wissenschaftlerin Frau Merkel nicht.</p>

<p>Eine &#8220;Ethikkommission&#8221; sollte sich also wirklich nur auf die Gesundheit des Menschen konzentrieren und nach der ersten Sitzung müsste sich eine solche Kommission darin zu 100%ig einig sein, dass die Atomforschung sich seit der ersten Atombombe auf Hiroshima vor 66 Jahren schädlich auswirkt, dass im Kalten Krieg und bis heute die Atomsprengköpfe die ganze Welt permanent bedroht haben und noch bedrohen und dass Atomkraftwerke seit 50 Jahren technisch so primitiv gebaut sind, dass sie eine permanente Bedrohung der Gesundheit darstellen. Die Entsorgung des Atommülls ist nicht gewährleistet. In Gorleben und anderen geplanten oder benutzten End- und Zwischenlagern strahlt bald das Trinkwasser und der Uranabbau fordert seit geraumer Zeit Menschenleben. Tschernobyl und nun auch Fukushima zeigen dramatisch, dass alles, was wirklich jeder Mensch weiß, auch so ist.</p>

<p>Die Ethikkommission arbeitet jedoch erklärterweise leider nur &#8220;mit Augenmaß&#8221;, und so kann man schon mal gelegentlich den Menschen und dessen Gesundheit glatt übersehen! Macht nichts, schliesslich kann man sich ja, wenn es mal wieder in einem AKW geknallt hat, erfurchtsvoll vor der Bevölkerung verneigen und sich &#8220;entschuldigen&#8221; (Tepco zeigt wie es geht).</p>

<p>Statt &#8220;Augenmaß&#8221; ist allerdings ein sehr genaues Hingucken erforderlich. Verschwommene Sichtweisen fallen zur Zeit überall auf. Wir sind nicht blind und lassen uns nicht von Euro-Umsätzen blenden!</p>

<p>In der &#8220;Ethikkommission&#8221; geht es allerdings nur um Geld. Man nennt es &#8220;Bezahlbarkeit des Ausstiegs&#8221;. Ziemlich verlogen finde ich das. Menschenleben darf man niemals und nimmer gegen Geld aufwiegen, oder? Das verstösst voll gegen alle ethischen Prinzipien , die ich kenne.</p>

<p>Realität ist diese: es geht nicht um die Gesundheit des Menschen. Goldenes Kalb und Babylon - um diese fundamentalen biblischen Begriffe einmal zu bedienen, in denen unsere Ethik verankert ist - sind Gegenstand der Überlegungen der sog. Ethikkommission. Nicht der MENSCH.</p>

<p>Warum? Mit einem Atommeiler verdient der Betreiber täglich 1 Million Euro (trotz aller Pannen und Abschaltungen) - das soll nun vorbei sein? Das Atomgeschäft ist das einzige Geschäft, wo man keine Betriebshaftpflichtversicherung braucht - eine solch gute Chance soll man sich entgehen lassen? NEIN! - Koste es was es wolle&#8230;auch gern Menschenleben (wie damals in Tschernobyl&#8230;)</p>

<p>In einer Zeit, in der es wieder national tönt und Nazis geschützt werden, in der Miliardäre wie Pilze aus dem Boden wachsen und Mangagergehälter astronomische Höhen erreichen, die Armen für dumm gehalten werden, da muss man doch realistisch sein und &#8220;mit Augenmaß&#8221; handeln, nicht überstürzt bitteschön und immer hübsch langsam&#8230;.wie damals nach Tschernobyl&#8230;</p>

<p>Ja, Frau Merkel, wir glauben Ihnen genau das: eben, mit Augenmaß kommen wir da nicht weiter, wir müssen schon sehr genau hingucken und DEN MENSCHEN und seine Gesundheit im Zentrum des Interesses behalten. Ohne den gesunden Menschen kann der &#8220;Standort Deutschland&#8221; schnell genauso aussehen wie heute die Gegend um Tschernobyl. Fahren Sie doch mal in die Ukraine nach Pripjat und gucken Sie sich doch mal an, wie Todeskommandos - die täglich mit Bussen zum Tschernobyl-Reaktor gefahren werden um den Rückbau zu besorgen - in der Mittagspause am strahlend schönen Kühlwassersee sitzen und Fische fürs Abendessen angeln!</p>

<p>Am Ostermontag trafen sich Atomkraftgegner in Brunsbüttel. ca. 6000 Menschen gedachten der Tschernobyl-Katastrophe und skandierten: &#8220;ABSCHALTEN!&#8221; Ich hoffe, Frau Merkel, Sie haben es gehört, da Sie für unsere Gesundheit die volle Verantwortung tragen!</p>

<p>Die Tschernobyl-Katastrophe wurde übrigens durch einen praktischen &#8220;Stresstest&#8221; ausgelöst: am 26.April 1986 simulierte man einen Stromausfall am Reaktor. Man wollte damit demonstrieren, wie gut die Notstromversorgung funktionierte. Aber das klappte nicht. Der Reaktor war eine Fehlkonstruktion und es passierte, &#8220;was man niemals für möglich gehalten hätte&#8221;...der Reaktor explodierte, die Bewohner der Stadt Pripjat wurden im Schlaf überrascht. Danach meldete die Kraftwerksleitung, dass der Reaktor intakt geblieben wäre, was gelogen war. Man log in Tschernobyl also genauso wie in Fukushima.</p>

<p>Man lügt bis heute auch, was die Zahlen der Strahlenopfer nach Tschernobyl betrifft. Bis heute werden 5 Millionen strahlenverseuchte Menschen in der näheren Umgebung des Reaktors medizinisch versorgt. Etwa 1 Million Menschen sind während der letzten 25 Jahre verstorben und sterben zur Zeit an den Folgen der Reaktorkatastrophe. Von zuständiger Seite lügt man allerdings emsig die Zahlen herunter, als ob dies einen Unterschied mache. Doch die Realität bringt alle Lügner zum verstummen und heute spricht die &#8220;Generation Tschernobyl&#8221; weiter und kämpft verbissen gegen das Lügen und Vertuschen. &#8220;Generation Tschernobyl&#8221; sind all jene, die meine Kinder sein könnten und Mitte der 1980iger geboren wurden. Sie melden sich deutlich zu Wort. In der Ukraine schmeissen sie mit Sand um sich und gegen die Lügner. Vor dem Werkstor von Brunsbüttel schreien sie laut &#8220;ABSCHALTEN!!!&#8221; und manchmal begegnet man ihnen dort, wo man garnicht denkt.</p>

 <p>Das zweite Halbfinale des Eurovision Song Contest reisst meine Frau und mich nicht gerade aus dem Sofa - aber man guckt das ja trotzdem als Musiklehrer und eigentlich ist es ja auch ganz lustig. Schön ist immer wieder, wieviele junge Menschen sich dort präsentieren und man wird optimistisch, was die kulturelle Zukunft Europas angeht. Überhaupt: Europa ist der rote Faden. Der ESC ist ein Kult für europäischen Zusammenhalt. Musik sprengt alle Grenzen und viele Fernsehzuschauer wissen nun auch, wo dieses AZERBAIJAN liegt&#8230;die umweltverseuchenden Ölquellen von Baku kannte man ja schon länger.</p>

<p>Dass der ESC noch ganz andere Perspektiven bietet als Unterhaltung, sollte mir am selben Abend noch krass klar werden&#8230;</p>

<p>Lenas Song empfand ich als etwas düster: da war doch letztes Jahr deutlich mehr Emotion und Lebendigkeit. Assoziationen zu den weiß eingekleideten Arbeitern in Fukushima drängten sich mir leider auf und Lena war etwa morbid düster geschminkt. aber ok, dafür kann sie nichts, denn sie wird von anderen gemanagt. Zdob si Zdub aus Moldavien mit ihren Filzhüten und der Einradfahrerin, später  Maja Keuc aus Slovenien mit ihrem ehrlich gesungenen Lied verbesserten meine Stimmung schon erheblich. Es geht mir bei solchen Sachen immer um Ehrlichkeit und Musik, die aus dem inneren möglichst filterlos fliesst. Das ist mein einziges Kriterium für &#8220;gut&#8221; oder &#8220;gelungen&#8221;.</p>

<p>Beim Song &#8220;Angel&#8221; (Mika Newton, Ukraine) war es ehrlich gesagt weniger der Song, der mich doch plötzlich elektrisierte: es war die Sandmalerei auf der Projektionsfläche, da malte jemand - sah aus wie ein Engel - doch tatsächlich mit feinem Sand phantastische Kompositionen im Einklang zur Musik. Assoziationen an Chagall, Munch&#8230;und trotzdem wieder etwas sehr Eigenes, was mich direkt ansprach und was ich zu kennen glaubte: das menschliche Gesicht, die zwischenmenschliche Beziehung, Emotionen wie Lachen und Weinen. Es ging um Frieden. Passte zum Titel: Angel. Irgendwas hing da plötzlich in der Luft, was faszinierte. Ein bißchen Himmel über Berlin&#8230;Auch den Kommentator Peter Urban hatte es gepackt. Er kommentierte später, dass der Song wohl hauptsächlich wegen der Sandmalerei interessant gewesen wäre. Wir gaben ihm recht.</p>

<p>Also: da floss der Sand aus Kseniya Simonovas Händen filterlos und mit Perfektion gesteuert auf eine von unten beleuchtete Glasplatte, über der die Videokamera hing. Was auf der Glasscheibe passierte, konnte man nun riesengroß auf der Projektionsfläche verfolgen. Kseniya Simonova malte mit diesem feinen rotbraunen Sand einmal zum Rhythmus des Songs, zum anderen gab es inhaltliche Schnittpunkte. Thema Engel. Thema Sterben. Das war mehr zu fühlen als zu sehen. Denn die mit Sand gemalten &#8220;Zeichnungen&#8221; wurden permanent und in großer Geschwindigkeit laufend geändert, verwischt, übermalt, mit Sandregen hell oder dunkel getönt. Ich sehe einen Film, der hier von Hand gemalt wird. Alles ist flüchtig, jede Komposition aus Figuren, Gesichtern, Blüten, Vögeln existiert nur für Bruchteile von Sekunden. Ich und viele andere an den Fernsehern dürfen es sehen und fühlen. Die Malgeschwindigkeit ist so hoch, dass man das Denken ausschaltet und nur noch mit Intuition und Fühlen das Malen miterlebt. Einmalig, schnell vergänglich. Doch glücklicherweise hält die Videokamera alles fest.</p>

<p>Es ist, wie wenn man aus dem Zugfenster schaut und die vorbeirennende Landschaft wahrnimmt. Innere Betroffenheit macht sich breit: da passiert auf dieser großkotzigen Riesenprojektionsfläche jetzt endlich einmal etwas WESENTLICHES - was mit Wesen, mit Menschen zu tun hatte. </p>

<p>In den 1990iger Jahren gab es einige bildende Künstler, die sich dem Schnellzeichnen mit Pinsel und Tusche widmeten. Ziel war der Versuch, den Moment - oder ein Stück fließende &#8220;Gegenwart&#8221; - wirklich auch als Moment festzuhalten. Wenn mehrere Künstler zusammenarbeiten, so entsteht durch gegenseitige Beeinflussungen eine erstaunliche Dynamik und Kraft in der Aktion. Ich selbst hatte damals bei einem solchen Projekt in Göttingen Erfahrungen gesammelt. Ich improvisierte auf einer schwarzen Bühne Musik, zu der eine Tänzerin tanzte. Die Tänzerin wurde von der Malerin mit Tusche und Pinsel gezeichnet und eine Performance dauerte nur 10 Minuten. Pro Minute eine Zeichnung ergab quasi ein Filmbild. Hängte man nach 10 Minuten 10 Zeichnungen chronologisch an einer Wäscheleine hintereinander auf, so ergab sich ein Zeichnungs-Film.</p>

<p>Ähnliches sah ich nun im Rahmen des ESC und war sehr erfreut: da war plötzlich eine angenehme Unterbrechung in einer Reihe von überplanten, oft überladenen Shownummern. Leider war der Song &#8220;Angel&#8221; nicht improvisiert, bot aber ein gutes Thema: da blitzte ein Moment auf, in dem Kreativität explodierte. Malerisch. Anders als sicherlich beabsichtigt hielt sich wenigstens bei mir der Song im Hintergrund. Ohne den Song hätte aber die zweite Dimension, die Musik gefehlt, mit der Kseniya Simonova stets arbeitet.</p>

<p>Explosiv und ekstatisch kann man das Arbeiten von Kseniya Simonova schon nennen, wenn man sich ihre zahlreichen Videos auf You Tube ansieht: da wird mit Sand geworfen, da wird verbissen gekämpft, dann wieder absolute Ruhe, meditative Momente&#8230;unbeschreiblich und einfach hervorragend gekonnt.</p>

<p>Man kommt von diesen Sandmalvideos nur schwer los, weil sie einmal technisch faszinieren, zum anderen thematisch höchst emotional geladen sind. Da geht es um Krieg 1945. Es geht um Geburt und Tod, um Krankheit und Freude. Um Hochzeit und Beerdigung, um Jugend und Alter, um Liebe und Hass. Kseniya Simonova führt Regie in ihrem kleinen Sandtheater und ihre Phantasie und Kreativität scheint grenzenlos. Hauptsage: weg mit Krieg, weg mit Gewalt. </p>

<p>Kseniya Simonova sagt, malt offen was sie will, was sie stört. Im Tschernobyl-Film (siehe oben) schildert sie das durch Menschen verursachte Drama. Hart und schonungslos. Sie gehört zu jener &#8220;Tschernobyl-Generation&#8221; und war zum Zeitpunkt der Reaktorkatastrophe ziemlich genau 1 Jahr alt. Ksenija und der Reaktor waren knapp 700km auseinander. Ksenija hat überlebt.</p>

<p>Faszinieren tut mich die unglaubliche Präzision und Geschwindigkeit, mit der Kseniya Simonova feinste maltechnische Details wie Schatten, dünne Linien, Kontraste nur mit den Händen und Fingern herausarbeitet. Sie arbeitet mit beiden Händen synchron. Manchmal malen alle Fingerkuppen gleichzeitig. Plötzlich sind die Kompositionen gestochen scharf, dann wieder wirft sie im nächsten Moment eine feine Schicht Sand darüber und es entstehen Chiffren für Nebel, Furcht, Unsicherheit, Angst. Hektisch rudernde Armbewegungen machen alles Geschaffene wieder zunichte: sie schmeisst wild und verbissen mit Sand - und aus dem Chaos entsteht langsam und schön wieder neues Leben und die Sonne scheint. Oder auch nicht: die Trostlosigkeit bleibt und vergangenes blühendes Leben reduziert sich auf ein gemaltes Foto, das ein altgewordener Mensch betrachtet. Kseniya Simonova ist selbst Teil der Performance und ihr Gesichtsausdruck beim Arbeiten ist eine weitere künstlerische Dimension. </p>

<p>Kseniya Simonova ist graduierte Psychophysiologin und studierte Malerin und gründete vor zwei Jahren eine Kulturzeitschrift, deren Sponsor während der Wirtschaftskrise 2008 pleite ging. Sie fiel darauf in eine schwere Depression. Sie und ihr Mann - der Theaterregisseur und Redakteur Igor Paskar  - hatten plötzlich kein Geld mehr. Der Sohn Dmitry war gerade geboren worden. Das Kind half Ksenija über die Depressionen hinweg und man kam auf die Idee, Theater und Malerei miteinander zu verknüpfen und daraus neue künstlerische Arbeit zu generieren. Igor Paskar kam auf die Idee mit dem Sand für ein neues Theaterprojekt. Ksenija machte erste Versuche mit Sand vom Strand, doch das klappte nicht. Das Paar investierte ihr letztes Geld in 3kg fein gemahlenen Lavasand, der sehr schwer zu bekommen war. Damit klappte es. Nach drei Monaten harter Sandforschung (immer bei Nacht, weil das Kind dann schlief) hatte sie ihre Sandmaltechnik rausgearbeitet und bewarb sich bei einem ukrainischen Talentewettbewerb. Weitere drei Monate danach gewann sie den Wettbewerb. Was sie macht, macht sie offensichtlich gründlich.</p>

<p>Sie gehört zu jenen Künstlern, die unter ihrer Arbeit selbst psychisch und körperlich leiden. Kseniya Simonova sagt über sich selber, dass sie sich an eine Sandanimation über 8 Minuten live im Ukrainischen Fernsehen nur mit Schmerzen erinnere: die Hände wären ihr schwer geworden und sie sei von ihrem Thema selbst sehr schockiert und betroffen gewesen. Thema war die Geschichte eines jungen Paares, die der Krieg trennte. Mutter und Kind warteten vergebens auf den heimkommenden Vater, denn der wurde im Krieg getötet. Trotzdem erschien er den beiden schemenhaft draußen vor dem Fenster&#8230;während der Arbeit war es im Auditorium totenstill und viele weinten. Am Ende und nach einer Schweigeminute gab es standing ovations&#8230;Ksenija war fix und fertig - erlöst!</p>

<p>Das Malen mit Fingern mag Ksenija seit ihrer Kindheit. Es gibt darüber nette Szenen in einem autobiografischen Video. Es geht ihr um das Verwirklichen alter Träume. Ihr Interesse für Psychologie und Anatomie merkt man den Sandanimationen deutlich an. Ihr Spezialgebiet im Studium war psychoanalytische Liniengrafik. Ksenija packt die Zuschauer an der Seele und da ist keine Distanz mehr. Das Tschernobyl-Video, dass ich oben vorstelle, wirkt auf mich ähnlich. Kseniya Simonova selbst könnte das Kind im Bett sein. Sie ist es auch im übertragenden Sinne!</p>

<p>Kseniya Simonovas Kunst ist in meinen Augen und nach meinem Gefühl eine starke Abrechnung mit Gewaltpolitik. Dem Krieg, den Katastrophen (Tschernobyl) oder dem oft in ihren Werken zitierten Dienst im Militär setzt sie die Macht der Liebe entgegen. Vögel, Blumen, Bäume, Kinder, Liebende, Frieden - das ist das, wofür wir leben. Dort endet die Folge der Sandbilder, aber dort beginnt sie auch, wie das Tschernobylvideo deutlich zeigt.</p>

<p>Kseniya Simonova sehe ich in einer Reihe mit Chagall, Picasso, Van Gogh, Munch, Kollwitz und vielen anderen bildenden Künstlern und Künstlerinnen, die mit ihrem Werk gegen Gewalt und Wahnsinn gekämpft haben. Und wie wir sehen: der Kampf gegen das Vergessen und gegen das Lügen hört nicht auf.</p>

<p>Im Internet ist Kseniya Simonova unter XENSAND zu finden. SIMONOVA.TV gehört ebenfalls zu ihrer Webpräsenz. </p>

<p>Liebe LeserInnen, bitte seht dieses Video als Mahnung! Schaltet Euch ein damit ABSCHALTEN wahr wird. Es gehört zu den professionell gemachten Lügen, dass das Licht ausginge oder der Strompreis unbezahlbar wäre. Wahr ist, dass erneuerbare Energien jetzt schon ausreichen - vorausgesetzt, man spart etwas und geht verantwortungsvoller mit Energie um. Wieviele Atomkraftwerke sollen denn noch hochgehen? Macht dem Spuk ein Ende&#8230;.macht den Mund auf und sagt was! Ihr seid nicht allein, wie Ihr seht!</p>

<p>Die &#8220;Generation Fukushima&#8221; erblickt gerade weltweit das Licht der Welt&#8230;.wie damals die &#8220;Generation Tschernobyl&#8221;!</p>

<p>Nicht vergessen: jeden Montag Fukushima-Mahnwache (in Kiel ab 18.00, Treffpunkt Bahnhof), am 28.Mai Großdemonstrationen in mehreren Großstädten (Details für Kiel werden hier noch bekanntgegeben)</p>
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      <title>Projektschule Museum &#45; Sozialgeschichte begreifbar vermitteln</title>
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      <id>tag:musikwerkstatt-rzeszut.de,2011:index.php/mwr/index/1.280</id>
      <published>2011-05-11T15:38:14Z</published>
      <updated>2011-05-11T15:47:15Z</updated>
      <author>
            <name>Martin Rzeszut</name>
            <email>martin.rzeszut@musikwerkstatt-rzeszut.de</email>
                  </author>

      <category term="Geschichte"
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      <category term="Projektschule Museum"
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      <content type="html"><![CDATA[
        <p>Brütende Hitze - die staubige Kiesfläche will so garnicht zu einer &#8220;Landesgartenschau&#8221; passen. Ein starker Wind weht von der Wasserfläche und eine Fünfjährige sägt mit einer Puksäge die 20 x 20 mm Leiste aus wohlduftendem Kiefernholz sauber und gerade auf 140 mm Länge ab. Ihr zwei Jahre ältererer Bruder leimt den Türsturz vorsichtig auf und wischt den überquellenden Kaltleim sorgfältig ab. &#8220;Wozu ist diese Tür? Ging das hier in die Küche?&#8221; - &#8220;Ja, in die kleine Küche und Backstube - da war auch ein Backofen.&#8221; - Aha!&#8221; - &#8220;Wo waren denn die Schweine?&#8221; - &#8220;Schweine hatten die Kolonisten nicht - zu arm - keine Essensreste zum Füttern.&#8221; - &#8220;Aha!...die armen&#8230;nicht mal Schweine&#8230;&#8221;.</p>

<p>Der Türsturz schwimmt etwas auf dem Leim, bewegt sich, die Leiste kann noch ein paar Sekunden justiert werden - dann sitzt sie fest. Vorher hatte eine Vierzehnjährige die Wand neben dem Türdurchlass auf 40 mm erhöht und gab dem helfenden Pädagogen locker zu verstehen: &#8220;Lass man&#8230;ich mach das hier schon alleine&#8230;&#8221; Sie hatte nicht zum ersten Mal eine Säge in der Hand, das war schnell zu merken. &#8220;Auf dem Dachboden lag das Getreide, oder?&#8221; - &#8220;Ja, die Halme mit dem Stroh. Gedroschen wurde später auf der Deele. aber soviel Getreide gabs damals garnicht. Die Kolonisten bauten Buchweizen an und Kartoffeln.&#8221; - &#8220;Aha&#8230;Buchweizen? Kenne ich garnicht.&#8221; - &#8220;Eine alte Pflanze aus Asien, die kleinen Nüßchen musste man mühsam schälen und aus den kleinen Kernen konnte man Grütze kochen.&#8221; Ein etwa Zehnjähriger baute ziemlich verbissen alle Fensteröffnungen der Südostwand mit einer Genauigkeit von 2 mm ein. Das alles war am Nachmittag. Das Haus steht nun im Rohbau (siehe Fotos). Eine Komposition aus Kiefernholz und Leim.
</p> <p>Morgens schon gings hektisch aufs Richtfest zu: Sparrenpaare wurden angeschnitzt, angeschliffen und zusammengeleimt. Anders als beim Bau des Originals 1764 mussten wir nicht das ganze Dorf zusammentrommeln, um die Sparrenpaare samt Dachbalken mühsam mit Stangen und viel Hauruck auf dem Rähm zu errichten. Beim Modell im Maßstab 1:20 laufen die Vorbereitungen zum Richtfest etwas kräftesparender ab und die Unfallgefahr ist weitaus geringer als damals bei den Richtfesten. Aber wir konnten darüber erzählen. Unsere netten Standnachbarn vom Kunst- und Kulturverein Eckernförde steuerten eine kleine, maßstabgerechte Richtkrone (aus grüner Wolle gefilzt) und ein Fläschen &#8220;Kieler Korn&#8221; bei. Nach ein paar zimmermännischen Zweizeilern wurde das Haus zünftig mit ein paar Tropfen Korn begossen - und nun wird es &#8220;sehr lange halten&#8221; und noch auf weiteren Workshops der Projektschule Museum im Zentrum des Interesses stehen.</p>

<p>Diese Szenerie spielte sich an einem hochsommerlichen Maitag im Rahmen der LGS-Präsentation verschiedener Institutionen der Eckernförder Bucht ab. Neben dem Kunst- und Kulturverein Eckernförde, der Aktivregion Hügelland am Ostseestrand/Hüttener Berge und anderen hatte auch die Projektschule Museum ihre Werkbank aufgebaut - initiiert von Hans-Werner Preuhsler, der die Region Duvenstedt und insbesondere den Kolonistenhof Neu-Duvenstedt und das Dorfmuseum in Alt-Duvenstedt seit Jahrzehnten kennt.</p>

<p>Das Thema &#8220;Kolonisten in Schleswig-Holstein&#8221; ist - das merkte man auf der LGS - den meisten Zeitgenossen ziemlich unbekannt. Es ist ja auch ein etwas dunkleres Kapitel und nicht so populär wie etwa die Wikinger. Der Einsatz zahlreicher Siedler in den 60iger Jahren des 18. Jahrhunderts war wahrlich nicht von Erfolgen gekrönt. Hauptsächlich weil die Besiedlung von Geest und Mooren seitens der Regierung zu wenig durchdacht und vorbereitet war. Es fehlte an Häusern, Ackerflächen und landwirtschaftlichem Knowhow, so dass sich von 1000 einstmals eingewanderten Familien wirklich nur 50 allen Widrigkeiten - die sich Migranten damals wie heute so stell(t)en - erfolgreich widersetzen konnten. Das sind gerade einmal 5%!</p>

<p>Vor 250 Jahren holte der dänische König Friedrich V.&nbsp; die ersten Kolonisten aus Hessen, Rheinland-Pfalz und Schwaben nach Schleswig-Holstein. Was lag näher für die Projektschule Museum, als dieses Jubiläum zu einem Themenprojekt im Rahmen von &#8220;Erlebte Sozialgeschichte zum Ende der Frühen Neuzeit&#8221; zu nutzen. In Zusammenarbeit mit dem Dorfmuseum Alt-Duvenstedt, dem Kolonistenhof Neu-Duvenstedt, dem Verein Plaggenhacke, Dr. Stamp (Rendsburg) und dem Archäologischen Landesamt Schleswig entstand ein Konzept, das sowohl volkskundlich fundiert als auch pädagogisch wertvoll ist: der Nachbau eines Kolonistenhauses im Modell, (Maßstab1:20) aus Kiefernholz.</p>

<p>Dieses Haus wurde vielfach Ende des 18.Jahrhunderts von Baumeistern der damaligen dänischen Regierung gebaut und war bereits ein Typenhaus, wie es sie auch heute vielfach gibt. Von Töndern im Norden bis Prinzenmoor zur Eider im Süden erstreckte sich ein Siedlungsstreifen der Kolonisten, die in solchen Häusern gewohnt und gewirtschaftet haben. Als die Ziegelsteine ausgingen, mussten sich die Kolonisten allerdings enttäuscht provisorische Erdhütten graben&#8230;Fehlplanung!</p>

<p>Grundsätzlich handelt es sich bei unserem Kolonistenhaus um ein sog. &#8220;Norddeutschen Hallenhaus&#8221;. Menschen und Vieh wohnten unter einem Dach und der große Wirtschaftsraum (&#8220;Deele&#8221;) samt Einfahrtstor für die Erntewagen ist fester Bestandteil des Hauses. Auf den Dachbalken wird die Ernte gelagert und damit sich diese Balken nicht durchbogen, ruhte auf ihren Enden das Dach (Bauprinzip &#8220;Zweiständerhaus&#8221;). Die massive Aussenwand aus Ziegeln lässt dänische Baugewohnheiten erkennen.</p>

<p>Was liegt näher, als Museumsbesucher, Schüler und andere Interessierte die Sozialgeschichte des ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts mittels praktischer Beschäftigung mit einem Hausmodell - gebaut nach einem Original im Freilichtmuseum - nacherleben zu lassen? Sozialgeschichte begreifbar - im wahrsten Sinne des Wortes - vermitteln, um Strukturen und Parallelen zu heute erkennen zu können: darum geht es.</p>

<p>Das von Projektschule Museum für diesen Zweck ausgesuchte Haus steht im Schleswig-Holsteinischen Freilichtmuseum bei Kiel. Leider ist in jenem 1988 im Museum aufgebauten Gebäude bis auf eine kleine Beschreibung vom Leben der Kolonisten nichts zu spüren. Es zeigt den ursprünglich im Jahre 1764 errichteten Bau im Zustand von 1837 und bildete damit in hervorragender Weise eine wissenschaftlich fundierte Grundlage für ein nachhaltiges museumspädagogisches Projekt.</p>

<p>Das Nachbauen eines Hauses im Modell ermöglicht Menschen jeden Alters, sich bis ins Detail in eine vergangene und selbst nicht miterlebte Zeit zu vertiefen. Der umbaute Raum, insbesondere der Wohn- und Wirtschaftsraum, steht immerhin im Zentrum des Lebens. So werden z.B. die äusserst engen Wohnverhältnisse beim Nachbau der &#8220;Dönse&#8221; überdeutlich. Während des Hantierens mit Kiefernholzleisten, Zollstock und Sägen erzählt der Workshopleiter über die lange Wanderung der Kolonisten zu Fuß von Frankfurt nach Altona und weiter in den unwirtlichen und kargen Norden. </p>

<p>Die Gedanken der Kinder, jungen Eltern und Renter schweifen in die Vergangenheit und eben noch neugierig auf Blumen und Beete in der Gartenschau, stellen sie sich nun dies arme Leben der frühen Kolonisten vor, die hier und da auch zu ihren Vorfahren gehörten: die Menschen lebten in zugig kalten und feuchten Räumen. Es stank nach Mist und Rauch, man lebte auf durchschnittlich 3 Quadratmetern und niemand hatte das, was wir heute &#8220;Privatsphäre&#8221; nennen. Das Leben war mit Mitte Dreissig zuende und man musste zahlreiche Kinder zur Welt bringen, da viele Kinder sehr früh starben. Das Kolonistenleben war nicht nur hart, es war auch sehr schnell zu Ende&#8230;</p>

<p>Es geht bei solchen interaktiven Aktionen der Projektschule Museum immer um die Identifikation mit dem Menschen vergangener Zeiten. Anfängliches Interesse provoziert Aktionsbedürfnis, man kommt schliesslich &#8220;ins Tun&#8221; und hantiert mit einfachem Werkzeug und angenehmem Material (Kiefernholz), und das so gut man eben kann. Ob das Haus am Ende eines Aktionstages wirklich fertig ist oder nicht, ist hier nicht das Entscheidende. Welche Assoziationen man dabei hatte, was einem durch den Kopf geht oder rein praktisch: was ein Kind lernt oder ein Erwachsener erinnert, das ist wesentlich. Das Museum oder die museumspädagogische Aktion als &#8220;Fenster in die Zukunft&#8221;: das ist es letztlich, was Projektschule Museum erreichen möchte.</p>

<p>Der bekannte Reformpädagoge Célestin Freinet - in dessen Tradition die Projektschule Museum u.a. arbeitet - brachte es vor 65 Jahren genau auf den Punkt: &#8220;Da wir augenblicklich nicht behaupten dürfen, daß wir die Kinder sowohl methodisch wie wissenschaftlich so führen können, daß jedem von ihnen die ihm persönlich angepaßte Erziehung zuteil wird, begnügen wir uns damit, ihnen ein ihren Interessen förderndes Milieu zu schaffen und ein entsprechendes Arbeitsmaterial und kindgemäße Techniken zu entwickeln, die ihre Bildung fördern, ihnen die Wege ebnen, auf denen sie je nach ihrer Veranlagung, ihren Neigungen und ihren Bedürfnissen weiterschreiten werden.&#8221; [C. Freinet: Die moderne französische Schule (1946), S. 16, 1979]</p>

<p>Angesichts fallender oder stagnierender Besucherzahlen in Museen ist eine vollkommen neue Sichtweise von &#8220;Museum&#8221; angesagt,&nbsp; die -&nbsp; auf wissenschaftliche Fakten fokussiert und weniger auf Entertainment und &#8220;Fun-Effekt&#8221; - den Besucher zum begeisterten Nacherleben von Geschichte motiviert, und zwar allein durch die lebendige Aufbereitung von geschichtlichen Sachverhalten und durch den interaktiven Umgang mit Exponaten.</p>

<p>Das &#8220;Mitmach-Museum&#8221; ist auch eine wesentliche Voraussetzung für den Erhalt einer sehr wichtigen Funktion innerhalb unserer soziokulturellen Standards: Museen werden immer Plattformen für Kultur- und Sozialarbeit vor Ort sein und als solche werden sie immer wichtiger. Ging es vor Jahrzehnten bei einem Museum noch allein um das Zeigen von Exponaten, so geht es heute eher um das Erleben des soziokulturellen Umfeldes dieser Exponate. Das Exponat ist Mittel zum Zweck, weniger Selbstzweck. Kostbarkeiten einer wohlhabenden Oberschicht können Besucher heute nicht mehr unbedingt vom Hocker reissen. Wie aber lebten und wirkten die Handwerker, die diese Kostbarkeiten schufen? Wichtiger als der zweifelhafte Glanz der Potentaten ist für uns das Alltagsleben vergangener Zeiten und das Nachvollziehen etwa jener Lebensumstände, in die Kolonisten vor 250 Jahren durch wirtschaftliche Not - nicht zuletzt verursacht durch verantwortungslos handelnde Potentaten -&nbsp; gezwungen wurden.</p>

<p>Projektschule Museum will mit museumspädagogisch orientierten bzw. allgemein kulturvermittelnden Aktivitäten, Vorträgen und Seminaren engagierte Bürgerinnen und Bürger ermuntern, &#8220;ihre&#8221; Museen als &#8220;Fenster in die Zukunft&#8221; zu erkennen, anzunehmen und mit neuen Ideen zu beleben. Sie versteht sich als offenes Netzwerk, das einen bundesweiten Austausch sowie gemeinsame Aktivitäten und Projekte (z.B. zum &#8220;Tag der Regionen&#8221;) ermöglicht.</p>

<p>Netzwerk-Koordination, Strukturplanung und Ideen-Pool von Projektschule Museums liegt in den Händen der Initiative Regionalgenossenschaft e.V., die sich als Plattform zum Austausch, für Bildungsangebote oder auch als Unterstützer für regionale Projekte gegründet hat. Hier geht es um das Ziel, ländliche Regionen und Stadtteile zu guten Lebens- und Arbeitsräumen auszugestalten, und zwar über das Engagement der Bürgerinnen und Bürger. Um dieses Engagement für Selbsthilfe, Selbstverwaltung und Selbstverantwortung auf eine breitere Basis zu stellen, nutzen wir auch das EU-Projekt &#8220;Best Agers&#8221; und arbeiten im Rahmen des Teilprojektes &#8220;Bürgercoach&#8221; des PARITÄTISCHEN Schleswig-Holstein.</p>

<p>Neben dem oben beschriebenen Thema &#8220;Wie Kolonisten wohnten&#8221; bietet Projektschule Museum zur Zeit auch Mitmachaktivitäten zum  Themenkreis &#8220;Hausmusik in Tradition und Gegenwart&#8221; an. Es geht um generationsübergreifendes Musizieren mit praktischen Tipps, Musikbeispielen und Erprobungsmöglichkeiten von Instrumenten. Ein damit zusammenhängendes Spezialthema ist &#8220;Handharmonikabau im 19. Jahrhundert&#8221; mit Mitmachaktionen und Technikseminaren in der Musikwerkstatt Rzeszut, Kiel.</p>

<p>Darüberhinaus bietet das Duo Jolka aus Kiel verschiedene Programme zum Thema &#8220;Musik ins Museum!&#8221; an: <a href="http://www.musikwerkstatt-rzeszut.de/index.php/jolka/">http://www.musikwerkstatt-rzeszut.de/index.php/jolka/</a> </p>

<p>Anfragen und Buchungen zu Projektschule Museum und Duo Jolka bitte über die Kontaktseite auf dieser Website! </p>



<p>&nbsp;</p>
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      <title>Fukushima ist überall!</title>
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      <published>2011-04-12T06:41:10Z</published>
      <updated>2011-04-13T11:12:11Z</updated>
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            <name>Martin Rzeszut</name>
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      <title>Atomkraftwerke jetzt abschalten!</title>
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      <title>&#8220;Deutsche Leitkultur&#8221; und der unausgeprägte Islam</title>
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      <content type="html"><![CDATA[
        <p>Hatte man nach der letzten Attacke auf Zuwanderer im Oktober letzten Jahres (&#8220;Integrationsunwillige&#8221;) gehofft, dieser dümmliche Begriff &#8220;Deutsche Leitkultur&#8221; würde jetzt endlich einmal verschwinden, sah man sich unversehens eines anderen belehrt: der frisch gebackene Innenminister Hans-Peter Friedrich benutzte diesen schwammigen Unbegriff flux für einen kleinen - ?...nein: für einen großen - Hieb gegen den Islam. Dass er diesen in seiner Antrittsrede ausführte, erhöht die Brisanz.</p>

<p>Mit sichtlichem Wohlbehagen äusserte Friedrich in seiner Antrittsrede, dass er den Islam nicht als Teil Deutschlands sehen will. Ein paar Sätze nach dieser Bemerkung bemühte er die &#8220;Deutsche Leitkultur&#8221; und deren christlich-abendländische Wurzeln. Als Opposition und Islam-Verbände sich über diese Sichtweise empörten, lenkte Friedrich ein: Immerhin will er &#8220;den Dialog mit den Muslimen voranbringen&#8221; [zitiert nach Tagesschau, 7.3.11]</p>

<p>Ich meine: es reicht nun! Nachdem wir dieser Regierung also abnehmen sollten, dass das Zusammenkopieren von Doktorarbeiten ohne Quellennennungen durchaus Teil unserer Deutschen Leitkultur wäre (wie sonst bitte darf man sich die beschönigende Haltung unserer und schliesslich selbst promovierten Bundeskanzlerin im Fall Guttenberg wohl erklären?) sollen wir im Lande der christlichen Kirchenaustrittler wohl jetzt auch noch so tun, als ob es Koran-Gläubige bei uns nicht gäbe&#8230;.? Wohl auch alles &#8220;Plagiate&#8221;, was?...Helau! Helau!</p>

<p>Es macht für mich keinen Sinn, gegenwärtig deutlich fühlbare Spannungen zum Thema &#8220;Religionen&#8221; in Politik und Gesellschaft argumentativ auf ein frühgeschichtliches Wurzel-Niveau zu verlegen. Jetzt ist jetzt. Heute ist heute. Ausserdem sollte Politik und Gesellschaft alles daransetzen, besonders jetzt die Stimmung gegen &#8220;fremde Religionen&#8221; nicht anzuheizen. Das Schlimmste, was aus solchen Provokationen uns allen erwachsen kann, sind Religionskämpfe und damit riskieren wir bürgerkriegsähnliche Zustände, von denen die Geschichte unseres Abendlandes voll genug ist.</p>

<p>Aus eigener Erfahrung weiss ich, wie eine solche Rhetorik aus friedlichen Mitbürgern ängstliche macht, die schon beim Anblick von Minaretten in unmittelbarer Nachbarschaft Unwohlsein empfinden. Erfolgreiche Integrationspolitik sollte sich durch das Abbauen von Ängsten auf allen Seiten auszeichnen. Und nicht durch das Hochreden von künstlichen Unterschieden. Schliesslich glauben alle religiös empfindenden Menschen auf dieser Welt an den einen Gott. Sogar die Atheisten setzen sich mit diesem einen Gott immer wieder gern auseinander.</p>

<p>Vielleicht sollte man sich mal um ganz andere &#8220;Wurzeln&#8221; bemühen: friedvolles Miteinander verschiedenster Religionen über Jahrhunderte. Das sind Tatsachen, die jeder Historiker kennt und die auch Politik und Gesellschaft nicht ignorieren sollten. Und Kultur als solche war und ist immer interreligiös geprägt. Nirgendwo gibt es jene scharfen Grenzen, die plötzlich beschworen werden. Die gab es bei uns immer nur als Hinweis auf verstärkt einsetzenden Nationalismus. Deshalb kann ich nur sagen: wehret den Anfängen!</p>

 <p>Der Islam hat sehr wohl Europa geprägt und prägt es bis heute. Wenn dann Unionfraktionschef Kauder nachsetzt und bestreitet, dass &#8220;der Islam prägend für unsere Gesellschaft&#8221; sei [Tagesschau 7.3.11], so sollte er sich einmal  darüber Gedanken machen, warum jede Zahl, die er schreibt, arabischen Ursprungs ist. Vom 8. bis mindestens zum 16. Jahrhundert waren z.B. islamische Wissenschaftler in praktisch allen Disziplinen besonders prägend für die europäische oder abendländische Wissenschaft. Man kann durchaus sagen, dass z.B. die frühen Erfolge unserer Medizin ohne islam-gläubige Wissenschaftler garnicht oder erst vielleicht sehr viel später möglich gewesen wären.</p>

<p>Es gab Jahrhunderte, in denen Morgen- und Abendland sich kulturell und gesellschaftlich hervorragend ergänzt haben. Tatsache ist, dass dies auch heute noch so ist. Insofern verwundert und ärgert es mich geradezu, dass man heute und besonders in Kreisen der CSU all diese belegbaren Tatsachen frech ignoriert und nach dem Motto: &#8220;Wer  anders ist, fliegt raus!&#8221; Stimmung gegen Minderheiten sich zu machen traut. Beängstigend auch, dass große Bevölkerungsteile in diesem meinem Lande diese Aus-Sortierung nach Religionszugehörigkeit stützen. Das ist in meinen Augen nicht mehr mit unserem Grundgesetz und unserer hart erarbeiteten demokratischen Grundordnung vereinbar.</p>

<p>Ausserdem: diese Kultur, der ich seit 57 jahren gerne angehöre und gern auch weiterhin angehören möchte ist auch weiterhin von Weltoffenheit und Toleranz geprägt, verdammte Kiste! Ich brauche unsere Zuwanderer, weil die mein kulturelles Leben bereichern und mein Leben angenehm machen. Ich möchte ohne die nahöstliche und fernöstliche Gastfreundschaft und menschliche Nähe nicht leben. Ich pädiere immer noch für das Sein und gegen das Haben und finde diese Werte leider immer weniger bei meinen eigenen Landsleuten, wohl aber bei Migranten und meinen Freunden aus aller Welt. Nur mit internationaler Hilfe können wir die wirtschaftliche Verwahrlosung dieser Republik abmildern und dem Niedergang des Sozialstaates mittels einer von aussen angeregten Neuorientierung in Sachen &#8220;gemeinschaftliches Handeln&#8221;,&#8220;Gemeinwohl&#8221;, &#8220;Daseinsvorsorge&#8221; und &#8220;miteinander teilen&#8221; begegnen. Je mehr unsere Kultur, unsere Wirtschaft, unsere Sozial-Gesellschaft vom Unterschied zwischen arm und reich geprägt wird, desto wichtiger ist die Zuwanderung von Menschen aus Gebieten, in denen Werte wie Gemeinwohl und Solidarität selbstverständlicher als bei uns sind.</p>

<p>Aber Reichtum macht offensichtlich blind: Ende Oktober letzten Jahres sagte Horst Seehofer (bzw. postulierte die CSU), die BRD sei &#8220;kein klassisches Zuwandererland&#8221;. Integration hiesse nicht &#8220;nebeneinander sondern miteinander leben&#8221;. &#8220;Hochqualifizierte Zuwanderer&#8221; seien sogar erwünscht. [Zitate nach Tagesschau 30.10.11] </p>

<p>Widersprüche über Widersprüche: kein Land dieser Erde sollte die Zuwanderung von Menschen vom Geldbeutel und von irgendeiner Qualifikation abhängig machen. Qualifikation ist nicht das höchste Gut des Menschen und ausserdem kann man Qualifikation viel besser hierzulande erwerben (was man zweifelsohne fördern sollte), denn Qualifikation ist immer relativ und hängt sehr von zufälligen Trends und von laufend im Wandel befindlichen Normen ab.</p>

<p>Man denke einmal an die vielen Flüchtlinge, die nach 1945 in die Bundesrepublik strömten. Hat man die auch nach Qualifikation sortiert? Nein, man war froh um jeden Menschen, der unsere kaputte Wirtschaft neu aufbauen half. Gerade der Zweite Weltkrieg hat jede Menge armer, geschädigter oder kriegstraumatisierte Menschen in unsere Bundesländer verschlagen und man fragte nicht nach Religion, ethnischer Zugehörigkeit oder Staatsbürgerschaft, man praktizierte ganz einfach das Zusammenleben ohne viel Diskutiererei und Ängste. Mit der gleichen Selbstverständlichkeit verliessen Millionen von Menschen Mitteleuropa, um sich etwa in den USA oder Australien als Ausgewanderte niederzulassen.</p>

<p>Natürlich sind wir ein &#8220;klassisches Zuwandererland&#8221;, genauso wie wir ein klassisches Auswanderungsland sind! Man braucht doch nur an die vielen Holländer zu denken, die im 17. und 18.Jahrhundert norddeutsche Sumpfgebiete trockenlegten und in Städten wie Glücksstadt und Friedrichsstadt heimisch wurden - trotz unterschiedlichster Religionszugehörigkeiten übrigens. Wieviele Auswanderer aus Polen haben den Kohlenpott besiedelt und waren dort herzlich willkommen. Wie gut erinnere ich die sog. &#8220;Gastarbeiter&#8221;, die Anfang der 60iger Jahre in mein Blickfeld kamen: nette bescheidene und freundliche Menschen aus Griechenland, Spanien, Italien, die äusserst minimalistisch zu leben wussten und gewaltig ranklotzten. Man freute sich damals dermaßen über &#8220;Gastarbeiter&#8221; (denen man ja auch schliesslich nicht so viel zahlen &#8220;musste&#8221; wie Einheimischen), dass man dem Einmillionsten 1964 ein Moped schenkte und sich freute, wenn sie bei uns sesshaft wurden. Für sie gab es im NDR Sendungen in italienischer, griechischer und spanischer Sprache. Herr Kauder und Herr Seehofer sind beide sogar noch 5 Jahre älter als ich und müssten sich noch besser daran erinnern können als ich.</p>

<p>Wie soll denn das von der CSU beabsichtigte und durchaus lobenswerte &#8220;Miteinander leben&#8221; umgesetzt werden, wenn es diesen unsinnigen Leitkultur-Anspruch gibt, der das &#8220;Deutschsein&#8221; definieren soll und das Miteinander wieder in Frage stellt? Sollen Islamgläubige denn den christlichen Glauben annehmen? Ist der viel beschworene christliche Glaube denn bei uns überhaupt noch gesellschaftsprägend oder ist es nicht inzwischen die Bank?&nbsp; Gehören zur sog. &#8220;Deutschen Leitkultur&#8221; nicht eher Heilige wie Ackermann, Nonnenmacher oder Siemens und bestimmt statt PAX (-Christi) nicht vielmehr der DAX unsere Kategorien des Denkens und Handelns?</p>

<p>Ist mit Seehofers &#8220;Miteinander leben&#8221; eventuell &#8220;miteinander wirtschaften&#8221; gemeint? Mit anderen Worten: Integration von Migranten lohne sich nur, wenn die Kasse stimmt? Was ist mit menschlichen und kulturellen Qualitäten, die unser Land braucht? Was besagt denn diese sog. &#8220;Deutsche Leitkultur&#8221; wirklich?</p>

<p>Gar nichts. Ich bin der Sache mal auf den Grund gegangen. Und rein zufällig: das ist mein närrischer Beitrag zum heutigen Rosenmontag&#8230;</p>

<p>Ende letzten Jahres wollte ich mehr über die &#8220;Deutsche Leitkultur&#8221; wissen: was ist denn das Typische an ihr? Was sind denn bitte genau die Inhalte dieser Leitkultur, die ich - so z.B. als Lehrer, der Migranten unterrichten möchte - vermitteln soll. Gibt es vielleicht ein Heftchen, herausgegeben von der Bundesregierung, das ich mit meinen Schülern durcharbeiten kann&#8230;so in etwa wie die Heftchen, die man als Fahrschüler bekommt, wenn man Autofahren lernt&#8230;.? Schliesslich wurde mir ja auch als Volksschüler im Jahre 1964 ein schwarzes Büchlein mit dem Titel: &#8220;Die SBZ von A bis Z&#8221; in die Hand gedrückt und die fragwürdigen Inhalte abgefragt&#8230;na ja, Zynismus beiseite. Und meinetwegen: naiv!</p>

<p>Ich schrieb im Dez. 2010 verschiedene Informationsdienste der Bundesregierung an, nach dem ich auf den entsprechenden Websites vergebens nach dem Stichwort &#8220;Leitkultur&#8221; gesucht hatte. Ich fand weder Definitionen noch Literatur darüber.</p>

<p>Ich  stellte der Bundeszentrale für politische Bildung - die es ja eigentlich wissen sollte - genau diese einfache und scheinbar naive Frage: &#8220;Einmal kann ich das nicht verstehen [dass ich auf der betreffenden Website keine Hinweise auf &#8220;Leitkultur&#8221; oder &#8220;Deutsche Leitkultur&#8221; gefunden habe], da ja die Termini &#8220;Leitkultur&#8221; oder &#8220;Deutsche Leitkultur&#8221; in aller Munde sind und nach Aussagen der Bundeskanzlerin ja auch eine tragende Rolle bei Integrationsmaßnahmen spielen sollen. Wie aber soll ich als Pädagoge nach den Richtlinien einer &#8220;Deutschen Leitkultur&#8221; unterrichten, wenn ich die Inhalte garnicht vorliegen habe?&#8221;</p>

<p>Von der Bundeszentrale für politische Bildung - Referat Haushalt/Vertrieb in Bonn hiess es freundlich: &#8220;Vielleicht wenden Sie sich an das Bundeskanzleramt, wir haben leider keine Literatur.&#8221;</p>

<p>Dem Rat folgte ich doch sogleich und schrieb nun etwas ausführlicher an das Bundeskanzleramt:</p>

<p>&#8220;Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin! </p>

<p>Ich war gerade auf der Website der Bundeszentrale für politische Bildung und habe dort einmal &#8220;Leitkultur&#8221; in die Suchmaschine eingegeben, doch zu meinem großen Erstaunen &#8220;keinen Treffer&#8221; erzielt. Auch die Durchsicht der bpb-Literaturliste ergab zu diesem Thema keinen Titel, den ich dort bestellen könnte. <br />
 
Ich kann das nicht verstehen, da ja die Termini &#8220;Leitkultur&#8221; oder &#8220;Deutsche Leitkultur&#8221; in aller Munde sind und nach Ihren Aussagen ja auch eine tragende Rolle bei Integrationsmaßnahmen spielen sollen. Wie aber soll ich als Pädagoge nach den Richtlinien einer &#8220;Deutschen Leitkultur&#8221; unterrichten, wenn ich die entsprechenden Inhalte garnicht vorliegen habe? Die üblichen Rahmenrichtlinien für den Unterricht an bundesdeutschen Schulen enthalten diese Termini m.W. jedenfalls nicht. <br />
 
Besonders &#8220;integrationsunwillige&#8221; ausländische Mitbürger darf man angesichts dieser Tatsache dann doch auch nicht zum Befolgen der &#8220;Deutschen Leitkultur&#8221; nötigen, wenn deren Inhalte noch nicht einmal bei der Bundeszentrale für politische Bildung in geschriebener (und damit in allgemein verbindlicher Form) vorliegen? <br />
Ich meine auch: ein Begriff ohne klar definierte Inhalte darf man angesichts dieser Sachlage in politischen Debatten (wo es z.B. um Integration geht) erst garnicht als Argument verwenden. Was sollen denn unsere zu integrierenden ausländischen Mitbürger von uns halten, wenn wir selbst nicht einmal wissen, was wir unter &#8220;Deutscher Leitkultur&#8221; eigentlich genau zu verstehen haben sollen? </p>

<p>Meine Anfrage an die CSU in dieser Sache blieb übrigens bis heute ohne Antwort&#8230;. <br />
 
Mit bitte um Aufklärung und umfassende Information in Sachen &#8220;Deutsche Leitkultur&#8221; und schon jetzt vielen Dank für Ihre Antwort, mit freundlichen Grüssen, Martin Rzeszut, Kiel&#8221; </p>

<p>Die Antwort: &#8221;...Leider ist es wegen der Vielzahl der an Frau Dr. Merkel gerichteten E-Mails und Schreiben nicht möglich, Ihnen individuell zu antworten. Ich würde mich freuen, wenn Sie dafür Verständnis haben&#8230;.&#8221;...na ja, was bleibt mir anderes üblich&#8230;und im Kanzleramt hatten sie wohl auch alle Urlaub&#8230;</p>

<p>Man verwies mich allerdings freundlich an die Bundeszentrale für politische Bildung [ach nä...da warste doch schon vorher..wat?...d.Sätzer] und an das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) weiter.</p>

<p>Schade, dass Frau Dr. Merkel keine Zeit für Leitkulturfragen hat: sind diese ihr doch so wichtig&#8230;aber auch irgendwie wieder verständlich und vielleicht stand ja auch wieder die Geburtstagsfeier von Herrn Ackermann im Kanzleramt an&#8230;.da hat man für solche Nebensächlichkeiten auch wirklich keine Zeit.</p>

<p>Sehr positiv war das Echo auf meine Frage aus dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), wo eine Mitarbeiterin der Bibliothek (Information und Ausleihe) sich rührend Mühe gab, mir etwa 10 Quellen zu nennen, darunter Wikipedia. Sie schrieb: &#8220;Leider kann auch ich Ihnen nicht erschöpfend zu diesem weitreichenden Thema Auskunft geben.&#8221; Und: &#8220;Hätte das BMBF zu diesem Thema [Leitkultur - M.R.] eine eigene Veröffentlichung anzubieten, wäre diese natürlich als erste aufgelistet worden. Leider ist dem aber nicht so; zu diesem Thema gibt es keinen Forschungs- oder Förderschwerpunkt.&#8221; [HELAU! d.Setzer]</p>

<p>Es liegt also die Annahme nahe, dass der Begriff &#8220;Leitkultur&#8221; zur zeit wissenschaftlich nicht aufgearbeitet wird. Das verwundert, handelt es sich doch um einen relativ neuen Begriff mit großer Tragweite, der seinerzeit vom Göttinger Prof. Bassam Tibi durchaus als wissenschaftlich fundiert geprägt wurde. Schaut man sich Tibis Definition aber genau an, so kann seine &#8220;Leitkultur&#8221; mit der von Seehofer und Friedrich nicht viel gemein haben: denn: &#8220;Die Werte für die erwünschte Leitkultur müssen der kulturellen Moderne entspringen&#8230;.&#8221; [zitiert nach Wikipedia <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Leitkultur">http://de.wikipedia.org/wiki/Leitkultur</a>, 7.3.2011 bzw. nach Bassam Tibi: Europa ohne Identität? Die Krise der multikulturellen Gesellschaft. btb. 2000. S. 154]</p>

<p>In der &#8220;kulturellen Moderne&#8221; ist jedoch der Islam sowie jede andere Religionsrichtung für uns nachweislich prägend, präsent und durch das Grundgesetz übrigens auch geschützt&#8230;ja, wirklich, manche vergessen das einfach.</p>

<p>Wir sehen also auch hier (und nicht erst seit dem Fall Guttenberg): wissenschaftliche Präzision ist nicht gerade die Stärke dieser Bundesregierung. Wahrscheinlich schrieb man über &#8220;Leitkultur&#8221; gute 10 Jahre lang voneinander eifrig ab - das macht ja nichts - und schon hat man wie beim Spiel &#8220;Die stille Post&#8221; einen ganz anderen Begriff, mit dem sich trefflich argumentieren lässt, weil er ja so perfekt und wissenschaftlich klingt. [tätäh&#8230;tätäh&#8230;tätääääh! d.Sätz.]</p>

<p>Das alles ließ mir nun keine Ruhe und ich wollte es nun wirklich wissen: was zum Teufel ist die &#8220;Deutsche Leitkultur&#8221; nun wirklich???</p>

<p>In letzter Verzweifelung wandte ich mich an die CDU in Berlin. Aus dem Konrad-Adenauer-Haus half mir der Bürgerservice der CDU Bundesgeschäftsstelle umgehend weiter und empfahl mir die Lektüre des CDU-Grundsatzprogramms und unter &#8220;Die Politik der CDU von A-Z auf einen Blick&#8221; [ehäm&#8230;der Sbzätzer] auf der Website &#8221;...können Sie sich über unsere Wertevorstellungen informieren.&#8221; - Sorry&#8230;unter L finde ich leider nicht &#8220;Leitkultur&#8221;...aber das macht ja nichts und das mag ja auch an mir liegen ...&#8220;Hochqualifizierte Zuwanderer&#8221; werden das schon finden&#8230;</p>

<p>Ich antwortete folgendes:</p>

<p>&#8220;Sehr geehrter Herr Pautz,</p>

<p>Danke für Ihre Hinweise und ich freue mich, dass Sie mir wenigstens etwas weiterhelfen konnten&#8230;wenn auch nicht so, dass ich z.B. nun eine Broschüre in der Hand halte, deren Inhalte ich morgen früh um 9.00 meinen integrationswilligen ausländischen Schülern im Unterricht vermitteln könnte oder die ich in meiner Klasse als Lernstoff verteilen könnte&#8230;.denn manchmal ist das Leben simpler, als man denkt. In diesem Sinne: bitte haben Sie Verständnis für noch etwas Kritik zum Thema von meiner Seite.</p>

<p>Leider kann ich dem Grundsatzprogramm der CDU nur entnehmen, dass Leitkultur notwendig sei. Unter den Punkten 36. und 37. finde ich beim besten Willen jedoch keine Inhalte, die den Begriff &#8220;Leitkultur&#8221; wirklich mit Leben füllen könnten, denn &#8220;Gemeinsamkeiten&#8221; und &#8220;Besonderheiten der Geschichte&#8221;, &#8220;föderale und konfessionelle Traditionen&#8221; und ein &#8220;besonderes Verhältnis zwischen Staat und Kirche&#8221; finden sich in so einigen europäischen Ländern. Das sind keine spezifisch deutschen Phänomene. Diese Sachverhalte sind Migranten ja auch aus ihren eigenen Ländern bekannt. Eine historische Verantwortung aus der Tatsache, das wir zwei totalitäre Regime hatten ist allerdings schon eine sehr lehrreiche Tatsache, die man Migranten natürlich unterrichtlich vermitteln muss. Da diese ja sehr oft selbst aus Ländern mit totalitären Regimen zu uns kommen, sind diese Inhalte auch für diese Menschen ja eigentlich nicht gerade &#8220;typisch deutsch&#8221; oder neu.</p>

<p>Auch eine &#8220;europäisch geprägte Kultur&#8221; bei uns versteht sich von selbst und bedarf keiner besonderen und zusätzlichen Spezifizierung durch den besonderen Begriff &#8220;Deutsche Leitkultur&#8221;.</p>

<p>Unter Punkt 57. lese ich, dass kulturelle Identität stärkt und Sicherheit bietet. Sehr gut! &#8220;Wenn wir uns dessen versichern was uns leitet, dann gewinnen wir inneren Halt, um Freiheit in Verantwortung wahrnehmen zu können.&#8221; Auch gut. Doch jeder Einwanderer kennt das selbst und empfindet den Verlust seiner eigenen kulturellen Identität in unserem Land als schmerzlich. Was darf ich ihm allerdings in dieser Situation als Inhalte(!) deutscher Leitkultur anbieten, damit er sich bei uns zu Hause fühlen kann?</p>

<p>Darüber finde ich in diesem Text nichts. Aber genau danach frage ich: nach konkreten Inhalten!</p>

<p>Den &#8220;Wertevorstellungen&#8221; - deren Lektüre Sie mir empfehlen -&nbsp; kann ich den Begriff &#8220;Leitkultur&#8221; auch nicht wirklich entnehmen: er müsste ja unter dem Buchstaben L aufgeführt sein.</p>

<p>Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: mir geht es hier nicht nur um den Wunsch nach politischer Verlässlichkeit vielleicht zu eilig postulierter Thesen aus Regierungskreisen. Mir geht es um konkrete Inhalte, die ich pädagogisch wertschätzend und nachhaltig meinen Schülern mit Migrationshintergrund vermitteln kann, um sie schliesslich besser integrieren zu können und um ihnen letztlich das Leben hier zu erleichtern. Wenn ich aus Kreisen Ihrer Partei höre und lese, Integration wäre kein großes Problem, wir hätten ja schliesslich die deutsche Leitkultur, dann brauche ich Fakten und keine Eckpunkte oder ein Rahmenprogramm.</p>

<p>Meine Schüler und Schülerinnen mit Migrationshintergrund haben doch einen Anspruch darauf, entsprechenden Lernstoff nicht nur zu verinnerlichen sondern als erfolgreich integrierte Mitbürger nun doch auch ihrerseits weiterzugeben, etwa in dem Sinne: die deutsche Leitkultur hat konkret die und die Inhalte, man muss die und die kulturellen Fähigkeiten erlernen, man muss diese und jene kulturellen und meinetwegen &#8220;typisch deutschen&#8221; Fakten kennen, dann gehört man zur Gemeinschaft deutscher Mitbürger und Mitbürgerinnen und ist &#8220;eingegliedert&#8221;. Was fehlt ist doch ein konkreter Themenkatalog mit lehrfähigen Inhalten, nicht wahr?</p>

<p>Sollte ich da nicht fündig werden, muss ich Ihnen leider sagen, dass die Sache mit der &#8220;Deutschen Leitkultur&#8221; beim besten Willen nicht funktioniert - mangels konkreten und lehrbaren Inhalten!</p>

<p>Man sollte aber mit einem inhaltslosen Begriff keine Politik machen und man sollte vor allem nicht Migranten und Migrantinnen gegenüber mit diesem Begriff arbeiten, wenn er noch nicht einmal von deutschen Mitbürgern und Verantwortungsträgern mit konkreten Inhalten gefüllt werden kann. Informationsdienste der Bundesregierung nennen mir soeben Hunderte von Quellen zur Diskussion des Begriffes &#8220;Deutsche Leitkultur&#8221;, doch eine simple Auflistung von lern- und abfragbarem Grundwissen zu diesem Thema scheint es garnicht zu geben. Genau das aber fordere ich nun ein, weil ich Migranten ausbilden und den Integrationsprozesse meiner ausländischen Mitbürger beschleunigen möchte. Ich sehe nicht ein, dass man diese als &#8220;Integrationsverweigerer&#8221; beschimpft und ihnen eine &#8220;Deutsche Leitkultur&#8221; aufdrängt, die niemals formuliert oder schriftlich fixiert wurde und die die Wortführer, die locker mit dem Begriff &#8220;Integrationsverweigerer&#8221; arbeiten, mir merkwürdigerweise auch nicht erklären können. Ich meine, man sollte doch schon die Werte konkretisieren können, mit denen man argumentiert. Sonst wirkt man doch nicht überzeugend, oder? Ausserdem ist das ungerecht gegenüber lernwilligen Migranten, die ungläubig den Kopf schütteln und sich lieber nach den Werten und Inhalten ihrer eigenen althergebrachten Kultur (in der sie aufgewachsen sind) verhalten. Natürlich: orientalische Freundlichkeit und Geduld kompensiert schliesslich auch deutsche Unwissenheit und Orientierungslosigkeit&#8230;..alles schon erlebt!</p>

<p>Vielleicht haben Sie da noch weiterführende Ideen, ich würde mich sehr freuen. Ansonsten wende ich mich an die Kultusministerien unserer Länder bzw. mit Sicherheit noch einmal an Frau Dr. Merkel. Wenigstens sie  in diesem Land müsste mir doch konkret die Inhalte von Deutscher Leitkultur nennen können. Leider hat sie - wie man mir aus dem Bundeskanzleramt schrieb - wenig Zeit, Anfragen zu beantworten. Das ist sehr schade und passt ganz und gar nicht zu der Hektik, mit der man hierzulande Menschen mit Migrationshintergrund auf die &#8220;Deutsche Leitkultur&#8221; verpflichtet. Das ist ein echter Schildbürgerstreich, meine ich! Wie stehen wir denn nun vor den lernbegeisterten Migranten da, wenn selbst die Regierungspartei  nicht genau formulieren kann, was sie unter &#8220;Deutscher Leitkultur&#8221; denn für Inhalte zu verstehen gedenkt.</p>

<p>Wie Sie selber sehen, war ihre Hilfe - wirklich nett gemeint - leider nicht ausreichend. Vielleicht fällt Ihnen ja noch mehr zum Thema ein? Ich würde mich freuen!</p>

<p>Für evtl. weitere Hilfe Ihrerseits zum Thema bedanke ich mich schon freundlich im voraus.</p>

<p>Mit freundlichen Grüssen, Martin Rzeszut&#8221;</p>

<p>Daraufhin erreichte mich folgende nette Mail aus dem Berliner K.-A.-Haus:</p>

<p>&#8220;Sehr geehrter Herr Rzeszut,</p>

<p>vielen Dank für Ihre Rückantwort. Sie dürfen den Begriff deutsche Leitkultur nicht wörtlich auslegen.[ach, guck ma an, ne?...da guck ma an!!...echt!..d.Sätzer] Es ist vielmehr ein Wertekonsens, welcher sich durch viele Komponenten zusammensetzt. Er beschreibt die Werte, nach welchen wir zusammenleben wollen. Einige Werte leiten sich durch die christlich-abendländische-Kultur ab, andere durch unser Grundgesetz sowie die übrige Gesetzgebung. Daraus ergeben sich Regeln für Einwanderung und Integration. Dazu gehören zum Beispiel Toleranz, Gleichberechtigung von Mann und Frau, unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung (Verfassung) zu achten und der gegenseitige Respekt der Menschen untereinander.</p>

<p>Beste Grüße aus dem Konrad-Adenauer-Haus! Roger Pautz<br />
Team Bürgerservice der CDU Bundesgeschäftsstelle.&#8221;</p>

<p>Ich meine, Herr Pautz hat sich grösste Mühe gegeben, die Informationsleere sinnvoll auszufüllen und ich danke ihm herzlich für seinen Stossseufzer: &#8220;Sie dürfen den Begriff deutsche Leitkultur nicht wörtlich auslegen&#8221;. Ich finde das wirklich und aufrichtig nett&#8230;und das was er schreibt trifft sicherlich auch den Kern der Sache. Praktiker haben da wohl eher den Durchblick als Innenminister&#8230;.[nu schleim man nich rum hier, partei is partei&#8230;d.S.]</p>

<p>Aber aus dieser durchaus demokratischen und offiziellen Auslegung des Begriffes &#8220;Leitkultur&#8221; verbietet sich auch eindeutig, ihn als Kampfparole gegen Islamgläubige zu beschwören, Herr Innenminister!</p>

<p>Also, ich kann unserem neuen Innenminister Hans-Peter Friedrich nur empfehlen, sich vom Bürgerservice im Konrad-Adenauer-Haus beim Verfassen seiner Reden etwas helfen zu lassen. Dann muss er nicht seine Texte von anderen abschrei&#8230;äh&#8230;.übernehmen, wie das schon sein Amtsvorgänger getan hat.</p>

<p>Diese Leidkultur bin ich jedenfalls langsam leid&#8230;.[und ich ersma! lass ma jetzt den Wallraf ran, der mimt demnächst den Leitkulturminister, auf den alle jewartet habn&#8230;helau! d.EntSätzer]</p>

<p> </p>

<p> <br />
 </p>



<p>
</p>
      ]]></content>
    </entry>

    <entry>
      <title>Korröfolkmusikfestival 2010</title>
      <link rel="alternate" type="text/html" href="http://www.musikwerkstatt-rzeszut.de/index.php/site/korroefolkmusikfestival_2010/" />
      <id>tag:musikwerkstatt-rzeszut.de,2010:index.php/mwr/index/1.275</id>
      <published>2010-07-30T10:21:32Z</published>
      <updated>2010-07-30T10:55:33Z</updated>
      <author>
            <name>Martin Rzeszut</name>
            <email>martin.rzeszut@musikwerkstatt-rzeszut.de</email>
                  </author>

      <category term="Musikfestivals"
        scheme="http://www.musikwerkstatt-rzeszut.de/index.php/site/C39/"
        label="Musikfestivals" />
      <content type="html"><![CDATA[
        <p>Dieses Jahr machen wir Urlaub in Schweden. Den Entschluß fassen wir als es noch Winter ist und bitterkalt. Als Folkmusikfreunde stellt sich für uns natürlich die Frage, ob nicht der Besuch eines schwedischen Folkmusikfestes mit eingeplant werden kann. Nach ausführlicher Recherche kommen wir zu dem Schluß, dass das Korröfestival von der Lage des Veranstaltungsortes und vom Zeitpunkt her gut passen könnte. So kommen wir am 22.07. Abends auf einem Campingplatz ca. 6km. Von Korrö entfernt an. Alternativ dazu gäbe es noch die Möglichkeit auf einem “Naturcamp” ca. 600 m vom Festivalgelände entfernt zu Campen.</p><p><img src="http://www.musikwerkstatt-rzeszut.de/images/uploads/körrö_zwei_thumb.jpg" style="border: 0;" alt="image" width="300" height="200" /></p> <p>Am nächsten Morgen starten wir dann aufs Festival. Karten kann man je nach gewünschter Teilnahmedauer kaufen, wir entscheiden uns für zwei Tage und bezahlen für zwei Erwachsene und unseren 13 Jährigen Sohn 840,- Kronen, das sind etwa 90 €. Unsere Tochter bezahlt noch nichts, da sie erst am 24.07. 11 Jahre alt wird. Kinder unter 12 Jahren bezahlen keinen Eintritt. Auf dem Gelände gibt es verschiedene Veranstaltungsorte, die rasch ausfindig gemacht sind. Um 12°° beginnt das Üben für das Allspeel, gemeinsames Musizieren für alle die gerne Mitmachen möchten am nächsten Tag. Die Noten dafür standen auf der Website <a href="http://www.korrofestivalen.se">http://www.korrofestivalen.se</a> einige Tage vorher zum Download bereit. Die Familie beteiligt sich mit einer Gitarre, Geige und Flöte, es macht offensichtlich allen Beteiligten viel Spaß. Der Eine oder Andere läßt einen MP3 Recorder mitlaufen um später das Eine oder Andere noch mal zu spielen.</p>

<p>Die Fülle der angebotenen Konzerte und Veranstaltungen ist sehr groß. Wir stellen fest, dass man gut daran tut sich Zuhause schon intensiv mit dem Programm zu beschäftigen, sich die interessant erscheinenden Gruppen im Internet anzuschauen um dann das eigene persönliche Programm zusammen zu stellen. Aber auch so kommen wir gut auf unsere Kosten.</p>

<p>Als erstes steht für uns Fifklang aus Hamburg auf dem Programm, die um 14:30 mit ihrem etwa halbstündigen Konzert starten. Eine Fortsetzung gibt es dann um 23:00.&nbsp; Im Anschluß streifen wir über das Gelände, bleiben beim Octagon hängen im dem sich an diesem Nachmittag die “Junge Szene”verbreitet, schauen beim “stora tält” vorbei, dem großen Zelt indem eine dänische Tanzformation Embla auftritt und zu sehr schöner Musik tanzt.</p>

<p>Einige Instrumentenbauer stellen aus, u.a. auch ein Nyckelharpabauer. Das ist schon sehr spannend und unsere Tochter die Geige spielt und immer schon einmal so ein Instrument in der Hand haben wollte, darf sich eine Nyckelharpa umhängen und probieren (siehe Bild oben!)</p>

<p>Danach geht es erst mal wieder zurück zum Campingplatz um etwas zu kochen und zu essen. Wer sich nicht selbst versorgen möchte hat auf dem Gelände viele Möglichkeiten etwas Eßbares zu kaufen.<br />
 
Am Abend herrscht genauso lebhaftes Treiben auf dem Gelände wie am Tag. Auch die Stände die Kleidung, Schmuck und Snacks anbieten sind umlagert.</p>

<p>Um 21:30 spielt Navarra. Die Gruppe spielt Eigenkompositionen mit Einflüssen aus dem Bereichen von Klassik, Jazz und Pop. <br />
Danach tritt wieder Fifklang auf, die ersten Bankreihen werden weggeräumt und es wird zu den Stücken eifrig getanzt. Wer schon auf anderen Festivals getanzt hat findet schnell bekannte Dinge und kann mitmachen.<br />
 </p>

<p>Der Samstag beginnt regnerisch und das soll auch bis Sonntag Mittag so bleiben. Vormittags findet das gemeinsame Allspeel statt, vor kleiner Zuhörerschaft, wir haben schon den Eindruck dass das Festival durch den Regen etwas gebremst weiterläuft.</p>

<p><img src="http://www.musikwerkstatt-rzeszut.de/images/uploads/körrö_drei_thumb.jpg" style="border: 0;" alt="image" width="300" height="200" /><br />
 
Nachmittags hören wir noch die Finnische Gruppe Blatensaine. Die Musik gefällt uns allen sehr gut, und die Instrumentierung mit einer elektronischen Kantele ist ungewöhnlich aber sehr schön. Es regnet immer noch heftig und ich habe langsam bedenken das Auto vom Wiesenparklatz noch wegfahren zu können. So beenden wir am Spätnachmittag unseren Festivalbesuch und fahren zurück zu unserem Wohnwagen.<br />
 </p>

<p>Zusammenfassend kann ich sagen, dass sich der Festivalbesuch auf jeden Fall gelohnt hat. Das Angebot an Konzerten ist sehr gut, man sollte sich schon Zuhause gut vorbereiten. Die Orientierung auf dem Gelände gelingt schnell und die Versorgung ist prima. Das Preiniveau der angebotenen Speisen und Getränke würde ich als eher günstig bezeichnen. Überhaupt haben wir in diesem Urlaub das Gefühl, dass die Preise hier eher etwas niedriger sind als in Deutschland. Vor 18 Jahren als wir das letzte Mal in Schweden waren war das noch ganz anders.</p>

<p>[Die TÖNCHEN! - Redaktion dankt an dieser Stelle ganz herzlich unserem Skandinavien-Korrespondenten Sebastian Steinberg nebst Familie für diese topaktuelle Berichterstattung!]
</p>
      ]]></content>
    </entry>

    <entry>
      <title>Rotzfreche Asphaltkultur 1978&#45;2010</title>
      <link rel="alternate" type="text/html" href="http://www.musikwerkstatt-rzeszut.de/index.php/site/rotzfreche_asphaltkultur_1978-2010/" />
      <id>tag:musikwerkstatt-rzeszut.de,2009:index.php/mwr/index/1.274</id>
      <published>2009-12-28T12:52:58Z</published>
      <updated>2009-12-29T11:42:59Z</updated>
      <author>
            <name>Lukas Johannsen</name>
            <email>lukas@statttheater.de</email>
                  </author>

      <category term="Kultur aktuell"
        scheme="http://www.musikwerkstatt-rzeszut.de/index.php/site/C32/"
        label="Kultur aktuell" />
      <content type="html"><![CDATA[
        <p>Die Rotzfreche Asphaltkultur ist ein Zusammenschluß von linken und sozialkritischen Straßenkünstler_innen. Im Mai 2010 trifft sich die RAK in Kiel.</p><p><b><u>Ein Rückblick</u><p></b></p>

<p>Rotzfreche Asphaltkultur? „RAK- das sind die Anfangsbuchstaben von Rotzfreche Asphaltkultur, was wiederum die Bezeichnung für etwa hundert autonome und gesellschaftskritisch ausgerichtete Straßenmusiker und Kabarettisten ist, die sich ungefähr zweimal im Jahr treffen.“ * (1)</p>

<p><img src="http://www.musikwerkstatt-rzeszut.de/images/uploads/schiff_RAK.jpg" style="border: 0;" alt="image" width="600" height="434" /><br />
Man munkelt die RAK bildete sich 1978 als Dachverband verschiedener kultureller Gruppen auf dem “Bundeskongress der Bürgerinitiativen gegen Atomkraft”. Damals strebten viele MusikerInnen  eine Vernetzung zum Austausch und zur gegenseitigen Solidarität an „und plötzlich war sie da, die RAK- mit einem dicken Treffen in Braunschweig, vorbereitet von der „Grölgruppe“, und weiteren Zusammenkünften in Würzburg („Knacko und Konfetti“),Hannover( „Hannoveraner Atommusiker“),Köln („Kölner Straßenmusiker“)…“ (2)<br />
 
Schon bald organisierten sich Straßenmusiker, Liedermacher, Theatergruppen, Jongleure und Clowngruppen und viel mehr Kulturschaffende untereinander. Nicht alle waren bei der RAK dabei, aber alle die wollten, konnten mitmachen; die Organisation war schon immer sehr anarchisch. Es gab keine Hierarchie und keine Vorsitzenden (und wenn es einer versucht dann wird er meistens nicht ernst genommen). Wichtiger war die Solidarität und der gegenseitige Austausch.<br />
Von Beginn an durften bei der RAK alle mitmachen, die mitmachen wollten, soweit sie im weitesten Sinne ein „linkes“ Selbstverständnis hatten. Von SPD bist autonom war alles vertreten. Eine Tendenz zu Anarchismus und Anarchischem, sowie eine ausgeprägte Freiheitsliebe der meisten RAK-AktivistInnen waren freilich nicht zu übersehen. Innerhalb dieser Grenzen zeichnet sich diese Un-Organisation bis heute durch ihre Offenheit aus. Es wird auf Statuten, Mitgliedsbeiträge und Vorsitzende getrost verzichtet. Regeln werden in der Regel abgelehnt. Kein Wunder, denn mit dem Beginn der RAK befürchteten viele Straßenkünstler, dass sich die RAK zur „deutschen Vereinsmeierei“ entwickeln könnte.<br />
Mitte der 80er Jahre war das gesungene politische Lied die Hauptklammer der RAK. Aufgrund von Diskussionen, ob man nicht zu sehr den moralischen Zeigefinger erhebe, begannen sich mehr und mehr RAKis in Richtung Satire, Klamauk und Kleinkunst aufzumachen. Auch Akrobatik, Jonglage und Trommeln gewann an  Beliebtheit.&nbsp; Dieser Trend setzte sich einerseits fort, brachte in den 90ern andererseits  aber auch neue Gruppen und Leute hervor, die politische und soziale Anliegen wieder in das Zentrum ihres Programmes rückten. Die RAK wurde immer heterogener.&nbsp; </p>

<p>„Auch der Kreis der RAK- AktivistInnen blieb vom Auf und Ab sozialer Bewegungen nicht verschont. In den ersten Jahren  waren viele dieser MusikerInnen auch gleichzeitig PolitaktivistInnen und hatten eine entsprechende Praxisnähe zu dem, was sie da sangen und sagten. Das war glaubwürdig, authentisch und tatsächlich rotzfrech, wenn beispielsweise zum Sabotieren des Baus von Atomanlagen aufgerufen wurde“ (3)</p>

<p>In den verschiedenen Ausrichtungen der Rotzfrechen Asphaltkultur flammte immer wieder eine Diskussion auf: <br />
Ist RAK jetzt nur “politische Lieder gegen was” spielen, oder gehört auch Straßenmusik in weitestem Sinne dazu, wie z.B. Akkordeonmusik, die einfach die Innenstädte belebt? Ist “einfach Musik machen” schon politisch genug? Wirkt man damit schon genügend gegen das Establishment? <br />
Aber Grundsatzdiskussionen zogen sich niemals zu lange hin: Wortführer wurden einfach gepackt und an den Beinen aus dem Fenster gehalten. Erwies sich das als zu schwierig, übte man sich im Ignorieren von Kritik.</p>

<p><b></p><u>Ein Ausblick</u><p></b></p>

<p>Die Rotzfreche Asphaltkultur sieht sich bis heute in Opposition zur Massen-Konsumkultur, als publikumsnah und unkommerziell und hat viele Bands inspiriert und beeinflusst. Viele alte Bekannte waren (oder sind noch) Teil von ihr wie zum Beispiel: Milch und Blut, Der Wahre Helmut, Quetschenpaua, Klaus der Geiger und viele mehr.</p>

<p><img src="http://www.musikwerkstatt-rzeszut.de/images/uploads/dscf1099.jpg" style="border: 0;" alt="image" width="600" height="450" /></p>

<p>Heute gibt es eine wachsende Zahl von „jüngeren“ Bands im Umfeld der RAK. Wie zum Beispiel: Früchte des Zorns, Revolte Springen, Teds´n Grog, Schall und Rauch, Geigerzähler und viele andere mehr. Auf einem großen Revivalkonzert in Braunschweig Mai 2009 trafen sich „jung und alt“ der RAK um gemeinsam auf 30 Jahre Rotzfreche Asphaltkultur zurückzublicken. Schon dort zeichnete sich ein nächstes neues RAK-Treffen ab, welches vom 27.- 31.Mai 2010 in Kiel stattfinden wird.&nbsp; <br />
Auf der Internetseite des Treffens  <a href="http://www.rak-treffen.de">http://www.rak-treffen.de</a> ist eine Art Selbstverständnis zu lesen:<br />
„Wir sehen die Straße auch immer als Raum unsere Ideen, Kritiken und Träume in die Welt zu tragen und den grauen Alltag ordentlich auf den Kopf zu stellen. Musik allein hat zwar noch keine Gesellschafts"ordnung&#8221; umgeworfen, aber wir sehen unsere Kultur als ein Stück gelebte Utopie und glauben, dass sie unmittelbarer und direkter wirkt als verteilte Flugblätter. Trotz dem Straßenmusikverbot in vielen Städten, gingen wir immer wieder auf die Straße. Unvergessen bleiben jene Tage, in denen etwa 50 RAK-MusikerInnen Straßen und Plätze in Freiburg besetzten und immer dort musizierten, wo die Polizei gerade nicht StrassenmusikerInnen verhaftete.<br />
Damals traf sich die RAK regelmäßig in diversen Städten wie Wuppertal, Braunschweig, Freiburg oder Bremen. Die Treffen endeten immer mit einem gemeinsamen Galaabend, an dem jede der teilnehmenden Gruppen 20 Minuten lang auftrat. Das Programm war meist sehr lang und zeigte oft ein breites Spektrum der Straßenkunst: vom anstrengenden und mit viel Inbrunst vorgetragenem “ganz linken Lied” und Spontantheater über mehr unterhaltsamere akrobatische Nummern, folkmusikalische Darbietungen bis hin zu sehr stillen Musikperformances gab es alles, was auf die Straße passte.“</p>

<p><br />
Es lässt sich gespannt sein, wie sich die Rotzfrechen Asphaltkultur so entwickeln wird und welche Wege sie einschlagen wird.</p>

<u><b>RAK-TREFFEN Kiel 2010</b></u>

<p>Vom 27. - 31.Mai 2010 findet in Kooperation mit der Alten Meierei und der Hansa48 ein neues Treffen der Rotzfrechen Asphaltkultur statt. Es haben sich bereits sehr viele unterschiedliche Kulturschaffende und LiedermacherInnen angekündigt. Es wird viele Aktionen, Workshops und ein großes Galakonzert in der Hansa48 geben. Auf der Seite <a href="http://www.rak-treffen.de">http://www.rak-treffen.de</a> findet man weitere Informationen zum Treffen und zur Rotzfrechen Asphaltkultur im Allgemeinen.</p>

<p>(1) Klaus der Geiger: Deutschlands bekanntester Straßenmusiker erzählt.&nbsp;  Köln 1996 (Kiepenheuer &amp; Wisch), S.150</p>

<p>(2) Klaus der Geiger. Köln 1996</p>

<p>(3) Interview mit Yok. Go Stop Act!-Die Kunst des kreativen Straßenprotests.Frankfurt 2005 (TrotzdemVerlag). S.107</p> 
      ]]></content>
    </entry>

    <entry>
      <title>Neue CD von Julain&#8217;s Wake aus Kiel</title>
      <link rel="alternate" type="text/html" href="http://www.musikwerkstatt-rzeszut.de/index.php/site/neue_cd_von_julains_wake_aus_kiel/" />
      <id>tag:musikwerkstatt-rzeszut.de,2009:index.php/mwr/index/1.273</id>
      <published>2009-11-27T14:00:07Z</published>
      <updated>2009-11-27T14:48:08Z</updated>
      <author>
            <name>Martin Rzeszut</name>
            <email>martin.rzeszut@musikwerkstatt-rzeszut.de</email>
                  </author>

      <category term="Kultur aktuell"
        scheme="http://www.musikwerkstatt-rzeszut.de/index.php/site/C32/"
        label="Kultur aktuell" />
      <content type="html"><![CDATA[
        <p>Oh klasse! Da liegt sie, die neue und erste CD von &#8220;Julain&#8217;s Wake&#8221;: auf dem Cover blökt mich grinsend ein Schaf an. Titel &#8220;Kneipenfolk - Live im Studio&#8221; Das Label heisst &#8220;schafschubser records&#8221; ...aha, deshalb das Schaf&#8230;.ja, immerhin liegen Kiel und Northumberland  ungefähr auf gleicher nördlicher Breite.</p>

<p>Auf dieser CD geht es eindeutig um das Schaf! ...auch wenn quasi zur Tarnung das Foto zweier gemütlich schlafender (Schafhüte?-)Hunde die Scheibe ziert. Beim Anhören der CD reisst mich zu guter Letzt ein heftig lautes Schafgeschrei unmittelbar nach Track 18 heftig aus dem Sessel: no doubt about: Schleswig-Holstein gehört nun endlich zu den nördlichen britischen Inseln und ich sitze offensichtlich am Firth of Kyle!</p>

<p>&#8220;Julain"s Wake&#8221;&nbsp; nennt sich eine äusserst sympathische Kieler Folk-Formation, die seit ca. 2006 zunächst in wechselnden Besetzungen und nun als Quartett den Kieler Kneipengängern ein festes Repertoire von ca. 25 Stücken anbietet. Die vierköpfige Band lebt und arbeitet in der Aubrook-Community, einem der kreativsten kulturellen Zentren im Raum Kiels, dem wir u.a. auch die Kleszmer-Band &#8220;Di Chuzpenics&#8221; zu verdanken haben.</p> <p>Das Line-up von &#8220;Julain&#8217;s Wake&#8221; (benannt nach einem verstorbenen Gründungsmitglied der Band, Julian) sind: Volker (Banjo, Bouzouki, Gesang), Annika (Akkordeon, Querflöte, Gesang), Gert (Bodhran, Tin Whistle, Gesang) und Bieni (Geige, Gesang). Als Gast spielt Chris den sog. &#8220;Gast-Bass&#8221; (sieht irgendwie nach Kontrabass aus).</p>

<p>Weil ich verrauchte und vollgedröhnte Kneipen nicht mag,&nbsp; freue ich mich nun tierisch darüber, dass es nun eine Live-CD aus dem Schafstall&#8230;.äh: Studio gibt! Ich kann jetzt gemütlich zuhause mein schottisches Bier trinken (muss also nicht in so einer von diesen ungelungenen mitteleuropäischen Imitationen irischer oder schottischer Pubs sitzen) und verstehe auch wirklich jedes Wort bei den Songs!</p>

<p>Das war nämlich das allererste, was mir beim Anhören der CD auffiel: jedes Wort ist voll verständlich. Da wird nicht ins Mikro genuschelt. Vermutlich hat man sich vor den Aufnahmen mit viel p-t-k usw. gründlich eingesungen. Dazu kommt sicherlich auch die wirklich gute Aufnahmequalität. Diese CD ist also auch in aufnahmetechnischer Hinsicht ein Genuss!</p>

<p>Ausserdem: optisch nette Aufmachung, gut lesbarer Text, informative Fotos (beeindruckend: Volker mit Gitarre) und schöne Idee: die beiden Hunde, die da Pfote an Pfote gemütlich auf der Scheibe liegen. Über die Stücke hätte man gern noch mehr gelesen (...aber da muss dann halt der Rezensent ran).</p>

<p>Und musikalisch inhaltlich? Wir bekommen rund 43 Minuten Musik in 18 Tracks. Einige sind viel zu schnell vorüber. Ach so, und dann kann man noch den Bonus Track hören, wenn man den Schafschrei überstanden hat&#8230;</p>

<p>Das &#8220;Live-Konzert&#8221; beginnt mit dem grössten Folk-Ohrwurm aller Zeiten: &#8220;Star of County Down&#8221; auf Track 1 . Die irische Ballade handelt von einem jungen Mann, der von der Schönheit eines Mädchens &#8220;mit nussbraunem Haar&#8221; elektrisiert wurde und diese dann naturgemäss später auch heiratet. Die sicher gespielte Whistle und die schön warme Geige fallen erstmal sehr angenehm auf. Der Gesang ist sehr harmonisch. Eine tolle Version, die schon zu Beginn das Schaf zum Tanzen bringt!</p>

<p>Track 2 - Streams of Whisky - die schafbrave Kopie dieses Pogues-Titels&#8230;irgendwie vermisse ich hier doch leichtes pogueistisches Chaos. Die Crew wird lustig und der Hörer fragt sich, ob überhaupt während der Tage im Studio Whisky geflossen ist&#8230;probably not. Man muss ja auch nicht alles kopieren&#8230;.</p>

<p>Track 3 - &#8220;Rakes of Mallow/&nbsp; Turra Market&#8221; (...nicht Jura Market!) -&nbsp; &#8220;Turra&#8221; ist ein kleines Kaff im Nordosten Schottlands (Nähe Delgaty Estate). Dieses Stück wird also jetzt (schmunzel) unter falschem Namen in irgendeiner GEMA-Datei landen, und ist aufgrund des Schreibfehlers weiterhin also glücklicherweise frei spielbar&#8230;.(es sei denn, der Kleinkunstveranstalter wird von der GEMA gefesselt und geknebelt, damit er &#8220;Jura Market&#8221; als &#8220;Neues Traditional&#8221; meldet&#8230;and by the way: I&#8217;m realy not amused by GEMA, liebe Wakies!).</p>

<p>Diese beiden Stücke aus aus dem Dashing-White-Sercheant-Set eines normal-schottischen Ceilidhband-Repertoires hättet Ihr wirklich länger ausspielen und fetter instrumentieren können (etwa mit dem Bass), damit sie tanzbarer werden. Das ist echt Powermusik, und das ganz ohne Macho-Texte! (Sorry&#8230;) Bodhran und Geige sind sehr schön. Die plötzliche Erhöhung der Geschwindigkeit ist unnötig und stoppt den Flow der Musik: ab dann wird sie hektisch. Ich finde es ok, wenn beim Spielen zum Tanzen die Geschwindigkeit langsam gesteigert wird, aber dann sollte das Stück auch mindestens über 10 Minuten laufen.</p>

<p>Track 4 - &#8220;Lifeboat Mona&#8221; - eine schottische Ballade von 8 wirklich mutigen Männern, die im Dezember 1959  trotz Sturm und heftigem Regen auf dem Rettungsboot namens Mona im Hilfseinsatz für das Feuerschif North Carr vor St. Andrews ihr Leben verloren und auf Carnousti Beach angespült wurden. Das Boot wurde übrigens später verbrannt, weil man glaubte, es wäre mit einem bösen Fluch belastet gewesen&#8230;..sowas ist eine typisch schottische Geschichte. Eines der mich sehr beeindruckenden Stücke auf dieser CD: ein sehr schönes Arrangement aus Banjo, Geige und Whistle umspielt die gesungenen Worte. Dazu ein treibender Akkordeonbass&#8230;die Unruhe dieser Schreckensnacht wird hörbar. Diese sehr schöne Moll-Dur-Akkordstruktur (vermutlich die Version der Dubliners war Vorbild, das Lied  stammt von Peggy Seeger) scheint ein wenig typisch für &#8220;Julians Wake&#8221;-Musik zu sein.</p>

<p>Track 5 - ein sog. &#8220;Langdans&#8221; von der schwedischen Insel Öland - sonst schneller Session-Fetzer in der Folkszene seit 30 Jahren - geriet hier zu einem sehr lyrischen Konstrukt.&nbsp; Gast-Kontrabassist Chris verleiht dieser sehr schön arrangierten&#8230;man beachte z.B. die eindrucksvolle Pause kurz vor dem Schluss!...also: dieser sehr schön arrangierten Mini-Melodie eine angenehme Tiefe. Für diese Masse an wirklich guten Arrangement-Ideen ist dieser Titel - wie ich empfinde - aber leider doch zu kurz geraten.</p>

<p>Track 6 - &#8220;Swagger&#8221; -&nbsp; Geigerin Bieni dreht voll auf und der treibende Akkordeonbass von Annika zusammen mit Gast-Bass Chris und dem lockeren Banjo von Volker machen aus diesen zweimal acht Takten ein kleines Wunderwerk. Echte Prahlerei!...was der Übersetzung von &#8220;swagger&#8221; ja voll entspricht: aus nix können also die Wakies was machen!</p>

<p>Track 7 - &#8220;Red Haired Mary&#8221; - das naive Liedchen vom Tinker-Girl aus Dingle. Annika hat hier wirklich die authentische Travelin&#8217;-Tinker-Girly-Stimme und singt das komplizierte Lied in atemberaubender Geschwindigkeit und Stimmlage. Würde mir jemand erzählen, &#8220;Julain&#8217;s Wake&#8221; wäre eine dieser schottischen Folkbands aus  Auchtermuchty oder Kirkcaldy, ich würds tatsächlich glauben. Und spätestens bei diesem vollkommen &#8220;authentisch&#8221; gesungenen Titel fühle ich mich in die &#8220;hüchty tüchty-Welt&#8221; der School of Scottish Studies in Edinburg versetzt&#8230;.echt schaf!</p>

<p>Track 8 - &#8220;Ye Yacobites By Name&#8221; - Robby Burns sein Antikriegslied mit eindrucksvollem Bodhranspiel von Gert.&nbsp; &#8220;Ye Jacobites by name yer doctrines I maun proclaim,Your doctrines I maun blame, you will hear.&#8221; ...und weiter heisst es: &#8220;What makes heroic strife, to whet the assassin&#8217;s knife -&nbsp; and haunt a parent&#8217;s life with bloody war.&#8221; 18. Jahrhundert, doch aktuell wie nie zuvor! </p>

<p>Track 9 - &#8220;Ulrico&#8217;s Zydeco&#8221; wurde Mitte der 1980iger Jahre in Arhus aufgeschrieben und über interessante Umwege nach Kiel tradiert. Dieser Zydeco stammt von Ulrico Klostergard, dem  ehemaligen Pianisten im Circus Tausendfuss im Freistaat Christiania bei Kopenhagen, der ihn damals in Arhus in der Fussgängerzone mit Akkordeon spielte. Jahre später soll Ulrico auf einem Mississippi-Dampfboot gesichtet worden sein und das auch nicht ohne sein Akkordeon. Leider spielen Julain&#8217;s Wake dieses arrangementfreudige und ausbaufähige Stückchen mit 1:20 viel zu kurz. Kaum hat es begonnen und man erwartet jetzt die zwei Dutzend möglichen Variationen der Melodie - wie das ja auch ein bißchen typisch für Zydecomusik ist - , so hört es schon auf&#8230;.ich glaub mich schubst&#8217;n Schaf!</p>

<p>Track 10 - &#8220;If I Should Fall From Grace With God&#8221; ist ein kleiner etwas kryptisch anmutender Song mit streckenweise leicht nationalem Tunnelblick (&#8220;This land was always ours/ Was the proud land of our fathers /It belongs to us and them/ Not to any of the others&#8221;). Aber ausserdem natürlich ein später Hit der Pogues aus den späten 1980igern, in dem sich Shane McGowans Drogenprobleme schon abzeichnen&#8230;.so I realy don&#8217;t mind (räusper räusper).</p>

<p>Track 11 - Bei &#8220;Roddy McCorley&#8221; beeindruckt mich die gelungene Kombination von Geige und Banjo. Thematisch geht es um die Hinrichtung des  irischen Rebellen Roddy McCorley (dunkel&#8230;dunkel&#8230;) &#8220;Cherisch the Ladies&#8221; - der ewige Sessiontune - wird von Bieni leider etwas zu hastig angegangen. Etwas langsamer gespielt und besser betont würde das Stück viel besser zur Geltung kommen. </p>

<p>Track 12 - &#8220;Seagull&#8221; ist nun endlich mal ein selbstkomponiertes Stück von Julian&#8217;s Wake&#8230; anscheinend und leider wohl das einzige. Eine Melodie, die mir auffiel und die angenehm aus den bekannten Traditionals herausragt. Ich fühle mich besonders beim Sound der Geige ziemlich an die Ideen der niederländischen Band Flairck erinnert. Auch Flairck gehörte damals Anfang der 1980iger Jahre zu jenen Bands, die im Zuge des Folkrevivals mal nicht dauernd nach Irland schauten und neue,&nbsp; eigene Musik wagten. Mit &#8220;Seagull&#8221; haben wir Hoffnung, dass auch die MusikerInnen von Julain&#8217;s Wake eines Tages mal das vermeintlich sichere Terrain der traditionellen Folk-Standards gegen lebenslustigere eigene Musik eintauschen werden. Was wird aus traditioneller Musik, wenn nicht dauernd neue Sachen hinzukommen? (Und ich weiss ganz zufällig, dass in dieser Band jemand hervorragende eigene Lieder geschrieben hat&#8230;grins!)</p>

<p>Track 13 - &#8220;Bonnie Ship The Diamond&#8221;, der alte Hit der schottischen Band The Corries, der auf ein überliefertes Lied über ein gesunkenes Walfangschiff aus dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts zurückgeht. Das &#8220;leider&#8221; untergegangen ist, wie es - natürlich witzig gemeint und im Sinne der Wal-Freiheit - auf der Website von Julains Wake  formuliert ist. Dass dort aber ebenso Menschen in den Fluten versanken wie die auf dem Rettungskreuzer Mona, sollte nicht vergessen werden. Bei diesem Stück beeindruckt wieder der Kontrabass, aber auch Geigerin Bieni mit ihren mal aggressiven, mal melodischen  Zwischenspielen auf der immer angenehm warm tönenden Geige.</p>

<p>Track 14 - &#8220;Jar of Porter&#8221; - eine irische Ballade über die angeblich positiven Wirkungen, die das Einflößen von Alkohol bei Kindern bringen soll. Ich erinnere mich, wie gern die Dubliners dieses Lied sangen und wer die Geschichte dieser alten Band kennt, wird mir Recht geben: zu viel Alkohol ist nicht wirklich gut. Also Leute, passt auf! ....sonst toora loora loora la schubst Euch noch das Schaf!</p>

<p>Der Harmoniewechsel zu Track 15 gegenüber 14 ist ausgesprochen gelungen (aber das betrifft auch  andere &#8220;Nahtstellen&#8221; auf der CD). &#8220;The Musical Priest&#8221; gehört zu meinen Lieblingsstücken und ist natürlich mit 1:11 wieder viel zu kurz geraten. Immerhin&#8230;Schaf sei dank!....ist es ausgesprochen schön von Bieni gespielt und in diesem tollen Studio mal wieder hervorragend aufgenommen und abgemischt worden.</p>

<p>Track 16 -&nbsp; &#8220;Boys From The County Hell&#8221; ist wieder ein Hit der Pogues mit einem ziemlich versauten und dummen Text. Während meiner Jahre in Schottland hab ich mich immer wieder gefragt, worin eigentlich der Reiz solcher Lieder besteht. Nach vier Jahren dämmerte mir dann die Antwort: es muss die Melodie sein, denn der Text ist schafegal&#8230;..so stört dieser damn f&#8230;g song also auch nicht weiter die positive Stimmung dieser schönen CD. Ähnlich wie Track 10 gehört es für mich ohnehin in die &#8220;Ein-Mann-ohne-Kilt-ist-kein-Mann&#8221;-Ecke. Thanks, but no thanks.</p>

<p>Track 17 -&nbsp; &#8220;The Road to Lisdoonvarna&#8221; ist ein sehr schön gespieltes Stück. Hier leidet die Qualität nicht unter der Spielgeschwindigkeit, weil es schwingt. Ob die Trampelpausen und überhaupt die Pausen musikalisch einen Sinn machen, ...das weiß das Schaf!</p>

<p>Track 18 - &#8220;The Real old Mountain Dew&#8221; beginnt mit verschmitztem Pfeifen und der Refrain wird gediddelt (im schottischen Auchtermuchty würdet Ihr damit bei den Diddling-Competitions des jährlichen Festivals den ersten Preis gewinnen!) In der JW-Eebsite heisst es: &#8220;Ein fröhliches Stück Musik über eine Sache, die uns sehr am Herzen liegt.&#8221; ...ja,ja&#8230;Real Old Mountain Dew ist eine Hymne auf den schwarz gebrannten irischen Kartoffelschnaps und ein Stück authentische Strassenmusik.</p>

<p>Wer glaubt, dass die CD nun zu Ende ist, sieht sich gewaltig getäuscht: nach einer Minute oder so  meditativer Stille blökt das Schaf herzerweichend (...und wer die CD nicht kennt, rennt erstmal vor die Haustür und guckt&#8230;) und wir hören einen Bonus-Track, der im Inhaltsverzeichnis der Stücke keine Erwähnung findet, also eine Überraschung sein muss. &#8220;Cockels and Mussels&#8221; ist ein irisch-schottisches Tinkerliedchen über eine Marktfrau, die ihre Ware anbietet. Eine nette Zugabe beim Live-Konzert im Studio und man meint, eine leicht erschöpfte aber glückliche Band zu hören, die an diesem vielleicht letztem Aufnahmetag sicherlich keine großen Schafe mehr schubsen möchte&#8230;..</p>

<p>Diese durch und durch gelungene CD sollten wirklich alle Kieler im Schrank haben!</p>

<p>...und ein Grund mehr, dass die GEMA sich nun endlich mal an ihre goldene Nase packt und Gebühren und Verteilerschlüssel überdenkt, damit Veranstalter in Zukunft überhaupt Lust haben, &#8220;Julain&#8217;s Wake&#8221; zu buchen und vor allem: damit diese Band überhaupt Einkünfte aus der CD und aus ihrer Auftrittstätigkeit bekommen kann.</p>

<p>Julain&#8217;s Wake hat eine interessante Website: <a href="http://www.julainswake.de">http://www.julainswake.de</a> und am Samstag dem 28.11.09 (also morgen!) findet die CD-Release-Party mit Konzert im Subrosa in Kiel-Gaarden statt. Eintritt frei!<img src="http://www.musikwerkstatt-rzeszut.de/images/uploads/julainswake_zwei0001_thumb.jpg" style="border: 0;" alt="image" width="300" height="410" /></p>
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      <title>Neues Theaterstück im Statttheater Neumünster</title>
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      <id>tag:musikwerkstatt-rzeszut.de,2009:index.php/mwr/index/1.272</id>
      <published>2009-11-10T19:45:52Z</published>
      <updated>2009-12-28T13:04:53Z</updated>
      <author>
            <name>Lukas Johannsen</name>
            <email>lukas@statttheater.de</email>
                  </author>

      <category term="Kultur aktuell"
        scheme="http://www.musikwerkstatt-rzeszut.de/index.php/site/C32/"
        label="Kultur aktuell" />
      <content type="html"><![CDATA[
        <p>Das „statttheater Neumünster“ steht kurz vor dem 50.Geburtstag und ist somit eines der ältesten selbstverwalteten Theater in Deutschland. Man kann als Gründungsjahr des statt-Theaters, mit ruhigem Gewissen auf das Jahr 1961 festlegen. <br />
Obwohl es schon vorher eine Theatergruppe der „Naturfreunde“ gab, trat es ab dann auch außerhalb des Mutterverbandes auf. Innerhalb der 50 Jahre wurden viel gearbeitet. Es gab politisches Kabarett, Straßentheater, Demonstrationstheater, Schülertheater, eine eigenständige Kindertheatergruppe. <br />
Anfangs wurde sogar noch durch Jugendzentren und Schulen getourt. Es gab Akrobatikgruppen, Musikgruppen und ab und zumal wurde mit ihnen sogar auch mal nach England und Schottland getourt. Viele Generationen haben bereits am Projekt „stattTheater“ mitgewirkt und somit ein Stück Gegenkultur möglich gemacht. Ab den frühen 90ern hat sich das stattTheater eine eigene Bühne in einer alten Lederfabrik in Neumünster gebaut, die mittlerweile aus der Kulturlandschaft Neumünsters nicht mehr weg zudenken ist. <br />
Wenn gerade keine eigene Produktion ansteht, leistet die Gruppe die derzeit aus etwa 25 Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zwischen 10 und 34 Jahren besteht, so einiges an Kulturarbeit. </p>

<p>Regelmäßige Veranstaltungsreihen mit (Klein)Künstlern werden durchgeführt, und für eine Zeit lang gab es sogar eine Kinogruppe für kommunales Kino.<br />
Derzeit befindet sich die Gruppe jedoch in einer Eigenproduktion an der einfach alles selbst gemacht wurde. Egal ob Text, Musik, Bühnenbau, Regie etc. alles wird selbst gemacht. Theater wird also „gemacht“ und nicht nur „gespielt. Die Arbeit erfolgt komplett ehrenamtlich – die Belohnung liegt in der Freude über das Geleistete und dem, was man in der Zeit gelernt hat. Ein fertiges Theaterstück wird gespielt und diskutiert, denn der Kontakt zum Publikum ist wichtig. Neue Ideen entstehen, Freundschaften werden geschlossen, Projekte geplant und durchgeführt und vieles mehr. Theater ist also unser Weg, die Vielfalt des Lebens um uns herum wahrzunehmen und darauf zu reagieren. </p>

<p>Das aktuelle Theaterstück „Schmetterling“ bewegt sich zwischen Fantasie, Trash und Horror und bietet neben fetziger Musik, auch jede Menge an Akrobatik und schwarzen Humor. Die Premiere lief am Samstag den 7.November 2009 und feierte in den lokalen Medien große Erfolge. </p>

<p><br />
Quellen: <br />
<a href="http://www.shz.de/lokales/holsteinischer-courier/artikeldetails/browse/1/article/807/eine-reise-zu-den-kreaturen-der-nacht.html">http://www.shz.de/lokales/holsteinischer-courier/artikeldetails/browse/1/article/807/eine-reise-zu-den-kreaturen-der-nacht.html</a><br />
<a href="http://www.kn-online.de/lokales/neumuenster/122371-Makaber-duesterer-Theaterspass-fuer-das-Publikum.html">http://www.kn-online.de/lokales/neumuenster/122371-Makaber-duesterer-Theaterspass-fuer-das-Publikum.html</a></p>



<p><br />
Aufgrund des riesigen Erfolges gibt es noch eine letzte Verlängerung:</p>

<p><b></p><u><blockquote>Samstag, 9. und 16. Januar 2010, jeweils 19 Uhr und Sonntag, 10. und 17. Januar 2010, jeweils 17 Uhr</blockquote></u><p>.</b></p>

<p>Erhältlich in der  Buchhandlung Clement (Kuhberg 9)direkt am HBF Neumünster. Kartenvorbestellungen: Tel. 04321/400596 oder unter vvk@statttheater.de</p> 
      ]]></content>
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