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Dienstag, 20. Februar 2007

Zeugen Jehovas & richtig gute Strassenmusik in Tübingen

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Ab und zu Zeit auf der “Straße” zu verbringen, kann oft sehr unterhaltsam sein.
Heute ist Freitag, und der Sonnenschein ließ während der Straßenmusik vorfreudige Gefühle auf den Frühling erwecken. Und das sollte noch nicht alles sein;
ERWACHET! ERWACHET? Ja ja, vielleicht kommt wirklich bald der Frühling, und ich kann aus meinem eingeigelten Winterschlaf erwachen?
Aber im Augenblick sticht mir eine kleine Lektüre namens “ERWACHET!” in die Augen, und wartet darauf, mich zu bekehren. Und das dazugehörige Heftchen “DER WACHTTURM” ebenfalls.

Wie gesagt, habe ich das schöne Wetter heute dazu genutzt, um mal wieder etwas Lebenshaltungskosten reinzuspielen. Erst um 15 Uhr unten am Nonnenhaus (eine Einkaufpassage), an dem einer der beiden Dauerobstundgemüsestände für positive Energie sorgt, und die Punks für negative Energie, und um 16 Uhr gegenüber des anderen Dauerobstundgemüsestandes, und des Straßenzeitungsverkäufers Achim, auf dem Holzmarkt an der Stiftskirche.

Ich spielte und spielte und spielte möglichst “richtig gute Straßenmusik”, und als es 16.25 Uhr war, und ich an dieser Stelle laut Tübinger Straßenmusikerregeln, nur noch fünf Minuten spielen durfte, sprach mich ein netter älterer Herr (ca.55Jahre) an, lobte meine Musik, und fragte was für ein Lied als nächstes kommt.

“Pandit Accordeon plays for Jugglers, von einem guten Freund aus Kiel”, war meine Antwort. Und noch bevor ich anfangen konnte, um die letzten 5 Minuten zu nutzen, fragte er mich, ob es den Teufel wirklich gibt, oder ob er in dem einzelnen Menschen steckt.

“Hääää!? - was soll den diese Frage jetzt?”, und nach kurzem Überlegen versprach ich ihm, nach dem kommenden und letzten Lied auf seine Frage einzugehen.

...Pandit Accordeon hat zu ende gespielt, und die Einnahmen sind eher gering. Als ich im Begriff war einzupacken, kam jener älterer Herr, mit einem blassen etwa 14 Jahre alten Jungen im Anhang, erneut auf mich zu, und lud mich zum Kaffee im nahegelegenen Tschiboladen ein. Ich nahm an, und wärend ich einpackte, verkündete er mir, dass sie schon mal reingehen würden und bestellen.

Nachdem das eingespielte Geld abgezählt war, und das Akkordeon in seiner weich gepolsterten Tasche verschwand, folgte ich den beiden, freute mich auf den Kaffee, und stellte mich auf ein Bibelgespräch oder so ein. Als Straßenmusiker hat man irgendwann ein Gespür dafür, was die Leute wollen, die einen so anquatschen. Denn häufig erlebte Gruppierungen in Tübingen sind auch die Jesusfreaks, und Hare Krishnas. Die Krishnas finde ich persönlich noch am aufheiternsten, und strahlen am meisten Lebensenergie aus, wärend sie mit ihren Trommeln, Schellen, Rasseln und Yogigesang Tübingen unsicher machen.

In der Tschibo-Filiale erwartete mich nun aber der heiße Kaffee, und als Preis dafür, die teuflische Frage.[...teuflische Antwort..?d.Sätzer]

Als wir gemeinsam am runden Stehtisch standen, eröffnete der freundliche Herr erneut sein Ratespiel; “Glauben sie, dass es den Teufel wirklich gibt, oder dass er in jedem Menschen steckt?” Ich überlegte eine Weile, und konnte keine konkrete Antwort finden. Vielleicht auch deswegen nicht, weil mir die Frage zu doof ist? Als von mir dann keine Antwort kam, gab er auch zu, dass dies eine schwierige Frage sei, und fing an auszuholen über das Gute und Schlechte auf dieser Welt, über Adam und Eva, wie erwartet auch über die Bibel, und über alle möglichen anderen Weisheiten.

Ich lauschte ihm aufmerksam, und mir wurde mal wieder klar, dass das für mich alles voll der verstaubte Gedankenwust ist, der mich wohl nie weiterbringen wird.

Statt dessen lebe ich lieber nach der Devise: “Ich denke NICHT, also bin ich”. Seit dem ich mich mit Eckhard Tolle beschäftigt habe, und der Gegenwart möglichst viel Aufmerksamkeit gebe, gehe ich viel leichter durchs Leben. Was nützt es, wenn ich der Vergangenheit und der Zukunft so viel Beachtung schenke? Na schön, es kann für gewisse Situationen ganz praktisch sein, an früher und später zu denken. Aber das richtige Leben spielt sich doch jetzt ab. Und das sollte ich genießen und volle Pulle leben.

Gestern zum Beispiel, saß ich abends einsam in meinem Wohnmobilchen und sehnte mich nach Zweisamkeit. In dem Augenblick hatte ich irgendwie auch Lust dazu zu leiden. Sich einfach mal gehen lassen. Doch als mir das zu trübseelig wurde, machte ich mir einfach wieder klar, was meine Gedanken da mit mir machen. Die hängen mal wieder in der Vergangenheit und der Zukunft rum, und ich sehne mich nach dem, was ich nicht habe.

Aber wozu das alles? Warum nicht einfach das lieben und leben, was JETZT ist? Das gibt viel mehr Energie, als sich von seinem verselbständigten Verstand quälen zu lassen.
Lecker Schoki und Tee kann ich in meinem Tourbus voller Wonne alleine genießen, und ein Problem ist JETZT weit und breit nicht in Sicht.

So in der Art erzählte ich dem Herrn und dem braven jungen Spund über meine Lebenseinstellung, und dass ich es als meinen Beitrag zum Frieden auf dieser Welt sehe, die Menschen in meiner Umwelt durch meine glückliche und friedseelige Stimmung anzustecken. Denn das, was man ausstrahlt, das erntet man sofort wieder, und es verbreitet sich wie von selbst.

Inzwischen war der Kaffee ausgetrunken, und mein Gesprächspartner schien zu merken, dass er mich nicht bekehren kann. Er bedankte sich aber für das offene interessante Gespräch, und ich mich für den Kaffee, und eh sie weiter auf Mission durch die Tübinger Innenstadt zogen, händigte er mir noch mit bester Empfehlung die beiden erwähnten Lektüren aus.

So, 17 Uhr ist es inzwischen. Zum Musizieren habe ich gerade keine Lust mehr, und nach einem kurzen Geschwätz mit Achim über meine Begegnung mit den Zeugen Jehovas, machte ich mich auf’n Weg nach Hause. Wohne auf einem hübschen kleinen Parkplatz auf dem Schlossberg. Mit Aussicht über die Stadt, und einer ganz ganz netten WG in der Nähe, in der ich duschen oder baden kann, Wäsche waschen darf, Wasser hole, oder auch einfach so zum Tee vorbei komme. Internet kann ich dort auch nutzen, und gemeinsam Fernsehen.[Fäansähn heisst das!d.Sätzer] Die infrastrukturelle Lage ist also perfekt.

Aber was treibt der Arno eigentlich sonst so in Tübingen?

Nachdem ich neulich in Indien meinen Musikerfreunden vom wohlständischen Deutschland erzählt hatte, sind sie gleich mit in den Westen gekommen, und wir machen hier in Tübingen jetzt zusammen Musik. Sonst schaue ich, dass ich bis Mitte Mai den ein oder anderen kleinen Job finde. Demnächst betreue ich gelegentlich eine spastisch gelähmte Frau. Bin mal gespannt.

Weiterhin sehe ich zu, möglichst viele neue Stücke zu lernen, und meine Straßenmusikqualität zu verbessern. Haben sich inzwischen einige doofe Angewohnheiten eingeschlichen, und ich muss mir einige Regeln und Tricks für Straßenmusik immer wieder bewusst machen. Richtig gute Straßenmusik zu spielen ist nämlich gar nicht so einfach.

Hier die goldenen Regeln für gute Straßenmusik von “Pandit Accordeon” aus der Musikwerkstatt Rzeszut in Kiel:

1. Spiel nie schneller, als Du mit Deinen Händen und mit Deinem Hören “mitkommen” kannst.

2. Spiel nur gelegentlich an der Grenze Deines technischen Könnens (das beinhaltet auch Geschwindigkeit) und stell selbst fest, ob Dir diese Passagen dann wirklich gefallen…oder vielleicht auch nicht.

3. Hör Dir immer selbst zu, was Du spielst. “Schlecht” ist, was Dir nicht gefällt.

4. Spiel immer’n Tuck ruhiger, als Du spielen würdest. Dann stimmt meist die Geschwindigkeit. und dann kommt die Musik bei den Zuhörern wirklich an.

5. Eine gute Rhythmik ist schon 66% von guter Musik. Spiel gleichmässig und bekomm die Stellen raus, wo Du schneller spielst (kontrollier das mit Metronom)

6. Veränder öfters mal die Stücke ein bischen hier und da, dann werden sie für Dich selbst interessanter- und für die Zuhörer auch.

7. mach gute Intros und arbeite die Schlüsse gut aus. Da ist viel Psychologie mit verbunden. Ein Stück, dass bäng beginnt, verliert an Kraft. Hört es bäng auf, ist das wie diese dämlichen Schnitte im Radio: hinterlässt das Gefühl von Unfertigkeit beim Zuhörer.

8. Überhol Dich nie selbst! Du siehst: Hauptproblem ist/könnte sein/wäre eventuell zu schnelles spielen! Das hör ich ja von hier!

9. Steh locker und aufrecht beim Spielen! Du sinkst gern in Dich etwas zusammen ... sogar beim Stehen!

10. Flirte erst mit den Weibchen, wenn Du wirklich ne Weile gute Musik gemacht hast und merkst, dass sie die Musik (und dich natürlich…) mögen. Tolle Frauen (im Sinne von “realistische Frauen, die wirklich was draufhaben”) mögen Musik, die packt und nicht “die Show” (...und sorry, ich sag das wirklich nur profilaktisch!)

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Vielen Dank für die Tipps lieber Martin!!!

Besonders gut gefällt mir Regel Nummer 10. Wie kommt dass, das Du darüber so gut Bescheid weißt? [weil ich immer auf der Suche nach realistischen Frauen war und die selten auf der Strasse gefunden habe! M.R.]

Na!? Wärst wohl auch gerne mal wieder Straßenmusiker, und die Tübinger kennst Du ja auch schon seit 25 Jahren. [Wie das Foto hier beweist! Welch Zufall, dass wir beide am selben Platz spielen! Nur ein paar Jahrzehnte auseinander. - Meine realistische (Ehe-)Frau schwärmt schon seit Wochen von netter Strassenmusik in netten kleinen Städtchen! Das Duo Jolka wird voraussichtlich um Ostern herum in Tübingen spielen! M.R.]

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Zur Zeit spiele ich auf der Straße eher selten. Denn abgesehen davon, dass die Leute bei kaltem Wetter eher selten stehen bleiben (siehe Bild)[bei mir ist deutlich mehr los! M.R.], brauche ich momentan auch einfach eine StraMu-Pause, um im Mai ordentlich Lust zu haben, um mir auf der geplanten Skaninavientour zur Mittsommerzeit die Reisekosten rein zu spielen.

Tübingen ist übrigens wirklich schön, und durch die ganzen Menschen die ich u.a. durch die StraMu kennengelernt habe, fühle ich mich wie zu Hause und es geht mir richtig gut.

Das einzige was mir jetzt noch Sorgen macht, ist dieser arme Junge, der mit uns vorhin bein Tschibo mit am Tisch stand. Wieso war der eigentlich so blass? Muss der in jeder freien Minute die Bibel studieren, und “Der Wachtturm” und “Erwachet” lesen? Nein ehrlich, auch wenn die beiden natürlich sehr nett waren, aber der Junge wirkte so leblos. Ich glaube dem würde es mal gut tun, in einer wilden Jugendbande mit frisierten Mofas zu wüten wink

So denn,
gleich gehe ich mal duschen in meine WG.
Doch zuvor Abendbrot machen, und ‘ne ordentliche Portion Leben auf’s Brot schmieren. Guten Appetit.

Und nicht vergessen! ERWACHET!!!
Der Frühling steht vor der Tür.

Bis Bald, der Arno.

Geschrieben von arnolinksquetsch am 20. Februar 2007 um 11:21 Uhr

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