Mittwoch, 14. September 2005
Wikipedia und das Akkordeon
Wenn Töchterchen ein Referat für die Schule schreibt: nur mit Wikipedia! Ich sitz beim Arzt im Wartezimmer, blätter im STERN: Wikipedia! Das tollste Projekt aller Zeiten: endlich gibts da ein Projekt im Internet, das den Medienmächtigen gekonnt ein Schnippchen schlägt…Jeder darf mitschreiben, das Volk (...und das sind wir!) schreibt seine ganz aktuelle, ganz andere, ganz besondere Enzyklopädie. Ich wollte das mal testen…
...und klickte http://www.wikipedia.de an. Wer den Firefox-Browser nutzt, kennt bereits diese relativ neue Suchmaschine: auf dem Suchfeld rechts oben “Akkordeon” eintippen und los gehts: die Seite öffnet sich recht langsam. Ist sie dann da, fällt sofort das Foto eines Bremer Strassenmusikers auf, der ein Akkordeon umhängen hat (so dass man sieht, wie es getragen wird) und seine rechte Hand zeigt den zur Stramu-Standardausrüstung gehörenden fingerlosen Vorweihnachtszeit-Spielhandschuh. Allein sowas mag ich!
Ein Blick auf den Text allerdings erstaunt: “wenig” ist der erste Eindruck. Zwar gibt es jede Menge Unterseiten zu verschiedenen Akkordeontypen, doch finden wir genau das, was auch in jedem anderen Lexikon über das Akkordeon steht und eigentlich noch viel weniger. Der alte Hohner-Geist weht stöhnend durch die Zeilen und man liest dort über “berühmte Akkordeonisten” (ist nicht jeder, der Akkordeon spielt, irgendwie berühmt…?) und Komponisten (wobei ich sehr viele Komponisten nicht fand, z.B. mich selber). Ich wusste doch: jeder kann mitschreiben. Also: hier hatte man es offensichtlich vergessen! Uralt alles, Schnee von gestern. Als erstes klackste ich frech eine Selbstdarstellung voll in die Linkliste (technisch erlauben das diese fabelhaften Schreibprogramme…). Dann übte ich mich in “Diskussion” (dafür lässt sich eine eigene Seite anklicken) und lies mich aus über den Unterschied zwischen Knopf und Taste, denn dazu gab es nette und fundierte Diskussionsbeiträge. Toller Blogger dachte ich, sowas brauchen wir wirklich!
Kurze Zeit später dann die Ernüchterung: meine schöne Selbstdarstellung war weggewischt und jemand aus der “Admin”-Ebene (Administratoren) hatte mich auf der Diskussionsseite der Werbung bezichtigt und meinte, ich hätte mich verraten…Hm. Sehr interessant. Ich hab doch gar nichts zu verraten…Ein paar Mails hin und her, ein paar Diskussionsbeiträge und die Sache war klar: Wikipedia ist kein Blogger, sondern ein Lexikon, eine Enzyklopädie in der Alpha-Phase. Wikipedia hält auf sich und sie wollen - einigen Admin-Diskussionsbeiträgen zufolge - mit dem Brockhaus und anderen Lexika mithalten! Das hatte ich nicht erwartet: ich glaubte tatsächlich an ein viel leistungsfähigeres Projekt, an dem jeder mitmachen kann. Ich dachte, die Artikel würden fliessend und dank hervorragender Software Minute für Minute aktualisiert, offensichtliche (z.B. sachliche) Fehler o.ä. wären sofort durch andere Beiträge behoben und aus dem Diskussionsextrakt würden umgehend neue Beiträge entstehen. Technisch doch jetzt alles möglich…
Im Prinzip ist es auch so: doch alles geht sehr langsam vonstatten, und somit leidet natürlich auch die Aktualität der Informationen! Meines Erachtens hängen die Initiatoren doch noch zu sehr am alten Schema der “verstaubten Enzyklopädie” (was ein Zyklopen-Wort!) und man liest dort tatsächlich: “Nur für Personen und Institutionen von allgemeiner oder in einem Fachgebiet besonderer Bedeutung sollten Artikel angelegt werden. Ein Anhaltspunkt für die Bedeutung ist beispielsweise, ob jemand oder eine Organisation auch in mehreren anderen Nachschlagewerken vorkommt…” [http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Was_Wikipedia_nicht_ist] Sowas nenne ich: sich selbst ein Bein stellen. Was ich darüber denke, kann man gern auf der zugehörigen Diskussionsseite nachlesen…falls sie nicht schon gelöscht ist, denn sowas geschieht manchmal von Geisterhand.
Dass man sich einarbeiten muss, wenn man mitschreiben, mitdiskutieren möchte, ist nicht der Punkt. Es stört zwar ein bisschen und bremst die Spontaneität, doch sorgt das sicherlich auch für mehr Qualität in den Sachaussagen. Dass aber brauchbare und aktuelle Beiträge einfach gelöscht und nicht an die richtige Stelle etwa verschoben werden und dass ich als Komponist und Akkordeonist erst drauf warten muss, bis der Brockhaus über mich schreibt, finde ich für ein Projekt, dass sich “freie” Enzyklopädie nennt, vollkommen daneben.
Doch eventuelle Vorurteile beiseite: es kann ja noch werden, das Projekt ist im Entstehen! Die Administratoren sind zwar “grade durch” in ihren Kommentaren, aber grundsätzlich wohlgesonnen und um Hilfe bemüht. Es herrscht insgesamt ein freundlicher und offener Umgangston. z.B. dutzt man sich durchweg, was ich sehr angenehm finde. Schade, dass die Regeln des guten Tons im Miteinander nicht auch das gesamte Projekt beherrschen und sein Gelingen garantieren. Man ist allseits bemüht, das Projekt zu verbessern: mit wohl leider notwendigen Regelwerken. Eine unglaubliche Arbeit, und sicherlich frustrierend, wenn es um die Bekämpfung zahlreicher Attacken durch Sekten, Neonazis und andere destruktiven Gruppierungen geht (wobei die Hacker da ja noch nett sind…)
Ist man als Benutzer und gelegentlicher Verbesserer des Werkes schlau, so arbeitet man stetig mit, beachtet alle Regeln, übt erstmal das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden und guckt “nach oben”, wie die Administratoren sprechen. Deshalb berichte ich hier auch ganz offen über meine Mitarbeit als Elefant im Porzellanladen und rate jedem Enthusiasten zu mehr Umsicht: es geht alles auf die private Zeit der Administratoren, und die arbeiten ehrenamtlich! Kleine Verbesserungsvorschläge zu machen, scheint für Neueinsteiger der beste Weg zum Erfolg zu sein. Grosse Artikel tun nicht nötig. Man hört auch bei den Diskussionen durch, dass es bereits zu allen Sachgebieten genügend Artikel gibt. Das ist zwar kaum zu glauben, doch sagen sie es: z.B. gäbe es ja schon einen ganz lesbaren Artikel zum Akkordeon, kann man da lesen. Mit anderen Worten: was soll also ein neuer? Irgendwo richtig und irgendwo falsch. Urteilt bitte selbst!
Meine Kritik zum Stichwort “Akkordeon” [http://de.wikipedia.org/wiki/Diskussion:Akkordeon] soll alle Leser und Akkordeonkenner dieses TÖNCHEN!-Artikels ermuntern, ihren “Senf” bei Wikipedia dazuzuschreiben! Ein bisschen Wind schadet nicht, Wissen habt ihr alle und jeder anderes. Interessante Punkte wären etwa: Instrumententypen, Stimmungen diatonischer Akkordeons, Literatur zum Akkordeon, wer spielt alles öffentlich und möchte, dass das nachschlagbar ist? Wer komponiert Musik für Akkordeon und möchte das bekannt machen (immer betonen, dass Information vor Werbung steht!)
Soweit erstmal meine Ideen. Ihr habt bestimmt eigene! Wikipedia ist toll und könnte zum Thema “Akkordeon” noch toller werden, wenn wir alle mitmachen! Wir sind das Volk! Es gab immer schon Volks-Enzyklopädien, die waren schön verständlich und die Texte nicht zu sehr verschraubt formuliert. Jetzt kommt die Aktualität und die vom Internet gewohnte Vielfalt dazu: die Chance! An so einem Projekt macht es Spass, mitzuarbeiten! Deshalb bleiben wir dran und berichten später mehr über unsere Erfahrungen. Dieser Blogger könnte ebenfalls u.a. Diskussionsforum zu diesem Thema werden…wie wärs mit Beiträgen?