Freitag, 26. Mai 2006
“Weltmusik” sollte nicht Kriterien für Popmusik untergeordnet werden: Dr. Jan Reichow
Rundfunkmann, Schulmusiker, Orchesterviolinist und Spezialist für indische und arabische Musik - ein Kurzportrait
Welcher WDR-Hörer kann sich noch an die Sendung „Zwischen Bosporus und Gibraltar“ erinnern? Volksmusik in den Achzigern: es ging um die Musik Südeuropas im Austausch mit deutscher Musikkultur. Jan Reichow: “Das war eine Spezialität. Da gab es auch keine stilistische Festlegung. Da konnte man Popularmusik – auch Popmusik – genauso spielen wie Dorfmusik. Durch die besondere Präsentation wurde einem nicht nur die Musik, sondern auch die Welt nahe gebracht, aus der die Musik kam“ (zitiert aus FOLKER! 3.06 S.68)
Der Westdeutsche Rundfunk war das Rundfunkprogramm für die Ureinwohner Westfalens. Namentlich das Dritte Programm erzog mich als Kind zur Musik-Kultur. Der Begriff „Volksmusik“, der im WDR der Fünfziger Jahre im besten Sinne des Wortes „Programm war“ machte letztlich aus mir den Musiker und Musiklehrer, der ich heute bin: interessiert an allem, was „authentisch“ klang. Waren es zunächst die Darbietungen der „Volksmusikvereinigung des WDR“ , einem Ensemble, das traditionelle Tanzmusik aus Westfalen und dem Rheinland (sicherlich aus den kleinen Heften des Bärenreiterverlages…) frisch und munter in die Mikrofone jagte, Georg Espitalier am Akkordeon oder Wolters Chor, so roch es etwas später nach Holzfeuer und Slivowitz: es gab den musikalischen Reisebericht! Musik im kulturellen Zusammenhang, Musik mit Hintergrundinformation, hervorragende „field recordings“ von reisenden Musikjournalisten – besser konnte es nicht sein.
„Matinée der Liedersänger“ war dann schon eine mehr folkmusiklastige Sendereihe: man sendete plötzlich mehr stilbewusst und ordnete u.a. nach Irish Folk, Blues, Bordunmusik und Chanson: bis heute bindende Rahmenrichtlinien für Folkmusiker, Folkagenturen, Folkmagazine und Folk-CDs.
Welcher WDR-Hörer kann sich noch an die Sendung „Zwischen Bosporus und Gibraltar“ erinnern? Volksmusik in den Achzigern: es ging um die Musik Südeuropas im Austausch mit deutscher Musikkultur.
Jan Reichow: “Das war eine Spezialität. Da gab es auch keine stilistische Festlegung. Da konnte man Popularmusik – auch Popmusik – genauso spielen wie Dorfmusik. Durch die besondere Präsentation wurde einem nicht nur die Musik, sondern auch die Welt nahe gebracht, aus der die Musik kam“ (zitiert aus FOLKER! 3.06 S.68)
Jan Reichow über „Funkhaus Europa“: „...wo alles auf Easy Listening und tanzbare Musik hinausläuft. Und wo eigentlich auch das, was ich für anspruchsvolle und befruchtende Momente in der Musik anderer Völker halte, gar nicht vorkommt. Also, die große improvisierte Musik und die intensiv durchdringende, hartnäckig bleibende und sich ausdehnende Musik, die nicht unseren Popkriterien untergeordnet werden kann. Die eben Zeit braucht. Die hat da keinen Platz…“ (zitiert aus FOLKER! 3.06 S.68)
Wer nun ist eigentlich Dr. Jan Reichow? Seit 1970 freier Mitarbeiter beim WDR. Jahrgang 1940, aufgewachsen in Bielefeld (ging dort auch aufs Ratsgymnasium wie ich…das verbindet). Studierte neben Violine u.a. Schulmusik, germanistik, Musikwissenschaft, Volkerkunde und Philosophie. Lehrerexamen. Seit 1965 sass er als Geiger im Collegium Musicum des WDR. Ausserdem im Ensemble Collegium Aureum. 1971 promovierte er über arabische Musik und seit 1976 leitet er die Abteilung Volksmusik/Musikkulturen beim WDR. Seine Spezialität sind Radiosendungen zum Verständnis anderer Musikkulturen. Ausserdem konzipiert er Sendereihen, die vorwiegend den orientalischen und afrikanischen Musikkulturen gewidmet sind.
Jan Reichow organisiert indische und iranische Konzerte: Indien-Festivals, das Kölner Geigen-Festival “West-östliche Violine”, ein Oboen-Festival “Das Schilfrohr tönt”, ein Zulu-Festival und seit 1976 das jährliche WDR Folkfestival (seit 1997: WDR Weltmusik Festival).
Seit 1991 erarbeitet Jan Reichow zusammen mit Network Medien Frankfurt die CD-Reihe “World Network”. Darin geht es um die Veröffentlichung von Aufnahmen, die der WDR im Raum Afghanistan bis Zimbabwe gemacht hatte.
Seine Tätigkeit als Dozent für Aussereuropäische Musik an der Robert-Schumann-Hochschule Düsseldorf liessen ihn Studien- und Aufnahmereisen in den Libanon, nach Afghanistan, Tunesien, Marokko, Korea, Hongkong, Georgien, Sri Lanka, Rumänien, Ostserbien, Guinea/Westafrika sowie nach Indien und Bali machen. Ausserdem reizten ihn Veröffentlichungen über Alte Musik und Bach, über arabische und indische Musik.
Jan Reichow urteilt im zitierten Interview (das Michael Kleff vom FOLKER! mit ihm machte), ziemlich kritisch über den Begriff “Weltmusik”, wie er in der WDR-Sendung Funkhaus Europa angewendet wird. Dessen Programm sei von „...Popnähe diktiert. Damit wird das Spektrum ganz eng. Alles, was nicht auf der Schiene läuft, sondern sich irgendwie von Pop abgrenzt, wird nicht mehr einbezogen….Dass man nicht die Weltmusik meint, nicht die World Music, sondern nur eine bestimmte Weltmusikszene. Die etabliert ist, die ihre Hitlisten hat und die irgendwie nach den eingefahrenen Regeln abläuft. Nach Regeln, die vom Popmusikmarkt stammen. Nicht aus professionellem Musikverständnis.“ (zitiert aus FOLKER! 3.06 S.68)
Hier denkt ein verdienter Rundfunkmann und praktizierender Musiker wie viele von uns! Und wie schön, dass der worldmusic-hitlistenorientierte FOLKER! diese Worte veröffentlicht (siehe http://www.folker.de/menu/index.htm)...vermutlich, weil man Jan Reichow nun mal nicht totschweigen kann, wenn er sich laut und vernehmlich über Kommerz und Musik äussert.
Neugierig geworden? Man lese mehr über Jan Reichow und seine m.E. Überaus wichtigen Gedanken auf seiner textintensiven Website http://www.janreichow.de
Liebhaber indischer oder arabischer Musik werden hier interessante Notizen finden. Besonders reizvoll in Reichows Veröffentlichungen finde ich die Symbiose von Klassischer Musik des Abendlandes und Orientalischer Musik. Er versteht Weltmusik in einem künstlerisch sehr produktiven Sinne (niemals statisch, immer in Bewegung) und man wünscht sich noch zahlreiche Aufsätze zu diesem Thema.
Ein Buch über indische Musik ist angekündigt. Und vielleicht wird es ja mal eine Neuauflage der Sendungen „Zwischen Bosporus und Gibraltar“ geben. Gern auch auf CD!