Dienstag, 12. Dezember 2006
Vom Rand zur Mitte - Rechtsextreme Einstellungen und ihre Einflussfaktoren in Deutschland - Teil II
Die DECKER&BRÄHLER – Studie im Referat – Teil II
In Teil I dieses Referates hatte ich über die m.E. Notwendigkeit einer kürzeren Darstellung der Decker-Brähler-Studie referiert. Ich hatte die Studie insgesamt vorgestellt, über den Begriff „Rechtsextremismus“ geschrieben, den Forschungsstand zum Thema „Rechtsextremismus“ dargestellt und die Konzeption der Befragung sowie deren Durchführung beschrieben.
Es folgten erste Befragungsergebnisse, die mittels Kernfragebogen über Statements zu „Rechtsextremismus“ und über die entsprechenden Zustimmungswerte zu diesen Statements gewonnen wurden.
Dabei zeichnete sich als bundesweites Gesamtergebnis eindeutig ab: Ausländerfeindlichkeit lassen 26,7% der Befragten erkennen, gefolgt von Chauvinismus (19,3%) und Antsemitismus (8,4%).
Bemerkenswert ist es auch, die Ergebnisse dieses Kernfragebogens nach Bundesländern geordnet zu präsentieren: in Bayern ist die Zustimmung zu allen aufgeführten Statements deutlich höher als im westdeutschen Durchschnitt. Bei ausländerfeindlichen und antisemitischen Aussagen liegt Bayern ganz oben. In Mecklenburg-Vorpommern haben wir ganz ähnlich den Spitzenreiter im ostdeutschen Durchschnitt. „Allerdings wird dieses Bundesland hinsichtlich der Ausländerfeindlichkeit noch von Brandenburg übertroffen.“
Ohne jetzt im Einzelnen auf die Art und Durchführung eingehen zu wollen kamen Decker&Brähler zu dem Ergebnis, dass geringere Bildung der Befragten höheren Zustimmungswerten bei rechtsextremen Statements entspricht. „Es fällt aber auch ins Auge, dass jeder zehnte Deutsche mit Studium chauvinistischen und ausländerfeindlichen Aussagen zustimmt.“ (S. 48) [dies finde ich ziemlich deprimierend! M.R.]
Geschlechterunterschiede sind unbedeutend.[...d.h.: fallen bezogen auf die Befragungsergebnisse kaum ins Gewicht.M.R.]
Der Erwerbsstatus hat einen deutlich sichtbaren Einfluss auf den Rechtsextremismus. Arbeitslose neigen mehr dazu: 37,2% von ihnen zeigen etwa Ausländerfeindlichkeit.
Mit dem Lebensalter steigt auch die rechtsextreme Haltung: die Ausländerfeindlichkeit der über 60jährigen ist mit 32,7% signifikant.
Bei Berücksichtigung politischer Orientierung der Befragten haben wir sehr interessante Ergebnisse, wobei ich hier als Beispiel die „Ausländerfeindlichkeit“ mit den stärksten Zustimmungswerten herausgreife.
Ergebnis für Westdeutschland:
- CDU/CSU 25,6%
- SPD 26,5%
- FDP 19,9%
- Grüne 18,6%
- PDS/WASG 18,8%
- NPD/DVU/Republikaner 67,7%
- Nichtwähler 33,5%
Ergebnis für Ostdeutschland:
- CDU/CSU 28,1%
- SPD 22,9 %
- FDP 19,4 %
- Grüne 11,9 %
- PDS/WASG 33,3 %
- NPD/DVU/Republikaner 66,7%
- Nichtwähler 43,3 %
Ich finde – um mal hier auch mal meine persönliche Meinung dezent einzubringen – die hohe Ausländerfeindlichkeit bei SPD und Grünen schon erschreckend. Besonders im Westen liegt der Wert bei der SPD höher als bei der CDU…unglaublich! Dass „nur“ rund zwei Drittel der NPD/DVU/Republikaner-Sympatisanten Ausländerfeindlichkeit zeigen, stimmt fast schon optimistisch….
Auch die interessante Frage „Was wählen Rechtsextreme?“ beantwortet unsere Studie gegen meine Erwartungen: CDU und SPD. Die Parteien, die man ja für „typisch“ halten würde, rangieren nur auf dem dritten Platz, nämlich NPD/DVU/Republikaner.
Wer hätte das gedacht, dass wir in den Wählern der beiden grössten demokratischen Parteien ein deutlich messbares rechtsextremes Potential haben?
Gewerksschaftsmitglieder unterscheiden sich nicht von Nichtgewerkschaftsmitgliedern, was ihre rechtsextremen Haltungen betrifft. „Gewerkschaftsmitglieder…stellen keine Gruppe mit besonderem politischen Bewusstsein dar.“ (S.54)
Rechtsextremismus und Glaubensorientierung: „Die Mitglieder der beiden großen Amtskirchen…unterscheiden sich in der Erhebung von den Konfessionslosen. Protestanten wie Katholiken weisen niedrigere Werte in der Skala ‘Ausländerfeindlichkeit’ auf, dafür zeigen sie sich antisemitischer als die Konfessionslosen. [...das finde ich äusserst befremdlich, da doch die christliche Religion eindeutig aus der jüdischen Religion hervorgegangen ist und beide Religionen über das Alte Testament in direktem Zusammenhang stehen! M.R.] Die Befragten katholischen Glaubens stechen mit einem statistisch bedeutsamen, höheren Chauvinismuswert hervor.“ (S.54f)
Resultat der Befunde insgesamt:
„Im Überblick lässt sich feststellen, dass rechtsextreme Einstellungen durch alle gesellschaftlichen Gruppen und in allen Bundesländern gleichermaßen hoch vertreten werden. Der Begriff ‘Rechtsextremismus’ ist dahingehend irreführend, weil er das Problem [von der Wortbedeutung her,MR] als ein Randphänomen beschreibt. Rechtextremismus ist aber ein politisches Problem in der Mitte der Gesellschaft.“
Der von der Arbeit des Verfassungsschutzes stammende Begriff „Rechtsextremismus“ sollte deshalb nach Meinung der Autoren überdacht werden.
Liegen Zustimmungswerte zu rechtslastigen Statements wie Ausländerfeindlichkeit, Chauvinismus und Antisemitismus bei „teilweise über 40% der Befragten“, so könne man schliesslich nicht von einem „Extrem“ reden. Rechte Haltungen sind vielmehr Durchschnitt.
Deshalb lasse sich Rechtsextremismus nicht „alleine durch Verfassungsschutz oder einzelne gesellschaftliche Gruppierungen…lösen“
Vielmehr: „Hier ist jede gesellschaftliche Institution gefragt, über Strategien gegen Rechtsextremismus nachzudenken und diese umzusetzen. Mit dem hohen Anteil an rechtsextremen Parteianhängern sind insbesondere die demokratischen Parteien gefordert.“ Besonders das Thema „Ausländerfeindlichkeit“ fordere hier „eine große Sensibilität“. (S.56)
[Im Folgenden überschlage ich die Kapitel 2.3 und 3. Kapitel „Rechtsextremismus und andere politische Einstellungen“ und gehe hier nicht detailiert auf Befragungsergebnisse zu „Autoritarismus“, „sozialen Dominanzorientierung“ und „Sexismus“ ein.M.R.]
Der Extra-Fragebogen mit Fragen zur „Gewaltbereitschaft“ und deren Zustimmungsergebnisse ist für dieses Referat – wie ich finde – ausgesprochen wichtig, en detail besprochen zu werden:
- dem Statement „Ich würde selbst nie körperliche Gewalt anwenden, finde es aber gut, wenn es Leute gibt, die auf diese Weise für Ordnung sorgen“ stimmten rund ein Viertel aller Befragten zu.
- „Selber würde ich nie Gewalt anwenden. Aber es ist schon gut, dass es Leute gibt, die mal ihre Fäuste sprechen lassen…“ fanden 22% Ostdeutsche und 21% Westdeutsche.
- dem Statement „Ich bin bereit, mich mit körperlicher Gewalt gegen Fremde durchzusetzen“ stimmten 10% im Osten und 14% im Westen zu.
- „Man muß leider zu Gewalt greifen, wenn man nur so beachtet wird“ fanden 8% im Osten und 9% im Westen auch.
- „Körperliche Gewalt gegen andere gehört ganz normal zum menschlichen Verhalten, um sich durchzusetzen.“ Das meinten 11% im Osten und 15% im Westen.
- „Ich bin in bestimmten Situationen durchaus bereit, auch körperliche Gewalt anzuwenden, um meine Interessen durchzusetzen.“ Das bejahten 11% Ostdeutsche und 15% Westdeutsche.
Als ein durchaus interessantes Ergebnis lässt sich festhalten: man lässt lieber schlagen, als dass man selber schlagen würde. Aber auch die Ost-West-Unterschiede sind bemerkenswert. [Die Werte sprechen für sich und bedürfen glaube ich keiner weiteren Interpretation. Die festgestellte latente Gewaltbereitschaft ist sicherlich manchem Leser dieser Studie neu und unangenehm.M.R.]
Ergebnisse weiterer Zusatz-Fragebogen, die im Rahmen der B&D-Erhebung ausgefüllt wurden [ich beschränke mich hier auf das referieren der Ergebnisse. M.R.]: Zustimmung „zur Idee der Demokratie“ gibt es bei 92% der Ostdeutschen und bei 95% der Westdeutschen. Zufriedenheit mit der gegenwärtigen „tatsächlich funktionierenden“ Demokratie der BRD genießen dagegen nur 27% der Ostdeutschen und 51% der Westdeutschen.
[überschlage 3.2 “Ergebnisse im Vergleich Rechtsextrem/Bevölkerung“ S. 72ff)/ überschlage 3.3. „Der Zusammenhang von Rechtsextremismus mit anderen politischen Einstellungsmaßen“, die Untersuchungen sind hier ausführlichst von Autoren beschrieben]
Ergebnisse der (überschlagenen) Untersuchungen (S.83 f) in Kurzfassung:
- „Rechtsextreme haben…eine deutlich höhere Gewaltbereitschaft.“
- Gewaltbereitschaft richtet sich „insbesondere gegen Unterlegene und Minderheiten.“
- „Die Bereitschaft, gleiche Lebensbedingungen für alle Gruppen zu schaffen ist hoch, aber deutlich geringer als in der restlichen Bevölkerung.“
- „Hinter der Ablehnung der Emanzipation von Frauen von Herd und Ehemann steht offensichtlich oft auch ein rechtsextremes Weltbild.“
- Einstellung gegenüber der Demokratie: „Hier kann nicht beruhigen, dass die Institutionen des Rechtsstaats nicht ganz so deutlich abgelehnt werden.“
- „Das Risiko des Rechtsextremismus besteht vor allem in der latenten Bereitschaft, antidemokratische und autoritäre Bewegungen zu unterstützen und Gewalt gegen Schwächere und Unterlegene anzuwenden, wenn sich hierzu eine Gelegenheit ergibt.“
- „Gefühltes Linkssein“ schütze nicht vor Rechtsextremismus. [das traf nach meinen Erfahrungen auch besonders auf die radikale, gewalttätige Linke vor 35 Jahren und danach zu! M.R.]
Nun zum 4. Kapitel: „Einflussfaktoren auf rechtsextreme Einstellung und mögliche Schutzfaktoren“:
Thema „Deprivationserfahrung“ wird überschlagen]
Dem Messen der „Lebenszufriedenheit“ schreiben Autoren grosse Bedeutung zu und in der Tat verblüffen die Ergebnisse. Deshalb referiere ich hier ausführlicher, verzichte dabei aber auf das Referat der für diese Untersuchung zugrundeliegenden Literatur:
Zur Ermittlung der „gewichteten Zufriedenheit“ unterschied man 8 Lebensbereiche:
Freunde/ Bekannte, Familienleben/ Kinder, Partnerschaft/ Sexualität, Wohnsituation, Gesundheit, Einkommen/finanzielle Sicherheit, Beruf/Arbeit und Freizeitgestaltung/Hobbys.
Die Befragten sollten auf einer Skala von -12 bis + 20 den Grad ihrer Zufriedenheit (Pluswerte) oder Unzufriedenheit (Minuswerte) angeben. „Aus diesen Lebnesbereichen wird dann durch Addition der Gesamtwert der globalen Lebenszufriedenheit gebildet“ (S.94)
Ergebnisse der Untersuchung: „Die Teilnehmer mit einer ausgeprägten rechtsextremen Einstellung…zeigen insgesamt eine höhere Lebenszufriedenheit in den Bereichen Freizeit…, Gesundheit…, Einkommen… und Wohnung…“ Bei der „globalen Lebenszufriedenheit“ gibt es keine Unterschiede zwischen Rechtsextremen und Nicht-Rechtsextremen.
Die Gruppe mit einem „gefestigten rechtsextremen Weltbild“ zeigt im Vergleich zur restlichen Bevölkerung „höhere Lebenszufriedenheit“.
„Dieses Ergebnis ist interpretationswürdig. Möglicherweise profitiert hier das psychische Wohlbefinden von der rechtsextremen Einstellung.
Rechtsextreme Einstellung kann entlastend wirken…und damit die Bewertung des Erreichten verbessern.“ Mit „entlastend“ ist etwa die Schuldzuweisung gemeint: „Ausländer nehmen mir den Arbeitsplatz weg.“
„Weiterhin kann rechtsextreme Einstellung den familiären Binnenraum sichern helfen , etwa im Sinne einer ‘Wagenburgmentalität’. Dies schafft eine höhere Binnenzufriedenheit.“
Erziehungsverhalten:
Das Erziehungsverhalten von Vater und Mutter wurde ebenfalls per Extrafragebogen getrennt erfragt. Facit: es existieren „statistisch bedeutsame Zusammenhänge“ mit dem elterlichen Erziehungsverhalten. „So geht eine hohe Ablehnung und viel Strafe durch Mutter und Vater oder eine Überforderung durch die Mutter mit einer hohen rechtsextremen Einstellung einher.“
„Demgegenüber berichten Personen, die rechtsextreme Aussagen ablehnen, [über] eine hohe emotionale Wärme durch den Vater und die Mutter sowie eine Überforderung durch den Vater.“
Die Gruppe der „gefestigten Rechtsextremen“ zeigt (S.100f):
- höhere „erinnerte Ablehnung und Strafe“ durch den Vater.
- Weniger Wärme und mehr Ablehnung durch den Vater.
- „Väter von Rechtsextremen zeigen einen deutlich autoritären Erziehungsstil.“
- geringere „erfahrene emotionale Wärme“ seitens der Mutter.
- „Hinsichtlich des erinnerten Erziehungsverhaltens durch die Mutter sind die negativen Aspekte wie Ablehnung und Überforderung höher ausgeprägt.“
- „In der Gesamtgruppe nimmt die Zustimmung zum Rechtsextremismus in dem Maße zu, in dem Ablehnung und Strafe durch die Eltern berichtet wird und die emotionale Nähe abnimmt.“
- „Die Gruppe derjenigen, die ein manifestes rechtsextremes Weltbild zeigen, haben einen deutlich autoritären Erziehungsstil mit viel Ablehnung und wenig Wärme erfahren.“
Für die Untersuchung von „Persönlichkeit“ beschränke ich mich auf das Referat der Ergebnisse für Personen mit „geschlossenem rechtsextremen Weltbild“ im Verhältnis zu den nicht rechtsextrem Gefestigten der Untersuchungsgruppe:
- sie sind dominanter.
- sie sind verschlossener und mißtrauischer.
- „Je höher der Rechtsextremismus bei den Befragten ausgebildet war, desto mehr beschrieben sie sich als dominanter und unkontrollierter.“
- sie zeigen eine „geringere soziale Resonanz und Durchlässigkeit.“
- sie zeigen eine „depressivere Grundstimmung“.
- Sie sind ängstlicher.
Bei „Belastbarkeit und „Selbstwert“ (hier „Resilienz“ genannt) gab es keine Unterschiede zwischen rechtsextrem eingestellten Menschen und den anderen.
Des weiteren wurde festgestellt, dass Personen mit ausgeprägten rechtsextremen Einstellungen (wieder im Gegensatz zu den anderen)
- „...weniger Sinn im politischen Engagement und für sich weniger Einflussmöglichkeiten auf die Regierung sehen.“
- sich weniger akzeptiert fühlen.
- Sich in ihrer Umgebung weniger wohl und sicher fühlen.
- Ihre „eigene subjektive wirtschaftliche Situation schlechter ein[schätzen].“
- „die aktuelle wirtschaftliche Situation als schlechter einschätzen“ (S.113) [...wobei es bei den letzten beiden Punkten oft zu Fehleinschätzungen kommt!M.R.]
Als „Einflussfaktoren für die Ausprägung rechtsextremer Einstellungen“ werden im Kapitel 4.11 der Untersuchung einzig folgende Fakten als bedeutsam genannt:
- „Die größte Vorhersagekraft für das Zustandekommen einer rechtsextremen Einstellung hat…die globale Lebenszufriedenheit, eine hohe politische Deprivation sowie eine misstrauisch -verschlossene Persönlichkeit.“
- „geringer Selbstwert hat einen hohen Erklärungsanteil.“
- des weiteren „fehlende emotionale Wärme durch den Vater sowie Überforderung durch die Mutter stehen ebenfalls zu einem hohen Grad im Hintergrund einer rechtsextremen Einstellung.“ (S.123)
Die Autoren der Studie raten dann in Kapitel 4.12 aufgrund der bisher referierten Ergebnisse zu folgenden Präventionsmassnahmen („Schutzmassnahmen“), die einer Entstehung oder Begünstigung des Rechtsextremismus entgegenwirken könnten:
- klare Unterscheidung zwischen Personen mit „gefestigter rechtsextremer Einstellung“ und solchen, die diese nicht haben oder bei denen diese noch nicht gefestigt ist.
- „Stärkung politischer Partizipationsmöglichkeiten“ oder „Förderung der Mitbestimmung in einer lebendigen Demokratie“
- „klare Positionierung politischer Akteure gegen Ideologien der Ungleichheit, wie Sozialdarwinismus und Autoritarismus.“
- „Des weiteren sollten Analysen rechtsextremer Einstellungen nicht ausschliesslich auf schwierige wirtschaftliche Situation reduziert werden.“
- entsprechend sollten auch „Personen mit einem höheren Einkommen“ als Träger rechtsextremen Potentials betrachtet werden.
- „Stärkung des Selbstwerts“ Deprivilegierter bzw. bei Angehörigen von Minderheiten zur Vermeidung einer „Ideologie der Ungleichheit und Ungleichwertigkeit“, die den „Boden für den Rechtsextremismus bereiten.“ (S.129)
- „aktive Familienpolitik“ und die politische Schaffung eines „demokratischen Familienklimas, in [dem] auch emotionale Nähe erfahren werden kann.“
- „Förderung einer stärkeren Anteilnahme von Vätern an der Kindererziehung“ sollte eine „Aufgabe der Politik und Zivilgesellschaft sein.“
- „Ausserdem zeigt sich nach Interpretation der Untersuchungsergebnisse die Notwendigkeit, die Menschenrechtserziehung zu forcieren. Das Ziel der Entwicklungsförderung sollten reflektierte, selbstbewusste, offene und konfliktfähige Individuen sein.“ Gefordert sind neben Eltern und Schulen auch etwa „Unternehmen…, [die] ihre Mitarbeiter zum Beispiel durch entsprechende Projekte und Weiterbildungen ...unterstützen.“ Und weiter: „Hinsichtlich der Schulen könnten Ganztagesschulen mit entsprechenden pädagogischen Konzepten wie zum Beispiel dem kooperativen Lernen, authentisch demokratische Prinzipien vermitteln und praktizieren helfen.“
- Einsatz der Politik „...hinsichtlich der Gestaltung einer solidarischen Gesellschaft…, indem neben der Verbesserung von Bildungschancen, der populistischen Ausgrenzung von gesellschaftlichen ‘Randgruppen’, auch die simplifizierende Zuschreibung der Verantwortung für gesellschaftliche Probleme auf sogenannte ‘Sündenböcke’ zu vermeiden ist.“ Autoren erwähnen als negatives Beispiel den Begriff „Sozialschmarotzer“.
- Für Prävention und Intervention wäre es notwendig, „...auch die Personen intensiver zu untersuchen, die nur teilweise rechtsextremen Einstellungen zugestimmt haben, da diese rechtsextreme Einstellungen nicht ablehnen und gegebenenfalls ihre Zustimmungen , zum Beispiel bei gesellschaftlicher Akzeptanz, erhöhen könnten.“ (S.130)
Autoren zitieren in diesem Kapitel Adorno (1966) aus seinem Aufsatz zur Erziehung nach Auschwitz: „Die einzig wahrhafte Kraft gegen das Prinzip von Auschwitz wäre [...] die Kraft zur Reflexion, zur Selbstbestimmung, zum Nicht-Mitmachen.“ Und dies gelte für alle Altersgruppen, nicht nur für Jugendliche und Kinder. (S.130)
[Das folgende Kapitel „Persönlichkeitstypen und Rechtsextremismus“ wird übersprungen, weil es m.E. keine wesentlich neuen Ergebnisse bringt bzw. die referierten nur bestätigt, vielleicht sogar weniger „ernst nimmt“. Ausserdem halte ich persönlich die Findung von „Persönlichkeitstypen“ für eine nicht für das Kernergebnis der Studie massgebliche Erweiterung. Es erscheint mir geradezu überflüssig und auch als Überinterpretation angesichts der doch wirklich zu geringen Anzahl der Befragten, die in dieser Studie insgesamt zu Wort kamen.]
Als Abschluss meines Referats zitiere ich hier noch aus dem Kapitel „Migrations-Mainstreaming“ (S.171), weil diese Gedankengänge besonders angesichts der gegenwärtigen Frage nach Effizienz unseres Schulsystems von Bedeutung sein sollten:
„Bildungsinstitutionen müssen auch in die Lage versetzt werden, ihren Bildungsauftrag wahrzunehmen.Dass bedeutet sowohl eine deutliche finanzielle Stärkung der Institutionen als auch eine inhaltliche Überarbeitung der Lehrpläne. So ist es zwar sicherlich sinnvoll, Projektwochen zu Ausländerfeindlichkeit und
Rassismus zu veranstalten. Aber bis heute hat weder in den Lehrplänen
noch in den Schulbüchern ausreichend Würdigung erfahren, dass Deutschland
ein Einwanderungsland ist. Die Beseitigung dieser Unterlassung ist wichtige Aufgabe der Politik. Integration muss von einem Sonderthema zum Querschnittsthema des Unterrichts gemacht werden.“
Und weiter: „...die Lehrpläne [sollten] auf ihre Würdigung der Einwanderungsgesellschaft hin überprüft werden. Zudem sollten Migranten nicht nur im Kontext von Vorurteilen thematisiert werden..“
Nicht nur auf die Schulsituation beziehen sich folgende Feststellungen der Autoren:
„Zur Bekämpfung des Rechtsextremismus wird eine an den
Menschenrechten orientierte Bildung und Erziehung benötigt, die vermittelt,
dass Menschenrechte universell sind und für alle Menschen gelten.“
„Die Erwachsenenbildungsarbeit ist mit Sicherheit ein notwendiger Ansatzpunkt bei der Prävention, etwa durch betriebliche Bildungsarbeit, die sich stärker an ältere
Arbeitnehmer richten muss.“
Decker&Brähler wagen zum Abschluss ihrer Dokumentation eine Voraussage und verbinden diese mit einem Appell, den auch ich als Pädagoge nur unterstreichen kann und den ich deshalb ausführlich und unkommentiert zitieren muss:
„Die rechtsextreme Einstellung wird auf lange Jahre die Demokratie
beschäftigen. Die Stärkung der demokratischen Einstellung und der
Kampf gegen den Rechtsextremismus ist eine dauerhafte Aufgabe. Es
ist nicht absehbar, dass der Rechtsextremismus an Brisanz und Bedrohungspotential
verlieren wird. Die Aufgabe besteht darin, einerseits den
Rechtsextremismus zu bekämpfen und die Grundlagen für ein demokratisches
Selbstverständnis bei den Menschen zu legen.
Daneben bleibt aber andererseits auch die Aufgabe, den Skandal zu
thematisieren, dass es rechtsextreme Einstellungen in diesem Ausmaß in
einer Gesellschaft gibt. Die von uns diskutierten Einflussfaktoren und
Schutzmechanismen lassen das Problem als eines erscheinen, das im
einzelnen Menschen begründet liegt. Dieses Missverständnis ist durch
den Fokus unserer Untersuchung angelegt: Wir haben die Einstellung
der Menschen in den Blick genommen, den Rechtsextremismus in seiner
Ausprägung beim Einzelnen untersucht.
Aber Rechtsextremismus ist vor allen Dingen kein Individualproblem,
sondern ein gesellschaftliches. Wie wir mit unserer Diskussion versucht
haben zu zeigen, ist es ein Problem der Gesellschaft, unter welchen Bedingungen
Menschen in ihr aufwachsen und leben.
Es bleibt zu skandalisieren, dass rechtsextreme Einstellungen in diesem
Ausmaß entstehen und existieren. Dass es dazu kommen kann, berührt
auch die Grundlagen der demokratischen Gesellschaft. Über den
Rechtsextremismus kann man nicht ohne die Bereitschaft reden, auch die
Verfasstheit dieser Gesellschaft zu thematisieren.“ (S.172 f.)
Vom Rand zur Mitte - Rechtsextreme Einstellungen und ihre Einflussfaktoren in Deutschland - Teil I