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Samstag, 25. Februar 2006

...und wieder einmal zeigte sich die Schaumanufaktur in Klingenthal von ihrer besten Seite!

...indem sie für den Kieler Ska-Musiker Arno Seifert ein Akkordeon nach Wunsch fertigte

Schüler der Musikwerkstatt unterm Fernsehturm kennen seit längerem die schönen “Blümchenakkordeons” der Schaumanufaktur Klingenthal, die ich sehr gern im Unterricht benutze (Typ “Folkloreakkordeon”). Sie sind stabil gebaut und sehr leicht. Die Pianoakkordeons zeichnen sich durch leicht spielbare Tastatur und geräuscharme Bassmechanik aus. Die diatonischen Instrumente sind “flink” und kompakt. Alle Akkordeons der Schaumanufaktur haben einen vollen und entschieden klingenden Bass, mit dem präzise Rhythmikvorstellungen verwirklicht werden können. Insgesamt wird grosser Wert auf Akkordeonbau-Tradition gelegt und derart saubere Lackierungen an Holzakkordeons kann man lange suchen. Dazu stimmt das Preis-Leistungs-Verhältnis. Überdies beschäftigt die Schaumanufaktur Klingenthal die erfahrensten Akkordeon-HandwerkerInnen, die diese sächsische Akkordeonmetropole zu bieten hat. Ein weiterer Grund für mich, meinem professionell orientierten Schüler Arno Seifert eins dieser hervorragenden Instrumente zu empfehlen. Aber das Allerbeste: man ging dort in Klingenthal auf die ganz persönlichen Wünsche eines “verkehrt herum” spielenden Akkordeonisten ein.

Arno Seifert mag Ska. Nicht irgendeinen Ska. Es sollte sehr guter Ska sein. Sowas findet man z.B. in Schweden. Da man es hier noch nicht findet, wird Arno Seifert sicherlich bald seine eigene Ska-Band gründen, bei der das Akkordeon eine tragende Rolle spielt. Nicht nur als dekorative Klischeequetsche bei sporadischem Einsatz… Was??? Ska mit Akkordeon?? Gibts doch garnicht…Doch! Wer kann sich noch an “Edward II and the Red Hot Polkas” erinnern? Oysterband? Unendlich viele Bands im Rahmen der Rotzfrechen Asphaltkultur in bundesdeutschen Fussgängerzonen?...na also. geht doch. Und seit Augustus Pablo findet die durchschlagende Stimmzunge und ihr typischer Klang auch im jamaikanischen Reggae Verwendung. “Balkan Soul” aus Kiel zeigen ebenfalls eindrucksvoll die Offbeat-Qualitäten des Akkordeons.

Arno Seifert wollte ein schwarzlackiertes handliches Akkordeon. Ästhetik pur! Hervorragend gestimmt. Nicht zu schwer und nicht zu klein. Genügend Bässe, aber transportabel. Die 60-Bass-Norm (das ist die 72-Bass-Norm ohne die Reihe der diminished Chords) ist optimal für die üblichen Tonarten im Stagebereich. Ausserdem sind kleine Bälge höchst wirkungsvoll, wenn es um ausgefeilte Rhythmik geht. Kleine Akkordeons bedeuten wenig Masse (Bassgehäuse). Wenig Masse bedeutet bessere Beschleunigung bei impulsintensiver Balgtechnik. Skaspielen kostet sonst zu viel Kraft.

Arno Seifert legt ausserdem Wert auf gute Optik: z.b. auf gut aufeinander abgestimmte Farben (Riemen, Gehäuse, Diskantgrillbespannung). Der Schriftzug “Silvetta” sollte normal zu lesen sein: der Betrachter sollte beim Lesen den Kopf schief nach links legen können. Schulterriemen-Beschläge sollten ein “Verkehrtherumhängen” erlauben. Eine lange Liste von persönlichen Sonderwünschen wurde an die Schaumanufaktur gemailt und man ging dort ausserordentlich geduldig, liebevoll und gewissenhaft mit diesem Kundenauftrag um. Etwa zwei Monate nach Eingang der Bestellung wurde Arnos Akkordeon an ihn verschickt.

Beim ersten Begutachten des Instruments wurde ein leichter Transportschaden entdeckt. Es stellte sich heraus, dass die Füsschen des Bassteiles den Transportbelastungen durch den Packet-Service nicht standgehalten hatten. Die Schaumanufaktur half umgehend mit technischen Ratschlägen und neuen Schrauben. Auffällig war an diesem Instrument die besonders gute Stimmung, die natürlich sofort mit unserem Peterson-Tuner kontrolliert wurde: hervorragend. Die Stimmzungen haben auch den optimalen Löseabstand: sie sprechen leicht an. Gutem Ska steht also nichts mehr im Weg!

Ich hatte im Rahmen der Vorbereitungen noch mit Ralf Schürer von der Schaumanufaktur weitere Möglichkeiten für linkshändige Bedienung eines Akkordeons diskutiert. Veränderte Schräg-Anordnung der Tonreihen im Bass ist bautechnisch für Einzelinstrumente nicht machbar bzw. nicht ökonomisch. Ein Umsetzen des Balgventil-Knopfes ebensowenig. Erfahrene Spieler brauchen diesen Knopf sowieso nur vor und nach dem Spielen.

Nach längerer Beschäftigung mit dem Linkshänder-Phänomen halte ich allenfalls eine andere Tonanordnung im Diskant für sinnvoll: dass der Daumen die tiefen Töne spielt und der kleine Finger die hohen und höchsten ist eine Qualität, welche letztlich auch die gespielte (bzw. komponierte) Musik prägt. Betrachte ich allerdings Arnos Hand beim Spielen des Diskants, so scheint auch hier eine Änderung vielleicht nicht notwendig zu sein.

Facit: es geht! Jedes handelsübliche Akkordeon lässt sich “verkehrt herum” umhängen, soweit die Schulterriemenbeschläge dies erlauben. Probleme gäbe es einzig mit dem Firmennamen. Doch würden sich die Akkordeonhersteller vielleicht einmal darauf einigen, Markennamen grundsätzlich als Zubehör (Folienstreifen zum Selbstaufkleben) dem Neuinstrument beizulegen, wäre das Problem gelöst. Akkordeonmarken müssen auch wirklich nicht die Schriftgrössen der Zigarettenwerbung erreichen…..Der Schriftzug der Schaumanufaktur ist klein und sachlich.

Akkordeonlehrer haben mit Verkehrt-herum-Akkordeons allerdings ihre Probleme, wenn sie selbst es normal herum spielen. Wieviele Standardformulierungen mit “linke Hand” und “rechte Hand” es im Unterrichtsvokabular gibt, merkt man spätestens dann, wenn so einer wie Arno vor einem sitzt. Doch ein guter Schüler ist auch, wer seinem Lehrer hilft…Danke Arno!...und inzwischen weiss ich auch wieder, was meine rechte und meine linke Hand eigentlich ist. Und dass es eine “Diskant-Hand” und eine “Bass-Hand” geben könnte.

Übrigens gibt es zahlreiche Akkordeonspieler, die ihr Akkordeon anders als normal halten. Ein Akkordeonist ist mir in Erinnerung, der in alten Zeiten mit Klaus dem Geiger auftrat (wie hiess er nur?) Mich rief auch einmal ein Akkordeonist aus Neumünster an mit demselben Phänomen. Vielleicht gibt es ja TÖNCHEN! - Leser, die Kommentare zu diesem Thema beisteuern möchten? Ein Klick auf “Kommentar” unter diesem Artikel öffnet ein Editor-Schreibfeld!

Das Link zur Schaumanufaktur in Klingenthal findet sich auf der TÖNCHEN! - Hauptseite unter Links. Ein Besuch dieser sehenswerten Manufaktur nebst Museum ist ausgesprochen interessant. Klingenthal bietet neben einem Akkordeonmuseum und zahlreichen industriegeschichtlichen Denkmälern auch ein hervorragendes Wandergebiet.

SILVETTA - Akkordeons bekommt man meines Wissens immer noch nicht im bundesdeutschen Akkordeon-Fachhandel. Wer Edles will, muss sich eben selbst darum bemühen. So war es schliesslich immer schon. Also: auf nach Klingenthal!

Und herzlichen Dank an Ralf Schürer für den hohen Einsatz!

Geschrieben von Martin Rzeszut am 25. Februar 2006 um 12:34 Uhr

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