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Das Tönchen!

Das Online-Magazin
der Musikwerkstatt-Rzeszut

 

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Samstag, 23. Dezember 2006

Über Kinder, Engel und die Zeit

...die Musikwerkstatt Rzeszut wünscht Schöne Weihnachten!

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Diesen schönen sog. „Rauschgoldengel“ transportierte meine Mutter aus Gdansk im braunen Fluchtkoffer in den Westen. Das war „damals auf der Flucht“ 1945. Sie war da 27 Jahre alt. Dieser nordosteuropäische Rauschgoldengel – niemand weiss übrigens so genau, warum er so heisst -  stammte von ihrer Mutter aus Elblag und begleitete die Weihnachtsfeiertage meiner Mutter und auch meine. Als Kind empfand ich diesen Engel als etwas unwirklich. Heute ist er eins meiner vielen kleinen Wesen, die mich in Kästchen, auf Tischchen, in Nischen, auf Fensterbänkchen umgeben und manchmal aus meiner papierenen Unordnung auch vorwitzig herauslugen, wo man es garnicht denkt.

Jemand hat ihn bestimmt vor hundert Jahren gebastelt. Eine alte Frau vielleicht, die ihre Rente aufbessern musste. Oder Kinder dieser Fischersfamilien damals, aus der meine Mutter stammte: in Heimarbeit wurden solche Spielzeugsachen gebastelt, und alle mussten ran, Geld verdienen. Oder hat Opa den gebastelt, um sich die Zeit zu vertreiben? Damals hatten die Opas noch Zeit und tüftelten am Küchentisch Spielzeug und Weihnachtsschmuck aus.

Jedenfalls: der Engel hat alle überlebt. Auch meine Mutter. Auf jeden Fall aber denjenigen oder diejenige, welche ihn zusammenbauten mit Schere, K lebstoff, Faden. Aus Pappe, Buntpapier und Watte. Und Rauschgold natürlich. Keine Ahnung, was Rauschgold sein soll…aber mit Gold hatten es die Leute damals in Gdansk. Man findet es dort sogar in einem Schnaps von lokaler Bedeutung: dem „Danziger Goldwasser“. Das waren Zeiten damals: da hatten sie noch Zeit, Goldflöckchen in den Schnaps reinzudrüddeln.

Wir wissen ja, dass Engel ewig leben. Nichts neues. Mich wird er auch noch überleben.—“Ja klar!“ sagte er soeben und guckt mich verwundert an. Hm…man sollte besser seine Weisheiten für sich behalten, stimmt.

Dieser Engel ist erstaunlich robust und viele Umzüge ohne grössere Beeinträchtigung überstanden. Engel sind doch hart im Nehmen! Neulich fiel hier in meinem Arbeitszimmer eine dieser zahlreichen papierenen „Wanderdünen“ um und traf doch voll den Rauschgoldengel!

Ja und? Nichts weiter! Er stand auf guckte mich mitleidig an, so als ob er mir sagen wollte: nu guck ma nich so ängstlich! So ein Engel kann viel ab! Ein paar zusätzliche Falten und eine leicht verzogene Statik bekamen ihm eigentlich optisch auch ganz gut: er scheint jetzt noch deutlicher zu schweben als früher….?

Der Engel vor mir sagt dazu nichts. Grinst. Guckt mich skeptisch an. Durchbohrt mich mit diesen klitzekleinen Augen (...wurden die nicht öfter mal nachgemalt? Meine Mutter nahm sich viel Zeit für ihren Rauschgoldengel.)

Als Kind durfte ich nie die kleinen Kerzchen anzünden, die der Engel in Händen hält. Weil man sagte,  dass der Engel dann Feuer fangen würde und den Weihnachtsbaum, den Gabentisch, das Wohnzimmer, das Haus mit Mensch und Maus dem Feuertod überantworten würde. Engel tun sowas bestimmt nicht, aber meine Mutter war da nicht so sicher. Oder ging es eher darum, dass es so schwierig war, diese „Kerzlein“ (Ostpreussen reden nur im Diminuitiv) in der Bielefelder „Geschenkstube“ zu bekommen?

„Ja, deswegen natürlich…aber das hast du damals nich gescheckt…“ murmelte der Engel.

Doch ich erinnere einen Heiligen Abend, wo doch tatsächlich diese Kerzlein mal ganz kurz brannten! Wahrscheinlich hatte ich zuviel über die Kerzlein gequengelt und ein Wassereimer stand sicherlich bereit…oder meine Mutter hatte noch ein paar Mini-Kerzlein irgendwo entdeckt….

Das Wattehaar wurde alle paar Jahre erneuert. Und ich glaube auch, dass meine Mutter öfters die Flügel glatt bügelte. Es gab übrigens noch ein zweites Engelchen in Gold, doch der muss irgendwann mal weggeflogen sein.

“Keine Ahnung wohin…“ sagte der Engel. Sitzt hier vor mir rum und guckt gelangweilt.

War meine Kindheit schön? JA!...und wir hatten Zeit für Rauschgoldengel und die Geschichten, die sich um sie drehten! Das habe ich mir bis heute bewahrt. Und dafür habe ich immer Zeit!

„Das kann man wohl sagen!“ bemerkte der Rauschgoldengel.

„Dies Jahr ging sooo schnell rum, unglaublich!“...sagen das nur die Älteren unter uns oder empfinden das sogar die reizüberfluteten Kinderchen? Alle, die gebannt auf den Bildschirm starren wie das Kaninchen auf die Schlange merken jedenfalls kaum, wie schnell sie alt werden…Ich glaube: vorm Computer geht die Zeit am schnellsten „rum“.

„Da hast du aber recht!“ sagte der Engel.“Du musst das ja wissen: schliesslich sitzt du ja auch immer vor deinem Bildschirm, Alter!“

Also…hm…nein, dazu sage ich jetzt nichts. Er sollte froh sein, dass ich mir die Zeit nehme und über ihn im TÖNCHEN! berichte….

„Gefühlte Zeit“ und „gelebte Zeit“...ist das so wie beim Wetter? Ist da irgendwas vielleicht relativ? Können wir mehr Zeit fühlen? Denn sie läuft uns ja eigentlich nicht weg. Wir haben Zeit, wenn wir genau hingucken…äh, hinfühlen: jeden Tag 24 lange Stunden.

„Na,...also….von denen pennst du aber mindestens acht Stunden mal weg, sei ehrlich… und viele Stunden vertüdelst du, weil du mit viel zu viel Aufwand Dinge erledigen willst! Du schaffst einfach mehr, wenn du weniger über das WIE nachdenken würdest, lieber Martin! Es ist besser, nichts zu tun als mit viel Aufwand wenig zu schaffen!“ sagte der Rauchgoldengel und sprang auf den Papierstapel vor mir, wo er besser auf den Bildschirm gucken konnte. Engel hauen immer den Nagel auf den Kopf…Aua!

Und da gibt es wirklich diese zahllosen Kinder, die mit dicken Terminkalendern herumlaufen und ausser den Schulterminen noch jede Menge „persönliche Termine“ haben, die sie „abhaken“ müssen und denen nicht selten sogar der für die gesunde Konstitution doch so dringend notwendige private Musikunterricht zum Opfer fällt. Einfach so. Geburtstagsparties sind wichtiger…. und deren Anzahl nimmt dramatisch zu: 20% der bezahlten privaten Musikstunden fallen bei uns inzwischen aus, weil wer wen zum Geburtstag eingeladen hat! Immerhin nehmen sie sich dafür wenigstens Zeit…doch Musikmachen ist eben auch wichtig.

Unseren Kindern geht es wohl so gut, dass sie keine Zeit mehr fürs Musikmachen „haben“. Aber geht es ihnen damit wirklich gut? Geht es ihnen in Wahrheit nicht sehr schlecht, wenn sie keine Zeit mehr haben, finden oder sich nehmen für das tägliche Musizieren? Für das Spielen? Für das spielerische Spielen mit Tönen? Für das Zurruhekommen mit Musik? Kinder ohne inneren Halt flippen dann meist aus, wenn ihnen die Zeit ausgeht und diese Ruhe fehlt. Und werden wehrlos gegen Gewalt von aussen. Gewalt ist oft eine Folge von innerer Unruhe. Musik und Gewalt sind Gegensätze.

Wenn man Kindern die Zeit nehmen will, die sie dringend für ihre komplexe seelische Entwicklung brauchen, für ihr inneres Gleichgewicht, für die „Baustelle im Kopf“ während der Pubertät – dann geht das komplett schief! Nur Engel halten permanenten Druck aus, wie wir sahen. Engel lassen sich nicht knittern und umbiegen. Aber bei Kindern lässt sich einiges verbiegen…

„Bei mir auch!“ sagte der Engel: „guck ma meine Flügel an: wieder nich gebügelt!...weil du immer nur TÖNCHEN! schreibst und keine Zeit mehr hast für deinen Engel!“

Kindern brauchen alle Zeit für sich. Schlimm genug, dass die Kinder hier in Mitteleuropa in eine extrem harte Wettbewerbsgesellschaft hineingeboren werden, mit der sie irgendwo klar kommen müssen. Und wo sie die weitverbreitete Maxime fressen müssen: „Wettbewerb schadet dir keinesfalls, denn du weisst: nur der Stärkere kommt durch!...nur der Stärkere…ist gut….! Also nutz deine Zeit, um der Stärkere zu werden!“

Gerade bemerkte ich, wie der Rauschgoldengel sich hier neben der Tastatur schüttelte: „Hör auf, du hast erst neulich lang und breit über Sozialdarwinismus rumgelatschert, bleib beim Thema hier! Is schliesslich Weihnachten, vergiss das nich! Schreib ma wat besinnliches!“ (plötzlich fiel mir auf, dass der Engel nach 60 Jahren Bielefeld komplett den Dialekt seiner ostpreussischen Heimat vergessen hatte…!)

„Mit jedem Tag bekommen wir einen Tag Zeit dazu“ sagt ein afrikanisches Sprichwort. Also: Zeit gibt es genug. Vielleicht geht es nur darum, sie wahrzunehmen, sie zu fühlen. Vielleicht sollte man vollkommen umdenken: ich habe keine Zeit, deshalb lebe ich garnicht mehr richtig. Oder: ich lebe nur gut und zufrieden, wenn ich die Zeit fühle, die ich habe.

„Mann, das hast du ja toll hingekriegt!“ raunzte der Engel.

Eigentlich sind wir alle nur ungeduldig: wir haben so viele Möglichkeiten, die wir nutzen könnten und wagen uns weder für dies, noch für das zu entscheiden. Das kostet Zeit. Es ist einfach zu viel: soll mein Kind nun neue Ski oder besser ein Snowboard bekommen? Eigentlich wären Schneeschuhe ja optimal, doch die Mode ist ja vor einigen Wochen leider wieder verschwunden und es gibt keine Schneeschuhe zur Zeit….Oh Gott! Was schenke ich meinem Kind nur zur Weihnachten?...und wir haben schon den 22. Dezember…wo bleibt nur die Zeit?

„SCHENKE IHNEN ZEIT!“...wo kam das denn nun wieder her….? Fühlte sich da wer angesprochen?

„Jetzt wird’s spannend!“ sagte der Engel und schnipste mit der Flügelspitze einen meiner Notizzettel weg.“Aber komm man bald zum Ende…wer das liest, hat wenig Zeit! Ist schliesslich Weihnachten!“ - „Ach, guck mal an! Da hamwers aber!“ entfuhr es mir.

Neulich war ein Foto in der Zeitung, und damit hatte jemand einen Preis gewonnen. Es zeigt zwei Kinder, die dick vermummt an einem Tisch sitzen. Eine Kerze brennt. Ach wie schön, dachte ich, wo ist das denn? Dorf in Russland? Weihnachten in Sibirien? Nein: das ist Weihnachten in der Kanalisation von Moskau. Die beiden Kinder – so fünf oder sechs Jahre alt – sind sog. „Strassenkinder“ und leben in der Moskauer Kanalisation! Man kann nicht mal sagen, dass sie dort hausen. Sie vegetieren da vor sich hin. Weiss der mächtige Putin das? Vielleicht blickt er wegen all der sog. „Strassenkinder“ in Moskauer Kanalschächten immer so traurig auf Pressefotos?! Bestimmt! Nicht wahr? Und er kann ja nichts dagegen machen, der arme Kerl…nicht wahr?

Der Engel…na ja, er grinste leicht sarkastisch, denn er weiss es schliesslich besser, weil: Engel sind die besten Geheimdienstler der Welt! Nach Bedarf sichtbar oder unsichtbar. Brauchen auch kein Polonium für ihre Arbeit einzusetzen, denn Engel wollen lebendige Menschen. Wollen Frieden unter den Menschen. Da kann sich der von Menschen ausgedachte Geheimdienst mal nen Vorbild dran nehmen.Und die Herren Bush und Putin, Gadafi und wie sie sonst noch heissen ebenso.

Millionen von Kindern in der ganzen Welt hausen irgendwo in Höhlen, in Kellern von Bahnhöfen, auf Abfallplätzen. JA, auch Weihnachten! Und vergessen wir das nicht, wenn wir hier satt vor Bratenfett feiertäglich und zufrieden vor uns hinrülpsen („Hä?“ machte der Engel und blinzelt belustigt auf den Bildschirm) und uns fragen: wo bleibt denn nur die Zeit? Weihnachten hat doch gerade erst angefangen? Mensch, was liegt das dieses Jahr aber wieder mal ungünstig…sonst hatten wir immer ne Woche frei…...

„Ja, ich auch!“ sagte der Engel bedauernd und guckt leicht genervt. Oder hat er da etwa auf die Armbanduhr geguckt? Nee, hat ja keine…oder doch?

Der Bärenreiter-Verlag konnte es nicht mehr ohne grosse Verluste schaffen, zwei Euro für ein verkauftes Liederbuch an die Kindernothilfe zu überweisen. Wir haben gesehen, dass das nicht allein am guten Willen des Bärenreiterverlages liegt. Das liegt an uns allen. Am Wirtschafts-System. Am Wettbewerb. Wir fangen an zu spinnen, wenn die Umsätze mal etwas weniger werden und sparen genau da, wo wir nicht sollten. Nicht dürfen!

Europa ist satt und jammert trotzdem. Europa sieht nicht die Notlage der eigenen Kinder…nicht. Europa hat keine Zeit für Kinder. „Nach mir die Sindflut!“...weltweit leben Kinder im Elend. All diesen Kindern wünschen wir jetzt mehr Wärme und Geborgenheit! Zuwendung! Dass Erwachsene ihnen Zeit schenken mögen. Und dass die Kinder ihre Zeit geniessen…können! Soweit das möglich ist.

„Soweit das möglich is!“ äffte der Engel nach.

Ja, soweit das möglich ist…auch so ein fetter Spruch, der nach Bratenduft riecht! Man muss es möglich machen und sich auch erstmal in die Richtung drehen. Dahin, wo man helfen möchte („MUSS!“ sagte der Engel, „werde bitte konkreter!“). Und dann sollte man hingucken und überlegen, wie man nach seinen(!) Möglichkeiten helfen KANN. Oder gibt es vielleicht noch mehr Möglichkeiten?...hat man irgendwelche vielleicht übersehen, weil man sich nicht die Zeit genommen hat, gründlich genug nachzudenken? Und vor dem Nachdenken kommt das Fühlen…zur freien Entfaltung unseres Fühlens sollten wir uns einige dringend notwendige Zeit reservieren!

„Jetzt geht das aber hier wieder zur Sache, Mann!“ frohlockte der Engel.

Und dann soll man es TUN! Und damit sollte man dann am besten sofort anfangen! Die Zeit nutzen. Aktiv werden! Effektive Hilfe kostet auch Zeit…“aber es spart enorm Geld!“

„Ey! Toll!...das isn guter Spruch!“ sagte der Rauschgoldengel, „damit kannst du jeden überzeugen in diesem unseren Lande! Geld sparen ist der Schlüssel zur Seeligkeit für manche…als Engel kann ich das gut beurteilen“.

Diese gestrenge Vorrede konnte ich mir leider dieses Jahr nicht verkneifen….ich bitte um Entschuldigung, wenn wir die Weihnachtsstimmung leicht angedetscht haben sollten, der Engel und ich! Es wurde einfach mal Zeit!

„Ach, Quatsch, was angedetscht ist, wird auch wieder glatt!“ bemerkte mein Rauschgoldengel hier soeben und entflog ohne weitere Worte und lustig pfeifend in die untere Etage, um für die Koordination der Weihnachtsvorbereitungen die neuen Eckpunkte für das Zeitsparprogramm festzulegen…..good luck! Ich weiss, dass er es schaffen wird! Er ist hart im Nehmen!

Wir – ehäm…der Engel und wir! - wünschen allen Freunden, Bekannten, Schülern, unseren Eltern der Schüler und Schülerinnen, unseren Musikerkollegen, unseren hilfreichen Musikhändlern und Akkordeonbauern, den zahlreichen zur Zeit hart geforderten Antifa-Gruppen und allen unseren Partnern im World Wide Web und nicht zuletzt unserem Webmaster Oliver Hahn und seinem Kollegen Rüdiger Sack – ohne deren tollen Einsatz unsere Webpräsenz überhaupt nicht möglich wäre!! - ...wen vergessen?...ach ja, sorry!....auch natürlich allen Engeln, denen über Berlin, Moskau, Bagdad und Alexandria (...wo übrigens Kareem immer noch im Knast sitzt!)..also: allen denen wünschen wir Schöne Weihnachten und ein friedliches und glückliches Neues Jahr mit viel gefühlter Zeit und Kraft zum Anpacken wesentlicher Dinge!

Eure Hildegard Jolanta Rzeszut und Martin Rzeszut

Geschrieben von Martin Rzeszut am 23. Dezember 2006 um 10:29 Uhr

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