Mittwoch, 10. Januar 2007
Tonsysteme - ein neues Thema im TÖNCHEN!
“Musiktheorie” wird hier demnächst EINFACH erklärt
In meinem Musikunterricht tauchen sehr oft und immer dieselben Fragen auf: “Was heisst diatonisch?”, “Was ist ein Akkord?”, “Wieso wiederholen sich die Tonnamen, aber die Töne werden doch immer höher?”/ “Was sind Ganztöne und was sind Halbtöne?“ u.v.m. und ich wundere mich immer wieder, wie wenig das Thema “Tonsystem” in unseren Schulen thematisiert wird. Wie wenig gründlich Musiklehrer mit der notwendigen Erklärung komplexer Bezeichnungen wie „Kadenz“ oder „Quintenzirkel“ umgehen. Aber auch: wie umständlich musiktheorethische Bezeichnungen sein können…wenn man sie nicht vereinfacht erklärt bekommt!
In meinem eigenen mir gewidmeten Schul-Musikunterricht vor 40 Jahren an einem sog. “Humanistischen Gymnasium” (wo ja Musik ein wichtiges Thema sein sollte, denn wie musikalisch waren schliesslich die Alten Griechen…!) kann ich mich erinnern, dass wir schon den “Quintenzirkel” durchnahmen, ich ihn aber damals nicht kapierte. Ich verstand schon, dass “oben C war und nach rechts die Kreuz-Vorzeichen zunahmen”,...doch wofür das ganze denn eigentlich? Was waren denn Quinten eigentlich und wofür braucht man die denn? Was war der Sinn dieses magischen Kreises? Wie kam er überhaupt zustande und wofür brauchen wir das Ganze denn überhaupt?
Und ich erinnere ganz deutlich, dass unser Musiklehrer plötzlich das Thema “Quintenzirkel” unvermittelt und viel zu früh abschloss mit der Begründung, “die meisten von euch wissen nun alles über den Quintenzirkel. Doch die Musiktheorie ist gewaltig gross, und wenn ihr jetzt den Quintenzirkel könnt, dann ist das etwa so, wie man nur das Wörtchen THE kennt, wenn man Englisch lernt!” und ehrfürchtig verneigten wir Schüler des Ratsgymnasiums uns vor der Grossen Musiktheorie…ahnend, dass nur ganz wenige auserwählt seien, in den Genuss ihrer höheren Weihen zu gelangen (...und das waren jene mit privatem Musikunterricht im Rücken, die auch regelmässig eine Eins bekamen…!)
Aus heutiger Sicht des Musikers und Musiklehrers weiss ich es besser: der Quintenzirkel ist die Achse der westlichen Musikstruktur und die Quint ist für die Musik der ganzen Welt bedeutsam. Das Wörtchen „The“ ist – verglichen mit der Bedeutung unserer „Quinte“ - nahezu bedeutungslos und man sollte sich ruhig viel mehr Zeit nehmen, um den Quintenzirkel in immer wieder neuen Anwendungszusammenhängen zu zeigen, als mein Musiklehrer das damals tat. Auf jeden Fall sollte man ihn aber gründlich erklären!
Denn natürlich macht es auch Spass, neben dem Musizieren auf die physikalischen, mathematischen oder musikpsychologischen Fakten zu sehen, die mit dem Musizieren in Zusammenhang stehen. Und es macht grossen Spass, wenn man den Quintenzirkel als Messwerkzeug benutzt und im Handumdrehen das „Transponieren“ von Musik von einer in die andere Tonart hinbekommt.
Doch sollte man sich als Schul-Lehrer eben mehr Ruhe und Zeit nehmen und in kleinen Schritten erst über die Bedeutung des Quintintervalls als grösstes Verwandschaftsverhältnis zwischen Tönen sprechen. Und erst dann leuchtet ein, dass Töne und Tonarten, die „im Quintenzirkel“ nebeneinander stehen, auch quintverwandt und damit zueinander gehören, nebeneinander gut klingen. Und als weitere Erklärung seiner Anwendungen hätte ich mir damals „erleichtertes Umsetzen von Musik in verschiedene Tonarten“, „besseres Verstehen der Notenschrift“ oder „mehr Einblick in Tonverwandtschaften“ gewünscht.
Der „Musiktheorie“ - wie auch der Komponisten-Geschichte - wird im lückenhaft praktizierten Musikunterricht unserer staatlichen Schulen viel zu viel Gewicht beigemessen. Und widersprüchlicherweise werden wesentliche Begriffe wie „Tonsystem“, „Tonleitern“, „Tonverwandtschaften“ oder „der Ton als solcher“ bzw. „was ist ein Ton?“ meist ziemlich oberflächlich und schwammig abgehandelt, obwohl die Stoffpläne eigentlich vielversprechend aussehen. Schüler sagen mir manchmal: „davon und davon habe ich im Musikunterricht gehört, aber nichts begriffen, weil zu wenig Zeit war“. Ja, der Musikunterricht fällt bekanntlich an unseren Schulen öfters aus….aber es gibt ja zum Glück die privaten Musiklehrer! Und im Einzelunterricht habe ich bisher noch jedes musiktheoretische Verständnisproblem lösen helfen können.
Bereiche wie „Notenschreiben“, „Notendiktate“ oder „Intervalltraining“ nehmen in Stoffplänen oder Lehrberichten übermässig viel Raum in Anspruch. Da gibt es ganze Unterrichtseinheiten mit italienischen Tempo- und Artikulationsbezeichnungen! Da werden Stunden mit Partiturenlesen vertan. Und das geht klar auf Kosten des praktischen Musizierens. Wichtige Themen wie Musikgeschichte (merke: nicht nur Komponistengeschichte!) und Musikethnologie fallen komplett unter den Tisch. Auch lernt praktisch kein Schüler an unseren Schulen, selbst zu komponieren oder musikalisch zu improvisieren, was in meinem Unterricht Standard ist, weil das gerade Kindern gefällt!
Alle „Musiktheorie“ gründet sich auf die Analyse bestehender Musik und erst war also Musik! Die Theorien entwickelte man dann und im Laufe der Jahrtausende aus der Analyse der Musik. Niemals ist die Kenntnis von Musiktheorie eine Voraussetzung für das Musizieren. Oder doch: vielleicht in Zeiten grösster Verschulung der Musiklehre, etwa im späten Mittelalter an den Klöstern. Oder gegenwärtig an den Hochburgen bundesdeutscher Musikausbildung: den Hochschulen für Musik.
Es wird auch oft vergessen, dass beispielsweise die Lehre von den Kadenzen sich rein zeitlich und geografisch auf nur einen kleinen Teil unserer Musikgeschichte und auf ausschliesslich Europa bezieht. Mehr Sinn für aussereuropäische Musik würde auch im Schulmusikunterricht gut angenommen und läge letztlich im Interesse eines Unterrichts, dessen Ziele Weltoffenheit und Verständnis für „fremde Kulturen“ sein sollte. Und plötzlich lägen auch musikalische Parameter wie „emotionale Qualität“, „psychologische Wirkung von Skalen“, „Sprache der Musik“ oder „Ruhe und Zeit in der musikalischen Improvisation“ als Unterrichtsvorbereitung auf dem Lehrerpult.
Die Musik der ganzen Welt sollte Thema eines effektiven und allgemeinbildenen Schulunterrichts sein: „Instrumente in Ostasien“, „Was spielen E-Gitarristen heute in Burkina Faso?“, „Afrikanische Xylofone“, „Musikgeschichte orientalischer Musik“. Welcher Musiklehrer kennt eigentlich die kleine Kalimba? Ich helfe gern: eine Unterrichtsstunde reicht!
Was wir stattdessen als „Musikunterricht“ kennen, ist eurozentrische Bauchnabelschau: „grosse deutsche Komponisten“, „Werke grosser deutscher Komponisten“, „Notenlehre“ und „Kadenzlehre“. Musik wird identisch mit „Noten“ gesehen…und gelehrt! Musik sind „Werke“, die der normal Sterbliche normalerweise nicht schaffen kann…aber er sollte stetig und fleissig daraufhinarbeiten.
Und weil und damit nicht aus jedem Hänschen ein Beethoven werden kann, muss Musiktheorie her…denn nicht jeder steigt da schliesslich durch. Damit lässt sich trefflich Spreu vom Weizen trennen. Wer also seine Kadenzen nicht gelernt hat, fällt schon mal durch und wird für die Musikschule nicht angenommen. Freimaurerseilschaften – und diese dominieren unsere Musikschulstrukturen! - mögen sowas! Kadenzen sind „Gesetz“! Doch auch freimauernde Musikschulleiter sollten lernen, was Insider längst wissen: „Funktionstheorie“ ist wirklich nur „Theorie“ und nur unter gewissen Umständen und zeitlich wie räumlich begrenzt anwendbar. Und angesichts etwa der europäischen Musik des letzten Jahrhunderts oder der afrikanischen Musik vollkommen unbedeutend.
Natürlich taugt ein solch einseitiger Musikunterricht einzig für das Heranzüchten von Klassik-Spezialisten. Unsere verindustrialisierten Konzertbetriebe mögen solche Facharbeiter „auf hohem Niveau“. Auch die Unterhaltungsmusik-Branche begrüsst Ausbildungen mit Tunnelblick, weil es dann weniger Kreativität und damit Individualität gibt und die Produkte konsumorientierter hergestellt werden können.
Freimaurerkontrollierte Musiker-Schmieden klonen kleine Paganinis, Karajans und Beethovens und wollen nicht allzuviel Konkurrenz. Wen wundert es also, wenn schon im Schul-Musikunterricht nur jene Schüler gute Noten bekommen, die die „Mondscheinsonate“ vorwärts und rückwärts und möglichst schnell und aalglatt spielen können und die bedingungslos den Theoriekram akzeptieren, der dort mit Blick auf „qualitativ hochstehende deutsche Kultur“ verzapft wird. Das Musizieren lernen die wenigsten im Musikunterricht! Das Hinhören ebensowenig.
Mit den Folgen dieser musiktheoretischen Intensivhaltungen werde ich hier alltäglich härtestens in meinem privaten Unterricht konfrontiert. Hier landen nämlich oft jene, die woanders „gescheitert“ sind. Und die bleiben am längsten! Zunächst fällt bei neuen Schülern auf: das Erfinden von Melodien scheint unmöglich zu sein. Das von mir vorgeschlagene Musizieren ohne Zuhilfenahme von Noten wird als Zumutung empfunden. Ein spielerisches Experimentieren mit Klängen und Tönen ebenfalls. Da muss ich ständig sehr viel Aufbauarbeit leisten.
Musizieren wird auch meistens von zehn bis vierzehnjährigen Mädchen und Jungen nicht so sehr als Spass und Spielerei empfunden. Es geht um Leistung wie beim Sport, um das Knacken kniffliger und komplex geschriebener Noten. Schnellspielen gilt als bewunderungswürdig, auch wenn man da manchmal kaum irgendeine Melodie heraushören kann. Es dauert eine Weile, bis ich den Unterschied zwischen „Musiksport“ und „geniessendem Musizieren“ verklickert habe…
Und da gibt es Schüler, die sagen zu Anfang der Stunde (bei mir) etwa zum Thema „Intervalle“: “Ich werde das NIE verstehen!” und gehen dann nach 60 Minuten Privatunterricht freudestrahlend und wissend aus dem Raum…. Sie hatten alles über Dur und Moll in der Schule gelernt, aber dass nur ein einziger Ton im Dreiklang - sozusagen und einfach gesprochen „der mittlere“ – für die unterschiedliche Stimmung oder die Klangathmosphäre in Dur und in Moll verantwortlich ist und dieser Unterschied ganz klein ist und zwei eng nebeneinander liegende Töne betrifft…das war ihnen nicht klar geworden. Ich habe es, ausser es zu erklären, auch noch hörbar gemacht! Und dann haben sie selbst es hörbar gemacht. Und dann sagten sie „Ey!...mann…cool!“
Im Laufe der Jahre habe ich gelernt, im Unterricht immer weniger über Sekunden, Terzen, Quinten oder verminderte Septimen u.ä. zu sprechen. Diese Worthülsen gibt es, aber sie sind von gestern. Entstammen einer umständlichen Sprachgewohnheit und einer Zeit, in der diatonische Tonsysteme die Grundlagen aller Theorie waren. Die Genese dieser Begriffe ist sehr schwer zu erklären unsd am Ende der Erklärung steht dann regelmässig die Frage: warum muss das so umständlich sein? Warum sind diese Begriffe nicht mal überarbeitet worden? Was soll all dieses Latein?
Inzwischen hat es sich überall herumgesprochen, dass die Oktave eben zwölf Töne hat und dass der Weg von C zum G über fünf vollwertige Töne führt. Oder dass wir nach sieben Tonschritten bei G angekommen sind. Selbst der Begriff des „Halbtonschrittes“ wird in meinem Unterricht schattenhaft, denn er ist bereits Geschichte: die Oktave enthält überall dort 12 vollwertige Töne mit gleichlangen Tonschritten oder Tonabständen, wo es Akkordeons, Klaviere, Orgeln oder Keyboards gibt. Selbst Geiger unterscheiden nicht mehr wirklich zwischen Dis und Es, und dieser Ton heisst bei mir D#.
Alle, die sich mit der Technik digitaler Musik beschäftigen, arbeiten weltweit mit einem internationalen Tonsystem, nach dem ich zum Beispiel auch Stimmplatten für das Akkordeon bestelle. Es wird hier in Kürze im TÖNCHEN! und in der Reihe “Tonsysteme” vorgestellt. Es berücksichtigt nicht mehr die „enharmonische Verwechselung“ und Es ist D#, As ist G# usw. und es gibt keine „Halbtöne“ oder „Ganztöne“ mehr.
Ich warte auf den Tag, wo die Apartheit auf den Tastaturen, die Trennung von Schwarz und Weiss, die Unterscheidung von Haupttasten und Hilfstasten endlich ein Ende hat! Gleiches Recht für alle Tasten! Kampf dem Rassismus auf dem Keyboard! Mit dem chromatischen Knopfakkordeon hat man – wenigstens, was die räumliche und gleichhohe Anordnung der Diskantknöpfe betrifft - schon einen revolutionären Anfang zur revolutionierenden Vereinfachung unseres Tonsystems gemacht!
Das Geheimnis der oben beschriebenen Wandlung der Schüler und Schülerinnen in der Musikwerkstatt Rzeszut von „weiss nich“ nach „aha!“ liegt ausserdem in einer EINFACHEN Unterrichtssprache, die z.B. lateinische Fremdwörter vermeidet oder wenigstens klar übersetzt und eine Mystifizierung von “Musiktheorie” nicht zulässt. Gerade wer Latein in der Schule als Sprache hatte, sollte es sich nicht entgehen lassen, seine Übersetzungskünste einfach anzuwenden!
Ich habe mir nun vorgenommen, meine Antworten auf Fragen im Unterricht hier in regelmässigen Abständen und unter der Kategorie “Tonsysteme” zu veröffentlichen. Diese Texte richten sich an Eltern, die ihren Kindern auch gern über die Hintergründe und Grundlagen von Musik berichten sollten, auch wenn sie dazu keine Ausbildung haben. Das TÖNCHEN! wird aber auch von zahlreichen Menschen gelesen, die Musik machen, Musik unterrichten oder Musik einfach etwas elementarer verstehen möchten. Im ersten Artikel dieser Reihe, der während der nächsten Tage hier erscheinen wird, gehts also um erstmal um “die Oktave”!
Heute fand ich im Posteingang meines Mailbrowsers diese nette Notiz von „Kalimba-Man“ Mark Holdaway aus Tucson, Arizona, die ich hier im Original zitiere: „I read something really cool last night - that even animals like dogs and cats hear octaves in a way similar to the way humans hear octaves. Imagine music as a spiral staircase going up, up, up, like 8 or 9 floors. You can do a little dance on one part of the staircase, and then you can go up exactly one floor higher, and deja vu - it’s the same dance, just higher. And so, dog and cat brains hear the octave as well.“
Nett, was? Uns fehlen einfach gute Vergleiche und einfach formulierte Darstellungen scheinbar komplizierter Sachverhalte, die dann am Ende überhaupt nicht mehr kompliziert sind. In dieser Hinsicht werde ich mir bei den oben angekündigten Artikeln zur Kategorie „Tonsysteme“ bzw. „Musiktheorie“ wirklich Mühe machen.
Jeder dieser kleinen und kurzen Artikel - ebenso wie dieser hier – wird mit dem Foto der „Mountja“ gekennzeichnet sein. Mountja ist eine kleine und sehr attraktive Tonfrau (23/17/27 bei einer Grösse von 46 cm) und steht auf meinem Schreibtisch. Sie hält ihre rechte Hand hinters Ohr und horcht…..
„Mountja“ ist auch die altgriechische Wurzel des Wortes „Musik“ und bedeutet „die Sinnende“. Musik hat mit Gefühl, mit Ruhe, mit Vor-sich-hinsinnen zu tun, aber auch mit Sinnlichkeit im Sinne von Empfindsamkeit. Mountja hier ist ausserordentlich empfindsam. Und wenn ich zuviel theoretisiere, dann guckt sie mich kritisch an…kurz darauf sinnt sie weiter. Sie sagt wenig, aber ich höre genau, was sie will. Sie gehört natürlich auch zu den TÖNCHEN! - Redakteurinnen.
Mountja wurde von meinem alten Freund und Diakon Herbert Kauffeld aus Bethel (bei Bielefeld) getöpfert. So in Ton und so wird sie mich sicherlich ein paar tausend Jahre überdauern. Mountja ist - neben meiner Frau natürlich - die gute Seele der Musikwerkstatt…..
(Foto: Martin Rzeszut)