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Dienstag, 3. Januar 2006

Sonnabend klingt doch auch schön

»Saturday« von Ian McEwan

cover ian mcewanJetzt gibt es den Roman auch als Hörbuch von Diogenes und, ich habe mal ein wenig hereingehört, es lohnt sich wirklich. Als alte Leseratte bin ich aber der Überzeugung, dass sich das Lesen des Buches noch mehr lohnt. Es ist ein kleiner Wälzer, der von Ian McEwan vorgelegt wurde, und das überrascht umso mehr, da er sich daran gemacht hat, in dem Buch nur einen einzigen Tag zu beschreiben. Einen Sonnabend auch noch, ein Tag, an dem der Durchschnittsbürger damit beschäftigt ist, Einkäufe zu erledigen, die Wohnung aufzuräumen und am Abend eventuell Gäste zu empfangen ... wenn man nicht selbst unterwegs ist. So sieht auch der Tag von Henry Perowne aus. Aber mit jeder Menge Überraschungen.

Nun aber wirklich: Warum hat man den Roman nicht mit »Sonnabend« betiteln können? Was soll uns dieser englische Wochentag sagen? Mir sagt er gar nichts. Denn die Information, dass es sich bei diesem Roman, um eine Geschichte, die irgendetwas mit dem Wochentag zu tun hat, handeln müsste, dürfte auch jedem Interessierten bei einem deutschen Titel aufgehen. Und da ich nicht als Purist der deutschen Sprache dastehen möchte, mal etwas anderes: Man lasse sich das Wort »Sonnabend« auf der Zunge zergehen! Eigentlich ein schönes Wort, viel schöner auch als das langläufige »Samstag«, was mich mehr an irgendwelche Fabelwesen erinnert. Der Titel, so sehr er mich geärgert hat, soll einer weiteren Beschreibung nicht im Wege stehen.
Es beginnt an einem Sonnabend um vier Uhr morgens. Henry Perowne wacht zu dieser frühen Stunde auf und kann nicht mehr schlafen. Es wundert ihn ein wenig, denn er hatte einen anstrengenden Tag hinter sich gebracht. Er geht zum Fenster und schaut in den Morgenhimmel Londons, der an diesem Februartag noch ziemlich düster gewesen sein dürfte. Auf den Straßen ist nicht viel los – Nachtschwärmer, Krankenschwestern auf dem Weg in den Feierabend. Ein lautes Geräusch lässt ihn aufmerksam werden. Am Himmel röhrt ein Flieger und ein Lichtschein lässt erkennen, dass die Maschine Probleme mit den Triebwerken hat. Fasziniert beobachtet Perowne das Flugzeug und stellt sich vor, was im Inneren vorgeht. Veränstigte Passagiere, denen die Todesangst ins Gesicht geschrieben ist.
Für Henry Perowne geht es in diesem Buch nur um diesen einen Tag. Man könnte meinen, es würde ein gewöhnlicher Sonnabend werden, aber es handelt sich um den 15. Februar 2003. Die Welt steht vor einem neuen Krieg. Bush und Blair planen den Angriff auf den Irak und lassen sich von den Argumenten in der UNO und von denen der Leute auf der Straße nicht aus dem Konzept bringen. Wie es aussieht, steht der Krieg als fest Tatsache schon fest. Sein Tagesablauf sieht den Besuch der Demonstration nicht vor, denn Perowne hat eine ambivalente Meinung zu dem Krieg. Die Frage, ob Saddam gefährliche Waffen hat, interessiert ihn nur nachrangig. Als Neurochirurg hatte er einen Professor aus dem Irak behandelt, und dem waren die Spuren der Folterungen damals noch anzusehen und der hatte Perowne berichtet, wie es im irakischen Leben und in den Gefängnissen unter Saddam Hussein im Besonderen, zuging. Nicht, dass Perowne viel von den Doppel-Bs und Ihrer Lügerei hielt, den Angriff auf den Irak konnte er schon rechtfertigen. Für ihn standen an diesem 15. Februar andere Punkte auf dem Programm: Er wollte mit seinem Freund squashen gehen, musste seine Mutter besuchen (was sehr anstrengend war, da sie unter Altersdemenz litt und deshalb in einem Pflegeheim lebte), wollte die Konzertprobe seines Sohne besuchen und musste für das abendliche Familientreffen kochen (auf dem es zu einer Versöhnung zwischen seiner dichtenden Tochter und dem etablierten Dichter-Schwiegervater kommen sollte). Das Programm war also vorgegeben.
Wenn etwas so streng geplant war, dann kommt natürlich auch etwas dazwischen (und seien wir ehrlich: Warum sollte Ian McEwan einen stinknormalen Tag beschreiben? Obwohl das natürlich auch eine Herausforderung wäre…) Henry Perowne setzt sich in seine Luxuskarosse und macht sich auf den Weg zum Sqash-Center. Er muss eine Straße überqueren, die eigentlich für die Demonstration gesperrt ist, aber wird von dem Polizisten durchgewinkt. Fein, denkt sich Perowne, der dadurch einige Zeit spart. Den Gedanken hat er wahrscheinlich noch gar nicht richtig zu Ende gedacht, als er aus den Augenwinkeln sieht, wie sich ein Gefährt aus der Seite raus bewegt. Die beiden Autos kollidieren und Perowne, der vorher noch in Gedanken bei seinem Luxusgefährt (ein Mercedes S-Klasse) gewesen war, muss erst einmal tief Luft holen, bevor er aussteigt, um den Schaden zu begutachten. Der Fahrer aus dem anderen Wagen steigt ebenfalls aus, mit ihm zwei Kerle. Perowne merkt, dass dies keine angenehme Unterhaltung wird, zumal er bei sich keine Schuld erkennen kann, die Anderen aber ebenfalls keine schuldbewussten Minen aufgesetzt hatten. In dieser konfliktgeladenen Situation bewahrt der Arzt die Ruhe. Als er allerdings den Fehler begeht, und in sein Auto steigen will, um wegzufahren, eskaliert die Situation.
Auch wenn diese Situation noch glimpflich ausgehen mag, sie beschäftigt Perowne den ganzen Tag und soll zu späterer Stunde auch noch Konsequenzen haben.
Eindrucksvoll sind die Beschreibungen der Operationen, die Perowne als Arzt absolviert. Nicht, dass ich wirklich verstehen würde, wie es funktioniert, aber McEwan hat sich tief in die Materie hineingekniet und schildert die Abläufe sehr glaubhaft. Ebenso ist man fasziniert von den geschilderten Gedankengängen, die nie langweilig wirken und eigene Geschichten beinhalten. Mit »Ulysses« existiert ein großer Bruder der Ein-Tag-Romane. Im Gegensatz zu »Saturday« hat der Joyce-Romane für den Unterhaltungsleser diverse Längen und ich fand, irgendwann driftete er in das Verständnislose ab. Da ich keine Lust habe, mit einer kommentierten Fassung meine Freizeit zu verbringen, traf es nicht ganz meinen Geschmack. McEwan baut Spannung auf, lässt diese langsam ausklingen, schafft in seinem Roman immer neue Höhepunkte. Lustvoll verfolgt man den Tagesablauf des Arztes. Wer sagt, dass McEwan seinen letzten Roman »Abbitte« übertroffen hat, der hat recht.

Geschrieben von Administrator am 3. Januar 2006 um 15:35 Uhr

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