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Donnerstag, 11. August 2011

Simone Weil - Selbstaufopferung für Frieden und soziale Gerechtigkeit

Impressionen einer Ausstellung in Wismar

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Man kommt einfach nicht zur inneren Ruhe, die man sich als Qualität für ein gutes Leben wünscht. Kaum hat man sich damit abfinden müssen, dass Thilo Sarrazin SPD-Mitglied bleibt, kaum haben Migranten und Migrantinnen die Leitkultur-Angriffe unserer Regierung vom Herbst letzten Jahres verdauen müssen, kocht wieder überall die braune Suppe des Argwohns und des Hasses, des Misstrauens und der nationalen Selbstbeweihräucherung.

Selbst gute Freunde, die man für weltoffen und tolerant hielt, sehen plötzlich “im Islam” ein Schreckgespenst und wollen offensichtlich nicht mehr zwischen Islamgläubigen und religiösen Hardlinern oder Übereiferen unterscheiden. Da werden die Ohren plötzlich taub, wenn ich mit Tahir al-Kadri argumentiere, der den koranbasierten Islam in seiner Fatwa 2010 mit Demokratie und Menschenrechten vereinbar hält und Terroristen als Ungläubige verurteilt.

Nun vor kurzem das Bombenattentat und die planmässige Hinrichtung von Jugendlichen in Oslo. Die offensichtliche Nähe des Attentäters zur English Defense League lässt schon aufhorchen. Ich habe Sorge, dass die skandinavischen Staaten insgesamt dem Druck von rechts nicht mehr gewachsen sind. Das Prinzip Nulltoleranz gegen Rechtsextremismus bei gleichzeitiger Offenheit und Meinungsfreiheit ist allerdings ein Seiltanz, der vermutlich staatlichen Institutionen nicht mehr gelingen könnte. Um so wichtiger nun die Erkenntnis: jeder einzelne Mensch in seinem ganz persönlichen Umfeld muss gegendrücken und gegen Menschenverachtung, Hass und Gewalt arbeiten…leichter gesagt als getan, ich weiß. Zumal nach den jüngsten Studien (im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung etwa) mehr als die Hälfte der Bevölkerung unserer Bundesrepublik eine mehr oder weniger starke Tendenz zum rechtsextremen Denken und Urteilen zeigt. Und diese Haltung ist in allen Gesellschaftsschichten gleichermaßen spürbar.

Irgendwie ist unser Sommerurlaub nicht nur von Sturm und Regen, sondern auch von rechtsextrem dunklen Wolken überschattet. Wir fahren durchs westliche Mecklenburg. Jungnazis - aber auch ein alter Nazi - heben die Hände zum Hitlergruß. In fast allen Dörfern und Kleinstädten leuchten die NPD-Plakate mit Botschaften wie “Sei kein Frosch, wähle deutsch” oder “kriminelle Ausländer raus”. Das Wörtchen “kriminelle” ist allerdings kleingedruckt und so bleibt allein die Aussage “Ausländer raus” in den Hirnen der Vorbeifahrenden haften. Diese Plakate finanziert der Steuerzahler und in meinen Augen ist diese Aussage nicht mit unserer freiheitlich demokratischen Grundordnung vereinbar. Das schürt Hass, grenzt aus. Doch die NPD darf solche Plakate aushängen und ist gut geschützt dank dieser V-Leute des Verfassungsschutzes. Ich bin sicher, dass ein NPD-Verbot zwar ein Zeichen in die richtige Richtung oder zumindest ein gutes Signal wäre, doch ist die rechte Szene äusserst anpassungsfähig und verkleidungsfreudig. Man ist schliesslich in der Kommunalpolitik sowie auf europäischer Ebene erfolgreicher….

Ist der Zug schon abgefahren und haben wir den gewaltigen Rechtsruck in Europa mal wieder verschlafen? Wie können wir Mitmenschen zu friedlichem Miteinander überzeugen? Das geht nur im Nahbereich…Mensch zu Mensch.

In Wismar sitzen wir in der Nachmittagssonne vor der Nikolaikirche. Irgendwo in den Gassen brüllt eine offensichtlich alkoholisierte Gruppe von Nazis los. Wir betreten die Kirche - und plötzlich wie durch eine Fügung geht die Sonne auch in mir auf: ein kleiner Nebenraum beherbergt Stellwände mit Fotografien und Texten. Die Leute drängeln sich und blicken ergriffen. Man fragt sich, warum diese langen Stellwände nicht im Hauptschiff der Kirche stehen. Die Assoziation zu mittelalterlichen Altarbildern drängt sich mir auf. Ein großartiger Altar, der sich schamhaft in einem kleinen Nebenräumchen - nicht größer als vielleicht eine Sakristei - versteckt. Die meisten Kirchenbesichtiger gehen entsprechend desinteressiert vorbei. Doch die, die es in den kleinen Raum geschafft haben, erleben den Nahbereich “Mensch zu Mensch” im wahrsten Sinne des Wortes…und erleben den möglichen Weg zum Frieden. In der Lektüre von Texten der französischen Philosophin und Kämpferin für die Menschenrechte: Simone Weil.

Zahlreiche Schwarzweiss-Fotos aus der Weimarer Republik bis zur Gegenwart konfrontieren den Ausstellungsbesucher mit dem realen Menschen, der Macht ausübt oder leidet, der arbeitet oder keine Arbeit hat, der krank ist oder gesund oder in der nächsten Sekunde erschossen wird. Menschen in allen Lebenslagen und überall auf der Welt, scheinbar wahllos zusammengestellt. Doch Themen wie Krieg, Gewalt gegen Menschen, soziale Ungleichheit, Macht des Kapitals, Nationalsozialismus heute und damals, Flucht in die Drogen werden alsbald deutlich und das Thema der Ausstellung “Die gefährlichste Krankheit” wird schnell konkret.

Simone Weil schrieb: “Die Entwurzelung ist bei weitem die gefährlichste Krankheit der menschlichen Gesellschaft. - Wer entwurzelt ist, entwurzelt. - Wer verwurzelt ist, entwurzelt nicht. - Die Verwurzelung ist vielleicht das Wichtigste und meistverkannte Bedürfnis der menschlichen Seele.”

Simone Weil schrieb dieses Fazit ihrer Überlegungen kurz vor ihrem Tod 1943. Sie starb - nur 34 Jahre alt - an Hunger und Tuberkulose im britischen Exil. Sie hungerte aus Solidarität zu den Armen.

Simone Weil kam aus gutbürgerlichem Hause. In Paris wuchs sie in einer unorthodoxen jüdischen Familie behütet auf. Ihr Vater war Arzt. Nach der höheren Schule studierte sie Philosophie. Sehr früh war sie betroffen von sozialer Ungerechtigkeit. Simone de Beauvoir kannte sie und berichtet z.B., dass Simone Weil in Tränen ausbrach, als sie von einer Hungersnot in China hörte. “Diese Tränen zwangen mir noch mehr Achtung für sie ab als ihre Begabung in Philosophie. Ich beneidete sie um ein Herz, das imstande war, für den ganzen Erdkreis zu schlagen.” [Simone de Beauvoir, Memoiren einer Tochter aus gutem Hause, Hamburg 1968, S. 229]

Hingebung und starke Emotionen lebte Simone Weil auch beim Musikhören aus: “Hört man eine Musik von Bach oder einen gregorianischen Choral, so schweigen alle Fähigkeiten der Seele und recken sich aus, dieses vollkommen Schöne zu erfassen, jede auf ihre Weise.” [Simone Weil, zitiert nach Ausstellungs-Paper S.54]

Simone Weil versuchte (existenz-)philosophische Erkenntnisse mit politischem Handeln zu verbinden. Sie war eine Frau der Tat. 1931 setzte sie sich für arbeitslose Industrie- und Landarbeiter ein und teilte mit ihnen ihr Lehrerinnengehalt. 1934 kündigte sie ihren Lehrerinnenjob und arbeitete als ungelernte Arbeiterin in der französischen Elektro- und Autoindustrie. Sie arbeitete an Stanzmaschinen und Stahlöfen. Wegen einer Handverletzung wurde sie fristlos gekündigt und arbeitslos. Geldmangel und Hunger teilte sie mit ihren Arbeitskollegen und Kolleginnen. Sie wollte die Lage der Arbeiter direkt kennenlernen: von Mensch zu Mensch.

Simone Weil war überzeugte Sozialistin, lehnte jedoch den Stalinismus strikt ab. “Sie haßte diese Verbindung von brutaler Gewalt und Politik” schrieb Jacques Cabaud [zitiert nach Ausstellungs-Paper S.6]. Nicht das System sondern der Mensch und sein Wohlergehen, seine Gesundheit stand im Fokus ihrer Interessen. Sie versuchte, die zerstörerischen Auswirkungen des Kapitalismus auf die Menschen zu begreifen und überlegte Gegenmaßnahmen. Sie erkannte, dass bessere Bildungs-, Lebens- und Arbeitsbedingungen mehr soziale Gerechtigkeit schaffen und sie setzte sich vehement dafür ein.

Simone Weil war Pazifistin und arbeitete dennoch nach der Besetzung Frankreichs durch die Nazis in der Résistance. Als Jüdin hatte sie einen schweren Stand, wurde mehrmals von der Gestapo verhaftet und emigrierte schliesslich nach England.

Sie stand der christlichen Kirche sehr kritisch gegenüber und verabscheute besonders Gewalt im Namen der Kirche wie Kreuzzüge oder Religionskriege. Göttliche Kraft als Kraft der Liebe allerdings war für sie Realität und diese offenbarte sich ganz direkt im Miteinander von Mensch zu Mensch.

Simone Weil vermutet in der Verwurzelung des Menschen ein Potential für soziales Gleichgewicht und Frieden: “Die Seele hat Bedürfnisse, und bleiben diese unbefriedigt, so befindet sie sich in einem ähnlichen Zustand wie ein verhungerter und verstümmelter Leib.- Die Verwurzelung ist vielleicht das wichtigste und meistverkannte Bedürfnis der menschlichen Seele…Ein menschliches Wesen hat eine Wurzel durch seine wirkliche aktive und natürliche Teilhabe an einer Gemeinschaft, die gewisse Schätze der Vergangenheit und gewisse Ahnungen des Zukünftigen lebendig erhält…Jedes menschliche Wesen bedarf einer Vielzahl solcher Wurzeln.” [Simone Weil 1943, zitiert nach Ausstellungs-Paper S.7]

Die Gefahr der Entwurzelung (”..bei weitem die gefährlichste Krankheit der menschlichen Gesellschaft”) sieht Simone Weil ”...jedesmal dann…, wenn ein Land mit Militärgewalt erobert wird”. Ausserdem: “Selbst ohne militärische Eroberung können die Macht des Geldes und die Beherrschung des Wirtschaftslebens einen fremden Einfluß so nachdrücklich aufzwingen, daß er die Krankheit der Entwurzelung hervorruft.” [Simone Weil 1943, zitiert nach Ausstellungs-Paper S.18]

Wie lässt sich Gewalt bekämpfen? “Nur das Gleichgewicht zerstört die Gewalt und hebt sie auf. Die soziale Ordnung kann nur in einem Gleichgewicht der Kräfte bestehen….weiß man, wodurch das Gleichgewicht der Gesellschaft gestört ist, so muß man sein Möglichstes tun, um zu der leichten Schale ein Gewicht hinzuzufügen…” Der Mensch sollte ”...sich bemühen, die Gewalt in der Welt immer mehr durch eine wirksame Gewaltlosigkeit zu ersetzen…” [Simone Weil, zitiert nach Ausstellungs-Paper S.56/57]

Zum Thema Verpflichtung: “Es ist sinnlos zu sagen, die Menschen hätten einerseits Rechte, andrerseits Pflichten…Der Begriff der Verpflichtung hat den Vorrang vor dem des Rechtes…Ein Recht ist nicht wirksam durch sich selbst, sondern einzig durch die Verpflichtung, der es entspricht…Es besteht eine Verpflichtung jedem menschlichen Wesen gegenüber aus dem einen Grunde, weil es ein menschliches Wesen ist, ohne daß eine andere Bedingung hinzuzutreten brauchte, und sie besteht sogar dann, wenn es selber keine Verpflichtung anerkennt…Fast mit Sicherheit immer, belügt der, welcher jede Verpflichtung leugnet, die anderen und sich selbst…” [Simone Weil 1943, zitiert nach Ausstellungs-Paper S.8]

Worin zeigt sich beispielsweie Verpflichtung? ”...niemand wird einen Menschen für unschuldig halten, der, selber Nahrung im Überfluß besitzend, auf seiner Schwelle einen fast zu Tode Verhungerten findet und vorbeigeht, ohne ihm etwa zu geben. Es besteht also eine ewige Verpflichtung dem Menschenwesen gegenüber, die uns befiehlt, es nicht Hunger leiden zu lassen, wenn wir Gelegenheit haben, ihm zu helfen…Wer, um die Probleme zu vereinfachen, gewisse Verpflichtungen leugnet, hat in seinem Herzen einen Bund mit dem Verbrechen geschlossen.” [Simone Weil 1943, zitiert nach Ausstellungs-Paper S.9]

Zur Notwendigkeit von Freiheit, Gemeinwohl, Gleichheit und - oh, wie aktuell! - “Triebfeder Geld” lesen wir: “Eine Nahrung, die der menschlichen Seele unentbehrlich ist, ist die Freiheit…Wenn die Möglichkeiten der Wahl so weit reichen, daß dem gemeinen Nutzen Schaden daraus erwächst, so genießen die Menschen keine echte Freiheit. Die Gleichheit ist ein Lebensbedürfnis der menschlichen Seele…Indem man das Geld zur einzigen oder beinah einzigen Triebfeder aller Handlungen, zum einzigen oder beinah einzigen Maßstab aller Dinge machte, hat man das Gift der Ungleichheit allenthalben verbreitet.” [Simone Weil 1943, zitiert nach Ausstellungs-Paper S.10]

Über Geld als “Gift” und Faktor für “Entwurzelung”: ”Überall, wo das Geld eindringt, zerstört es die Wurzeln, indem es alle anderen Trieb-Kräfte durch das Verlangen nach Bereicherung ersetzt. Es hat insofern leichtes Spiel, die anderen Triebkräfte auszuschalten, als es einen bedeutend geringeren Grad an Aufmerksamkeit erfordert. Nichts ist so klar und so einfach wie eine Zahl.” [Simone Weil 1943, zitiert nach Ausstellungs-Paper S.19] Bereits 1934 - fünfunzwanzig Jahre alt - lamentierte sie:“Die kapitalistische Gesellschaft führt alles auf Francs, Sous, Centimes zurück; die Hoffnungen der Massen drücken sich auch hauptsächlich in Francs, Sous, Centimes aus.” [Simone Weil 1934, zitiert nach Ausstellungs-Paper S.29]. An anderer Stelle fordert sie: “Man muß das Geld in Verruf bringen. Es wäre nützlich, daß diejenigen, die höchstes Ansehen oder sogar Macht besitzen, gering entlohnt werden…Öffentlich soll anerkannt sein, daß ein Bergmann, ein Drucker, ein Minister einander gleich sind.” [Simone Weil, zitiert nach Ausstellungs-Paper S.57]

Über die Auswirkungen von Arbeitslosigkeit schreibt Simone Weil 1943, was Politiker und Arbeitgeber 2011 unbedingt lesen sollten:
”...Verantwortlichkeit, das Gefühl, daß man nützlich, ja daß man unentbehrlich sei, sind Lebensbedürfnisse der menschlichen Seele. Eine völlige Beraubung in dieser Hinsicht findet im Fall des Arbeitslosen statt, selbst wenn er Unterstützung erhält, die ihm Essen, Kleidung und Wohnung sichert…Jede Gemeinschaft, gleichviel welcher Art, die ihren Mitgliedern diese Befriedigung nicht gewährt, ist verdorben und muß umgewandelt werden.” [Simone Weil 1943, zitiert nach Ausstellungs-Paper S.11]

Stichwort NPD - und überhaupt aktueller denn je: “Der Kampf der Parteien, wie er in der Dritten Republik herrschte, ist untragbar…Eine Demokratie, in welcher der Kampf der Parteien das öffentliche Leben ausmacht, ist unfähig, die Bildung einer Partei zu verhindern, die eingestandenermaßen die Demokratie zu beseitigen strebt. Erläßt sie Ausnahmegesetze, so beraubt sie sich selber der Lebensluft. Erläßt sie keine, so ist ihre Sicherheit so groß wie die eines Vogels vor einer Schlange.” [Simone Weil 1943, zitiert nach Ausstellungs-Paper S.14]

Stichwort Privatisierung: “Die menschliche Seele bedarf des persönlichen und des kollektiven Eigentums…Die Seele fühlt sich vereinzelt, verloren, wenn sie sich nicht von Dingen umgeben sieht, die für sie gleichsam eine Verlängerung der Körperglieder sind…es ist wünschenswert, daß die meisten Menschen Eigentümer ihrer Wohnungen, eines Stückchens umliegenden Landes und, falls dies technisch nicht unmöglich ist, ihres Arbeitsgerätes sind…Die Teilhabe an den Kollektivgütern…ist ein nicht minder wichtiges Bedürfnis.” [Simone Weil 1943, zitiert nach Ausstellungs-Paper S.15]

Über die Wahrheit: “Das Bedürfnis nach Wahrheit ist geheiligter als jedes andere…es fordert, daß alle zu den geistigen Kulturgütern Zugang haben…, daß im Bereich des denkenden Geistes niemals ein materieller oder seelischer Druck ausgeübt wird, der einer anderen Absicht entspringt, als der ausschließlichen Bemühung um die Wahrheit; was unbedingtes Verbot ausnahmslos jeder Propaganda in sich schließt” [Simone Weil 1943, zitiert nach Ausstellungs-Paper S.16]

Simone Weil beschreibt mit klaren Worten jene “Verantwortungslosigkeit”, durch die Hitler Macht bekommen konnte: “Die Deutschen waren in dem Augenblick, wo Hitler sich ihrer bemächtigte, in der Tat, wie er unaufhörlich wiederholte, ein Volk von Proletariern, das heißt von Entwurzelten; die Demütigung von 1918, die Inflation, die unmäßig gesteigerte Industrialisierung und vor allem die äußerste Bedrohlichkeit der Arbeitslosigkeitskrise hat bei ihnen die moralische Erkrankung bis zu jenem Grade verschärft, der die Verantwortungslosigkeit nach sich zieht…Hitler bedeutet organisierter Massenmord, Beseitigung jeder Freiheit und Kultur.” [Simone Weil 1943/1932, zitiert nach Ausstellungs-Paper S.21]

Wer denkt bei diesen Sätzen nicht an heute? - Wirtschaftskrisen durch Börsenzockerei, Milliardengewinne verschwinden in schwarzen Löchern, gleichzeitig sind Staaten, Länder und Kommunen überschuldet und die Arbeitslosigkeit dank juristischer Tricks bedeutend höher als beziffert. Wie weit ist der Entwurzelungsprozess bei uns schon gediehen?

Simone Weil könnte folgendes etwa vorgestern gesagt haben: “Die gegenwärtige Periode ist eine von jenen, wo alles, was gewöhnlich einen Lebenssinn zu geben scheint, sich verflüchtigt, wo man alles in Frage stellen muß, will man nicht in Verwirrung oder Unbewußtheit verfallen. Daß der Sieg autoritärer und nationalistischer Bewegungen fast überall das Vertrauen braver Leute in Demokratie und Pazifismus zerstört, ist nur ein Teil des Übels, in Wirklichkeit ist es viel tiefer und ausgedehnter.” [Simone Weil 1934, zitiert nach Ausstellungs-Paper S.24]

“Man müßte auf den Begriff Nation verzichten - oder besser gesagt, auf den Gebrauch dieses Wortes, denn der Ausdruck “national” und alle Zusammensetzungen, in denen er auftaucht, sind bedeutungsleer. Sie haben keinen anderen Inhalt als Millionen Leichen, Waisen und Krüppel, Verzweifelung und Tränen.” [Simone Weil 1937, zitiert nach Ausstellungs-Paper S.34]

“Mit Hilfe der Massenpresse und des Rundfunks kann man ein ganzes Volk, beim Frühstück oder Abendessen fertige und folglich absurde Meinungen hinunterschlucken lassen, denn sogar vernünftige Ansichten werden entstellt, wenn sie unreflektiert aufgenommen werden. Damit kann man auch nicht einen einzigen Geistesfunken erzeugen…” [Simone Weil 1934, zitiert nach Ausstellungs-Paper S. 36]

“Das Wesen der Erziehung - es handele sich um Kinder oder Erwachsene, um Individuen oder ein Volk, oder auch um einen selbst - besteht darin, daß sie seelische Antriebe zum Handeln hervorruft. Dem eigentlichen Unterricht liegt es ob, aufzuzeigen, was vorteilhaft, was verpflichtend, was gut ist. Die Erziehung befaßt sich mit den Beweggründen, aus denen heraus das tatsächliche Handeln erfolgt. Denn eine Handlung kommt niemals zur Ausführung, wenn ihr nicht Beweggründe vorausgehen…” [Simone Weil 1943, zitiert nach Ausstellungs-Paper S.42]

Simone Weil prangert weiter “Maßlosigkeit” in der Gesellschaft an und die “unumschränkte Herrschaft der Technik” [Simone Weil 1942/1943, zitiert nach Ausstellungs-Paper S.28]. Im Alter von 25 Jahren stellte sie fest: “Wir leben in einer Welt, in der nichts menschlichen Maßstäben entspricht. Eine monströse Disproportion besteht zwischen dem menschlichen Körper und den Dingen, die sein Leben ausfüllen. Alles ist aus dem Gleichgewicht gekommen…Die in dieser Atmosphäre aufwachsenden Jugendlichen drücken mehr als alle anderen in ihrem Inneren das sie umgebende Chaos aus.” [Simone Weil 1934, zitiert nach Ausstellungs-Paper S.33]

Wieder stellt sich mir die bohrende Frage: was ist heute nach 77 Jahren denn besser oder anders oder ähnlich oder gleich? Was spiegeln die entwurzelten Jugendlichen uns heute? Drücken junge Neonazis nicht auch heute das sie umgebende Chaos aus? Brauchen nicht besonders sie Orientierung nach “menschlichen Maßstäben”? Wie bekommen wir das hin? Packen wir das überhaupt? Können wir Rechtsextreme wieder “einwurzeln”?

Simone Weil antwortet: “Die einzige Art, wie man Hitler bestrafen und ihn in den Augen der nach Größe dürstenden kleinen Jungen künftiger Jahrhunderte zu einem abschreckenden Beispiel machen könnte, bestünde in einer so vollständigen Umwandlung dessen, was als groß gilt, daß er davon ausgeschlossen wäre….Es ist ein Wahn…zu glauben, man könne Hitler von der Größe ausschließen, ohne unter den heutigen Menschen den Begriff und die Bedeutung der Größe von Grund auf umzuwandeln. Wie sollte ein Kind, das im Geschichtsunterricht die Grausamkeit und den Ehrgeiz verherrlicht sieht; im Literaturunterricht den Egoismus, die Eitelkeit, die Sucht, von sich reden zu machen;...wie sollte dieses Kind die Bewunderung des Guten lernen?...in der Atmosphäre der falschen Größe wird man vergeblich nach der wahren Größe fahnden. Man muß die falsche Größe verachten.” [Simone Weil 1943, zitiert nach Ausstellungs-Paper S.49/50]

Wie erkennen wir nach Simone Weil eine Gesellschaft, die sich im Gleichgewicht befindet und in der “Verwurzelung” selbstverständlich ist? “Das Kriterium, das uns erlaubt, zu erkennen, ob die Bedürfnisse der menschlichen Wesen irgendwo befriedigt sind, ist eine Entfaltung der Brüderlichkeit, der Freude, der Schönheit, des Glücks. Da, wo Verschlossenheit, Trauer, Häßlichkeit herrschen, liegen Beraubungen vor, die nach Heilung verlangen.” [Simone Weil 1943, zitiert nach Ausstellungs-Paper S.59]

Simone Weil war eine sehr besondere Frau. Heinrich Böll schrieb über sie: ”...es ist der potentielle Christ in mir, der sie bewundert, der in mir verborgene Sozialist, der in ihr eine zweite Rosa Luxemburg ahnt…Ich möchte über sie schreiben, ihrer Stimme Stimme geben, aber ich weiß: ich schaffe es nicht, ich bin ihr nicht gewachsen, intellektuell nicht, moralisch nicht, religiös nicht.” [zitiert nach Ausstellungs-Paper, S. 5]

Zum Abschluss noch diese Weil-Zitate zum Thema “Einwurzelung”:

“Es ist endlich Zeit aufzuhören, von der Freiheit zu träumen; man muß sich entschließen, sie zu konzipieren…man muß sich bemühen, die vollkommene Freiheit klar zu entwerfen, nicht in der Hoffnung, sie zu erreichen, aber um eine weniger unvollkommene Freiheit zu erlangen, als sie unser gegenwärtiger Zustand gewährt.” [Simone Weil 1934, zitiert nach Ausstellungs-Paper S.53]

“Das Wort ist nur ein Anfang…Ein Stück Brot geben ist mehr als eine Predigt halten…wenn man etwas als ein Gut erkennt, muß man es ergreifen wollen. Sich seiner enthalten ist Feigheit…Das Höchste ist nicht, das Höchste verstehen, sondern es tun.” [Simone Weil 1940 - 43, zitiert nach Ausstellungs-Paper S.60]

“Ich werde niemals, in keinem Falle, darin einwilligen, für irgendeinen Menschen, wer es auch sein mag, als angemessen zu akzeptieren, was ich für mich selbst als moralisch inakzeptabel ansehe.” [Simone Weil, April 1936, zitiert nach Ausstellungs-Paper S.62]

Wir verließen die Kirche und tauchten in die Nachmittagssonne der Wismarer Altstadt ein: bedrückt von den auf den Fotos dargestellten “Ungleichgewichten” der Welt: Hunger, Gewalt, Gewaltverherrlichung…kurz der Entwurzelung. Die Welt und die Kraft der Simone Weil ließ uns “gegendrücken” und die NPD-Plakate auf dem Rückweg zum Campingplatz belustigten uns eher, zumal Storch Heinar uns vereinzelt entgegenrief: Storchenkraft statt NPD! Da sind glücklicherweise noch mehr, denen das Gleichgewicht in der Gesellschaft lieb und teuer ist.


“How long shall they kill our prophets, while we stand aside and look?” sang Bob Marley (“redemption song”) Diese Ausstellungen der Friedensbibliothek und des Antikriegsmuseums der Evang. Kirche in Berlin-Brandenburg sind wesentliche Schritte in die richtige Richtung. Sie erinnern an all jene, die uns Wesentliches zu sagen haben - auch wenn sie nicht mehr leben. In jeder Kirche, in jedem Rathaus, in jeder Schule könnten diese Ausstellungswände stehen.

Die Worte dieser jungen engagierten Frau sollten alle kennen….

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Quellen und Bemerkungen:

alle Zitate stammen aus dem Ausstellungspaper, das die Ausstellungsmacher gegen Spende bereithalten. Dort befindet sich auch eine ausführliche Literaturliste zu Werken von und über Simone Weil. Das Paper kann bestellt werden bei Friedensbibliothek/Antikriegsmuseum, 10405 Berlin, Greifswalder Straße 4 (Haus der Demokratie und Menschenrechte).

Hier das Link zur Website, unterseite “verleihbare Ausstellungen”:
http://www.friedensbibliothek.de/friedensbibliothek.php?fbakm=ausstellungen

Das Foto zu diesem Artikel gibt die Titelseite des Papers wieder.

Geschrieben von Martin Rzeszut am 11. August 2011 um 20:29 Uhr

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