das toenchen-voegelchen

Das Tönchen!

Das Online-Magazin
der Musikwerkstatt-Rzeszut

 

:

:

Tönchen-Home | Home | Über uns | Kontakt | Impressum

Donnerstag, 14. September 2006

Shine on brightly!...wie der Hippie auf den Leuchtturm kam

Peter Hill und sein Buch “Stargazed” - “Sternengucker”

imageDie besten Bücher sind ja immer die, in denen man sich selbst in irgendeiner Form wiederfindet. Sei es, dass man die Materie liebt, die dort beschrieben wird oder jene Stimmungen nachvollziehen kann, die man auch schon mal so erlebt hat wie der Autor. Ganz gelungene Bücher sind für mich jedoch jene, wo ich den Autor nicht nur sehr sympathisch finde, sondern auch sein Handeln, sein Denken, sein Fühlen so verstehe und nachvollziehen kann, als ob ich es selbst wäre.

Da liegt es vor mir: „Sternengucker“ von Peter Hill. Schön und fest gebunden, im Format 5 mal 8 Zoll, ¾ Zoll stark. Papier riecht gut. Grünes Lesezeichen…ich freue mich auf die Lektüre! Den Namen Peter Hill hatte ich damals in Glasgow gehört während meiner Jahre in Schottland. Bin ich ihm damals nicht sogar irgendwo über den Weg gelaufen? Oder er mir? Während der Lektüre dieses liebenswerten Buches halte ich das nicht mehr für ausgeschlossen.

Worum geht es? Um Autobiografisches. Peter Hill – ein Jahr älter als ich – wuchs auf in Glasgow und begann ein Kunsstudium in Dundee. Dundee liegt an der schottischen Nordseeküste im südlichen Tayside und wurde vor allem durch eine Eisenbahnkatastrophe 1879 bekannt, bei der ein kompletter Eisenbahnzug im heftigen Wintersturmsturm von der Tay-Brücke geblasen wurde. Dundee kenne ich sehr gut.

Peter Hill hält dies Studium Anfang der 70iger Jahre nicht lange aus (er schreibt auch warum nicht), bricht es kurzerhand ab, um sich als Hilfs-Leuchturmwärter zu betätigen. Was als Ferienjob geplant war, wäre fast zum Beruf geworden, wenn nicht…aber darüber lesen wir in „Stargazed“ (so der englischsprachige Titel) leider nichts. Vermutlich war es die drohende Automatisierung der Leuchtturmtechnik und der damit verbundene Schwund an Leuchtturmwärter-Bedarf. Kann auch sein: Peter Hill ist nun mal Künstler.

Auf 319 Seiten erfahren wir alles über sechs Wochen Leuchtturmwärterdienst einschliesslich dem dazugehörigen Kurzurlaub. Hill wurde für Urlaubsvertretungen auf den Leuchttürmen von Pladda, Ailsa Craig und Hyskeir (allesamt an der schottischen Westküste) eingestellt. Und das erfahren wir vom ersten Tag an in sehr detailierten und lebendigen Beschreibungen, die auf seinen damaligen Tagebuchnotizen aufbauen: Peter schleppte neben zahlreichen Büchern auch kleine gelbe Notizbücher mit, in denen er genauestens notierte, was er wann und wo bei seiner Arbeit erlebte, mit wem er was sprach, wer wann Dienst hatte, wer was wann kochte oder wer was warum wie findet.

Peter Hill ist detailversessen (..und damit mir ähnlich). Wir bekommen sämtliche technischen Informationen über kerosinbetriebene Laternen, deren Betrieb eine Menge Handarbeit und Wachsamkeit erfordern. Wir lernen z.B., dass – wenn wir das Kerosin-Leuchtfeuer entzünden wollen – zunächst der Bunsenbrenner entzündet wird. Dann werden die Dochtenden herausgenommen, in Parafin getränkt, umgedreht und angezündet. Diese Dochtenden müssen in einer Vorrichtung zehn Minuten lang brennend liegen. Sodann werden die Sichtblenden vor den Laternenfenstern hochgezogen und die Kerosin-Pumpen angeworfen. Sodann auf einer Skala 20 einstellen: Kerosindampf zischt in einer Wolke hoch, die mit dem brennenden Fidibus entzündet wird (der Leser wird vor den Auswirkungen grösserer Explosionen gewarnt). Dann Anwärmflammen ausblasen, „Schalen unten rausziehe“ (who knows…), Schalen ausleeren und die Gewichte hochkurbeln, mit denen der auf Quecksilber schwimmende Linsenapparat in Drehung gehalten wird. In Drehung versetzt wird er durch Anschieben durch den wachhabenden Leuchtturmwärter, der das Licht kurz vor Sonnenuntergang entzündet.

Man wundert sich irgendwie, dass die Seiten 75 und 76 keine Petroleumflecken haben…

Wir lernen alles über Felsenleuchttürme (stehen einsam im Meer: Wohnen, Essen und Arbeiten findet alles auf dem Leuchtturm statt), Küstenleuchttürme (Wohnen und Essen findet in Nebengebäuden statt) und Inselleuchtürme. Inselleuchttürme stehen auf kleinen oder grösseren unbewohnten Inseln und auf dreien von diesen wurde Peter Hill eingesetzt.

Wer Edinburgh kennt, hat vielleicht schon mal in der George Street Nr. 84 das Leuchtturm-Amt gesehen: man erkennt es sofort an einem kleinen weissen Leuchtturm über dem Eingang. Dieses Northern Lighthouse Board spielt bei Hill eine grosse Rolle: es wird sturweg „Nummer 84“ genannt. Von ihm und seinen Leuchtturmwärter-Kollegen. Denn dieses Amt steht über allem: von hier aus wird man eingesetzt, versetzt, abgelöst, versorgt…und permanent beaufsichtigt. In diesem Amt sitzen – so der übliche Schnack – hauptsächlich Ignoranten, die von Ferne den Befehl erteilen, einen Zaun zu streichen, eine Strasse zu bauen oder den Gemüsegarten umzugraben (alles Aufgaben, die ein Leuchtturmwärter können muss). Nummer 84 ist Big Brother und weiss alles…auch wo wer wann mal eingepennt ist und deshalb unweigerlich seinen Job verlieren wird.

Wie laufen die Wachen ab? Wie lang ist eine Wache? Wer kocht? Wann wird gegessen? Was wird gegessen?....im Laufe des Buches wird man selbst zum Leuchtturmwärter! Man ärgert sich jedesmal, wenn ALLE(!) morgens um 8 beim Frühstück sitzen müssen, obwohl derjeneige, der die Nachtwache (Hill nennt die „Rembrand“...) hatte, man gerade nur zwei Stunden Schlaf bekam. Der Leser lernt hier ein sehr altes, wirklich funktionierendes, äusserst verlässliches Sozial- und Arbeitssystem kennen, das es so heute nicht mehr gibt: denn Ende der 70iger Jahre wurden in Schottland alle Leuchttürme auf Automatikbetrieb umgestellt.

Was wird erzählt? Im letzten Kapitel stellt Peter Hill fest, dass „...dass Leuchtturmwärter wohl der einzige Beruf ist, bei dem man fürs Geschichtenerzählen bezahlt wird“. Alles, was Leuchtturmwärter so erzählen, gibt Hill in seinem sehr lebendig geschriebenen Buch wieder. Es sind nicht nur Geschichten aus 6 Wochen Arbeit. Auch später und vermutlich bis heute trifft Peter Hill Leuchtturmwärter und notiert ihre Geschichten. gegen Ende des Buches skizziert er ein australisches Feldforschungsprojekt. Man darf gespannt sein auf weitere Leuchturmwärtergeschichten von “down under”.

Leuchtturmwärter: die letzten Geschichtenerzähler? Ja! Und hier mischen sich meine eigenen Erfahrungen mit denen Peter Hill’s…wodurch dieses Buch für mich natürlich noch eine andere Dimension bekommt, die den meisten anderen Lesern versagt bleiben muss. Denn eines Tages im Jahre 1991 bekam ich in meiner Akkordeonwerkstatt in Edinburgh einen Anruf: eine Mrs. Morrisson (wohnhaft Salvesen Crescent) wollte ihrem Mann ein besonderes Geburtstagsgeschenk machen und sie brauchte deswegen unbedingt mich. Sie spazierte mit einer roten Plastik-Kiste herein und darin lagen 125 Einzelteile einer Bassmechanik (ich glaube, es war ein Weltmeister-Akkordeon). Ihr Mann hatte einen laienhaften Versuch unternommen, mal sein Akkordeon zu reparieren und war dabei an einigen wesentlichen Naturgesetzen der Mechanik gescheitert: so packte er alle Kleinteile in die rote Kiste und sprach nicht mehr mit seinem Akkordeon…bis seine Frau es mir zum Reparieren gab.

Ich bekam die Bass-Mechanik wirklich hin und erschien eines Tages in Salvesen Crescent mit der roten Kiste und wurde von einem sehr lebhaften, freundlichen Mr. Morrisson begrüsst und sofort zu einem Plausch eingeladen. Der Mann sprudelte über vor Redseligkeit und das in einer sehr angenehmen Weise: er war der letzte Leuchtturmwärter von Cape Wrath (im Nordwesten Schottlands) und ich zufälligerweise Leuchtturmenthusiast. Na ja, wir sassen und schwätzten und ich weiss alles über das Leben in Leuchttürmen. Die Kiste - eine original Leuchtturmwärter-Verpflegungskiste mit der Aufschrifft “MORRISSON CAPE WRATH” - hat er mir geschenkt: heute unsere Campingküche. Den Nachmittag bei Mr. Morrisson werde ich nie vergessen. Salvesen Crescent im nordwestlichen Edinburgh gehört übrigens zu einer Siedlung, wo ausschliesslich Leuchtturmwärter wohnen! Der Feldforscher und Leuchturmwärter-Geschichten-Sammler braucht hier nur mit seinem MD-Rekorder von Haus zu Haus zu gehen…

Und was Peter Hill in „Stargazed“ schreibt, hat Mr. Morrisson mir auch erzählt. Schnacken gehört zum Beruf des Leuchtturmwärters. Geschnackt wird immer und überall auf Leuchttürmen. Schnacken belebt die Mahlzeiten und auch beim Fernsehgucken (Daktari und praktisch alle britischen und amerikanischen Serien, die damals liefen) wird geschnackt: Leuchtturmwärter reden mit ihren Idolen auf dem Bildschirm. Sehr fein beschreibt Peter Hill die Rolle des Schnackens bei der Wachablösung: jener Wärter, der seine Wache beendet hat, geht nicht sogleich schlafen, sondern muntert seinen Kollegen – der gerade aus dem Bett gekrochen ist - ein halbes Stündchen lang mit Schnacken auf.

Menschen, die sich nie gesehen haben, begegnen sich. Wer mit wem arbeitet auf welchem Leuchtturm, bestimmt „Number 84“. Wer wie lange mit wem arbeitet, kocht, isst, schnackt oder fernsieht, bestimmt allein „Number 84“ ...und das schottische Wetter. Hill erzählt von Leuchtturmwärtern, die komisch wurden, weil sie mal wochenlang wegen schlechtem Wetter nicht abgelöst werden konnten. Hill wäre nicht Schotte, würde er nicht Unheimliches schreiben. So schliesst das Buch ab mit einem .... ach, lassen wir das einfach.

Lest das Buch einfach selbst!

Musik? - Ja, kommt vor. Zahlreiche Lieblingsbands (die mir alle bekannt sind) werden zitiert. Unter anderem auch die Incredible String Band. Und es gibt sehr schöne Stellen, wo jemand eine Geige aus einer Adidas-Tasche voller Schafscheer-Werkzeug rauskramt und einen Strathspey spielt. Leuchtturmwärter machen auch Musik.

Und da gibt’s noch ne Stelle, ....ach. Lest das selber: Peter Hill, „Sternengucker“, 2005 by Rogner&Bernhard (bei zweitausendeins) ISBN 3-8077-1000-0.

Den Verlag findet man unter http://www.rogner-bernhard.de

Peter Hill fand ich in Australien und Dank moderner Mail-Technik schilderte ich ihm meine Begeisterung für sein Buch….und hängte jede Menge Schottland-Erfahrungen dran…Textprobe? ” Todhead Lighthouse was a place, I liked much. I remember that stormy
night in 1991 having parked my van very close to the lighthouse’s white
Wall, in front of me the wild sea with big noise moving up and down in a
sort of basin cut into the rock. seaplants driven by the strong winds
hit my face. The car got shaked very heavy by the gusts…oh, that was
great!” (sollte ich das nicht mal veröffentlichen…?)

Und: schliesslich - man höre bitte und staune! - kenne ich den Bruder eines Leuchtturmwärters, den er nennt. Dieser Mann von den Shetlands spielt…. natürlich! Was sonst?...Akkordeon…doch lassen wir das.

Aus Sydney bekam ich kürzlich diese Mail:
Hi Martin,
Thank you for such a nice letter. I very much enjoyed it. In the UK actor David Tennant read Stargazing every day on Radio 4 as the book of the week. In Australia I read it over two weeks on the ABC and they then brought it out as a double CD (reduced from 80,000 words to 20,000). If you send me your mailing address Martin I will put one in the post.
I am speaking at the Sorbonne in November about my superfictions “The Museum of Contemporary Ideas” and one day hope to have an exhibition in France and Germany.
Shine on brightly,
Pete

Shine on brightly -  leuchte weiterhin hell! Eine schöne Floskel. Peter Hill schleppte übrigens auch Hermann Hesse’s Bücher mit auf seine Leuchttürme. Und Kerouac…wie ist man sich doch ähnlich! Diese Anfang-bis-Mittfuffziger sind überall auf der Welt verteilt und haben alle dasselbe gelesen!

Meine Freundin Silke in Clacton-on-Sea kann sogar David Tennant auf Radio 4 lesen hören und schreibt: “hab gerade mal rein gehoert, hat der ne tolle stimme, wie mein Homoeopath. und ich lese gerade was von Kerouac: Jack Kerouack on the road. irre. S“

Inzwischen ist die Doppel-CD hier angekommen. Besprechung versprochen. Nun kauft erstmal dieses tolle Buch! Shine on brightly!

Geschrieben von Martin Rzeszut am 14. September 2006 um 12:37 Uhr

Kommentare

Dieser Eintrag kann nicht mehr kommentiert werden.