Donnerstag, 29. September 2011
Schleswig-Holsteinisches Freilichtmuseum - Projekt-Schule mit Zukunft?
PROJEKTSCHULE MUSEUM zum Tag der Region 2011
Das Museum liegt für uns in Fahrradentfernung und just hinter dem für die Stadt Kiel so wichtigen Grüngürtel nach Süden hinaus.
Und heute haben meine Frau und ich Glück: warme Sonne ist nach all den Regentagen eine Wohltat - ja, und es soll ja auch Bauernmarkt im Museum sein! Na, dann man los zum Freilichtmuseum Molfsee!
Der absolute Vorteil dieses Freilichtmuseums bäuerlicher Kulturdenkmale liegt in seiner landschaftlich wunderschönen Lage. Es befindet sich mit seinen rund 70 Häusern sozusagen auf einer Insel und wird umrauscht von der Eider, vom Verkehr der Hamburger Chaussee und vom Verkehr der Hamburger Landstraße. Also: optimal erreichbar, selbst mit dem Kajak - wenn es denn einen entsprechenden Eingang gäbe….übrigens stört der Verkehrslärm nur bei Westwind.
Das Gelände von insgesamt ca. 60 ha - wobei ein großer Teil noch ungenutzt östlich der L 318 (Hamburger Chausee) liegt - ist landschaftlich sehr abwechselungsreich. Wir finden die für Ostholstein typischen Landschaftskomponenten Wald, Wasser, Feldwege, Wiesen und ländliche Bebauung. Einige Häuser - nach Landschaften in Schleswig-Holstein geordnet - sind zu Weilern zusammengefasst, so dass kleine Zentren entstehen. Leider ist die Eider nicht in die Museumslandschaft integriert und ein Bach sickert nur bei starkem Regen vor sich hin. Immerhin gibt es zwei großflächige künstlich angelegte Teiche und einen kleinen Mühlenteich, der das intakte Mühlrad der frisch restaurierten Wassermühle zum großen Bedauern der Museumsbesucher nicht in Bewegung setzen kann.
Ein Besuch im Freilichtmuseum erfreut besonders all jene, die sich jahrelang Gedanken um die Zukunft bzw. die Geschäftsfähigkeit des Museums Gedanken gemacht haben. Wie wir an anderer Stelle berichtet hatten, stand das Museum vor noch nicht allzulanger Zeit kurz vor der Insolvenz. Doch mit gezielten Finanzspritzen, einem engagierten Einsatz der Museumsleitung und vor allem mal wieder zahlreichen ehrenamtlichen Helfer und Helferinnen gelang die vorläufige “Rettung” des Museums in letzter Sekunde.
Was zur nachhaltigen Stabilisierung besonders der finanziellen Verhältnisse jedoch unbedingt notwendig wäre: die Angliederung des Museums an die Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloss Gottorf. Das Zieldatum ist der 1.Januar 2012. Hoffen wir, dass diese Perspektive sich auch bewahrheite!
Um es gleich vorwegzunehmen: wir von PROJEKTSCHULE MUSEUM stellen mit Freude fest, dass zahlreiche Ideen zur Belebung dieses Museums bäuerlicher Kulturdenkmale, die wir der Museumsleitung seinerzeit nahegelegt haben, teilweise oder ansatzweise aufgenomment wurden. Seinerzeit - das war noch während der drohenden Insolvenzgefahr. Unsere spontan gegründete regionale Bürgerinitiative nannten wir MUSEUM INTERAKTIV. Daraus entwickelte sich dann die von der Initiative Regionalgenossenschaft e.V. konzipierte PROJEKTSCHULE MUSEUM.
Natürlich liegt uns von PROJEKTSCHULE MUSEUM das Molfseer Freilichtmuseum weiterhin am Herzen, auch wenn wir inzwischen überregional orientiert sind. Wie könnte es auch anders sein: liegt es doch unmittelbar “vor unserer Haustür”. Es erweitert sozusagen den in den 1920iger Jahren vom Stadtplaner Leberecht Migge konzipierten Kieler Grüngürtel als dringend benötigten Erholungsraum der Stadt.
Neben dem Kulturzentrum Hof Akkerboom in Mettenhof hätten wir im Molfseemuseum weiteres Potential für ein Stadtteilzentrum bzw. einen kulturellen Fokus nahe der Landeshauptstadt. Neben dieser regionalen Bedeutung könnte das Museum zu einem Touristenmagnet erster Güte werden und ähnlich wie Schloss Gottorf und dessen angegliederte Museen Weltruf erlangen. Voraussetzung dafür ist allerdings eine deutlich höhere Besucherzahl sowie eine optimale Einbindung des Museums in regionale und landesweite öffentliche, aber auch wirtschaftliche Strukturen.
Wir nenen hier beispielsweise die intensive Zusammenarbeit mit schleswig-holsteinischen Schulen, den Support durch Handel und Handwerk oder die Nutzung des Museums als Veranstaltungsort für kulturelle Veranstaltungen, wobei wir da nicht nur an die für Normalbürger kaum erschwinglichen Konzerte des S-H-Musikfestivals denken: Kultur beginnt zuhause in der Region und muss für alle erschwinglich sein.
Auf Grund seiner diversifizierten Strukturen und seines kultur- und sozialgeschichtlich orientierten Erscheinungsbildes kann dieses Museum bäuerlicher Kulturdenkmale eine hervorragende Rolle in “Erziehung” und “Erinnerung” bieten. Junge Menschen bringt es auf berufliche Ideen, Senioren erinnern ihre Jugend, unsere sog. “Bestagers” mitte 50 plus bringen konstruktive Gestaltungsideen ins Museum ein und für einige “Midagers” wäre das Museum und sein Netzwerk eine Perspektive, um sich etwa aus wirtschaftsverschuldeter Arbeitslosigkeit herauszuarbeiten und eine kulturell orientierte Selbständigkeit aufzubauen.
Das Museum der Zukunft ist ein Bürgertreff für alle. Die Grundlagen einer Zivilisation zu erfassen und die Vielschichtigkeit der eigenen Kultur zu begreifen erfordert nicht intellektuelle Distanz, sondern direkte und unmittelbare emotionale Anteilnahme. Lassen wir etwa die Enge des Deldorfer Armenhauses auf uns wirken und lesen wir die Dokumentationen über Armut in der jüngeren Geschichte, so entfährt uns vielleicht jener Seufzer: ” Oh mann….ein Glück, dass es uns besser geht als denen damals in diesem Haus.”
Und “die damals im Armenhaus” könnten ähnlich geseufzt und dem Bürgermeister gedankt haben, dass sie nicht als Obdachlose der Winterskälte ausgeliefert sein mussten.- Wohlstand ist relativ und das direkte Gefühl dafür könnte uns angesichts von Facebook und Bad Banks leicht verloren gehen. Das Museum hilft! Und es lehrt uns, was lebensdienliches und nachhaltiges Wirtschaften im kleinen und im großen Stil bedeuten kann.
“Unser Museum” sind wir selber mit all unseren Erfahrungen, Skills, Hoffnungen und Sehnsüchten. Aber auch mit unseren Ängsten. “In der Geschichte der Menschheit diente die Technik dem Menschen zum Überleben, die Kultur dem Zusammenleben…Nur wenn wir die Leitwerte unserer Kultur in der Welt des technischen Zusammenlebens dauerhaft und immer wieder neu verankern, wird ihre Rolle eine heilsame sein und nicht eine, die unsere Gesellschaft zersplittert und unseren Gemeinsinn zerstört.” [R.D. Precht, Die Kunst kein Egoist zu sein, München 2010,S.485] - Genau das: im Museum lässt sich Gemeinsinn erkennen und erleben - wenn es denn genügend “belebt” ist.
Genau das wollen wir heute und morgen herausfinden. Eine Begehung der Anlage sieben Wochen vor Saisonende gibt Aufschluss über Neues im Museum. Ein Wochende mit Bauernmarkt - dazu noch bei warmem sonnigen Spätsommerwetter - lässt leicht erhöhte Besucherzahlen vermuten.
Besucherdichte: Interessieren tat uns zunächst, wie sich Besucher auf dem großen Gelände während der Sonderveranstaltung “Bauernmarkt” verteilen. Erwartungsgemäß waren sowohl am Samstag als auch am Sonntag im alten Bereich in der Westhälfte des Museums, aber auch um die sog. Winkelscheune herum im Zentrum der Ausstellungsfläche sehr viele BesucherInnen zu sehen. Die “Landstrasse” zwischen beiden Aktionsflächen war in Spitzenzeiten voll wie eine Fußgängerzone. Erhöhte Besucherkonzentration gab es stets auf dem Jahrmarkt. Am Sonntagnachmittag zählte auch die “Meierei unter Dampf” auf dem Apothekenberg zu den Publikumsmagneten.
Leer dagegen wirkte an beiden Tagen der Ostteil des Geländes vor allem um Hallighäuser, Walfanghäuser und große Windmühle herum. Auch beim Haus mit der Schusterwerkstatt am See sowie auf dem Weg über “Stapelholm” bis zur neu restaurierten Wassermühle war wenig los. Sehr leer war es auch beim Fischer. Hier fehlt eindeutig interaktive Belebung oder zumindest atmosphärisch wirkende Attraktionen wie Kleinvieh, Musik, wandernde Marktfrauen oder authentische Figuren wie der “zufällig vorbeikommende Messerschleifer” und andere Kreationen der PROJEKTSCHULE MUSEUM. Der Platz oben vor der Apotheke schreit geradezu nach “Volkstanz”, wie es zahlreiche MuseumsbesucherInnen sicherlich auch von anderen Freilichtmuseen kennen. Warum er hier nicht regelmässig stattfindet, bleibt mir seit Jahren ein Rätsel.
Auf den ersten Blick fällt uns positiv auf : es gibt sehr viele neue und sehr schön gedeckte Dächer, frisch angestrichene Balken und nachhaltig reparierte Fenster. Dezent angebrachte Sponsorentafeln künden von den Geldgebern, die sich in hervorragender Weise um das Museum verdient gemacht haben.
Sehen wir nun genauer hin und betreten wir das Altenteilerhaus aus Negenharrie (Nr.4): im relativ neu eingerichteten sog. “Spielzeughaus” sind so ziemlich alle unsere Erwartungen an eine nutzerorientierte Ausstellung erfüllt. Hier kann Opa mal zwei Minuten lang mit der Eisenbahn spielen! Die reichhaltig ausgestatteten Vitrinen zeigen einen wirklich guten Querschnitt durch ca. 200 Jahre Spielzeuggeschichte. Schade nur, dass man nicht mit alten Töpfen auf den echten Herden des Hauses “Kochen” spielen kann….Alle meine alten Steiftiere blicken mich melancholisch und fünfzigerjahremässig an: ach ja, die gute alte Zeit!
Im ersten Stock entdecke ich Kinder-Kaufläden mit kleinen Waschpulverpäckchen…..Erinnerungen werden wach: Wandertag der Klasse 3 der Volksschule Oldentrup (ca.1963) zum Großmarkt am Stadtrand von Bielefeld. Im Lagerhaus der Großeinkaufsgesellschaft Deutsche Konsum-Genossenschaften hatte man zahlreiche kleine Ladentische aufgebaut: alles in Kindergröße. Richtige Waagen zum Abwiegen, Kisten voller Gemüse, kleine Packungen mit Hengstenberggurken, Erbswürsten, Zucker und Salz in den Regalen. Dazu Ata, Vim und Sunil. Brot und Käse gab es ebenso wie kleine Getränkefläschchen. Wir Kinder standen hinter den Ladentischen und “bedienten” andere Kinder, die mit ihren Einkaufskörben Schlange standen. Man kaufte mit Spielgeld, das jedes Kind in gleicher Menge und zusammen mit einem Einkaufskorb bekam. Alles was wir kauften und verkauften, konnte man auch wirklich essen und es machte einen Riesenspaß!...Und warum gibts das heute eigentlich nicht mehr?
Den Raum in der Deele dieses Spielzeughauses oder eines anderen Hauses könnte man für ebensolche interaktive Aktionen nutzen: “Wir Kinder standen hinter den Ladentischen und ‘bedienten’ andere Kinder”... oder am besten gleich einen Dorfladen ins Museum translozieren…nur so Gedanken, die uns durch den Kopf gehen. Die wirklich interaktive Stelzenlaufstation an der Aussenecke des Hauses liegt günstig am Hauptweg. Generationenübergreifend ist man allgemein von der Physik einer schlichten Fahrrad-Felge fasziniert. Hier läuft Kommunikation auf höchstem Niveau und ältere BesucherInnen werden im Nu zu stelzenden Kindern…
Noch ganz erfreut vom lustig springenden jungen Eselchen gerät man fast zufällig in die Kate Göttsch, dem Altenteilerhaus aus Krummbeck von 1650 (Haus Nr. 19) und ist erschrocken, wer da so laut hustet…oder grunzt?...schwer zu sagen. Hier befinden wir uns nun im neuen Glanzstück des Museums. Der leicht irritierte Besucher hat zunächst Schwierigkeiten, das, was er in der Dunkelheit kaum sieht und was er aber ziemlich laut hört, sinnvoll zusammenzubringen. Schliesslich ist in diesem kreuzbraven Museum ja Theater unbekannt!
Haben die Augen sich erstmal an die authentische Dämmrigkeit einer Kate im Jahre 1888 gewöhnt, so hat man nun die Wahl: entweder ein Blick in die die Großküche, wo sich Kinder untereinander und mit der Mutter streiten und wieder vertragen und wo es in den hervorragend konzipierten Redeszenarien um den Gang zur Schule, unerlaubtes Apfelmausen oder das Kochen geht. Oder man steht vor der Altenteilerwohnung, wo sich Altbauer und -Bäuerin Gedanken darüber machen, ob und wie gut der Sohn den Hof weiterführen wird und wie es mit Ernte und Vorräten im Haus steht.
Dann lässt sich noch ein Knecht finden, Haustiere, ...Lebensgroß sind die sorgfältig gestalteten und liebevoll gekleideten Puppen. Die überaus lebendigen Dialoge - nein, sie sind nicht in Platt sondern in regionalem Slang und gerade deshalb gut verständlich - sind aus dem Hier und Jetzt gegriffen. Man glaubt kaum, dass es digitale Tonkonserven sind. Dieses Tonsystem ist einzigartig: diese “Personen” reden wirklich kristallklar und ohne Nebengeräusche miteinander und wir bekommen Appetit auf die Bockwurst auf dem Teller und möchten uns zum alten Mann an den Tisch setzen und mit ihm und seiner Frau (“Karl” und “Marie”) plaudern….Wir leben tatsächlich im angepeilten Zeithorizont: Herbst 1888, abends in der Probstei. Magisch!
Diese Art der Animation hatten wir von MUSEUM INTERAKTIV schon vor Jahren angeregt. Ich hatte solche Inszenierungen in schottischen Bergwerksmuseen Ende der 1980iger Jahre kennengelernt, aber die waren geradzu simpel gegenüber dem, was ich jetzt in der Kate Göttsch erlebe. Sehr gut auch die Information im Eingangsbereich - und natürlich wünschen wir uns für die nächste Saison eine ähnliche Inszenierung von authentischer Sozialgeschichte beispielsweise für das Drelsdorfer Armenhaus!
Und keine Frage: so etwas lässt sich auch mit Life-Darstellern etwa im Rahmen eines Schulprojekts machen und Museumsnutzer werden eingeladen, sich eine mögliche Rolle zu wählen, die sie dann allein im Alltagsgespräch und vor anderen Museumsnutzern vertiefen. PROJEKTSCHULE MUSEUM hat dafür Ideen in Hülle und Fülle!
Soweit die Highlights, die uns als neu und belebend ausgesprochen begeistern. - Setzen wir unseren Bummel über das Gelände fort. Nun interessieren uns Aktionen zu museumstypischen Themen.
Hervorragende Referenten: Bereits im Haus Nr. 3 aus Grossharrie weht uns Holzfeuerrauch um die Nase: Bierbrauer Ralf Stelter braut in der dunklen Deele Bier. In einem Topf über dem Feuer unterm Schwibbogen rührt er die Maische. 50°C sind erreicht. “Es ist nicht leicht, die jetzt erforderlichen etwa 70°C über längere Zeit zu halten…die hatten damals ja noch kein Thermometer.” sagt er. Eine interessierte Familie drängelt sich um den duftenden Kupfer-Topf und Ralf Stelter erzählt und zeigt und lässt probieren. Hier haben wir es also mit einem echten Belebungsschwerpunkt zu tun. Nur schade, dass Bierbrauen nicht jeden Tag während der Saison stattfindet. Ralf Stelter findet unsere Idee gut, soetwas als Projekt mit Schülern im Museum oder an Schulen zu veranstalten. “Die Einstellung der Jugendlichen zu Bier oder Alkohol würde sich dann normalisieren - Bier ist nichts “verbotenes” sondern war und ist eines unserer traditionellen Grundnahrungsmittel.”
Neben Haus Nr. 40 am See sitzt Jörg Nadler und fertigt ein Netz. Ein Fischer wie vor 100 Jahren. Er erzählt bewegt über das Fischen in der Schlei, vom Holm in Schleswig, von seinem Fischerboot. Einige wenige Besucher haben sich auch in diesen abgelegenen Teil des Museums verirrt und schnuppern den Holzfeuerqualm aus dem Räucherofen. “Ja, die müssen noch ein bisschen im Rauch hängen, aber gleich sind sie fertig…der Ofen zieht nicht so gut, die alte Tür hat sich verzogen…mit diesen Netzen hier wurde schon vor Jahrhunderten gefischt…wollen Sie Fisch kaufen?...ja, ich komme gleich…schon die Römer hatten ein solches Werkzeug wie ich hier in der Hand…ach, Sie hatten vorbestellt?...nein, ich habe hier leider kein Boot…”
Jörg Nadler ist darauf spezialisiert, vorbeigehende Museumsbesucher in die Welt des Fischfangs zu entführen. Hört man ihm 30 Minuten zu, geht man sozusagen als “angelernter Fischer” weiter. Nein…er redet so intuitiv, dass man zum Fisch wird, wenn man nicht aufpasst. Er kann in verschiedene Rollen schlüpfen und ist Fischer der Steinzeit, der Bronzezeit, der Vorrömischen Eisenzeit, der Frühen Römischen Kaiserzeit, des Frühmittelalters, des Hoch- und Spätmittelalters. Heute vertritt er den Zeithorizont 1900. Fangequipment und Kleidung sind wissenschaftlich korrekt: “auch meine Brille ist 100 Jahre alt!” Besser kann es wirklich nicht sein: hier ist ein Enthusiast am Werke. “Im Bereich der Archäotechnik und lebendiger geschichtlicher Darstellung bin ich der einzige ausgebildete Vollerwerbsfischer mit einer nach Originalvorlagen rekonstruierten Ausrüstung…” heisst es auf seiner Website.
Leider sitzt Jörg Nadler nicht jeden Tag im Museum…für diesen Mann sollte man eine Planstelle einrichten, bevor dies andere Museen tun! Sein Arbeitsplatz könnte dann der Museums-See samt Fischerkaten (Häuser Nr.39 bis 41) sein und der Platz wäre endlich einmal “bewohnt”. Dass das Museum ihm offensichtlich nicht einmal ein Boot organisieren kann, stimmt mich traurig. - Stand da nicht vor Jahren einmal ein Volksmusikschlagersänger neben dem alten verrotteten Boot am Museums-See und schmalzte irgendein Fischerlied in die Kamera des NDR-Fernsehens? Dieser Mann bekam ein - wenn auch nicht mehr schwimmfähiges - Boot, weil es das Klischee verlangte. Jörg Nadler zieht die Alltagsrealität dem Klischee vor und ist ohne Boot ....
Wäre Jörg Nadler täglich im Museum, so könnten zahlreiche interaktive Aktionen mit Museumsnutzern laufen: Schülerprojekte zur Fischtechnik, Bootsbauprojekte, Netzeproduktion. Lust hat er dazu! In der benachbarten Schmiede könnte Fischfanggerät aus Metall hergestellt oder repariert werden. Nadler zeigte mir Teile, die im Giessereimuseum hergestellt oder repariert werden müssten…Themen ohne Ende. Ich frage mich, ob diese rezente Weihnachtsmarktbretterbude, in der Nadler seinen Fisch verkauft, nicht vielleicht zu vermeiden gewesen wäre, denn historische (Museums-)Bauten gibt es am See genug. Man könnte auch Fischverkauf und Fischen trennen, wenn denn das Museum einen täglichen Markt hätte…
Besuchen wir doch noch Klaus und seine Schreinerei, den es hier seit dem Frühjahr gibt. Jemand kommt uns mit einem frisch und selbstgebauten Katzenbaum entgegen. “Baus mit Klaus!” heisst es im Museumshaus aus Bergenhusen (Nr.69). Die ehemaligen Wohnräume beherbergen eine kleine Schreinerei mit mehreren Arbeitsflächen, Hobelbänken und jede Menge Werkzeug. Es herrscht eine wirklich einladende Atmosphäre: irgendwie ein wohltuendes kreatives Chaos. Eine aufgeräumte Werkstatt ist nicht wirklich eine Werkstatt. Man möchte sogleich mit irgendetwas loslegen: Vogelhaus bauen, Stuhl reparieren, Fußbank schreinern…und natürlich ist der freundliche und versierte Klaus auch offen für Projektarbeit in Kooperation mit Schulen.
An den Wochenden öffnet Klaus Mende seine Werkstatt und die ist somit eines der dauerhaft aktiven Zentren im Museum. “Hier können Sie oder Ihre Kinder einfach nur einmal ‘rumprobieren’, also mit einem Hobel, einem Stechbeitel oder anderen klassischen Tischlerwerkzeugen arbeiten,” heisst es auf seiner Website. Schade nur, dass er sich im Museum kein wirklich authentisches Werkstattgebäude einrichten konnte: der Wohnbereich des Hauses aus Bergenhusen wurde schliesslich niemals als Tischlerwerkstatt genutzt. Eine wissenschaftlich nicht korrekte Sache in einem Museum, das gerade großen Wert legt auf “wissenschaftliche Forschungsarbeit” legt, wie es auf der Museumswebsite heisst. Klaus braucht eine richtige Tischlerei!
Warum sog. “Aktions-Stationen” nicht funktionieren können: weil es an Personal fehlt! Liebevoll wurden im Molfseer Freilichtmuseum von der hauseigenen Museumspädagogik sog. “Aktions-Stationen” eingerichtet. Da kann sich der Besucher in Haus Nr. 8 in ein Butzenbett legen oder seine (mitgebrachte?) Wäsche waschen und aufhängen. Schilder wie “Anfassen erlaubt, Ausprobieren erwünscht!” laden zu aktiver Beschäftigung ein. Wir haben allerdings weder einen Besucher im Bett gesehen noch war jemand am Waschen. Vor dem Bett schreckt man auch irgendwie aus hygienischen Gründen zurück (Besucherkommentar: “Na, wenn die da alle mit Schuhe reingehen…”)
An der Aktions-Station “Waschtag” neben Haus Nr. 28 gab es weder fließend Wasser noch eine gespannte Leine an den Wäschepfählen. Wie und wofür die alte Wäscheschaukel (siehe Foto oben!) bedient wurde war weder auf einer Hinweistafel beschrieben noch stand eine authentisch gekleidete “Waschfrau” daneben und spielte ihre Rolle, wie sich PROJEKTSCHULE MUSEUM das für interaktives Museumserleben wünschen würde. Nein, niemand zog uns Museumsnutzer in den Bann der frühgeschichtlichen Seifenlauge…meine Frau bleibt ratlos!
Egal ob “Aktion” oder “Interaktion”: es geht nicht ohne Hilfe eines Kulturvermittlers, der Museumsnutzer anleitet und auf ihre Rolle als “Waschfrau im Jahre 1920” oder “Todmüder Tagelöhner, geb. 1843, nach der Arbeit endlich im Bett” vorbereitet. Wie das durchführbar wäre, dafür hat PROJEKTSCHULE MUSEUM allerdings Ideen. Aber die Museumspädagogen haben hier immerhin schon mal deutliche Zeichen für eine interaktive Zukunft gesetzt: mit passivem Museumgucken ist nun Schluß, liebe Besucher, nun seid ihr dran!
Belebung allgemein empfohlen: Das älteste Haus des Museums aus dem Jahre 1569, das Pfarrhaus aus Grube (Haus Nr.13), ist museumstechnisch leider nicht genügend gewürdigt. Besonders mit dem neuen Dach ist es ein Schmuckstück und hätte anderes verdient. Hier könnte während der Saison eine Familie “leben”, was für interaktiv arbeitende Museen normal ist und z.B. in Haithabu-Dorf erfolgreich praktiziert wird. Der große Vorplatz des Hauses erlaubt Aussenaktivitäten mit Besuchern. Die Nähe zu Schweinen und Ställen ist ideal für die Demonstration bäuerlicher Lebensweise im ausgehenden 16.Jahrhundert.
Die dort im August durchgeführte Wochenend-Veranstaltung “Bodendieks Gesinde - Das Leben und Wirken einer Gemeinschaft von Knechten und Mägden, Bauern und Handwerkern eines Dorfes im 13. Jahrhundert. Erleben-Sehen-Begreifen-Probieren ...” ist grundsätzlich schon mal ein Gewinn für das Museum, weil sie die Mitwirkung von Museumsnutzern zulässt. Doch leider läuft diese Aktion nicht alltäglich, zum anderen verfolgen Bodendieks Gesinde darstellerisch einen viel früheren Zeithorizont, den die Konzeption dieses Museums nicht berücksichtigt.
Das Pfarrhaus aus Grube jedoch passt frühestens eben in die Welt der Spätrenaissance, wie sie sich etwa im Werk Pieter Brueghel des Jüngeren zeigt. Eine entsprechende Darstellertruppe ließe sich beispielsweise sehr schnell aufbauen, wenn man über die notwendigen Kontakte zu Schulen, Theatergruppen und Ehrenamtlichen verfügt. Dieser Zeithorizont wäre überdies ein idealer Fundus für Projektarbeit im Geschichtsunterricht, denn die damaligen Maler haben das Alltagsleben akribisch und bis ins letzte Detail dokumentiert. Was spricht also dagegen, wenn Kieler Schulen gemeinsam mit einem “Brueghel-Projekt” vor dem Pfarrhaus von Grube aufwarten?
Nun zu einem anderen Thema schleswig-holsteinischer Sozialgeschichte: es mutet etwas merkwürdig an, dass gerade im größten Freilichtmuseum Norddeutschlands mit keiner Aktion oder Ausstellung jener 4000 Kolonisten gedacht wird, die vor genau 250 Jahren aus Hessen ins damalige Dänemark gelockt wurden und unter größten Entbehrungen täglich ums Überleben kämpfen mussten, soweit sie unsere sumpfige und unfruchtbare Halbinsel nicht gleich wieder fluchtartig verließen. Was etwa im Raum Eckernförde/Hüttener Berge dieses Jahr zu allerlei Veranstaltungen Anlass gab (z.B. im Kolonistenhof und im Dorfmuseum Alt-Duvenstedt) wird in unserem Museum nicht weiter thematisiert, obwohl ein original gut erhaltenes Typenhaus (Kolonistenhaus aus Klappholz, Haus Nr. 50) zum Inventar gehört.
PROJEKTSCHULE MUSEUM hat gerade zu diesem aktuellen Thema ein interaktives Projekt ausgearbeitet und auf der diesjährigen Landesgartenschau in Norderstedt erfolgreich vorgestellt. Wie bereits in diesem Medium berichtet geht es um den Nachbau der Kolonistenkate aus Klappholz im Holzmodell, Maßstab 1:20. Natürlich würde es Sinn machen, dieses Projekt vor oder in genau diesem Museumshaus mit Museumsnutzern, Schulklassen o.ä. auch noch während der Saison 2012 durchzuführen. Wir beraten gern bzw. bieten die Durchführung unseres Projektes hiermit auch der Museumsleitung gerne an.
Einer unserer früheren Vorschläge betraf die Musik im Museum. Selbst während des Bauernmarktes hörten wir keinen Ton. Da wir beruflich MusikerInnen in traditioneller Musik und gerade auch für Musikausübung in Freilichtmuseen ausbilden, sind wir sicher, dass sowohl bei Musikern als auch bei Museen hierfür ein deutlicher Bedarf besteht. Es gibt Museumsleitungen, die festivalartig aufgezogene Musikertreffen begrüßen und darin keinerlei Problem sehen - so z.B. alljährlich im Freilichtmuseum Hösseringen in der Lüneburger Heide (“Klangrausch”-Treffen).
Neben vereinzelten Musik-Aktionen (wie sie etwa mit der gelungenen Kieler Formation Hans Dans hin und wieder stattfinden) braucht ein Museum unserer Meinung nach “die tägliche Hintergrundmusik”. Das kann ein “fahrender Spielmann” Anno 1875 sein, das kann ein jetztzeitiger Volksliedchor sein oder eine Tanzgruppe der LAG-Tanz mit Life-Musik. Es sollte auf jeden Fall aber etwas zu hören sein. Die Jahrmarktorgel des Museums ist schon ein alter Schritt in die richtige Richtung, doch käme handgemachte traditionelle Musik ebensogut an, wie Konzepte wie Hjerl Hede oder Skansen bestätigen. Im Molfseemuseum ist genügend Platz für zahlreiche gleichzeitig auftretende Musiker, Gaukler oder Folkbands aus der Region. Man muß sie nur engagieren.
Dorflärm: die Tiere der Arche Warder sorgen hervorragend für gelegentliche klangliche Untermalung. Konzentrieren tut sich diese Geräuschkulisse hauptsächlich auf den alten Teilbereich des Museums (Häuser 10 - 16). Tierlaute über das gesamte Gelände verteilt wären wünschenswert. Apropo Haustierhaltung: die traditionellen kleinen Kaninchenställe am Haus Nr.10 sind mit Sicherheit authentisch, doch würde ein Kaninchenimitat hier weniger unter dem Eingesperrtsein leiden…
Kinder vermissen Ponyreiten. Nach wie vor wird die Mickey-Mouse-Bimmelbahn - die uns beim besten Willen nicht ins traditionelle Erscheinungsbild des Museums passen mag - von einem wiedrum authentisch lärmenden Traktor gezogen. Wie schön würde sich ein restauriertes Pferdefuhrwerk auch für den Personentransport eignen. Wagen stehen genügend viele in den Häusern herum. Allein in der Kolonistenkate sind es zwei, die ich nicht ins sozialgeschichtliche Umfeld einer armen Kolonistenfamilie von 1837 einordnen kann.
Überhaupt fällt auf, dass besonders zahlreiche Deelen in den Museumshäusern vollgestopft sind mit Inventar, das weder zum Umfeld des Hauses gehört noch ansehnlich genannt werden kann. Als besonders eklatantes Beispiel für diesen Missstand fällt uns das Haus aus Kosel (Nr.58) auf. Das Mindeste an Besucherorientierung wären erklärende Beschreibungen an diesen beziehungslosen Exponaten. Noch besser wäre ein externer und klimatisierter Lagerraum, für den nicht gerade ein Museumshaus geopfert werden sollte. Wären zahlreiche Häuser leer, so könnte man besonders die Deelenhallen für Seminare, kulturelle Veranstaltungen oder interaktive Projekte mit Schulen nutzen.
Ein Haus des Museums verwundert: stand es nun schon jahrelang zerlegt unter Wellblech (man hatte damals vor der Translozierung die Wände als Ganzes und unzerlegt geborgen), so steht es jetzt schon mindestens zwei Jahre im Rohbau und wird nur von einer Deltaplane vor dem Regen geschützt. Diese Neubauruine rechts neben dem Hauptweg in Richtung “Dithmarschen” motiviert Museumsnutzer zur Traurigkeit. Mit Sinn für “Tugend aus der Not” könnte der Vorplatz als “lebendige Baustelle” mit Leben erfüllt sein: Sandkasten für die Kleinsten! Interaktion: wir bauen mit Lehmziegeln! Oder noch besser: eine Schule baut zusammen mit dem örtlichen Handwerk dieses Haus endlich einmal fertig! Die Museumsleitung sollte mehr Mut zu vielleicht ungewöhnlichen Experimenten haben!
“Meierei unter Dampf” ist immer wieder ein Erlebnis, für das man dem Förderverein Historische Meierei Voldewraa e.V.und der MEIEREI GENOSSENSCHAFT HOLTSEE EG einmal ausdrücklich Danke! sagen muss. Meist Sonntags von 11.00 bis 14.00 faucht im Nachbau der Meierei von Voldewraa (Haus Nr.53) die Dampfmaschine und dreht über eine beeindruckende Transmission einige historische Molkereimaschinen, die Senioren begeistert aus ihrer Jugend erinnern. Haben Museumsnutzer bei so viel Drehmoment dann Hunger, bleibt nur der Hinweis auf das hervorragende Café im Hause mit dem tollen Kuchen und dem wohlschmeckenden Kaffee. Die frisch hergestellten Käse- und Milchprodukte dagegen sind für den Verzehr aus hygienischen Gründen leider tabu!
Es ist jammerschade, dass es noch immer keine Ausnahmegenhmigung für im Museum hergestellte Käse- und Milchprodukte gibt und die Tagesproduktion nach jeder Aktion amtlich entsorgt werden muss. Sieht man das Museum hier wieder als Schule für die Zukunft, so hinterlässt diese Verschwendung von Nahrungsmitteln angesichts 1 Milliarde hungernder Menschen auf unserem Globus einen sehr unguten Eindruck. PROJEKTSCHULE MUSEUM empfiehlt daher Kontaktaufnahme des Vereins bzw. der Museumsleitung mit den zuständigen Hygienebehörden in Kiel zwecks Ausarbeitung einer Sonderregelung zum Zwecke des “Verschenkens der Ware” und “Verzehr auf eigene Gefahr”.
Soweit unser zweitägiger Rundgang. Facit: dieses Museum ist sehenswert und man wundert sich nicht, warum selbst anlässlich eines sog. “Bauernmarktes” die Besucherzahlen bescheiden ausfallen. Es fehlt dem Museum ganz einfach an öffentlichen Mitteln, aber auch deutlich an Know-How, sich kreativ und selbst zu finanzieren. Ein paar Tipps: den Winterschlaf weglassen, jedes Haus und das gesamte Gelände interaktiv beleben, noch ungenutztes Gelände für Naturerfahrung erschließen, den Dorfcharakter durch soziale Komponenten erhöhen, den Nutzerkreis auf Kindergärten, Schulen, Krankenhäuser, Behinderteneinrichtungen und Altenheime aktiv ausdehnen, museumseigene Produkte verkaufen und Sponsoren suchen, die sich an ICOM-Normen und wissenschaftliche Korrektheit eines Museums gewöhnen können.
Ich hoffe, dass im Laufe dieser Betrachtung besonders der Begriff von Interaktivität deutlich wurde. PROJEKTSCHULE MUSEUM geht es vornehmlich um diesen Sektor, der aber schon als Kernbereich für erfolgreiches kulturelles Marketing angesehen werden kann.
Interaktive Belebung empfohlen: Der Leiter des neuen Europäischen Hansemuseums in Lübeck Hans Wißkirchen brachte es auf der letzten Herbsttagung des Musesumsverbandes - die 2010 in Kiel stattfand - irgendwie auf den Punkt: die für den Betrieb notwendigen 125 000 Besucher pro Jahr als Benchmark ”...sei nur durch ein interaktives Konzept mit Erlebnischarakter zu realisieren. Der Besucher kann dann frei entscheiden, ob er als Nonne oder Kaufmann durchs Mittelalter gehen möchte.” [Kieler Nachrichten, 30.Nov.2010,S.8]
PROJEKTSCHULE MUSEUM sieht das ähnlich. Für unser Museum lassen sich die unterschiedlichsten Rollen für interaktives Erleben finden. Ein paar Beispiele: den Viehhirten kann der 40-jährige Gymnasiallehrer im Urlaub spielen und geht mit museumseigenen Ziegen und in authentischer Kleidung überall auf dem Gelände umher. Ein Großteil des Museumsgeländes ist landwirtschaftlich nutzbar. Die örtliche Bürgerinitiative MUSEUM INTERAKTIV hatte schon seinerzeit auf dieses schlafende Potential hingewiesen und Museumsleiter Carl Ingwer Johannsen hatte entsprechende Pläne auch kurz danach im Ostholstein-Magazin des NDR präsentiert.
Museumsrelevant wäre nicht nur Viehhaltung oder das Ackern mit Pferd und Gerät, sondern auch das Ernten der Produkte. Im kleinen Museum Lensahn kann man das Erlebnispotential solcher Ernteprozesse eindrucksvoll studieren. Die Weiterverarbeitung bzw. der Verkauf an die Region oder im museumseigenen “Dorfladen” könnte Unkosten decken. Der interaktive Kick: Der “Bauer”, der hinter dem von Pferden gezogen Pflug und in Begleitung eines “Großknechts” (etwa Landwirt im Ruhestand, 82 Jahre alt) geht, könnte eine 14-jährige Schülerin sein. Buchweizenanbau würde die Speisetafel in der Kate Göttsch real beleben. Lifedarsteller bereiten Buchweizengrütze auf der real befeuerten Kochstelle und laden Besucher zum Kosten ein…
“Bauerngärten” - es gibt gleich mehrere - sind im Molfseemuseum leider nicht für die Öffentlichkeit geöffnet. Doch wir trafen einen netten Gärtner, Äpfel und Marmelade standen dort zum Verkauf. Die interaktive Konzeption wäre allerdings eine andere: ein möglichst großer authentischer Bauerngarten als Teil eines Feldes (und natürlich ohne Buxbaumrabatten) stünde aktiv gestimmten Museumsnutzern samt Gartengerät und mit Stroh ausgestopften Holzschuhen zur Gartenarbeit zur Verfügung. Auch hier wird evtl. ein Gärtner oder Landwirt (arbeitslos, ehrenamtlich oder im Ruhestand) Hilfestellung geben, die Arbeiten koordinieren und Tipps für den heimischen Gemüseanbau vermitteln.
Die Balkenstapel zwischen Stellmacherei und Töpferei sind “Häuser”, nur ist das nirgendwo auf Hinweistafeln beschrieben noch wird das praktisch demonstriert. Auch hier schlummert interaktives Potential! Denn hier haben wir eine hervorragende Gelegenheit, Aufbau- und Abbbautechnik von Fachwerkbauten zu erklären oder gar praktisch zu demonstrieren, indem tagtäglich z.B. eine Fachwerkwand im Abbund und in Kooperation mit helfenden Zimmerleuten und Museumsnutzern gelegt wird. Ist sie fertig, so werden die (etwas dünneren) Holznägel wieder herausgeschlagen und die Balken wieder zum Stapel zusammengelegt. So wird Museumsnutzern deutlich, was diese mysteriösen Balkenstapel bedeuten. Weitere Themen wären etwa eine Ausstellung zu den Themen dokumentierter Hausabbau und Translozierung.
Angesichts des Riesenthemas “regenerative Energie 2011” wundern wir uns über zwei still vor sich hinrostende stählerne Windräder, die sich weder drehen noch irgendetwas antreiben. Hat vor Jahren das große Windrad neben der Meierei wenigstens noch quietschfideel auf sich aufmerksam gemacht, so wurde für diese Saison und ein paar Monate nach Fukushima diese Chance einfach nicht gesehen.
Neben der Demonstration von traditionellen Windrädern zum Antrieb von Transmissionen,Generatoren oder Wasserpumpen gäbe es - Museum ist ein Fenster in die Zukunft! - ausreichend Platz zur Ausstellung von Kleinwindkraftanlagen, die beispielsweise zur Beleuchtung der Museumshäuser beitragen und mit der Abgabe von nicht gebrauchtem Strom ins öffentliche Netz zur Finanzierung des Museums und damit zur “Sicherstellung des Betriebes” beitragen, ohne gegen die ICOM-Vorgaben (s.u.) zu verstoßen.
Spinnen wir weiter: Zusammenarbeit mit Windkraftforschung ist möglich, taktvolles Sponsering durch Anlagenhersteller inklusive. Die Nutzung des Hauses aus Kosel (Nr.58) neben dem Windrad ist für technisch orientierte Schülerprojekte wegen seiner großen Deele hervorragend geeignet - wenn es eben nicht mit vorübergehend gelagerten Exponaten vollgestellt wäre.
Sicherlich ist deutlich geworden, was wir unter “interaktiv” verstehen: durch Einbeziehung der Besucher in das museale Geschehen erhöht sich die Identifizierung der Museumsnutzer mit möglichen Rollen und mit dem Museum selbst deutlich. Nicht die sekundäre Rezeption, die passive Rolle des Ausstellungsbesuchers sondern das Selbsterleben einer Rolle führt zu einer spielerischen und aktiven Beschäftigung mit der Vergangenheit. Generationenübergreifende Gemeinschaft und soziales Lernen sind Kernpunkte. Der “Besucher” wird zum “Nutzer” - und plötzlich ist das Museum - als Fenster in die Vergangenheit einmal gedacht - eine attraktive Tür in die Zukunft!
In diesem Zusammenhang ist es sicherlich sehr interessant, wie Besucher des Museums bereits jetzt denken. Wir haben keine Umfragen gemacht, doch warfen wir einmal einen Blick in das im Haus Nr.26 ausliegende Gästebuch:
“Es ist komisch und interessant zu sehen wie die Menschen früher gelebt haben. Ausprobieren möchte ich es auch mal, aber auf Dauer lieber nicht. Denn wir haben es heute einfacher mit fliessend Wasser und Strom, auch im Winter drehen wir die Heizung auf und brauchen kein Holz zu sammeln. Ich habe heute viel dazugelernt.” (Nina, 10 Jahre)
“Ich bin froh in dieser Zeit zu leben.” (Sarah)
“Das Museum insgesamt fand ich sehr interessant (A.L.).” - “Finde ich auch, aber hätte ich dafür Geld bekommen, würd ich da schon ne Woche schlafen! Ich finde es echt klasse, wie sie hier alles wieder aufgebaut haben. Ich bin jetzt schon das 2. Mal hiergewesen.” (M.)
“Uns gefällt es hier, da gerade meine Großeltern vieles miterlebt haben und so Geschichten über die Vergangenheit erzählen können. Ich finde, dass das Museum noch ganz lange erhalten werden und gut besucht werden soll.” (Oma, Opa, Freund, ich) -“Und ich bin die Oma. Viele Erinnerungen kamen…” (Oma)
“Ich finde das Museum toll, weil ich jetzt weiß, wie meine Oma früher gelebt hat.” (Larissa,9)
“Bombig hier. Lernt man alles in der Schule und hier sieht man das alles.” (L+S)
“Sehr schön hier. Ich hab frisches Brot und Worscht vermisst, aber sonst sehr fein.” (Malte)
“Ich finde es hier sehr schön und interessant. Da will man wieder so leben wie die Leute damals!” (Alina) - “Ich finde dass die Leute früher viel schöner gelebt haben als heute!! Ich finde auch, dass es früher besser gebaut war!!” (Sarah)
“Wir waren hier, um Opas alte blaue Kacheln zu sehen.”
“Ein schöner Tag geht nun zu Ende. Hut ab, vor den Menschen die zur damaligen Zeit so glücklich und froh miteinander gelebt haben.”
“Ich hatte am Anfang keine Lust hier herzugehen, ich finde es aber echt cool hier.” (Lui)
“Meiner Katze Merle würde es auch gefallen.” (Eva Maria)
Facit: das besondere und interaktive Erlebnis wird eingefordert (“ausprobieren möchte ich es auch mal”), aber das Museum ist mit einigen erfolgreich umgesetzten Pilotprojekten bereits jetzt auf einem guten Weg. Der Bedarf an Identifikation und das starke Interesse an historischen, sozialgeschichtlichen Fakten wird aus diesen Selbstzeugnissen überdeutlich. Packen wirs doch an!
Für viele spontane Vorschläge die wir an jenem sonnigen Wochende noch hatten, ist hier kein Raum mehr. Doch noch einige Stichworte: kleine Kinder basteln gern Wasserrädchen, z.B. in der Nähe der Wassermühle, ein Mähdrescher läd etwa wie in Lensahn zum Besteigen ein, eine im Regen stehende Dampfmaschine könnte in Zusammenarbeit mit der Kieler Fachhochschule saniert werden.
Für Senioren wünschen wir uns mehr Bänke, mehr Ruhezonen und Plätze, wo sie ihre “Geschichten von früher” erzählen können. Eine Dorfkneipe mit Stammtisch - Zeithorizont 1950iger Jahre - wäre der richtige Ort für “Neuen Klatsch aus Büttenwarder”...
Last not least: es gibt noch immer keine wissenschaftliche Dokumentation über das Museum. Nur wenige Häuser sind offensichtlich vermessen worden. Wir sprechen von einer Monografie, in der jedes Haus mit korrekten Zeichnungen und Baugeschichte umfangreich dokumentiert ist. Meines Wissens ist Molfsee das einzige Freilichtmuseum bäuerlicher Kulturdenkmale, das keine Monografie verkaufen kann. Schulische Projektarbeit würde mit solch einem Werk deutlich begünstigt.
“I came to see a museum and I found a school” sagte Leonard R. Bacich, Professor of Design am Pratt Institute N.Y., nach seinem Besuch im Weimarer Bauhaus im Juli 2004. Jedes Museum ist eine potentielle Schule, das ist nur eine Frage der Einstellungen: sowohl der des Museums, als auch des Museumsnutzers. Die Wissenschaft sieht dies schon länger so, doch fehlen ihr geeignete Kulturvermittler. Ob “Politik”, ob Stadt, Land und Bund dies so sehen, ist noch nicht klar erkennbar. Ständige Sparmaßnahmen im Kulturbereich bestätigen eher das Gegenteil. Fühlt sich die sog. ”öffentliche Hand” für Museen nicht mehr zuständig und muss sich ein Museum nach “den Regeln des Marktes” kostendeckend und sozusagen im Rahmen der Freizeitindustrie umsatzstark behaupten, so bleibt für die Qualitätssicherung nur noch bürgerschaftliches Engagement. Ebenfalls stabilisierend wirken sich generationenübergreifende Konzepte aus.
Wesentlich für die Funktion von Museen erscheint uns deshalb von PROJEKTSCHULE MUSEUM gegenwärtig besonders die “Schärfung des öffentlichen Bewusstseins für die Belange der Museen”, wie es auch der Internationale Museumsrat ICOM formuliert. Weiter definiert die ICOM in den “ethischen Richtlinien für Museen” Aufgabe und Funktion von Museen wie folgt: “Museen bewahren, zeigen, vermitteln und fördern das Verständnis für das Natur- und Kulturerbe der Menschheit.” [ICOM - Ethische Richtlinien 2010,1.0]
Ebenfalls fordern die Ethischen Richtlinien der ICOM eine ausreichende finanzielle Sicherheit zur Sicherstellung des Betriebes eines Museums. Hierfür sei der Träger des Museums verantwortlich. Museumsorientierte Verwendung von Gewinnen wird ebenso angesprochen wie eine Warnung vor allzu schädlichem Kommerz: “Gewinnorientierte Tätigkeiten dürfen nicht die Museumseinrichtung oder deren Besucher kompromitieren.” [ICOM - Ethische Richtlinien 2010,1.10 Gewinnorientierte Tätigkeiten]
Beispielsweise drängt sich in diesem Zusammenhang eine interessante Frage auf: kompromitiert ein Kunsthandwerker- oder Bauernmarkt in einem Freilichtmuseum Bäuerlicher Kulturdenkmale nicht bereits das Museum oder seine Besucher, weil z.B. etliche Häuser mit Verkaufsware zugestellt und nicht mehr zur Besichtigung voll zugänglich sind? Liesse sich ein solcher “Markt” nicht auf alle Tage im Jahr verteilen unter Nutzung von vielleicht nur ein oder zwei Museumsgebäuden, die dafür auch geeignet sind? Statt Gemüse beispielsweise aus Dithmarschen - könnte man da nicht Gemüse aus museumseigenen Gärten und als Ergebnis etwas schulischer Projektarbeit anbieten?
Falls Sie an der Beantwortung etwa dieser Frage Interesse haben, oder falls Sie sich für die gesamte Thematik jetzt neuerdings mehr interessieren sollten, falls Sie Ideen haben und vielleicht sogar beruflich spezialisiert noch ganz andere Möglichkeiten für das “Museum von heute” sehen, möchten wir von PROJEKTSCHULE MUSEUM gerne mit Ihnen zusammenarbeiten. PROJEKTSCHULE MUSEUM ist ein ehrenamtlich strukturiertes Programm der Initiative Regionalgenossenschaft e.V. Einsteigen lässt sich auch über das “Bestagers”-Projekt des PARITÄTISCHEN. Anfragen bitte über die Kontaktseite dieser Website an Martin Rzeszut.
Unser Artikel könnte Sie aber auch dazu motivieren, mal wieder ins Museum zu gehen, der Museumsleitung Vorschläge zu machen oder dort ehrenamtlich mitzumachen.
Der Verfasser:
Martin Rzeszut studierte Ur- und Frühgeschichte, Kulturwissenschaften und Pädagogik. Von 1975 bis 1990 arbeitete er im Bereich Archäologie und Denkmalpflege (Deutschland/Schottland). Neben Grabungstechnik waren Praktische Archäologie, Ausstellungstechnik sowie populärwissenschaftliche Methodik und Didaktik Schwerpunkte seiner Arbeit. Seit 1982 arbeitet er als Musiker und seit 1988 als Musiklehrer. Ausserdem ist er als Journalist, Publizist und Fotograf tätig.
Zusammen mit seiner Frau Jolanta betreibt er die Musikwerkstatt Rzeszut in Kiel Hassee etwa 7 Kilometer vom Museum entfernt. Beide sind spezialisiert auf traditionelle europäische Volksmusik des 18., 19. und frühen 20.Jahrhunderts. Seit längerem bieten sie ein Musikprogramm unter dem Motto “Musik ins Museum!” (im Duo Jolka) an und bilden nach museumsspezifischen Erfordernissen Volksmusiker für Freilichtmuseen aus. Im Rahmen von Projektschule Museum, der Musikwerkstatt Rzeszut und des PARITÄTISCHEN SH bieten sie u.a. Workshops, Kurse und Vorträge zu Themen wie “Volkslied” oder “Volksmusik” an. Weitere Schwerpunkte sind das Coaching von Projektarbeit an Schulen (Themen Sozialgeschichte/Schulgarten) und die Mitarbeit an generationenübergreifenden Wohnprojekten, bei denen auch Museen eine künftige Rolle spielen sollen.
Martin Rzeszut ist Vorstandsmitglied der INITIATIVE REGIONALGENOSSENSCHFT e.V. und im Bestagers-Projekt des PARITÄTISCHEN engagiert. Überdies ist er Mitglied des Fördervereins des Museums. - Anfragen zu aktuellen interaktiven Museumsprojekten u.a. bitte über die Kontaktseite dieser Website.
Projektschule Museum - Sozialgeschichte begreifbar vermitteln