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der Musikwerkstatt-Rzeszut

 

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Freitag, 16. Juni 2006

ROTZFRECHE ASPHALT KULTUR

Lust auf Leben, Lust auf Liebe, Lust auf Lust

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Man munkelt: 1978 habe man einen Dachverband verschiedener kultureller Gruppen auf dem “Bundeskongress der Bürgerinitiativen gegen Atomkraft” gegründet. Folkmusiker sollen auch darunter gewesen sein. Bald redete keiner mehr von Dachverband. Man sagte nur noch RAK und meinte sich selber und alle anderen Strassenmusiker, Liedermacher, Theatergruppen, Jongleure, Clowngruppen. RAK war Zusammenschluss, soetwas wie ein Berufsverband ohne Beiträge. RAK hatte mit machen zu tun, geredet wurde hinterher - wenn überhaupt, denn man war sich ziemlich einig. Bis heute. Was damals im Dschungel bundesdeutscher Städte wuchs, besteht bis heute: ein lockerer aber stabiler Interessenverband der Strassenkünstler. Nicht alle waren dabei, aber alle, die wollten, konnten mitmachen. Es gab keine Hierarchie (und wenn, dann nahm sie keiner ernst). Wichtiger war und ist: Solidarität!

Worin war man sich einig? Ganz einfach: kein Konsumidiot durfte die Fussgängerzone (die ja für Strassenkultur gebaut wurden…) verlassen ohne Kultur erlebt zu haben. Weggucken half nichts: jeder Ignorant wurde entdeckt. Nichtsahnende Leute packte man am Kragen und stellte sie in die grossen Kreise, damit sie auf die Reise gehen konnten in das Land der Träume, das jenseits von Karstadt und Hertie, von Quelle und Kaufhof liegt. Ja, Fussgängerzonen waren und sind gefährlich: man kommt vom Einkaufen, denkt sich nichts - und plötzlich wird man mit Liedern konfrontiert, ist plötzlich Teil eines Theaterstückes, steht einem grinsenden Clown gegenüber oder wird gebeten, mal eben auf dem Seil zu gehen….und dann: dann wurden die Passanten noch herumkommandiert “Jetzt alle Hände in die Taschen…ja, so…und was finden wir da?....aha: Kleingeld!....so ist das gut!....und was machen wir damit?.....ganz klar: hier steht ein Kasten, da dürft ihr das reintun”.....die Leute guckten wie das Kaninchen vor der Schlange und taten auch brav, was ihnen gesagt wurde. Vermutlich hat die heutige Bundesregierung diesen Trick also damals bei RAK-Aufführungen abgeguckt…

Strassenkultur war vor 20 Jahren allerdings weitaus vielfältiger als heute: Klaus der Geiger kratzte mit seinem mittelalterlichen Geigenbogen zu genial getexteten und meist schonungslos laut vorgetragenen Liedern, dass bei Tschibo die Tassen klirrten. Robert Klein sang zur Gitarrenlaute endlose deutsche Volkslieder, die er in kleinen Heftchen gesammelt hatte, welche immer vor ihm auf dem Pflaster lagen. Robert durchwanderte den Sommer über Deutschland zu Fuss mit dem Rucksack, trank in jeder Stadt das Wasser aus dem jeweiligen Brunnen. Man traf ihn unter seinem grossen dunklen Hut auch auf Kunsthandwerkermärkten und sehr oft in der Stadt Freiburg, wo er für uns Rechte erstritt: Strassenmusik war dort verboten und unvergessen bleiben jene Tage, wo etwa 50 RAK-Musiker in Freiburg einfielen und immer dort musizierten, wo die Polizei gerade nicht Strassenmusiker verhaftete.

So spartanisch wie Robert lebten nur wenige (oh nein…jetzt habe ich ja seine Winterwohnung in Spanien vergessen…) Die meisten hausten in bewohnbaren VW-Bussen, LKWs oder in alten Omnibussen wie die Schlaraffenbande aus Bremen mit Penny Penski. Beweglichkeit war Leben, war Programm. Es gab auch Leute, die im R4-Kastenwagen oder in der Kastenente logierten. Nicht jeder schaffte es (wie Yaya der Gaukler) zum riesigen Schaustellerwagen mit Zugmaschine.

Damals traf die RAK sich regelmässig in diversen Städten wie Wuppertal, Braunschweig, Freiburg oder Bremen. Man mietete eine grosse Bühne, der Saal war meist gut besucht. Jeder, der am Treffen teil nahm, trat 20 Minuten lang auf. Das führte zu riesig langen Programmen, die allerdings niemals zur Ermüdung führten (das ist jetzt wirklich nicht ironisch gemeint…). 1988 etwa kamen nach Bremen so viele RAKis in den Schlachthof, dass wir da noch nachts um eins sassen und es gab immer noch Leute, die ihr Programm nicht gebracht hatten…zur “Freude” des Bühnenpersonals, das Überstunden schob. Und Jens Peter Müller, der 88 in Bremen u.a. die Logistik des Mammutauftritts innehatte, kam ganz schön ins Schwitzen. Die Eintrittsgelder solcher Auftritte finanzierten die Bühne, der Rest kam in einen Socken hinein und wurde von irgendwem mitgenommen. Damit finanzierte man dann wieder die Werbung für den nächsten Auftritt und auch mal eine Workshopwoche im Harz, wo RAKis sich gegenseitig jonglieren beibrachten, Musik vorspielten und wo ich die viel zu scharfe Suppe kochte, dass allen die Tränen in den Augen standen….

Das Programm 1988 zeigt ein breites Spektrum: vom anstrengenden (die Texte waren immer so anspruchsvoll…) und mit viel Inbrunst vorgetragenem “ganz linken Lied” und Spontantheater über mehr unterhaltsamere akrobatische Nummern, folkmusikalische Darbietungen bis hin zu sehr stillen Musikperformances gab es alles, was auf die Strasse passte. Ich erinner noch eine Diskussion, die immer wieder aufflammte: ist RAK jetzt nur “politische Lieder gegen was” spielen, oder gehört Strassenmusik in weitestem Sinne dazu, die - wie z.B. meine Akkordeonmusik - einfach die Innenstädte belebt? Ist “einfach Musik machen” schon politisch genug? Wirkt man damit schon genügend gegen das Establishment - auch ohne Worte? Ich konnte diese Frage nur bejahen. Klar: alle RAKis waren und sind bis heute engagiert bis über die Haarspitzen. Und es gab durchaus Diskussionen, wer denn nun besser in die RAK passte und wer nicht so gut. Trotzdem: Grundsatzdiskussionen zogen sich niemals zu lange hin: Wortführer wurden einfach gepackt und an den Beinen aus dem Fenster gehalten. Erwies sich das zu schwierig, übte man sich im Ignorieren von Kritik. Und über allem schwebte der einträchtig gespielte Sommer-Reggae. RAK ohne Sommerreggae?...unmöglich!

Für Kinder und mit Kindern wurde unheimlich viel gemacht! Die RAK war damals die kinderfreundlichste Schlaraffenbande. Kultur war altersunabhängig. Ach ja, da gab es ja noch “Volkstanz zum Mitmachen mit Anleitung”...das kann nur Jens Peter Müller gewesen sein. Die von ihm heute künstlerisch geleitete Folk Baltica könnte durchaus mal eine frische Prise RAK-Geist gebrauchen: damals konnte ganz einfach jeder mitmachen…usw. Also: die Folk Baltica 07 wird einfach besetzt und zum RAK-Treffen erklärt! raki yeah! Jens Peter ist ja schon da!

Ein paar Namen fallen mir noch ein: Wusel (Narkose), Schimmel aus Eddinghausen (wo ist der eigentlich abgeblieben?), Herzschlag, Trommellaien, Wilhelmsburger Kurorchester, Creme Frech, Asphalt Compagnie, Flax und Schmalz (Penny Pensky), Fortschrott, Rango Tschango Ohrwurmband (mit Hans Möckel, dessen Dialekt ich nie verstand…), Klaus der Ostfriese (der allerdings in Gütersloh wohnte), Johannes Fogelvrei mit seiner Mittelaltertruppe,  Lila Luder (Elisabeth Möller in ihrem kleinen lila Wohnwagen), Brundibar One Man Band (das war ich selbst), Strange Magic (improvisierte Musik mit Djembe und Querflöte), Los Becquerellos, Schlawunzipunz, Jürgen Frey aus Freyburg (...war das nicht die Bombadil Band?), Ben Guri der Feuerschlucker (oder -spucker, jenachdem), Patü der Clown, Johannes der Spielmann, Narrkose aus Berlin, Brandungstheater (auch Berlin), Schräge Schläge oder Die Zeitgeister. “Lust auf Leben, Lust auf Liebe, Lust auf Lust” war das Motto 88 in Bremen. Mann, was hatten wir damals viel Kultur! Sowas von anstrengend!


Es gab aus mir unerfindlichen Gründen zu Beginn eines jeden Treffens einen Sektempfang. Die Vorstellung auf irgendwelchen Bühnen hiess immer “gosser Galaabend”. Aber Anzug war nicht Pflicht… Man trug sich bei jedem Treffen auf einer Mitgliederliste ein mit Adresse zur gegenseitigen Benachrichtigung. Diese Liste wurde auf jedem Treffen erneuert und die alte zerrissen. Nichts blieb, wie es wurde und alles änderte sich, wie es ist…man hatte auch in der Zeit der Berufsverbote keinen Bock auf BND.


RAK heute sind andere Namen: ab dafür! records ist ein CD-Label, das in etwa die gegenwärtige Situation spiegelt. Zu diesem Netzwerk gehören etwa Milch & Blut, die Guten, Ersatzkapelle, Yok, Früchte des Zorns, Revolte Springen, TrillkeTrio, Banda Comunale, anarchist travelling circus. “Das sind alles Bands, die keinem Mainstream folgen wollen, die ihre Musik (auch) als politisches Ausdrucksmedium von und für linke(n) Subkulturen sehen. Die Internetpräsenz soll nicht der möglichst guten Vermarktung im kapitalistischen (oder sonstwie Geld scheffeln wollenden) Sinne dienen, sondern zu einer möglichst weiten Verbreitung der Musik zu fairen Preisen führen. Einige der Bands geben übrigens übriges Geld an politische Projekte weiter.”
(zitiert aus http://www.ab-dafuer-records.de )

Auch heute gibt es noch Sommer-Reggaes. Projekte wie TrillkeTrio hören sich an wie damals. Merkwürdigerweise gibt es heute in der RAK noch mehr kleine freche Akkordeons, die alle sehr unkonventionell gespielt werden…RAKorrdeons halt.

Nach jedem Treffen verteilte man sich wieder in die Richtungen der vier Winde. Die Diesel wurden angelassen, der Teebecher aufs Armaturenbrett gestellt, die Rucksäcke gepackt, die Bauwagen fahrbereit gemacht…bis heute!


Hat wer Lust, mal über die alte RAK eine Doku zu machen? Bitte schreibt eure Ideen als Kommentar zu diesem Artikel.

Das Foto zeigt Jonglage mit Akkordeonmusik in der Sögestrasse, Bremen anlässlich eines RAK-Treffen im November 1988. Hat Beate Renner aufgenommen.

Geschrieben von Martin Rzeszut am 16. Juni 2006 um 22:51 Uhr

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