Freitag, 12. Januar 2007
Ritas Leute - Eine deutsch-russische Familiengeschichte
Rezension einer Dokumentation von Ulla Lachauer (aus dem TÖNCHEN!-Archiv 2004)
Tossja aus Kokschenewo wuchs in Kokschenewo in der westsibirischen Steppe nordöstlich des westsibirischen Industriezentrums Omsk auf. Sie ist 11 Jahre alt und ihre Mutter ”...verkaufte einige Ferkel, damit sie eine Ziehharmonika bekam. ‘Damit ich spielen lerne…Also hab ich angefangen zu lernen, abends hab ich draussen gespielt, die Leute haben getanzt. Später wurde ich zu Hochzeiten gerufen, obwohl ich vielleicht gar nicht gut spielte…” (S.299) Durch ihr Harmonikaspiel fand Tossja Anerkennung bei ihren Altersgenossen: “Ich hatte viele Verehrer!” (S.299)
So berichtet die heute 65 Jahre alte Anastasia Kirilowa der Mannheimer Historikerin und Geschichtsjournalistin Ulla Lachauer über ihr Leben als Kind und Jugendliche in einem Dorf in der Steppe. Tossja ist Ritas Mutter. Rita spielt Gitarre und singt, wurde von Ulla Lachauer ermuntert, sich für ihre Lebensgeschichte, ihre Verwandtschaft zu interessieren und das Ergebnis ist ein äusserst spannendes Buch!
“Ritas Leute - Eine deutsch-russische Familiengeschichte” heisst das im Jahre 2002 ersterschiene und mittlerweile in vierter Auflage vorliegende 439 Seiten starke Taschenbuch des Rowohlt-Verlages (ISBN 3 499 23527 7).
Am Beispiel einer akribisch sorgfältig recherchierten Familiengeschichte, deren Wurzeln in Westpreussen, einer Siedler-Kolonie an der Wolga, in Karaganda (Wirtschaftsraum Ural-Kusbas), in der Steppe Westsibiriens und letztlich sogar in Kanada liegen, bringt Ulla Lachauer Licht in Welten, die uns Westdeutschen bis Ende der 1980iger Jahre kaum zugänglich waren: Osteuropa, die Strukturen der mennonitischen Minderheiten, Schicksalsgeschichten der Menschen in der ehem. Sowjetunion und vieles mehr. Wir lernen alte landwirtschaftliche Kolonisation kennen, die Entstehung einer Industriestadt (Karaganda) und über das Leben einer dort ansässigen Arbeiterfamilie während der 1970iger/1980iger Jahre.
Alles dreht sich um die heute 36 jährige Musikerin, Übersetzerin und Wirtschaftswissenschaftlerin Rita Pauls, die 1989 mit ihren Eltern von Karaganda nach Westdeutschland übersiedelte. Das Buch ist in jahrelanger Feinarbeit entstanden. Biografien dieser Qualität und mit solch enormer Datenintensität fand ich bisher nur in wissenschaftlichen Bibliotheken als Dissertation: die Öffentlichkeit bzw. unser Buchmarkt kennt so etwas kaum. Weitere Lachauer-Bücher sind: “Paradiesstraße - Lebenserinnerungen der ostpreußischen Bäuerin Lena Grigoleit” (1996), “Ostpreußische Lebensläufe” (1998) und “Die Brücke von Tilsit” (1994). Alle sind im Rowohlt-Verlag erschienen. Unter Mitarbeit von Ulla Lachauer entstanden auch Filme für das Fernsehen mit ähnlichen ethnografischen Inhalten.
Das Einzigartige an Ulla Lachauers Werken ist die Kombination von wissenschaftlicher Relevanz und hochlebendigem Erzählstil: der Leser wird auf die Reise mitgenommen (auch, wenn er Flugangst hat…auch dafür ist gesorgt!), er wird an Schauplätze geführt, über die er im Vorfeld bereits etwas gelernt hat. Ulla Lachauer scheut sich nicht im geringsten, eigene Gefühle, Meinungen, Hemmungen und Probleme während des Recherchierens zu schildern: es ist wirklich nicht einfach, unbekannte Menschen sehr Persönliches zu fragen und dennoch eine innere Distanz (und auch eine wissenschaftlich notwendige!) zu halten. Auch über sehr viel und manchmal schwierige Archivarbeit wird so lebendig berichtet, als ob man dabeisässe und Ulla und Rita über die Schulter schaut.
Eine ausgefeilte Mischung von Interviewtechnik, Faktendiskussion, Rückblenden, Rahmengeschichten und einer informationsschwangeren Athmosphäre (wie ich sie aus interessanten Geschichtsseminaren an der Uni erinnere) bereiteten mir schlaflose Nächte: das Buch lässt den Leser bis zur letzten Seite nicht los. Der lebendige, sehr oft auch witzig-trockene Erzählstil fasziniert mich. Das Buch ist leicht bebildert: hier könnte man durchaus noch mehr Material bringen, um Siedlungstechnik, Wohnen und Wirtschaften der beschriebenen Menschen auch über das Bild noch anschaulicher zu machen. Doch Ulla Lachauer dreht auch Filme! Der NDR möge sich dessen erinnern!
Man kann nicht sagen, dass das Thema Musik im Mittelpunkt dieses leicht romanhaften Sachberichtes stünde. Dennoch durchzieht das ganze Buch irgendwie auch Musik: selbst der Erzählduktus hat etwas Musikalisches. Über Volksmusik (umfassend im Sinne von “ethnic music”) wird an manchen Stellen sehr informativ berichtet, und man wünscht sich mehr davon.
Hier einige Beispiele, die ich für TÖNCHEN! -Leser zitieren darf (Danke Ulla!). Die Seitenzahlen beziehen sich auf die 4.Auflage Oktober 2004.
Das Buch beginnt mit der Vorstellung der Mannheimer Studentin Rita Pauls aus Karaganda, die 1989 mit 19 Jahren in die Bundesrepublik kam und zu diesem Zeitpunkt etwa Mitte Zwanzig ist: ”...irgendwann ging das Erzählen in Gesang über. Rita schnappte sich die Gitarre, gab den Ton an für eine der Schnulzen, die Steine erweichen, über ‘Moskauer Nächte’ oder die ‘Schwarzen Augen’ der Zigeuner. Die anderen sangen mit. Rita stimmte immer neue Lieder an, russische Volksweisen, Liebesromanzen, Schlager aus Sowjetzeiten, Poeme von Alla Pugatschowa und dem legendären Barden Wladimir Wyssotzkij. Sie lockte uns von der Traurigkeit in den Übermut, jagte uns durch den ganzen Dschungel menschlicher Gefühle. Nach einer Weile löste sich die Solistin vom Chor, verstieg sich, nicht ganz textsicher, in italienische Arien. Ihr Sopran war bemerkenswert, fähig zu unglaublicher Zartheit wie zu dramatischen Effekten…”(S. 14)
Sie trat in der Karlsruher “Russendisko” gelegentlich als Sängerin auf: “Oben im Rampenlicht sang Rita ...den Superhit ‘Montecarlo’, der damals aus New York, aus dem russisch-jüdischen Stadtteil Brighton Beach, herübergeschwappt war. An diesem Abend begann ich etwas von der fremden Welt zu ahnen, die es in Deutschland gibt.” (S.16)
“Sie schien ernsthaft zu überlegen, ihren Traum vom Singen aufzugeben. Immer wieder klagte sie über ihre deutsche Gesangslehrerin, die sie in Atemtechnik triezte, zu wenig Raum bot für das Singen an sich. Sie zweifelte, ob sich die teuren Privatstunden lohnten, für die sie in der Fabrik arbeiten und auf Festen singen musste, manchmal auch auf der Strasse. Ewig dieselbe russische Folklore, Zigeunerliebe, Birken, Moskauer Nächte - es hing ihr zum Halse raus.- Des Öfteren sprach sie jetzt von Karaganda, wo sie längst auf der Bühne stünde.” (S.17/18)
Rita fühlt sich als Deutsche, stammt von Mennoniten ab, die um ca.1800 aus Westpreussen an die Wolga gezogen waren. Hier entstanden die Kolonien der sog. “Wolgadeutschen” mit einer straff und gemeinnützig organisierten Landwirtschaft. Man sprach Deutsch in einer “eingefrorenen” Dialektform des 19. Jahrhunderts, die mir sehr geläufig ist: auch meine Schwiegermutter aus Oberschlesien (1927 geboren) benutzt Idiome wie z.B. “ich habe verlangt”= ich habe gerufen.
Ritas Grossmutter Maria Pauls (1916 geboren) berichtet aus ihrer Kindheit in der Wolgakolonnie etwa über das Weihnachtsfest: “Die kleineren Kinder sagen Gedichte auf Russisch auf, alle singen in deutscher Sprache ‘O Tannenbaum’ und ‘O du fröhliche’.” (S.42)
Aus ihren gepflegten und technisch sehr modernen Siedlungshöfen - in der man auch schon mal Kamele als Zugtiere einsetzte: der Orient war nicht weit - wurden die Mennoniten im Zuge der Revolutionswirren und Hungersnöte während der 1920iger Jahre nach Kasachstan deportiert - wenn sie überhaupt noch lebten. Der Zweite Weltkrieg wirkte sich noch einmal verheerend auf das Schicksal dieser Leute aus: diesmal auch, weil sie deutschstämmig waren. Man deportierte sie ohne Hab und Gut aber immerhin noch lebend nach Sibirien und Kasachstan, wo Millionen (!) starben. Langsam entstanden - was kaum jemand hier weiss - aus diesen Sträflingskolonien die Industriemetropolen der UdSSR. Karaganda liegt im Süden der Witschaftsregion Ural-Kusbas und ist bekannt für Steinkohleförderung, Nickelabbau, metallverarbeitende Industrie, Maschinenbau. Aber es leben dort auch Menschen: um die geht es!
Aus der friedlichen Zeit der Kolonien an der Wolga lesen wir einiges über die Liedtradition der Grossmutter Maria Pauls. Ein deutschsprachiges Kirchenlied mit sehr vielen Strophen wird vorgestellt (ich muss hier an meine Frau Jolanta denken, die während der 1950iger Jahre regelmässig mit der oberschlesischen Grossmutter in die Kirche ging und “alle Kirchenlieder auswendig konnte”- polnische allerdings). Dazu Maria Pauls: “Wir haben die Kirchenlieder vierstimmig gesungen…Nach Ziffern sangen wir, nicht nach Noten…” (S.51) An anderer Stelle: “Das Singen, spürten die Kinder, vertrieb den Erwachsenen die Einsamkeit” (S.56). Morgens sang man gemeinsam Volkslieder: ” ‘Am Brunnen vor dem Tore’, ‘In einem kühlen Grunde’, ‘Heißa, Katreinerle’ - drei, vier Lieder, dann begann der Alltag.”(S.56)
Später beschreibt Ulla Lachauer noch eine sehr schöne und warme Szene mit Maria Pauls und ihrem Mann Heinrich, Zeitebene ca. 1938, beide vielleicht im Alter von Mitte Zwanzig in ihrer Küche: “Ihr Heinrich liegt nach Feierabend auf der Schlafbank, schaut ihr beim Kochen zu und singt Volkslieder mit schrecklich vielen Strophen, vom Doktor Eisenbart, der ‘Mühle am rauschenden Bach’, ‘du, du liegst mir am Herzen’. Sie kann nicht genug kriegen davon. ‘mag es auch im Leben stürmen, Herr, dein Fittich deckt mich zu’, und noch ein Kirchenlied, allerhand Plattdeutsches, was sie zum Lachen bringt, er singt, und sie fühlt sich geborgen.” (S.145) Heinrich starb mit 29 Jahren im Lager Dolinka. Nur vier Jahre dauerte ihr Zusammenleben!
Die Familie Pauls lebt heute in Kehl: “Das Singen…hat eine Spur hinterlassen, einige dieser Lieder sind bis Heute hinübergerettet.. Auf den Familienfesten in Kehl haben sie Ihren Platz, behaupten sich in all dem russischen Liedgut, das im Laufe von sechs Karagandiner Jahrzehnten Tradition geworden ist. Im wilden Potpourri klingt manchmal plötzlich ‘du, du liegst mir im Herzen’ auf. Die jungen Leute sind nicht ganz textsicher, also folgt danach wieder etwas Russisches, Maria Pauls ist es gewöhnt, und sie hat die fremden Lieder sogar gern, ‘weil sie so mild sind’. Ihr liebstes ist ein Wiegenlied aus einem lettischen Film. ‘Irgendwann wirst du alles haben, kleine rote Stiefelchen, es kommen Freuden, Süßigkeiten…aber jetzt schlaf. Ich singe dir, wie es dort oben im Himmel ist, ein graues Katerchen zieht uns mit dem Schlitten über das Firmament.’ ” (S.145)
Nebenbei bemerkt: meine Mutter - zwei Jahre jünger als Grossmutter Maria Pauls - sang zur selben Zeit dieselben Lieder im weit von der Wolga entfernten Elbing. Auch die Geschichte mit dem Katerchen ist mir aus meiner Kindheit geläufig. Meine Mutter setzte dann noch den Wunsch “Nu schlof, min Schofje” dazu, und ich schlief dann auch wirklich ein. (Über das Phänomen “Volkslied im 20.Jahrhundert” wird noch in einem der nächsten TÖNCHEN! zu lesen sein).
Karaganda, ethnische Vielfalt: “Ritas Mitschüler sind Russen, Weißrussen, Ukrainer, Donkosaken, Polen, Tartaren, Griechen, Kasachen, Burjaten, Koreaner, Litauer, Armenier, Georgier, Zigeuner, sogar ein Italiener ist darunter. Warum so viele Nationalitäten in der Stadt sind, fragt niemand, sie sind da und das ist ‘typisch karagandinisch’. Zwischen ihnen geht es eher unkompliziert zu, von Ausnahmen abgesehen. Kasachen werden verspottet, ihre Sprache und Kultur gelten als minderwertig. Ein ‘primitives Hirtenvolk’, lernen die Kinder in der Heimatkunde, weswegen sich die kleine kasachische Minderheit mehr als andere ans Russische anpasst”. (S.74) Sehr interessant auch, dass die eigene Musik der Kasachen (ich erinnere hier nur an Obertongesang und eine grosse Vielfalt von Saiteninstrumenten, die alten Musikkulturen der Seidenstrasse usw.) nicht nur nicht beachtet, sondern von Karagandinern verachtet wird. Die Kasachen als das eigentliche Gastvolk bilden das Ende der soziokulturellen Hackordnung…
Im letzten Kapitel des spannenden Buches begegnet uns noch Herr Epp aus Oerlinghausen mit seiner Garmoschka - der russischen Harmonika. Ulla Lachauer schliesst sich im Verlauf ihrer Recherchen für ihr Buch einer mennonitischen Reisegruppe an, die vom westfälischen Oerlinghausen aus an die Weichsel fährt, um die Gräber der dort verstorbenen Vorfahren ausfindig zu machen. Den Beginn der Busfahrt frühmorgens am ersten Reisetag beschreibt sie so: “Mit der Nachtruhe ist es nun endgültig vorbei. Ein alter Herr im blauen Anzug spielt ein paar Takte auf seiner Garmoschka, einer russischen Ziehharmonika. Daraufhin packen Peter Wiens und sein Bruder Jascha ihre Gitarren aus, und noch vor dem Frühstück ist der Bär los: Plattdeutsche Lieder wechseln mit russischen ab.” Das ganze Buch enthält sehr witzige Szenen. Überhaupt lernt der Westler viele lebensfreudige Menschen kennen: die meisten vom Schicksal schwer gebeutelt. Ich empfehle dieses Buch nicht nur Musikinteressierten: jeder sollte es lesen, der sich unter “Russlanddeutschen” bisher noch nichts Konkretes vorstellen konnte. Auch wer bisher die Gemeinschaft der Mennoniten noch nicht kennengelernt hat, wird sehr viel über diese Menschen erfahren: sie leben einen elementaren “christlichen Sozialismus” - wenn ich das mal so bezeichnen darf - , lehnen autoritär strukturierte Staatskirchen ab und jede Art von Gewalt. Ihr Pazifismus hat sie oft ihre Heimatgebiete gekostet: sie wurden auch verbannt und geächtet, weil sie Militärdienst ablehnen.
“Ritas Leute” gehört zu den ganz wesentlichen Büchern über Neuere Geschichte, Ethnografie, Kultur- sowie Wirtschaftsgeschichte der Gegenwart. Man lernt Fakten und Materialien kennen aus “dunklen Zeiten hinter dem eisernen Vorhang”, von denen wir wohlhabenden Wirtschaftswunder-Westler nichts oder zu wenig wissen. Wir sehen plötzlich sog. “Ausländer” als Verwandte und wir bekommen Lust, unsere Auslandsreisen auch zur Abwechselung mal nach Osten auszudehnen. Jeder sollte dieses Buch lesen, der weiter denkt, als sein Arm lang ist! Europa reicht nicht nur bis zum Ural!
Übrigens: bei Lachauer-Lesungen spielt Rita Pauls ein russisches Kolchoslied. In Hamburg gabs kürzlich eine “Singlesung”; man frage in der örtlichen Buchhandlung nach weiteren Terminen. (M.R.)
(Foto M. Rzeszut. - Wir sehen Ulla Lachauer (li) und Rita Pauls bei einem Podiumsgespräch im Rahmen einer Veranstaltung der Körber-Stiftung, Hamburg)