Mittwoch, 11. Mai 2011
Projektschule Museum - Sozialgeschichte begreifbar vermitteln
...auf der Landesgartenschau Norderstedt wurde Richtfest gefeiert
Brütende Hitze - die staubige Kiesfläche will so garnicht zu einer “Landesgartenschau” passen. Ein starker Wind weht von der Wasserfläche und eine Fünfjährige sägt mit einer Puksäge die 20 x 20 mm Leiste aus wohlduftendem Kiefernholz sauber und gerade auf 140 mm Länge ab. Ihr zwei Jahre ältererer Bruder leimt den Türsturz vorsichtig auf und wischt den überquellenden Kaltleim sorgfältig ab. “Wozu ist diese Tür? Ging das hier in die Küche?” - “Ja, in die kleine Küche und Backstube - da war auch ein Backofen.” - Aha!” - “Wo waren denn die Schweine?” - “Schweine hatten die Kolonisten nicht - zu arm - keine Essensreste zum Füttern.” - “Aha!...die armen…nicht mal Schweine…”.
Der Türsturz schwimmt etwas auf dem Leim, bewegt sich, die Leiste kann noch ein paar Sekunden justiert werden - dann sitzt sie fest. Vorher hatte eine Vierzehnjährige die Wand neben dem Türdurchlass auf 40 mm erhöht und gab dem helfenden Pädagogen locker zu verstehen: “Lass man…ich mach das hier schon alleine…” Sie hatte nicht zum ersten Mal eine Säge in der Hand, das war schnell zu merken. “Auf dem Dachboden lag das Getreide, oder?” - “Ja, die Halme mit dem Stroh. Gedroschen wurde später auf der Deele. aber soviel Getreide gabs damals garnicht. Die Kolonisten bauten Buchweizen an und Kartoffeln.” - “Aha…Buchweizen? Kenne ich garnicht.” - “Eine alte Pflanze aus Asien, die kleinen Nüßchen musste man mühsam schälen und aus den kleinen Kernen konnte man Grütze kochen.” Ein etwa Zehnjähriger baute ziemlich verbissen alle Fensteröffnungen der Südostwand mit einer Genauigkeit von 2 mm ein. Das alles war am Nachmittag. Das Haus steht nun im Rohbau (siehe Fotos). Eine Komposition aus Kiefernholz und Leim.
Morgens schon gings hektisch aufs Richtfest zu: Sparrenpaare wurden angeschnitzt, angeschliffen und zusammengeleimt. Anders als beim Bau des Originals 1764 mussten wir nicht das ganze Dorf zusammentrommeln, um die Sparrenpaare samt Dachbalken mühsam mit Stangen und viel Hauruck auf dem Rähm zu errichten. Beim Modell im Maßstab 1:20 laufen die Vorbereitungen zum Richtfest etwas kräftesparender ab und die Unfallgefahr ist weitaus geringer als damals bei den Richtfesten. Aber wir konnten darüber erzählen. Unsere netten Standnachbarn vom Kunst- und Kulturverein Eckernförde steuerten eine kleine, maßstabgerechte Richtkrone (aus grüner Wolle gefilzt) und ein Fläschen “Kieler Korn” bei. Nach ein paar zimmermännischen Zweizeilern wurde das Haus zünftig mit ein paar Tropfen Korn begossen - und nun wird es “sehr lange halten” und noch auf weiteren Workshops der Projektschule Museum im Zentrum des Interesses stehen.
Diese Szenerie spielte sich an einem hochsommerlichen Maitag im Rahmen der LGS-Präsentation verschiedener Institutionen der Eckernförder Bucht ab. Neben dem Kunst- und Kulturverein Eckernförde, der Aktivregion Hügelland am Ostseestrand/Hüttener Berge und anderen hatte auch die Projektschule Museum ihre Werkbank aufgebaut - initiiert von Hans-Werner Preuhsler, der die Region Duvenstedt und insbesondere den Kolonistenhof Neu-Duvenstedt und das Dorfmuseum in Alt-Duvenstedt seit Jahrzehnten kennt.
Das Thema “Kolonisten in Schleswig-Holstein” ist - das merkte man auf der LGS - den meisten Zeitgenossen ziemlich unbekannt. Es ist ja auch ein etwas dunkleres Kapitel und nicht so populär wie etwa die Wikinger. Der Einsatz zahlreicher Siedler in den 60iger Jahren des 18. Jahrhunderts war wahrlich nicht von Erfolgen gekrönt. Hauptsächlich weil die Besiedlung von Geest und Mooren seitens der Regierung zu wenig durchdacht und vorbereitet war. Es fehlte an Häusern, Ackerflächen und landwirtschaftlichem Knowhow, so dass sich von 1000 einstmals eingewanderten Familien wirklich nur 50 allen Widrigkeiten - die sich Migranten damals wie heute so stell(t)en - erfolgreich widersetzen konnten. Das sind gerade einmal 5%!
Vor 250 Jahren holte der dänische König Friedrich V. die ersten Kolonisten aus Hessen, Rheinland-Pfalz und Schwaben nach Schleswig-Holstein. Was lag näher für die Projektschule Museum, als dieses Jubiläum zu einem Themenprojekt im Rahmen von “Erlebte Sozialgeschichte zum Ende der Frühen Neuzeit” zu nutzen. In Zusammenarbeit mit dem Dorfmuseum Alt-Duvenstedt, dem Kolonistenhof Neu-Duvenstedt, dem Verein Plaggenhacke, Dr. Stamp (Rendsburg) und dem Archäologischen Landesamt Schleswig entstand ein Konzept, das sowohl volkskundlich fundiert als auch pädagogisch wertvoll ist: der Nachbau eines Kolonistenhauses im Modell, (Maßstab1:20) aus Kiefernholz.
Dieses Haus wurde vielfach Ende des 18.Jahrhunderts von Baumeistern der damaligen dänischen Regierung gebaut und war bereits ein Typenhaus, wie es sie auch heute vielfach gibt. Von Töndern im Norden bis Prinzenmoor zur Eider im Süden erstreckte sich ein Siedlungsstreifen der Kolonisten, die in solchen Häusern gewohnt und gewirtschaftet haben. Als die Ziegelsteine ausgingen, mussten sich die Kolonisten allerdings enttäuscht provisorische Erdhütten graben…Fehlplanung!
Grundsätzlich handelt es sich bei unserem Kolonistenhaus um ein sog. “Norddeutschen Hallenhaus”. Menschen und Vieh wohnten unter einem Dach und der große Wirtschaftsraum (“Deele”) samt Einfahrtstor für die Erntewagen ist fester Bestandteil des Hauses. Auf den Dachbalken wird die Ernte gelagert und damit sich diese Balken nicht durchbogen, ruhte auf ihren Enden das Dach (Bauprinzip “Zweiständerhaus”). Die massive Aussenwand aus Ziegeln lässt dänische Baugewohnheiten erkennen.
Was liegt näher, als Museumsbesucher, Schüler und andere Interessierte die Sozialgeschichte des ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts mittels praktischer Beschäftigung mit einem Hausmodell - gebaut nach einem Original im Freilichtmuseum - nacherleben zu lassen? Sozialgeschichte begreifbar - im wahrsten Sinne des Wortes - vermitteln, um Strukturen und Parallelen zu heute erkennen zu können: darum geht es.
Das von Projektschule Museum für diesen Zweck ausgesuchte Haus steht im Schleswig-Holsteinischen Freilichtmuseum bei Kiel. Leider ist in jenem 1988 im Museum aufgebauten Gebäude bis auf eine kleine Beschreibung vom Leben der Kolonisten nichts zu spüren. Es zeigt den ursprünglich im Jahre 1764 errichteten Bau im Zustand von 1837 und bildete damit in hervorragender Weise eine wissenschaftlich fundierte Grundlage für ein nachhaltiges museumspädagogisches Projekt.
Das Nachbauen eines Hauses im Modell ermöglicht Menschen jeden Alters, sich bis ins Detail in eine vergangene und selbst nicht miterlebte Zeit zu vertiefen. Der umbaute Raum, insbesondere der Wohn- und Wirtschaftsraum, steht immerhin im Zentrum des Lebens. So werden z.B. die äusserst engen Wohnverhältnisse beim Nachbau der “Dönse” überdeutlich. Während des Hantierens mit Kiefernholzleisten, Zollstock und Sägen erzählt der Workshopleiter über die lange Wanderung der Kolonisten zu Fuß von Frankfurt nach Altona und weiter in den unwirtlichen und kargen Norden.
Die Gedanken der Kinder, jungen Eltern und Renter schweifen in die Vergangenheit und eben noch neugierig auf Blumen und Beete in der Gartenschau, stellen sie sich nun dies arme Leben der frühen Kolonisten vor, die hier und da auch zu ihren Vorfahren gehörten: die Menschen lebten in zugig kalten und feuchten Räumen. Es stank nach Mist und Rauch, man lebte auf durchschnittlich 3 Quadratmetern und niemand hatte das, was wir heute “Privatsphäre” nennen. Das Leben war mit Mitte Dreissig zuende und man musste zahlreiche Kinder zur Welt bringen, da viele Kinder sehr früh starben. Das Kolonistenleben war nicht nur hart, es war auch sehr schnell zu Ende…
Es geht bei solchen interaktiven Aktionen der Projektschule Museum immer um die Identifikation mit dem Menschen vergangener Zeiten. Anfängliches Interesse provoziert Aktionsbedürfnis, man kommt schliesslich “ins Tun” und hantiert mit einfachem Werkzeug und angenehmem Material (Kiefernholz), und das so gut man eben kann. Ob das Haus am Ende eines Aktionstages wirklich fertig ist oder nicht, ist hier nicht das Entscheidende. Welche Assoziationen man dabei hatte, was einem durch den Kopf geht oder rein praktisch: was ein Kind lernt oder ein Erwachsener erinnert, das ist wesentlich. Das Museum oder die museumspädagogische Aktion als “Fenster in die Zukunft”: das ist es letztlich, was Projektschule Museum erreichen möchte.
Der bekannte Reformpädagoge Célestin Freinet - in dessen Tradition die Projektschule Museum u.a. arbeitet - brachte es vor 65 Jahren genau auf den Punkt: “Da wir augenblicklich nicht behaupten dürfen, daß wir die Kinder sowohl methodisch wie wissenschaftlich so führen können, daß jedem von ihnen die ihm persönlich angepaßte Erziehung zuteil wird, begnügen wir uns damit, ihnen ein ihren Interessen förderndes Milieu zu schaffen und ein entsprechendes Arbeitsmaterial und kindgemäße Techniken zu entwickeln, die ihre Bildung fördern, ihnen die Wege ebnen, auf denen sie je nach ihrer Veranlagung, ihren Neigungen und ihren Bedürfnissen weiterschreiten werden.” [C. Freinet: Die moderne französische Schule (1946), S. 16, 1979]
Angesichts fallender oder stagnierender Besucherzahlen in Museen ist eine vollkommen neue Sichtweise von “Museum” angesagt, die - auf wissenschaftliche Fakten fokussiert und weniger auf Entertainment und “Fun-Effekt” - den Besucher zum begeisterten Nacherleben von Geschichte motiviert, und zwar allein durch die lebendige Aufbereitung von geschichtlichen Sachverhalten und durch den interaktiven Umgang mit Exponaten.
Das “Mitmach-Museum” ist auch eine wesentliche Voraussetzung für den Erhalt einer sehr wichtigen Funktion innerhalb unserer soziokulturellen Standards: Museen werden immer Plattformen für Kultur- und Sozialarbeit vor Ort sein und als solche werden sie immer wichtiger. Ging es vor Jahrzehnten bei einem Museum noch allein um das Zeigen von Exponaten, so geht es heute eher um das Erleben des soziokulturellen Umfeldes dieser Exponate. Das Exponat ist Mittel zum Zweck, weniger Selbstzweck. Kostbarkeiten einer wohlhabenden Oberschicht können Besucher heute nicht mehr unbedingt vom Hocker reissen. Wie aber lebten und wirkten die Handwerker, die diese Kostbarkeiten schufen? Wichtiger als der zweifelhafte Glanz der Potentaten ist für uns das Alltagsleben vergangener Zeiten und das Nachvollziehen etwa jener Lebensumstände, in die Kolonisten vor 250 Jahren durch wirtschaftliche Not - nicht zuletzt verursacht durch verantwortungslos handelnde Potentaten - gezwungen wurden.
Projektschule Museum will mit museumspädagogisch orientierten bzw. allgemein kulturvermittelnden Aktivitäten, Vorträgen und Seminaren engagierte Bürgerinnen und Bürger ermuntern, “ihre” Museen als “Fenster in die Zukunft” zu erkennen, anzunehmen und mit neuen Ideen zu beleben. Sie versteht sich als offenes Netzwerk, das einen bundesweiten Austausch sowie gemeinsame Aktivitäten und Projekte (z.B. zum “Tag der Regionen”) ermöglicht.
Netzwerk-Koordination, Strukturplanung und Ideen-Pool von Projektschule Museums liegt in den Händen der Initiative Regionalgenossenschaft e.V., die sich als Plattform zum Austausch, für Bildungsangebote oder auch als Unterstützer für regionale Projekte gegründet hat. Hier geht es um das Ziel, ländliche Regionen und Stadtteile zu guten Lebens- und Arbeitsräumen auszugestalten, und zwar über das Engagement der Bürgerinnen und Bürger. Um dieses Engagement für Selbsthilfe, Selbstverwaltung und Selbstverantwortung auf eine breitere Basis zu stellen, nutzen wir auch das EU-Projekt “Best Agers” und arbeiten im Rahmen des Teilprojektes “Bürgercoach” des PARITÄTISCHEN Schleswig-Holstein.
Neben dem oben beschriebenen Thema “Wie Kolonisten wohnten” bietet Projektschule Museum zur Zeit auch Mitmachaktivitäten zum Themenkreis “Hausmusik in Tradition und Gegenwart” an. Es geht um generationsübergreifendes Musizieren mit praktischen Tipps, Musikbeispielen und Erprobungsmöglichkeiten von Instrumenten. Ein damit zusammenhängendes Spezialthema ist “Handharmonikabau im 19. Jahrhundert” mit Mitmachaktionen und Technikseminaren in der Musikwerkstatt Rzeszut, Kiel.
Darüberhinaus bietet das Duo Jolka aus Kiel verschiedene Programme zum Thema “Musik ins Museum!” an: http://www.musikwerkstatt-rzeszut.de/index.php/jolka/
Anfragen und Buchungen zu Projektschule Museum und Duo Jolka bitte über die Kontaktseite auf dieser Website!