Mittwoch, 4. Januar 2006
Ohrenkuss…da rein, da raus
Ein Lifestyle-Magazin von Menschen mit Down-Syndrom hat brachliegende Talente wachgeküsst
BONN, 1.Januar 2006 (Pressemitteilung der Körber-Stiftung) - »alles geht da rein und da wieder raus nur das wichtige bleibt im Kopf. Und das ist ein Ohrenkuss.« Ein Ohrenkuss beschreibt nicht nur eine gute Idee, die hängen bleibt; »Ohrenkuss…da rein, da raus« ist vor allem der Name eines ungewöhnlichen Magazins. Es hat die ästhetischen Qualitäten eines modernen Lifestyle-Magazins, erscheint zweimal jährlich und enthält ausschließlich Texte von Menschen mit Down-Syndrom. Abgesehen von der Redaktionsleiterin Katja de Bragança haben alle Kolleginnen und Kollegen Trisomie 21. Katja de Bragança ist – gemeinsam mit Ohrenkuss-Autor Tobias Wolf – beim Transatlantischen Ideenwettbewerb USable der Hamburger Körber-Stiftung 2004 mit einem Ideenpreis zum Thema »Integration und Vielfalt« ausgezeichnet worden. Anders als die meisten in diesem Wettbewerb prämierten Initiativen hat Ohrenkuss aber nicht seine Wurzeln in den USA, sondern will mit Hilfe der Körber-Stiftung von Deutschland aus seine Erfolgsgeschichte auch in Amerika weiterschreiben.
Gedanken im Kopf sind wichtiger als die Form
Schon seit über sechs Jahren zeigt Ohrenkuss: Menschen mit Down-Syndrom sehen die Welt anders, und genau diese andere Weltsicht ist eine Bereicherung. Die Ohrenkuss-Macher schreiben über das, was sie bewegt – in ihren Gedichten, Geschichten, Gedanken und Interviews vermittelt sich ein unmittelbares Lebensgefühl, das großes Identifikationspotenzial für jeden Leser birgt. Mit wenigen Worten bringt die Autorin Michaela Koenig ihr Selbstverständnis vom Leben mit Down-Syndrom auf den Punkt: »Jeder hat das Recht zum leben, wenn wir weinen dann spüren wir auch Schmerz. Wenn wir laufen kommen wir auch aus der Puste, wenn wir uns Stechen Bluten wir auch, wenn wir lachen dann sind wir auch lustig.« Inhaltliche Zensur, Korrektur von Rechtschreib- oder Grammatikfehlern findet bei Ohrenkuss nicht statt – die Gedanken im Kopf sind wichtiger als die bloße Form. Alle Texte werden von den Autoren recherchiert, selbst geschrieben, getippt, in den PC eingegeben oder auch diktiert.
Mit dem ungewöhnlichen Querformat, den unterschiedlichen Typographien, den Fotostrecken, bunten Graphiken und Zeichnungen der Redakteure steht Ohrenkuss popkulturellen Art-Magazinen optisch in nichts nach. Besonders die Fotos, die während der Redaktionsarbeit und bei thematischen Projekten und Exkursionen entstehen, tragen zur ästhetischen Ausdruckskraft des Heftes bei, schaffen Nähe und bauen Vorurteile ab. Sie stammen von namhaften Fotografen, denn auch das gehört zum Konzept von Ohrenkuss: Ein durch und durch professionelles Layout soll das Heft abheben von den braven, oft tristen Behindertenzeitschriften alter Schule. Menschen mit Behinderungen erscheinen dort meist in der Rolle bemitleidenswerter Opfer, während Redaktionsleiterin Katja de Bragança allen Mitstreitern, auch ihren Redakteuren, größtmögliche Qualität abverlangt: »Es reicht nicht, dass ihr das Down-Syndrom habt und irgendwas schreibt. Ihr müsst das schon richtig gut machen.«
Die edle Optik hat ihren Preis, aber Ohrenkuss kann sich selbst finanzieren. Die anfängliche Auflage von 150 Heften liegt mittlerweile bei 3000, rund 2500 davon werden im Abonnement verkauft. Leser sind nicht nur Betroffene, ihre Angehörige oder Ärzte, sondern auch Menschen, die einfach nur Fans dieser Publikation geworden sind. Sie freuen sich an so unterschiedlichen Themenschwerpunkten wie Arbeit, Liebe, Reisen, Tiere, Lesen oder auch Mode.
Wie sehen Menschen mit Down-Syndrom und die Welt einander?
Ohrenkuss entstand 1998. Die Humangenetikerin Dr. Katja de Bragança arbeitete damals am Medizinhistorischen Institut der Universität Bonn. Regelmäßig musste sie werdende Mütter und Väter über diagnostizierte Erbkrankheiten ihrer Ungeborenen aufklären. Dabei wurde ihr klar, dass nicht nur Eltern, sondern auch viele Gynäkologen wenig über Trisomie 21 wissen – und deshalb allzu schnell ein Schwangerschaftsabbruch in den Blick rückt, wenn ein Kind mit Down-Syndrom erwartet wird. »Wie erleben Menschen mit Down-Syndrom die Welt? Wie sieht die Welt Menschen mit Down-Syndrom?« – das die Ausgangsfragen in einem Forschungsprojekt, das durch die VolkswagenStiftung gefördert wurde. Das Interesse der Wissenschaftlerin ging aber bald über die reine Forschung hinaus. Katja de Bragança wollte auch mit dem – sogar in Medizinerkreisen – gängigen Vorurteil aufräumen, dass Menschen mit Down-Syndrom nicht in der Lage seien, lesen oder schreiben zu können. Und sie machte es sich zum Ziel, das brachliegende Potenzial der Betroffenen zu fördern, ihnen Selbstwertgefühl zu vermitteln und eine lebendige Kommunikation zwischen Menschen mit und ohne Down-Syndrom anzuregen. Eine Zeitschrift schien dafür das passende Medium.
Die Chefredaktion von Ohrenkuss sitzt bis heute in Bonn. Rund zehn Autoren nehmen an den regelmäßigen Redaktionssitzungen in der »downtown-werkstatt« teil. Fast 40 weitere Außenkorrespondenten leben in Deutschland, der Schweiz und Österreich und senden ihre Beiträge zu den jeweiligen Themen per Post, Fax, Tonband oder E-Mail. Das Redaktionsteam hat längst bewiesen, dass Katja de Bragança Recht hatte – aber aufhören will hier niemand. Der Job bei Ohrenkuss hat den Mitarbeitern eine neue Welt eröffnet. Sie haben die Prinzen, Bobby Brederlow – der inzwischen auch für Ohrenkuss schreibt – und Wiglaf Droste interviewt. Sie absolvieren Fernsehauftritte, Besuche in Kinos, Museen und Restaurants. Und sie veranstalten öffentliche Lesungen ihrer eigenen Beiträge.
Körber-Stiftung fördert Sprung über den Atlantik
Der Enthusiasmus von Redaktionsleiterin Katja de Bragança und ihren Mitstreitern kennt keine Grenzen. Deswegen soll Ohrenkuss jetzt auch international werden: Gemeinsam mit USA-Korrespondent Tobias Wolf, der teils in Deutschland, teils im Nordosten der USA lebt, hat Katja de Bragança die Idee entwickelt, die Zeitschrift künftig auch mit englischen Texten herauszubringen und englische Ausgaben ins Internet zu stellen. Parallel dazu wollen die Ohrenkuss-Macher eine US-Autorengruppe aufbauen, um die amerikaweite Kommunikation zu intensivieren. Über ein eigenes Austauschprogramm zwischen deutschen und amerikanischen Redaktionskollegen wird ebenfalls konkret nachgedacht. Die Körber-Stiftung wird den Sprung über den Atlantik mit Rat und Tat – und auch finanzieller Unterstützung – begleiten.
Bitte wenden Sie sich bei Rückfragen an:
Karin Haist M. A., Eveline Metzen M. A.
Transatlantischer Ideenwettbewerb USable
Körber-Stiftung
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