das toenchen-voegelchen

Das Tönchen!

Das Online-Magazin
der Musikwerkstatt-Rzeszut

 

:

:

Tönchen-Home | Home | Über uns | Kontakt | Impressum

Donnerstag, 9. März 2006

Offene Gitarrenstimmungen: wie wärs mit DADAAD?

...für alle, die ohne verkrampfte Finger Gitarre spielen möchten

Man möchte Gitarre spielen. Man kauft sich eine. Man nimmt Unterricht. Man gewöhnt sich an die abgeknickte linke Hand. Man zupft bereits mit der rechten Hand die richtige Seite und quält sich mit den vier oder fünf Akkordgriffen ab, die Peter Bursch oder ein Gitarrenlehrer dem Anfänger empfehlen. Obwohl es einfach zu greifende Akkorde sind, so sind es doch Akkorde. Und dann…geben die meisten schon auf: Krampf im linken Handgelenk, verknotete Finger. Und dazu noch Blasen an den Fingerkuppen…da hilft auch kein Peter Bursch nicht mehr mit seinen ermunternden Worten. Da hilft nur noch eins: umdenken!
Wieso denn umdenken? Ich will doch wirklich nur Gitarre spielen. Wäre es nicht besser, die Zähne zusammenzubeissen und die Sache mit den verkrampften Fingern der linken Hand einfach durchzuziehen?

Klar wäre das eine Lösung für manche. Doch sollte man nicht erstmal einen einfacheren Weg gehen, der einem mehr Musik verschafft und weniger ”Übegefühl”?

Dazu natürlich zunächst die grundlegende Frage: warum fällt uns die Anpassung der linken Hand an das Griffbrett der Gitarre eigentlich so schwer?

Bei Kindern bis 10 Jahren sollte man eine sog. “Terzgitarre” kaufen. Ihre Finger sind einfach zu kurz für ein normales Griffbrett. Viel Frust wäre also in dieser Altersgruppe vermeidbar.

Kurze Finger sind ein Problem. Je kürzer die Finger, desto schwieriger ist es, sie senkrecht auf die Saiten aufzusetzen. Und kurze Finger sind meist kräftiger, dicker an der Kuppe. Auf schmalen Griffbrettern berührt ein senkrecht aufgesetzter Finger sehr leicht Nachbarsaiten. Man sollte bereits beim Gitarrenkauf darauf achten, ob das Griffbrett bequem für die linke Hand ist und ob alle Seiten beim Akkordspiel bequem zu erreichen sind. Kurzfingrige oder dickfingrige Menschen brauchen also ein breites Griffbrett (53 mm).

Die richtige Saitenlage (Höhe der Saiten über dem Griffbrett) erleichtert ebenfalls das Greifen. Viele Anfänger auf der Gitarre, die ohne Lehrer und autodidaktisch arbeiten, wissen garnicht, wie ein grader Hals und die richtige Saitenlage sich vereinfachend auf die Greiftechnik auswirken können. Ganz zu schweigen von der ebenfalls sehr wichtigen Bundreinheit. “Sisselfreies” Spielen in den höheren Lagen verrät die Schwächen einer Gitarre wie ein verbogenes Griffbrett. Eine hohe Saitenlage ist bei solchen Mängeln immer zu beobachten, denn dann fallen Griffbrettschwächen nicht so ins Gewicht. je grösser der Abstand zwischen Saiten und Griffbrett jedoch ist, desto schwerer lassen sich mehrtönige Klänge greifen: Verkrampfungen der linken Hand sind also bei schlechter Saitenlage vorprogrammiert. Dazu kommt noch das extrem geknickte Handgelenk, was aber unbedingt Sinn macht, weil die Finger senkrecht auf das Griffbrett auftreffen können.

Dicke Saiten sind zwar laut, lassen sich aber schwer herunterdrücken. Dünnere Saiten sind die Lösung. Die meisten Gitarren und nach meiner Erfahrung besonders halbakustische klingen sehr gut mit dem leichtesten Satz, der erhältlich ist. Der Klang ist leise, aber obertonreich und das Ziehen der Saite zur Veränderung der Tonhöhe macht Spass. Je dünner die Saite, desto weniger Probleme bereiten Blasen auf den Fingerkuppen der linken Hand.

Jetzt aber kommt das Umdenken! Die erste Frage: wollen wir denn auf der Gitarre wirklich ausschliesslich Akkorde spielen? Warum eigentlich? Einzeltöne wären doch auch etwas, oder nicht? Melodien lassen sich sehr gut auf einer normalen Gitarre Finger für Finger und Saite für Saite spielen. Es ist nur Tradition, bei der Gitarre mit Akkorden, mit Mehrklängen anzufangen, weil solche Klänge sehr voll und schön sind und sich zum Begleiten von Liedern natürlich hervorragend eignen. Aber die Gitarre allein als Melodieinstrument wäre doch auch mal eine Idee. Hat man eine E-Gitarre oder eine halbakustische, lassen sich aus Einzeltönen mittels Chorus und Reverb oder anderen Effekten ja auch breite Klänge herstellen, die durchaus an Akkorde erinnern.

Spielen wir Einzeltöne, sind immer nur einzelne Finger gefragt: ein Finger drückt die Saite an einer Stelle und ein Finger der rechten Hand (meist der Zeigefinger, vielleicht aber auch der Daumen) zupft diese Saite. Bei langsamem Einzeltonspiel haben wir genügend Zeit, darüber nachzudenken, welcher Finger in welchem Bund eine Saite drückt: irgendwie entspannend. Der einzelne Ton bekommt eine ziemliche Wichtigkeit. Bei akkordischem Spiel geht der Einzelton eher unter. Einzeltonspiel macht uns mit den akustischen Qualitäten unserer Gitarre besonders gut vertraut. Auch neue Saiten klingen sehr gut. Also: alles spricht für Einzeltonspiel, wenn man Probleme mit dem Greifen hat oder als Anfänger die Gitarre erstmal tonal kennenlernen möchte. Dieses Wissen ist auch notwendig, wenn wir dann vielleicht später mit komplex gegriffenen Akkorden arbeiten. Es ist schon sehr gut zu wissen, an welcher Stelle des Griffbretts sich welcher Ton greifen lässt.

“Vertikal” und “horizontal” werden zwei Spielweisen auf der Gitarre genannt. “Vertikal” bedeutet senkrecht und eine senkrecht orientierte Spielweise nutzt den Tonvorrat innerhalb einer Lage, oder den dreier eng beieinander liegender Bünde. Alle sechs Saiten sind gleichermassen wichtig. Akkordspiel ist “senkrecht”, weil die Töne eines Akkords immer über mehrere Saiten im Bereich weniger benachbarter Bünde übereinander gegriffen werden. Natürlich kann bei vertikaler Spielweise auch eine Melodie im Vordergrund stehen, doch ist das Greifen von Akkorden relativ einfach - hat man gelenkige Finger…Für die vertikale Spielweise eignet sich sehr gut die Gitarre mit der normalen Saitenstimmung EADGHE. Für das akkordische Spiele liegen alle notwendigen Töne nahe beieinander. Mit gelenkigen Fingern kann man sie auch alle erreichen….

“Horiziontal” bedeutet waagerecht: auf einer oder wenigen Saiten werden Melodien über alle Bünde gespielt. Die Hand saust also vom ersten bis zum 12.Bund oder darüber hinaus, und meist sind nur ein oder zwei Finger der linken Hand mit Greifen beschäftigt. Man benutzt meist nur ein oder zwei Melodiesaiten: die höchsten, die eine Melodie klar rüberbringen. Natürlich lassen sich auch alle vier Spielfinger einsetzen. Es ist die Melodie, die bei horizontaler Spielweise im Vordergrund steht. Akkorde sind auch möglich, doch schwieriger zu greifen. Allerdings ist es für geübte Gitarristen normal, vertikale und horizontale Spielweisen zu kombinieren. Horizontal lässt sich natürlich auch die normal gestimmte Gitarre spielen. Doch “offen gestimmte” sind im Vorteil. Übrigens auch für Leute, die am Skalenstudium interessiert sind: man sieht deutlicher die Tonabstände oder irgendwelche Konzentrationen von Tönen an irgendeiner Stelle. Mit der offen gestimmten und horizontal gespielten Gitarre bekomme ich ein Gefühl dafür, was eine Ton-Skala eigentlich ist.

Der Unterschied zwischen “vertikal” und “horiziontal” wird auch hier und da für die Einordnung musikalischer Stilistik benutzt. So wird orientalische Musik auf Saiteninstrumenten durchweg “horizontal” gespielt. Die Saiten etwa der orientalischen Laute oder des türkischen Saz sind im Quint- bzw. Quartabstand gestimmt und die tiefste Saite liefert oft den Grundton für das Stück, wird sie “leer”, d.h. ungegriffen gespielt. Auf solchen Instrumenten gibt es eine oder zwei Melodiesaiten, auf der oder denen über alle Bünde klare Einzelton-Melodien gespielt werden, wobei gelegentliche Harmonisierung (meist Zweiklänge) mithilfe der Leersaiten üblich ist.

“Vertikale” Musik dagegen ist typisch für die westliche, sog. abendländische Welt. Die Partituren Klassischer Musik zeigen dies deutlich: nur im Zusammenklang einiger Einzeltöne entfaltet sich bei uns offiziell Musik. Der harmonikale Zusammenhang ist wichtiger als der Melodieanteil, der sich oft in kurzen solo gespielten “Motiven” erschöpft. Die Saiteninstrumente der westlichen Welt - und eben auch die Gitarre in ihrer Normalstimmung - sind vielsaitig und so gestimmt, dass sie optimal nur griffmässig und vieltönig gespielt werden können. Es gibt nur wenige Saiteninstrumente, die wie etwa die Geige für reines Melodiespiel konstruiert sind.

Musikgeschichtlich ist die Lautenmusik des 16. Jahrhunderts eine Art Scharnier zwischen der horizontalen und der vertikalen Welt. Bis 1500 spielte man auf der Laute ausschliesslich horizontal. Es überwiegt die Tanzmelodie bzw. eine klare melodiöse Oberstimme. Polyhonisches Spiel ist jedoch auf der Laute schon möglich und entwickelte sich ab 1500 im Zuge neuer Musikstile. Aus der Laute ist die Gitarre entstanden. Die Stimmungen beider Instrumente zeigen Ähnlichkeit.

Im nahen Osten gibt es heute beide Spielweisen, während im Westen klar die vertikale Spielweise überwiegt. Es sei denn, man bewegt sich im Bereich sog. “Weltmusik”, in der die Melodie massgebend ist. Afrikanische Gitarren sind meist “offen” gestimmt, wobei man eine Stimmung meint, die von der normalen EADGHE-Stimmung der Gitarre abweicht. “Offen” wurde auch die sog. D-moll-Lautenstimmung genannt: EADF#HE.

Im Folk- und Jazzbereich (hier besonders beim “modalen Jazz”) sind immer schon offene Stimmungen für die Gitarre üblich gewesen. Die häufigste ist vielleicht DADGAD oder DADF#AD. Technischer Vorteil dieser offenen Stimmungen ist, dass normale Saitenstärken eines normalen Satzes verwendet werden können und nur einzelne Saiten (etwa 3) um weniges verstimmt werden müssen. So wird keine Saite überdehnt oder unterspannt. Klanglich haben wir also mit Standardsaitenmaterial keine Einbußen. Oder anders gesagt: offene Stimmungen erfordern nicht den Kauf von teureren Einzelsaiten.

Die Folkstimmung DADF#AD liefert auf allen Bünden Durakkorde. Hier ist Barrégriff angesagt, der vielen Open-tuning-Gitarristen zu anstrengend ist. Ich nehme den Mittelfinger. Man muss Akkorde ja nicht zu lange spielen: reizvoll ist ja grade auf open tuned Gitarren das Melodiespiel. Dennoch ist eine solche offen gestimmte Gitarre für die Liedbegleitung sehr effektvoll, was viele garnicht wissen. Der Sound ist satt und durch das einen Ton tiefer gestimmte E auch bassiger als bei der normal gestimmten Gitarre.

Stören tat mich bei der DADF#AD - Stimmung allerdings die Dur-Lastigkeit im Zusammenklang der Saiten. Als Moll-Liebhaber stimmte ich also F# auf F. Ergebnis: nun war der Klang doch zu traurig. nur moll war mir zu doll. Also wurde die dritte Saite nocheinmal strapaziert: sie wurde nach längerem Experimentieren zu A (bzw. die G-Saite einer normal gestimmten Gitarre wurde einen Ton höher), was die dünne Saite meiner Halbakustischen ohne Klangverlust mitmachte. Die Folge war ein Klang zwischen Dur und Moll. Bei Akkordspielen mit Barré-Finger erklangen nun Quintklänge: brauchbar für jede Art von Musik jenseits von Dur und Moll. Ein “Quintrahmen” beim Akkordspiel ohne jede Terz erlaubt besonders bei Benutzung der tieferen Leersaiten eine tongeschlechtlich neutrale und satte, grundtonbasierte Begleitung, die sich für viele Musikstile eignet. Etwa modaler Jazz, bretonische Klänge, orientalische Musik oder Mittelalter-Folk.

Puristen mögen dagegen einwenden, dass ein Stimmen von 6 teuren Gitarrensaiten auf einer ebenfalls nicht billigen Gitarre in nur zwei Grundtönen vielleicht doch zu primitiv wäre. Ich aber bin seit Jahren mit dieser Stimmung zufrieden und ändere sie nicht, nicht einmal in Richtung Dur- oder Moll-Lastigkeit. Wie auf manchen alten einfach gebauten Akkordeons die Begleitakkorde auf der Bassseite auch nur Grundton und Quint lieferten (aber fett!), so fällt mir die klanglicher Stärke meiner Gitarrenstimmung DADAAD immer wieder auf. Auf der ersten und zweiten Saite spiele ich meistens Melodie vom ersten bis weit über den 12. Bund hinaus mit unverkrampften und in Reihe gesetzten Fingern. Auf der 4. und 5. Saite habe ich dieselben harmonischen Bedingungen eine Oktave tiefer. Die 6. Saite dient bei meiner Musik als perkussiv eingesetzte Bass-Saite. Ich spiele ausschliesslich mit der Seite des Daumes, der Klang ist dann sehr weich. Der Humbucker in Stegnähe - gespielt über einen Marshall AS 50R - erzeugt Klänge, die an das Spiel auf einer indischen Sitar erinnern. Das finde ich überaus reizvoll. ich verwende daher auch die leichtesten Saiten.

Diese Stimmung eignet sich hervorragend zur freien Improvisation und zum Ausprobieren von grundtonbezogenen Skalen. Auch zum Blues. Ich habe in meinem Leben bisher zwei Gitarren verkauft, weil ich nicht mit der verkrampften linken Hand zurechtkam. Trotzdem kaufte ich mir vor Jahren noch eine halbakustische Epiphone-Gitarre und begann garnicht erst auf der Standardstimmung. Die geringe Lautstärke der leichten Saiten wird bestens mit etwas Verstärkung kompensiert. Der Einsatz von Effektgeräten liefert auch obendrein noch interessante Klänge. Der alte Spruch, dass eine E-Gitarre sich “von selbst” spiele, stimmt. Auf einer Halbakustischen lassen sich mit dem passenden Verstärker hervorragende “akustische” Klänge produzieren. Doch man hat auch alle Vorteile einer richtigen E-Gitarre. Was nicht heisst, dass “richtige” Gitarristen die Nase rümpfen…doch das ist mir schnurz.

Also: niemand muss mehr Angst haben, sich beim Gitarrespiel die Finger zu verrenken. Niemand sollte vor der “Schwierigkeit der linken Hand” zurückschrecken. Die offene Stimmung DADAAD “klingt nach was”, egal, wie kompliziert man spielen möchte. Horizontales Melodiespiel fordert zum Erfinden interessanter Melodien heraus. Gleichzeitig sind einfache Akkorde schnell gelernt (man sollte nur etwas Ausdauer mit dem Barré-Griff üben) und das Begleiten von Liedern ist sehr einfach.

Merkwürdigerweise kenne ich niemanden ausser mir, der diese Stimmung benutzen würde…..vielleicht, weil bisher noch niemand drüber geschrieben hat. Viel Spass beim Ausprobieren!

Geschrieben von Martin Rzeszut am 9. März 2006 um 9:52 Uhr

Kommentare

Dieser Eintrag kann nicht mehr kommentiert werden.