Montag, 29. Januar 2007
Mountja, Herbert Kauffeld und Karlfried Graf Dürkheim
Über das Zusichselbstkommen als Voraussetzung zum Musizieren
„Mountja ist eine kleine und sehr attraktive Tonfrau (23/17/27 bei einer Grösse von 46 cm) und steht auf meinem Schreibtisch. Sie hält ihre rechte Hand hinters Ohr und horcht….. „ schrieb ich unlängst hier im TÖNCHEN!
Diese Beschreibung meines Erkennungssymbols für die neueingeführte Kategorie „Tonsysteme“ führte bei manchen TÖNCHEN!-Lesern und Leserinnen zu interessierten Fragestellungen. Wer? - wie? - was? - Was ist eine „Tonfrau“? Und irgendwie töne es im TÖNCHEN! ja ganz schön tönern nach Ton….
Ich bin hier also eine Erklärung schuldig. Da es überall dort, wo Mountja zu sehen ist, um Tonsysteme geht, möchte ich mehreres miteinamder verbinden.
Hier geht es also um den Werkstoff Ton, den Diakon Herbert Kauffeld in Bethel bei Bielefeld, um den Philosophen Karlfried Graf Dürkheim und unser Tonystem bzw. um die Haltung des Menschen beim Musizieren. Diese sollte eine „innere“ sein.
“Nicht das Vielwissen sättigt und befriedigt die Seele, sondern das Verspüren und Verkosten der Dinge von innen her.” sagt Ignatius von Loyola.
„Da! Die Gesamtausgabe von Hermann Hesse…die brauchst Du!“ sagte Herbert Kauffeld zu mir. „Was sollen all die anderen Bücher…na ja, behalte Graf Dürkheim im Auge, der sagt wichtige Dinge.“
Herbert Kauffeld sagte das zu mir, als ich zwanzig Jahre alt war und Theologie an der Kirchlichen Hochschule Bethel studierte. Bethel bei Bielefeld ist eine Welt für sich. Bethel liegt wie eine Insel im Meer der Bäume des Teutoburger Waldes. Könnte die Schweiz sein. Könnte im Schwarzwald sein. Irgendwo in der Toskana. Abgeschottet von den grossen Verkehrsadern und nur erreichbar über kleine schmale und serpentinenreiche Strässchen. Man muss durch die „Bethelpforte“ wie durch ein kleines mittelalterliches Stadttor.
Geschlossenheit bei gleichzeitiger Welt-Offenheit war (und ist bis heute) das Prinzip, als Pastor von Bodelschwingh diese von der Inneren Mission und Bielefelder Kaufleuten im Jahre 1867 gegründeten „Bodelschwingschen Anstalten“ im Ortsteil Gadderbaum im Jahre 1872 übernahm und mit seinen Ideen wesentlich prägte.
Das Wort „Bethel“ stammt aus dem Hebräischen und bedeutet „Haus Gottes“. Bethel ist heute Deutschlands grösstes diakonisches Unternehmen. Hier arbeiten (in Bethel selbst und allen Aussenstellen im Bielefelder Umland und auswärts) rund 14000 MitarbeiterInnen für 20000 kranke, behinderte oder sozial benachteiligte Menschen.
Bethel ist eine grosse Psychiatrie mit Aufnahmebereich, Sozialstationen und Langzeitbereich. Schwerpunkte sind die Epilepsieforschung. Gerontopsychiatrie und Hospitzarbeit finden wir. Dazu Textilkunst-Werkstätten, Handwerksbetriebe wie Gartenbau, Schlosserei und Buchbinderei. Menschen, die im „normalen Leben“ hilflos wären, leben und arbeiten dort sicher und behütet. Nicht besonders bedroht vom Wahnsinn der westlichen Zivilisation. Manch „gesunder“ Mensch wünscht sich solchen Schutz im „Haus Gottes“ im grünen Teutoburger Wald.
Als Student der Theologie war ich „gesund“, merkte aber bald, dass diese Begriffe von „krank“ und „gesund“ hilflos leere Worthülsen derjenigen sind, die Angst davor haben, eventuell geisteskrank zu sein….oder anders gesagt: als gebürtiger Bielefelder sieht man Dinge eher relativ und Bethel ist halt ein Teil dieser Stadt. Man kauft hin und wieder Bücher und alte Sachen in der „Brockensammlung“, einem Lager für gebrauchte Sachen, wo Patienten arbeiten. Braucht man ein speziell geformtes Stück Eisen für das Fahrrad, geht man in die „Bethel-Schlosserei“, denn nur dort bekommt man geschmiedet, was eben nicht „normal“ ist.
Nach einem Sommer in Bethel an der Kirchlichen Hochschule erschien mir alles durcheinander: „normale“ und „kranke“ Menschen tranken Tee zusammen, Diakone und Epileptiker gingen zusammen spazieren, Theologiestudenten und Langzeitpatienten verwechselten einander in der Cafeteria und empfanden sich als ganz normal. Am Ende war nichts ungewöhnlich. Bethel ist ein Kloster des Friedens. Wer bleibt, dem passiert nichts, wer es unbedingt verlassen will, naja, der soll es ruhig wagen. Zumindest hat er ja sehr viel gelernt und nichts kann einen in der Welt des „normalen Wahnsinns“ noch gross erschüttern, wenn er für ein wenig im „Haus Gottes“ war….
Die Sorge für Obdachlose und ewige Wanderer hat in Bethel Tradition: Haus Quellenhof beherbergt „Tippelbrüder“ für drei Tage. Manchmal auch länger. Der Leiter des Hauses spielte damals Bach-Trompete und es gab dort einen alten Wanderer, der schon jahrelang auf der Walz war und Akkordeon spielte. Ein anderer spielte Bass. Dorthin zog ich dann mit meinem dicken schweren Grundig-Tonbandgerät und nahm dieses „Quellenhof-Orchester“ auf. Meine ersten Field-Recordings vor der Haustür!
Mit Obdachlosen arbeitete auch Herbert Kauffeld. Beschäftigungstherapie: kneten mit Ton. Herbert hörte zu, wenn sie redeten und verstand sie. Und Herbert konnte mitreden: schliesslich hatte er tagelange Fahrradfahrten ohne irgendwelches Gepäck hinter sich, kannte all die Tricks des Überlebens unter offenem Himmel. Sein Traum war: eine Fahrradfahrt nach Assisi ins Kloster.
Herbert war Diakon. Arbeitete jahrelang und nicht nur mit Obdachlosen. In erster Linie war er für Beschäftigungstherapie im Langzeitbereich zuständig, also dort, wo seelenpflegebedürftige Menschen im Bereich einer Psychiatrie leben und ihren Alltag gestalten mit Gartenarbeit, Holzarbeiten, Handarbeiten, Weben und künstlerischer Arbeit wie Malen, Töpfern oder Musizieren.
Herbert pflanzte mit Patienten Sträucher und Bäume. Das war sein grosses Projekt: es sollte kein Fleckchen Erde in Bethel unbepflanzt sein! Überall entdeckte er kleine Platschen purer Erde: hier neben dem Bürgersteig, dort an einer Strassenkreuzung zwischen Zaun und Asphalt, hier an dem Trafohäuschen und dort an dem Weg zwischen zwei Häusern. Stundenlang zog Herbert mich an Weidezäunen entlang zu Flächen, wo noch Bäume gepflanzt werden könnten oder zu Verkehrsinseln, die mit Blumen bepflanzt werden könnten. „Hier müsste noch…und dakönnte ja….guckmal: alles kahl da!“
Herbert lag öfters im Klinsch mit der Verwaltung des psychiatrischen Klinik-Dorfes. Er warf der Verwaltung zu grosse Nüchternheit vor: „alles pflastern die zu, alles betonieren die voll!“ Und die Verwaltung warf Herbert im Gegenzug zu grosse Selbständigkeit vor, was einem angestellten Diakon selbstverständlich nicht zustünde. Ein Hick und ein Hack! Aber Herbert ging seinen Weg mit Zähigkeit und so manches zehn Meter hohe Bäumchen in Bethel verdankt sein dreissigjähriges Leben diesem unermüdlichen Herbert!
Nachmittags oder an warmen Sommerabenden lud Herbert zu sich nach Hause ein: an seiner Terasse befand sich ein mittelgrosser Gartenteich mit Wasserpflanzen, umrahmt von einem Mäuerchen. An einer Seite befand sich eine kleine mit Steinen gemauerte Höhle, wo ein Feuerchen brennen konnte. Ein dicker fetter Buddha - aus Ton gebrannt – sass lustig blinzelnd daneben. Gartenfackeln komplettierten das Gesamtkunstwerk.
Es gab Tee, es war warm und wir luscherten auf Matratzen vor dem Teich rum: sog. „Patienten“, Theologiestudenten und Studentinnen, Mitarbeiter der Diakonie, Menschen, die noch nie da waren und Menschen, die man nur einmal dort sah. Menschen mit Geschichten, die man sofort hörte. Menschen ohne hörbare Geschichten, aber mit warmem offenen Lächeln. Alle spontan eingeladen für den wichtigsten Nachmittag und Sommerabend in diesem Leben: eben HEUTE, HIER und JETZT!
„Meditation?“ - „Ja, Meditation…du kommst zu dir selbst…mehr isses nich…aber mach das ma! Da kannste aber wat an arbeiten!“ - „Ist ganz einfach, du brauchst doch nur nichts zu machen.“ - „Und dann einschlafen, was?...neee…“ - „Nee, du guckst einfach vor dich hin und biste weg dann ohne schlafen.“ - „Kriegste Kraft dann. Ich sag dir, das macht was mit dir! Biste sonst nervös, aber du setzt dich hin und guckst auf ne Pflanze und das machste ganz lange und merkst dann, wiede normal wirst.“ Man murmelte so oder ähnlich und trank Tee und blinzelte in die Sonne.
„Wer liest mal was vor?“ fragte Herbert in die Runde. Herbert hielt ein blaues Buch hoch aus der Hermann-Hesse-Gesamtausgabe und ich las aus den „Wanderungen“ vor. Dann wurde geredet. Dann wurde mal einfach nichts gesagt. Dann las jemand aus dem Alten Testament. Dann wurde Buddha zitiert. Dann gab es Schnittchen, Herberts Frau lud zum Abendessen. Nee, ich blieb noch, was sollte ich zu Hause?
Ausserdem hatte ich kein Zuhause ausser diesem Studentenzimmer im Wohnheim. Halt, das stimmt nicht. Ich wohnte tagsüber manchmal auch in Doros Studentenzimmer, wie sie mir neulich mal erzählte. Ich war also nicht ganz allein. Also: bei Herbert wohnte ich eigentlich auch ein bisschen. Im Tonkeller, da gabs sogar eine Matratze zum Meditieren und diese Möglichkeit nutzte ich öfters.
Nach dem Essen spielte Herberts Tochter Klavier. Schön, dieser Klang im Haus! Er nahm mich mit in den „Tonkeller“: da standen unzählige kleine Tonfigürchen. Ziemlich realistisch gemacht, nicht zu abstrakt, aber schon ein bischen fundamental irgendwie. Da war was Wesentliches mit denen: sie lauschten alle. Sie guckten alle freundlich und nach innen gekehrt. Manche ein wenig zerbröckelt und mit Acetonkleber wieder zusammengeflickt. Aber trotzdem nett und pfiffig blinzelnd. Da stand auch Mountja (siehe Foto) mit „abbem Arm“...aber besser Arm ab als arm dran, nicht wahr? Sie guckte ziemlich nach innen…wer weiss, warum. Verschlossen, diese Frau. „Nein…sie meditiert! Sie schaut nach innen.“ sagte Herbert in mein Denken hinein. „So sieht das aus, wenn man meditiert. Wenn man glaubt oder besser: weiss! Die da weiss alles, das sag ich dir!“
„Menschen gehen, stehen oder sitzen mit hochgezogenem Leibe. Sie fassen beim Gehen nicht Fuß, sondern wippen, trippeln und tänzeln. Sie verneinen ihre natürliche Schwere. Sie richten sich nicht in organischer Weise auf, sondern sind mit hochgespannten Schultern nach oben „verzogen“. So wirken sie je nachdem verkrampft, aufgeblasen oder „verstiegen“. [Karlfried Graf Dürkheim]
Ein Kellerraum weiter stand ein grosser Brennofen. „Hier brenne ich die alle!“ sagte Herbert. „Ja, Martin, und dann nehme ich die auf meine Fahrten mit, die passen so ganz gut auf den Gepäckträger. Und wenn ich so hundert, zweihundert Kilometer ein paar Tage gefahren bin, dann stelle ich die in einem Wald an einen Baum oder tu die in den Fluss. Also…eine wie diese hier steht in einem Fluss und niemand weiss es (kichert). Da ist eine Eisenbahnbrücke oben, und wenn ich manchmal da mit der Bahn vorbeifahre, dann weiss ich, dass da unten eine von meinen guten Wesen steht!(kichert wieder) Das ist vielleicht witzig!“
„In beiden Fällen fehlt die das Oben mit dem Unten verbindende Mitte, der richtige Schwerpunkt. Ist er vorhanden, dann finden sich die zum Himmel weisenden und die die Erde bejahenden Kräfte zur Harmonie des Ganzen zusammen. Was oben ist, wird von unten getragen. Was unten ist, hat eine natürliche Strebung nach oben. Es wächst die Form von unten nach oben wie beim Baum, und die Krone ruht auf einem lotrechten Stamm, der breit und tief verwurzelt ist. So bekundet die rechte Haltung ein ja des Menschen zu seiner zwischen Himmel und Erde gespannten, bipolar beheimateten Ganzheit. Er klebt nicht an der Erde, aber hat Vertrauen zu ihr. Er strebt himmelwärts, aber vergißt nicht seine Erde.“ [Karlfried Graf Dürkheim]
Herbert malte auch Bilder: irgendwo zwischen Nolde, Paula Modersohn und Chagall. Grosse Augen, Menschen, die fröhlich sind, friedliche Szenen, viel Natur und Wasser. Herbert bemalte auch Schränke im Wohnzimmer mit Bildern. Und er sagte: eigentlich brauch ich das hier alles garnicht mehr, denn ich bin auf der Reise.
Ja, einmal nach Assisi mit dem Fahrrad! - “Ja, ich mach das noch! Ich schnapp mir ein paar Kumpels da vom Quellenhof und dann geht das los! Ohne Gepäck und so. Einfach nur man selbst. Und dann in Assisi bleiben. Immer!“ Ich sympathisierte ein wenig mit diesem Gedanken….doch….wovon lebt man denn?...also…sowas war für mich noch nicht dran. Ich arbeitete damals neben dem Studium schliesslich auf dem Bau. Und erst kam das Geldverdienen und der Beruf….aber man kann ja nie wissen…..
Ich spielte auch Akkordeon und Flöte und Herbert gefiel meine Musik, die aus keinen Stücken bestand, sondern voll improvisiert und im Moment gespielt wurde, so wie das gerade kam und Spass machte. Ich spielte die Gesichter der Tonfigürchen ab. Ganz einfach. Wer braucht denn noch Noten, wenn soviel Inspiration herumstand! Tönerne Inspiration. Ich machte Ton zu Tönchen. Und vielleicht wurde ja etwas später und in Herberts Händen wieder aus Tönchen Tonfiguren mit entsprechenden Schwingungen, entsprechender Rhythmik, einer tonalen Statik, einer kleinen lustigen Melodie in den verschmitzt blickenden Augenwinkeln…..
Es gab da Nixen, die am Teichrand sitzen konnten. Es gab Tonmütter mit Kindern. Es gab Sonnenanbeterinnen. Alles Frauen. Kein Mann dabei. Naja, war mir gerade recht. Kein Problem damit. Geradezu ideal! „...Hier, das ist jetzt deine,“ sagte Herbert und drückte mir eine kleine verträumte, etwa 30 cm hohe Tonfrau in die Hand, noch ziemlich jung so. Für mich, gerade 20 Jahre alt, war das das richtige Geschenk. “Pass gut auf sie auf!“ sagte Herbert.
„Die leibliche Gestalt ist Ausdruck einer gesamtmenschlichen Verfassung. So ist auch der die Mitte anzeigende Schwerpunkt, mag man auch in der Lage sein, ihn in einer bestimmten Stelle des Leibes zu lokalisieren, doch immer eine Bestimmtheit der Gesamtverfassung der Person, die sich in Leib und Seele manifestiert. Der sich im leiblichen wie im seelisch-geistigen Verhalten bekundende rechte Schwerpunkt ist also Ausdruck eines Dritten. Und was ist dieses Dritte? Eben der ganze Mensch, der sich als „Person im Werden“ in zugleich wesensgemäßer und weltgerechter Verfassung, das bedeutet auch nie endender Verwandlung, befindet.“ [Karlfried Graf Dürkheim]
Im Spätsommer 1975 verliess ich Bethel. Ich packte Campingsachen, ein Zelt, ein paar Vorräte, das Akkordeon und diese kleine 30cm-Tonfrau auf meinen grossen Fahrradanhänger (eigentlich ist das ein Motorradanhänger aud den 50iger Jahren) und verliess die grosse Psychatrie: voll geheilt vom Wahnsinn der Zivilisation und mit neuer Hoffnung auf eine neue Heimat: GÖTTINGEN!
Wir - die Tonfrau auf dem Anhänger und ich - düsten über Paderborn ins Weserbergland: das schwarze Gespann aus Fahrrad und Anhänger war etwas kleiner als das dreirädrige Motorrad vom Zampano in „La Strada“. Bei Bad Driburg sausten wir mit 80 oder so die Auto-Schnellstrasse hinunter, wo Fahrräder (geschweige denn mit überladenem Anhänger!) garnicht fahren durften. Bremsen war zwecklos, das Gespann raste! Doch wir hatten Glück. Vielleicht wars die Tonfrau im Gepäck, irgendwas half….
So, wie das Verfehlen der rechten Mitte immer eine Störung des lebendigen Ganzen bedeutet, so auch bedeutet die rechte Mitte offenbar nichts anderes als eine Verfassung, in der das Ganze sich im Spannungsverhältnis der Pole lebendig bewahrt! Wo die Mitte fehlt, fällt der Mensch von einem Extrem ins andere. Das „Verstiegene“ sackt früher oder später zusammen, den in sich Zusammengefallenen reißt es dann und wann übertrieben nach oben. Der Welt gegenüber wechselt der Mensch ohne Mitte zwischen abweisendem Abstand und haltloser Hingabe, und der im Mißverhältnis zu sich selbst Stehende pendelt zwischen Selbstauflösung und Krampf. [Karlfried Graf Dürkheim]
Herbert sah ich dann 6 Jahre später wieder. Er schien verändert, wohnte im Obdachlosenheim der Bodelschwinghschen Anstalten bei Sennestadt. Er WOHNTE da…? War er Patient? War er Therapeut? „Bin beides.“ sagte er. Herbert konnte sich erstmal nicht an mich erinnern…und dann merkte ich, dass er nicht mehr derselbe war. Er konnte sich kaum noch an mich erinnern. Vielleicht würde man das heute mit Alzheimer diagnostizieren. Vielleicht auch ist das normal, wenn man halt auf Reisen ist….
Ich fragte nicht viel und er wachte auf, erkannte mich und freute sich. Sein Zimmer hing voll mit seinen Bildern. „Ja, ich wohne hier!“ sagte er. „Hm…“ sagte ich.
„Ich baue jetzt Schiffe aus Ton.“ sagte Herbert, „die bringen einen ja hinüber, weisst du,“ und er zeigte mir ein kleines Tonschiff, frisch getöpfert. „Ja, ich mach hier auch Beschäftigungs-Therapie. Wir leben hier zusammen. Das sind alles alte Kumpels, die ich kenne. Alle auf der Walze gewesen. Manche Alkoholiker. Alle gut drauf. Ist schön hier.“ - „Hast du das denn nach Assisi geschafft?“ fragte ich.
„Nein, noch nicht!“ sagte Herbert. „Das mach ich noch!“
Wir sassen da und sprachen über alte Zeiten, über Bethel und über „die da oben“ und „die da unten“ und über Baumpflanzprojekte und all das, was ihn früher so beschäftigte. Ich erzählte vom Studium in Göttingen und dass ich manchmal im VW-Bus wohnte, weil dass praktisch wär.
Er dachte nach. “Was? Martin…du hast einen VW-Bus? Ist der hier?“ - „Ja!“ - „Komm, wir fahren!“ Er schloss seine Zimmertür ab und schlich sich durch die Pforte, wo niemand gerade niemand hinter der Glasscheibe sass. “Hoffentlich hat mich keiner gesehen!“ flüsterte er. Also…war er wohl doch eher Patient? Einfach irre, diese Welt. Herbert sitzt im Kloster…äh, im Heim…..und darf nicht raus? Na ja, wenigstens nicht bei Nacht? Könnte er sich verlaufen?
Wir stiegen in den Bus ein und ich startete den Motor. Herbert guckte verschmitzt. „Wohin fahren wir?“ Hätte er jetzt „Assisi“ gesagt, hätte ich mich überhaupt nicht gewundert. „Bethel, in die alte Wohnung.“ - „Aha.“ Also Bundesstrasse 68?? nach Norden und bei Buschkamp rechts ab übern Berg. Zum „Haus Gottes“.
Wir kommen an und Herbert schliesst die Kellertür auf. Wir gehen in den Tonkeller. “Hier,“ sagt er, „nimm sie alle mit!“ - „He? Wen?“ - „Alle Tonfrauen, die du finden kannst!“ - „Ja, ....aber, wirklich? Die willst du mir geben?“ - „Ja, klar. Aber du darfst sie niemals verkaufen, versprich mir das! Nur veschenken oder in den Wald stellen oder in’n Fluss versenken, ....wenn du sie loswerden willst.“ - „Die will ich NIE loswerden, das weiss ich, Herbert,“ war meine Antwort.
Wir packten die etwa 20 Frauchen in einen Karton und ab damit in den Bus. „So, hier ist der Ofen noch: nimm den mit! Du kannst mit Ton umgehen und son Ofen ist gut zu haben.“ - „Du, geht nich, der VW-Bus bricht durch, da is alles durchgerostet unten..nee…mann, schade auch…nee, das geht nich.“ - „Hm, was’n Jammer..dann kommt er ja weg…tja, Pech.“
Ich setzte Herbert ab an seinem Domizil. Wir sahen uns seitdem nicht mehr. Er bekam noch die Fotos von seinen Tonfrauen zugeschickt, aber ich habe nichts mehr von Herbert gehört.
„Die leibliche Gestalt ist Ausdruck einer gesamtmenschlichen Verfassung. So ist auch der die Mitte anzeigende Schwerpunkt, mag man auch in der Lage sein, ihn in einer bestimmten Stelle des Leibes zu lokalisieren, doch immer eine Bestimmtheit der Gesamtverfassung der Person, die sich in Leib und Seele manifestiert. Der sich im leiblichen wie im seelisch-geistigen Verhalten bekundende rechte Schwerpunkt ist also Ausdruck eines Dritten. Und was ist dieses Dritte? Eben der ganze Mensch, der sich als „Person im Werden“ in zugleich wesensgemäßer und weltgerechter Verfassung, das bedeutet auch nie endender Verwandlung, befindet.“ [Karlfried Graf Dürkheim]
Aber ich bin sicher, dass Herbert das hier mitbekommt, was ich geschrieben habe. Egal, auf welchem Trip er sich gerade befindet. Vermutlich hat er längst eines seiner Tonschiffe bestiegen und segelt durch das Land des Friedens.
„Wir sind hier zusammengekommen, um uns als Menschen zu begegnen, als Menschen, die wirklich ihre Religion leben, um miteinander die Erfahrungen dieses religiösen Lebens zu teilen, um einander die Bereitschaft anzubieten, aufeinander zu hören, zu verstehen, zu verändern und zu unterstützen. - Brüder und Schwestern, indem wir die Erfahrungen unseres Lebens anbieten, unser Herz, unsere Einsicht, die Erfahrungen unseres Leidens, werden wir fähig sein, etwas gemeinsam zu sein, was beweisen wird, dass Friede möglich ist….Viele haben die Religion als Ursache des Krieges verurteilt, und dennoch, die, die hier versammelt sind, glauben noch unerschütterlich daran, dass echte religiöse Erfahrung die stärkste Quelle des Friedens ist.“
Dies sprach der buddhistische vietnamesische Mönch Thich Nhat Hhan auf der Zweiten Weltkonferenz der Religionen in Löwen 1974. Er, Lasalle, Graf Dürckheim, Hermann Hesse oder Herbert Kauffeld…merkt Ihr nicht? Sie haben recht!
Und Mountja? Die „sinnt nach und ist Musik!“. Musik ist HÖREN! Musik ist FRIEDEN in sich selbst und mit sich selbst!...friedliche Musik ist wesentlich. Jeder sollte lernen, sie zu ER-HÖREN.-
Foto: M.Rzeszut, Thich Nhat Hhan-Zitat: Hugo M. Enomiya-Lassalle SJ: Kurz-Information über Zen…Aschaffenburg 1992 (4.Auflage, Schriftenreihe zur Meditation Nr. 16, S.6f.). - Dürkheim-Zitate aus Karlfried Graf Dürkheim:
Vom doppelten Ursprung des Menschen. Freiburg 1973, S. 175-182