Mittwoch, 8. Juni 2011
Mein pädagogischer Garten: Heinrich Vogeler und Célestine Freinet
Pädagogische Grundlagen der Musikwerkstatt Rzeszut
Öfters werde ich gefragt, was denn die Grundlagen meiner Pädagogik seien. Interessieren tut dies besonders die Eltern unserer kleinen Musikschüler und -Schülerinnen. Erwachsene, die bei uns Instrumente lernen sind allerdings auch an dieser Frage interessiert. Neuerdings werde ich auch in Zusammenhang mit “Projektschule Museum” danach gefragt.
Für mich selber, der seit Mitte der 1970iger Jahre sein Brot mit Technik, Musik und Pädagogik verdient, ist ein kurzes Resümee “meiner Pädagogik” in der Mitte meines 6. Lebensjahrzehnts durchaus reizvoll. Nachdem ich selbst jahrzehntelang gelernt und “genommen” habe, möchte ich nun auch einmal “weitergeben” - und wenn es auch nur Anregungen für jene Art von Lehrerarbeit ist, die selbständig denkende Menschen - egal welchen Alters - “begeistert”. Die Pädagogik, die mir persönlich am meisten liegt ist die am frühen Sozialismus orientierte Reformpädagogik der frühen 20iger Jahre und die sog. Alternativpädagogik der 60iger,70iger und 80iger Jahre.
Angesichts der gegenwärtigen pädgogischen Ratlosigkeit (besonders auf der kultusministeriellen Ebene) kommt es - wie ich meine - immer mehr auf die Initiative und Ideen Einzelner an, die im öffentlichen und privaten Schulwesen tätig sind. Das schlingernde Schiff, das sich staatliche Schule nennt, ist aus meiner Sicht ein klarer Fall für die Reparaturwerft, um die Schwimmfähigkeit wiederherzustellen. Kosmetische Reparaturen, wiederholte schöne Anstriche usw. sind auf Dauer zu wenig. Der Lack ist ab und der Kahn braucht eine sichere und ausreichende Finanzierung. Besonders wichtig: die Mann- und Frauschaft (Lehrer) sollte verdoppelt werden und Sozialpädagogen müssen an Deck. Verkleinerung der Klassen, die Einstellung zusätzlicher Lehrer/Erzieher in erheblichem Umfand und ein klares ganzheitliches Schulkonzept (etwa jenes von Célestine Freinet) könnten den alten Kahn wieder flott machen.
Schule ist wie ein Garten! Welcome to my garden! Ich mache mit Ihnen nun eine kleine Führung.
Wichtig waren und sind mir Lebensfreude, Musik, Vergangenes, die Natur, die Solidar-Gemeinschaft und Zusammenarbeit mit Menschen jeden Alters. In die Zukunft schaue ich zuversichtlich. Mein pädgogisches Ideal fasse ich hier einmal als “weltweit friedliches Zusammenleben unter größtmöglicher Freiheit und persönlicher Vielfalt” zusammen. “Gute Pädagogik” ist für mich Erziehung zum Teilen, zum Pazifismus und zum bewussten Umgang mit Gesundheit, Natur und Umwelt. Unterrichtsziel ist stets, Menschen zur Selbständigkeit, Selbsttätigkeit und Selbstverantwortung zu motivieren.
Die Ergebnisse der Reformpädagogik und der Arbeitsschule bestätigen mich in diesen Zielen. Deshalb mag ich Vogeler, Freinet und viele andere. Auch denen ging es um eine Gesamtschau der verschiedensten Lebensbereiche und der Unterricht in sozialem Verhalten, Gemeinwirtschaft und Selbsttätigkeit kam in der Beschäftigung mit Kunst und Handwerk, Gärtnern und Essen, Produzieren und Handel bzw.Tausch der Produkte zum Tragen: hier lassen sich schnell und effektiv Projekte aufbauen und hier profitieren Schüler und Lehrer direkt voneinander. Ideal ist die pädgogisch orientierte und produzierende Arbeits- und Lebensgemeinschaft, von der letztlich Stadt, Land und Region profitieren.
Leider ist es mir noch nicht gelungen, eine pädagogisch motivierte Arbeits- und Lebensgemeinschaft aufzubauen oder mich einer bestehenden anzuschliessen. Trotzdem können meine Frau und ich in unserer Musikwerkstatt in dieser Art von Gesamtschau eben auch fächerübergreifend arbeiten. Hauptsächlich aus räumlichen Gründen konzentrieren wir uns auf Musikpraxis und Instrumententechnik, doch die “Projektschule Museum” (die nicht an ein Schulgebäude gebunden ist, sich selbst noch im Projektstadium befindet und als Unterrichtsraum Museen erfordert) bietet noch mehr Raum für reformpädagogische Ansätze.
Demokratisches, selbstbestimmtes Handeln geht nicht ohne soziales Bewusstsein. Projektschule Museum bietet hier hervorragende Bedingungen: Sozialgeschichte wird erlebbar. Wir brauchen solide Kenntnis der Sozialgeschichte für ein am friedlichen Zusammenleben und am gemeinsamen Wirtschaften orientiertes Leben. Nicht nur das: Solidargemeinschaft kann effektiv nur über Selbsterfahrung gelernt - oder besser noch - verinnerlicht werden. Sozialgeschichte muss also “nacherlebt” werden: dies bietet “Projektschule Museum”.
Mit “Projektschule Museum” geht die Reise gleichzeitig in Vergangenheit und Zukunft. Möglich macht dies die rein praktische Erfahrung von Sozialgeschichte. Durch interaktives Handeln erlangen unsere SchülerInnen Handlungskompetenz und lernen Sachlagen in Geschichte und Gegenwart selbst einzuschätzen. Wer z.B. ein Haus der frühen Kolonisten im Modell nachbaut, kann sich sehr lebendig vorstellen, unter welchen Umständen diese “Migranten aus dem Süden” Ende des 18.Jahrhunderts in Schleswig-Holstein Ödland und Moore in Ackerland umwandelten. Sachinformation lässt sich während des Bastelns und Werkens hervorragend und ohne Anstrengung vermitteln.[1]
Mit etwas Gemüsegarten-Kenntnissen ausgestattet fragte mich neulich ein Schüler, warum die Kolonisten denn unbedingt extensiven Ackerbau und nicht intensiven Gartenbau betrieben hätten: es wäre ihnen vermutlich mit Gartebau bedeutend besser gegangen. Auch haperte es offensichtlich an der richtigen Integrationsbereitschaft der Einheimischen: die Einwanderer aus Hessen sprachen eine Sprache, die man in Schleswig-Holstein nicht sprach: so waren die Kolonisten schon mal stigmatisiert, bevor sie überhaupt die erste Ernte einbringen konnten. Fächerübergreifende Pädagogik bietet neue Blickwinkel. “Projektschule Museum” generiert so neuen Mut, die Zukunft mit selbstgewonnen (oder einfach an sich entdeckten) Fähigkeiten zu meistern.
“Projektschule”: der Name signalisiert einmal die Nähe zum reformpädagogisch relevanten “Projektunterricht” [2]. Das Nachbauen eines Hauses, das Einrichten eines Schulgartens, die musikalische Belebung eines Museumshauses oder eine Fahrradtour zu prähistorischen Denkmälern sind Einzelprojekte, die z.B. in die Projektwoche einer Schule passen oder für den Aktionstag im Museum geeignet sind.
Zum anderen soll diese Bezeichnung Nähe zur Idee der UNESCO-Projektschulen assoziieren, deren fest definierte Ziele mit reformpädagogischen Ansätzen nahezu identisch sind: Verwirklichung der Menschenrechte für alle, Nachhaltigkeit lernen, Umwelt schützen und bewahren, gegenseitige Toleranz, Akzeptanz und die Bereitschaft, voneinander zu lernen, Bekämpfung von Armut und Elend und das Voranbringen der globalen Entwicklung (wobei auch Nachteile oder Probleme einer globalen Entwicklung zu diskutieren sind). 1954 (und zufällig in meinem Geburtsjahr) wurde - wie ich es jedenfalls sehe - mit der Eröffnung der Helene-Lange-Schule in Hamburg eine neue Ära alternativer und reformpädagogisch orientierter Schularbeit eingeläutet. Der (gegenüber den 1920iger Jahren) deutlich erweiterte Blickwinkel war nun international und das Achten der Menschenrechte war Programm.
Ein Blick in unsere “Musikwerkstatt”: Musik sehe ich praktisch und als Sprache, um sich in Familie oder unter Freunden nonverbal verständlich machen zu können. Ich halte jeden Menschen für musikalisch. Ein erfolgreicher Musiklehrer sollte diese kreativen Kräfte beim Schüler freilegen,ihm spiegeln und bewusst machen.
Jeden Tag bin ich praktisch gefordert: ich arbeite in unserer Musikwerkstatt daran, aus jedem Menschen, der als SchülerIn zu mir kommt, das Musikalische herauszukitzeln, weil das Leben mit Musik eben großen Spaß macht. Immer versucht das Lehrer-Schüler-Team, das immer noch zu unseren soziokulturellen Normen leider gehörende ”üben! - üben! - üben!” in ein spielerisches Tönchenmachen umzuwandeln. Besonders bei Kindern unter 10 Jahren wirken sich musikalischer Wettbewerb und technisch wie geistige Überforderung destruktiv aus: sehr schnell landet das Instrument “in der Ecke”, weil es eher Schwierigkeiten zu machen scheint als das Leben verschönern hilft.
Nicht das viel gepriesene “hohe technische Niveau” ist bei uns Maxime, sondern ein (noch höheres) emotionales Niveau. Nämlich Zufriedenheit beim kreativen Musizieren. Zufriedenheit und Freude beim (Selbst-)Lernen: das sind wesentliche reformpädagogische und alternativpädagogische Ziele!
Und wesentlich für gute Laune ist der weite Blick: um gute Musik machen zu können brauchen wir einen gesunden Lebensstil und gute Ernährung: hier ist auch für unsere SchülerInnen der ökologisch organisierte (Selbstversorger-) Garten interessant, in dem ich u.a. etwa die Gartentechnik von Gertrud Franck [3] vorführe und die Komposttechnik nach Leberecht Migge [4].
Geräte und Gegenstände des täglichen Lebens (z.B. Musikinstrumente und Werkzeuge) müssen wir - aus Spar- und Umweltgesichtspunkten - in hoher Qualität kaufen, damit sie lange halten. So sollten also auch unsere SchülerInnen etwas von Technik und Eigenbau von Gegenständen des täglichen Bedarfs verstehen und die Merkmale von “Qualität” schätzen lernen. Hier kommt der Werkunterricht ins Spiel. Natürlich repariert hier jeder Musikschüler sein, jede Musikschülerin ihr Instrument selbst.
Unter “Musikwerkstatt” verstehen wir eine Stätte, an der sowohl musiziert als auch gewerkelt wird. Die Professionalität einer in unserem Hause befindlichen “Werkstatt” (im wesentlichen Holz/Feinmechanik) gibt unserem Unterricht eine sehr praktische Dimension: denn nur, wer sein Instrument technisch durch und durch “begriffen” hat, also seine physikalische Wirkungsweise und seine technische Funktionalität kennt, kann es wirklich auch spielen. Also nehmen hier unsere SchülerInnen Akkordeons auseinander, entrosten alte Stimmplatten, lernen das Stimmen mit der Feile und lernen eine ganze Menge nebenbei über Stahlsorten, Luftspaltbreiten, die Centskala und Messtoleranzen. Sie lernen mit Schraubenziehern und Schieblehren umzugehen. Vor allem können sie sich jederzeit selbst helfen, wenn ein Ton nicht kommt oder eine Taste, ein Knopf klemmt. Auch Technikseminare werden regelmäßig bei uns veranstaltet.
In der Musikwerkstatt ist es das Musizieren in der Gruppe, das Sozialisierung, Kompromissbereitschaft und Konsensdenken fördert. Alle sitzen im Sitzkreis in der “ersten Reihe”, aber alle sollten harmonisch miteinander musizieren können oder: zurecht kommen.
Musik selbst erfinden! Diese wichtige Forderung ist einer der Kernpunkte der Freinet-Pädagogik - und das nicht nur für kleine Kinder. Bevor man nicht seine “eigene Musik” entdeckt hat, ist der Zugang zu existierender Musik schwierig. Tönchen suchen auf diversen Instrumenten, spontanes Singen! Musik genießen - wirklich freies Musizieren, frei von Regeln und Theorien. Denn erst war die Musik, dann kam jemand und analysierte sie. Eigentlich vielleicht nur aus der Angst heraus, sie nicht festhalten zu können, weil sie so schnell verfliegt…
Pädagogische Erfahrungen sammeln ist vergleichbar mit der Bestellung eines Gemüsegartens: man freut sich über Anregungen, probiert aus was andere probiert haben, tauscht gärtnerisches Feinwissen aus, steckt andere Gärtner mit guten Ideen an. Im letzteren Sinne ist auch dieser Artikel gemeint. Entsprechend symbolhaft das Foto unseres Öko-Gemüsegartens mitten in einem Kleingartengelände im Kieler Grüngürtel, den Leberecht Migge aus Worpswede während der frühen 1920iger Jahre aus reformpädagogischen Ansätzen heraus stadtplanerisch konzipiert hat (“Gartenstadtgedanke”). In diesem Garten, in dem nicht mit Giften und Chemie gearbeitet wird und in dem jede Pflanze ihre Bedeutung und Aufgabe hat, genieße ich die Gartenarbeit, komme zur Ruhe und bereite mich auf meinen Unterricht vor. Sog. “Unkraut” gibt es hier nicht…
Prüfen wir doch einmal die Bodenqualität unseres Gartens. mit regelmässiger Kompostdüngung erreicht man sehr bald die hervorragende Qualität eines Waldbodens. Darum geht es in meinem Gemüsegarten.
Meine Interessen an Pädagogik bzw. meine “Lieblingspädagogik” basiert auf sehr viel Lebenserfahrung und intensivem Studium. Da ich Arbeit und Privatleben nicht trennen kann, gehen meine ersten pädagogischen Studien in meine frühe und spätere Kindheit zurück. Hier wurde mein “pädagogischer Garten” sozusagen geplant und angelegt.
Mein Vater war Tüftler und Bastler, meine Mutter Volksschullehrerin. Beide schwelgten für “Kultur”. Meine Erziehung war “fächerübergreifend” und hatte stets praktischen Bezug: Haus bauen, Musik machen, Radiotechnik, Gartenarbeit, Autobasteln, Literatur, Zeitgeschichte. Apropo Geschichte: die Geschichte der Nazizeit bekam ich als großes Beispiel für Gewalt gegen Menschen, für Missachtung aller ethischen Grundlagen, für verbrecherisches Handeln von größenwahnsinnigen Politikern aus allererster Hand serviert. Mit Ende des letzten Weltkrieges waren mein Vater 20 und meine Mutter 27 Jahre alt.
Meine antifaschistische Arbeit hat also sehr reelle Wurzeln….und: man hat mich zu einem kritischen Staatsbürger erzogen, der demokratisch denkt und den elementarkommunistische “Visionen” immer zum praktischen Ausprobieren herausfordern - stets in der Hoffnung, dass unsere bundesrepublikanische bzw. europäische Gemeinschaft einmal bitte kapiert, worum es im Leben geht: nicht um Reichtum und Macht, sondern um Gleichverteilung aller Mittel, Umgang mit natürlichen und gemeinsamen Ressourcen “nach Augenmaß” (um dieses Modewort einmal zu benutzen) und vor allem ohne Krieg und Diktatur. Ich bin sehr empfindlich gegen rechtsextreme Meinungen, die sich neuerdings quer durch alle Gesellschaftsschichten ausbreiten…[5]
Wobei ich ergänzen muss: die kapitalistischen Strukturen, die mir zur Zeit auch sehr unangenehm entgegenwehen (“Heuschrecken”), tragen durchaus schon prädiktatorische Züge, weil sie Politik direkt und geradezu gewalttätig beeinflussen und Demokratie und Mitbestimmiung zur Farce werden lassen. Der wahlmüde Mitmensch wird vom scheinbar blühenden Wohlstand digital perfekt eingeschläfert, und das nahezu zur Bewusstlosigkeit (Stichwort Atomkraft). Wo soll da noch für Autonomie, Selbstbestimmtheit, Selbstbewusstsein Platz sein?...doch die Hoffnung stirbt bekanntlich immer zuletzt.
Meine Mutter war Reformpädagogin und machte Waldorfunterricht in der staatlichen Volksschule, ohne groß zu fragen. Mein Vater begann als Laborant in der pharmazeutischen Industrie und schaffte es wegen seiner wahnsinnigen Technikbegeisterung bis zum Ingenieur, der dauernd Erfindungen machte, die andere dann wirtschaftlich nutzten, nur nicht er.
Ich war drei Jahre alt und konnte nicht nur Noten mit der Blockflöte abspielen, ich konnte auch eigene Stücke erfinden. Mit 6 Jahren schrieb ich meine ersten Kompositionen am Küchentisch: Melodien mit vier Takten. Ansonsten bearbeitete ich Gitarren mit Teelöffeln wozu meine Mutter mit Schellenbändern an den Füßen durch die Wohnung hüpfte. Meine Mutter war Spezialistin für Orff-Musik. Im Alter von 8 Jahren genoss ich es, mit meinem Tamburin ein ganzes Flötenorchester auf Geschwindigkeit zu bringen, wenn der Schulrat mal wieder zu einer Feierstunde erschien.
Mein Vater brachte mir bei, wie man das Getriebe einer Isetta 250 ausbaute und das Kardangelenk zum Kettenkasten der Isetta. Ich lag stundenlang schraubend (und schnaubend) unter diesem Auto - aber nur ich konnte das Getriebe ausbauen, denn ich hatte kleine Hände (sagte jedenfalls mein Vater). Ich war damals 10 Jahre alt.
Mit 13 Jahren brachte ich mir selber das Akkordeonspielen bei und ich weiss daher genau, welche Vor- und Nachteile autodidaktisches Arbeiten hat.
Im Alter von 14 Jahren wurde ich verpflichtet, zusammen mit meinen Eltern ein abbruchreifes altes Fachwerkhaus zu entkernen und so umzubauen, dass ein neues Haus im alten entstand: von aussen Museum, von innen modern. Es ging nicht ohne Praktika bei Schreinern und in einer Zimmerei ab. Ich lernte Fachwerkbau und es tat im Rücken weh…bis heute!
Mit 16 stand ich in der Feinmechanikwerkstatt meines Vaters im blauen Kittel an der Werkbank und testete frisch gebaute medizinische Apparaturen (Impfpistolen).
Was mir mein Vater vor allem beibrachte war: “alles musst du selbst reparieren können!”. Die Botschaft meiner Mutter: “das ganze Leben ist Pädagogik und ohne Musik und Kunst ist niemand glücklich.”
Das Bestellen von Gärten (egal ob Blumen oder Gemüse) war seit frühester Kindheit eines meiner Hauptinteressen. Die “Solidargemeinschaft der Pflanzen” forderte Liebe, Mitgefühl, Hilfe, Einsatz und Durchhaltevermögen. Deswegen mag ich bis heute Schulgärten - übrigens ein typisches Element aller Reformpädagogik. Es gibt in Schleswig-Holstein viel zu wenig Schulgärten, eine Menge dagegen in Baden-Württemberg [6].
Meine Studienjahre in Göttingen waren fächerübergreifend oder “interdisziplinär”: ich konnte locker Theologie mit Archäologie verbinden. Ethnologie, Kunstgeschichte und Musikwissenschaft rundeten mein Interessenspektrum ab. Bis die PH in Göttingen Mitte der 1980iger Jahre geschlossen wurde, genoß ich dort eine hervorragende Ausbildung zum Werklehrer, der auch in Architektur beschlagen war. Im Allgemeinen Schulpraktikum (des Studienganges Grund-/Hauptschule) lernte ich praktische Freinet-Pädagogik kennen und schätzen.
Mein damaliger Brotberuf im Rahmen der Ur- und Frühgeschichte (1975 bis 1990) machte mich fit im analytischen Denken, im technischen Zeichnen und in der Sachfotografie, die sich bald in Richtung künstlerische Fotografie entwickelte. Sehr viel später und nach einem langen Auslandsaufenthalt (Schottland) drückte ich noch einmal die Schulbank und machte mein Waldorflehrer-Diplom.
Das soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass ich von der Person Rudolf Steiners wenig halte. Was er entwickelt hat und wofür er gefeiert wird, lag in der pädagogisch-geistigen Strömung der Zeit. Dass er als Pädagoge Gehör bekam, lag m.E. an der gesellschaftlich nicht unerheblichen Rolle der Anthroposophie. Mit jenem vom Waldorflehrer erwarteten anthroposophischen Tunnelblick kann ich nichts anfangen. Ich habe etwas gegen geistige Gleichschaltung. In der Heilpädagogik sehe ich allerdings sehr gute Ansätze.
Meine (allgemein)reformpädagogisch orientierte Mutter war nicht ausgebildete Waldorflehrerin, setzte aber Waldorftechniken in der Staatsschule erfolgreich um. Andrerseits habe ich zahlreiche Waldorflehrer kennengelernt, die um einiges realitätsbezogener arbeiteten als die fundamentalistisch an Steiner orientierten Anthroposophen. Meine Erfahrung ist, dass die Waldorfschule immer schon ein guter Nährboden für andere reformpädagogische Strömungen und deren Anhänger war. Schade finde ich, dass der bei uns übliche Waldorfschul-Enthusiasmus bei Eltern dazu führen kann, dass andere wertvolle reformpädagogische Ansätze oder komplette Schulsysteme (wie etwa die Freinet-Schulen in Belgien) einfach übersehen werden.
Eine wichtige Schule des Lebens war für mich meine Zeit in Schottland (1988 bis 92). Ich spielte Drums und Akkordeon in mehreren Tanzbands in Edinburgh, Glasgow und bis in die Highlands hinein. Ich arbeitete als “experienced excavator” archäologisch auf Siedlungsgrabungen, ich baute eine Akkordeon-Reparaturwerkstatt auf und arbeitet zwei Jahre lang auf einer Ökofarm (Pillars of Hercules/Fife), was einer kompletten Ausbildung im ökologischen Gartenbau gleichkam, zumal der Betreiber der Farm Bruce Bennett auch mit einen Lehrauftrag für ökologisches Gärtnern betraut war. Fünf Jahre lang sprechen, denken, arbeiten, Karriere machen in einer zweiten Sprache kann ich nur jedem empfehlen. Mein pädagogischer Garten bekam eine sehr praxisorientierte Ausrichtung und ökologischen Gartenbau lernte ich wahrsten Sinne des Wortes. Heute ist diese Ökofarm im originalen Sinne eine “Arbeitsschule”. Ich freue mich, dass ich vor 20 Jahren mitgeholfen habe, sie aufzubauen. [7]
Man muß nach diesem kurz skizzierten “offiziellen Lebenslauf” wirklich nicht daran zweifeln, dass ich mit allen Wässern des Lebens gewaschen wurde. “Meine Pädagogik” umfasst fast alle Bereiche des Lebens und jedes Material (Holz, Pflanze, Haus, Auto, Elektrik usw.) und erfordert eine eigene Art des pädagogischen Herangehens. Ich nenne das “Erfahrung im Umgang mit dem Material”. Was ich selbst erfolgreich gelernt habe, bringe ich auch erfolgreich meinen SchülerInnen bei. Motivation ist stets “Anwendbarkeit im realen Leben”, “sich zu helfen wissen”, “Durchblick bekommen, wie was funktioniert”,“sich selbst einen Stuhl bauen, auf dem man sitzen kann”.
Die Motivation meiner Schüler gelingt also nicht allein wegen meines pädagogischen Wissens, sondern weil ich “das Material kenne” und meine Erfahrungen weitergebe. Ich weiss, worüber ich rede. Schüler merken genau, ob der Lehrer da mogelt oder nicht. Weiss der Lehrer etwas nicht, so kümmert sich der Schüler um die Aufarbeitung der Information. Beide sind danach einen Schritt weiter und freuen sich über gute Zusammenarbeit.
So lässt sich das Interesse an Sachverhalten wecken: man beginnt zu erzählen. Man muss als Lehrer immer damit rechnen, dass das Sachgebiet jederzeit wechseln kann. Die Kunst besteht dann im Zurückfinden zum Ausgangspunkt, ohne dass das Interesse beim Schüler verloren geht.
Ein guter Pädagoge - so wie ich ihn mir vorstelle - ist jemand, der vertrauensvoll signalisieren kann: “was wir im Unterricht machen, brauchen wir für das Leben ganz praktisch und sachlich. Wir alle lassen uns jetzt mal auf einen spannenden Prozess ein, aber ich bin sicher, dass es gelingen wird und wir heute im Möbelbauprojekt einen Stuhl hinbekommen, auf dem wir sitzen können. Wird es zufällig ein Tisch…? Macht nichts, der Stuhl wird dann das nächste Projekt sein! Das müsst ihr dann in euren Arbeitsgruppen selbst regeln.”
Ich weiss auch nicht, warum ich in meinem pädagogischen Garten hier eine Reihe Bohnen gesetzt hatte und nun wachsen dort Erbsen….aber das ist schliesslich realistisches Leben. Richard Senett sagt: “Für den Praktiker ist besessenes Streben nach Perfektion ein sicherer Weg zum Scheitern.” [8]
Mein pädagogischer Garten wird öfters von Stürmen durchzaust. Aktuelles Problem: soll/darf/kann ich ich als Betreiber einer privaten Musikschule eine “Atomkraft - Nein Danke!”-Fahne zum Fenster heraushängen? Mein Unterricht soll weitestgehend unpolitisch bleiben (...falls das überhaupt geht…), schliesslich muss jeder selbst wissen…usw…usw. Nein, die Fahne hängt seit Wochen und das Ergebnis ist gut: ich habe Schüler, die mit mir darüber ein Gespräch anfangen. Der nukleare Sturm aus Fukushima gibt meinem fächerübergreifenden Unterricht neuerdings zusätzlichen Schub. Schliesslich müssen genau jene 14, 16 oder 20jährigen noch den nuklearen Schrott entsorgen, den meine Generation ihnen seit 50 Jahren hinstellt und um den wir uns in 50 Jahren garnicht mehr kümmern können….nein, die Flagge bleibt solange an der Schule, bis zweifelsfrei klar ist, dass diese Bundesrepublik auf nuklear generierten Strom wirklich verzichten tut! Und es ist wirklich spannend: eine Schlagzeugstunde beginnt jetzt durchaus einmal mit 10-Minuten-Technik-Talk über Kühlwasserkreisläufe, Kernschmelzen und Montagsdemonstrationen…Motivation zum Selberdenken! Trotzdem: Ideologisierung per Unterricht läuft bei mir nicht (was meine Hauptkritik an der Waldorfschule ist). Ideologien diskutieren? - gern und jederzeit.
Jeder pädagogische Gärtner hat seine Gartenlehrer im Kopf und meistens dann auch deren Werke im Bücherregal. Was sind meine? Hier eine Auswahl, die ich für das Verständnis meiner Pädagogik für aufschlussreich halte:
Der erste interessante Schullehrer begegnete mir kurz vor meinem Abitur (...auf einem altsprachlichen Gymnasium). Es war das “Tutorentreffen” (Oberstufenreform 1973) und der spätere Leiter eines Bielefelder Gymnasiums improvisierte zu Hause auf dem Klavier, und beim Bier schwätzten wir über alles andere, nur nicht die Schule. Diesen Lehrer habe ich bis heute ins Herz geschlossen. Ich konnte ihm menschlich vertrauen, er war ohne Hintertürchen, ich lernte Offenheit und Vertrauen. Er ist mit dafür verantwortlich, dass aus mir ein Pädagoge wurde.
Bethel bei Bielefeld: Herbert Kauffeld. Diesem Diakon, Maler und Philosoph, der mit Patienten in der BT Tonfiguren knetete und in ganz Gadderbaum nach geeigneten Ecken und Plätzen suchte, um (natürlich auch wieder zusammen mit Patienten) an allen erdenklichen Leerstellen (entlang Zäunen, an Bürgersteigen, auf Parkplätzen…)Bäume oder Blumen zu pflanzen, habe ich vor einiger Zeit einen kompletten Artikel gewidmet [9]. Er war der gute Geist des Klinikdorfes und brachte uns Studenten Hermann Hesse, Buddha und Jesus näher. Er selbst war ein Revolutionär des Geistes und befand sich im steten Klinsch etwa mit der knochentrockenen Verwaltung der Bodelschwinghschen Anstalten, die damals keinen Sinn für ökologisches Bewusstsein und Strassenbegleitgrün auf Mikroflächen hatten. Sein unbedingter Pazifismus hat mich begeistert. Seine Tonfiguren gehören zu meiner Familie.
Mahahatma Gandhi konnte ich leider nie persönlich kennenlernen - aber Sie kennen ihn hoffentlich!
Heinrich Vogeler, Worpswede. Leider war es mir nicht vergönnt, im Rahmen seiner Arbeitsschule Barkenhoff zu arbeiten, ich hätte das gern getan. Er war ein liebevoller Lehrer und “Vater” für jene Kinder, die aus den Ghettos des Hungers, aus den Arbeitersiedlungen der großen Städte auf seinen Hof landverschickt wurden. Die “Kommune Barkenhoff” war eine Kombination reformpädagogischer Ideen mit einem Wohnprojekt in Selbstverwaltung. Kinder lernten hier eine Gemeinschaft kennen, in der es weder Wettbewerb noch Hass, weder Geld noch privaten Besitz geben sollte. Vogelers starke Haltung resultiererte aus der Synthese christlicher Werte mit fundamental kommunistischen wie Teilen, Konsenslösungen, gegenseitige Hilfe, Besitzlosigkeit und Bargeldlosigkeit. Für ihn waren Kommunismus und Glauben kein Widerspruch. Vor den Nazis flüchtete er nach Russland. Er glaubte bedingungslos an das Gute und den “neuen Menschen” und an die Verwirklichung des Ur-Kommunismus. Er scheiterte letztlich an den Hierarchien des Sowjetkommunismus und verhungerte als missachtetes Opfer des Stalinismus in Kasachstan. Seine Vorstellungen und Postulate zu Gemeinwirtschaft, Nächstenliebe und Nächstenhilfe, Leben im Einklang mit der Natur und gärtnerische Selbstversorgung sind wesentliche Reihen meines pädagogischen Gartens.
Heinrich Vogelers “Arbeitsschule” war keine Erfindung von ihm: dieser reformpädagogische Terminus war besonders wegen der überall in den Industriezentren entstehenden Armut nach dem Ersten Weltkrieg allgemein in der Diskussion. Für Vogeler lag es deshalb nahe, seine Lebens- und Wirtschaftsgemeinschaft als “Arbeitsschule” zu bezeichnen, denn es gab Holz- und Metall-Werkstätten, Garten- und Feldbau und gekocht wurde gemeinsam. Das große künstlerische Umfeld bot entsprechende Erziehungsmöglichkeiten. Der Barkenhoff war ein Treffpunkt von Schriftstellern, Malern und Philosophen, Handwerkern und Landarbeitern. Kinder aus den Arbeiterslums der von der Rezession gebeutelten Industriestädte wurden eingeladen, ihre Ferien auf dem Barkenhoff zu verbringen, sich sattzuessen und nebenbei spielerisch zu lernen, wie man einen Selbstversorgergarten anlegt. Wieder zuhause konnten sie dieses Wissen wiedrum in Tausenden von Schrebergärten und zusammen mit ihren Familien umsetzen. [10]
Als Begründer des Begriffes “Arbeitsschule” gilt Georg Kerschensteiner, der Anregungen von Pestalozzi in die Praxis umsetzte. Bereits um 1900 gründete er die ersten “Arbeitsschulen” als Vorläufer der späteren Berufsschulen. Die damals noch aktuelle “soziale Frage” forderte eine umfassende Bildung und Erziehung jugendlicher Schulabgänger besonders in den industriell geprägten und teilweise verarmten Großstädten. Die Arbeitsschule sprang hier ein, indem sie ein Sozialisierungsangebot für von Armut und Krankheit gezeichnete Bevölkerungsschichten bereithielt und berufsorientierte Weiterbildung empfahl.
Kerschensteiner kam selbst aus ärmlichsten Verhältnissen und kannte die Not. Ihm war aus eigener Erfahrung klar, dass erfolgreiche Pädagogik nicht mit trockener Wissensvermittlung, sondern über die handwerkliche Praxis gelingt (“Medium der Wirklichkeit”). Unterricht soll anschaulich sein und zur “Selbsttätigkeit” motivieren. Durch strengen Bezug zur realen Arbeitswelt wurde das Gelernte auch direkt anwendbar und aus der Schule durchaus auch eine Produktionsstätte: “In Werkstatt und Küche, im Garten und auf dem Felde, im Stall und am Fischerboote sind sie stets zur Arbeit bereit.” lobt Kerschensteiner seine Schüler im jugendlichen Alter [11]. Neben elementarem Physik- und Chemieunterricht stand der Werkstattgedanke im Zentrum: Holz- und Metallwerkstätten, Küchen und Schulgärten boten ein reichhaltiges Fächer-Spektrum. Die Arbeitsschule bedeutete für Kerschensteiner eine “Schule der Zukunft” und seine Schüler sollten “brauchbare Staatsbürger” sein. Kerschensteiner ging es mit seiner Werkstatt-Erziehung vornehmlich darum, im Laufe von gut durchgeplanten Produktionsprozessen etwa einen Nistkasten von der Planung zum fertigen Produkt unter grösstmöglicher Sparsamkeit von Material und Arbeitszeit zu bauen.
Der Sozialist und Mitglied der SPD Paul Oestreich gehörte zum “Bund entschiedener Schulreformer” (Beitritt 1919). “Die elastische Einheitsschule” war sein Thema auf der Reichsschulkonferenz 1920. Für ihn war die “Arbeitsschule” zusammen mit “Lebensgemeinschaftsschulen” und der “Karl-Marx-Schule” Ausdruck einer “neuen Pädagogik”. Vogeler proklamierte den “neuen Menschen”....
Ein anderer Vertreter der Arbeitsschule war Pavel Petrovic Blonskij, Dozent für Psychologie und Philosophie an der Staatsuniversität Moskau. 1921 wurde Blonskijs Schrift “Die Arbeitsschule” vom Russischen ins Deutsche übersetzt. Es liegt nahe, dass dieses Werk für Vogeler wegweisend wurde, denn bis 1920 war der Barkenhoff noch eine “Arbeitsgemeinschaft”, ab 1921 eine “Arbeitsschule”.[12] Blonskij vertrat die sog. “Komplexmethode” oder auch “Projektmethode” als Kern seiner Produktionsschule. Heute ist Projektarbeit aus den Curricula nicht mehr wegzudenken, damals war es etwas Revolutionäres im Schulwesen.
Blonskij ging es bei seiner Produktionsschule um das Lehren wirtschaftlicher und industrieller Produktionsweisen des 20. Jahrhunderts. Er argumentiert (mit Karl Marx), dass der Mensch seine Erfüllung in der Arbeit findet und man die Trennung von Hand- und Kopfarbeit nicht akzeptieren dürfe. Klassengegensätze sollen aufgehoben werden. Produktion und Unterricht sollen miteinander gekoppelt sein. Schule sollte Wohnraum und Arbeitsraum zugleich sein. Blonskijs Erziehungsziel ist Ganzheitlichkeit. Schüler seiner Schule sollten polytechnisch, wissenschaftlich und philosophisch ausgebildet sein (“Arbeiterphilosoph”). Interessant auch auch die Betonung einer gegenseitig starken Verbindung von Schule, Gesellschaft und Wirtschaft.
Johann Heinrich Pestalozzi, Maria Montesorri und Pestalozzis Schüler Friedrich Fröbel gehören ebenfalls zu den Architekten meines pädagogischen Gartens. Deren Ideen waren für die Reformpädagogik der 1920iger Jahre ebenso wesentlich wie für die “alternative Pädagogik” der 1970iger. Auch die “Arbeitsschule” wäre bei diesen Protagonisten sicherlich gut angekommen, als alle in der praktischen und experimentellen Arbeit einen hohen pädagogischen Wert sahen. Allen gemeinsam war auch als pädagogisches Ziel die Erziehung zur geistigen Autonomie. Darauf im Einzelnen einzugehen führt hier allerdings zu weit.
Leberecht Migge, Gartenarchitekt und Versuchsgärtner in Worpswede war nach Vogelers (politischer) Einschätzung “erzkonservativ”, aber immerhin arbeiteten Vogeler und Migge gartenbautechnisch zusammen. Migge entwarf Strategien zur Kompostbildung, Frühbeettechnik und zur Anlage von Tomatenterassen. Vogeler setzte diese Konzepte mit seinen Kommunarden und den Kindern der Arbeitsschule in die Realität um. Migge hatte sehr gute Ideen und war auch stadtplanerisch ein äusserst kompetenter Mann. Nicht nur seine Technik der Kompostgewinnung, auch seine Ideen von “Gartenstadt” und “Selbstversorgersiedlung” haben mich bereits Mitte der 1980iger Jahre überzeugt.
Der Zufall wollte es, dass ich heute in einer Stadt lebe, die maßgeblich und nachhaltig von Leberecht Migge durchplant und mitgestaltet wurde. Ich lebe in Kiel in dem von Migge nach Gartenstadtmaximen konzipierten “Grüngürtel” in einer ehemaligen Selbstversorgersiedlung und gehe gern durch die von ihm geplante Selbstversorgersiedlung Hammer. Ich wohne in einem Typen-Siedlungshaus, das auch Migge gut fand und in Hammer bauen ließ. Ferner bewirtschafte ich meinen ökologischen Schrebergarten (meinen Lehr-Garten) in einem Bereich des Vieburger Gehölzes, den Migge damals Anfang der 1920iger für Schrebergärten im Interesse der Selbstversorgung der Bevölkerung Kiels freigegeben hatte. [13]
Henryk Goldszmit oder “Janusz Korczak”, Arzt, Buchautor und Pädagoge. Er war Leiter eines Waisenhauses und bildete im Rahmen einer alternativen Schule Sonderschullehrer aus. Pädagogik war für Korczak nicht eine vom Leben losgelöste Wissenschaft über das Verhalten des Kindes und wie man es unterrichten solle. Pädagogik ist für ihn vielmehr die Stärkung des Ichs beim Kind und die Erziehung des Erwachsenen zum Verständnis für das Kind. Man führt es in eine Situation, in der es lernt, selbst zu entscheiden. Das Suchen des eigenen Weges und den Mut dazu diesen zu finden - darum geht es. Eigene Techniken finden, um Probleme zu lösen. “Fröhlich” sein: die Gefühle des Kindes müssen im Zentrum jeder pädagogischen Arbeit stehen. Eines seiner Werke heisst: “Wie man ein Kind lieben soll”. Weitere Themen: die Erziehung zum demokratischen Denken und Handeln (“Kinderparlament”), Kinderrechte und die Selbstbestimmung des Kindes. 1942 wurde er in Treblinka von den Nazis ermordet, weil er Jude war. Er ging zusammen mit “seinen Kindern” fröhlich singend in die Gaskammer….
Célestin Freinet hat mich mit seiner “Schule des Volkes” besonders deshalb angesprochen, weil er mich in meinen ganz persönlichen Themen wie “Musikerziehung”,“Umgang mit der Natur”, “Lernen aus der Natur”, Erziehung zur Selbständigkeit und zum demokratischen Handeln methodisch und didaktisch am ehesten bestätigt und stützt. Seine von ihm formulierten und bis heute in der Freinet-Bewegung “10 geltenden pädagogischen Grundsätze” sprechen mich sehr an:
“1. Die SchülerInnen haben das Recht auf ihren eigenen Lernprozeß, ihre eigene Entwicklung und ihre individualität. Dies gilt besonders auch für ausländische Kinder und Kinder anderer Muttersprache.
2. Die Verschiedenheit der Lernenden ist eine Bereicherung - ihre “Gleichschaltung” ist verderblich.
3. Die Lernenden haben das Recht auf ihren eigenen Lernrhythmus.
4. Das Lernen soll Freude machen und in Erfolgserlebnissen münden.
5. Selektion aufgrund von Konkurrenz und Mißerfolg soll so weit wie möglich abgebaut werden.
6. Nicht Übernahme “fertiger” Ergebnisse, sondern eigenes Experimentieren und “tastendes Versuchen” sind Ziele des Lernprozesses.
7. Nicht Indoktrination durch vorgegebene “Schulbuch-Weisheiten”, sondern eigene kritische Untersuchungen der Wirklichkeit sollen das Denken der SchülerInnen bestimmen.
8. Die SchülerInnen sind InitiatorInnen und OrganisatorInnen ihres eigenen Lernprozesses (mit Hilfe von individuellen Arbeitsplänen, Arbeitsmaterialien zur Selbstkorrektur, freien Texten und individueller Bewertung von Lernfortschritten).
9. Das Lernen der Klassengruppe soll in gemeinsamer Verantwortung kooperativ organisiert werden.
10. Die Selbstregulierung von Konflikten erfolgt im Klassenrat.” [14]
Es würde hier zu weit führen, detailierter auf Freinet-Methodik einzugehen.
Und ich weiss, ich wiederhole mich hier bewusst, weil ich es für so wichtig halte: mir als Musiklehrer gefällt der erklärte methodische Grundsatz “freier Ausdruck auf allen Ebenen”. Musikalisch sind hier besonders “freies Experimentieren mit Klangkörpern” und “Lieder selbst erfinden” Hinweise auf im wahrsten Sinne des Wortes “freien” künstlerischen Ausdruck, wie er auch in unserer Musikwerkstatt praktiziert wird. Unter “Lernen durch Handeln” versteht der Freinet-Pädagoge auch “produktiven Umgang mit Technik”, so z.B. die Herstellung eigener Musikinstrumente oder das Verstehen technischer Zusammenhänge. So lernen meine Schüler z.B. das Reparieren und Warten ihrer Musikinstrumente. Technik ist bei uns Bestandteil des Musikunterrichts.
Ich meine auch, dass Freinets Ideen nicht nur auf die Erziehung in der Primarstufe passen. Man kann mit Freinet-Technik Menschen in allen Lebensaltern erzieherisch helfen. Faszinierend finde ich auch die Kooperation aller Freinet-Lehrer national und international (“Lehrerkooperative”).
Die Aktualität des an Freinet orientierten Unterrichts ist z.B. angesichts eines erdrückend populären und staatlich geduldeten Rechtsextremismus, angesichts zurückgehender Wahlbeteiligung, kapitalkräftiger und zunehmend die Politik manipulierender Seilschaften, angesichts einer wachsenden Oberschicht, die auf unser aller Geld und Ressourcen sitzt und angesichts eines neubeschworenen Nationalgefühls in “Deutschland” unübersehbar aktuell: unsere alte Bundesrepublik braucht dringenst genossenschaftliches Denken, mehr gewerkschaftliche Kontrolle, Erziehung zur Mitbestimmung im Sinne eines selbständig denkenden und friedlich gestimmten Staatsbürgers, der sich allein mit einer Handvoll von sehr ähnlich redenden Parteien nicht zufrieden gibt. Freinets Lernziele sind sehr wohl dazu geeignet, aus der unpolitischen Schafherde kritisch denkende und aktive Demokratiebürger zu machen. Zumindest ist dies meine Hoffnung, dass da über eine gute Pädagogik noch etwas zu machen sei…
Ich glaube - und wir sehen das eigentlich alltäglich in der Tagesschau - , dass Machtstreben und persönliche Karrieren das Ende einer jeder politischen Partei sind, weshalb sich m.E. auch garnicht in eine politische Partei einzutreten lohnt. Eher gründet man besser selbst eine - und das am besten auf Zeit.
Célestine Freinet jedenfalls gehörte wie Heinrich Vogeler zu jenen fundamental kommunistisch orientierten Pädagogen, die sich eher an der (z.B. als “urchristlich” definierten) Gütergemeinschaft orientierten und den Parteistrategen irgendwann lästig wurden, die solches selbstlose Teilen als zu naiv empfanden. So wurde der nach heutigen Maßstäben linksradikale Vogeler im Alter von 57 Jahren (1929) nach längerer Mitgliedschaft und aktiver Mitarbeit aus der DKP ausgeschlossen, weil er christlich dachte und sich nicht linksextrem genug zeigte. Freinet wurde im Alter von 52 Jahren (1948) aus der PCF, der kommunistischen Partei Frankreichs gemobbt, weil seine Pädagogik nicht parteikonform genug war.
Der tiefere Grund war m.E. auch, dass Freinet ebenso wie Vogeler unter “Kommunismus” die Erziehung des Menschen zum selbstbestimmten und demokratisch denkenden Bürger mit Gemeinschaftssinn und Bereitschaft zum Teilen vorhandener Ressourcen (genossenschaftliches Denken) verstanden und sich nicht vom Machtstreben parteilicher Rädelsführer zum “Kampf” instrumentalisieren lassen wollten. Vogeler wie Freinet waren überdies erklärte Pazifisten - Kommentar überflüssig. Die Revolution frisst stets ihre eigenen Kinder. Aber vergessen werden sie nicht!
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Quellen der Zitate, Hinweise und weiterführende Links:
[1] siehe mein Artikel “Projektschule Museum - Sozialgeschichte begreifbar vermitteln” unter Link:
http://www.musikwerkstatt-rzeszut.de/index.php/mwr/projektschule_museum_-_sozialgeschichte_begreifbar_vermitteln/
[2] zu “Projektunterricht” und “Projektmethode”: Bastian/Gudjons/Schnack/Speth (Hrsg.), Theorie des Projektunterrichts, Hamburg 1997.
[3] Gertud Franck, Gesunder Garten durch Mischkultur, München 1980.
[4] über und von Leberecht Migge gibt es zahlreiche Publikationen. Einen ersten Überblick verschafft:
Fachbereich Stadt- und Landschaftsplanung der Gesamthochschule Kassel (Hrsg.), Leberecht Migge - Gartenkultur des 20. Jahrhunderts, Worpswede 1981.
[5] Die Mitte in der Krise : rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2010 / Oliver Decker ... [Hrsg.: Nora Langenbacher. Friedrich-Ebert-Stiftung, Forum Berlin, Projekt “Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus”]. - Berlin, 2010.
[6] Bei Interesse lohnt sich die Mitarbeit oder gar Mitgliedschaft bei der Bundesarbeitsgemeinschaft Schulgarten BAGS. Hier das Link: http://www.bag-schulgarten.de/
[7] Link: http://www.pillars.co.uk/
[8] Richard Senett, Handwerk, Berlin 2009
[9] Link zu diesem Artikel: http://www.musikwerkstatt-rzeszut.de/index.php/mwr/artikel/mountja_herbert_kauffeld_und_karlfried_graf_duerkheim/
[10] aus der zahlreichen Vogeler-Literatur, die man auf dem Barkenhoff in Worpswede kaufen kann, empfehle ich als Einstieg Walter Hundt, Bei Heinrich Vogeler in Worpswede, Worpswede 1981. Walter Hundt, Landwirtschaftsspezialist, war langjähriger Mitarbeiter Vogelers und lebte in der Kommune Barkenhoff. Seine Memoiren sind lebendig und umfassend und das besonders für Leser, die sich für den Garten- und Landbau auf dem Barkenhoff interessieren.
[11] Kerschensteiner, Schule der Zukunft, zitiert nach: Christian Salzmann, der Gedanke der Arbeitsschule in der deutschen Pädagogik. Enthalten in: Träume, Wege, Irrwege - Nachdenken über Heinrich Vogeler (Hrsg. Ernstheinrich Meyer-Stiens), Worpswede 1995, Schriftenreihe der Barkenhoff-Stiftung, hier S.94.
[12] Diese Annahme wird gestützt durch Walter Hundt, der das erste Jahr der Arbeitsschule Barkenhoff mit 1921 angibt. Vogeler hatte eine (bei Hundt abgebildete) Radierung geschaffen mit demTitel “Werden - Baustein für die Arbeitsschule Barkenhoff” und datiert mit 1921. Quelle: Walter Hundt, Bei Heinrich Vogeler in Worpswede - Erinnerungen, 2.Aufl.,Worpswede 1995. S.80.
[13] Hierzu empfehlenswert zu lesen: Dörte Beier, Kiel in der Weimarer Republik - Die städtebauliche Entwicklung unter der Leitung Willy Hahns, Kiel 2004. - Migges eigene Vorstellungen über Stadtplanung, Schrebergärten und Selbstversorgersiedlungen findet man in: Leberecht Migge, Der soziale Garten - Das grüne Manifest, (Nachdruck), Berlin 1999.
[14] Ingrid Dietrich (Hrsg.) Handbuch Freinet-Pädagogik - eine praxisbezogene Einführung, Weinheim/Basel 1995, S.27
Alle Fotos von Martin Rzeszut, Kiel. Das Vogelhaus hat mein Vater mit mir ca. 1960 gebaut und das Fachwerkhaus ist der Barkenhoff in Worpswede.