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Samstag, 26. August 2006

Mein Klavier

Teil 3

Nachdem ich meine Klavierlehrer in Teil 1 und Teil 2 beleuchtet habe, hier noch ein paar Erinnerungen an das Drumherum.
Wir waren in der DDR immer am dran und ich erzähle meiner Frau gern, wir hätten nur von Wasser und Brot gelebt, und wenn meine Eltern von Braten reden, dann meinen sie Brotbraten mit Wassersoße. Ist natürlich erstunken und erlogen (uuupss, eine Redundanz, aber es heißt ja so), aber einen Klavierhocker hatte ich nicht.

Ich musste also auf einem stinknormalen Stuhl sitzen. Das Klavier stand im Wohnzimmer, gleichzeitig die gute Stube, und wurde von mir jeden Tag zwischen dreißig Minuten und einer Stunde gequält. Die Stunden fanden immer Mittwochs statt, anfangs auch donnerstags. Heißt die übungreichsten Tage waren Montag und Dienst. Am Wochenende ging natürlich nicht viel, da wir da häufig im im Garten waren. Der Sommer war konzertmäßig gelaufen. Neben dem Klavier stand der Fernseher und der konnte auch laufen, denn wenn ich erst einmal ein Stück »drauf« hatte, konnte ich nur gleichzeitig Fernsehen gucken sondern auch Hund oder wahlweise Schwester ärgern. Schon praktisch.

Der Hund machte sich eigentlich nichts aus Musik. Konnte sein, dass er neben mir lag, konnte sein, dass es nicht tat. Wie er halt gerade lustig war. Was der Hund auf den Tod nicht ausstehen konnte, waren Weihnachtslieder. Die wurden ja jedes Jahr gespielt und ab Anfang Dezember (außerhalb des regulären Unterrichtes) geübt. Die Stücke mussten schließlich sitzen, wenn Oma und Opa am Heiligabend zu Besuch waren und man vorspielen musste. Opa war mein größter Fan. Jedes Mal wenn er kam, musste/durfte/konnte vorgespielt werden. Er war ganz begeistert. Der Hund auch, der neben dem Opa saß und gekrault wurde. Geknurrt wurde nur, wenn der Opa mit dem Kraulen aufhörte. Mit dem Klavierspiel konnte ich problemlos jederzeit aufhören. Fing man an Weihnachtslieder zu spielen, jaulte der Hund kurz auf und versteckte sich unter dem Bett meiner Eltern im Schlafzimmer. Und jaulte weiter. Nicht, dass ich ihn konditioniert hätte, aber ich empfand den Verzicht auf diese immer gleichen Lieder wie »Stille Nacht, heilige Nacht« durchaus als Erlösung.
Nachdem wir unseren geübten Teil absolviert hatten (wir, weil meine Schwester auch eine zeitlang Klavier spielte, dann aber aufgab), kam meine Mutter noch dran: Wahlweise am Klavier (»Lustig ist das Zigeunerleben«) oder auf dem Akkordeon (»Lustig ist das Zigeunerleben«), auf jeden Fall improvisiert, was ich nun überhaupt gar nicht kann. Nach Noten spielen, auswendig lernen und im Ausdruck variieren – das war meine Stärke. Aber nach Gehör spielen, das kann nur meine Mutter.
Mein stetes Bemühen galt der Unauffälligkeit. Ich spielte Klavier, es gab kein großes Vorspielen vor Freunden oder in der Schule. Da habe ich mich immer fein herausgehalten. Da mir Auftritte vor größeren Mengen mehr als unangenehm war, habe ich es auch immer geschafft, mich aus den Schulkonzerten – noch größeres Publikum, noch mehr Probleme – herauszuhalten. Da konnte mein Lieblings-Lehrer, Herr E., noch so sehr bitten. Ich ließ mich in der Beziehung nicht erweichen.
Im Nachhinein muss ich auch sagen, dass es sicher eine Qual für unsere Nachbarn gewesen ist. Wir haben in einer Neubauwohnung gewohnt und zu besten Zeiten, versuchten zwei Kinder Klavier zu spielen. Im Büro hört man in und wieder einen Menschen Trompete üben. Es hört sich grausam an. Viel besser kann unser Geklimper über weite Strecken auch nicht gewesen sein. Vor allem: Die Abwechslung war nicht besonders groß. Man übte immer und immer wieder ein Stück. Mein Beileid gilt nachträglich den Nachbarn.
* E N D E *

Geschrieben von Administrator am 26. August 2006 um 8:00 Uhr

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