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Dienstag, 22. August 2006

Mein Klavier

Teil 1

Das Faible für Überraschungen wurde mir anerzogen. Meine Eltern liebten Überraschungen. Ich kam beispielsweise aus dem Urlaub bei den Großeltern wieder, und wurde auf dem Bahnhof von dem langersehnten Hund begrüßt, der meine Begeisterung für die Überraschung gar nicht teilte und ziemlich nervös war. Abgesehen davon wollte meine Schwester auch die Leine nicht hergeben, da musste ich schon ein wenig insistieren. Wahrscheinlich gab sie mir die Leine dann gnädig, weil den entscheidenden Vorteil – zuerst mit dem Hund spaziergegangen zu sein – konnte ihr keiner nehmen. Grauenhaft war die Vorstellung, dass ihre Freundinnen meinen Hund zuerst gesehen hatten.
Eine ähnliche Überraschung war das Klavier. Ich habe keine genaue Erinnerung an den Vorgang, aber eines Tages stand es einfach da. Der Jung war überglücklich.

Das, was mich musikalisch prägte, ist mir heute peinlich: Monika Hauff & Klaus-Dieter Henkler. Ich mochte meine Single, auf der »La Paloma« zu hören war und mein absoluter Lieblingssong »Auf die Bäume ihr Affen«. Diese Single habe ich so oft gehört, dass meine Eltern es wahrscheinlich gar nicht mehr hören konnten und der Schallplattenspieler häufig defekt war. Der war sowieso mehr in der Werkstatt als zu Hause. Da ich der Hauptkonsument war, war das überhaupt gar kein Wunder. Die Schallplattensammlung meiner Eltern habe ich rauf und runter gehört. Aber Hauff & Henkler waren die absolute Nummer 1. Ungelenk habe ich ihnen sogar geschrieben, dass ich ein Autogramm haben möchte und als ich die Hoffnung schon aufgegeben hatte (als Sechs-, Siebenjähriger braucht das dafür schon ein wenig Zeit), also nach vielen, vielen Wochen kam Post und darin war ein Bild mit den beiden Schlagersängern aus Moskau. Das Autogramm habe ich nicht mehr, würde mich aber nicht wundern, wenn es in der Peinlichkeiten-Kisten meiner Eltern noch liegen würde.
Eine rechte Erinnerung, was denn zuerst da war, habe ich gar nicht mehr. War zuerst das Klavier dar und dann wurde nach einem Klavierlehrer gesucht, oder war es umgekehrt. Es war aber weder einfach in der DDR ein Klavier zu bekommen, noch war es einfach einen Klavierlehrer zu bekommen. In der Musikschule wollten sie mich nicht. Meine Hände wären zu klein, meinte die Klavierlehrerin, ich könnte noch nicht einmal eine Oktave greifen. Die kostengünstige Variante fiel damit einfach so weg.
Man kam auf den Klavierlehrer B., der praktischerweise in der Nähe der Einrichtung meiner Mutter praktizierte. Ich konnte also zuerst bei der Mama vorbeischauen und hatte sogar noch die Gelegenheit ein wenig zu üben, denn in der Einrichtung (kurz erklärt: eine Tagesstätte für geistig behinderte Kinder) befand sich im Sportsaal (ein großer Raum, der mit Parkett ausgelegt war und vom Erbauer sicher für Empfänge vorgesehen war) ein Klavier. Da wurden dann die Stücke noch einmal durchgegangen. Herr B. hatte eine recht merkwürdige Art, seinen Unterricht zu gestalten. Man saß vor einer Ofenbank zu dritt oder viert und wartete auf sein Drankommen. Er war kein ausgeprägter Klavierlehrer, denn sein Repertoire umfasste ebenfalls Mandolinen, Gitarren und Flöten. Wahrscheinlich auch Akkordeon, aber für uns Kleine war das mit dem Akkordeon noch nichts.
Er hatte ein Klavier. Vor dieses setzte man sich, spielte das aufgegebene Stück aus der Klavierschule und das fand er dann gut oder auch nicht. Hatte es ihm gefallen, wurde ein neues Stück herausgesucht und wahrscheinlich für fünf Minuten angeprobt. Gefiel ihm die Darbietung nicht, hatte er die lästige Angewohnheit einen zu Knuffen. Dieses Knuffen war es auch, was unsere ohnehin wenig herzliche Beziehung beendete, denn ich erklärte meinen Eltern: Egal was sie für das Klavier bezahlt hätten, zu dem Typen würde ich nicht mehr gehen.
Hinzu kam noch ein weiterer Punkt, der nicht unmittelbar mit dem Klavierunterricht zu tun hatte. Das »Antanzen« bei der Mutter. Dagegen war nichts einzuwenden, allerdings hatte sich Susi (nicht meine jetzige Frau) nicht nur in meinen Vater verguckt, sondern auch in mich als Sohn und war ganz aus dem Häuschen, wenn ich bei Mutter vorbeischaute. »Deeerrrr Oliver!« Sie tanzte um einen herum, faltete die Hände und verrenkte sich. Das Mädel hatte seinen Raum direkt neben dem Eingang, ein Entkommen war eigentlich nicht möglich. Später bin ich dann über einen Nebeneingang in die Küche marschiert und von dort aus zu meiner Mutter. Aber irgendwann war man immer fällig, denn die Etage war nicht so groß, dass man Susi hätte entkommen können. Damals fehlten mir die Worte, heute würde ich sagen »extrem peinlich«. Zumindest für einen Zehn-/Elfjährigen.
Damals war ich über Herrn B. sehr erbost, und auch heute noch ist mir sein Lehrstil nicht geheuer. Diese Mini-Konzerte von Übungsstücken vor einer wartenden Truppe waren nicht mein Ding, denn wirklich konzentriert arbeiten, konnte der Mann mit einem nicht. Von Übungsstunden konnte man nicht reden, denn er arbeitete in einem schärferen Modus als ein Friseur. Es war eine industrielle Abwicklung und jede Planungsbehörde in der DDR wäre stolz auf ihn gewesen. (Mag sein, dass er mit größeren Schülern anders gearbeitet hat – ändert aber nichts an der Kritik.)
Der Mann war umtriebig, keine Frage. Er hechelte nicht nur die Schüler durch sein Programm, sondern war auch mit zumindest einem Chor aktiv. Eine unglaublich große Zahl von Leuten war dort, um zu singen. Als Schüler wurde man geradezu zwangsverpflichtet, in diesem Chor mitzusingen. Mein Ding war es definitiv nicht, auch wenn ich es damals als spaßig empfunden habe und den Klang eines gesungenen Kanons wirklich mochte. Vorne stand aber Herr B.
Die erste Episode des Musizierens ging verhältnismäßig schnell zu Ende.

Geschrieben von Administrator am 22. August 2006 um 7:30 Uhr

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