Dienstag, 18. November 2008
Ma-Ma-Ma-Ma-Ma-Maske – Total NORMal
Network 2008 – Neues Musical in der Michaeliskirche, Kiel/Hassee
Abendgottesdienst am Volkstrauersonntag in der Michaeliskirche in Kiel/Hassee: Pastorin Bettina Hansen begrüsst die Gemeinde in der fast vollen Kirche. Dann der Text über das abgeschlagene Ohr des Malchus, Verrat in der Nacht und am frühen Morgen krähte dann der Hahn. Wie fühlt man sich als bester Freund nach so einem Verrat? .......Die Glocke der Michaeliskirche schwingt sich ein und verkündet mit dem ersten Glockenschlag: „Vater unser im Himmel….geheiligt werde Dein Name…“
Um Zweifeln vorzubeugen: es handelt sich hier wirklich um einen Artikel über ein von Jugendlichen aufgeführtes Musical. Ein wirkliches Musical innerhalb eines wirklichen Gottesdienstes. „Total NORMal“ heisst es und ist ein Konfirmanden-Projekt in Zusammenarbeit mit dem Michaelis-Team unter Leitung von Petra Dahmke, Bettina Hansen, Arne Voß, Joachim Voesch, Kay Lakotta, Tim Brunnenkant und Patrik Nath. Nicht nur Konfirmanden und Konfirmandinnen des hiesigen Jahrgangs sind dabei: auch ältere Jugendliche, die man schon mehrmals in NETWORK-Projekten gesehen und gehört hat spielen mit. Ein schönes Miteinander aller Altersgruppen: ein echtes NETWORK -Team.
Im sehr gut aufgemachten Programmheft (enthält die Story, die Liedtexte und Informationen über die Arbeit am Musical/dieses Jahr wieder in zwei Grössen erhältlich) lesen wir: „Auf einer sehr emotionalen Freizeit im Juni entschieden wir uns für das Thema ‘Mobbing in der Schule’, einem Thema, bei dem sie alle eigene Erfahrungen zu berichten hatten und keine dieser Erfahrungen waren lustig oder schön…“
Letztes Jahr ging es um ein zeitgeschichtliches Thema: die 80iger Jahre während der deutsch-deutschen Teilung. Das Musical hiess „Grenzenlos“. Genau wie letztes und vorletztes Jahr schreibe ich auch jetzt wieder meinen Artikel, denn auch diesmal bin ich wieder sehr beeindruckt von dem was ich auf der Bühne vor dem Altar sehe. Auch dieses Jahr gehen mir wieder viele Fragen durch den Kopf…[Und meine eigenen Gedanken und Assoziationen setze ich diesmal in eckige Klammern, um klarer zwischen dem Musicalbericht und meinen eigenen Reflexionen zu trennen…zu trennen, was eigentlich nicht zu trennen ist…]
Die Band! Kein Musical in Michaelis ohne eine Jugendband. Unter der musikalischen Leitung von Bendix Vogel, Roman Laloi und Yvette Schmidt haben wir Tim Maronde an der E-Gitarre, Matties Tank an den E-drums, Bendix Vogel am Keyboard, Roman Laloi an E-Bass und akust. Gitarre und Malte Lautzas am Saxofon. Erstklassigen Sologesang hören wir von den Schwestern Katharina und Christina Hoffmann. Der Sound der Band ist knackig und gut. Wenn auch die E-Drums wieder mal nach CD-Player klingen, wofür Matties Tank wirklich nichts kann: es liegt in der Natur der Sache. Ein E-Schlagzeug kommt an ein echtes Schlagzeug – und wenn es noch so simpel ist - einfach nicht heran. Matties hätte da besseres Gerät verdient.
Die Band beginnt und die Sängerin formuliert trotzig: “Eigentlich bin ich ganz anders…ich komm nur viel zu selten dazu…ich bin garnicht der Typ den jeder in mir sieht, und das werd ich euch bei Zeiten auch alles noch beweisen…eigentlich bin ich ganz anders…“ [ ...ja richtig, Udo Lindenberg sang das doch auf seiner neuesten CD! Mann, klasse!...dies Lied trifft den Nagel auf den Kopf. Udo blickt das!]
Christina blickt das auch und fegt der Gemeinde dies tolle Lied überaus gekonnt und sicher in die Ohren, intoniert mit Nachdruck den Refrain. [Oh mann, wie gut sie das bringt…sie sollte das mal mit Udo im Duett singen…das wär echt der Hit!] Was im Zuschauerraum…pardon. in der Kirche jetzt fehlt ist die Resonanz der Zuhörer und Zuhörerinnen. Nur ein paar wippen mit dem Fuss, kaum einer geht richtig mit dem Song mit und Christina und die anderen machen da doch harte Bühnenarbeit. [Im Norden braucht man halt mehr Zeit, um Emotionen locker zu machen…]
Der Backgroundchor! [...wieso background? Die singen mit hoher Bühnenpräsenz, einigem Engagement: das ist DER CHOR!] links von der Bühne unter der Kanzel stehen Soraya Chantal Lipka, Alexa Brummack, Annika Kappes, Sanja Ahrens, Kirn Engelbrecht, Jennifer Brandt und Kathrin Marwitz. Kirchenmusikerin Yvette Schmidt trainierte diesen Chor, der die beiden Solosängerinnen zwar hier und da unterstützt, doch auch bei einigen Liedern eine ziemliche Kraft und Eigenständigkeit entwickelt. Die gesungenen Worte hören wir klar artikuliert. Leicht andirigiert bzw. sehr schön mit E-Bass geleitet von Roman Laloi. Das Problem, Band und Chor über 20 Meter räumlicher Distanz und bei dieser haarsträubenden Kirchenakustik rhythmisch zu koordinieren ist ausserordentlich gut gelöst. Übrigens erarbeitete Tilman Lautzas das wie immer voll gelungene musikalische Konzept.
Die Handlung beginnt: vor dem mit einer weissen Projektionswand verdeckten Altar nimmt die Schulklasse (neunte oder so) ihre Plätze ein: alle schlurfen herein wie sie das jeden Morgen so tun, rekeln sich müde hin, schnell noch Hausaufgaben abgepinnt oder auch nicht…“die Neue“ kommt…na ja, die wird erstmal verbal kühl gestellt…da wird vor der Stunde aber ganz fix mal die Hierachie der Klasse neu geordnet.[..tja, echt überzeugend, aber die Realität in der Schule ist doch viel härter als hier dargestellt!]. Als Lehrer läuft es da einem kalt über den Rücken…Schulgong und Schnitt bevor der Lehrer in die Klasse kommt: Ende erste Szene, Beifall aus den Kirchenbänken [ha…da sitzen bestimmt viele Lehrer, die kennen das genau, was hier abläuft].
Die letzten NETWORK-Musicals die ich hier sah begannen etwas dramatischer: man glaubte sich im Theater, Bühnenbilder, Requisiten wurden bewegt, Hauptrollen, Nebenrollen, genau geplante Bewegungen, festgelegte Gänge auf der Bühne. Spezielles Licht, besonderer Sound…Ja, und jetzt? Jetzt sassen die da alle auf ihren Schulstühlen so rum wie am Freitagmorgen in der Soundso-Realschule, am Wassweissich-Gymnasium und liessen sich gehen. [War das nun einstudiert oder war das Zufallstheater, Spontantheater, Improvisationstheater?] Ja, es war einstudiert und hier sprach das Schulleben höchstpersönlich. Die Scheinwerferkegel nüchtern und kalt. Papierbälle flogen. Ich verzichte auch lieber aufs Zitieren der Bühnendialoge…sie sind einfach zu realistisch und niemand würde mir dann die Sache mit dem Gottesdienst mehr glauben…die Darstellerinnen und Darsteller spielten überzeugend und authentischer ging es nicht.[...aber die Realität in der Schule ist doch viel härter als hier dargestellt!]
Zweite Szene: einzelne Persönlichkeiten werden vorgestellt. Die Klassensprecherin macht „der Neuen“ Mut und warnt gleichzeit vor dem obercoolen „Mr. Obercool“, der die Mädchen verheizt. Alle Darsteller und Darstellerinnen tragen hier und da eine kleine Maske – wie man sie aus dem Karneval in Venedig oder von der Commedia del Arte her kennt - und setzen sie gelegentlich auf oder ab.
„Lass die Leute reden und hör einfach nicht hin…“ Dieser Song von den ”Ärzten” illustriert die Problematik um die es hier geht noch deutlicher: „solang die Leute reden machen sie nichts Schlimmeres…bleib höflich und sag nichts…das ärgert sie am meisten“ Klar: es geht um das empfohlendes Verhalten beim schulalltäglichen Gemobbtwerden.
Vorm Altar die „Schattenwand“: wie sehen das Leben der Schatten [...Satre lässt grüssen…das Spiel ist aus… ] und die Schatten erzählen vergangene Begebenheiten. Basti erzählt von der Trennung seiner Eltern. Liebe gibt’s seitdem nicht mehr für ihn. Die Neue ist ihm schon sympathisch…aber er macht trotzdem mit bei den doofen Sprüchen, mit denen sie fertiggemacht werden soll. [Ehrlichkeit vor dem Altar, den man da zwar weiss, aber nicht sieht].
Weiter geht’s mit Schlägerei [...wir wissen: Pastorin und Theaterfrau Bettina Hansen verfügt über Profikenntnisse: wie schlägt man sich überzeugend auf der Bühne, so dass es wie echt wirkt?] „Dir werd ichs zeigen!“ schreit die Mutter und schlägt die Tochter. „Dir werd ichs zeigen!“ schreit die Tochter und schlägt „den ängstlichen Robi“, das “Daueropfer“ [...also: das ist hier nichts für zarte Seelen also/ besorgter Blick zu meiner Frau hinüber…] der „Klugscheisser“ setzt sich nun in Szene und die Klasse tobt. Die miniberockte und realistisch aufgebrezelte Zickenklicke zickt überzeugend rum [oh mann…wie echt!...irgendwie beängstigend…]
Nach dem Song von „Ich & Ich“ namens „Stark“ („und du glaubst, ich bin stark und kenn den Weg…aber ich steh nur hier oben und sing mein Lied“) sehen wir als weiteren Typ des sozialen Klassentheaters den „Angeber“, dessen Leben so langweilig ist, dass er vor lauter Langeweile Geschichten erzählt, die einfach nicht stimmen, aber dadurch steigt sein sozialer Rang innerhalb der Hackordnung. [...nimmt man ihn nun ernst oder nicht?...man bedauert ihn…er spielt das sehr gut]
Die Masken: der Angeber trägt bei seinen Aufschneidereien eine Halbmaske. Alle Darsteller und Darstellerinnen haben ihre Maske immer dabei und mal aufgesetzt mal abgesetzt. Der Angeber nimmt seine Maske ab und erzählt uns seine Problematik mit seinem als langweilig empfundenen Leben. Die Maske ist ein nettes Requisit [klein, handlich,zusammenklappbar,immer dabei…oval, praktisch und gut…Sondermodelle für Vorstandsmitglieder an Banken erhältlich…eine für Herrn Mehdorn…eine für Herrn Ackermann…und auch schnell noch eine für Herrn Busch]
Vier Wochen später treffen sich Basti und die Neue. Ist Basti nun wirklich verliebt? Da kann auch der „Klugscheisser“ nicht weiterhelfen und rät Mut zum Gefühl, verfügt aber selbst nicht über genügend Erfahrung für tiefgründigere Ratschläge. Basti ist ratlos, hin und hergerissen [toll wie er das spielt!...sagenhaft gut!...]
„Frieden ist wenn alle gleich sind“ (von der Gruppe „Kettcar)...“Vergiss Romeo und Julia….wann gibt’s Abendbrot?...“ Die Band spielt sehr rhythmisch und der Chor singt klar und deutlich, das sind sehr schöne Seiten dieses Musicals [...die einen den grauen Schulalltag vergessen lassen…?...solche Bands und Chöre bitte in unsere Schulen!...aber da fällt Musik ja immer aus….wie gut, dass es da Kirchenmusicals gibt…die alte Rolle der Kirche in Sachen Musikerziehung ist immer noch aktuell…und das lückenlos seit dem Mittelalter…da kann sich Schule mal informieren, wie das geht…da kommen die üblichen Bigbands und diese lächerlichen Musikschul-Castings nicht mit].
„Die kleine Rieke“ [...liebevoll dargestellt von der lebhaft agierenden Jennifer Brandt, die auch sehr engagiert im Chor singt] ist die Jüngste in der Klasse und arbeitet auch intelligent an ihrer Karriere wie alle anderen. Nur bei ihr hätte man wirklich nicht gedacht, dass sie dann doch „eine Petze“ ist und ihre Schwester bei den anderen blossstellt, obwohl sie Stillschweigen über eine Beziehung zugesichert hatte.
Und so weiter, und so weiter…: sie erzählen ihre Rollen, ihre Probleme, ihre Ängste, sie fühlen sich unwohl, sie verstehen und verstehen nicht, können nicht verstehen oder wollen nicht können, denn….
„Ma-Ma-Ma-Ma-Ma-Maske, das ist ein Utensil, das ich wirklich brauche für mein Rollenspiel. Ma-Ma-Ma-Ma-Ma-Maske, sie gehört zu mir, ich spiel damit rum, und so zeige ich mich dir…Ich will niemand belügen, niemand betrügen, einfach nur dazugehörn…einfach nur nicht störn“ Ein schöner Rapsong, nach dem wahren Leben geschrieben von Musical-Vater Tilman Lautzas [...wie schade, dass Du gehst, Tilman ...aber was ein Glück für die, mit denen Du jetzt arbeitest!]
Die Handlung endet offen und ohne Happy-End, aber mit den eindringlich formulierten Worten: „Ich bin nicht auf dieser Welt, um so zu sein, wie ihr mich haben wollt.“ Dieser Spruch des „Klugscheissers“ der seine Maske fallen lässt [...absolut der Höhepunkt im Spiel…], wird von allen in der Klasse lauter und lauter zitiert. [...der Chor im antiken griechischen Theater spricht die Wahrheit…] Die Konfirmandinnen und Konfirmanden dieses Jahrgangs sprechen aus, worum es geht im Leben und der Gottesdienst neigt sich seinem fröhlichen und versöhnlichen Ende zu: bevor Bettina Hansen den Segen erteilt, werden alle Darstellerinnen und Darsteller, alle Mitwirkenden namentlich erwähnt - und auch die liebe Chefin des Caterings Beate Hoffmann ...der wir an dieser Stelle besonders auch für die zwei so schön singenden Töchter danken!
Tja, wir gingen nach Hause und meiner Frau fielen all die schlimmen Erlebnisse ein, die sie an diversen Realschulen hatte…auch ein Effekt des Musicals. Ich musste an die Kinder eines sehr guten Freundes denken, die täglich Opfer von Angriffen wegen ihrer Religionszugehörigkeit, wegen lächerlicher Kleidungsunterschiede werden. Die ungeschützt schweinischen Kommentare seitens der Mitschüler ausgesetzt sind und die Lehrer reagieren zögerlich und diffus…Mir fielen Situationen ein, wo ich damals als angehender Lehrer vom Kollegium ausgebremst wurde, als ich mal rabiaten Streit zwischen Achtklässlern mit Körpereinsatz schlichten wollte: „lass man, die regeln das schon unter sich..“ - Ja, die regelten das dann unter sich mit blutenden Nasen und angeschlagenen Köpfen und ich flüchtete frustriert aus dieser Schule. [Was wir brauchen sind kleinere Klassen, doppelt so viele Lehrer und genügend Sozialtherapeuten an jeder Schule….und richtiger Musikunterricht an den Schulen, der nicht immer ausfällt und wo es nicht um Mozart und Beethoven, sondern um Rap und Udo Lindenberg, um echte Jetzt-Texte, um Inhalte, mit denen Jugendliche etwas anfangen können…wo Kinder und Jugendliche lernen, sich ihre eigene Musik zu schaffen!...und Musik entspannt!]
Auch diesmal war ich emotional sozusagen voll miteinbezogen: ich kenne ja als Lehrer die Situation in Schulen sehr genau. Mobbing, Gewalt unter Schülern, Gewalt von Schülern gegen Lehrer, im Studium hiess es “Aussenseiterproblematik”...und ich selbst entstamme dazu noch einer Generation, in der man als Schüler auch noch Gewalt von Lehrern her kannte. Meine eigene Erfahrungen mit Schule im Rahmen meiner Lehrerausbildung waren so fatal, dass ich mich sehr schnell für das Privatlehrerdasein entschied, wo ich meine Kräfte nicht verschleudern muss. Während meiner Lehrerausbildung hing ich damals merkwürdig zwischen allen Fronten…kurz: „keine dieser Erfahrungen waren lustig oder schön“, eben auch aus der Lehrerperspektive nicht.
Das Thema brennt also unter den Nägeln. An den Schulen herrscht Mobbing schlimmster Sorte: sog. „Cybermobbing“(wo Aussenseiter in Internetvideos blamiert werden), „stummes Mobbing“, „verbales Mobbing“, „Gewaltmobbing“ ...und das alles schon seit mindestens den 90iger Jahren bekannt. In regelmässigen Abständen las man zum Beispiel im SPIEGEL zu diesem Thema, ohne dass sich dadurch viel an den Schulen geändert hätte. Seit einigen Jahren kommt noch „globales Mobbing“ hinzu: Mobber tauschen sich im Internet über Mobbing-Praktiken aus. Und die Lage eskaliert öfters: Schüler schiessen aufeinander oder erschiessen Lehrer. Lehrer werden zusammengeschlagen, Tötungsdelikte an Schulen werden allgemein bedauert. Und hingenommen.
Und alles beginnt mit dem total normalen Wahnsinn, wie es uns das Musical zeigt: Kleidung, Sprache, Religionszugehörigkeit, ethnische Herkunft, sozialer Status (um nur ein paar zu nennen) sind Anlass für Schüler und Schülerinnen einer Klasse, gewaltsam eine Hackordnung festzulegen…die eigentlich garnicht für ein glückliches Schulleben notwendig ist, sich aber überall in unserer Gesellschaft und vor allem bei denjenigen findet, die auf soetwas Wert legen…bewusst oder unbewusst. Stichwort Rassismus. Stichwort Geld. Stichwort Sexualität. Einer meiner Musikschüler erzählte mir heute aus seinem Schulalltag: “es sind immer ganz unwichtige Sachen, womit man sich gegenseitig runtermacht: der Pickel im Gesicht oder sowas…” Oft findet Unterricht nur noch am Rande der kämpferischen Auseinandersetzungen in der Klasse statt. Lehrer die noch Kraft haben, die noch nicht „verschlissen“ sind betätigen sich heute eher als Sozialarbeiter und Therapeuten. Es hat den Anschein, dass Lehrer – die diese darwinistischen Verhältnisse an Schulen nicht mehr ertragen wollen oder können – sich einfach zurückziehen, vorzeitig in den Ruhestand gehen, sich krank schreiben lassen oder sich sogar in therapeutische Behandlung begeben müssen. Das System kollabiert soeben.
Das Schulsystem scheint in vollem Umfange zu versagen. Privatschulen schiessen wie Pilze aus dem Boden, weil wenigstens dort die Klassen kleiner sein können und der Rahmen überschaubarer. Folge: nur die Kinder der Wohlhabenden bekommen noch optimale Ausbildung. Nach dem Motto „Der Stärkere erobert sich das Recht“ gliedern sich Klassenverbände an staatlichen Schulen auf oft brutale und menschenverachtende Weise und die Lehrer schauen hilflos zu. Ursachen sind meines Erachtens gesamtgesellschaftliche Probleme, die sich an Schulen knallhart konzentrieren und so dort ganz besonders sichtbar werden.
Wir leben in einer extremen Ellenbogengesellschaft. Wer nicht den Wettbewerbsquatsch mitmachen will, ist weg vom Fenster. Wer nicht mit den Wölfen heulen will, wird von ihnen totgebissen. SensibleSchüler - und sensibel sind sie alle, das zeigt auch das Musical sehr gut - spiegeln die Gesellschaft auf ihre Weise und geben untereinander oft unkritisch weiter, was sie irgendwo aufschnappen. Und sie leiden oft genug selbst drunter, wie das Musical auch wieder sehr gut zeigt. Was wir brauchen sind praktikabele Lösungen dieser Problematik und eine ordentliche Portion zweckfreie Nächstenliebe hinein in alle Schichten unserer Gesellschaft. Gelassenheit und Liebe und Vertrauen darauf, dass das Leben auch ohne Macht noch lebenswert ist…ja: sogar noch viel lebenswerter! Und: PISA-Bundesliga ist nicht alles!
Total NORMal löst zumindest ein Denken über Lösungsmöglichkeiten aus, und das fernab von PISA. Bei Jugendlichen und bei Eltern, bei Lehrern und bei den sog. Verantwortlichen in Politik, Bildung und Wirtschaft. Insofern ist dieses Musical ist im besten Sinne des Begriffes „pädagogisch wertvoll“ und sollte an allen Schulen des Landes aufgeführt werden. Es fördert das soziale Bewusstsein aller Beteiligter: neben Schülern, Lehrern und Eltern ist das die gesamte Gesellschaft! Es gibt Denkanstösse.
Total NORMal berichtet Älteren über die Ängste der Jugendlichen und schafft bei denen Verständnis. Was wir – egal in welcher Altersgruppe - lernen können ist viel über uns selbst: wie würden wir uns in solch einem Klassenverband verhalten? Oder: wie VERHALTEN wir uns eigentlich so im total NORMalen Alltag?...im Beruf?...in Sachen Karriere? Dann: welche Gefahren birgt eigentlich unsere Sprache? Wieviel Gewalt ist in welchen Worten gebunden? Wieviele Wörter und Wendungen benutzen wir tagtäglich und meist vollkommen automatisiert, in denen die Gewalt, der Hass oder einfach Destruktives versteckt ist? Gibt es DIE NORM , die uns wie willenlose Marionetten agieren lässt oder machen wir DIE NORM nicht eigentlich selbst? Wie beurteilen wir Menschen? Nach dem Äusseren, nach dem Inneren? Müssen wir eigentlich wirklich Menschen beurteilen, verurteilen, bewerten…? Geht es nicht….einfach so?...Akzeptanz und fertig?...Müssen wir anderen dauernd unsere eigenen Masken aufdrängeln?...sind wir nicht alle “Klugscheisser”?
Ist Sprache nicht in vielen Fällen ein machtvolles Medium? Müssen wir nicht mal gelegentlich daran basteln?...und was ist MACHT überhaupt? Wo beginnt sie eigentlich? Wenn das kleine Kind angeschrien wird…wenn der Hund an der Leine gezerrt wird…ein scharfes Wort…total NORMal? Mit Macht und Gewalt begründete Hierarchie bremst auch immer demokratische Strukturen aus. Und zur Machtausübung gehört immer die Gewalt, denn nur dann wird Macht als solche wahrgenommen…wie äussert sich im total NORMalen Leben die Gewalt? Die vielbeklagte „Gewalt an Schulen“ ist ein Spiegelbild unserer kompletten Gesellschaft. Kinder und Jugendliche kopieren oft unkritisch das Verhalten und die Sprüche der Erwachsenen und das friedvolle Miteinander ist nur noch schwer möglich. Im Grossen wie im Kleinen. Im Berufsalltag wie in der Familie. In der Familie wie in der Schule. Macht und Gewalt machen das Leben lustlos, freudlos…tot.
Die Aufgabe von KIRCHE sehe ich hier an diesem Abend in der Michaeliskirche voll und auf ideale Weise erfüllt: das friedvolle Miteinander zu stärken, Verständnis und echte Liebe füreinander aufzubringen, die Masken abzunehmen, sich offen zu begegnen, sich friedlich, gewaltfrei, machtlos zu begegnen und die Hoffnung zu stärken, dass wir friedlicheren Zeiten entgegensehen…ja, das wäre mal Total NORMal. Solche Musicals machen neue Hoffnung auf eine insgesamt bessere Welt! ...und allen Mitwirkenden ein ganz herzliches Dankeschön!
Zwei Aufführungen gibt es noch am Mittwoch, 19. November 08 um 9.00 und 11.00 in der Michaeliskirche Hassee. Eintritt frei, Spenden erbeten.