Montag, 21. August 2006
LEJO, der Handwerker und seine merkwürdigen Fingerwesen
Holländische Handwerkskunst auf dem Kai-City-Festival in Kiel
Ein kleines, insektenartiges Wesen schaut mit großen Augen ins Publikum: unsicher, abwartend, etwas ängstlich….zeigt mit einem Ärmchen auf eine Uhr und verschwindet ganz plötzlich wieder hinter dem schwarzen Tuch. Ein Puppenspieler hat hier seine kleine transportable Bühne aufgebaut…doch war das denn überhaupt eine Puppe? War dieses Wesen nicht…ja, das war doch nur eine Hand! ....mit ein paar Augen drangesteckt. Augen, die dich durchdringend ansehen.
LEJO aus dem holländischen Ammersfoort ist mit seinem “mobiele Poppenkast”, seinen zwei Händen, einer Kollektion Plastikaugen und seinem 25-Minuten-Programm “Hands Up” zu Gast in Kiel!
Die kleine Bühne sieht aus wie eine schwarze Dose, in der er komplett verschwindet. Oben ein breiter Schlitz. Alles schwarzer Stoff. Pfiffig gebaut, wie sich später herausstellt. Muss sehr warm sein darin bei Sonne…aber die scheint heute nicht viel: typisches Kieler Regenwetter. Und LEJO spielt ohne Dach auf der Kleinen Bühne des Kai-City-Festivals. Nebenan plätschert das Wasser der Hörn. Links prunkt der Schmidt-Bau und rechts hinter mir diese windschiefe…na ja, lassen wir das, es gibt jetzt wichtigeres zu sehen.
Schon zehn Minuten vor Vorstellungsbeginn sind alle Bankreihen besetzt: viele Kinder. Dahinter stehen noch etwa 80 Leute und man drängelt um die besten Plätze. Die Spannung steigt. Denn bereits vor dem eigentlichen Beginn der Vorstellung sehen wir was…sehen wir ES…ist das nu eine Spinne oder?....ES kann Uhren lesen und Uhren vorstellen und gucken und bewegt sich zu den Bassdrum-Klängen, die vom Soundcheck auf der großen Bühne herüberwehen. ES ist freundlich, aufmerksam…nervös…niedlich! ES lädt ein zur Vorstellung. ES kommuniziert mit Ansager Mick M., dem ewigen Konferenzier (der wie immer sein Klischee mit Bravour meistert und ständig neue Sprüche erfindet…) ES verschwindet nun mit seiner kleinen Uhr und es geht los!
Musik ertönt und eine Hand schnellt empor aus dem Nichts in den Bühnenraum! Eine Hand?...nee, ein anderes Wesen, Haare wie beim Wiedehopf-Punk steil aufgerichtet. Gesicht: der Handteller, mit dem das Wesen ins Publikum schaut. Mit dem Handteller?...Nein: zwei Scheibenaugen (Plastik, schwarz-weiss) haften am Handteller. Eine zweite Hand erscheint und blickt ins Publikum. etwas zittrig…aha, da ist jemand ängstlich, unsicher, traut sich nicht, ins Publikum zu schauen. Doch der Mutige beruhigt den Unsicheren und hilft ihm freundschaftlich, mit dieser anstrengenden Situation fertig zu werden - auch für Bühnenerprobte ist es nicht immer einfach, mit hunderten von Zuschaueraugen erwartungsvoll angestarrt zu werden.
Alles was wir sehen ist von treibender Musik untermalt, die mitspricht. LEJO benutzt offensichtlich selbst arrangierte Musiksamples: sehr kontrastreiche Klänge, die in Super-Tonqualität ein Stück Kunst in sich sind. Klangmalerei mit oft grellen Dissonanzen, tief tönenden Bässen. Von Klassik bis House reicht die Klischeepalette. Stimme ist nach guter alter Sesamstrassenmanier stark verfremdet und findet als Klangassoziation Verwendung. Starke Klangimpulse, Geräusche und absolut perfektes Timing begeistern mich. Zwar musste LEJO die Musik ziemlich laut halten (... vielleicht sollte man die Soundchecks auf der grossen Bühne eher machen), doch nervte die Klanguntermalung während der Vorstellung nicht ein bischen.
Da! Ein Tintenfisch! Blubbernde Musik mit tiefen Bässen macht die Illusion perfekt: nur eine Hand (Augen diesmal auf dem Handrücken) wird gebraucht: alle fünf Finger sind die Tentakeln und mit saugenden, rhythmischen Bewegungen schwimmt das Tier durch die schwarze Tiefe der Bühne. Vollkommen fliessende Bewegungen, unglaublich gleichmässig. Unglaublich exakt. Blubbernd verschwindet der Tintenfisch in den Tiefen der See…
Plötzlich wieder so ein Hand-Wesen, nur aus Fingern einer Hand bestehend. Dazu Augen, die das Publikum hypnotisierend anstarren. Das Wesen - man sieht nur Kopf und Ärmchen - hantiert herum…laute und klare Klaviermusik?....aha, das könnte ja ein Pianist sein! Und richtig, zu einem dieser typischen langweiligen Pianoklassiker vollführt das Handwesen Bewegungen, wie wir sie von großen Pianisten kennen. Dramatischer Augenaufschlag…weitausladende Armbewegungen…gespanntes Innehalten beim treibenden Rubato…und dann gekonnt ins große Finale: der Pianist wirkt so überzeugend, erfüllt das erwartete Klischee eines Virtuosen so formvollendet, dass man glatt vergisst, dass dies nur eine einzelne Hand ist: Mittel- und Ringfinger bilden den Kopf des Pianisten (and dem die besagten Augen sitzen) und kleiner Finger und Zeigefinger sind die spielenden Ärmchen. Das Klavier ist nicht vorhanden (es ist einfach die Spielleiste, auf der alles läuft) und es ist erstaunlich, wie schnell und umfassend die Vorstellungskraft des Zuschauers die Szene komplettiert.
Der Panflötist könnte einem Werner-Comic entsprungen sein: dargestellt mit der rechten Hand, die halb zur Faust geschlossen ist. Die Fingerkuppen des Puppenspielers wirken wie die Lippen eines Mundes. Augen sitzen diesmal auf den Fingerknöcheln, mit einem Lederriemen befestigt. Zu einer Musik die jeder kennt, kramt der Musiker (typischer Routinier!) umständlich sein Instrument hervor: eine Panflöte, die auf einem Spielstab sitzt, den der Puppenspieler mit der Rechten (nicht sichtbar) hält. Da ertönt das typische vor Sentimentalität nur so triefende Panflötensolo und unser Musiker bläst entgeistert und überdramatisch formvollendet dieses Motiv (...das jeder kennt). Jedes Atemholen stimmt. Nach Beendigung des Solos - der Solist verbeugte sich überschwenglich vor dem Publikum - spielt das Orchester ein paar Takte…der Solist gähnt und…verpasst dann plötzlich seinen Einsatz…ach nee: trotzdem hören wir die Panflöte, obwohl niemand spielt? Ach so: kennen wir doch! Ein Musiker ist dargestellt, der sich voll auf sein Playback aus der Tonkonserve verlässt und entgeistert nun dieser Musik selbst zu hört, die zu spielen er ja vorgeben sollte: Wahnsinn! Einen dermassen komplizierten (und sehr realistischen…) Zusammenhang ohne Worte und in ziemlich kurzer Zeit (5 Minuten) mit nur einer Hand und ganz wenigen Requisiten so darzustellen, dass alle Zuschauer gebannt hinstarren, ist schon nicht mehr Klein-Kunst. Das ist einfach Groß-Kunst!
Eine Szene jagt die andere: plötzlich ein kleiner Kinderchor. LEJO benutzt die Fingerkuppen der Finger 2 bis 5 seiner linken Hand, um Kindergesichter darzustellen: vier kleine Augenpaare sind dafür auf die Finger aufgesteckt. Die rechte Hand ist der unvermeidliche Kinderchorleiter, der mit gespreizten, vornehmen und (wie das Klischee es wieder verlangt) routinierten Armbewegungen (Finger 1 und 5) die Kinderschar zusammenhält. Aus den Lautsprechern erklingt ein typisch holländisches Kinderlied. Alle singen einträchtig, permanent dirigiert und ermuntert vom Chorleiter. Jedes Kind singt auch mal eine Strophe allein: dazu hebt LEJO den entsprechenden Finger seiner linken Hand etwas (also eins der Singekinder steht auf) und man erinnert unwillkürlich, Ähnliches schon einmal bei Kinderchoraufführungen gesehen zu haben. Echt niedlich und voll wieder im Kinderchor-Klischee, dass es nur so kracht.
Wichtigstes Requisit für LEJO sind neben seinen Händen diese Plastik-Augen (weisse Scheibe, übergroße schwarze Pupille) in verschiedenster Größe. Meist mit Bändern an Hand oder Fingern befestigt. Die suggestive Kraft solcher Augen, die alle Zuschauer zu fixieren, zu hypnotisieren scheinen, kombiniert mit den aussagekräftigen Fingerbewegungen: das ist LEJOs sehr subtile Sprach-Technik. Die Musik ergänzt die so erzeugte Stimmung und alle kleinen Geschichten werden in kürzester Zeit äusserst einprägsam und unmissverständlich dem Publikum vermittelt.
Etwas anderes fällt angenehm auf: LEJO ist detailversessen! Wer Klavier spielt, bemerkt, dass LEJOs Handwesen da wirklich Klavier spielt. Oder der DJ in einem der Filmpjes (auf LEJOs Website,s.u.) tut exakt, was man auch hört. Da wird nicht nur eine Bewegung angedeutet: sie wird vollkommen realistisch ausgeführt. Diese Liebe zum technischen Detail begeistert mich und das Erleben dieser Genauigkeit ist ein Genuß! Ich bin übrigens sicher: LEJO muss Musiker im Zweitberuf sein, denn Musik spielt eine große Rolle in seiner Handwerkskunst.
Übrigens sah ich nicht einmal eine Brille….mit Sehschärfe scheinen LEJOs Wesen keine Probleme zu haben.
Wer jetzt selbst entdecken möchte, was LEJO macht, sollte sofort http://www.lejo.nu ansehen. Dort auf “Filmpjens” klicken und sich so hinsetzen, dass man frei heraus lachen kann. Ich finde diese Website des holländischen Puppenspielers LEJO ausserordentlich witzig und gut konzipiert. Auf Videoclips in hervorragender Qualität und einigen Fotos sieht man seine Fingerkunststücke bzw. die Wesen, die er schafft. Und welcher Kleinkünstler gibt schon seine Geheimnisse preis? LEJO tut es.
Nicht nur das: LEJO veranstaltet in Amersfoort auch Workshops zu seiner Handwerkstechnik! Abgesehen von der Freude, die beim Handspielen aufkommt, ist diese Technik ein sehr gutes Training für Musiker: LEJO hat erstaunlich gelenkige Finger.
Es wundert mich garnicht, dass LEJO seine Handwerkskunst im Rahmen der holländischen Sesamstrassen-Produktion bringt und bedauere, dass wir diese Sendungen hier nicht sehen können.
Es ist sehr schön, dass jedes Jahr wieder auf dem Kai-City-Festival an der Kieler Hörn (diesem öden betonumrandeten Wassergraben inmitten verkommener Bürohausruinen) solch lebendige Kreativität entsteht. Zwar könnte die Musik auf der “Wasserbühne” gern etwas weniger mainstreamorientiert sein, doch was kleinkunstmässig geboten wird, ist meist erstklassig. Und die grosse Stadt Kiel selbst ist aus mir unerfindlichen Gründen nicht in der Lage, solche fähigen Leute z.B. im Kulturforum zu engagieren. Traurig. Eine Brauerei muss dafür einspringen, was der Steuerzahler selbst bezahlen möchte. Wie schön die Zeiten, wo das Kai-City-Festival noch nicht an Bierkonsum gebunden war…doch trotzdem meinen ergebensten Dank an diese Brauerei mit diesem Donald Duck-Namen….und immerhin ist der Einritt frei. Also, damit wäre jede Kritik an diesem steinigen Gebräu wirklich unangebracht…Danke ergebenst für die Kunst, Wolgang Burgard! Und es schmeckt eigentlich ganz gut…(Anmerkg. der Red.: das TÖNCHEN! wird nicht von Duckstein gesponsert).
Und einen ganz herzlichen Dank an LEJO, der hoffentlich auch mal auf der legendären Kieler Woche auftreten darf!
...und dann bitte auch diese tolle Akkordeonnummer bringt, die wir auf einem der “filmpjes” sehen können (siehe auch Abbildung oben).
LEJO ist übrigens ein sehr offener und freundlicher junger Mann, dessen Workshops wirklich Spass machen müssen! Und Amersfoort ist ja so weit nicht weg…