Dienstag, 5. September 2006
Klingt gut…?
Musikmöbel im IKEA-Sortiment
Ich bekomme ja immer ein bisschen Beklemmungen, wenn ich den IKEA-Marathon mache: was ist, wenn dieses ganze Holz mal brennt? Komm ich hier schnell genug raus? Doch ich überwinde mich und müde wie wir sind, lassen wir uns in zwei POÄNG-Sessel plumpsen. Mein Lieblingssessel (...habe ihn aber immer noch nicht).
Wir sind das DUO JOLKA. Wir haben gerade für die Eröffnung des neuen Geschäftsjahres im Haupteingang der Kieler IKEA-Filiale traditionelle schwedische Musik mit Geige und Akkordeon gespielt, genossen ein Essen im Restaurant und sehen uns nun ein bischen um.
„Was ich gut finde, sind diese eingerichteten Zimmer überall“ sagt meine Frau. „Ja, sie vermitteln eine gewisse Wohnathmosphäre.“ erwidere ich. Links um die Ecke, rechts um die Ecke, im Grunewald ist Holzauktion…“Ach, guck mal, wie schön…“ - „Ja!...aber wir haben doch schon…“ - „Ich sag ja auch nur…“ - „Ja, sehr schön.“ (Aha…da war ein Notausgang…wie tröstlich).
Doch… doch. Mir fällt was auf: da fehlt doch was!? Was ist es nur? Auf der Heimfahrt fällt es mir dann ein: es gibt rein garnichts, was man mit „Hausmusik“ irgendwie in Verbindung bringen könnte….oder ist das jetzt, weil ich Musiker bin und eben noch mein SILVETTA-Holzakkordeon spielte? (Würde jedenfalls glänzend ins Sortiment passen…siehe Bild)
„Blubbs“ macht es zu Hause im Flur und der neue IKEA- Katalog liegt da und fragt mich: “Lebst du schon?“ Ich bejahe. Koche einen Kaffee und wir sitzen gemütlich im Garten in unseren Uralt-Liegestühlen und blättern das Heft auf: “...oder worauf wartest du?“ (das intensive Duzen kannten wir schon von den zahlreichen Lautsprecherdurchsagen im Möbelhaus…ehrlich gesagt: etwas zu aufdringlich…).
„Arbeiten, machen, tun, hierhin hetzen, dahin hetzen – wo ist es geblieben, das herrliche Nur-zu-Hause-sein im gemütlichen Nest daheim? Stell dir vor, wie das wäre: einfach mal einen Termin sausen lassen, einen Krümel übersehen, eine Fernsehsendung auslassen, ein Telefonklingeln überhören. Schon hast du kostbare Zeit gewonnen, um sie mit den wichtigsten Menschen der Welt zu genießen: deinem Partner, deinen Kindern, dir selbst. Klingt gut? Worauf wartest du dann: Das Leben ist nicht irgendwo auf einem anderen Stern, in einem anderen Millennium – sondern genau hier und jetzt. Höchste Zeit, dass wir es uns daheim wieder richtig schön machen…“ [zitiert aus IKEA-Katalog 2007, Umschlagtext]
Hm…klingt wirklich gut: das mit dem Krümel und so. Fernsehsendung auslassen…damit hab ich echt kein Problem…Telefonklingeln überhören?...schwer, wenn man selbsständig ist. Leben…hier und jetzt!...ja, bin überzeugt, so sollte das echt sein. Und sehr intuitiv geschrieben, dieser Text. Intelligente Werbung. Und ganz ehrlich: mit keiner anderen Werbebroschüre (die hier massenhaft ins Haus und anschliessend in die blaue Tonne flattern) würde ich meine Kaffeepause verbringen. Dieser Katalog hat was. So wie diese magischen Musikinstrumentenkataloge: man gerät ins Träumen…und muss ja eigentlich auch garnicht kaufen.
Bestechend: diese zufriedenen modernen Hausfrauen in den glänzend-nüchternen Küchen. Meine Frau bemerkt sofort, dass Männer in IKEA-Küchen unterrepräsentiert sind. Und diese niedlichen glücklichen Kinder, die in bunten Betten sitzen, brav am Schreibtisch schreiben und rechnen, in skurilen Plastiklandschaften schweben (war das schwedische Möbelhaus nicht mal ein Synonym für „Naturholz“?)
„Wohnzimmer“...ach, wie toll! Und laut Inhaltsverzeichnis soll es hier „Musikmöbel“ geben…also doch! (Wie kann ich nur denken, bei IKEA wäre die Hausmusik unter den Tisch gefallen…ts ts) Wir arbeiten uns durch die geschmackvoll-dekorierten (na ja…) und stets aufgeräumten Wohnlandschaften hindurch: weiß, blau schwarz…vor 30 Jahren war alles aus Holz („Ja, Opa, vor 30 Jahren war alles besser!“)
Auf S. 113 steht die wohnende Hausfrau im Wohnzimmer auf der Bibliotheksleiter und sucht ein Buch. Bücher, Bücher, Bilder, Bilder. Kunst an der Wand…kühl und sachlich (und nirgendwo hängt eine Geige…war das nicht ein schwedisches Möbelhaus und hängen in Schweden nicht überall Geigen in Wohnzimmern rum?)
Mir wird auch klar: „Musikmöbel“ ist nicht etwa ein nett designter Klavierhocker, sondern so werden die Schränke für Hifi-Anlagen und CD-Lager genannt. Die Tischchen für die Breitwandfernseher…oder? Vollkommen daneben: da steht DOCH ein Klavier!...ach nein, der BÖLSÖ-Beistelltisch der Designerin Maria Vinka sieht nur aus wie ein Flügel in Kleinformat. 51X51cm und 41cm hoch…. geschrumpftes typologisches Relikt eines Grossklaviers aus recyceltem Kunststoff…(mmh…das Dingen als Klavierhocker würde unter meinem Gewicht einfach zusammenbrechen).
Doch werden wir nicht ungerecht: es wird einen Klavierhocker, einen Holz-Notenständer, ein Hausmusikschränkchen, einen Geigenhalter, ein Notenschränkchen und eine Klavierlampe geben! Das KANN garnicht anders sein, denn dieses Möbelhaus ist gut sortiert und verspricht die super Ausstattung zum kompletten häuseligen Feierabend vorrätig zu haben. „Aus Büchern kannst du viel lernen.“ [ebd.S.147] ...sehen wir uns doch mal das Stichwortverzeichnis an!
Hocker, S.68…jetzt bin ich aber mal gespannt…wo ist mein Klavierhocker für das „hier und jetzt“...bin erstaunt!...11 unterschiedliche Typen von Hockern…neun davon „Barhocker“!...bin ich Alkoholiker?...sieht Freizeit so aus?...da gibt es nur noch einmal „Klapp“ und einmal „Hocker,stapelbar“ ohne besondere Verwendungsvorschläge. Für das Klavier sollte ich drei BOSSE-Barhocker kaufen und bei zweien dann die Beine absägen…mmm. Irgendwie doof.
Oh, Moment! Es gibt DOCH Musikinstrumente bei IKEA! Ich lese ORGEL…doch…stop!...dies ist eine Lampe. Stimmt. Dem Presseinfo auf der IKEA-Website entnehme ich, dass Begriffe aus der Musik für die Bennenung von Beleuchtunsartikeln benutzt werden. Also doch nichts mit der Orgel im IKEA-Sortiment. Leider aber auch keine Klavierlampe oder Notenständerbeleuchtung…ich erwarte einfach zu Einfaches, das ist mein Problem….aber Musik ist bekannt: tröstlich.
Notenständer werden oft als Dekoration geführt. Der Katalog bietet über 12 Seiten Dekorationsgegenstände an: Körbe, Kerzen, Poster, Bilder, Schalen, Kerzenhalter, Vasen, Blumentopf…doch nicht einen Notenständer.
Das Kapitel „Arbeiten mit IKEA“ enthält einen höhenverstellbaren Arbeitshocker namens TRAKTOR, den ich evtl. für mein Klavier oder für das Akkordeonspielen benutzen könnte. Warum nicht auf dem Traktor vorm Klavier sitzen, vollkommen neuer Aspekt der Haus- und Hofmusik. Auch der Hocker VITAMIN (wird meiner Musik Power garantieren) ist höhenverstellbar und ähnelt etwas meinen seit Jahren benutzten norwegischen STOKKE-Stühlen. Dies phantastisch guten aber viel zu teuren Dinger…
Aber das ist auch alles. Musik kommt bei IKEA sozusagen nicht vor. Oder doch? Auf S. 114 des Kataloges sehe ich als Dekoration eines reich bebücherten Wohnzimmer-Beispiels eine kleine Kürbisrassel im Schrank liegen….(kicher…)
Schweden: das Land der Hausmusik! Bis heute ist dort die Nationalhymne ein Volkslied. Jeder Elch kann Polska tanzen. Schwedenreisende sind immer wieder überrascht von der musikalischen Spontaneität der meisten Schweden. In ihren Wohnzimmern hängen Gitarren, Geigen, Dudelsäcke. Stehen Klaviere, Harmoniums, Akkordeons. Und werden auch benutzt, sind also keinesfalls Dekoration wie manchmal hierzulande üblich. Holznotenständer habe ich in Schweden so zahlreich gesehen wie Notenschränkchen oder kleine Hausmusiktischchen, auf denen sich Noten schreiben lassen oder die zur Ablage von Kleininstrumenten dienen.
Und warum merkt man diese typisch schwedische Freizeitqualität nicht im Sortiment von unseres schwedischen Möbelhauses? Statt schwedischer Walzer, Polskas, Schottisches, Polkas oder Liedern hören wir beim IKEA-Einkauf das übliche Supermarktgedudel. Immerhin: beim kürzlich stattgefundenen Krebsessen spielte das DUO JOLKA traditionelle schwedische Musik mit Geige und Akkordeon. Und dort sassen dann auch zahlreiche Schwedenreisende und erzählten uns von schwedischer Musikbegeisterung.
Nun darf man nicht erwarten, dass ein typisches Möbelkaufhaus Musikinstrumente verkauft. Aber warum eigentlich nicht? Es könnte ja die gehobene mittlere Qualität sein, so dass der klassische Einzelhandel sich ausschliesslich der oberen Qualität widmen könnte, wozu er besser ausgerüstet ist als ein Kaufhaus. Und preislich arbeitet der Einzelhandel – wenigstens was Akkordeons betrifft – sowieso in den höheren Regionen. Und so richtig schöne Holzakkordeons wie die der Schaumanufaktur in Klingenthal gibt es garnicht im Sortiment des bundesdeutschen Musikalienhändlers. Warum das, ist mir schleierhaft, aber ich hoffe, IKEA erkennt diese Lücke im Sortiment…ich helfe gerne!
Entscheidend ist für mich die massenhafte Verbreitung von Musikinstrumenten, die eine starke Hausmusiktradition fördert. Auch in Schweden wurden immer Geigen minderer Qualität verhandelt und man begrüsste es. Akkordeons waren schon immer ein Massenprodukt und würden sehr gut in ein Kaufhaussortiment passen, weil sie klein und leicht sein können.Gitarren eignen sich ebenso.
Bei Klavieren sollte man vorsichtig sein: zwar werden sie inzwischen in Klavierfabriken und am Fließband gebaut, doch sind es äusserst komplexe und schwere Instrumente, ausgesprochen wartungsintensiv. Da wird ein Einzelhändler unersätzlich bleiben. Dennoch könnte IKEA die pflegeleichten und erschwinglichen Digitalpianos anbieten, die sich für Hausmusik sehr gut eignen.
Wer hier denkt, ich sähe Hausmusik ausschliesslich traditionell, hat sich getäuscht: ein Schlagzeug, eine E-Gitarre bzw. E-Bass oder Keyboards wünsche ich mir ebenfalls in meinem IKEA-Laden um die Ecke.
Zubehör wie Musizierstühle, Notenständer, Musiktischchen und -schränkchen würden fraglos das IKEA-Sortiment vorteilhaft ergänzen und die Thematik „Hausmusik“ schon einmal in Gang bringen, bevor man sich zum Vrerkauf von Instrumenten entschliessen würde.
Thema Xylophone: für jemanden wie mich, der sich unter IKEA-Möbeln wirklich ausschliesslich Holzprodukte vorstellt („bin ich da schon altmodisch?“ - „Ja, Opa!“) ist das Xylophon das klassische Holzinstrument schlechthin. Im Musikhandel spielt es eine mehr klägliche Rolle. Als Haus- und Schulmusikinstrument ist es fast ausgestorben. Doch arbeite ich weiterhin standhaft an der Wiederbelebung. Man sollte es einfach nur mal mit der Bezeichnung „Marimba“ probieren….dann wird es ernstgenommen.
Die Musikwerkstatt Rzeszut in Kiel ist bekannt für merkwürdige Einfälle. Und jetzt arbeiten sie also an einem Hausmusik-Sortiment für IKEA? - Ja! Und das halten wir für dringend notwendig.
Nicht nur die Diskussion über „Freizeitgesellschaft“ erfordert eine Einbeziehung von Hausmusik in den Alltag. Auch der Faktor „Entspannung“ zwingt alle, die sich eine ausgeglichene, friedliche Gesellschaft wünschen (und wer will die nicht?) dazu, sich mit Hausmusik ernsthaft zu befassen.
Gerade am IKEA-Katalog sehen wir die Dominanz reproduzierender Musikmedien in unserer Kulturlandschaft: es gibt CD-Regale, Tischchen für Breitwand-Fernseher usw. Musikkonsum steht ganz oben Doch wer Musik nur rezeptiv hört, ist nicht aktiv. Nur aktives Musizieren ist sinnvolles Musizieren, weil es den ganzen Menschen beansprucht. Wer Musik macht, liegt nicht mit Kopfhörern auf dem Sofa (und wird müder und müder…). Wer Musik macht, bewegt sich, verwirklicht sich, sozialisiert sich mit anderen und wird wacher und wacher!
Es macht einfach keinen Sinn, sich die Musikkultur von Spezialisten vorführen zu lassen. Wir alle können Kulturarbeiter sein, erst dann macht kultur Spass!
„Schon hast du kostbare Zeit gewonnen, um sie mit den wichtigsten Menschen der Welt zu genießen…“ [zitiert aus IKEA-Katalog 2007, Umschlagtext]...Instrumente her und los gehts! Hausmusik wird tagtäglich von immer grösserer Bedeutung sein. Musik macht nicht nur „intelligent“, Musik therapiert und entstresst den Menschen – was gesamtgesellschaftlich gesehen sicherlich von grösserer Bedeutung ist.
Hausmusik findet technisch zumeist auf einem mittleren technischen Level statt: es muss nicht immer ein Flügel sein. Es muss nicht Musiziertechnik auf höchstem Niveau sein und auch Wettbewerbsqualitäten („Jugend musiziert“) will man nicht nur und immer. Seit Jahrtausenden gehört Hausmusik zu den wesentlichen Kulturformen und Kulturmerkmalen der Menschheit. Praktisch alle klassischen Komponisten haben auch Hausmusik komponiert und ein wesentlicher Teil von Volksmusik findet im Haus statt und bei privaten Festen und Feiern.
Wer Hausmusik will, sollte also in den den nächsten Möbelmarkt gehen können und sich die paar Gegenstände zusammensuchen, die dafür notwendig sind und die jeder haben sollte.
Wir werden demnächst an dieser Stelle darüber schreiben, worin eine wesentliche Hausmusik- Grundausstattung besteht. Solange hoffen wir, dass unser wohnkulturprägendes schwedisches Möbelhaus sich vielleicht von unseren Anregungen hier inspierieren lässt:
„Jeder Mensch muss musizieren, und das gilt auch für dich! Beschaffe dir bei uns alles, was du dafür brauchst. Musizierst du schon, oder konsumierst du noch? Musizieren fördert deine Gesundheit. Mit Hausmusik lebst du länger und zufriedener!“ (zu dieser Lautsprecherdurchsage sollte man sich jetzt den bei IKEA üblichen schwedischen Akzent denken…)