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der Musikwerkstatt-Rzeszut

 

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Montag, 20. November 2006

Kleszmermania!

Die Website VIRTUAL KLEZMER erfüllt alle Kleszmerträume!

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Ja wirklich! Es gibt sogar eine „persönliche“ Top Ten der Kleszmerplatten, wenn man nicht den eigenen Geschmack für einen Kaufentscheid bemühen möchte. Man gab sich auch sonst wirklich Mühe beim Unterteilen des Hauptklischees in Subklischees: die Klesmerszene hat nun also zu unterscheiden in Traditionalisten, Erneuerer, Revivalisten und die „aus der Versenkung“ (1940-75). Und wehe, das klappt nicht! Alles ist schön geordnet und mancher Musikwissenschaftler wird vor Neid erblassen, wenn er solches sieht. Vielleicht auch vor Ärger: denn hier wird mal wieder historisch gesehen, was noch Teil der Gegenwart und deshalb dem steten Wandel unterworfen bleiben sollte - um der Lebendigkeit willen!

Doch Kritik beiseite: wer sich über die Kleszmer-Strömungen informieren möchte, ist hier ja genau richtig. Was ich persönlich vermisse ist ein Hinweis auf Sprachkurse in Jiddisch. Ich finde es immer witzig, wenn nichtjüdische Mitteleuropäer jiddisch singen und vor jedem Stück in ihre jeweilig eigene Sprache übersetzen müssen, was sie in der künstlich adaptierten Sprache singen. Wie wärs mit aktuellen, selbstkomponierten Liedern schon im Kleszmer-Stil, aber in der Sprache der Interpreten? Das käme doch viel besser und authentischer rüber! ...Lieder gegen Rechts oder gegen Krieg und Unterdrückung sind doch die gegenwärtigen Kleszmer-Thematiken, oder etwa nicht? Das vielbeschworene „Kleszmergefühl“ wäre dann noch besser umzusetzen und es gäbe keine „Erneuerer“ sondern Leute, die einfach Musik machen….(das wären dann die „Modernisierer“...grins). Denn im Grunde reizen doch hauptsächlich die “Kleszmer-Skalen”, gebts doch zu, liebe Kollegen und Kolleginnen. Jedenfalls: mich reizen die immer noch! Spannungsreicher kann Musik kaum sein.

Doch Kritik beiseite….nein, geht leider nicht! Denn mal wieder wird bei VIRTUAL KLEZMER nur von Künstlern gesprochen, die auch Platten aufgenommen haben. So wie unser grosses Folkmagazin DER FOLKER! nur über Leute berichtet, die auf Platten zu hören sind. Komisch, was? Dabei gehts doch immer um handgemachte Musik! Was ist mit Gruppen, die kräftig Kleszmermusik spielen, aber keine Lust auf Plattenmachen haben? Das sind doch eigentlich dann die „Originalisten“...oder? Und davon gibt es immerhin zwanzigmal mehr Gruppen!

Doch Kritik beiseite….nein, es geht immer noch nicht! Unter der Rubrik „Kleszmer in der Versenkung“ lese ich: “Viel Musik gibt es nicht aus der Zeit zwischen 1930 und etwa 1950. Das ist nichts Neues. Wenige Tondokumente haben die schwere Zeit in Deutschland überstanden.“ Gut, das Lager Theresienstadt liegt in der Tschechei, aber dort gab es z.B. Kleszmermusik, deren Aufarbeitung sich die Redaktion einer wirklich guten Kleszmer-Website nicht zu schade sein sollte! Nein, Tondokumente eben nicht! Aber KLESZMER MUSIK als Todesdokument! Musik unter Todesangst gab es dort. Kleszmer war nie gemütlich. Kleszmer ist MUSIKALISCH AUSGEKOTZTES LEID!! Jüdische Musiker, Kleszmermusikanten, polnische Strassenmusiker oder sog. „Zigeuner“ durften vor ihrer Ermordung, vor ihrer Vergasung in Auschwitz gern noch einmal für die Nazi-Wachtposten aufspielen…bevor sie ihre teilweise sehr kostbaren Musikinstrumente in Sammelräumen deponieren mussten und in die Güterzüge gestossen wurden (wie der Jazzmusiker Coco Schumann – der einige KZs überlebt hat - in seiner Biografie beschreibt).

Vergessen wurde auch eine ausführlichere Darstellung der Kleszmermmusik in den USA, wo zahlreiche osteuropäische Auswanderer – darunter viele jüdische Flüchtlinge aus dem Nazi-Deutschland – den Stil des Kleszmerns eigentlich erst populär gemacht haben, bevor er wieder nach Deutschland schwappte. Das würde ich noch an die Infos anhängen, denn dann versteht man diese ganze Kleszmerbewegung doch überhaupt erst! Das Prinzip war: ursprünglich osteuropäische Musik und jiddische Lieder wurden nach USA mitgebracht bzw. exportiert. Dort lebten alte Stile im Bereich jüdischer und osteuropäischer lokaler Minderheiten weiter. Diese Musik vermischte sich mit Swing und Jazz und dadurch entstand überhaupt erst Kleszmer als Mischung verschiedener Einzelstile. Und besonders diese bildungsbürgerlich-romantisch-beschauliche Achwieschön!- Variante hier im wohlhabenden Westen, wo die Ghettos draussen vor der Stadt liegen, wohin keiner so gern rausfährt. Denkt einfach beim Musizieren dra: Kleszmer ist dargestelltes Leid. Mit Musik kommt man drüber weg. Meistens.

Gut dargestellt auf der VIRTUAL KLEZMER - Website (wenn auch nur wieder ausschliesslich mit Blick auf die Tonträger-Musiker) wird die Geschichte des jiddischen Liedes im Deutschland der Nachkriegszeit. Der enormen Bedeutung der Gruppe „Zupfgeigenhansel“ für die Entwicklung der westdeutschen Kleszmerszene Ende der 70iger Jahre wurde allerdings doch noch zu wenig Bedeutung beigemessen (noch nicht einmal fett gedruckt hervorgehoben). Immerhin war „der ganz entscheidene Einfluss“ der LP „Jiddische Lieder“ für uns Folkies damals so bedeutsam, dass zahlreiche Folkmusikgruppen (wie etwa auch „Ulli Böcki und seine Freunde“ mit mir am Akkordeon, siehe Foto von 1978, Göttingen) wirklich nur diese Lieder spielten. Keiner hätte diese Musik damals übrigens als „Kleszmermusik“ bezeichnet: „jiddische Lieder“ waren das! Und wurden erst viel später unter dem Oberbegriff „Kleszmer“ abgeheftet, der irgendwann einmal ausschliesslich für die aus den USA reimportierte jiddische Instrumentalmusik(!) geprägt wurde.

Unter dem Link http://www.klezmer.de/Noten/noten.html finden sich sehr schön geschriebene Noten zum Downloaden im PDF – Format. Diese kann ich unseren AkkordeonschülerInnen als Einsteigematerial empfehlen. Darüber hinaus gibt es jede Menge an Gedrucktem. Ganze Notensammlungen existieren. Darüber wird später mal im TÖNCHEN! Berichtet. Vorerst wäre dieses Link http://www.klezmershack.com/ zur Seite von Ari Daridow ein guter Tip!

Kritik an meinem Foto?...ja, ich weiss, der Michael mit der Gitarre ist nur halb zu sehen. Ich wars nicht: das Foto hat Hildegard Mahn damals 1978 in der Göttinger Fussgängerzone aufgenommen, und ich spiel ein ausgebranntes aber mühevoll restauriertes Mini-Akkordeon. Deshalb sind die Tasten so braun und die schwarzen weiss, weil ich dafür Fichtenholz genommen hatte. Wir spielen da auf dem Foto die Zupfgeigenhanselplatte rauf und runter. Aber auch eigene Sachen und Renaissancemusik. Drei Studenten der Ur- und Frühgeschichte sowie ein Sinologe…..bildungsbürgerlicher gehts garnicht! “Schtill die Nacht…” empfanden wir als ausgesprochen romantisches Partisanenlied. Heute mag ich es nicht mehr spielen. Es macht mich fertig.

Geschrieben von Martin Rzeszut am 20. November 2006 um 15:16 Uhr

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