Mittwoch, 9. August 2006
Kinder malen Musik
Schwedische Musik zum Krebsessen bei IKEA - Andrè malt das so, wie er das sieht
Andrè Heller ist 8 Jahre alt und findet unsere Musik hevorragend. Während seine Eltern im IKEA-Restaurant Krebse essen, tanzt er zu den Klängen des DUO JOLKA lebhaft herum. Zwischendurch geht er immer mal wieder zum Maltisch in der Kinderecke und malt, was er sieht….
...und was Erwachsene vielleicht ganz anders sehen würden: dort steht La la la (obwohl wir nicht singen) und man sieht einen unverhältnismässig grossen Notenständer (tatsächlich haben wir zwei kleine Notenständer: so niedrig gestellt, das man uns noch voll sehen kann). Andrè malt auf den Notenständer ein grosses Notenblatt: sehr genau findet man dort Achtel- und Viertelnoten sowie drei verschiedene Notenschlüssel-Typen. Vergleicht man Andrès gemaltes Notenblatt mit unseren handgeschriebenen Noten, so wird man einzig den Violinschlüssel finden.
Links vom gemalten Notenständer malt Andrè sprechblasenähnliche Gebilde mit weiteren Noten. Es ist ordentlich laut, wie er mit dicken Wachsstiften und sehr schnell diese Noten aufs Papier knallt: das kann ich während des Spielens ganz gut beobachten. Andrè ist sehr stolz auf seine Zeichnung und sicher mit seiner Feststellung, alles das gemalt zu haben, was auch ist.
Was ein Erwachsener vielleicht witzig fände: es sind keiner Musiker zu sehen (obwohl meine Frau und ich dem Zeichner stundenlang Modell sitzen) und unsere Instrumente (Geige und Akkordeon) sind sehr klein abgebildet und sozusagen auf dem Notenständer links neben das Notenblatt plaziert. Das beeindruckte mich besonders: für uns die Hauptsache, nämlich unsere Instrumente, sind kleiner gezeichnet als die beiden Achtelnoten links daneben!
Beide Instrumente sind mit braunem Stift gemalt. Das Akkordeon erinnert verblüffend an ein kleines diatonisches Instrument (ich benutze jedoch ein grösseres Pianoakkordeon). Die Proportionen stimmen. Die Geige ähnelt einer kleinen Gitarre und hat exakt vier Saiten. Der Bogen ist vom Künstler eher schematisch angedeutet.
Entstehungszeit dieses Werkes: etwa 10 Minuten. Andrè überreichte uns sein Blatt freudestrahlend und begleitete unsere Musik noch lange mit lebhaftem Tanzen. Was wir spielten, war total nach seinem Geschmack.
Andrè erzählte uns: er habe Musikunterricht und kenne fast alle Noten. Welches Instrument er denn spiele, blieb allerdings unklar. Andrè legt jedoch grossen Wert darauf, alle ihm bekannten Noten auf seiner Zeichnung abgebildet zu haben.
Andrè malte, was er überhaupt unter Musik versteht. Dass wir spielten, war für ihn Anlass, seine Kenntnisse zu zeigen. Sachkenntnisse! Ich stelle mir vor, wie Andrè seine Zeichnung im Musikunterricht in der Schule auf den Overhead-Projektor legt und genau erklärt, was er beim Krebsessen bei IKEA…oder nein: was er über Musik allgemein erinnert hat, als er unsere Musik hörte.
Musik ist so unheimlich schwer in einer Zeichnung festzuhalten. Besonders, wenn man ausschliesslich Noten erinnert, obwohl man Töne und Klänge hört. Was Andrè sehr gut dargestellt hat, ist seine volle Begeisterung für das, was er hörte: die Kreise und Punkte sprudeln nur so und die fette Umrahmung des Notenständers machte während des Zeichnens deutliche Geräusche.
Ich bin von Andrès Geschenk und seiner Liebe zu unserer Musik voll begeistert. Doch ich wünsche ihm herzlichst, bald die Instrumente grösser malen zu können, als die Noten. Oder noch besser: statt Noten Farben, Linien, Flächen, tanzende Menschen…
“Ja.ja….was Erwachsene so denken!” wird Andrè vielleicht dazu sagen. “Dabei kenne ich doch die Noten fast alle!”
Musik ist so flüchtig: kaum ist sie da, ist sie schon wieder verschwunden und klingt in der Erinnerung nach. Was kann sie festhalten? - Nichts.
Es bleiben letztlich nur Noten, um Flüchtiges festzuhalten. Und der Mensch hat immer Sorge, dass ihm etwas verloren geht. Hätten wir keine Noten, würden wir ja nichts von der Musik behalten….
Kinder malen Musik und klammern sich an das Lernbare, Sichtbare, Fassbare. Genauso wie Erwachsene, die Musik unterrichten. Noten über alles! Klang wird zur Note!
...oder? Wer Mut hat, befreit sich vom Zwang, Musik als Notenansammlung anzusehen.
Andrè hat im Laufe des Abends konsequent das Malen mit dem Tanzen ergänzt, getauscht. Musik zu Tanzen entspricht sehr seinem Naturell.
Auch seine Eltern lasen nicht nur die Speisekarte, sondern genossen das Krebsfleisch ...wie vernünftig!
Danke, Dass Du uns das Blatt geschenkt hast und unsere Musik so schön fandest, Andrè! Und mach bloss weiter mit dem Musikmachen!