Sonntag, 23. Juli 2006
JESSE-GRELL-TRIO und YALLENCY BROWN
Salza und Reggae in Tropenhitze am Schönberger Strand
Nach einer Kreuzfahrt durch die tropisch warmen Gewässer der Kieler Förde legte der kleine Karibik-Dampfer nicht unweit des hervorragenden und unter lauschigen schattenspendenden Bäumen liegenden Indischen Fischrestaurants am einsam gelegenden Fischerort Laboe an. Von dort schlugen wir uns mit unseren Geländefahrrädern zwischen kalifornischem Dschungel und Küste durch. Die Pfade waren von mässig bekleideten Eingeborenen bevölkert und ein Duft von heissen Fetten umfächelte unsere Nasen.Und plötzlich lag sie vor uns: die Seebrücke am Schönberger Strand, das Ziel unserer strapaziösen Exkursion in feucht schwülem Klima der hiesigen Tropen…
Seebrücken sind von einzigartiger Schönheit. Sie sind lang, stabil gebaut und enden irgendwo schliesslich im Nirgendwo. Steht man am Ende, so kann man zurückblicken: dorthin, woher man kam. Dreht man sich aber herum, so blickt man ins schiere Nichts. Oder in die unendlichen Weiten der Dänischen Südsee. Und meist ist man allein auf diesen riesigen Bauwerken, die sich die hiesigen Eingeborenendörfer unter Aufbietung aller finanziellen Restbestände leisten.
Mit Recht fragt sich der Weltreisende nach dem Warum. Warum und wofür existieren diese trotzigen und in das wilde Meer hineinragenden Bauwerke? Doch der in die lokalen Bräuche eingweihte Seebrückenkenner kennt die Antwort: diese Bauwerke sind ganz einfach Kulturträger.
Jawohl: Seebrücken tragen Kultur in die Ferne. Zwar sind sie meistens menschenleer, doch das ist kein Widerspruch, denn Kultur ist Mangelware im Norden Mitteleuropas. Nicht, dass es sie nicht gäbe, es gibt sehr viel und man kann darüber lesen. Doch Kultur ...sehen? Nicht eigentlich oft.
Doch am Schönberger Strand ist es einmal im Jahr und namentlich heute so, dass man am Ende – am Ende eben der Seebrücke – man doch noch Kultur trifft, die sich noch nicht in die Weiten der Karibik verflüchtigt hat.
Und das Kennerauge sieht sofort: diese Seebrücke wurde gebaut, um die Kultur vor zuviel Lärm zu schützen. Denn am Strand steht eine lautschallende Bühne. Das Kennerohr wird dies bestätigen. Dank der 250 Meter langen Konstruktion („Lerchenholz auf Stahlrohr“) wird es möglich, am Ende unverstärkte Musik ungetrübt von Nebengeräuschen wahrzunehmen.
Nein, das stimmt so auch wieder nicht: bei östlichen Winden wurden die Akkordeon-, Bass- und Gitarrenklänge des Jesse-Grell-Trios von Harmonien einer Jazzband unterwandert. Und die jungen Eingeborenen sprangen hoch oben vom Geländer in die wilden Fluten der Ostsee. Die Folgen dieser (offiziell verbotenen) Mutproben waren salzige Duschen für die Salza-Musikanten und für die Seebrücken-Wanderer und -TänzerInnen.
Die Schönberger Seebrücke „dient ... vorrangig dem Ziel, den Urlaubern etwas zu bieten“/“Einen frisch gebratenen Fisch wird man in der Nähe der Brücke garantiert auch finden.“
(siehe http://www.schoenberg-ostseebad.de/region/Seebruecke/Seebrueckealt/seebralt.htm).
Dies gelang vorzüglich: den Fisch rochen wir über 300 Meter Entfernung von Kruse’s Fischbuden her und die drei Musikanten waren als Matrosen verkleidet. Bei jedem sassen die blauen Streifen anders. Neben diatonischem Knopfakkordeon (Modell Tommy, Stimmung A/D von Catagnari) spielten sie Geige, Dudelsack (Material: Fuchs), Gitarren und Cowbell-Perkussion (mit Fussbetrieb).
Kaum war man richtig ins Salzatanzen gekommen, legte ein graugarstiges Schnellboot der Bundeswehr mit dem bezeichnenden Namen „Todendorf“an und die Band wurde abgeführt aufs Achterdeck. Man fuhr dann zum Kieler Leuchtturm hinaus unter cubanischen Klängen. Aber alle kamen lebend zurück….
Etwas makaber, dieses Schnellboot. Passt nicht so richtig in ein Kulturfest. Zumal die Seebrücke eine kriegsgeprägte Geschichte hat: erbaut und erstmalig eröffnet 1912 existierte sie für ganze zwei Jahre: 1914 wurde sie von Soldaten in die Luft gesprengt, „um den Feind an der Landung zu hindern“. Im Jahre 2001 wurde sie dann wiedereröffnet in heutiger Gestalt und um die Badegäste zur Landung zu zwingen. Das diesjährige Seebrückenfest ist ein Geburtstagsfest.
Die Reggaeband Yallency Brown aus Hildesheim sorgte dann für wirkliche Geburtstagsstimmung. Neben Reggaeklassikern wie etwa „I shot the Sheriff“ oder „Redemption Song“ von Bob Marley gab es zahlreiche Eigenkompositionen, wie man es sich von kreativen Bands nur wünschen kann. Klanglich war alles sehr ausgewogen: nicht zu laut und nicht zu leise, heftig hingeknallter Offbeat und romantisch anmutende Piano-Passagen. Guter Gesang und fetter Bass. Auf der Homepage der Band finden sich nette Soundbeispiele (siehe http://www.yallencybrown.com/start.html).
Leider konnten wir das zweite Set von Yallency Brown nur noch aus der Ferne hören, denn es galt, die 25 Kilometer nach Kiel im lauen kühlen Abendwind zurückzuradeln. Ich hatte dabei diesen Song im Kopf: „Emancipate yourselves from mental slavery, none but ourselves can free our minds…How long shall they kill our prophets ...while we stand aside and look? Yes, some say it’s just a part of it. We’ve got to fulfill the book…Won’t you help to sing these songs of freedom? ‘Cause all I ever had, redemption songs…redemption songs….“
Das hätte eigentlich sehr gut auf das Achterdeck der „Todendorf“ gepasst. Wann endlich werden diese grauen Todes-Boote rot-grün-gelb gestrichen und laufen mit Salza- und Reggaebands tausendfach von kulturtragenden Seebrücken aus, um den Frieden in alle Welt zu bringen…?