Donnerstag, 28. September 2006
Idomeneo, der Opernstreit und die abgeschlagenen Köpfe
Freiheit der Kunst oder Gipfel der Geschmacklosigkeit?
Natürlich! Auch das TÖNCHEN! macht mit wenn es um Schlagzeilen geht! Neuenfels, Neuenfels, Neuenfels…abgeschlagene Köpfe von Poseidon, Jesus, Buddha und Mohammed…“sie muss sich überlegen, ob sie ein Haus noch leiten kann, wenn sie so eine Entscheidung trifft” (Neuenfels über Harms)...vor der ersten Islamkonferenz….Otto: Idomeneo Thema der Islamkonferenz?...Entscheidung beruht auf entsprechenden Hinweisen der Berliner Sicherheitsbehörden…“nach dem Karikaturenstreit nun ein Opernstreit?” hörte ich soeben im Deutschlandfunk. Und Neuenfels hat sogar einen Anwalt - er muss also noch nicht einmal selber mit Frau Harms reden. Mensch, ist das alles albern!
Die Absetzung dieser wirklich abschreckenden Inszenierung finde ich gelungen! Die in der Tagesschau gezeigten Ausschnitte reichten mir völlig. Ich fand es äusserst provokativ und gefährlich, genau jene Ausschnitte in der Tagesschau weltweit zu senden, derentwegen das Stück ja abgesetzt wurde. Das sahen dann ja doch alle, wie widersprüchlich!
Und ganz abgesehen von der religiös-politischen Brisanz: abgeschlagene Köpfe will ich einfach nicht auf der Bühne sehen, egal von wem! Ich finde das voll daneben!
In Mozarts Oper “Idomeneo” geht es darum, dass ein Vater seinen Sohn mit allen Tricks vor dem Sterben schützt: sowas will ich sehen, falls ich sowas überhaupt sehen wollte. Abgeschlagene Köpfe widern mich an in einer Zeit, wo die Folgen von Selbstmordattentaten tagtäglich in Nahaufnahme über den Bildschirm bluten. Was soll da so eine Wachsfigurenkabinettnummer auf einer Opernbühne? Kann man nicht gewaltfreie Inszenierungen bringen, in der keinerlei abgeschlagene Köpfe - von wem auch immer - zu sehen sind? Sind die künstlerischen Mittel schon dermassen erschöpft, dass Herr Neuenfels seine Ideen nicht anders umsetzen kann? Vielleicht als Andeutungen der Realität? Das nennt man “künstlerische Umschreibung”...ja ja, von mir aus altmodisch. Trotzdem wird das seit Jahrhunderten gepflegt in Literatur und Theater.
Für mich jedenfalls beginnt Kunst erst dort, wo die Schäbigkeit der Realität - wenn es um Gewalt geht - nicht direkt und banal gezeigt wird. Kunst beginnt für mich dort, wo die Kraft der Realität erschöpft ist und nur noch mit künstlerischen Mitteln Hoffnung gepflanzt werden kann. Und nach guten alten humanistischen Grundsätzen (Idomeneo ist immerhin ein Stoff aus der Antike!) sollten meines Erachtens Opern- und Theateraufführungen nicht geschmacklos (ja, ich weiss: altmodisch!) sein und destruktive Auswirkungen haben, sondern konstruktiv und mit Blick nach vorn. Opernbesucher sollten sich nicht in der Pause schütteln müssen und Herr Neuenfels hat eigentlich schon genug Public relation bekommen: er sollte sich mal durch gelungene Inszenierungen profilieren, die denen er den gegenwärtigen Glaubensspannungen konstruktiv begegnet. Sicherlich: das strengt mehr an, als das Drama mit ein paar blutigen Requisiten zusammenzubasteln.
Die jetzt vielzitierte künstlerische Freiheit ist übrigens schon lange bei uns in Gefahr und das aus ganz anderen Gründen: weil nur immer dieselben von der diensteifrigen Presse und den kulturpolitischen Seilschaften hochgelobten Superkünstler immer nur dieselbe langweilige Superkunst - stets “auf höchstem Niveau”...(grins) - veranstalten und viele viele andere Künstler mit guten und vor allem unterschiedlichen Ideen in diesem Lande nicht zu Wort kommen können und zur Tat gelangen können. Ja…Betonung auf KÖNNEN!
In Deutschland läuft Kunst ferngesteuert in den Metropolen - die Provinz verarmt. Ja, nicht nur finanziell…Immer dieselben Bestseller werden inszeniert. man sollte meinen, es gäbe keine neugeschriebenen Opern mehr.
Jedenfalls beglückwünsche ich Herrn Neuenfels zu seinem wirklich gut gelungenen PR-Trick und hoffe sehnlichst, dass für die Honorare seines Anwalts nicht der Steuerzahler aufkommen muss….Frau Harms Entscheidung, diese Inszenierung abzusetzen, finde ich super! Absolut wegweisend! Und absolut mutig!