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Montag, 19. November 2007

GRENZEnlos – NETWORK 2007

Neues Musical der Jugend in Michaelis/Kiel Hassee

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Sewodnja betritt die Bühne: Mafiasonnenbrille, coole Sprache. Fachsimpelt so ein bischen herum, über die DDR und so. Sagt, ihn hätte es damals noch garnicht gegeben, als die Wende war. Sewodnja gibt die Bühne frei und erscheint nach ein paar Sekunden oben auf der Kanzel, erzählt wieder ein bischen und bedient die Zeitmaschine: unversehens sind wir im Jahre 1987. Sewodnja hat das Spiel im Blick! Seine Augen sieht man nicht…

Musik von den Toten Hosen: “Ein Hoch auf den goldenen Westen, auf seine Werte und seinen Sieg. Doch wo ist eigentlich unsere Beute? Wo ist der Gewinn?“... „Wir laufen grinsend durch die Strassen mit Händen, die gefesselt sind. Langes Leben, kurze Leine – das ist das Prinzip.“  Wieso spielt diese Fischband nicht lauter? Dieses leise E-Schlagzeug…nää...und spielte Tilman nicht mal ne E-Gitarre? Das muss doch kreischen, mann!

Rechts die Band - links der Chor. Dazwischen die Bühne. Altar ist verhängt. Das Kirchenschiff ist mit hohen Scheinwerfertraversen überbaut. Also, bevor sie (der gegenwärtigen Mode entsprechend) diese Kirche mal abreissen sollten – ging mir durch den Kopf – wäre sie besser als schickes kleines Theater genutzt und es gäbe nur noch Musicals oder Theaterstücke…

Auf die Grossleinwand projiziert ein Beamer alles, was wir auch so sehen. Das hat Vorteile, denn Kirchenbänke sind nun mal nicht wie im Theater nach hinten schräg ansteigend angeordnet. Gute Idee. Und wir werden später sehen: damit lassen sich auch interessante Zeitverschiebungs- Effekte erzielen.

Ostberlin: Goethe-Ausstellung in der Hauptstadt der DDR.  Gelangweilte Reisegruppe, alles Schüler aus dem Westen, paar Punks dabei, schlurfen umher und niemand interessiert sich für Goethe. Plötzlich marschiert eine Jugendgruppe der FDJ – von einer Funktionärin angeführt – herein…schön im Gänsemarsch…die Gruppe nimmt Haltung an, die Funktionärin rappelt einen Standardtext über die Vorzüge des Sozialismus herunter. Auf die Bitte, bald „zur Sache“ zu kommen, werden die mehr oder weniger in Reih und Glied stehenden Jugendlichen angehalten, sich jene Schriften dort anzusehen. Dort? ... man sieht aber nichts. Die Funktionärin zeigt dort…auf die Rückseite der – wie sich später herausstellt – Berliner Mauer….(kicher).

Aus der Gruppe der westdeutschen Jugendlichen löst sich Bine aus Kiel/Heikendorf. Aus der Gruppe der ostdeutschen Jugendlichen löst sich Andi aus Wismar. Und (wer hätte es nicht gedacht, und es stand ja auch Freitag in der KN) Liebe auf den ersten Blick! Doch es ist keine Zeit, diese Liebe in der Goethe-Ausstellung auszuleben: Andi muss wieder mit der Gruppe mit. Auch Bine muss bald wieder im Westen sein. Doch sie versprechen Brieffreundschaft.

Die Szenen werden eingeleitet, übergeleitet oder abgeschlossen mit Liedern, die meist der grosse Chor zusammen mit den HauptdarstellerInnen singt und die instrumental mit Schlagzeug, Keyboard, Saxofon, Querflöte und Gitarre (zwölfseitig akustisch) von der j-fish-Band begleitet werden. Die Umbaupausen sind kurz, das Bühnenbild ist einfach und überschaubar: anfangs zwei Jugendzimmer (typisch 80iger Jahre, typisch westdeutsch/ typisch ostdeutsch mit viel Liebe zum Detail mit original Ost-Requisiten gebaut). Im Zentrum teilt ein Stück Berliner Mauer die Bühne in Ost und West. Die Westseite ist klar am Graffiti erkennbar. Die Ostseite: gähnendes Weiss (die Sprayer hätten ja durch den Todesstreifen gemusst….)

Jugend-Alltag in der DDR: “Zu viele Frauen nur angesehen, zu viel nur mit mir rumgespielt, zu viel gesoffen, zu viel geredet, zu viele Nächte, wo nichts passiert. - Dasselbe Land zu lange gesehen, diesselbe Sprache zu lange gehört, zu lange gewartet, zu lange gehofft…“ Langeweile. Musik von der DDR-Gruppe „Pankow“, Anfang 80iger Jahre. Die Platte durfte erst Jahre später erscheinen. Wir lesen sehr viel über Musik in der ehemaligen DDR im sehr schön gemachten Programmheft. Ausserdem finden sich dort alle Texte der Lieder. Leider nicht die Texte der Musical-Dialoge, schade eigentlich.

Bine ausm Westen darf Andi im Osten immerhin besuchen: diesmal bei der Jugendweihe in Wismar, zu der sie eingeladen wird. Die Jugendweihe ist sehr naturgetreu inszeniert (wobei mir das Wort „Weihe“ und die dazugehörigen Sprüche doch quer runter gehen: ich sitz doch in einer Kirche hier…überhaupt dieses Honeckerbild da oben…). Diese vielen formal sozialistischen Reden nerven wieder, die DDR-Hymne (getextet vom späteren Schönfärber und Nationalverherrlicher Johannes R. Becher) ertönt und nervt auch, feierliche Stimmung will nicht aufkommen. Man dürstet irgendwie nach Leben! Spontan inszenierter Streetdance bringt die Vopos in Rage und Andi und Bine haben kaum Zeit, sich kennenzulernen. Frust! Dazu wird Andi noch von einem linientreuen Mädchen bedrängt, keine Westkontakte einzugehen. Frust hoch zwei!

„Ich geh schon mal nach draussen, nehm Abschied von meinem Glück, ich muss über die Grenze, meine Liebe bleibt zurück. In den Augen Tränen, doch du kannst mich verstehen, du weisst, jetzt heisst es wieder: auf Wiedersehn“ singt Bine und man leidet innerlich mit.

Andi springt vom Sofa auf, weil das Telefon klingelt: es ist Bine, die - zurück im Westen -  anruft und sich gutgelaunt und vertrauensselig über die dusseligen Grenzbeamten vom Vorabend lustig macht. Doch die bedenkenlos geplapperten Worte zu Bines Grenzübergangserlebnissen (wunderbar mit den Kultwörtern der 80iger gespickt!) erfreuen Andi nu überhaupt nicht. Andi weiss, dass das Telefon abgehört wird (und wir als Zuschauer sehen das auch real!) und ihm schwindet die Lust, länger mit Bine telefonieren zu wollen. Frustriert legen beide auf. Sind traurig. Bleiben getrennt. Opfer der politischen Grenze, Opfer des DDR-Machtapparates, Opfer der Diktatur. Betroffenheit im Kirchenschiff. Scheisse!...

Es wird noch schlimmer: da Andi studieren will, muss er entweder ein super Abitur hinlegen oder eben seinen Wehrdienst bei der NVA ableisten. Westkontakte während dieser Zeit sind verboten. Bine darf also nicht mehr kommen. Bine ist verzweifelt und singt: “Ich hab mich gesehnt danach mein Herz zu verlieren, jetzt verlier ich fast den Verstand. Totale Finsternis, ein Meer von Gefühl und kein Land. Einmal dachte ich bricht Liebe den Bann, jetzt zerbricht sie gleich meine Welt. Totale Finsternis – wir fallen – und nichts, was uns hält.“

Unterdessen schliessen West- und Ostdeutsche Jugendliche Freundschaften. Matze gegenüber den West-Mädchen: “will mich eine von euch vielleicht heiraten?“ (Gelächter in den Kirchenbänken). Man besucht sich. Aber man bespitzelt sich auch. “Du kannst heute nichtmal deiner eigenen Schwester mehr trauen,“ sagt jemand und wir sehen kurze Zeit darauf, dass das stimmt!

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Plötzlich ist Matze verschwunden. Er wollte doch ein Mädchen aus dem Westen heiraten…ist er schon drüben….oder etwa?... o mann….da war doch diese Flüsterszene: Andis Schwester hat wem (war es der Vopo?) etwas ins Ohr geflüstert. Nee, Matze sitzt im Stasi-Knast: da haben sie damals ja nicht lange gefackelt….

Die Situation spitzt sich bedrohlich zu…es ist sehr warm im Kirchenschiff. Wo war hier noch der Notausgang? Kommt hier nicht gleich die Stasi rein und legt uns allen Handschellen an, weil wir Augenzeugen einer Ost-West-Beziehung sind, die nicht erlaubt ist? Mir legt sich wieder das dumpfe Gefühl in den Magen, das ich mal ca. 1978 am Grenzübergang Helmstedt-Marienborn empfand: der Zug stand und stand und stand….Hundegebell…ein Vopo macht meinen Koffer auf. Zum Glück fand er meine „Spiegel“-Zeitschrift nicht: sehr gegen meine Gewohnheit hatte ich mal keinen dabei ausnahmsweise. Auf der Rückreise von Dresden guckten sie sogar unter den Zug…verdammt lange her. Das war lange, bevor Udo Lindenberg seine Lederjacke…haha….schluss jetzt. Sewodnja! Glocken höre ich…

Die Montagsdemonstrationen - die Gottesdienste - „Wir sind das Volk!“ Die Glocken sind real…Jugendliche kommen in die Kirche…kommen in die Kirche? Sitzen wir nicht in der Kirche? „Die Musical-Besucher befinden sich plötzlich mitten in der Andacht.“ steht im Programmheft…hej, tolle Idee! Danke für das Info! Da: ein Pfarrer. Im Talar. Aha….es ist sogar ein ganz echter Gottesdienst, sonst dürfte er den ja nicht tragen…hm…gehört das zum Musical? Na klar!! Ohne die Friedensgottesdienste hätte der Widerstand nicht geklappt. Das ist heute auch noch so. Also: ein Gottesdienst im Musical, ein Musical im Gottesdienst. Meister Brecht hätte es nicht schöner erdenken können: voll Verfremdungs-Effekt!...und zum reellen Vaterunser läuten die Glocken reell!

Friedensandacht….dringend notwendig wie eh und je: Militärjunta in Burma, Pakistan brodelt, Bush lässt im Irak nicht locker, Putin vereist und es riecht wieder nach kaltem Krieg, Bundeswehr im sog. „Friedenseinsatz“ und auch im Dienste der Grossmacht…Völkermorde überall in der Welt…wie? Ich schweife ab? NEIN!!!...Israel baut gerade eine Mauer doppelt so hoch wie die Berliner hoch war…und die Palästinenser sind auch sehr gut mit Graffiti: „I’m no terrorist!“ steht geschrieben neben dem Bild einer palästinensischen Frau…nein, das ist nicht im Musical, das sahen wir am Freitag bei einem Diavortrag über Palästina in der Jacobi-Ost-Gemeinde….Mauern und politische Grenzen gibt’s immer dort, wo übersteigerter Nationalismus herrscht…mensch, wach auf!

„Liebe Gläubige, liebe Nichtgläubige!“(kicher)...der Gottesdienst datiert auf Montag, den 6.November 1989. Die Zeitmaschine…Der Pfarrer redet über „Sag mir wo du stehst.“ Es geht um Selbstbestimmung. Persönliche Freiheit. Meinungsfreiheit. Menschenrechte. Andis Schwester spricht im Gottesdienst offen an, dass sie als inoffizielle Mitarbeiterin der Stasi Matzes Pläne „nach oben“ weitergegeben hat. Und fühlt sich äusserst unwohl dabei, doch voll erleichtert, es gesagt zu haben (schön, dass sie es wenigstens gesagt hat!)

„Sag mir, wo du stehst,“ singt der Musicalchor mit starker perkussiver Begleitung der j-fish-band. „Zurück oder vorwärts, du musst dich entschliessen!“ hämmerte der Text des FDJ – Liedes. Ich zog es vor, nicht mitzusingen – weil es ein FDJ-Lied war. Oder sollte ich doch? „Du schmälerst durch Schweigen die eigene Grösse, ich sag dir: dann fehlt deinem Leben der Sinn!“ hm….man sollte ruhig mitsingen. Das stimmt doch. “Wir haben ein Recht drauf, dich zu erkennen, auch nickende Masken nützen uns nicht…“ Ja!....“Ich will beim richtigen Namen dich nennen, und darum zeig mir dein wahres Gesicht!“...gutes Lied!...dumm, ich hätte mitsingen sollen. Aber die Familie vor mir sang auch nicht mit…Wo stehe ich?

„Vater unser im Himmel…“, die Glocken zu Michaelis läuten. Diese alten kräftigenden Worte wirken immer wieder. Befreit steht man auf und murmelt diese alte Wahrheit, diese Friedens- und Liebesbotschaft…befreiend gerade jetzt zu diesem Zeitpunkt in diesem Musical. Sewodnja!

Nun aber war die Gemeinde wirklich mit singen dran, denn kleine blaue Liederzettel wurden vorher unauffällig (und hoffentlich unbemerkt von der Staatssicherheit…grins) verteilt. Darauf stand: „Friedensgebet in der Heiliggeistkirche zu Wismar“ und das Lied „Bewahre uns Gott, behüte uns Gott, sei mit uns auf unseren Wegen. Sei Quelle und Brot in Wüstennot, sei um uns mit deinem Segen.“ Ein schönes und kräftiges Lied. Ich vermisste hier irgendwie die laute Orgel. Und ich war versucht, meine kleine Leuchtdiodentaschenlampe hervorzuholen, denn es war einfach zu dunkel für sehbehinderte alte Leute…

„Nun geht das Musical weiter!“ sagt Pastor Schlenzka ...Regieanweisung statt der erwarteten Segnung…. Wieder ein V-Effekt, oder? Nein….ich weiss: er muss das sagen. Das Ehepaar neben mir – er ist im Kirchenvorstand – meinte eh schon ganz zu Beginn (kaum hatte Tilman Lautzas mit dem Wort “Gottesdienst ” seine Begrüssungsworte eingeleitet): „Nein, das ist KEIN Gottesdienst!“ Und ich meine: seit 18.00 läuft das Musical ohne Unterbrechung. Und es IST einer der besten Jugendgottesdienste, die ich in Michaelis gehört habe! Manchmal spielt das Leben so, dass man zwischen Theater und Leben nicht unterscheiden kann oder sollte. Gottesdienst ist überall dort, wo uns klar gemacht wird: der Mensch allein schafft es nicht.

„Sag mir wo du stehst!“ spricht jemand den Vopo an…und er gibt den Weg frei! Aha, die Losung funktioniert also bestens!...“Tell me where you are standing, Mr. Bush!“ ...“Tust du gerade, was du wirklich willst?“ - „Stehst du für das, was du willst?“...wieviele Leute hätte ich Lust, dies zu fragen…ob die dann auch immer den Weg freigäben?

Ich werde wieder wach: über die Grossbildleinwand flimmerte der Fersehfilm „von der Wende“, den wir damals weltweit sehen konnten: in der Pressekonferenz am 9.November 1989 erklärte Politbüromitglied Günter Schabowski, dass das Ausreisen in den Westen ab sofort und an allen Grenzübergangspunkten ohne Visum möglich sei. Er stammelte ein bischen. Er konnte das selbst nicht so recht glauben, was er da vorlas und auch die Journalisten im Saal zogen erstmal vor, das nicht begreifen zu wollen…was nicht sein darf….kann doch schliesslich nicht sein….oder?

DOCH! Wir sehen Originalvideos von 1989 auf dem Video-Grossbild: ausreisende DDR-Bürger, Händeschütteln,  Tanz auf der Mauer…und tanzende Jugendliche der Michaelisgemeinde aus dem Hier und Jetzt, kunstvoll eingeblendet: auf der Leinwand sehen wir für eine Sekunde die Akteure des heutigen Abends reell auf der Mauer tanzen! Grossartig gemacht, ein dickes Lob an die Videogruppe! Sewodnja!

Und Andi und Biene? Klar, sie können sich nun treffen! Ohne Probleme. Fast etwas überfordert und traurig stehen sie am Rand des Geschehens, halten sich am Gerüst fest, um nicht versehentlich vom Sturm der Freude weggeblasen zu werden…. Sie finden langsam und zögernd zueinander und singen das Lied „Grenzenlos“: „Plötzlich bricht das Eis, wo die Kälte begann, plötzlich fangen Steine zu reden an. Plötzlich gibt es Wege, wo bisher eine Mauer stand. Wir bauen neue Brücken in die Dunkelheit, messen unsere Träume an der Wirklichkeit. Menschen sehn sich an und plötzlich wird die Faust zur Hand.“

„Wir sind grenzenlos, soviel Hoffnung war noch nie.“ Singen alle und dann spricht Sewodnja darüber, worum es uns hier und jetzt geht: „Grenzenlos – produzieren wir Autostaus…stossen wir Abgase aus…fliegen wir irgendwohin…verbrennen wir Kerosin….setzen wir Soldaten ein…gilt das Völkerrecht nur zum Schein…schützen wir das Menschenrecht…gehts dennoch den armen Leuten schlecht.“

Die letzte Strophe endet mit den Sätzen: „Nichts mehr akzeptieren, was nicht ehrlich ist, jeder Macht misstrauen und an Menschen glauben. Wenn wir uns verändern, ist die Welt veränderbar.“

Andi und Biene finden sich….Ost und West auch?...!....?...!! Glaube, Liebe, Hoffnung.

Happy End der Problematik bei Andy und Bine , Happy End der Geschichte der DDR-Diktatur und Happy Start für uns alle: für Kraft und Ideen, um dem tagtäglichen Unrecht und den „nickenden Masken“ effektiv entgegenzutreten. Für Arbeit am Weltfrieden. Kraft, um zu ändern, was uns nicht passt.

Wäre doch nett, jetzt noch zu hören, wie es Andi und Bine denn nach der Wende so gegangen ist…(kommt vielleicht im nächsten Musical?)

Dieser Jugendgottesdienst war klasse! Ein gelungenes Musical!

Unmöglich hier alle zu erwähnen, die mitgewirkt und geholfen haben. Besorgt Euch das hervorragend aufgemachte Programmheft: alle Mitwirkenden, Mithelfenden stehen dort namentlich erwähnt. Grössten Dank auf jeden Fall an Pfarrer Tilmann Lautzas, dessen siebtes Musical das war und der auch die Idee zu „Grenzenlos“ hatte. Wer mehr wissen möchte, gehe einfach selbst hin: am Mittwoch, 21.Nov. Um 9.00 und um 11.00 gibt’s noch zwei Vorstellungen.

Fast unwillig erhebt man sich aus der Kirchenbank. War da nicht noch was? Sagen wir jetzt dem Vopo draussen: „Sag mir, wo du stehst!“ ...ach so: da steht ja zum Glück kein Vopo. Fragen wir uns das also…selbst?

Draussen in der Nacht vor der Kirche klingt es nach: mensch, 80 Jugendliche auf der Bühne….hä? Bühne? Vorm Altar!...schade, beim echten Gottesdienst in dem Stück hätten sie den Altar freilegen sollen, wäre dann authentischer gelaufen…wasn Aufwand! All die Gerüste und Scheinwerfer!...ja, aber sowas spricht doch Jugendliche voll an!....der Sound war echt gut, gute Anlage…ohne Mikros wäre das schwierig gewesen…gut gemacht das mit der Holz-Mauer auf Rollen: teilte die Bühne in Ost und West…dazu diese beiden Videokameras, gut gemacht….wie schön der Chor sang!...neee, die Band war zu leise, da fehlte doch die E-Gitarre…schönes Saxofonsolo zu Beginn (mensch, ist der mutig und dann isser noch auf der Grossleinwand voll zu sehen!)...wie die FDJ da reinmarschierte, lief mir das den Rücken runter: uha, gruselich. Alle FDJler waren gleichgeschaltet wie bei den Nazis, was? Nee, Andi ja nich…wer sich die DDR-Texte wohl ausgedacht hat? Klang ja alles original…witzig: die sächselten ja teilweise….und Honey guckte da immer runter, hatte aber nix mehr im Griff!...was ne Arbeit: so viele Texte! Und das alles so gut gesungen!...aber das war ja garkein „streetdance“, da kennen wir doch besseres!...muss ja total schlimm sein, sich über die Mauer hinweg zu verlieben!...Bine sang echt gut, muss ja total anstrengend sein!...Sewodnja sah cool aus!...Joachim sah auch cool aus da oben auf seinem Regiegerüst…endlich war die Kirche mal voll…was kommt nächstes Jahr?...gut die Idee, zwei Programmhefte zu machen: ein kleingedrucktes und ein grossgedrucktes…da sieht man mal, wie viele DDR-Sachen hier noch in den Wohnungen liegen: von der Fahne bis zum Buch, vom Honeckerbild bis zum FDJ – Hemd – alles da!...unheimlich, diese Vopo-Uniformen…Grenzenlos gibts hoffentlich bald auch wieder in Video…

Was ging mir durch den Kopf auf dem Nachhauseweg? Ich hatte damals die Wende nur am Fernseher in Edinburgh erlebt. Ich war für ein paar Jahre ausgewandert. Ich erinnere genau diese Fernsehreportage mit dem stammelnden Günter Schabowski und dachte: „was ist da denn los?“ - ich brauchte ein paar Minuten um den Inhalt zu begreifen. Ich lebte damals zu weit weg von Deutschland, um das wirklich glauben zu können. Eine Freundin rief mich aus Göttingen an und erzählte mir Einzelheiten, da begriff ich. Klar, was in der deutschen Botschaft in Prag geschah, war schon stark! Das hatte die BBC Scotland sehr ausführlich gezeigt und für mich begann die Wende ganz klar damit. Später war mir klar: ohne die Montagsdemonstrationen und ohne die Gottesdienste, ohne die vielen klar denkenden und friedliebenden Menschen, die ihre Freiheit einforderten hätte die Wende so nicht stattgefunden.

„...dass keiner mir mein liebes Lieschen zu einem Volkseigentum macht“...“Gänselieschen“...ein witziges Lied…da guckte wieder Meister Brecht durch die Wolken, was?...wie sie da alle über die Bühne marschierten: diese Choreografie…super gelungen…ha ha, das ist Satire pur!...Klaus Renft-Combo, ja ich erinner mich…WAS?...was stand da im Programmheft…? „Sämtliche Mitglieder sind in der zweiten Hälfte der 90iger Jahre gestorben, die meisten in Folge von Krebserkrankungen.“ ...scheisse….ja, klar. Eiskalt waren die….die machten alle fertig….

Heute morgen beim gemütlichen Morgentee erzählte ich meiner Frau, wie sie ziemlich bald nach der Wende und – ich glaube – im Ministerium für Staatssicherheit eine verstecke Röntgenröhre fanden. Dissidenten wurden zum Verhör auf einen Stuhl gesetzt und hinter ihnen in der Wand schoss die Röntgenkanone unbemerkt Gammastrahlen in ihren Schädel. Man merkte es später an den Krebssympthomen. Das kam auch nur einmal ganz kurz durch die Tagesschau…

Sewodnja? ....Sewodnja ist russisch und bedeutet „heute“! NOW! Also: Mittwoch geht Ihr alle hin!

Geschrieben von Martin Rzeszut am 19. November 2007 um 21:34 Uhr

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