Dienstag, 19. September 2006
Glaubenskriege…sonst keine Probleme?
Wie der Papst das Leben einer italienischen Nonne in Somalia erhalten hätte…
Es gibt keine Religion, die destruktiv wäre. Widerspruch in sich. Glaube stützt. In den Glauben flüchten sich Menschen aus der Not des Alltags, aus der Existenzangst heraus. Aus der Gefahr in die Sicherheit. Glaube hilft. Vollkommen unerheblich, wie man ihn nennt. Das muss jeder Mensch für sich entscheiden, welchem Glauben er angehören möchte und ausserdem gibt es ja auch die Glaubens-Traditionen.
Wer in Bielefeld geboren wird, wird dem evangelisch-lutherischen Glauben zugeordnet. Wer in Bagdad geboren wird, wächst in der Tradition des Islam auf. Ein Jude fühlt sich mit und in seiner Religion wohl und ein Buddhist ebenso. „Es gibt keine Völker ohne Religion“ sagt der Ethnologe B. Malinowsky…und es ist klar, dass es ausser den uns Mitteleuropäern bekannten Religionen noch zahlreiche andere gibt. Die wir nicht kennen und oft: auch nicht kennenlernen wollen. Da ist noch sehr viel Nachholbedarf im Interesse eine Miteinanders in Toleranz weltweit!
Es ist menschlich, das, was einem fremd ist, abzulehnen. Aber man sollte es zu überwinden lernen im Interesse des Friedens in der Welt. Sind unterschiedliche Religionen nicht auch bereichernd? Sind sie nicht auch ernstzunehmende Spiegel der unterschiedlichen Kulturen? Unterschiedliche Kulturen finden wir interessant, unterschiedliche Religionen sehen wir problematisch.
Allen sog. Buchreligionen, also Christentum, Islam, Buddhismus und zahlreichen anderen bekannten und weit verbreiteten Religionen ist der friedliche Grundgedanke gemeinsam. Erst wer meint, seine Religion „verteidigen“ zu müssen, weicht von diesem Konzept des Friedens ab. „Verteidigung“ leistet destruktivem Handeln meistens Vorschub: die Religions-Geschichte ist voll mit Kreuzzügen und mit unter dem Deckmäntelchen „Mission“ begründeten gewaltsamen Übergriffen.
Typisch für Buchreligionen ist auch immer der Vergleich des Gelebten mit dem Geschriebenen. Das Sich-richten-nach-einer-Vorschrift. Hier gibt es viele Möglichkeiten der Fehlinterpretation: das Geschriebene entstammt vergangenen Zeiten und erfährt durch Sammlung, Tradierung, durch Kürzungen und Ergänzungen, durch „falsche“ und „richtige“ Kommentare andauernd inhaltliche Veränderungen. Fanatismus, Fundamentalismus und andere Ismen wurzeln in eben diesen Interpretationsspielräumen.
Die Weltgeschichte ist voll mit Zeugnissen davon, wie Glauben und politische Absichten oft miteinander verwechselt werden.
Vielleicht wollte der Papst kürzlich an der Uni Regensburg über dieses Problem reden? Vermutlich.Ging gründlich daneben.
Der Papst trat voll ins Fettnäpfchen: statt die Gemeinsamkeiten zwischen Islam und Christentum zu betonen (die es zweifelsohne gibt!), zitierte er uraltes mittelalterliches Material. Warum das? Was bringt die Erörterung eines hunderte von Jahren zurückliegenden Streitgespräches denn? Ich sehe noch nicht einmal einen theologischen Wert darin. Es ist doch ein kleines unwichtiges historisches Zeugnis, ausgekramt aus der Mottenkiste der Geschichtswissenschaft, das meinetwegen in ein Geschichtsseminar gehört, das die entsprechende zeitliche Epoche beleuchtet. Ein Referat für gelangweilte Studenten, nichts weiter.
Über jede Religion gibt und gab es es überall negative und vordergründig verurteilende Kommentare: meistens unüberlegte Worte von Ignoranten. Oft politisch motiviert. Oft nach dem Motto: was ich glaube, ist richtig und was du glaubst, ist falsch.
Solche Vordergründigkeit zeigen leider auch zahlreiche Kommentare aus der islamischen Welt, über die ich in der Zeitung als Reaktion auf das Papst-Kolloquium las. Ganz abgesehen davon, dass man sich ganz einfach mehr Mühe geben sollte, den Gesamtzusammenhang der Papstrede wirklich zu sehen: der Papst zitierte jemanden anderen, um dann diese Worte wissenschaftlich korrekt kommentieren zu können. Unglaublich, wenn Worte aus dem Zusammenhang gerissen werden. Unglaublich destruktiv! Ich bin erschüttert, wie oberflächlich man der Rede des Papstes im Nahen Osten begegnet. Und wie schnell Waffen und Bomben antworten, als ob es keine andere Sprache mehr gäbe. Doch über alle jene, die den Papst so verstanden, wie er sich selbst verstanden hat, wird wie üblich nicht viel berichtet. Es wäre nicht spektakulär genug. Auch eine Presse ist oft mehr an Unterschieden, als an Gemeinsamkeiten interessiert. Dass es Millionen von Menschen gibt, die die Worte des Papstes so verstanden, wie sie gemeint waren, wird nicht gedruckt.
Wir haben schlimme Zeiten: die Unterschiede der Religionen werden überbetont. Man sucht sie geradezu. Das Gemeinsame fällt unter den Tisch. Man ist gereizt. Bush hat zuviel Öl ins Feuer gegossen und hört nicht auf, „das Böse“ zu beschwören. Man darf den Friedenskurs niemals aufgeben!
Der Papst ist Papst und sollte über den Frieden reden. Theologen gibt es schon genug. Der Papst spielte in Regensburg Theologe, aber seit er Papst ist, muss er das doch nicht mehr. Gut zu wissen, dass der Papst sich in der Theologie auskennt, aber wer hätte das nicht erwartet? Das könnte er auch anders zeigen, nennen wir ruhig mal das Thema Ökumene. Im positiven Sinne: was uns trennt, wird überwunden! Und was ein Papst sagt, wird auf die diversen Goldwaagen gelegt. Auch eine Chance für Frieden!
Die Liebe, die die Welt vereint und alle Religionen miteinander verbindet: das sollte doch das Thema des Papstes sein!
Letztes Wochende besuchten wir Friedrichstadt in Nordfriesland: eine ethnologisch und glaubensgeschichtlich äusserst interessante Stadt. Friedrich III stellte zu Beginn des 17. Jahrhunderts diese kleine Insel zwischen den Flüssen Treene und Eider Menschen zur Verfügung, die Holland wegen ihrer Religionsauffassung verlassen mussten: den sog. Remonstranten, die sich vom strengen calvinistischen Glauben gelöst hatten. Nebenbei: so selbstlos war das von Friedrich III nun auch nicht gemeint, waren doch die Holländer hervorragende Wasserbau-Ingenieure, die er dringend für die Entwässerung des Eider-Treene-Sorge-Gebietes brauchte.
Den Remonstranten folgten bald Mennoniten, denen 1623 in Friedrichstadt freie Religionsausübung und günstige Wirtschaftsbedingungen zugesichert wurden. Diese Toleranz war in der Zeit der Religionskriege eine Seltenheit!
Bemerkenswert erscheint mir bei diesem Siedlungsprojekt und seiner weiteren Geschichte, dass sich etwa Mitte des 19. Jahrhunderts 1000 Menschen mit mindestens 5 verschiedenen Konfessionen auf einer Insel von weniger als einem Quadratkilometer Grundfläche miteinander gut vertrugen. Davon ein Fünftel allein waren Juden.
Wäre es nicht interessant, dieses „Modell Friedrichstadt“ auf die gesamte Welt anzuwenden? Möglich ist es. Globalisierung bietet auch diese Möglichkeit. Es geht ja immer nur um Information.
Und vor dieser enormen Möglichkeit – deren Miniaturmodell wir auch erfolgreich historisch belegen können - brauchen wir nicht zu wissen, was wer wann mal im Mittelalter über wen wie gesagt hat.
Der nächste Papstbesuch einfach mal in Friedrichstadt?...wär doch was, nicht wahr? Hätte einfach mehr wissenschaftliche Relevanz.