Dienstag, 5. Juni 2007
Gelungenes Klangrausch-Festival Hösseringen vom 1. bis 3. Juni 2007
Tosende Dudelsäcke belebten Museumsdorf!
Die kleinen Strassen der Lüneburger Heide mag ich gern fahren: Alleen, Felder, der Sachsenwald, kleine Haufendörfer…hier müsste man mal Urlaub machen! Und so war es: wir machten Urlaub! Erlebnisurlaub!
Die letzten Kilometer führten uns über einen Waldweg und plötzlich sehen wir links die ersten Zelte des Museumsdorfes Hösseringen. Zelte? Jäger und Sammler aus der Mittleren Steinzeit? Ja, so muss das ausgesehen haben. Durchdringende Geräusche eines Dudelsacks, das Material und die Farben der Zelte verraten uns, dass hier eher ein rezenter Lagerplatz wandernder Musikanten zu erwarten ist.
Wir sind auf dem dreitägigen Klangrausch-Festival im Museumsdorf Suderburg-Hösseringen gelandet! Irgendwie eine besondere Welt: Zeitreise ins 19. Jahrhundert und doch erscheinen die neuen Bewohner dieses kleinen Museumsdorfes als sehr lebendige Gegenwartsmenschen. Das Festival war schon in Gang, als wir so gegen 20.00 am Freitag ankommen und der erste Workshop für HarfenspielerInnen wurde von Merit Zloch durchgeführt. Da niemand von uns Hakenharfe spielte, war unser Zuspätkommen am Freitagabend nicht weiter tragisch.
Was bedeutet „Klangrausch“? Ein musikalischer Event, der kein Festival im üblichen Sinne sein soll…aber doch ein kleines Festival ist. Ein Musikertreffen soll es sein. Ausserdem handelt es sich um ein Projekt museumspädagogischer Art, denn Klangrausch wurde als veranstaltung innerhalb eines Freilichtmuseums konzipiert. Die Idee zu Klangrausch hatten Merit Zloch (Harfenistin) und Matthias Branschke (Dudelsackvirtuose). Der Drehleierspieler Simon Wascher aus Wien gehört ebenfalls zur Planungsgruppe dieses musikalischen Projekts.
Was Klangrausch ist, steht auch im amtlichen Flyer zu lesen: „Miteinander feiern, musizieren, tanzen, sich präsentieren, Leute aus anderen Ecken der musikalischen Welt kennenlernen, Erfahrungen austauschen – all das im Frühsommer unter den Sternen oder unter den Dächern der Hallenhäuser des Museumsdorfes Hösseringen in Niedersachsen.“
Da sind wir ja mal gespannt! Für uns ist es der erste Klangrausch, für die VeranstalterInnen schon der zweite.
Am Eingang werden wir sehr freundlich von Mitgliedern des Klangrausch-Orga-Teams empfangen. Wir hatten unsere 35€ pro Person schon vor längerer Zeit überwiesen und zeigen den Überweisungsbeleg vor: quasi unsere Eintrittskarte. Nur, wer diesen Festivalbeitrag im Voraus überweist, hat Anrecht auf einen Platz in den Workshops, die dort von den sog. „Dozenten“ (laut Webseite „bekannte Musiker“) durchgeführt werden. Wir bekommen ein Bändchen um den Arm (wie das heute überall auf Musikfestivals üblich ist), und können uns nun überall und auch ausserhalb der offiziellen Öffnungszeiten des Museums und rund um die Uhr frei bewegen.
Ja, es ist wirklich so! Museumspädagogen / -innen mögen an dieser Stelle Schreckensschreie ausstossen: auch bei Nacht können Klangrausch-Besucher auf dem gesamten Museumsgelände umhergehen. Sie zelten dort sogar auf dem Gelände! Selbst Feuermachen soll unter Aufsicht des Orga-Teams möglich sein! Nur die Häuser sind (wie überall in Museen üblich) nachts abgeschlossen. Dies zeugt von sagenhaftem Vertrauen der Museumsleitung in das Phänomen Klangrausch, und dieses Vertrauen wird auch nicht enttäuscht: keine Zerstörungen, keine Feuersbrünste, kein Müll, keine Randale - das Museumsdorf wird – wie sich später zeigt – sauberer verlassen, als es vorher war. Die Welt ist hier in Ordnung! Mißtrauen bleibt draussen.
Wir sind also Besucher des Museums, Festivalbesucher, Mitwirkende und Zuhörer: alles gleichzeitig. Wir sind ausgesprochene Liebhaber von Freilichtmuseen. Also es passte alles!
Natürlich sind wir zuhause Mitglieder des Fördervereins unseres „eigenen“ Freilichtmuseums in Molfsee bei Kiel. Hier fanden derartige Kulturveranstaltungen bisher noch nicht statt, obwohl es fünfmal so weitläufig ist wie das Freilichtmuseum bei Hösseringen. Doch das könnte sich bald ändern.
Man zeigte uns gleich beim Ankommen freundlich den Plan des Museums und beschrieb uns, wo sich die Dusche (Modell kalt, Zeithorizont 1870) befände und die beiden Zeltplätze („Warmduschen sind einfach zu teuer!“). Warmduschen gibt es aber irgendwo auch.
Ja: welch Luxus! Zwei Zeltplätze stehen zur Verfügung: auf dem einen sind nachts Musiksessions erlaubt und auf dem anderen, der ein wenig abgelegen hinter dem Museums-Sägewerk auf einer schönen ebenen Wiese liegt, herrscht strikte Ruhe und wäre auch für Familien mit kleinen Kindern bestens geeignet. Aber natürlich auch für MusikerInnen im vorgerückten Alter: wir entschieden uns also für den ruhigen Platz, wo nach wohldurchschlafener Nacht die morgentliche Meditation vorm Zelt mit der Tasse Tee in der Hand gelingen dürfte…
Wie gut, dass wir unsere zusammenklappbare Sackkarre dabei haben, denn nun heisst es, mit Schlafsäcken, Luftmatratzen und Zelt eine Strecke von 250 Metern zurückzulegen. Es stehen aber auch kleine Bollerwagen kostenlos für den Transport zur Verfügung. Mit dem Auto kommt man nicht aufs Gelände.
Nett werden wir von Silke und ihrem Freund Malte begrüsst: sie gehören der Jugend Folk Band Schleswig-Holstein an, die vor 8 Jahren in unserer Musikwerkstatt in Kiel zum ersten Musizieren zusammenkam und u.a. von mir gegründet wurde. Wir sind etwas enttäuscht, als wir hören, dass die JFB S-H nicht auftreten wird, obwohl sie im Programm stehen. Es hatten wohl nicht alle Zeit zu kommen. Wie wir sehen, ist es nun auch eine „Junge Erwachsenen Folk Band“ geworden. Wie schnell die Zeit vergeht
Der ruhige Zelplatz liegt malerisch am Rande des Museumsgeländes (vermutlich wird die Wiese sonst als Schaf-Weide genutzt), ist eben, nicht abschüssig und wird von einem Dixi-Klo geschmückt. Pro Person kostet die Übernachtung nur 3€. Der andere Zeltplatz, der mehr vom Organisationsteam und den meisten MusikerInnen genutzt wird, liegt ebenfalls sehr schön in unmittelbarer Entfernung jener Gebäude, in und an denen dieses kleine nette Musiker-Treffen stattfindet.
Wer mit dem Wohnbus, dem Wohnmobil oder dem Bauwagen anreist, dem steht ein grosser Wald-Parkplatz zur Verfügung, wo es wirklich ganz ruhig ist. Auch hier kostet die Übernachtung pro Person 3€ und dafür gibt es auch dort ein blaues Dixi-Klo.
Das Museumsdorf Hösseringen gibt es seit 1975. Auf nur 12 Hektar Freigelände befinden sich 26 Gebäude, die in thematisch geordneten Ensembles aufgebaut wurden und für das Landschaftsbild der Lüneburger Heide typisch sind. Es gibt einen Einzelhof, ein Handwerkerviertel im Rahmen eines kleinen Haufendorfes, einen weiter entfernten Schafstall, ein Sägewerk und von Schafen beweidete Heide. Niedlich, wie die kleinen schwarzen Lämmer da herumhüpfen!
Der Zeithorizont, der mit Ausstellungen, dem Arbeitsgerät und der Inneneinrichtung der Häuser angepeilt wird, liegt irgendwo zwischen 1870 und 1920. Die ältesten Fachwerkhäuser stammen aus dem 17. Jahrhundert! Ja, richtig gelesen: einige Gebäude sind knapp 400 Jahre alt, und das ist eine Seltenheit. Es ist schon prickelnd, als Musiker auf einer Deele aus dem Jahre 1644 zu spielen!
Die Bezeichnung „Landwirtschaftsmuseum“ verdient Hösseringen zurecht: es gibt zahlreiche Dauer-Ausstellungen zu Landtechnik (hier besonders Antriebsmaschinen, Hanfverarbeitung, Ernte- und Dreschtechnik) und Handwerk (Imkerei, Schmiede, Steinverarbeitung). Auf kleinen und wohlbestellten Feldern (mit Flachs, Buchweizen, Roggen, Topinambur) und mit mehreren liebevoll gepflegten Gärten kommen auch die Themen Landbau und Gartenbau nicht zu kurz. Schafwirtschaft und Holzwirtschaft sind weitere Themen.
Übrigens liegt dieses kleine aber sehr feine und liebevoll gepflegte Museum inmitten eines dichten Waldes: hier wurden vor 100 Jahren Heideflächen aufgeforstet. Zu diesem Thema gibt es übrigens einen sehr informativen Waldlehrpfad in nächster Nähe des Museums, den wir am Sonntagmorgen geniessen. Schöner kann Urlaub nicht sein und wer hat denn schon mal mitten in einem alten Fachwerkdorf gezeltet? Dieses Konzept fasziniert!
Worin besteht es? Zu einem Erfahrungs-/Informationsaustausch treffen sich eine Handvoll MusikerInnen, die grösstenteils überregional bekannt und im Musizieren, in musikpädagogischer Arbeit oder in musikwissenschaftlicher Arbeit erfahren sind. Diese Kerngruppe veranstaltet Workshops, die wiedrum anderen MusikerInnen für ihre praktische musikalische Arbeit zugute kommen. Diese Teilnehmergruppe bestand aus vielleicht 150 (für das Festival angemeldeten) MusikerInnen, von denen viele sich in eigenen Bands, in der musikpädagogischen Arbeit oder der Volksmusikpflege engagieren. Es gab aber auch eine grosse Anzahl von TeilnehmerInnen, die nicht musizieren, gerade erst ein bischen musizieren oder aber gern einfach nur Musikfestivals besuchen.
Wir sehen viele Kinder, auch Kleinkinder im Kinderwagen: Musikernachwuchs!
Alle Altersgruppen sind vertreten, und das Klangrausch-Team erwähnt des öfteren stolz, dass das Durchschnittsalter der TeilnehmerInnen bei 25 Jahren läge. Das sei sicherlich auch das Faszinierende an Klangrausch.
Na, das Durchschnittsalter zischte aber bei unserer Ankunft sicherlich unerwartet in die Höhe….Unser Freund Arno Linksquetsch erfüllte allerdings die Richtlinie mit 28 Jahren locker.
Eine weitere sozusagen temporäre Besuchergruppe des Klangrausch-Treffens sind die jeweiligen MuseumsbesucherInnen, die das Freilichtmuseum rein zufällig an diesem Tag in der Zeit von 10.00 bis 17.00 besichtigen, eine Tageskarte lösen und nun mehr oder weniger zufällig am Klangrausch-Geschehen teilnehmen. Diese melden sich naturgemäss nicht für Workshops an, besuchen aber in aller Ruhe die Fachwerkhäuser, während die Klangrausch-Workshops laufen oder fotografieren die Sessions.
Dies ist sowohl für Museumsbesucher als auch für Musikworkshop-TeilnehmerInnen ein neues, irgendwie ungewohntes Gefühl. Ich werde als Klangrausch-Workshop-Teilnehmer ebenso neugierig betrachtet wie vorher der Schwibbogenherd, das alte Küchengerät, der schöne Holzfussboden oder das Heideschaf.
Aus Besucher-Sicht: man öffnet die Tür eines Museumshauses, erwartet irgendwie die übliche schummrige Beleuchtung, den kühl-feuchten Wind und leicht modrigen Geruch – doch siehe da! „Danz op de Deel“! Zwiefache werden geübt! Leben im Kotten! Und selbst an den Nebengebäuden, draussen im Hof und auf dem Rasen lassen musizierende Grüppchen Dudelsäcke und Drehleieren, Akkordeons und Geigen, Flöten und Harfen erklingen! So schmunzeln sich beide Seiten freundlich zu…..
Man möchte meinen, dass hier verschiedenste Interessen massiv aufeinander prallen, doch ist dem keinesfalls so. Musiker und Musikerinnen verhalten sich gegenüber dem alten Inventar, den Grünanlagen und gegenüber den MuseumsbesucherInnen angenehm respektvoll: da wird kein Besucher angemurrt, dass er etwa den Workshop störe, da wird nicht mal eben eine zerbrechliche und als Ausstellungsstück dienende Schiebkarre als Transportwagen zweckentfremdet oder Pflanzen im Garten zertreten. Alle Festivalteilnehmer halten sich an einen notwendigen Ehrenkodex, der Müll, Lärm, Gewalt oder Respektlosigkeit verbietet. Der ist auch schriftlich fixiert und liegt am Eingang aus. Der hilflose Auftritt eines verirrten Jung-Nazis, der mit Hitlergruss einmarschierte und die Veranstaltung anscheinend mit braunen Parolen aufmischen wollte, wurde schnell beendet: man integrierte ihn kurzerhand auf der Musiker-Bank. Praktizierte Toleranz.
MuseumsbesucherInnen reagieren auf die sicherlich exotisch anmutenden MusikerInnen durchweg mit Neugier und Anteilnahme, freuen sich über die Musik und verspüren sicherlich hier und da den Wunsch, sich einfach mit einem Musikinstrument mal dazuzusetzen. Wenn sie denn nur eines dabei hätten…
Tipp für das Klangrauschteam: stellt ein paar Leihinstrumente (etwa Gitarren und Akkordeons) gegen Leihgebühr bzw. Pfand zur Verfügung!
“Freilichtmuseen sind Bildungseinrichtungen mit hohem Erlebniswert. Sie sammeln, forschen und stellen aus.“ So heisst es auf dem Informations-Faltblatt und so war es auch am letzten Wochenende: Forschung und Bildung, dazu praktizierte Musikkultur auf traditioneller Basis, ist ein Erfolgsrezept, das schon Freilichtmuseen anderswo erfolgreich umgesetzt haben. Ich nenne hier nur das dänische Hjerl Hede, wo eine Kirchen-Kantorei alte dänische Lieder singt, ein wandernder Geigenspieler die Besucher unterhält, wo dänische FolkmusikerInnen sich mit Geigen und Akkordeons treffen und wo sozusagen nebenbei noch Praktische Archäolgie betrieben wird und die Steinzeithäuser im Sommer von „Steinzeitmenschen“ bewohnt sind. Auch im Museumsdorf Bygdoy bei Oslo wird den Sommer über musiziert und getanzt. Es sind dort allerdings festengagierte Trachtengruppen, die das machen und das mutet dann ein wenig wie Theater an.
„Leben ins Museum!“ heisst die Devise in Hösseringen. Musik ist nicht Staffage, sondern Selbstzweck! Passives Kulturkonsumieren gibt es hier nicht. Aktives Mitmusizieren und Mittanzen ist angesagt. Theoretisch könnten sich Besucher durchaus in das musikalische Geschehen einklinken. Für manches Freilichtmuseum, das notorisch unter Geldnot bei gleichzeitigem Besucherschwund leidet, ein wirkliches Erfolgsrezept zur Erhöhung der Besucherzahlen!
Museumspädagogik sollte viel deutlicher auch die Tanz- und Musizierkultur vergangener Zeiten dokumentieren, als das zur Zeit bei uns der Fall ist. Klangrausch nutzt genau diese wissenschaftliche Nische! Würde sich eine Museumsleitung dann noch zusätzlich den Ruck geben, während der Saison regelmässig Musiker für zeitgenmässe Volksmusik zu engagieren, so hätte jedes Freilichtmuseum sehr schnell eine weitere Dimension, die nicht viel kosten muss, aber Besucher anzieht. Es muss auch wahrlich nicht organisierter Volkstanz von Brauchtumsgruppen sein: nur ein paar wenige „wandernde Musikanten“, die scheinbar rein zufällig über spielend über das Gelände wandern, im Stil der 1870iger oder 1920iger gekleidet sind, ein paar Stückchen spielen, würden jedes Freilichtmuseum erheblich bereichern.
Nach 17.00 jedoch gibt es keine Tagesbesucher mehr und das Klangrausch-Team sowie die Teilnehmer, die für ihre 35€ frei an allen Workshops teilnehmen können, sind unter sich.
Freitagabend: gegen 21.00 sitzen wir an langen Tischen, trinken den mitgebrachten Rotwein (eine Festival-Restauration gibt es nicht) und essen einen überaus schmackhaften Bohneneintopf, der vom Klangrausch-Team zubereitet wurde. Man kann auch gekühlte Getränke in Flaschen kaufen. Auf der sorgfältig gebauten Tanzbühne vor der „Scheune aus Wieren“ wird getanzt (Foto oben), wie das auch vor 100 Jahren am Wochenende auf den Tanzböden in den Dörfern der Lüneburger Heide üblich war.
Spielten die Musikanten damals in dieser Gegend allerdings Geige, diatonisches Akkordeon oder Blechblasinstrumente, begleitet vom Schlagzeug, so hören wir nun Instrumente, die eher im späten Mittelalter (Dudelsack), im Frankreich oder Polen des 19. Jahrhunderts (Drehleier) oder in der Strassenmusik des preussischen Berlin (Hakenharfe) üblich waren. Verf. setzte sich dann noch mit einer vollkommen landesuntypischen Darabouka dazu (Foto oben) und man merkte: europäische Volksmusik der Jetztzeit war hier angesagt! Bis spät in die Nacht wurde Musik gemacht und getanzt.
Laute PA-Anlagen gibt es nicht bei Klangrausch, was äusserst lobenswert ist und die hohe Qualität dieses Festivals noch weiter hebt. Leise Instrumente haben gegenüber den lauten Sackpfeifen allerdings eindeutig das Nachsehen und hier wünschte ich mir doch gelegentliche Teilverstärkung, die ja einzig dazu dient, Lautstärkeunterschiede auszugleichen.
Schliesslich leben wir im 21. Jahrhundert und wenn es um brauchbare bzw. tanzbare Musik geht, sollte man schon zu modernen Hilfsmitteln greifen. Selbst in einem Museumsdorf muss nicht alles „Museum“ sein. Und wer leise Instrumente hat, sollte seinen Akustikverstärker mitbringen dürfen, der mit Netzbetrieb wirklich eine bessere Qualität hat als jene „Brüllwürfel“(Merit Zloch), die mit Akku funktionieren. Hier wäre mal ein Workshop über sinnvolle Klangverstärkung an der Zeit!
An dieser Stelle kurz zu der Musik, die auf diesem Klangrausch-Festival die Hauptrolle spielt: „Traditionelle Musik aus Mitteleuropa“ oder: überwiegend Tanzmusik des 18. und 19. Jahrhunderts. Als Basis dienen kleine Notenhefte (z. B.„Mitteleuropäisches Repertoire Handbuch“ von Simon Wascher, dazu später mehr in einem anderen TÖNCHEN!- Artikel). Einige wenige kontemporäre Kompositionen gab es auch. Sie waren jedoch in der Minderzahl. Meist handelte es sich um die Folk-Hits der 70iger und 80iger Jahre, die ich schon damals mit Begeisterung spielte. Hier gibt es jetzt ein ganz klares Revival: wohin man hört gibt es Blowzabella-Musik. Dazu die alten Hits vom Chartier-Festival: An Dros, Hanter Dros, Bourreès usw. Allerdings vermisse ich die kraftvollen Tänze des 16. Jahrhunderts (z.B. von Tielman Susato und Zeitgenossen), die sich doch besonders für Sackpfeifen eignen würden. Sehr viele kontemporäre Stücke gibt es aus den Reihen der veranstaltenden Musikerinnen bzw. aus dem Umfeld von Wolfgang Meyering, was aber keinesfalls repräsentativ für die moderne mitteleuropäische Volksmusikszene ist.
Improvisierte Spontanmusik war auf dem letzten Klangrausch nicht üblich, wurde jedoch von Schülerinnen und Schülern, Freunden und den Lehrenden der Kieler Musikwerkstatt so ganz spontan und nebenbei in einer workshopähnlichen Veranstaltung am Sonntagmittag einfach gemacht. Improvisierte Spontanmusik gibt es also genauso, wie es sie in jedem Land mit einer intensiven Tanzmusiktradition gibt und gab. Diese Tradition schien hierzulande noch etwas unbekannt zu sein (unsere Tanzmusik-Kultur ist ja auch sehr gelenkt und durch die zwingende Verbindung zur Volkstumspflege sehr gebremst), doch kommt man langsam wieder in die Gänge. Nicht zuletzt wird sie in unserer Musikwerkstatt gepflegt bzw. gelehrt.
Die Kieler Gruppe HIMASURA gab dieses Jahr auf dem Klangrauschtreffen in Hösseringen ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie schnell und wie einfach spontane Tanzmusik auf Basis überlieferter Melodie- und Rhythmiktraditionen entstehen kann, wenn man sie nur frei fliessen lässt und „sich traut“. Wir arbeiteten diesmal die enge Verwandtschaft zwischen Schottisch und Reggae heraus, die einfach frappierend ist. Wer das Glück hatte, die britische Folkband „Edward II and the Red Hot Polkas“ vor zwanzig Jahren kennenzulernen, weiss, was ich meine. Auch die schwedische Band „Filarfolket“ lässt sich in diesem Zusammenhang zitieren.
Grundsätzlich begrüsse ich den Aufbau eines eigenen „Klangrausch-Repertoires“, soweit es nicht zum „Pflicht-Repertoire“ wird und stets neue Einflüsse möglich sind. Vor 25 Jahren allerdings hat sich ein landesweites Repertoire in der allgemeinen Folkszene allerdings mehr eigendynamisch und unter Beteiligung aller Mitwirkenden der Musikertreffen ergeben und schien mir weniger gelenkt zu wachsen, wie es bei Klangrausch der Fall sein könnte. Es wurde aus den verschiedensten Quellen gespeist. Nicht aus einer relativ engen Teilszene, wie sie vom Klangrausch-Team repräsentiert wird.
Die dem Klangrausch-Konzept entsprechende Fixierung der Klangrausch-Musizierenden auf ein bestimmtes, in Klangrausch- Heften festgeschriebenes Klangrausch-Repertoire und auf die Klangrausch-„Hauptinstrumente“ Dudelsack und Drehleier erinnert mich etwas an die sehr konservative Ceilidh-Szene in Schottland, wo alles etwas leitkulturmässig gelenkt ist.
Ein Tipp an das Klangrausch-Team: man sollte hier etwas freier denken und planen und anderen Instrumenten, anderen Ländern und anderen Stilen, anderen Szenen mehr Raum geben. Das konzept würde es ja gestatten: „Leuten aus anderen Ecken der musikalischen Welt“ steht man ja erklärtermaßen offen gegenüber. Ich finde, dass man hier besonders Neukompositionen fördern und in Workshops zum Komponieren anregen sollte, was auch hier und da geschah. U.a. stellten Vivien Zeller (Geige) und Johannes Mayr (Pianoakkordeon) Eigenkompositionen vor. Was allerdings fehlt, ist ein Kompositionsworkshop (den ich gerne nächstes Jahr anbieten kann).
Die erste Nacht im Zelt war gut. Auf dem stillen Zeltplatz herrschte wirklich vorbildliche Stille. Abgesehen einmal von den üblichen obertonreichen Reissverschlusslauten, dem tieftönigen Zeltgemurmel und den gelegentlichen perkussiven Geräuschen der Dixi-Tür. Von der Tanzbühne wehten noch bis sehr spät in die Nacht Dudelsack- und Drehleierklänge herüber, die mich sanft in den Schlaf schickten. Irgendwie angenehm. Meine Frau empfand das ganz anders: ihr war es sogar auf dem „stillen“ Zeltplatz nachts zu laut.
Die erste Aktivität am frühen Samstagmorgen war für meine Frau und mich ein Rundgang über das herrliche Museumsgelände. Es gibt dort einen schönen Weg vorbei an einem rekonstruierten Steingrab, einer finsteren Wolfskuhle (ohne Wolf), einem Schafstall und einer Reihe kleiner Äcker mit traditionellen Feldpflanzen. Weiter dann zum Brümmerhof, der aus Moide stammt und hier Anfang der 80iger Jahre wiederaufgebaut wurde. Die ersten Blaubeeren am Waldrand waren reif und man war stark versucht, sich aus dem herrlichen Küchengarten einen kräftigen Morgensalat zuzubereiten!
Im „Kötnerhaus aus Oldendorf/Luhe“(stammt noch aus der Zeit vor dem Dreissigjährigen Krieg, eine Seltenheit!) fand dann unser erster Workshop mit Johannes Mayr statt, der uns gemischttaktige Tänze (wie die bekannten Zwiefachen) aus der Oberpfalz und dem Elsass nahebringen wollte. Es kostete einige Überwindung, sich bei dem (noch) sonnigen Wetter in diese dunkle Fachwerkhöhle zu zwingen und dort bei Kunstlicht und kühler Luft auf Stühlen im Kreis zu sitzen. Draussen wäre das schöner gewesen. Doch eine gewisse Ruhe ist bei Musikworkshops von Bedeutung, und die hatte man besser im Haus. Denn draussen liefen sehr viele Musiksessions und es gab auch einen Tanzworkshop auf der Aussenbühne.
Im Workshop von Johannes Mayr ging es um das Erlernen einzelner Musikstücke. Mit gutgemeintem Ernst erinnerte er immer wieder an die Wichtigkeit mündlich überlieferter Musik. Also: Noten verboten. Erstmal – später lockerte sich das und der Meister selber wollte nicht auf sie verzichten. Mit dieser Situation bin ich bestens vertraut und meine: man sollte da nicht zu eng sein. Es stimmt einfach nicht, dass Musik in früheren Zeiten ausschliesslich mündlich tradiert wurde. Dafür gibt es kaum Belege. Noten wurden immer geschrieben und erstaunliche viele Stücke in den Klangrausch-Repertoire-Heften stammen aus alten und neuen Notenbüchern. Das Lernen ohne Noten vertieft und beschleunigt allerdings den Lernprozess erheblich, und deshalb sehe ich die „Noten verboten“-Geschichte durchaus positiv! Facit: beides ist gut. Mit und ohne.
Zeitigte der Workshop bei Johannes Mayr aufgrund des schwierigen Materials bei mir kaum Repertoirezuwachs, so war das bei Vivien Zeller anders. Wir saßen da auch trotz Regenneigung draussen vor dem Brümmerhof (Foto mitte) und hatten vermutlich damit mehr Sauerstoff als in den Fachwerkhäusern. Wir lernten insgesamt drei Stücke, von denen der von Vivien selbst komponierte Schottisch mich am meisten beeindruckte, obwohl er vor chromatischen Spielereien nur so strotzte (hier freute ich mich über mein Pianoakkordeon!) Es gab hier überhaupt keine Notenblätter (wie umweltfreundlich!) und ich bin sehr dankbar, dass eine gute Freundin dieses Stück auf Minidisc aufgenommen hat….
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Die Klangrausch-Lerntechnik ist die auf Folkmusik-Workshops seit Jahrzehnten allgemein übliche: wer den Workshop leitet, stellt ein Stück vor, das gelernt werden soll. Zunächst wird es in normaler und tanzbarer(!) Geschwindigkeit gespielt. Dann wird über die Herkunft und die volksmusikalischen Umstände dieser Literatur erzählt. Was sich dazu tanzen lässt. Wie es entstand oder überliefert wurde. Ob es traditionelle Musik oder etwa GEMA-pflichtiges Material wäre.
Übrigens verpflichteten sich alle Klangrausch-Teilnehmer, ausschliesslich GEMA-freies Material auf dem Museumsgelände zu spielen. Das Museum als gastgebende Institution ist also damit der lästigen GEMA-Abgaben entbunden, wofür ohnehin kein Museum genügend Geld im Budget hätte. Das sollte wirklich Schule machen, denn die Einengung der finanziellen Spielräume des Konzert-Veranstalters durch die GEMA verhindert freie und demokratische Entfaltung lebendiger Volksmusikkultur. Die meist armen Volksmusik-Komponisten kriegen sowieso nix und die (Einfluss-)Reichen kassieren sowieso immer im bundesdeutschen Musikbusiness. Klangrausch gibt der GEMA also keine Chance! Das gefällt mir.
Ist das Stück zu Beginn des Workshops nun vorgestellt, so wird es taktweise durchgenommen und langsam und deutlich in Endlosschleifen (Loops) portionsweise vorgestellt. Diese alte Technik funktioniert immer noch sehr gut und auf die Langsamen wird grosse Rücksicht genommen (soweit der/die Workshop-Leiter/-in das zulässt jedenfalls). Nach etwa 20 Loops (Schleifen, Wiederholungen) wird ein Takt, eine Phrase oder eine Folge von Phrasen, eine Struktur mit A-Teil und B-Teil vom Lernenden behalten. Mehr ist nicht, aber das ist sehr viel. Man nimmt auch Rücksicht auf die Eigenheiten der anwesenden Instrumente (Stimmung, Tonumfang) und auf die Nerven der TeilnehmerInnen.
Allerdings war bei allen Klangrausch-Workshops, die ich besucht habe, die Tendenz zum „Fortgeschrittenen“ zu spüren: für Anfänger war die Auswahl der Stücke eher ungünstig. Man kann es auf die simple Formel bringen: ob „fortgeschritten“ oder „für Anfänger“: das entscheidet schlichtweg die Anzahl der Töne pro Zeiteinheit. Sonst nichts. Wird dieser Wert höher, leert sich im selben Verhältnis der Workshop-Raum und am Ende bleiben die „Profis“ übrig oder stellen zusammen mit dem Workshopleiter zufrieden fest: “wir sind doch alle total müde!“
Offensichtlich geht es den Klangrausch-Dozenten um die Ausbildung von Workshopleitern, wie sich später auch in einem Gespräch mit Simon Wascher herausstellte: jedes Jahr soll es einen Workshop weniger(!) geben, so lautet das Konzept. Man will so die TeilnehmerInnen motivieren, selber Klein-Workshops zu geben, die letztlich dem Aufbau eines festen Klangrausch-Repertoires dienen sollen. Ich finde dieses Konzept ausserordentlich gut. Allerdings sollte gerade bei dieser Konzeption die Frage des Schwierigkeitsgrades geklärt sein, denn es wäre ja witzlos, wenn allein fortgeschrittene Workshopleiter nur fortgeschrittenen Workshopteilnehmern Musikstücke vermitteln und musikalischer Nachwuchs (zum Beispiel interessierte Museumsbesucher, Kinder und AnfängerInnen) von den Workshops nichts hat.
Apropo Museumsbesucher: hier wäre sicherlich eine Klangrausch-Veranstaltung denkbar, in der Mueumsbesucher singend teilnehmen können. Ich denke hier an einen Volklieder-Workshop bzw. an ein „Klangrausch-Mitmachsingen“, für den sich das DUO JOLKA als Dozenten-Ehepaar gern für die Zukunft zur Verfügung stellt. Damit wäre ein wichtiges Link im Klangrausch-Konzept geschlossen: die musikalische Einbindung der Mueumsbesucher in der Zeit von 10.00 bis 17.00 Uhr.
Das Konzert am Samstagabend schliesslich war ein Novum in der zweijährigen Klangrausch-Geschichte. Ein paar Wochen vor Beginn des Klangrausch-Festivals wurden wir – das DUO JOLKA – gefragt, ob wir im öffentlichen Konzert am Samstagabend mitspielen wollten. Dies wolle man für Besucher aus der Umgebung von Hösseringen geben (Eintritt 8€, erm. 6€), um sich quasi vorzustellen. Das Team wählte fünf Musikgruppen (alles Teilnehmer des Klangrausch-Festivals!) aus, deren Auftrittszeit auf 30 Minuten vereinbart wurde. Für zweieinhalb Stunden war dann ein Konzert auf der gut ausgeleuchteten Deele des altehrwürdigen Brümmer-Hofes angesagt.
Die Akustik in diesem Haus ist vorzüglich, so dass „unplugged“ oder Teilverstärkung vollkommen ausreicht. Getanzt wurde allerdings wegen der aufgestellten Stuhlreihen nicht, obwohl die meisten Musikbeiträge in der Darbietung von Tanzmusik bestanden. Nach dem Konzert wurde das Publikum allerdings zur Tanzbühne vor der Scheune aus Wieren geleitet. Dieses Konzept ging nicht so gut auf: es waren doch nur sehr wenige geblieben. Wieder einmal war es deutlich zu sehen: man ist hierzulande mehr auf den passiven Konsum von Musik eingestellt und sitzt am liebsten bei Tanzmusik und lauscht. Hier könnte man im Klangrausch-Konzept noch etwas ändern. Wegen der empfindlichen und unebenen Lehmböden in den Häusern wäre allerdings eine zusätzliche und teure Tanzfläche vonnöten.
Das Publikum, das aus Hösseringen, Suderburg und Umgebung stammte, war liebenswürdig und interessiert! Exotische Instrumente wie Dudelsack und Drehleiher wurden gelassen hingenommen. Das DUO JOLKA kam mit einer kurzen Auswahl polnischer Lieder und kontemporärer Eigenkompositionen sehr gut an (unteres Foto). Die zum Tanzen bestimmte, treibende Bassdrum, die ich neben dem Akkordeon spiele, wummerte allerdings ins Leere, denn niemand tanzte. Nach vier Stücken bzw. 16 Minuten wurden wir allerdings unsanft von der Bühne hinweg komplimentiert, obwohl die vereinbarte Auftrittszeit noch für zwei weitere Stücke gereicht hätte und das Publikum vor Freude über unsere Musik tobte. Leider konnten wir deshalb unsere Eigenkompositionen auf Bordun-Basis und im 7/8 bzw. 5/4-Takt dann auch nicht mehr vorstellen, die fabelhaft zum Klangrausch-Konzept gepasst hätten. Facit: die auf dem Plakat zitierte „Moderne“ kam etwas zu kurz. Die „Dozenten“ (sprich: Workshopleiter) genehmigten sich dagegen locker Überziehungen von 15 Minuten, was allgemein nicht so gut ankam. Hier zeigte sich erstmalig eine gewisse Hierarchie („Ja, das sind ja auch wir!“ meinte Merit), die m.E. nicht notwendig ist und auch zum durchweg demokratischen Konzept nicht passen mag.
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Jemand witzelte:“Hättet ihr Blowzabella-Stücke mit Dudelsack gespielt, hätte man euch nicht von der Bühne vertrieben…“ Das könnte stimmen, doch entschuldigte man sich später seitens des Klangrausch-Orga-Teams für diesen Fehler mit „Überlastung“. Kleiner Tipp an die Veranstalter: ein Programm mit 5 Gruppen braucht zwei kurze Pausen. Eine Band, die 10 Minuten Aufbauzeit benötigt (wie das bei uns der Fall war und das war den Veranstaltern im Vorfeld auch bekannt), sollte einfach die Möglichkeit haben, in solch einer Pause aufzubauen. Wir dagegen mussten unser Equipment bei lauschender Zuhörerschaft aufbauen, was nicht gerade gemütlich ist. Grossen Dank unseren Freunden, die sich spontan als Bühnenarbeiter betätigten!
Diese Panne war unerfreulich, insbesondere, weil man auch direkt nach unserem Konzert versuchte, uns weiszumachen: so etwas wäre doch „ganz normal“. Nein, so etwas ist im bundesdeutschen Konzert- und Veranstaltungswesen nicht normal! Es ist normal, dass eine Band, die masslos ihre Auftrittszeit überzieht, freundlich aber bestimmt per Geste (Blick auf die Armbanduhr z.B.) angehalten wird, das Konzert zu beenden. Eine Band jedoch, die noch nicht einmal die vereinbarte Spielzeit erreicht hat und sich mitten im Programm befindet, sollte man zumindestens die Möglichkeit lassen, ihr Programm selbstbestimmt zu beenden. Das gebietet der Anstand! Zumal wir ohne Honorar spielten, dem Festival etliche zahlende Besucher verschafften, selbst 70€ gezahlt hatten und das Festival auch noch journalistisch mit enormer Werbung stützen. Doch nichts für ungut, liebes Klangrausch-Orga-Team! Wir sind nicht vor Gram gestorben und die Freude, an diesem tollen Festival überhaupt aktiv mitwirken zu können, überwog dann bald doch eindeutig! Ihr macht das schon ganz ordentlich! Alles wird gut!
Der Sonntag erwies sich dann noch einmal als wirklich schöner Festivaltag! Kurz nach einem ergiebigen Frühstück aus dem eigenen Proviantkoffer und einer Tasse Kaffee fand unser Freund Arno, dass es doch ohne Musik eigentlich langweilig wäre und packte sein Akkordeon aus. Sogleich gesellten sich eine Drehleierspielerin und eine Querflötenspielerin dazu und ich stieg mit Darabouka ein. Obwohl wir bei weitem nicht die schockierende Lautstärke eines ausgewachsenen Dudelsacks (sorry!) erreichten, wurde uns empfohlen, den Sessionplatz zu verlagern, denn ein Maultrommelkurs im Haus nebenan hätte just begonnen.
Zogen wir also zu einer gemütlichen Bank vorm Brümmerhof und waren auch plötzlich zu mehreren. Die Session voll improvisierter Musik war wieder voll im Gang und selbst die kleine Blockflötistin Pia Steinberg brachte sich erfolgreich ein, nachdem ihr Bruder Clemens schon am Samstag den Tanzworkshop mit Johannes Mayr erfolgreich und gekonnt mit Bongo-Rhythmik bereichert hatte. Irgendwie war dieser spontan improvisierte Workshop am Sonntag der Höhepunkt des Tages. Denn „Musik spontan erfinden“ war nach all den vielen gelernten und gehörten traditionellen Stücken eine Wohltat fürs Ohr und für die Seele. Was wir spielten, wurde schon beschrieben: jene Fusion von Schottisch und Reggae. Der dänische Musiker C.E. Jensen nannte das mal „Reggish“.
Es folgte ein dreistündiger Workshop mit Simon Wascher, bei dem es neben dem schrittweisen Erlernen einiger Instrumentalstücke auch um das Phänomen „Polonaise“ bzw. „Poloness“ ging. Ausserdem um die tiefere Bedeutung der schwedischen Bezeichnung „Polska“, die Simon mit der niederdeutschen Bezeichnung „Polsch“in Zusammenhang bringt, was „Polonaise“ bedeutet. Was mir ausserordentlich gut gefiel, waren seine Reflexionen über Lernmethodik. Simon erläuterte den Vorgang des automatisierten Bewegungsablaufes der Hand bzw. der Finger beim Musizieren und gab Ratschläge für effektives Lernen.
Was während dieses Workshops allerdings enorm störte, waren die lautstarken Dudelsäcke, die auf der Aussenbühne eine Session veranstalteten. Meine Frau verliess deshalb mit ihrer Geige den Raum, weil sie nicht mehr sich selbst hören konnte. Vermutlich befanden sich in dieser Session der eine oder andere Dozent, und deshalb wagte wohl niemand, dieser Gruppe den Weg zum einsam liegenden Brümmerhof zu zeigen…Auch hier ein Tipp an die Organisatoren: akustische Trennung von Sessionflächen und Workshopflächen ist leider wirklich notwenig, weil es laute Instrumente gibt. Das Museumsgelände bietet zahlreiche Nischen und Plätze, die eine solche akustische Trennung erlauben.
Später erklärte Simon Wascher mir noch das Klangrausch-Workshop-Prinzip: jedes Jahr soll es einen organisierten Workshop weniger geben, denn mit den Jahren wachse die Anzahl jener Festivalbesucher, die selbst Workshops geben könnten. Man wolle so die Selbständigkeit der Musiker fördern. Dieses Konzept gefällt mir grundsätzlich, doch besteht auch die Gefahr, dass jede freie Session zum Workshop werden kann (was m. E. nicht eigentlich Sinn einer Session ist).
Überdies muss ich sagen, dass die besten Workshops durchweg auch von Fachleuten durchgeführt werden sollten, die auf irgendeinem Gebiet über reiche Erfahrungen, über Musizierpraxis bzw. musikwissenschaftliche Sachkenntnis verfügen. Solch breites Wissen kann man sich nicht mal so eben aneignen. Ich würde mir deshalb weiterhin viele professionelle Workshops auf Klangrauschfestivals wünschen.
Eine grössere Bandbreite im Angebot wäre auch eine Idee: es müsste Anfängergruppen und Fortgeschrittenengruppen geben. Sehen wir mal „Volksmusik“ als zentrales Thema, so könnte man sogar auf Fortgeschrittenengruppen verzichten, denn Volksmusik bewegt sich naturgemäss auf einem technisch niedrigen bis mittleren Level. Technische Virtuosität sollte keinesfalls emotionale Qualität abkühlen. So mancher Profimusiker verlief sich schon in dieser Sackgasse nach dem Motto: „schneller – höher – weiter“ und katalpultierte sich damit aus der Basiskultur heraus und hinein ins Tonträger-Paradies. Wo er dann auch meist einsam und allein sitzen blieb.
Wie ich das Klangrausch- Konzept verstehe, geht es ja den Erfindern dieses Events nicht allein darum, als versammelte Profis zusammenzusitzen, zu fachsimpeln und sich die neuesten Hits aus der kommerziellen Folk- und Weltmusik vorzuspielen, sondern Menschen an das Musizieren heranzuführen, die zaghafte Anfänger sind. Im Klangrauschkonzept steckt enormes musikpädagogisches Potential! Auch die Nutzung öffentlichen Raumes bzw. öffentlicher Bildungseinrichtungen (Museum) verpflichtet zur Öffnung gegenüber allen(!) Typen von handgemachter und nichtkommerziell intendierter Volksmusik und sollte allen Zielgruppen dienen. Insbesondere Hausmusik, Kinder- und Jugendmusik, Schulmusik und improvisierte Spontanmusik sollten bei Klangrausch ihre Plätze haben. Die im Klangrausch-Flyer zitierten „anderen Ecken der musikalischen Welt“ könnten m.E. auf diesem Festival ruhig stärker repräsentiert sein.
Um zu vermeiden, dass Klangrausch sich hauptsächlich zum Dudelsack-/Drehleier-Event entwickelt (nicht jeder spielt sowas schliesslich), sollten andere traditionelle Instrumente und deren Literatur mehr Berücksichtigung bei den Workshops finden. Ich nenne hier nur als Beispiele orientalische und afrikanische Trommeln, Knopfakkordeon in den traditonellen „deutschen“ Stimmungen C/F oder D/G, Blockflöten und Rennaissance-Instrumente, Klavier (jaha!...auch das ist ein Volksinstrument!), Zithern, Gitarren und Mandolineninstrumente. Und wie gesagt: der Gesang kam viel zu kurz!
Erfreulich ist die Einrichtung eines „Wiki“ auf der Klangrausch-Website http://www.klangrauschtreffen.de , auf dem sich Spezialisten für Workshops anmelden können. Das finde ich äusserst gelungen und wird bei weiteren Klangrauschtreffen dann auch für die notwendige Bandbreite ganz von selbst sorgen.
Ich würde mich freuen, wenn demnächst unser leicht verschlafenes Freilichtmuseum in Molfsee bei Kiel durch regelmässige Klangrausch-Festivals etwas belebter werden würde. Das Interesse seitens des Klangrausch-Teams ist vorhanden. Und das Interesse seitens des Molfsee-Museums ist bereits erwacht. Und Prof. Hermann Heidrich bekommt demnächst von mir ein Konzept zugeschickt, in dem eine mögliche Klangrausch-Veranstaltung angedacht ist. Und ich hoffe, dass das klappen wird und wir vielleicht schon nächstes Jahr ein schönes Klangrausch-Erlebnis bei uns haben. Die Stadt Kiel und das dichtbesiedelte Umland werden reichlich Besucher abgeben!
Auf der Klangrausch-Website heisst es: „KlangRausch ist ein Musikertreffen und kein Festival!“- das kann ich nun wirklich nicht bestätigen: es ist das schönste Kleinstfestival seit den „umsonst&draussen“-Festivals im KWP Göttingen! Und die waren vor über 20 Jahren….
Klangrausch – ein tolles Konzept! Bis nächstes Jahr in Hösseringen! ...oder vielleicht auch schon Molfsee?!
(Die Fotos für diesen Artikel stellte uns Susann Becker, Kiel honorarfrei zur Verfügung! Herzlichen Dank!)
Das letzte offizielle Klangrausch-Info vor dem Wochenende!