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Mittwoch, 11. Juli 2007

FOUR PILOTS AND SOPHIE spielten auf dem Gemeindefest in Kiel-Hassee

Pfarrer Tilman Lautzas freute sich!

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Das Gemeindefest der Michaelisgemeinde Kiel-Hassee ertrank letzten Sonntag nicht wie befürchtet im Dauerregen: abgesehen von ein paar kurzen Schauern (in Kiel wird sowas eher „erhöhte Luftfeuchtigkeit“ genannt…) genossen wir das sechsstündige(!) Musikprogramm bei strahlender Sonne. Nach und nach verschwanden Plastiksäcke und Planen von den Lautsprecherboxen und es wurde noch richtig Sommer.

Ein reichhaltiges musikalisches Programm gab es dort vor dem Gemeindehaus neben Bratwürstchen, Eierkuchen und Getränken. Mit „Singemäusen“ und Posaunenchor im Gottesdienst wurde das Fest eröffnet. Dann spielten draussen neben Flötengruppen, Breakdance und Seniorentanz alle Bands, die sich irgendwann einmal unter Leitung von Tilman Lautzas und Joachim Voesch gebildet hatten: im Rahmen der Kirchenmusik, der Jugendarbeit und im Rahmen der zahlreichen Musicals, über die das TÖNCHEN! vereinzelt berichtet hat. Den Abschluss bildete ein einstündiges Gospelchor-Konzert in der gut gefüllten Michaeliskirche.

So war Tilman Lautzas überglücklich, wie „Four Pilots und Sophie“ als letzter Programmpunkt („Topact“) auf der Aussenbühne profimässig auftraten: sieht er sich doch sozusagen als Ziehvater dieser Formation. Und auf diese Band kann er wirklich stolz sein!

Die „Four Pilots und Sophie“ sind – unglaublich! - erst zwischen 16 und 20 Jahren alt und können trotzdem selbst Mittfuffziger begeistern (was selten vorkommt angesichts der sonst eher langweiligen Kieler Bandszene). Die Formation besteht aus Maira-Sophie Tank (Gesang), Roman Leloi (Gitarre/Gesang), Stephan Senkbeil (Bass) , und aus den Brüdern Bendix (Schlagzeug, Keyboard und Gesang) und Jefim Vogel (E-Gitarre).

Die Band entstand – auch unglaublich! - wirklich erst im November letzten Jahres (zunächst als „Three Pilots and Sophie“) und formierte sich zielgerichtet und in kürzester Zeit zu einer routiniert erscheinenden, souverän auftretenden Five-Piece-Band. Der Senkrechtstarter mit vier Piloten an Bord durchbrach beim diesjährigen Groove Fabrik Festival in der Hansastrasse schliesslich die Decke mit Schallgeschwindigkeit! Man sieht und hört deutlich, dass es sich hier nicht um eine Eintagsfliege handelt: die Mischung stimmt und das Konzept ist richtig, weil es unmittelbar den Interessen und dem Können der Bandmitglieder entspringt. Diese Band macht eigene Musik und unterzieht sich dabei nicht dem sonst üblichen kommerziellen Stil-Diktat. Kiel hat wieder eine gute Band mehr!

Für die Kieler Szene – ziemlich m.E. von langweiligen Coverbands dominiert -  sind „Four Pilots and Sophie“ eine Bereicherung und ich hoffe, diese Band wird genügend Auftrittsmöglichkeiten in dieser kulturfremdelnden und leider mehr traumschifforientierten Stadt bekommen. Mich persönlich erinnern die Pilots mit Sophie am ehesten an Kurschatten Five mit Cindy Sennheiser. Und beide Bands hatten kürzlich auch entsprechend Erfolg in der Hansatr. 48. Wenn das kein Beweis für Qualität ist! Schliesslich schlägt Kiels kulturelles Herz in der Hansatrasse – für alle, die das noch nicht wussten.

Alle Songs der „Four Pilots and Sophie“ sind selbst geschrieben, komponiert und arrangiert. Schon das ist grosse Klasse! Wir bekommen echt mal neue Inhalte! Musikalisch orientieren sie sich durchaus an der Beat-Club-Vorgeschichte der letzten Jahrzehnte – und trotzdem machen sie was ganz Eigenes: sie spielen, was sie selbst gut finden! Denn alle fünf scheinen irgendwie musikverrrückt zu sein. Da wird nicht gecovert, da wird nachgedacht und ausgedrückt! Das bedeutet ganz einfach: diese Band verändert den Zeitgeschmack und setzt klar neue Massstäbe in Richtung Texte mit Inhalt und besonders EIGENER Musik.

Da sind tiefgehende Texte (mal deutsch, mal englisch), die das menschliche Leben in all seinen Höhen, Tiefen, Nebensächlich- und Hauptsächlichkeiten thematisieren. Liebe, Trennung („Komm zurück!“), Freude, Leid. Aber auch: „ein geiler Tag am Strand!!!“ oder ein Song über jemanden, der andauernd zu spät kommt (Tilman Lautzas schmunzelnd: “Den habt ihr für mich geschrieben!“).

Allein dieser Song „Zu spät“ zeigte die ganze Ideen-Bandbreite und das enorme technische Können dieser lebendigen Band: schon sehr interessant die ersten Humby-Bumby-Takte, voller Spannung durch gutgesetzte Pausen. Gesang wird zu Perkussion. Dann Rhythmuswechsel. Lautmalerisches ergänzt die Textinhalte. Pausen werden sinnvoll eingesetzt. Der Groove bleibt immer klar durchschaubar. Man versteht (fast) jedes Wort der Sängerin. Keine langen oder langweilig ausgewalzte Solopassagen, durchdachter Umgang mit Klangfarben. Und alles ist tanzbar!

Die Bühnenshow der Pilotencrew war voll im Gleichgewicht und führte kaum zu Turbulenzen. Die liebevoll einstudierte Choreografie war teilweise echt witzig und schob niemals die Musik beiseite. Übertriebene Showeinlagen hat bei den Pilots niemand nötig. Diese Band bezieht ihre Kraft ganz einfach und direkt aus konzentriert gespielter und gleichzeitig gefühlter Musik. Und so sollte es ja auch sein, wenn Musik packen soll. Das Persönliche, das Eigene überzeugt immer am besten.

Stilistisch kennt die Band ihr Handwerkszeug und probiert viele Schubladen aus. Nur Reggae habe ich leider vermisst. Ska war etwas vorhanden. Guter alter Rock kam öfters dran, ein paar Griffe in die Pop-Kiste gabs und auch etwas (durchaus ausbaufähigen) Swing. Well done! Aber probiert ruhig mehr grundsätzlich verschiedene Rhythmen aus. So lassen sich in einem 2-Stunden-Programm noch besser Kontraste setzen.

Sängerin Sophie singt selbstbewusst und schön. Keinerlei übertriebene Gestik oder Theatralik. Und wenn, dann wird diese schauspielerisch bewusst eingesetzt, dass man lachen muss. Sie singt klar und natürlich. Kräftig und entschieden. Artikuliert ihre Worte sehr bewusst. Die Band lässt ihr genügend Raum.

Gitarrist Roman – nix zu sagen: einfach gut und bodenständig! Etwas mehr Mut beim Singen wünsch ich Dir. Übrigens: Herzlichen Glückwunsch zum Deinem vorgestrigen Geburtstag!

Wie es auch auf der Website der Pilots zum Ausdruck kommt: diese Band hat sich gesucht und gefunden. Sophie und Bendix lernten sich anlässlich eines j-fish-Band- Einsatzes bei einem der (von TilmanLautzsas geleiteten) Michaelis-Musicals kennen und nahmen weitere Co-piloten schnell an Bord. Die sehr gute „innere“ Kommunikation in der Band ist natürlich gewachsen. Eine wichtige Voraussetzung für gute Musik.

Echt beeindruckt war ich von Schlagzeuger Bendix. Er spielt auch manchmal Keyboard. Beim Drummen setzt er prezise ein, ist schnell und spielt trotz verhaltender Lautstärke genügend kräftig. Phantasiereich ist er und hält sicher den Groove. Er spielt keinesfalls hektisch. Sein kleines Schlagzeug ist ein Wunderwerk an Kompaktheit (...aber schaff Dir mal nen präziseres Bass-Pedal an: Du wirst damit noch genauer spielen können! Übrigens: schimpf man nich auf Eurer Website zu sehr auf Dein altes Akkordeon: Akkordeon ist wieder voll hip, Du weisst es nur noch nicht. Probiers doch mal aus! Und letztlich Danke, dass ich als alter Fish-Band-Drummer auf Deinem Kit spielen durfte: sowas verbindet!)

Und an dieser Stelle gilt auch mein Dank allen Bandmitgliedern von den Pilots, dass Ihr Euer Equipment praktisch allen auftretenden Bands zur Verfügung gestellt habt. Das ist echtes Vertrauen!

Wer auch immer am Keyboard stand, spielte zu leise. Oder es lag halt an den Einstellungen und Sounds. Ich vermisste ein paar markige Hammondsounds! Besonders in Hinblick auf die hoffentlich bald geplanten Reggaenummern wäre eine deutlichere Präsenz des Keyboards (bzw. des Digi-Pianos)  vorteilhaft. Und schafft Euch mal nen stabileren Keyboardstand an. Vielleicht ist das Digitalpiano deshalb so leise, weil es andauernd hin und herschwankt….

Gitarrist Jefim: sehr schöne Sounds machst Du, doch könntest Du Deine wirklich schicke Marshall-Röhren-Kommode etwas mehr auf Präsenz einstellen: tu mehr Höhen rein. Ansonsten spielst Du spitzenmässig! Hast Du mit eigentlich schon mit vier Jahren angefangen, Gitarren zu bearbeiten? Kann garnicht anders sein.

Bassist Stephan könnte mehr Punch aus seiner Kiste rausholen, damit der Groove noch fühlbarer wird. Probier mal so einen alten Marshall – Solid State Amp wie z.B. den 35/60 aus den 80igern aus, der mit 600 Watt und dem passenden 15’‘-Speakercabinett noch mehr Schub hätte, zumal Ihr Euch ja auch an der Musik alter Zeiten orientiert. Da war mehr der Wumms gefragt.

Übrigens präsentieren sich „Four Pilots and Sophie“ auf einer sehr schönen und informativen Website, auf der ich nur noch ein paar Sounddemos vermisst habe. Guckt mal unter: http://fourpilotsandsophie.de.tl/Home.htm

Tilman Lautzas: Seine musikerzieherische Arbeit für die Gemeinde und sein grosser Einsatz für jährlich erarbeitete und immer neue Musicals zu gesellschaftsrelevanten Themen kann man garnicht genug würdigen. Nicht nur, dass die Michaelis-Kirche an den Tagen der Aufführungen rappelvoll mit Jugendlichen aus ganz Kiel ist (wie wir uns das ja eigentlich dauernd wünschen!) Es ist auch für alle zahlreichen Beteiligten eines solchen Musicals ein enormes Erlebnis, sich intensiv mit Themen zu beschäftigen, sei es per Gesang, mit Schauspiel oder mittels Musik. Der Aufwand ist riesig: das Stück (meist von Tilman Lautzas geschrieben, er komponiert auch die Songs) muss in regelmässigen Treffen szenisch einstudiert werden, die Musik muss geprobt und die umfangreiche Technik muss in den Griff bekommen werden. Und das in Zeiten, wo Kirche kein Geld hat….

Doch nun sieht man am Beispiel von „Four Pilots and Sophie“, welche saftigen Früchte dieser musikalische Obstgarten abwerfen kann!

Nicht unerwähnt bleiben darf auch der unermüdliche Joachim Voesch, der seit Jahren selbst in beiden Fish-Bands spielt und der auch letzten Sonntag für funktionierende PA-Technik und Sound sorgte. Als erfahrener Gitarrist setzt er zweifelsohne auch starke Akzente für die jugendlichen MusikerInnen. Zusammen mit Tilman Lautzas (Gitarre/Bass) haben wir da ein ganz feines Musiker-Team in Michaelis, und die Jugendlichen, die davon profitieren, danken es beiden sehr! So bezeichnete Maira-Sophie die Musikszene bei Michaelis als den eigentlichen Background ihrer beginnenden Karriere. So gut kann Kirche sein! Es hängt eben immer vom Einsatz Einzelner ab, die ihre eigene Begeisterung auf die Jugendlichen übertragen.

Apropos Musicals: soeben erschien die DVD zu dem auch im TÖNCHEN! bespochenen Musical „Gypsy Stile“ aus dem Jahre 2005 (siehe TÖNCHEN! unter http://www.musikwerkstatt-rzeszut.de/index.php/mwr/artikel/gipsy_style_alles_andere_als_schnitzel_die_auffuehrung/). Es wird hier demnächst auch eine Besprechung erscheinenen. Leider verrät uns die Website der Michaeliskirche noch nicht, wo man diese DVD beziehen kann. Mein Tipp wäre, danach im Gemeindebüro zu fragen: Tel: 0431 68 27 85

Wir wünschen „Four Pilots and Sophie“ eine professionelle Karriere! (Aber nehmt Euch in Acht vor Plattengängstern!)


[das Foto zu „Four Pilots and Sophie“ mopste ich – Euer Einverständnis voraussetzend! - von Eurer hervorragend gestalteten und überaus informativen Website.]

Geschrieben von Martin Rzeszut am 11. Juli 2007 um 8:29 Uhr

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