Samstag, 22. Oktober 2005
Fleischskandal, Patriotismusdebatte und deutsche Leitkultur
...ging es mir, als der neugewählte Bundestagspräsident Norbert Lammert ganz unerwartet erklärte, er hielte eine Rückbesinnung auf die “Deutsche Leitkultur” für überaus wichtig! Und zwar in Hinblick auf weitere Debatten und Diskussionen. Und letztlich in Hinblick auf die “geistige Verfassung der Nation”! Die wolle er “beleuchten”, sagte er.
Selbst das frisch geschmierte Brot mit den Ölsardinen glitt mir nun aus der Hand: was?...Nein, das musste ein altes Video sein, Tagesschau vor 5 Jahren, wo uns damals doch Herr Merz von der CDU/CSU die “freiheitlich-demokratische deutsche Leitkultur” verkaufen wollte. Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm fand das ja auch toll: Zuwanderer hätten sich gefälligst an gewisse kulturelle Grundvorstellungen zu halten, die für dieses unsere Land so typisch seien. Es ginge halt nur darum, sie richtig zu leiten, und - wenn das Boot ja nun einmal voll sei, was es ja nun schliesslich sei - hinauszuleiten.
Ich verband diese interessante Vorstellung natürlich sofort mit mir: 1997 wanderte ich in Schleswig-Holstein zu. Oder ein? Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, jedenfalls fiel mir sogleich auf, dass hier ein ganz anderer Wind wehte, als etwa in Bielefeld. Besonders die Akkordeonspieler waren sich seltsam einig: sie spielten alle La Paloma. Martin, sagte ich zu mir, spiel La Paloma auch, dann können sie dir nicht vorwerfen, du wärst nicht von hier! Man musste hier auch Platt snacken, dat gehört sich so - na ja, ich besuchte den Kurs “Platt für Ausländer” - was sollte ich sonst machen.
Die Situation spitzte sich allerdings leicht zu, als mir ein freundlicher Nachbar “moin, moin” zurief. Sozusagen im letzten Moment hatte ich den Test aber bestanden: ich rief es unreflektiert zurück und wohlwissend, dass der Morgen schon längst verstrichen war. Seisdrum: erzähle ich noch ganz schnell den Witz mit der Leitkuh, die auf Ultur machte…...ha,ha,ha. Also kurz und gut: ich durfte in Kiel wohnen bleiben, obwohl ich unverkennbar bielefelderischen Akzent spreche (damals sogar noch mit englischer Grammatik), morgens gern “Grüss dich!” sage (nein, falsch, nicht Bayern: in Biberach habe ich gewohnt) und auf dem Akkordeon auch mal das eine oder andere selbst komponierte Stücklein spiele: ganz leise bei geschlossenem Fenster. Damit es der Leitkulturwart nicht hört….
Was?? Gleichschaltung? Amt Rosenberg? Hatte ich etwa umsonst Ur- und Frühgeschichte studiert, damals in Göttingen, bei Professor Herbert Jankuhn, der mit dem Prestigeprojekt Haithabu kräftig mitgeholfen hatte, die germanische Leitkultur zum Maß aller kulturellen und sonstiger Dinge zu machen…damals, lange her. zum Glück: sehr lange her. Aber ich saß an der Quelle und blicke durch.
Nein, das kann einfach nicht sein, dachte ich. Das muss die Auswirkung dieses Fleischskandals vielleicht gewesen sein: es soll ja noch gut essbar gewesen sein, diese Kultur…äh, dieses Fleisch, dieses Abfallfleisch, was uns da als Neufleisch untergejubelt wurde, ohne dass es einer gemerkt hat! Aber dann hat es doch einer gemerkt…einer hat es gerochen, was da gespielt wurde. Auf unsere Kosten. Und in Deutschen Landen. Gedankt sei demjenigen der es gemerkt hat. Vielleicht ja auch derjenigen.
Es gibt diese Leitkultur nicht mehr! Es hat sie auch niemals wirklich gegeben, denn sie ist eine patriotische Konstruktion. Sie soll das Selbstbewusstsein steigern. Gerade in Zeiten großer Mehrheiten (von was eigentlich genau?) sei das Selbstbewusstsein des Bundestags gefordert, sagte Herr Lammert. Man hat auch noch gelacht, als er den Grünen Volker Beck als “Herr Bock” anredete. “Schröder schüttelte sich vor Lachen, Merkel hält es kaum auf dem Sitz.” kommentierten die Kieler Nachrichten trocken.
Und schon einen Tag später lachte niemand mehr über die “deutsche Leitkultur”!
Man munkelt, ein Professor Bassam Tibi hätte diese Art Leitkultur im Oekonomicum der Göttinger Uni ausgedacht. Dieser Begriff sei ein wissenschaftlich gesichertes Konkretum, ein Faktum,sozusagen gesicherte Erkenntnis. Zumal Herr Tibi auch in der Werte-Kommission der CDU mitwirkt. Aber es stimmt nur halb: Bassam Tibi hat den Begriff “europäische Leitkultur” geprägt, und das ist schon leicht etwas anderes! Ansonsten gibt es keine Leitkulturen, nicht einmal in der Ur-und Frühgeschichte mehr, weil es sowas überhaupt nicht gibt. Mittels “Leittypen” datiert der Archäologe seine Funde typologisch. Leitfossile kennen wir aus der Geologie. Leitplanken allerdings sind eine sehr schöne Erfindung. Und die Leitkuh macht muh!
In der Ethnologie spricht man von “dominanten ethnischen Gruppen”, die immer eine Bedrohung für die weniger dominanten Gruppen bedeuten und immer und ohne Ausnahme aus Machtgründen dominant sind. Unterordnung ist Prinzip: man denke an europäische Kolonialmächte, die sehr darum bemüht waren, Eingeborene entweder in europäische Anzüge zu kleiden oder abzuschlachten, wenn sie sich weigerten, diese anzuziehen. Es blieb niemals nur bei den Anzügen…
Dominante Ethnische Gruppen fordern stets die vollständige Assimilation weniger dominanter Gruppen: sprich Anpassung, “Verschluckung” (diese treffende Übertragung eines wissenschaftlichen Begriffes habe ich meinem Studium der Ethnologie in Göttingen zu verdanken). Kulturelle Anpassung: Sprache, Verhaltensmuster, Denken, religiöse Umorientierung. Das hat weder etwas mit Integration, noch mit Akkulturation zu tun. Assimilation führt zu Spannungen, zu Konflikten, zu Kriegen, zu Völkermord. Beispiele kennen wir aus allen Zeiten und bis in die Gegenwart.
Dominante ethnische Gruppen diktieren also Kultur aus Machtinteressen heraus. Ist das dann überhaupt noch Kultur zu nennen? In meinen Augen hat Kultur positive, humanistische Inhalte, und die eignen sich nur zum Vorleben, nicht aber zum durchsetzen. Jeder einzelne strengt sich an und Integration klappt von selbst: ohne Zaun, ohne große Theorien, auch ohne Patriotismus (wir schätzen unser Land auch so!)
Was Bassam Tibi da in seinem Buch “Europa ohne Identität? Die Krise der multikulturellen Gesellschaft” (1998) beschreibt - und dieses Buch löste ja die sog. “Leitkultur-Diskussion” damals aus - ist etwas ganz anderes. Da Tibi vermutlich zu wenig Ethnologe ist, und zu sehr in seinem Hauptthema “Der Islam und Europa” (so heisst der Kurs, den er zur Zeit in Göttingen leitet) befangen ist, fiel ihm vermutlich die Missverständlichkeit seiner Thesen anfangs überhaupt nicht auf. Als sunnitischer Muslim mit Wohnsitz in Deutschland ist Tibi ja geradzu prädestiniert, über Akkulturation nachzudenken. Und das ist auch im Wesentlichen sein Thema, auch wenn er einige für mich nicht akzeptierbare Härten in seiner Sichtweise spüren lässt, auf die ich hier nicht eingehen möchte, weil sie genügend diskutiert wurden.
Von ganz wesentlicher Bedeutung erscheint mir bei Tibi, dass Europa der Bereich seiner Forschung und seiner Theoriebildung ist, nicht Deutschland. Eine “europäische Leitkultur” ist vollkommen anders zu verstehen, als eine “deutsche Leitkultur”, von der Tibi auch meines Wissens nicht gesprochen hat! Europa ist ein Konglomerat verschiedenster ethnischer Gruppen: Tibi geht es um eine gemeinsame europäische Identität, die bezüglich einzelner Länder stabilisierend wirken soll. Es geht Tibi auch um ein Respektieren der Andersartigkeit, um eine Akzeptanz der “anderen Kultur”. Er warnt vor einem romantisch verklärten Multi-kulti-Begriff, wie wir ihn etwa mit dem Begriff “Weltmusik” erleben.
Tibi geht es mit seiner “europäischen Leitkultur” um eine Art kulturelles Einvernehmen innerhalb aller europäischen Länder. Eine “demokratische Zivilgesellschaft” nennt er das, die Menschenrechte, Freiheit und Toleranz garantieren soll. Gleichzeitig auch “Wehrhaftigkeit” gegen intolerante Gegner praktiziert. Dies wären etwa Terroristen und Tibi weiss genau, wovon er da redet: vom “Pulverfass Nahost”, dem Schwerpunkt seiner Arbeit in den Jahren 1997/98.
Ein Modell, das auf einer Vielheit von ethnischen oder kulturellen Gemeinschaften aufbaut, lässt sich nicht wissenschaftlich korrekt auf die Bundesrepublik Deutschland übertragen. Deutschland ist zudem ein traditionelles Einwandererland, jeder vierte Deutsche hat eine bikulturelle Familiensituation.
“Leitkultur” ist also doppeldeutig verstehbar. einmal als “kleinster gemeinsamer Nenner verschiedenster Kulturen” (ein wirklicher Kunstbegriff und m.E. ohne praktische Bedeutung) und einmal als “Vorbildkultur” in Zusammenhang mit Assimilationsbestrebungen einer dominant auftretenden, machthungrigen “Leitgruppe” oder zur Zeit des Nationalsozialismus auch “Herrenrasse” genannt. Es tut mir leid, dass ich solch drastische Vergleiche ziehen muss, aber sie drängen sich mir einfach auf!
Und diese in diesem unseren Lande ganz simpel wahrnehmbare und denkbare Doppelbedeutung muss unbedingt ernstgenommen werden! Besonders, wenn das Selbstbwusstsein beschworen wird, wie Bundestagspräsident Lammert das tut, und wie auch Bassam Tibi das tat (er beschwor allerdings auch das europäische Selbstbewusstsein, wohlbemerkt!) Man darf nun nicht diese Doppeldeutigkeit politisch und womöglich noch für Ziele patriotischen Inhalts vordergründig ausnutzen. Das ist Verdrehung von Tatsachen. Und wenn es doch eine “deutsche Leitkultur” gäbe, so wäre es bitte jene, die Lügen verurteilt und Geschichte nicht vergessen lässt!
Was soll dieses Patriotismusgelabere eigentlich bedeuten! Haben wir Wähler das verdient? Haben wir nicht schon genügend Kriege hinter uns, die aus patriotischer Gefühlsduselei geführt wurden? Sind nicht schon genügend Menschen “für das Vaterland” oder die Hirngespinste wahnsinniger Machthaber gefallen? Gibt es nicht genügend andere Themen, über die man nicht nur reden sollte, sondern die dringenst zu ändern sind von der neuen Regierung?
Ich las vor kurzem eine Rede von Angela Merkel auf der CDU/CSU Website. Unter 90% Polemik und 9% konstruktiven Ansätzem entdeckte ich 1% Wahrheit! Was las ich da doch wirklich? “Anmut sparet nicht noch Mühe/ Leidenschaft nicht noch Verstand/ daß ein gutes Deutschland blühe/ wie ein andres gutes Land”
Na?.....wie stehts mit unserem Grundwissen um deutsche Literatur? Von wem ist das wohl?.....Richtig, Bertolt Brecht: die Kinderhymne. Die passt genau zur Melodie des Deutschlandliedes. Leider hat Frau Merkel nur die erste Strophe notiert (die Redezeit war wohl zu ende?)
Hier, verehrte Frau Bundeskanzlerin, können Sie gern noch die anderen Strophen lesen:
“Daß die Völker nicht erbleichen/ wie vor einer Räuberin/ sondern ihre Hände reichen/ Uns wie anderen Völkern hin.”
“Und nicht über und nicht unter/ Anderen Völkern wolln wir sein/ Von der See bis zu den Alpen/ von der Oder bis zum Rhein.”
“Und weil wir dies Land verbessern/ Lieben und beschirmen wir’s/ und das liebste mag’s uns scheinen/ so wie anderen Völkern ihrs”
Möglich wäre - wie ich als einer Ihrer deutschen Kulturarbeiter freundlich bemerken möchte - durchaus, auf der Grundlage dieser Verse neue Richtlinien für Akkulturation und Integration von Zu- oder Einwanderern wie auch immer zu erarbeiten. Herr Brecht schrieb seine Version des Deutschlandliedes als Reaktion auf seine am eigenem Leibe erlebte Diskriminierung als Andersdenkender in einem totalitären Staat, in dem Kultur zu braunem Eis erstarrt und verwaltet wurde von einem Amt Rosenberg: der harmlos erscheinende Begriff “Gleichschaltung” oder gern auch “entartet” hat sich als tödliche Waffe gegen Andersdenkende erwiesen. Ich bitte Sie freundlich, sich mit aller Macht diesem Klischee von “deutscher Leitkultur”, gepaart mit Patriotismus, entgegenzustellen! Wir wollen ein freundliches Deutschland! Und: wehret den Anfängen!
...ging es mir, als der neugewählte Bundestagspräsident Norbert Lammert ganz unerwartet erklärte, er hielte eine Rückbesinnung auf die “Deutsche Leitkultur” für überaus wichtig! Und zwar in Hinblick auf weitere Debatten und Diskussionen. Und letztlich in Hinblick auf die “geistige Verfassung der Nation”! Die wolle er “beleuchten”, sagte er.
Selbst das frisch geschmierte Brot mit den Ölsardinen glitt mir nun aus der Hand: was?...Nein, das musste ein altes Video sein, Tagesschau vor 5 Jahren, wo uns damals doch Herr Merz von der CDU/CSU die “freiheitlich-demokratische deutsche Leitkultur” verkaufen wollte. Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm fand das ja auch toll: Zuwanderer hätten sich gefälligst an gewisse kulturelle Grundvorstellungen zu halten, die für dieses unsere Land so typisch seien. Es ginge halt nur darum, sie richtig zu leiten, und - wenn das Boot ja nun einmal voll sei, was es ja nun schliesslich sei - hinauszuleiten.
Ich verband diese interessante Vorstellung natürlich sofort mit mir: 1997 wanderte ich in Schleswig-Holstein zu. Oder ein? Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, jedenfalls fiel mir sogleich auf, dass hier ein ganz anderer Wind wehte, als etwa in Bielefeld. Besonders die Akkordeonspieler waren sich seltsam einig: sie spielten alle La Paloma. Martin, sagte ich zu mir, spiel La Paloma auch, dann können sie dir nicht vorwerfen, du wärst nicht von hier! Man musste hier auch Platt snacken, dat gehört sich so - na ja, ich besuchte den Kurs “Platt für Ausländer” - was sollte ich sonst machen.
Die Situation spitzte sich allerdings leicht zu, als mir ein freundlicher Nachbar “moin, moin” zurief. Sozusagen im letzten Moment hatte ich den Test aber bestanden: ich rief es unreflektiert zurück und wohlwissend, dass der Morgen schon längst verstrichen war. Seisdrum: erzähle ich noch ganz schnell den Witz mit der Leitkuh, die auf Ultur machte…...ha,ha,ha. Also kurz und gut: ich durfte in Kiel wohnen bleiben, obwohl ich unverkennbar bielefelderischen Akzent spreche (damals sogar noch mit englischer Grammatik), morgens gern “Grüss dich!” sage (nein, falsch, nicht Bayern: in Biberach habe ich gewohnt) und auf dem Akkordeon auch mal das eine oder andere selbst komponierte Stücklein spiele: ganz leise bei geschlossenem Fenster. Damit es der Leitkulturwart nicht hört….
Was?? Gleichschaltung? Amt Rosenberg? Hatte ich etwa umsonst Ur- und Frühgeschichte studiert, damals in Göttingen, bei Professor Herbert Jankuhn, der mit dem Prestigeprojekt Haithabu kräftig mitgeholfen hatte, die germanische Leitkultur zum Maß aller kulturellen und sonstiger Dinge zu machen…damals, lange her. zum Glück: sehr lange her. Aber ich saß an der Quelle und blicke durch.
Nein, das kann einfach nicht sein, dachte ich. Das muss die Auswirkung dieses Fleischskandals vielleicht gewesen sein: es soll ja noch gut essbar gewesen sein, diese Kultur…äh, dieses Fleisch, dieses Abfallfleisch, was uns da als Neufleisch untergejubelt wurde, ohne dass es einer gemerkt hat! Aber dann hat es doch einer gemerkt…einer hat es gerochen, was da gespielt wurde. Auf unsere Kosten. Und in Deutschen Landen. Gedankt sei demjenigen der es gemerkt hat. Vielleicht ja auch derjenigen.
Es gibt diese Leitkultur nicht mehr! Es hat sie auch niemals wirklich gegeben, denn sie ist eine patriotische Konstruktion. Sie soll das Selbstbewusstsein steigern. Gerade in Zeiten großer Mehrheiten (von was eigentlich genau?) sei das Selbstbewusstsein des Bundestags gefordert, sagte Herr Lammert. Man hat auch noch gelacht, als er den Grünen Volker Beck als “Herr Bock” anredete. “Schröder schüttelte sich vor Lachen, Merkel hält es kaum auf dem Sitz.” kommentierten die Kieler Nachrichten trocken.
Und schon einen Tag später lachte niemand mehr über die “deutsche Leitkultur”!
Man munkelt, ein Professor Bassam Tibi hätte diese Art Leitkultur im Oekonomicum der Göttinger Uni ausgedacht. Dieser Begriff sei ein wissenschaftlich gesichertes Konkretum, ein Faktum,sozusagen gesicherte Erkenntnis. Zumal Herr Tibi auch in der Werte-Kommission der CDU mitwirkt. Aber es stimmt nur halb: Bassam Tibi hat den Begriff “europäische Leitkultur” geprägt, und das ist schon leicht etwas anderes! Ansonsten gibt es keine Leitkulturen, nicht einmal in der Ur-und Frühgeschichte mehr, weil es sowas überhaupt nicht gibt. Mittels “Leittypen” datiert der Archäologe seine Funde typologisch. Leitfossile kennen wir aus der Geologie. Leitplanken allerdings sind eine sehr schöne Erfindung. Und die Leitkuh macht muh!
In der Ethnologie spricht man von “dominanten ethnischen Gruppen”, die immer eine Bedrohung für die weniger dominanten Gruppen bedeuten und immer und ohne Ausnahme aus Machtgründen dominant sind. Unterordnung ist Prinzip: man denke an europäische Kolonialmächte, die sehr darum bemüht waren, Eingeborene entweder in europäische Anzüge zu kleiden oder abzuschlachten, wenn sie sich weigerten, diese anzuziehen. Es blieb niemals nur bei den Anzügen…
Dominante Ethnische Gruppen fordern stets die vollständige Assimilation weniger dominanter Gruppen: sprich Anpassung, “Verschluckung” (diese treffende Übertragung eines wissenschaftlichen Begriffes habe ich meinem Studium der Ethnologie in Göttingen zu verdanken). Kulturelle Anpassung: Sprache, Verhaltensmuster, Denken, religiöse Umorientierung. Das hat weder etwas mit Integration, noch mit Akkulturation zu tun. Assimilation führt zu Spannungen, zu Konflikten, zu Kriegen, zu Völkermord. Beispiele kennen wir aus allen Zeiten und bis in die Gegenwart.
Dominante ethnische Gruppen diktieren also Kultur aus Machtinteressen heraus. Ist das dann überhaupt noch Kultur zu nennen? In meinen Augen hat Kultur positive, humanistische Inhalte, und die eignen sich nur zum Vorleben, nicht aber zum durchsetzen. Jeder einzelne strengt sich an und Integration klappt von selbst: ohne Zaun, ohne große Theorien, auch ohne Patriotismus (wir schätzen unser Land auch so!)
Was Bassam Tibi da in seinem Buch “Europa ohne Identität? Die Krise der multikulturellen Gesellschaft” (1998) beschreibt - und dieses Buch löste ja die sog. “Leitkultur-Diskussion” damals aus - ist etwas ganz anderes. Da Tibi vermutlich zu wenig Ethnologe ist, und zu sehr in seinem Hauptthema “Der Islam und Europa” (so heisst der Kurs, den er zur Zeit in Göttingen leitet) befangen ist, fiel ihm vermutlich die Missverständlichkeit seiner Thesen anfangs überhaupt nicht auf. Als sunnitischer Muslim mit Wohnsitz in Deutschland ist Tibi ja geradzu prädestiniert, über Akkulturation nachzudenken. Und das ist auch im Wesentlichen sein Thema, auch wenn er einige für mich nicht akzeptierbare Härten in seiner Sichtweise spüren lässt, auf die ich hier nicht eingehen möchte, weil sie genügend diskutiert wurden.
Von ganz wesentlicher Bedeutung erscheint mir bei Tibi, dass Europa der Bereich seiner Forschung und seiner Theoriebildung ist, nicht Deutschland. Eine “europäische Leitkultur” ist vollkommen anders zu verstehen, als eine “deutsche Leitkultur”, von der Tibi auch meines Wissens nicht gesprochen hat! Europa ist ein Konglomerat verschiedenster ethnischer Gruppen: Tibi geht es um eine gemeinsame europäische Identität, die bezüglich einzelner Länder stabilisierend wirken soll. Es geht Tibi auch um ein Respektieren der Andersartigkeit, um eine Akzeptanz der “anderen Kultur”. Er warnt vor einem romantisch verklärten Multi-kulti-Begriff, wie wir ihn etwa mit dem Begriff “Weltmusik” erleben.
Tibi geht es mit seiner “europäischen Leitkultur” um eine Art kulturelles Einvernehmen innerhalb aller europäischen Länder. Eine “demokratische Zivilgesellschaft” nennt er das, die Menschenrechte, Freiheit und Toleranz garantieren soll. Gleichzeitig auch “Wehrhaftigkeit” gegen intolerante Gegner praktiziert. Dies wären etwa Terroristen und Tibi weiss genau, wovon er da redet: vom “Pulverfass Nahost”, dem Schwerpunkt seiner Arbeit in den Jahren 1997/98.
Ein Modell, das auf einer Vielheit von ethnischen oder kulturellen Gemeinschaften aufbaut, lässt sich nicht wissenschaftlich korrekt auf die Bundesrepublik Deutschland übertragen. Deutschland ist zudem ein traditionelles Einwandererland, jeder vierte Deutsche hat eine bikulturelle Familiensituation.
“Leitkultur” ist also doppeldeutig verstehbar. einmal als “kleinster gemeinsamer Nenner verschiedenster Kulturen” (ein wirklicher Kunstbegriff und m.E. ohne praktische Bedeutung) und einmal als “Vorbildkultur” in Zusammenhang mit Assimilationsbestrebungen einer dominant auftretenden, machthungrigen “Leitgruppe” oder zur Zeit des Nationalsozialismus auch “Herrenrasse” genannt. Es tut mir leid, dass ich solch drastische Vergleiche ziehen muss, aber sie drängen sich mir einfach auf!
Und diese in diesem unseren Lande ganz simpel wahrnehmbare und denkbare Doppelbedeutung muss unbedingt ernstgenommen werden! Besonders, wenn das Selbstbwusstsein beschworen wird, wie Bundestagspräsident Lammert das tut, und wie auch Bassam Tibi das tat (er beschwor allerdings auch das europäische Selbstbewusstsein, wohlbemerkt!) Man darf nun nicht diese Doppeldeutigkeit politisch und womöglich noch für Ziele patriotischen Inhalts vordergründig ausnutzen. Das ist Verdrehung von Tatsachen. Und wenn es doch eine “deutsche Leitkultur” gäbe, so wäre es bitte jene, die Lügen verurteilt und Geschichte nicht vergessen lässt!
Was soll dieses Patriotismusgelabere eigentlich bedeuten! Haben wir Wähler das verdient? Haben wir nicht schon genügend Kriege hinter uns, die aus patriotischer Gefühlsduselei geführt wurden? Sind nicht schon genügend Menschen “für das Vaterland” oder die Hirngespinste wahnsinniger Machthaber gefallen? Gibt es nicht genügend andere Themen, über die man nicht nur reden sollte, sondern die dringenst zu ändern sind von der neuen Regierung?
Ich las vor kurzem eine Rede von Angela Merkel auf der CDU/CSU Website. Unter 90% Polemik und 9% konstruktiven Ansätzem entdeckte ich 1% Wahrheit! Was las ich da doch wirklich? “Anmut sparet nicht noch Mühe/ Leidenschaft nicht noch Verstand/ daß ein gutes Deutschland blühe/ wie ein andres gutes Land”
Na?.....wie stehts mit unserem Grundwissen um deutsche Literatur? Von wem ist das wohl?.....Richtig, Bertolt Brecht: die Kinderhymne. Die passt genau zur Melodie des Deutschlandliedes. Leider hat Frau Merkel nur die erste Strophe notiert (die Redezeit war wohl zu ende?)
Hier, verehrte Frau Bundeskanzlerin, können Sie gern noch die anderen Strophen lesen:
“Daß die Völker nicht erbleichen/ wie vor einer Räuberin/ sondern ihre Hände reichen/ Uns wie anderen Völkern hin.”
“Und nicht über und nicht unter/ Anderen Völkern wolln wir sein/ Von der See bis zu den Alpen/ von der Oder bis zum Rhein.”
“Und weil wir dies Land verbessern/ Lieben und beschirmen wir’s/ und das liebste mag’s uns scheinen/ so wie anderen Völkern ihrs”
Möglich wäre - wie ich als einer Ihrer deutschen Kulturarbeiter freundlich bemerken möchte - durchaus, auf der Grundlage dieser Verse neue Richtlinien für Akkulturation und Integration von Zu- oder Einwanderern wie auch immer zu erarbeiten. Herr Brecht schrieb seine Version des Deutschlandliedes als Reaktion auf seine am eigenem Leibe erlebte Diskriminierung als Andersdenkender in einem totalitären Staat, in dem Kultur zu braunem Eis erstarrt und verwaltet wurde von einem Amt Rosenberg: der harmlos erscheinende Begriff “Gleichschaltung” oder gern auch “entartet” hat sich als tödliche Waffe gegen Andersdenkende erwiesen. Ich bitte Sie freundlich, sich mit aller Macht diesem Klischee von “deutscher Leitkultur”, gepaart mit Patriotismus, entgegenzustellen! Wir wollen ein freundliches Deutschland! Und: wehret den Anfängen!