Mittwoch, 2. August 2006
Ein Jahr Freiheit
Straßenmusikanten sind ein eigenes Völkchen. Arno ist einer von ihnen. (von Bobby Langer aus Würzburg)
(pp).- Wie sie da vor den Schaufenstern und Häuserfassaden stehen, oft in ihre eigene Musik versunken, sind sie wie Menschen von einem anderen Stern. Ihre Konzerthalle ist die Straße, ihr Publikum jedermann - Straßenmusikanten.
Wenn sie im Frühling die Innenstädte beleben, dann bleiben zwar viele Menschen stehen, hören ein paar Minuten zu, zücken vielleicht auch ihr Portemonnaie für eine milde Gabe, aber dann gehen sie, meist unbeeindruckt, wieder ihrer Wege, und der Musikant auf der Straße ist schnell vergessen. Was sind das für Menschen, die wie aus dem Nichts auftauchen und Musik fürs Volk machen, offenbar keine Bettler sind, aber doch unsere Euros zum Überleben brauchen?
Bett oder Bauwagen?
Jeder von ihnen hat seine ganz eigene Geschichte, aber eins ist ihnen allen gemeinsam: Sie lieben die Freiheit. Was für die meisten Menschen Sicherheit bedeutet - eingebunden zu sein in klare, ständig wiederkehrende Tagesabläufe -, ist für sie ohne Reiz. Lieber lassen sie sich auf die Ungewissheit ein und wollen erleben, was ihnen das Leben morgen zuträgt. An einem schönen Tag sitzen sie vielleicht am Uferrand eines Flusses, genießen die Sonne und spielen auf, wenn ihnen danach ist. Vielleicht aber müssen sie die Gelegenheit nutzen, sich zehn Stunden in die Fußgängerzone zu stellen, um für schlechte Tage vorzusorgen. Vielleicht sind sie bei einem Freund untergekommen, vielleicht hat ihnen ein netter Passant ein Bett angeboten, vielleicht müssen sie in einem Bauwagen nächtigen. Nur eins ist klar: Für eine Übernachtung im Hotel reicht das Geld sicher nicht, das sie auf der Straße einnehmen.
Trotzdem ist Arno Seifert (27) zufrieden. Auf seiner Akkordeonhülle hat er deutlich seine E-Mail-Adresse vermerkt: . Auf deutschen Straßen fällt er sofort auf. Mit seinem Piratenkopftuch - „die Anregung bekam ich bei einem Kinderfest“ -, seinem dunkel gelockten Haar und den schwarzen Augen wirkt er südländisch. „Das Kopftuch passt zu meiner Identität“, erzählt er, „es ist nicht wichtig, dass man immer der typischen Norm entspricht.“ Außerdem spielen nur wenige Straßenmusikanten Akkordeon und so gut wie keiner auf der ganzen Welt spielt es so wie er: mit der Akkordhand links und der Melodiehand rechts.
Zur Freude der Menschen spielen
Wie das kam, erklärt Arno so: „Als ich im Frühjahr 2005 auf dem Dachboden meiner Eltern stöberte, entdeckte ich ein verstaubtes Kinderakkordeon. Plötzlich war mir klar: Ich will Akkordeon lernen.“ Ein paar Wochen zuvor hatte ihn eine Klezmerband fasziniert, die in Kiel zusammen mit einem Akkordeonspieler aufgetreten war. Gedacht, getan. Arno, der als Erzieher und Küchenfee in einem Waldorf-nahen Kindergarten der Ökosiedlung am Moorwiesengraben gearbeitet hatte, besorgte sich ein Lehrbuch zum Selbststudium und begann eifrig mit den ersten Übungen - falsch herum, weil die ersten Abbildungen in dem Buch spiegelverkehrt abgedruckt waren. „Als ich das bemerkte, hatte ich schon viele Stunden intensiv geübt!“ Also wieder von vorne beginnen und das mühsam Erworbene vergessen? Arno hatte das Glück, in Martin Rzeszut von der Kieler Musikwerkstatt einen verständnisvollen Lehrer zu finden, der sich auf den ungewöhnlichen Seitenwechsel einließ und feststellte: „Das ist nicht falsch rum, sondern anders rum.“ Von da an verwandelte sich Arno langsam in einen Musiker. „Der Unterricht verstärkte in mir die Begeisterung für das Instrument, und immer mehr spürte ich, welche Freude mein Instrument bei anderen Menschen auslösen kann. Die Idee, damit auf die Straße zu gehen, kam mir letzten Winter beim Abwaschen.“ Im Sommer zuvor hatte er Annika, eine Querflötistin, kennen gelernt und mit ihr zusammen Stücke erarbeitet. „Anfangs haben wir im Frühling im Park gespielt, das kam schon ganz gut an. So richtig vor Publikum traten wir dann zum ersten Mal auf dem Deck der Fördefähre auf. Wir setzten uns an einen Tisch, stellten schüchtern einen Hut vor uns und spielten. Dem Ober gefiel das so gut, dass auch er uns was in den Hut legte und uns Kaffee ausgab.“ Mit weiteren Auftritten, z.B. zusammen mit Feuerjonglierern oder in der Kieler Innenstadt, verstärkte sich die Sicherheit. „Wir bekamen sogar ein paar Gigs angeboten, zum Beispiel spielten wir zu einem 60. Geburtstag auf, und beim Abschlussmarsch der Kieler Woche machten wir ganz vorne an der Spitze Musik.“
Überleben mit Handy und Datenspeicher
Seit Juli 2006 ist Arno auf der Straße. Sein Arbeitgeber hat ihm ein Jahr unbezahlten Urlaub gewährt. „Meine Mutter konnte mich gut verstehen, meinem Vater war das Ganze nicht ganz geheuer.“ Anfangs war die neue Situation für den jungen Mann nicht immer leicht: „Da hat man ganz automatisch einen Bettelstatus und manchmal fühlt es sich auch so an, obwohl man ordentlich Musik macht. Aber man hat eine unglaubliche Freiheit, und wenn mich Menschen ansprechen, dann nur positiv, weil ihnen gefällt, was ich tue. Offiziell darf man in den Fußgängerzonen an einem Platz nur 20 Minuten am Stück spielen, aber wer kontrolliert das schon so genau? Man verdient auch genug, um davon sparsam zu leben. Im Schnitt komme ich auf acht Euro die Stunde. Wenn ich mich auf den Weg zum Spielen mache, ist das ein wenig wie zur Arbeit gehen. Wer es gut machen will, muss an sich arbeiten und üben. Ich habe den Anspruch, die Leute mit meiner Musik zu bereichern, zur Zeit hauptsächlich mit Klezmer und schwedischen Liedern.“
Das wenige Geld muss Arno reichen, um Essen und Trinken zu finanzieren, Online-Kosten und Mitfahrgelegenheiten zu bezahlen, die er sich per Internet organisiert, und kleine Gastgeschenke zu kaufen. Denn Übernachtungsmöglichkeiten findet er entweder bei Bekannten oder beim Hospitality Club. Die Mitglieder dieses weltweit größten Online-Gastgeberdienstes (ca. 170.000 Mitglieder in 207 Ländern) bieten einander kostenlose Übernachtung und Hilfe bei Reisen an. All seine Habe trägt Arno in einem großen Rucksack mit sich, den er auf einer Klapp-Sackkarre transportiert; schließlich hat er ja auch noch den schweren Akkordeonkoffer zu tragen. „Für mein seelisches Wohl habe ich mir ein E-Mail-fähiges Handy geleistet. So bin ich verbunden, und wenn ich einen schlechten Tag habe, kann ich einen Freund anrufen und mich wieder aufpäppeln lassen.“ Neben dem Handy in seiner Gürteltasche steckt noch eine zweite Errungenschaft der modernen Industriekultur. Auf seinem USB-Stick trägt Arno einen Ordner mit Bildern, Bewerbungsunterlagen und persönlichen Daten mit sich. „Man kann nie wissen, wofür man das mal braucht.“
Piratentuch und Spielzeugmaus für die Kinder
Auch wenn er erst seit einem Monat unterwegs ist, so hat er doch schon einige Tricks auf Lager, um sich so gut wie möglich zu verkaufen. „Die Plätze, wo ich mich hinstelle, müssen eine gewisse Gemütlichkeit ausstrahlen, die Menschen dürfen da nicht so gehetzt wirken. In den Hauptfußgängerzonen hat man das Gefühl, die Leute sind im Kaufrausch und überhaupt nicht offen für Musik. Am besten wirke ich, wenn ich von der Sonne angestrahlt werde, und mein Akkordeon klingt am schönsten, wenn ich vor einem großen Schaufenster oder einer Hausfassade stehe. Gut ist die Nähe eines Straßencafés. Wenn die Leute mir eine Weile zugehört haben, kommen manche nach dem Zahlen bei mir vorbei und geben mir etwas. Prima Auftrittsorte sind auch Brunnen, wo Mütter mit Kindern unterwegs sind. Denen gefällt mein Piratentuch und die lebendige Spielzeugmaus an meinem linken Zeigefinger, den ich zum Spielen der Akkorde nicht brauche. Außerdem macht es den Kindern Spaß, mir etwas in meine Sammelschale zu werfen.“
Und wie geht es weiter? Will er künftig auf der Straße leben? „Nein“, sagt Arno, „ob es allerdings bei diesem einen Jahr bleibt, weiß ich nicht genau. Und was ich in den Wintermonaten tue, steht auch noch nicht fest. Vielleicht gehe ich in den Süden, vielleicht mache ich aber auch ein Praktikum bei der Akkordeonmanufaktur in Klingental.“ Auch ein neues Berufsbild schwebt ihm vor: „In Kiel gibt es zur Zeit nur zwei ältere Männer, die Akkordeons eher hobbymäßig reparieren. Das wäre eine gute Arbeit für mich, in Oslo kann man das - auf Englisch - in einem Jahr lernen. Und dann dazu Akkordeonunterricht geben. Vielleicht wollen ja meine Schüler auch eines Tages einmal losziehen. Dann kann ich ihnen meine Erfahrungen der Straße mit auf den Weg geben.“
[Die TÖNCHEN-Redaktion dankt Bobby Langer sehr herzlich für die Erlaubnis, diesen Artikel veröffentlichen zu dürfen!]