Mittwoch, 20. Dezember 2006
EDSI - der Clown vom Bielefelder Weihnachtsmarkt
Lette singt russische Lieder und trägt hölländische Holzschuhe
Aha…ein Clown. Im Gewühl des Bielefelder Weihnachtsmarktes ragt er kaum aus der Menge. Und das in der sog. „guten Stube“ der Bielefelder Innenstadt…nein, sowas! Passanten gucken missbilligend, bemitleidend, bewundernd, kritisch, skeptisch. Doch viele gucken garnicht.
Der Clown dreht sich ruckweise um sich selbst. Spielt ein schwarzes, grosses und auch altes Pianoakkordeon. Das andauernde Klopfgeräusch, dieses heftige Perkussion stammt von seinen Holzschuhen. Bunt bemalt: mit einer kleinen Kuh. Trägt zufällig das gleiche Grönland-Thermo-Arbeitshemd wie ich. Eigentlich ja viel zu warm für diesen milden Dezemberabend.
Die Musik ist sehr rhythmisch. Knallhart sozusagen. Der Clown singt. Nicht zu laut aber sehr vernehmlich.Er spielt typisch russische Harmonien in Moll und Dur, singt Lieder mit endlosen Texten, die man zu kennen meint aber wohl doch nicht kennt. Nur wer russisch kann, versteht ihn. Doch etwas versteht man ihn auch ohne Russischkenntnisse: in seinen Worten schwingt etwas kritisches, sarkastisches, anklagendes. Jeder Satz wird mit einem kurzem und sinnbestätigendem Lächeln abgeschlossen.Elegant sarkastisch.
Seine Melodiephrasen sind überdeutlich. Ein Satz geht über zwei oder vier Takte. Wenn er sich um sich selber dreht, dauert es vier Takte lang. Sein Stakkato-Klopfen macht er meist mit dem rechten Fuss. Kurze gleichmässige durchdringende Schläge sind das. Ein wenig zu laut. Es gibt einen Klangunterschied zwischen rechtem und linkem Holzschuh. Der ist sehr gering aber vernehmlich. Der rechte Holzschuh klingt hart und der linke etwas hohler und gedämpfter. Mag auch am Pflaster der Fussgängerzone liegen. Mit diesen Klangunterschieden wird genau gearbeitet. Alles Berechnung. Nichts ist zufällig. Alles routiniert.
Alles ist wirklich routiniert. Was der Clown da macht, dass hat er schon 695 Male gemacht. Noten gibt’s nicht: alles auswendig. Unglaublich: diese vielen Strophen! Kein Verspieler, kein Suchen nach Text. Alles spult automatisch ab. Der Clown agiert wie eine Marionette. Man sucht die Fäden, an denen er hängen könnte. Man glaubt sie, zu fühlen. Irgendwo in dieser Hochglanz-Vorzeige-Fussgängerzone. In Bielefelds Obernstrasse waren immer schon die reicheren Läden und die Leute hielten die Nasen hoch, um nicht zufällig über jemand zu stolpern…der zufällig nach unten guckte.
Tok, tok, toktoktok – tok, tok, toktoktok – dazu diese Bassläufe: einfach toll. Die rechte Hand spielt mal Melodie, mal akkordisch. Akkordwechsel werden unter Benutzung gelegentlicher Halbtonschritte abgerundet. Sein Spiel ist sehr dynamisch. Das Akkordeon muss ziemlich luftdicht sein – sieht garnicht so aus. Vermutlich ist das Instrument von innen neuer als das Äussere…vermutlich stimmt er es alle paar Monate selber nach.
Kinder starren ihn an. Den Clown. Kinder sehen keinen russisch singenden Akkordeonspieler aus Lettland…sie sehen einen Clown mit Clownsmütze, roter Nase, dem typischen Clownsgesicht, dem Clownsgrinsen und dem leicht unterwürfig wirkenden clownesken Augenaufschlag. Erlaubt die Melodie einen Takt lang Pause, so sieht man die rechte Hand des Clowns winken. Er hat alles im Blick.Er hat alles im Griff. Auch jene, die ihn verlachen wollen. Die lächelt er siegessicher und kurz an…und die Lacher verstummen…weil sie sich irgendwie ausgelacht vorkommen.
Das verständnisvolle Lächeln für die Auslacher kommt genau auf die „vier“ im Takt. Das ist geplant und das funktioniert immer. Ein Clown lässt sich niemals aus der Ruhe bringen. Eher bringt er andere aus der Ruhe. Mit seiner mechanischen Unbeweglichkeit: eine Clown-Marionette, die an unsichtbaren Fäden hängt und sich in komplexer Rhythmik bewegt, als würde sie von einem Uhrwerk angetrieben.
Nashörner! Überall Nashörner! Der Stoff, aus dem seine natürlich zu weiten Hosen sehr sauber genäht sind, ist Nashorn-Stoff: ein kleines dickes fettes Nashorn guckt verschmitzt. Mal mehr, mal weniger. Je nachdem wie gross die Fläche der Hose oder der Mütze ist, auf der das Nashornmotiv gerade sitzt. Auf der Mütze sieht man nur die Augen des Nashorns, aber nicht mehr das grosse Maul. Bedeutet das was? Hätte er nicht Katzenmotive oder einfach bunte Streifen für sein Clownskostüm wählen können? Nein: er wählte Nashorn. Das gepanzerte Tier, das durch Dick und durch Dünn geht. Das Tier mit dem dicksten Fell. Braucht man sicherlich, wenn man satirische Lieder auf russisch singt. Wo was drin los ist, was wir nicht wissen. Kommt ein Nashorn in Fahrt, wird es ungemütlich für die Nashornjäger!
Nein, er spielt auch den Ententanz! Wie niedlich! Oh! Sagen die Mütter. Speziell für die Kinder. Die Kleinen legen vorsichtig das Geldstück in den Kasten. Er spielt auch einen Hit der 70iger Jahre. Aber er spielt nicht die übliche Akkordeonmusik mit Seemann und so weiter. Immerhin hören wir ihm zwei Stunden zu. Diese zwei Stunden lang hält uns der Clown in Atem.
Russen stehen zahlreich herum und hören irgendwie versunken zu. Ernst. Hin und wieder russische Zurufe. Überhaupt sieht man zeitweise hauptsächlich Menschen, die offensichtlich nicht deutsch sprechen. Jugendliche albern etwas unsicher herum und tuen so, als ob sie den Clown verachten. Aber das klappt einfach nicht und sie sind gebannt vom harten durchdringenden und suggestiven Groove dieser hammerharten Musik. Trotz weicher Stimme. Trotzdem hammerhart. Der Achtzehnjährige tut Geld in die Schale im Kasten.Voller Respekt und mit echter Bewunderung!
Eine Studentin - vielleicht mitte zwanzig oder so – pirscht sich unsicher an den Clown heran und nähert sich leicht stolpernd und in Schlangenlinien dem Kasten. Tut unsicher lächelnd Geld hinein und entfernt sich halb rückwärts gehend sehr eilig, ohne dem Clown in die Augen zu sehen, unsicher lächelnd und fast stolpernd. Aus sicherer Entfernung lächelt sie uns, den Zuhörern zu und verschwindet in die Seitenstrasse. Faszioniert und bewegt von etwas, das man nicht in Worten ausdrücken kann. Der Clown hat sie erwischt: irgendwo tief in der Seele. Dieser Clown erwischt da jeden!
Plötzlich wird dem Clown der Arm lahm. Mit leichtem Akzent sagt er: „So, ich muss jetzt aufhören! Habe hier zwei Stunden jetzt gespielt. Brauch eine Pause.“ Also schnell noch etwas Geld in die Schale, und eine kurze Frage nach dem Namen. „Ich heisse Edsi….Edward!“. Edsi packt das Akkordeon ein. Vor dem Süssen Kaufhaus, Obernstrasse Ecke Goldtrasse.
Wir gehen weiter Richtung Alter Markt, bahnen uns durch die glühweintrinkenden Massen unseren Weg…ach, guck an! Da kommt Edsi uns entgegen. Nimmt uns nicht wahr. Ein Clown tut das nicht. Er sucht nach einem neuen Platz. Von wegen müde!
Wir essen Bratfisch und fahren eine Runde in „Feldmanns Riesenrad“. Ich habe immer noch diese hammerharte Musik im Kopf, als ob sie garnicht aufgehört hätte.
Wir gehen die Niedernstrasse runter Richtung Jahnplatz: da rechts steht Edsi und spielt sein Zweistunden-Programm: lächelt, dreht sich, winkt….agiert als Marionette. Nashornbehost. Trägt zufällig das gleiche Grönland-Thermo-Arbeitshemd wie ich. Nicht zu laute Stimme, etwas zu lautes Holzschuhgepolter….der Film spult wieder ab.
„Aber wir gehen jetzt mal weiter!“ sage ich. Meine Frau gibt mir recht.
(Foto Martin Rzeszut)