das toenchen-voegelchen

Das Tönchen!

Das Online-Magazin
der Musikwerkstatt-Rzeszut

 

:

:

Tönchen-Home | Home | Über uns | Kontakt | Impressum

Freitag, 10. August 2007

DIKANDA aus Szczecin spielten in Flensburg

„Vielleicht wir suchen die Melodie, manchmal die Melodie suchen uns…“

image

Die besten Plätze im romantischen Pastoratsgarten unter der dicken, behäbigen Marienkirche in Flensburg waren schnell und schon eine Stunde vor Konzertbeginn besetzt. Die Karten nicht ganz billig, aber angesichts der wirklich guten Musik mit 14€ pro Kopf gerade noch angemessen. Das Konzert fand im Rahmen der Veranstaltung „Flensburger Hofkultur“ statt. Samstagabend, 4. August, leicht kühl und windig, aber immerhin trocken. Man sass draussen unter freiem Himmel bei wärmender Abendsonne. Der Weinumsatz florierte. Leider hatten wir Sitzkissen vergessen.

Wir standen schon in der langen Schlange, während - für uns Schlange unsichtbar - der Soundcheck lief und ich wunderte mich: haben die jetzt ein Digeridoo? Und ein indisches Harmonium? Aha, Anias Deutsch ist besser geworden seit dem letzten Auftritt in Kiel vor drei Jahren. Und da gibt’s doch was neues in der Perkussion-Sammlung: etwa ein kleines Schlagzeug? Eine Snare? ...Nein, Zuhörer waren nicht erlaubt beim Soundcheck von DIKANDA. Schade eigentlich. Doch so steigerte sich nur die Vorfreude, die allen Besuchern auf den Gesichtern stand: sie alle mussten DIKANDA irgendwie kennen, schon mal gehört haben…

DIKANDA ist eine junge polnische Band und TÖNCHEN!-Leser werden sich noch an meinen Artikel aus dem Jahre 2005 (leider aus dem TÖNCHEN!-Archiv auf magische Weise verschwunden) erinnern, in dem ich Ania Witczak mit einer Katze verglichen hatte, die über die Bühne rast sich vor lauter Begeisterung in ihren Mikrokabeln verhedderte. Ich fühlte mich damals beim Konzert in der Kieler Pumpe ohne Einschränkung zur DIKANDA-Familie zugehörig. Und das nicht nur, weil Ania das Pianoakkordeon ganz ähnlich spielt wie ich: mit archaischer Fingertechnik im Diskant und mit viel Bordun im Bass. Und demselben tiefen Gefühl. Nee, da war auch die gemeinsame musikalische und seelische Sprache. Also bitte Vorsicht: DIKANDA ist meine Lieblingsband und dieser Artikel könnte sehr subjektiv ausfallen!

Das Wort DIKANDA war zunächst eine Wortschöpfung der Gruppe. Später erfuhren sie, dass DIKANDA (anders betont) in einem kongolesischen Dialekt “Familie” bedeutet. 1997 trafen sich Ania Witczak (Akkordeon, Gesang, Perkussion), Kasia Dziubak (Geige, Gesang), Daniel Kaczmarczyk (Percussion, Saz, Maultrommel, Gesang), Piotr Rejdak (Gitarre) und Grzegorz Kolbrecki (Kontrabass) in Szczecin und gründeten DIKANDA. Soweit ich weiss, gab es seitdem keine Änderungen in dieser Besetzung, obwohl offensichtlich noch andere MusikerInnen bei Auftritten und im Aufnahmestudio zu DIKANDA gehören. Das Programm war und ist unverändert eine Mischung aus traditionellen Liedern der Kurden, aus Rumänien, Macedonien und selbst komponierten und getexteten Stücken, wobei die Grenzen zwischen beiden Komponenten verfliessen. Es ist nicht Folk, nicht Jazz – es ist schlichtweg DIKANDA. Soetwas einzigartiges lässt sich nicht einordnen, und das ist auch sehr gut so.

Und auf gar keinen Fall ist es „Weltmusik“! Zuviel Seele drin! Keine Klischees! Keine Lüge!

Besonderes Merkmal: DIKANDA - Lieder können durchaus eine eigene Sprache haben. Ania liebte es schon als Kind, in Ermangelung von Texten Worte zu erfinden, die lautmalerisch zu Melodien passen. Sie ahmte auch englische Worte nach. DIKANDA-Worte muss man nicht intellektuell verstehen, der Inhalt kommt wie von selbst rüber. Die Worte erinnern an etwas. Man assoziiert Landschaften, stellt sich Menschen vor. DIKANDA - Worte sind Worte der Inspiration, der Hoffnung, der Träume. DIKANDA - Sprache kennt keine Sprachgrenzen! Genausowenig, wie Musik sich nicht an diese albernen politischen Grenzen hält, denen wir überall in der Welt des Habens und Raffens begegnen, und die töten können, ist man zufällig im falschen Land. DIKANDA – Sprache ist Sprache des Friedens und der Einigkeit.

Der Pastoratshof waren mal zwei Gärten, in denen die beiden Pastoren von Marien wandelten: durch eine Mauer getrennt – obwohl sie doch derselben Konfession angehörten….. Diese wurde kürzlich glücklicherweise abgerissen, der Garten grösstenteils gepflastert und so ergibt sich eine Art Konzertarena mit ansteigenden Stuhlreihen und einer super Akustik! Die Rückseite vom Café K - das sich auch um den Getränkeverkauf zu leider nicht ganz moderaten Preisen kümmert -  dient als kleine überdachte Bühne, nicht grösser als eine mittelgroße Gartenterasse. Eine feine kleine PA sorgt für nicht zu laute Verstärkung. Die Bühne, die Rückwand des alten Hauses, ja sogar der Efeu sind liebevoll mit farbigen Scheinwerfern ausgeleuchtet. Gemütlich! Und die Abendsonne wärmt. Die Spannung steigt. Aus den Boxen kommt langweilige CD-Musik. Echt überflüssig!

Auf der Bühne gibt’s viel Spielzeug: links hinten eine Perkussionecke. Unverkennbar und wie 2005 steht da Daniels Sackkarre mit der Bassdrum drauf, die er seitlich schlägt. Diesmal ist sie dick in ein Wachstuch eingepackt und ruht auf einem kleinen alten Reisekoffer….interessante Variante. Und sieh da! Das „Schlagzeug“ outet sich als einer dieser neumodischen Cajon-Kästen, die ich nun garnicht mag, weil man sich an ihnen die Finger kaputthaut….Hinten der Kontrabass. Daneben hinten rechts der Platz für den Gitarristen: akustische Gitarre mit Piezo-Pickup über Peavey-Amp. Ob er Effektpedals benutzt, weiss ich nicht. Vorn rechts der Platz von Geigerin und Sängerin Kasia und daneben mittig – oh, ein Hocker? -  wird bald Ania irgendwo zwischen Kabeln, Trommeln und ihrem Akkordeon herumwuseln. Das Akkordeon ist ein dreichöriges 72-Bass-Gerät. Zwei Ansteck-Mikros sind mit Klebeband befestigt und obendrauf der Vorverstärker ebenfalls mit Klebeband professionell aufgepappt. Hm, wenn das man hält! Schliesslich kennen wir ja Ania und ihre Bewegungsfreudigkeit!

Um 20.30 - es wird schon leicht dämmerig - kommen sie endlich auf die Bühne, nachdem schon etliche Gläser roten Rebensaftes von den unruigen Besuchern geleert wurden. Ania – schwarze Hose, türkisches Seidengewand - setzt sich auf den Hocker und ich frage meine Frau, warum Ania wohl so zugenommen hat…“schwanger?“ Meine Frau - immerhin Mutter von vier Kindern, die sich da auskennt - verneint. Hm, hab ich mich also geirrt und es waren wohl die guten polnischen Karamellbonbons….Das dritte oder so Lied bringt es dann aber an den Tag: “In diesem Lied geht es um eine Zweierbeziehung: mal passt es und mal wieder nicht und sie kann sich nicht so schnell entscheiden und er wartet. Doch plötzlich, auf einemal: da passt es und sie leben dann doch zusammen…und so ging es mir auch: und nun bin ich schwanger!“ Ich widme meiner Frau einen triumphierenden Blick.

Das erste Stück dient der allgemeinen Einstimmung: grundtonbezogene Musik, vermutlich auf D (wegen Anias sehr eigener Bass-Fingertechnik auf dem Akkordeon kann ich die Tonarten leider nur schwer abgucken: sie spielt sehr oft Bass-Quintbordune, der Mittelfinger spielt meist die Tonika – aber was spielt der Ringfinger? Auch nen Bass…). Musik auf Bordun-Basis, Improvisation auf einem Ton! Was gibt es schöneres für mein Ohr! Doch siehe da: atemberaubende, gut durchgeplante Akkordwechsel sorgen im nächsten Augenblick für schnell ansteigende Spannung, die sich in einem Sturm von Gesang, Solopassagen und wilder Rhythmik entlädt und die Musik wird wieder zu dem beschaulich dahinfliessenden Fluss offen ausgedrückter Gefühle – auf Grundton D…oder so.

Was ich anfangs für ein indisches Harmonium gehalten hatte, war doch tatsächlich das kleine Weltmeister-Akkordeon. Der Effekt ist vielleicht beabsichtigt und wird durch relativ höhenarme Mikros noch verstärkt. Der Akkordeonsound ist sehr warm. Niemals dominiert er den Gesamtklang. Manchmal erscheint mir das Akkordeon jedoch zu leise.

image
Ania und Kasia arbeiten sich bei dieser unermüdlichen Bergsteigerei in Wechselschichten durch die Stücke, unterstützt mit Kraft, Nahrung und Wasser vom Rest der Five-Piece-Band. Das Kommando für die Explosionen gibt eindeutig Ania – wer sonst? - und das mittels Fingerschnipps, kräftiger Armbewegung oder lautem vokalem Anfeuern.

Es wird im Laufe des Konzertes bestätigt, was Ania anfangs ankündigte: es wird hier auf diesem pastoralen Hinterhof eine „Revolution“ geben. Das stimmt: die DIKANDA – Familie vergrössert sich schlagartig um 200 neue Verwandte (die die teuren Eintrittskarten auch schon vergessen haben…) und die alten Häuserwände hallen wieder von frenetischen Beifallsstürmen und rhythmischem Klatschen: Ania hat alle fest im Griff! Da wird mitgesungen, da gibt’s kein Pardon! Im letzten Set erheben sich auf das Kommando „alle aufstehen!“ auch wirklich alle ausnahmslos und singen und klatschen mit: Revolution! Es gibt keine Einzelgänger mehr unter den Besuchern….alles DIKANDA!

Es ist die Musik der Sinti und Roma, die da auf uns prallt und in die wir über zwei Stunden lang so verwoben werden, dass sie tagelang in den Köpfen nachhallen wird. Nein, Ania ist keine Sintiza, könnte aber durchaus eine sein. Vielleicht weiss sie es nur noch nicht. Egal: die Musik der Sinti und Roma ist direkt, elementar, spontan und improvisiert. „Lieder über das Leben! Keine Lüge!“ ist öfters ihr Kommentar zum nächsten Lied. Die Musik der Sinti und Roma ist eine Sprache, die schon einige gelernt haben, ohne ethnisch etwas mit diesen fabelhaft musikalisch Begabten zu tun zu haben. Bzw: man weiss es halt nicht….sind eben unsere „roots“, die man nicht so kennt….

Perkussionist Daniel mit Hut -  dadurch sofort als polnischer Musiker zu erkennen - spielt rasant seine Darabouka. Verglichen mit 2005 haben sich seine Schläge pro Zeiteinheit deutlich vervielfacht. Damals war es schon atemberaubend, seinen türkischen und nordafrikanischen Schlagtechniken zuzuhören, aber beim damaligen DIKANDA-Konzert in der „Pumpe“ in Kiel stand ich wenigstens und konnte tanzen. So ist das Zuhören im dichtbesetzten Marienhof nun eine Qual: kein Platz zum Tanzen und alle sitzen sie da auf ihren Stühlen, Glas Wein in der Hand und wackeln ein bischen herum. Unerträglich für mich….also zwinge ich mich bei diesen herrlichen Perkussion-Passagen zur Ruhe. Einfach furchtbar sowas! Auch Die Djembe spielt Daniel sehr schön und ich frage mich: warum braucht er nun dieser Cajon-Prasselkiste, die er nur in einem Stück wirklich anwendet? Na ja, muss er wissen. Und seitdem DIKANDA den neuen Bandbus hat, macht es ja vielleicht auch Spass, kleine Bühnen mit Perkussionkram vollzustopfen.

Daniel spielt aber nicht nur Trommeln und Cajon: um den linken Fuss trägt er ein Glockenband (leider von der PA nicht erfasst, wo bleibt das Fuss-Mikro?) und er spielt Saz und Maultrommel. Der Saz unterstützt das orientalische Moment der Musik. DIKANDA ist in den letzten Jahren wirklich entschieden weiter nach Osten gewandert, ohne Polen verlassen zu haben. So holt Daniel plötzlich seine Maultrommel aus der Tasche und legt ein grandioses Solo plus Liedbegleitung hin – um das polnische Moment von DIKANDA zu dokumentieren! So, jetzt weiss ich es: eine mikrofonverstärkte Maultrommel kann durchaus wie ein Digeridoo klingen….ätsch!

Daniel spielt noch mehr: Udu und Dun Dun und eine grosse Rahmentrommel mit zwei Fellen.

Ich entdecke Ähnlichkeiten zu unserer Musikwerkstatt, als Ania kabelzupfend und wie eine Hausmaus aufräumend herumschimpft: “Auf dieser Bühne ist es ja unordentlicher als in meiner Wohnung!“

....aber es ist bei weitem nicht so schlimm wie 2005, als sie sich noch stolpernd in ihren Akkordeonkabeln einwickelte wie die Spinne im Netz. Nein, jetzt ist dank Klebeband mehr Ordnung in der Wohnung…pardon: Bühne! Übrigens kein Wunder: DIKANDA treten durchaus dreimal die Woche irgendwo in der Welt auf und man kann dann sicherlich Bühne und Wohnung nicht mehr so genau trennen. DIKANDA – sie alle leben inzwischen auf der Bühne, und insofern gibt es auch keine Bühnen-Show, weil das Auftreten schon so selbstverständlich geworden ist. Eigentlich saßen wir auf einer Familienfeier: DIKANDA FAMILY!

Bassist Grzegorz spielt unglaublich präzise seinen Bass und unterstützt Anias Akkordeonbass dermaßen gut, dass beides manchmal kaum zu trennen ist. Seine Rhythmik ist ein Genuss. Er steht da ganz ruhig rum und bringt die Welt zum Wackeln und Swingen – unglaublich. Sein Bass dringt sehr schön kräftig durch und mal wieder sehe ich den Nachteil von E-Bässen….wenn die Dinger nur nicht so ungefügig wären! Grzegorz spielt einfach und ohne Schnickschnack, sein Bass sticht aus dem Gesamtklang nicht heraus, man fühlt ihn aber deutlich im Bauch. Irgendwie ein cooler Typ, dieser Grzegorz!

Hier ein grosses Lob für den DIKANDA-Sound-Ingenieuer Jarek Gruberski! Da bei DIKANDA die PA auch Instrument ist, ist auch er quasi Musiker und beeinflusst die Wirkung der Formation wesentlich mit. Effekte wie Looping, Hall u.a. sowie der kristallklare Sound sind sein Werk.

Die Lieder dieses Abends handeln vom Leben. Die Texte sind oft über Bauern, die arbeiten, feiern, trinken, sich verlieben. Über Tanz und Musik. Traditionelle Texte. Man erfährt nichts über die Herkunft der Lieder – aber das macht nichts. Gute Lieder sind eben zeitlos und überall. Traditionelle Musik ist auch Musik der Gegenwart. „Alles kurz und einfach!“ bemerkt Ania. „Das Mädchen sagt zu den Jungen im Dorf: geht in den Wald und holt mir Blätter, damit ich mir ein Kleid machen kann. Holt mir dann ein paar Sterne vom Himmel, die kann ich dann da annähen. Erst wenn ich das habe, ja, dann tanze ich für euch!“ oder: Bauern sind auf dem Feld und bringen die Ernte ein. Oben im Himmel fliegen grosse Vögel, die singen. Die Bauern rufen: „oh, lasst uns mit den Vögeln zusammen singen und dann hört uns Gott im Himmel und freut sich mit uns!“

Es sind türkische, mazedonische Lieder, und Lieder von DIKANDA in einer Sprache, die man nicht so direkt versteht, aber indirekt, und das ist ja viel wichtiger. Ania und Kasia singen beide, manchmal von den drei anderen stimmlich unterstützt. Ihr Gesang hat etwas von einem Ritual: die Lieder werden zelebriert. Indische,  türkische, arabische Gestik, Mimik, symbolische Handbewegungen, manchmal angedeuteter indischer Tempeltanz. Alles verschmilzt zu einer Einheit, genannt DIKANDA. Sie kreieren eine eigene Welt, und doch ist es die unserige.

Kasia Dziubak sang 2005 erheblich weniger und anders. Nun ist ihr Gesang unglaublich kräftig und farbig. Ania und Kasia sind innerhalb der Band manchmal ein eigenständiges Duo: sie werfen sich die Bälle sozusagen wechselweise zu, steigern sich gegenseitig im Spannungsaufbau der Musik. Frage- und Antworttechnik - wie wir es vom bretonischen Gesang her kennen -  beherrschen oft die Lieder. Kasia spielt ihre Geige durchaus in klassischer Manier, aber keinesfalls mit „klassischer Langweiligkeit“: da krächzt und röchelt die Geige, da rutscht das Glissando durch die Boxen wie ein Schrei. Kasias Geige singt! Eine unglaubliche technische Leistung, dieser Wechsel von Geigenspiel und Gesang.

image

Die Arrangements der Stücke sind komplex und manchmal ziemlich kompliziert. Doch niemals wird arrangiert nur um des Arrangierens willen. Man muss nicht zeigen, dass man das kann und die Arrangements stützen immer das Ganze, dienen Klang- oder Lautstärkekontrasten. Man merkt, dass DIKANDA schon sehr lange und sehr intensiv zusammen musizieren. Ursprünglich sicherliche frei improvisierte Parts sind inzwischen zu festen Arrangements geworden. Dennoch ist diese Musik so frei, dass sie wie frisch improvisiert wirkt. Arrangements behindern also nicht die Kraft der Musik sondern sind Teil der musikalischen „Revolutionstechnik“. Hier entdecke ich deutlich indische Elemente: Spannungsaufbau, Plateauphase mit Spannungssteigerung (ohne dass viel passiert), weiterer Spannungsaufbau mit anschliessender Entladung und Ruhephase. Diese Folge kann sich mehrmals während eines Stückes wiederholen.

Dass DIKANDA sich mit indischer Musik beschäftigt hat, sagen mir auch gewisse Eigenarten im Gesang. Kam Anias Gesang 2005 noch viel freier und mehr aus dem Bauch, so ist heute alles deutlich kontrolliert: Stimmfärbung, Artikulation der Worte und die dazugehörigen untermalenden, interpretierenden Handbewegungen (Gesten) sind bei jedem Lied geplant. Ebenso die Ansagen, die Teil der Musik sind.

An der Gitarre spielt Piotr mal westlich vertikal akkordisch, mal östlich horizontal melodiös. Dafür benutzt er ein und dieselbe Gitarre und ich frage mich, ob er offene Stimmungen benutzt? Keine Ahnung, vermutlich nicht. Geht alles so schnell, kann man nicht beurteilen. Ich werde ihn fragen. Jedenfalls klingt seine akustische, klassische Gitarre bei den arabisch klingenden Passagen wirklich wie eine Laute oder eine Ud. Ich vermute mal, er benutzt ein Effektpedal, das die Gitarre eine Oktave tiefer tönen lässt und fügt noch etwas Hall dazu. Die Lauten-Passagen spielt er um den 10. und 12. Bund herum in unglaublicher Geschwindigkeit. Die Band lässt ihm so einige Soli, die wie kleine ruhige Inseln im Dikanda-Strom wirken. Emotional ist er weniger in die Feuerwerke involviert – er erscheint mir eher wie der nüchterne Ingenieur, der technisch arbeitet und sitzt bezeichnenderweise links neben dem Bassisten.

Kommunikation und Verständnis füreinander ist das Rezept dieser Band. Da läuft nichts ohne Blickkontakt. Selbst die „Frontfrauen“ verdrehen die Köpfe und spielen oft zur Seite, und das ohne den Kontakt zum Mikrofon zu verlieren. Daniel fixiert öfters den Bassisten und bildet mit ihm rhythmisch eine Einheit. Ania besonders gibt per Körpersprache Signale an alle. Die Einsätze kommen immer und ohne Ausnahme mit einer sagenhaften Präzision. Dynamisch anspruchsvolle Arrangements gelingen durchweg und auf Anhieb. DIKANDA ist insofern EIN MENSCH. Die Häufigkeit der Auftritte fördert natürlich diese Koordination. Wie schön, sowas als Musiker zu geniessen! Wie oft hat man sich schon eine Band gewünscht, die dermassen gut „funktioniert“!(...Seufz)

Ein leicht trauriges aber hoffnungsfrohes Lied hat soeben begonnen und Ania schreit ein polnisches Wort in die Menge. Zeigt nach oben: über uns ein riesiger flaschengrüner Freiballon in vielleicht 60m Höhe! Magischer Moment: DIKANDA spielt nun zu den Leuten da oben, die winken und klatschen und dank PA alles da oben hören können! Das Lied bekommt eine weitere Dimension!...und die DIKANDA-Family wurde soeben durch 12 ballonfahrende Mitmenschen erweitert….leider gleiten sie schnell wieder davon…

Ania liebt witzige Ansagen in deutsch, was sie in wenigen Jahren vortrefflich gelernt hat („das versteht niemand hier auf der Bühne! Ich kann hier lügen und keiner von denen versteht was!“) Ihr Akzent wirkt sich wirklich lustig aus. In vorderster Reihe bellt ein Hund während eines Intros freudig mit. Prompt wird kurze Zeit später ein neues Lied angekündigt mit „Wir spielen nun für euch und Hund nun….“

Als es dunkel geworden war und im letzten Set des Konzerts das beschriebene schöne Lied von den Bauern auf dem Feld und den singenden Vögeln erklang, gab es eine weitere Dimension: unwillkürlich sah man am massigen Marienkirchturm aus altem Backstein hoch, der breit und schützend über uns wachte und diese wunderschöne Musik mit anhörte! Revolution perfekt!

„Vielleicht wir suchen die Melodie, manchmal die Melodie suchen uns, ...  und wir immer müssen aufpassen, als ob du in den Händen Wasser… hast und du musst aufpassen…eh, dass keine Tropfen geht auf ...Boden, musst immer aufpassen, ob dich eine Melodie nicht sucht ...wenn du träumst, wenn du ...trinkst Wodka, wenn du bist alleine, wenn du leidest oder du bist fröhlich. Das ist nicht zu hemmen, das ist Leben!“ sagt Ania Witczak in einem Interview. Ich sehe das auch so.

Die Zugabe bestand aus einem polnischen Adventslied, zweistimmig gesungen von Ania und Kascia.

Was ein schöner und erlebnisreicher Abend! Wir danken Euch, liebe Freunde! Hoffentlich seid Ihr bald mal wieder im Norden. Und Dir, Ania, die besten Wünsche für die Geburt Deines Kindes! Es sollte schon genügend Musik mitbekommen haben, um bald in die Band einsteigen zu können….wink

DIKANDA hat eine höchst informative Website mit einem Video, vielen Fotos, Tourneedaten und Infos über die bisher erschienenen drei wirklich hörenswerten CDs: http://www.dikanda.prv.pl

Bilder vom Flensburger Konzert findet Ihr hier: http://www.hofkultur.flensburg.de/54.html?&tx_jmgallery_pi1[albumUid]=88

[Titelfoto: Martin Rzeszut. Die weiteren Fotos in diesem Artikel stammen aus dem Pressematerial der Dikanda-Website. Das Zitat „Vielleicht suchen wir die Melodie…“ wurde dem RTL-Video vom 15.2.07 auf der Dikanda Website entnommen] image

Geschrieben von Martin Rzeszut am 10. August 2007 um 20:58 Uhr

Kommentare

Dieser Eintrag kann nicht mehr kommentiert werden.