Donnerstag, 9. November 2006
Die neue Generation der Digitalpianos am Beispiel des ES 4 von KAWAI
Technische Merkmale, Handhabung und Tips zum Aufstellen - eine Empfehlung an unsere Klavierschüler
Die rasante Entwicklung elektronischer Muskinstrumente macht es notwendig, das Grundwissen über Digitalpianos öfters „upzudaten“. Einige Musikschüler der Musikwerkstatt Rzeszut sind jetzt in der Vorweihnachtszeit auf der Suche nach einem nicht nur brauchbaren sondern excellenten Digitalpiano. Hier geben wir nun ein paar Ratschläge, die bitte nicht als Werbung missverstanden werden sollten: das hier besprochene Exemplar wurde teuer bezahlt und KAWAI gibt uns keinen Cent, wenn wir das ES 4 anpreisen.
Leider sind Industrie und Handel immer noch nicht daran interessiert, Instrumente auf Probe und zu Untersuchungszwecken an Musikschulen zu verleihen (was aus meiner Sicht ein Geschäftsfehler ist!) und so waren wir gezwungen, uns für ein Modell aus dem Sortiment der Firma “In Sound” in Kiel zu entscheiden. Die haben eben einen Vertrag über KAWAI-Instrumente. Gern hätten wir zwei oder drei aktuelle Modelle von Digitalpianos verschiedener Firmen hier vorgestellt, doch wir konnten leider nur eines bezahlen. Das allerdings wurde inzwischen erfolgreich getestet und bewährt sich jeden Tag. Im Folgenden berichten wir unseren TÖNCHEN! - Lesern über dieses Modell ES 4 von KAWAI, dessen durchschnittlicher Preis im Handel bei etwa 1200 € liegt.
Vorweg ein paar Grundinformationen (die auf unserer Website noch detailierter besprochen werden). Erstmal: ein Digitalpiano ist kein Ersatz für ein Klavier. Sollte man das meinen, so liegt man grundsätzlich falsch. Wer Klavier spielen möchte und den Platz und das Geld für ein Klavier hat, sollte auch ein Klavier kaufen. Wer ein Klavier hat, kann es leider nicht mitnehmen (etwa, wenn es um das Musizieren mit anderen geht). Hier hilft also ein Digitalpiano als Zweitinstrument.
Dann gibt es aber sehr oft folgende Situation: das Geld für ein Klavier ist nicht da. Denn selbst Klaviere mittlerer Qualität kosten locker 5000 € (neu) und gebrauchte Klaviere sind oft ihr Geld nicht wert. Hier bietet sich ein Digitalpiano an: man kann auf ihm das Klavierspielen erlernen, ohne ein sehr teures Instrument kaufen zu müssen.
Es gibt auch folgende Situation: kleine Wohnung im Reihenhaus, im Wohnblock. Womöglich noch Betonwände, Betondecken. Hier hört man jedes Geräusch und allabendliches Klavierspiel unterhält manchmal vier Mietparteien. Hier schafft ein Digitalpiano Abhilfe: man kann es stumm spielen und hört sein Spiel im Kopfhörer.
Das Spielen über Kopfhörer ist auch unabhängig von der Lage einer Wohnung sinnvoll: etwa im Kreise der Familie lässt sich üben, ohne dass das Lesen oder das Fernsehen anderer Familienmitglieder darunter „leiden“ muss. Ich schreibe das übrigens nur, weil in grossen Teilen unserer Gesellschaft das musikalische Üben immer noch als Angriff auf die Persönlichkeit anderer verstanden wird….doch sind Übeklänge denn wirklich Lärm?
Also zusammengefasst: das Digitalpiano will technisch-musikalisch gesehen nicht Ersatz für das Piano spielen. Es ist ein eigenständiges Instrument mit eigenem Anwendungsbereich und deutlichen Vorteilen gegenüber einem Klavier, wenn es um Transportierbarkeit und leises Spielen geht. Es kann die Rolle des Zweitinstruments spielen. Doch es passt eben auch in kleine Mietwohnungen und übervolle Kinderzimmer.
Ein wesentliches Merkmal eines guten Digitalpianos ist die gute Tastenmechanik. Da die Tastentechnik eines mechanisch arbeitenden Klaviers enorm aufwendig, voluminös und schwer ist, wird sie so gut wie nicht in elektronische Digitalpianos eingebaut (obwohl es auch das gibt, allerdings sehr teuer). Die Charakteristik der sog. „gewichteten Tastatur“ wird also mittels mechanischer Konstruktionen sozusagen „virtuell“ mit einer einfach aussehenden aber pfiffig erdachten Mechanik aus hauptsächlich Plastik-Teilen erreicht. Ich habe über Jahre auf der Frankfurter Musikmesse die Entwicklung dieser Tastaturen neugierig verfolgt: sie wurden immer präziser und der Charakteristik oder dem Spielgefühl z.B. einer Renner-Mechanik am Klavier immer ähnlicher.

Eine gute Tastatur ist also hervorstechenstes Merkmal eines leistungsfähigen Digitalpianos – und nicht nur der Klang! Hilde Rzeszut von der Musikwerkstatt Rzeszut (siehe Foto) sagt über die Tastatur des ES 4 : „die ist wunderbar leicht zu spielen! Toll!“ - Hilde Rzeszut ist an Renner-Mechanik in ihrem SEILER-Klavier gewöhnt, das sie tagtäglich zum Unterrichten ihrer Klavierschüler benutzt.
Der Klang ist deshalb schon nicht so wesentlich für die Kaufentscheidung, als jedes Digitalpiano heute über digital gesampelte Originalklänge in hervorragender Qualität verfügt. Schwachstellen sind eigentlich der oft unterdimensionierte Verstärker und die manchmal zu mickrigen Lautsprecher, die unter Verzerrungsproblemen leiden können und aufgrund zu kleiner Abmessungen oder zu simpler Konstruktionstechnik für die kräftige Basswiedergabe ungeeignet sind.
Besitzer digitaler Pianos arbeiten deshalb sehr oft mit einem Zusatz-Verstärker und mit separaten, auf die Raumakustik abgestimmten Lautsprechersystemen. Wer ein sog. „Stagepiano“ besitzt (d.i. ein leichtgebautes, gut zu transportierendes Digitalpiano ohne eigene Klangverstärkung, das für Bühnen konstruiert ist und an grosse Verstärkeranlagen angeschlossen werden muss) wird das Problem der häuslichen Klangverstärkung kennen. Die ideale Verstärker-Combo für Digitalpianos gibt es noch nicht. Wir benutzen für die Klang-Verstärkung unseres alten YAMAHA P-80 neben selbstgebauten Systemen bevorzugt den leicht transportierbaren Marshall AS 50 R mit grossem Erfolg. Dank eines Hochtöners hat dieser für die Verstärkung von Akustikgitarren (über Kristall-Abnehmer) konzipierte Verstärker eine erstaunliche Brillianz. Man kann wegen des ausgeglichen Frequenzbandes in der Wiedergabe damit auch sehr gut CDs hören.
Das KAWAI ES 4 ist kein Stagepiano (obwohl es äusserlich daran erinnert und auch ebenso leicht transportierbar ist). Es hat eine hervorragende Lautsprecherbestückung und sehr gute Verstärkerbausteine, die ein ausgewogenes Klangbild liefern. Einzig der Bass könnte etwas stärker sein, doch müsste man dies sicherlich mit erheblich mehr Gewicht für grossmembranige Lautsprecher und schwerere Netzteile bezahlen. Die Verstärkerleistung von 2 x 13 Watt ist jedenfalls für den schwachen Bass verantwortlich. In der Beschreibung ist zwar die Rede von „Bassreflexsystem“ und das mag auch da sein. Doch man spürt es in einem normal gedämpften Wohnzimmer nicht. Man bekommt jedoch einen optimalen Klang und damit auch einen starken Bass in hervorragender Weise mit einem Kopfhörer (hier empfehlen wir wie immer AKG – Mehrmembranhörer mit offener Charakteristik wie den altbewährten K240 oder Nachfolgemodelle).
Auf jeden Fall ist das Klangbild des ES 4 trotz gewisser Bass-Schwäche sehr ausgewogen und wenn man an tägliches Musizieren unter ganz normalen, leicht beengten Wohnverhältnissen denkt – und wir haben das getestet! - , ist das ES 4 überaus leistungsfähig. Es hat auf jeden Fall genug Power, um etwa in einem Hausmusikspielkreis mit Schlagzeug und Saxofon mithalten zu können!
Über die technischen Raffinessen der Klangerzeugung und des Lautsprechersystems erkundige man sich auf der entsprechenden Webseite: http://www.kawai.de/es4_de.htm
Wie immer kann sich niemand was unter „Harmonic Imaging II Technologie“ vorstellen. Die Firmen sollten mal nicht denken, der Kunde wäre von diesen Chiffren gross beeindruckt. Sowas gehört einfach erklärt. Auf der Musikmesse können Techniker einem ja auch sehr gut erzählen, was da läuft. Also warum nicht auf der Website? Kopiert werden solche Technologien heute sowieso schon, meist noch bevor das Modell in Serie geht.
Das ES 4 besitzt alle Merkmale eines normalen Digitalpianos und nichts wesentlich neues: wir haben mehrere Soundmöglichkeiten wie E-Piano, Orgel, Cembalo, Bass (alles in hoher Qualität) und der Klang bzw. die Klangkombinationen lassen sich in Schaltstufen beeinflussen. Natürlich gibt es eine Splitfunktion, um mit der linken Hand z.B. einen E-Bass und mit der rechten Orgel zu spielen. Wer Effekte wie Chorus, Tremolo, Delay oder das Wabern der Hammondorgel mag, bekommt auch das. Die Anschlagsdynamik (letztlich auch ein Klangeffekt) lässt sich unterschiedlich einstellen.Wers braucht, hat auch eine Aufnahmefunktion zur Verfügung, was ja manchmal zum Improvisieren über Akkordfolgen nicht schlecht ist. Vier verschiedene Akkordfolgen (oder eben Musikstücke) lassen sich auf zwei Spuren aufnehmen: maximal speichert der Computer 10 000 Noten…..
Was das ES 4 nicht hat? Etwa Schnickschnack wie Begleitautomatik, Schlagzeugsounds. Sowas lenkt ja auch wirklich nur vom eigentlichen Musikmachen ab! Hier liegt wie immer auch der wesentliche Unterschied zur Klangelektronik der handelsüblichen Keyboards, die darüberhinaus meist eine schlechte und eben nicht gewichtete Tastatur und schmale Tasten haben. Ein Keyboard verfügt auch nur in den seltensten Fällen über 88 Tasten!
Bestechend ist das geringe Gewicht (20,7 kg) des ES 4. Auch die Abmessungen sind kompakt und das Design transportfreundlich. Das ES 4 gibt es in schwarz und in „weiss-silber“. Gegen Aufpreis wird ein (Plastik?)-Gestell mitgeliefert, dass man getrost vergessen kann.
Immer wieder stellen wir fest, dass selbst robuste X – Ständer zwar für Keyboards taugen, bei Digipianos aber wackeln. Sebastian Steinberg aus Altenholz hatte da eine geniale Idee: er kaufte im Baumarkt zwei verstellbare Böcke aus Profilstahl, kürzte die Beine und belegte die oberen Streben mit jenen Schaumstoffschläuchen aus dem Baumarkt, mit denen Heizungs- oder Warmwasserrohre gegen Wärmeverluste isoliert werden. Zu diesem Zweck schlitzte er den Schlauch auf und schob ihn von oben auf die Strebe: das Digitalpiano liegt nun weich gepolstert und vor allem rutschfest auf (siehe Foto oben). Nichts wackelt mehr und die leichten zusammenklappbaren Böcke erschweren auch keinesfalls den Transport.
Tip für Nachbauer: vor Kürzen der Metallböcke sollte man genau messen! Die übliche (und auch genormte) Höhe des Tastenfeldes sollte 73 cm betragen (was der Entfernung Fussboden bis Oberkante weisse Taste entspricht). Besonders für Kinder sollte man von diesem Maß etwa 10 cm abrechnen. Lässt die Konstruktion der Böcke ein Kürzen nicht zu, so kann man sich mit einem verstellbaren Klavierhocker helfen. Auf jeden Fall sollte das Tastenfeld des Digitalpianos immer bequem erreichbar sein.
Wir können das ES 4 allen unseren Schülern und Schülerinnen empfehlen. Aber auch dem Musiker, der ein Stagepiano braucht, mit dem man auch zuhause mal eben üben kann, ohne viele Kabel ziehen zu müssen. Übrigens stehen Digitalpianos in zahlreichen Musikschulen als Lerninstrumente…das nur, um auch die letzten vielleicht noch vorhandenen Vorurteile gegen elektronische Klangerzeugung abzubauen.
Ein letztes Wort zum Preis: 1200 € will sauer verdient sein! Der „empfohlene Preis“ für das ES 4 liegt übrigens bei 1399 €...aber wir wissen ja, dass Preisempfehlungen ein gut Teil der Verkaufspolitik sind. 1200 € sind absolut viel, jedoch angesichts der hohen Qualität des Erzeugnisses (musikalische Qualitäten, technische Ausstattung, Robustheit, Abmessungen und Gewicht) relativ wenig. Und auf jeden Fall gibt es sehr viele sehr viel teurere Digitalpianos!
Preisunzufriedenen sei hier gesagt: soviel müsst Ihr schon ausgeben, um zu verhindern, dass Ihr nur noch eines Tages Billigschrott in Euren Musikläden vorfindet. Das will ja schliesslich auch niemand. Die immensen Kosten, die in der Entwicklung eines solchen Digitalpianos stecken braucht Ihr immerhin nur zu einem verschwindend kleinen Bruchteil zu tragen!
(Fotos: Sebastian Steinberg)