Sonntag, 18. Dezember 2005
Die interessante CD: YATRA
YATRA (sanskr.) bedeutet “Reise”. Reise von Ort zu Ort, von heute ins gestern oder vorvorgestern, Reise von West nach Ost und von Ost nach West. Auch vielleicht Reise zu sich selbst. Jedenfalls: “Yatra, Kapsberger and Beyond” lautet eine CD-Produktion der Göttinger interkulturellen Szene aus dem Jahre 2003, die ich ausgesprochen empfehlenswert finde und hier etwas detaillierter besprechen möchte, als dies normalerweise (leider) üblich ist.
Ein Grund dafür ist sicherlich, dass diese bald zwanzig Jahre alte Gruppe YATRA von dem indischen Tablaspieler Bala Prasad und mir, dem akkordeonspielenden ostpreussischen Westfalen mit jetzt südpolnischem Namen gegründet wurde. Ein anderer: das Zusammenfliessen indischer und europäischer Musik mag ich einfach! Starres und Fliessendes, Hartes und weiches, “vertikal” Harmonisches und “horizontal” Melodisches treffen aufeinander und vermengen sich. Diese CD finde ich ausgesprochen gelungen!
Hinter dem etwas kryptischen Titel (was bedeutet “Beyond”: das “Jenseits”, die Gastmusiker oder eine gewisse Weltoffenheit?) verbergen sich 11 sehr schöne und leicht meditativ gehaltene Stücke von erheblicher musikalischer Intensität. Wir hören Gitarren- und Lauteninstrumente, eine Gambe, Tabla-Trommeln und manches Geklapper und Gerassel - den singenden Vogel nicht zu vergessen!
Im Zentrum der 56 Minuten langen CD steht Johannes Hieronymus Kapsberger (1580-1651). Er lebte und arbeitete in Italien zu einer Zeit, wo die Lautenmusik in ganz Europa in höchster Blüte stand. In England herrscht das sog. “Elisabethanische Zeitalter” zu Beginn des 17.Jahrhunderts, und auch in Spanien und Frankreich begegnen wir einer reichen Lautenkultur (z.B. Denis Gaultier). Man reiste umher, tauschte Stücke aus, schrieb voneinander ab und testete zahlreiche verschiedene Lautenstimmungen. Baute auch sehr unterschiedliche und exotisch aussehende Lauten. Man komponierte musikalische Motive und hielt sie in Tabulaturschrift fest: allein Kapsberger hat von 1604 bis 1640 vier Tabulaturbände verfasst.
Musikgeschichtlich bewegen wir uns mit Kapsberger im Frühbarock. Die Melodien verlieren gegenüber einem Tilmann Susato der Renaissanceepoche an Ohrwurmqualität. Auch die hierzulande besser bekannten satten Melodien eines Michael Praetorius (1571-1621) oder eines J. Hermann Schein (1586-1630) begegnen uns bei Kapsberger nicht, obwohl er ihr Zeitgenosse ist. Eher schwebende, flüchtige, flächige Motive plätschern da vorüber, viele “gebrochene Akkorde” und - man höre und staune: Turnarounds! Ostinati! Regelmässig wiederkehrende Akkord- oder Tonreihen, die als harmonische Grundlage zum Improvisieren einladen. Frühbarocker Jazz - man nehme sich ein Instrument und spiele einfach zur CD eine weitere sehr persönliche Stimme! Man erlebe diese Musik einfach spielend mit!
Der aus Göttingen stammende Gitarrist und Lautenist Andreas Düker setzt Herrn Kapsbergers Tabulaturen dermassen locker und selbstsicher in leicht meditative Musik um, dass man im ersten Moment glaubt, es wäre Düker-Musik, für die Hieronymus allenfalls ein paar kleine motivische Ideen beisteuert. Andreas arbeitet mit einer Renaissancelaute und einer tief- und metallisch tönenden Chitarrone: einer sehr langen Konstruktion mit doppeltem Wirbelkasten, deren orientalische Herkunft schon optisch offensichtlich ist. Klanglich erinnert sie mit ihren tief schnarrenden Resonanzsaiten durchaus an eine indische Sitar.
Das dritte Stück namens “Colascione” verrät schon eine ganze Menge über die Tradition, in der sich J.H. Kapsberger damals selbst befand, als er seine Werke aufschrieb. Eine Colascione ist nämlich eine langhalsige Laute, die im 16. und 17. Jahrhundert in Italien weit verbreitet war und die typologisch direkt mit der orientalischen Langhalslaute des 14. und 15. Jahrhunderts verwandt ist. Zu dieser Instrumentenfamilie gehören z.B. u.a. die jugoslawische Tambura (von den Türken im 14.Jahrhundert importiert) oder der türkische Saz. Ausserdem die iranischen Lauten Tanbur und Tar. Allen diesen Langhalslauten gemeinsam sind bewegliche Bünde aus Darmmaterial und meist nicht mehr als 3 -4 Saiten. Orient und Balkan sind präsent und wir sehen hier erste Anknüpfungen an die typische YATRA-Tradition!
Damit wären wir bei Bala Prasad, dem indischen Tablaspieler aus Jabalpur, später Göttingen. Ihm kommt im Kapsberger-Projekt leider eine mehr begleitende Rolle zu, was ich schade finde. Denn seine Soloqualitäten sind mir sehr gut und aus nächster Nähe bekannt. Bala Prasad spielt in einer sehr intuitiven Art seine nordindischen Tabla-Trommeln. Er gehört ganz und gar nicht zu jenen Musikern, die mit Tricks und Show trendigen Klischees aufgesessen sind und “meisterhaft brillierend” zu überzeugen (ver-)suchen. Bala Prasad hat es nicht nötig, mit Überzeugungsarbeit seine Zeit zu verschwenden. Denn er ist aufgewachsen mit dem, was er spielt. Qualität genug. Er ist sich seiner Sache absolut sicher. Tablaspielen ist bei ihm vollkommen verinnerlicht und so selbstverständlich und sicher wie sein Autofahren, seine Arbeit als Wissenschaftler oder seine zahlreichen Bemühungen um Völkerverständigung. Seine manchmal vertrakte und immer lebendige Rhythmik inspiriert jeden Musiker spontan.
Man fühlt sich wohl, wenn man mit Bala Prasad spielt. Diese Stimmung einer guten Zusammenarbeit mit Andreas Düker ist dieser CD anzumerken: es herrscht eine sehr gute Kommunikation zwischen beiden Musikern. Das vielbemühte Attribut “authentisch” mag hier wirklich passen.
Über die Gastmusiker Anne Sabin (Gambe) und Tobias Hecker (Barockgitarre) steht leider nichts im Heftchen, sehr schade, denn bei YATRA sollte es eigentlich keine “Gastmusiker” geben: alle reisen doch im selben Abteil, sind da nicht alle gleich? Die beiden “Gäste” vervollkommnen den YATRA - Klang in hohem Maße. Besonders die Gambe ist ein klangliches Erlebnis im Stück namens “Kapsberger”. Vielleicht wird Frau Gambe ja mal richtiges YATRA-Mitglied: es wäre eine Bereicherung!
Die Stücke 2 bis 8 sind allesamt Kapsberger-Kompositionen, während 1,9, 10 und 11 anscheinend auf freie YATRA-Improvisationen zurückzuführen sind: Kapsberger ist also auch irgedwann einmal überwunden zugunsten einer wirklich freien und eigenen Musik (oh, sollte ein Rezensent sich da nicht mehr zurückhalten?!). Eine Erhöhung des YATRA-Anteils auf 50% wäre bei diesem hohen improvisatorischen Potential auch nicht schlecht gewesen. (naja, ...man sollte vielleicht doch nicht die Platten seiner alten Band rezensieren…)
Im Folgenden möchte ich auf die einzelnen Stücke ausführlicher eingehen, da sie sehr viele Anhaltspunkte für das eigene freie Musizieren bieten. Ich könnte es auch so formulieren: wer improvisieren lernen möchte und diese indisch-barocke Musikrichtung mag, sollte sich unbedingt diese CD beschaffen und “dranlangspielen”. YATRA benutzt durchweg abendländisches Tonmaterial (Andreas Düker ist nämlich klassisch ausgebildet), deshalb ist dies möglich. Dies lässt sich mit jedem Instrument machen, soweit es auf a=440Hz gestimmt ist. Und nichts ist geeigneter, als ein Akkordeon (das ja bekanntlich aus der Shrutibox entstand…). Stilvoller wäre ein indisches oder pakistanisches Harmonium: meines (von Bala Prasad direkt aus Dehli importiert) hat sogar den programmierten Grundton Fis als Zugregister.
Ich gebe zwecks praktischer Anwendung detailiert Grundtöne und Akkordfolgen an:
1. Toccata (ex tempore): vermutlich also eine freie YATRA-Improvisation, die im Laufe der Zeit dann und durch stetes Wiederholen zu einem “Stück” geworden ist. Es mutet wirklich orientalisch an, wobei die Shruti-Box dabei eine gewisse Rolle spielen dürfte. Was ist also eine Shruti-Box? (Das zur CD gehörende Heftchen informiert zwar ziemlich ausführlich, doch wünscht man sich hier und da doch mehr Detailinformation…) Eine Shruti-Box ähnelt etwa einem mittelgrossen Buch und ist eine Art indisches Kleinakkordeon, aber ohne Tasten und Knöpfe. Mittels sehr simplen Bälgen wird Druck- und Sogluft erzeugt. Sehr einfach aufgewachste oder festgeschraubte Metallplatten mit durchschlagende Stimmzungen erzeugen einen andauernden und durch nichts unterbrochenen Ton, dessen Höhe und Intensität man mittels sehr einfacher Schieber von Hand vor Beginn des Stückes einstellen muss. Eine Änderung dieser festeingestellten Harmonien ist während des Stückes schwierig und meist nicht notwendig. Hauptsächlich ertönt ein etwas tieferer Grundton. Verschiedene Intervalltöne (z.B. die Quinte) lassen sich zusätzlich einstellen, und durch kleine beabsichtigte Verstimmungen entstehen durch Schwingungsinterferenz Schwebetöne “sphärischer Art”. In der Klassisch-indischen Musik übernimmt diese Rolle der Grund- und Resonanztöne meist die Tambura.-
Im Heftchen vermissen wir eindeutig den Namen und die Nationalität des kleinen Vogels! (DAS TÖNCHEN! bleibt dran…)
Der Grundton dieses Stückes ist Fis und zum Mitspielen eignen sich hervorragend die schwarzen Tasten. Denn es hat einen leicht pentatonischen Charakter.
2. Kapsberger: eine sehr schön kräftige Melodie im 12er-Rhythmus in Fis-Dur. Die Gambe führt rhythmisch ausgesprochen stark und sicher.
Nach kurzer Zeit wird es möglich sein, diese sympathische Ohrwurmmelodie auswendig mitzuspielen.
Töne: fis - gis - ais - h - cis - dis - f.
3. Colascione: Man merkt bei diesem Stück deutlich, dass Herr Kapsberger sich zwischen monodischem, frei improvisierten Melodiematerial der arabischen Welt und streng geregelter abendländischer Metrik bewegt. Um 1600 ordnete man in Frankreich den Gebrauch der Taktstriche an, und man spürt den Druck der metrischen Geregeltheit bis nach Italien…Zu diesem Stück heisst es im CD-Heftchen: “Colascione bricht bewusst mit den Regeln der Musiktheorie durch parallel geführte Intervalle…” Ich möchte dies bezweifeln, denn Quint-Ostinati sind immer schon - wie man an der Konstruktion der Instrumente sieht - für die Volksmusik aller Länder typisch gewesen und sind es bis heute. Sie waren nur der mittelalterlichen (!) Musiktheorie ein Dorn im Auge: angeblich soll die Quint schauerlich geklungen haben, doch für die Geistlichkeit war Volksmusik überhaupt schauerlich…hier und da sogar bis heute.
4. Canario: ist ein überaus energetischer und “schneller” Turnaround. Die möglichen Melodiephrasen bei Improvisation sind sehr kurz und man sollte nicht zuviel “Melodiemöglichkeit” erwarten.
Akkordschema: 3/4 ||: F# / F# / H / C#7 :||
5. Toccata Arpeggiata. Wie der Name schon sagt: hier geht es um “gebrochene Akkorde” oder Akkorde, die in ihre Einzeltöne und zu kurzen Melodiephrasen aufgelöst werden. Dieses schöne Lautenstück, das etwas an Bachsche Musik erinnert, hat sehr komplexe Akkordstrukturen und ist “typisch westlich” und “vertikal” gebaut. Mit wenigen Tönen (simpel gesagt: schwarze Tasten) könnte man sich beteiligen, doch es ist einfach schöner, mal konzentriert zuzuhören. Vielleicht kommt dann die Erkenntnis: die abendländische Tonalität - an die wir nun mal sehr gewöhnt sind - ist auch nicht schlecht. Und die historisch gegebene Vielfalt der Möglichkeiten ist es, was uns letztlich in Hinblick auf heutiges Musizieren bereichert.
6. Sferraina: hier begegnet uns ausgeprägte Ostinatotechnik, die an “walking bass” erinnert. Eine sehr hartnäckiges und suggestiv wirkendes Motiv, das mich in seiner Eindringlichkeit etwas an minimal-music-patterns erinnert. Es läuft im Dreiertakt, wie viele Kapsberger-Stücke.
Akkordschema: 3/4 ||: F#m / F#m C# / H / H C# :|| Tonika F#m.
7. Capona: hat die ostinate Bass-Tonfolge 3/4 ||: F# / F# E / D# / F# C# :||.
Wir finden ausserdem sehr interessante rhythmische Überlagerungen.
8. Piva: hier hört man mal etwas mehr Tabla. Das Stück ist deutlich indisch arrangiert und fungiert laut Heftchentext als Abschluss “des ‘alten’ Teils, mit dem wir Abschied nehmen von Europa und uns auf eine Reise…zu orientalischen und indischen Stimmungen begeben, von denen der junge Hieronymus in Venedig schon geträumt haben mag”. Eine interessante Perspektive. Hatte er nicht noch den Klang der modal tönenden alten Colsascione im Ohr und brach er nicht zu neuen Ufern des barocken Europa auf?
Ich würde nämlich die Geschichte genau anders herum sehen: die alte Musik sind die modalen indischen und orientalischen Skalen, während Kapsberger von ihnen bereits Abschied nimmt und die neue Moll-Dur-Tonalität aufgreift: das höfische Europa ist der neue Markt! Vielleicht gibt es aber auch keine zeitliche Abfolge. Modalität und Tonalität sind vielleicht zwei Äste ein und desselben Baumes, nur der Mensch will gern immer sortieren.
Dieses Stück enthält sehr deutlich die sog. “klassische” I-IV-V-Kadenz mit Tonika F# und ist gradtaktig. Gegen Ende vernehmen wir ostinat gesprochene (sog. “onomatopoetische”) Silben (auch “Bolas” genannt), die in Indien beim Unterrichten des Tablaspiels eingesetzt werden und die Erinnerung an rhythmische Pattern erleichtern sollen. Bala Prasad setzt diese Technik hier allerdings weniger in pädagogischer als vielmehr in künstlerischer Absicht ein: es entsteht lautmalerischer Gesang.
9. Dancing Dervish: Duktus der Melodie und die Skala erinnern mich an die Musik des Irak oder Iran.
Auf dem Grundton F# können wir mit folgendem Tonmaterial improvisatorisch folgen:
fis - g - ais - h - cis - d - e
Die traditionelle Musik auf der Oud: der persischen Laute ist hier nachempfunden. Allerdings hat die Oud keine Bünde und ihr Spieler ist nicht im starren westlichen Tonsystem gefangen. Vielleicht findet Andreas eines Tages mal eine echte Oud: dieses Stück würde damit vermutlich weitaus lebendiger klingen.
10. Road to the Bazaar: ein weiteres YATRA - Stück, diesmal auf Gitarre gespielt. Jetzt sind wir der Klassischen Indischen Musik schon sehr nahe: es gibt ein Tabla -Vorspiel (16-Schläge-Rhythmik), eine Einspielphase für die Gitarre - und immer wieder die mystisch klingende Shruti-Box. Eine vielschichtige Klangmalerei. Die Töne c - d - es - f - g - as - bb - c mit Grundton C bilden die Skala dieser Improvisation: C-Moll könnte man es nennen, aber es wäre nur ein Behelf.
11. Desert Nights: das letzte Stück in einem sehr meditativem Modus. Das Gitarrenstück soll an die Wüstennächte in Rajasthan erinnern - ich stimme dem zu. Wüstenschiffe hört man schreiten und eine Prise Holzfeuerrauch (überall in Indien zu riechen) darf nicht fehlen. Die Skala reizt zum mitspielen: c - cis - dis - f - g - gis - bb - c. Die acht Viertel werden auf 1,4 und 8 betont: eine schiebende Wüstenschiff-Rhythmik entsteht. Betrachtet man den Spannungsverlauf des Stückes insgesamt, so fällt eine langsam sich verdichtende Spannung auf, die nach einigem auf und ab plötzlich explodiert und sich danach im Nichts verliert…Klassische Indische Musik!
Ein besonderer Genuß ist es, nun zu Stück 1 zurückzukehren und der Kreis ist geschlossen. Sehr angenehm sind die fliessenden Übergänge von Stück zu Stück, es gibt kaum eine klangliche Pause. Hier ist auch der Moment, wo ich die klangtechnisch ganz hervorragende Aufnahme einmal würdigen muss (done by Cube-Audio Göttingen, http://www.cubeaudio.de).
Kurz zur Geschichte von YATRA:
Nachdem ich 1980 aus Indien zurückkam, hatte ich einen Kulturschock. Denn keiner machte im Raum Göttingen oder Hannover Musik auf der Strasse, in den Dörfern, am Wasserloch…es war einfach öde in Deutschland - trotz lebendiger Strassenmusikszene.
Da traf ich Bala Prasad eines Tages: ich spielte gerade mein Akkordeon auf dem Göttinger Rathausmarkt, und er bemerkte eine gewisse indische Qualität an meinem Spiel. Wir haben diese Qualität dann gemeinsam in zahlreichen Sessions und Auftritten vertieft: ich spielte meine eigenen grundtonbezogenen Improvisationen, erfand Melodien auf Turnarounds, dazu Folk-, Mittelalter (z.B. das “Maienlied” von Neidhart von Reuenthal) und Renaissancemusik des 16. Jahrhunderts, aber auch Reggae und Blues.
Bala Prasad mochte diese Musik. Nicht nur, dass er mich begleitete: er legte richtig los! Nach guter alter Jazzmanier spielten wir uns gegenseitig freundschaftlich an die Wände! Es klang ein bisschen nach Tri Atma oder A.Branduardi, nach Lilienthal oder Thomas Binkley, dessen Rekonstruktionen alter Musik ich gerade verinnerlicht hatte.
Doch es war in erster Linie unsere eigene Musik und ganz und gar ohne Cover-Absichten. Frühjahr 1988 gründeten wir dann YATRA - der Name hatte auch mit meiner Reiselust zu tun. Wir absolvierten einige Auftritte, produzierten keine Platte (das war damals noch zu teuer), begeisterten einmal auch den Folkclub in Edinburgh und hatten unseren Spass.
Die Kombination von Akkordeon und Tabla war damals in Mitteleuropa ziemlich unüblich. Von Weltmusik war weit und breit noch nichts zu hören und kein Folkmusiker - ausser vielleicht Klaus der Geiger - wagte sonst, ausschliesslich(!) zu improvisieren! Das Akkordeon steckte zumeist noch tief im Seemannssumpf.
Interkulturelle YATRA-Projekte folgten, z.B. mit dem kurdischen Musiker Servan oder im Rahmen von “Concert for Tibet” 1993.
YATRA bedeutet “auf der Reise sein”: Mitte der 90iger Jahre reiste ich ab Richtung Norden und Andreas Düker füllte die Lücke. Seine Musik ist ähnlich wie meine eine Mischung aus werkorientierter “Alter Musik” und Eigenem: YATRA - Tradition halt. Es macht Spass, wenn ein liebgewordenes Projekt, mit dem ich mich noch immer identifiziere und aus dem ich einige Lebensfreude bezog, von weitaus jüngeren Musikern fortgesetzt wird - und dies ganz in meinem Sinne!
So hoffe ich auf eine weitere CD bzw. einige Live-Konzerte mit wirklich eigenen YATRA-Improvisationen auf Turnaround-Basis oder rein grundtonbezogener Musik. “Tonale” und “modale” Musik gehen eine echte Fusion ein und der Eigenanteil, das sehr Persönliche in der YATRA-Musik sorgen für eine Belebung der Tradition.
Es darf (will man Tradition lebendig halten) nicht allein bei der Rückbesinnung auf “alte” Stile, “alte” Werke bleiben. Nach vorn und nach Innen sollte man blicken und sich nicht von Marktschreiern (bzw. Höflingen) beirren lassen, die meist ja aus Gründen der Gewinnmaximierung die gängigen Musikstile ansagen. Das war damals fast noch schlimmer als heute.
Man merkt: Kapsberger ist ein immer noch lebendiger Folk-Jazzer, der damals glücklicherweise seine Stückebücher veröffentlicht bekam. Glück gehabt: heute spielt er bei YATRA mit! Und sowas nenne ich wirklich “Weltmusik” - and that may be is “the beyond”!
Wir hoffen, diese hervorragende Band bald im Kieler Kulturforum zu sehen und wünschen ihr viel Erfolg!
Homepage: http://www.lutenist.de