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Montag, 5. Februar 2007

Die Bronzetasse von Dohnsen - Zeugnis multikultureller Ausrichtung bronzezeitlicher Gesellschaften

Zum Umgang mit vor- und frühgeschichtlichen Befunden im SPIEGEL

Anlässig des untenstehenden Kommentars von Martin Marheinecke und meiner ebenfalls unten stehenden Entgegnung darauf kann ich es mir nicht verkneifen, jenen Leserbrief an den SPIEGEL im TÖNCHEN! zu veröffentlichen, den ich seinerzeit im November 2006 auf einen sehr oberflächlich recherchierten Artikel mit archäologischer Thematik hin geschrieben habe. Dieser Leserbrief wurde im SPIEGEL weder als Leserbrief abgedruckt, noch von der zuständigen Redaktion beantwortet. - Aus meinem Brief geht - ohne dass der entsprechende SPIEGEL-Artikel nun hier vorliegen muss - eindeutig hervor, wie oberflächlich selbst in der Presse höheren Niveaus mit archäologischen Befunden umgegangen wird…und letztlich so auch falsche und überalterte Vorstellungen über Germanen immer wieder Futter finden, ohne dass es viele merken. Noch nicht einmal Herr Aust! ...der Herausgeber des SPIEGEL, dem man eigentlich mehr Verantwortungsbewusstsein zutrauen dürfte und eine grössere Fähigkeit zur Vorausschau, was die gesellschaftsrelevante Wirksamkeit subtiler Formulierungen betrifft. Das kleine Wort “Urgermanen” enthält sehr viel Sprengstoff und kann letztlich auch als Wegbereiter für rechtsextremes bzw. nationalsozialistisches Gedankengut fungieren. Man sollte sich dessen immer bewusst sein, wenn man als Journalist Artikel über die Ur- und Frühgeschichte Norddeutschlands oder Mitteleuropas schreibt.

Hier nun mein Leserbrief:

Leserbrief zu “Göttertränen im Watt” DER SPIEGEL 49/2006, S. 160 ff.

Guten Tag, verehrte SPIEGEL-Redaktion! Guten Tag lieber Herr Schulz! Sehr geehrter Herr Aust!

Ihr Archäologie-Autor Mathias Schulz hat da mal wieder einen spektakulären Artikel gelandet. Das kennen wir ja schon: seinerzeit hat er in seinem Artikel über die Bronzescheibe von Nebra ebenfalls alles durcheinandergeworfen. Facit diesmal: die Bodendenkmalpflege ist doof und Herr Duerr ist schlau. So simpel ist das nun nicht!

Beispiel: die Bronzetasse von Dohnsen (die ich aus eigener Anschauung sehr gut kenne). Herr Schulz redet Quatsch wenn er behauptet, dass damals der Wert dieser eindeutig als Importgut aus dem kretisch-mykenischen Kulturbereich stammenden Schale nicht erkannt worden sei. Herr Schulz möge bitte den entsprechenden Aufsatz von E. Sprockhoff lesen (“Eine mykenische Bronzetasse von Dohnsen, Kreis Celle”, Berlin 1961, GERMANIA Jg.39). Und dann sollte er uns über die spannenden “Coups” berichten, die unsere Bodendenkmalpflege mit unserem wissenschaftlichen Fachpersonal seit geraumer Zeit und tagtäglich zu bieten hat! Was wir brauchen ist guter Wissenschaftsjournalismus, aber keine Effekthascherei!

Welch grossartiger Beleg für Fernhandel die Bronzeschale aus Dohnsen schon damals war, und welche Bedeutung sie für die Urgeschichtsforschung nach dem Kriege hatte sagt Archäologe Sprockhoff eindeutig: “Eine originale Bronzetasse kretisch-mykenischer Herkunft aus einer dürftigen Kiesgrube in der Lüneburger Heide kommt auf diese schlichte Art zu unserer Kenntnis. Welche Kostbarkeit in unseren Landen, möchte man sagen, aber darin liegt die Bedeutung nicht, sondern in dem historischen Ausblick, der sich durch diesen unerhofften Fund eröffnet….eine Tatsache steht nunmehr fundmässig fest: Kreta-Mykene und das Gebiet der Lüneburger Heide haben voneinander gewusst…zwischen beiden ist eine substantielle Bewegung hin- und hergegangen.” Sprich: es gab Fernhandel und der wurde klar erkannt.

Sprockhoff festigt diese Erkenntnis noch mit einer “hochgehenkelten Schale” aus der Oldendorfer Steinkammer: “Auch sie ließ aufhorchen, denn sie kündete von unmittelbaren Beziehungen zwischen dem ägäischen Kreis im weiteren Sinne und dem niedersächsischen Heidegebiet.”

So einfach ist das: Herr Schulz sollte besser mal Originalliteratur populärwissenschaftlich aufarbeiten. Zusammen mit seiner erfrischenden Schreibe wäre das eine tolle Kombination. Und: aufs Wesentliche fokussieren!

Und noch was, Herr Schulz: es gibt und gab keine “Urgermanen”, denn das Amt Rosenberg gibt es auch nicht mehr! Wir sollten doch sachlich bleiben und nicht den braunen Brei beschwören, Herr Schulz! Dieses Thema ist einfach zu heiss - bei allem Verständnis für Ihren humorigen Stil. Schon damals hatten Sie in Ihrem Artikel über die Bronzescheibe von Nebra zu tief in die Mottenkiste der gleichgeschalteten Ur- und Frühgeschichte gegriffen: ich hatte das Herrn Aust seinerzeit lang und breit in einem kritischen Leserbrief auseinandergesetzt, den Sie hoffentlich zu lesen bekamen! Und heute ist diese Scheibe für die Nazi-Szene von grosser Bedeutung und prangt als Buchbesprechung auf Jürgen Riegers Asatru-Website. Guck mal an! - Nee danke!

Mit freundlichen Grüssen,

Martin Rzeszut

Schlussbemerkung: jener seinerzeit an SPIEGEL - Herausgeber und Chefredakteur Stefan Aust geschickte kritische Leserbrief über die Berichterstattung zur Bronzescheibe von Nebra umfasste zahlreiche Seiten und enthielt sehr ins Detail gehende, fachlich fundierte Kommentare. Bis heute kam nicht einmal die Bestätigung vom SPIEGEL bzw. Herrn Aust, dass dieser Brief angekommen sei oder gar gelesen wurde. Geschweige denn eine klare Antwort, und wenn sie noch so kurz gewesen wäre. Ich hatte daraufhin die regelmässige Lektüre des SPIEGELs erst einmal beendet, obwohl ich SPIEGEL-Leser in der dritten Generation war. Aber wenn eine Redaktion es unter ihrer Würde hält, sich mit Kritik und Anregungen bzw. Verbesserungsvorschlägen ihrer Leser zu befassen, habe ich wenig Verständnis. Unter Rudolf Augstein war das anders beim SPIEGEL, da gab es noch eine Art “SPIEGEL-Community”.....lang ist’s her.

Geschrieben von Martin Rzeszut am 5. Februar 2007 um 23:30 Uhr
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Danke für den Kommentar, Martin Marheinecke!

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