Montag, 7. März 2011
“Deutsche Leitkultur” und der unausgeprägte Islam
...mein närrischer Beitrag zum Rosenmontag
Hatte man nach der letzten Attacke auf Zuwanderer im Oktober letzten Jahres (“Integrationsunwillige”) gehofft, dieser dümmliche Begriff “Deutsche Leitkultur” würde jetzt endlich einmal verschwinden, sah man sich unversehens eines anderen belehrt: der frisch gebackene Innenminister Hans-Peter Friedrich benutzte diesen schwammigen Unbegriff flux für einen kleinen - ?...nein: für einen großen - Hieb gegen den Islam. Dass er diesen in seiner Antrittsrede ausführte, erhöht die Brisanz.
Mit sichtlichem Wohlbehagen äusserte Friedrich in seiner Antrittsrede, dass er den Islam nicht als Teil Deutschlands sehen will. Ein paar Sätze nach dieser Bemerkung bemühte er die “Deutsche Leitkultur” und deren christlich-abendländische Wurzeln. Als Opposition und Islam-Verbände sich über diese Sichtweise empörten, lenkte Friedrich ein: Immerhin will er “den Dialog mit den Muslimen voranbringen” [zitiert nach Tagesschau, 7.3.11]
Ich meine: es reicht nun! Nachdem wir dieser Regierung also abnehmen sollten, dass das Zusammenkopieren von Doktorarbeiten ohne Quellennennungen durchaus Teil unserer Deutschen Leitkultur wäre (wie sonst bitte darf man sich die beschönigende Haltung unserer und schliesslich selbst promovierten Bundeskanzlerin im Fall Guttenberg wohl erklären?) sollen wir im Lande der christlichen Kirchenaustrittler wohl jetzt auch noch so tun, als ob es Koran-Gläubige bei uns nicht gäbe….? Wohl auch alles “Plagiate”, was?...Helau! Helau!
Es macht für mich keinen Sinn, gegenwärtig deutlich fühlbare Spannungen zum Thema “Religionen” in Politik und Gesellschaft argumentativ auf ein frühgeschichtliches Wurzel-Niveau zu verlegen. Jetzt ist jetzt. Heute ist heute. Ausserdem sollte Politik und Gesellschaft alles daransetzen, besonders jetzt die Stimmung gegen “fremde Religionen” nicht anzuheizen. Das Schlimmste, was aus solchen Provokationen uns allen erwachsen kann, sind Religionskämpfe und damit riskieren wir bürgerkriegsähnliche Zustände, von denen die Geschichte unseres Abendlandes voll genug ist.
Aus eigener Erfahrung weiss ich, wie eine solche Rhetorik aus friedlichen Mitbürgern ängstliche macht, die schon beim Anblick von Minaretten in unmittelbarer Nachbarschaft Unwohlsein empfinden. Erfolgreiche Integrationspolitik sollte sich durch das Abbauen von Ängsten auf allen Seiten auszeichnen. Und nicht durch das Hochreden von künstlichen Unterschieden. Schliesslich glauben alle religiös empfindenden Menschen auf dieser Welt an den einen Gott. Sogar die Atheisten setzen sich mit diesem einen Gott immer wieder gern auseinander.
Vielleicht sollte man sich mal um ganz andere “Wurzeln” bemühen: friedvolles Miteinander verschiedenster Religionen über Jahrhunderte. Das sind Tatsachen, die jeder Historiker kennt und die auch Politik und Gesellschaft nicht ignorieren sollten. Und Kultur als solche war und ist immer interreligiös geprägt. Nirgendwo gibt es jene scharfen Grenzen, die plötzlich beschworen werden. Die gab es bei uns immer nur als Hinweis auf verstärkt einsetzenden Nationalismus. Deshalb kann ich nur sagen: wehret den Anfängen!
Der Islam hat sehr wohl Europa geprägt und prägt es bis heute. Wenn dann Unionfraktionschef Kauder nachsetzt und bestreitet, dass “der Islam prägend für unsere Gesellschaft” sei [Tagesschau 7.3.11], so sollte er sich einmal darüber Gedanken machen, warum jede Zahl, die er schreibt, arabischen Ursprungs ist. Vom 8. bis mindestens zum 16. Jahrhundert waren z.B. islamische Wissenschaftler in praktisch allen Disziplinen besonders prägend für die europäische oder abendländische Wissenschaft. Man kann durchaus sagen, dass z.B. die frühen Erfolge unserer Medizin ohne islam-gläubige Wissenschaftler garnicht oder erst vielleicht sehr viel später möglich gewesen wären.
Es gab Jahrhunderte, in denen Morgen- und Abendland sich kulturell und gesellschaftlich hervorragend ergänzt haben. Tatsache ist, dass dies auch heute noch so ist. Insofern verwundert und ärgert es mich geradezu, dass man heute und besonders in Kreisen der CSU all diese belegbaren Tatsachen frech ignoriert und nach dem Motto: “Wer anders ist, fliegt raus!” Stimmung gegen Minderheiten sich zu machen traut. Beängstigend auch, dass große Bevölkerungsteile in diesem meinem Lande diese Aus-Sortierung nach Religionszugehörigkeit stützen. Das ist in meinen Augen nicht mehr mit unserem Grundgesetz und unserer hart erarbeiteten demokratischen Grundordnung vereinbar.
Ausserdem: diese Kultur, der ich seit 57 jahren gerne angehöre und gern auch weiterhin angehören möchte ist auch weiterhin von Weltoffenheit und Toleranz geprägt, verdammte Kiste! Ich brauche unsere Zuwanderer, weil die mein kulturelles Leben bereichern und mein Leben angenehm machen. Ich möchte ohne die nahöstliche und fernöstliche Gastfreundschaft und menschliche Nähe nicht leben. Ich pädiere immer noch für das Sein und gegen das Haben und finde diese Werte leider immer weniger bei meinen eigenen Landsleuten, wohl aber bei Migranten und meinen Freunden aus aller Welt. Nur mit internationaler Hilfe können wir die wirtschaftliche Verwahrlosung dieser Republik abmildern und dem Niedergang des Sozialstaates mittels einer von aussen angeregten Neuorientierung in Sachen “gemeinschaftliches Handeln”,“Gemeinwohl”, “Daseinsvorsorge” und “miteinander teilen” begegnen. Je mehr unsere Kultur, unsere Wirtschaft, unsere Sozial-Gesellschaft vom Unterschied zwischen arm und reich geprägt wird, desto wichtiger ist die Zuwanderung von Menschen aus Gebieten, in denen Werte wie Gemeinwohl und Solidarität selbstverständlicher als bei uns sind.
Aber Reichtum macht offensichtlich blind: Ende Oktober letzten Jahres sagte Horst Seehofer (bzw. postulierte die CSU), die BRD sei “kein klassisches Zuwandererland”. Integration hiesse nicht “nebeneinander sondern miteinander leben”. “Hochqualifizierte Zuwanderer” seien sogar erwünscht. [Zitate nach Tagesschau 30.10.11]
Widersprüche über Widersprüche: kein Land dieser Erde sollte die Zuwanderung von Menschen vom Geldbeutel und von irgendeiner Qualifikation abhängig machen. Qualifikation ist nicht das höchste Gut des Menschen und ausserdem kann man Qualifikation viel besser hierzulande erwerben (was man zweifelsohne fördern sollte), denn Qualifikation ist immer relativ und hängt sehr von zufälligen Trends und von laufend im Wandel befindlichen Normen ab.
Man denke einmal an die vielen Flüchtlinge, die nach 1945 in die Bundesrepublik strömten. Hat man die auch nach Qualifikation sortiert? Nein, man war froh um jeden Menschen, der unsere kaputte Wirtschaft neu aufbauen half. Gerade der Zweite Weltkrieg hat jede Menge armer, geschädigter oder kriegstraumatisierte Menschen in unsere Bundesländer verschlagen und man fragte nicht nach Religion, ethnischer Zugehörigkeit oder Staatsbürgerschaft, man praktizierte ganz einfach das Zusammenleben ohne viel Diskutiererei und Ängste. Mit der gleichen Selbstverständlichkeit verliessen Millionen von Menschen Mitteleuropa, um sich etwa in den USA oder Australien als Ausgewanderte niederzulassen.
Natürlich sind wir ein “klassisches Zuwandererland”, genauso wie wir ein klassisches Auswanderungsland sind! Man braucht doch nur an die vielen Holländer zu denken, die im 17. und 18.Jahrhundert norddeutsche Sumpfgebiete trockenlegten und in Städten wie Glücksstadt und Friedrichsstadt heimisch wurden - trotz unterschiedlichster Religionszugehörigkeiten übrigens. Wieviele Auswanderer aus Polen haben den Kohlenpott besiedelt und waren dort herzlich willkommen. Wie gut erinnere ich die sog. “Gastarbeiter”, die Anfang der 60iger Jahre in mein Blickfeld kamen: nette bescheidene und freundliche Menschen aus Griechenland, Spanien, Italien, die äusserst minimalistisch zu leben wussten und gewaltig ranklotzten. Man freute sich damals dermaßen über “Gastarbeiter” (denen man ja auch schliesslich nicht so viel zahlen “musste” wie Einheimischen), dass man dem Einmillionsten 1964 ein Moped schenkte und sich freute, wenn sie bei uns sesshaft wurden. Für sie gab es im NDR Sendungen in italienischer, griechischer und spanischer Sprache. Herr Kauder und Herr Seehofer sind beide sogar noch 5 Jahre älter als ich und müssten sich noch besser daran erinnern können als ich.
Wie soll denn das von der CSU beabsichtigte und durchaus lobenswerte “Miteinander leben” umgesetzt werden, wenn es diesen unsinnigen Leitkultur-Anspruch gibt, der das “Deutschsein” definieren soll und das Miteinander wieder in Frage stellt? Sollen Islamgläubige denn den christlichen Glauben annehmen? Ist der viel beschworene christliche Glaube denn bei uns überhaupt noch gesellschaftsprägend oder ist es nicht inzwischen die Bank? Gehören zur sog. “Deutschen Leitkultur” nicht eher Heilige wie Ackermann, Nonnenmacher oder Siemens und bestimmt statt PAX (-Christi) nicht vielmehr der DAX unsere Kategorien des Denkens und Handelns?
Ist mit Seehofers “Miteinander leben” eventuell “miteinander wirtschaften” gemeint? Mit anderen Worten: Integration von Migranten lohne sich nur, wenn die Kasse stimmt? Was ist mit menschlichen und kulturellen Qualitäten, die unser Land braucht? Was besagt denn diese sog. “Deutsche Leitkultur” wirklich?
Gar nichts. Ich bin der Sache mal auf den Grund gegangen. Und rein zufällig: das ist mein närrischer Beitrag zum heutigen Rosenmontag…
Ende letzten Jahres wollte ich mehr über die “Deutsche Leitkultur” wissen: was ist denn das Typische an ihr? Was sind denn bitte genau die Inhalte dieser Leitkultur, die ich - so z.B. als Lehrer, der Migranten unterrichten möchte - vermitteln soll. Gibt es vielleicht ein Heftchen, herausgegeben von der Bundesregierung, das ich mit meinen Schülern durcharbeiten kann…so in etwa wie die Heftchen, die man als Fahrschüler bekommt, wenn man Autofahren lernt….? Schliesslich wurde mir ja auch als Volksschüler im Jahre 1964 ein schwarzes Büchlein mit dem Titel: “Die SBZ von A bis Z” in die Hand gedrückt und die fragwürdigen Inhalte abgefragt…na ja, Zynismus beiseite. Und meinetwegen: naiv!
Ich schrieb im Dez. 2010 verschiedene Informationsdienste der Bundesregierung an, nach dem ich auf den entsprechenden Websites vergebens nach dem Stichwort “Leitkultur” gesucht hatte. Ich fand weder Definitionen noch Literatur darüber.
Ich stellte der Bundeszentrale für politische Bildung - die es ja eigentlich wissen sollte - genau diese einfache und scheinbar naive Frage: “Einmal kann ich das nicht verstehen [dass ich auf der betreffenden Website keine Hinweise auf “Leitkultur” oder “Deutsche Leitkultur” gefunden habe], da ja die Termini “Leitkultur” oder “Deutsche Leitkultur” in aller Munde sind und nach Aussagen der Bundeskanzlerin ja auch eine tragende Rolle bei Integrationsmaßnahmen spielen sollen. Wie aber soll ich als Pädagoge nach den Richtlinien einer “Deutschen Leitkultur” unterrichten, wenn ich die Inhalte garnicht vorliegen habe?”
Von der Bundeszentrale für politische Bildung - Referat Haushalt/Vertrieb in Bonn hiess es freundlich: “Vielleicht wenden Sie sich an das Bundeskanzleramt, wir haben leider keine Literatur.”
Dem Rat folgte ich doch sogleich und schrieb nun etwas ausführlicher an das Bundeskanzleramt:
“Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin!
Ich war gerade auf der Website der Bundeszentrale für politische Bildung und habe dort einmal “Leitkultur” in die Suchmaschine eingegeben, doch zu meinem großen Erstaunen “keinen Treffer” erzielt. Auch die Durchsicht der bpb-Literaturliste ergab zu diesem Thema keinen Titel, den ich dort bestellen könnte.
Ich kann das nicht verstehen, da ja die Termini “Leitkultur” oder “Deutsche Leitkultur” in aller Munde sind und nach Ihren Aussagen ja auch eine tragende Rolle bei Integrationsmaßnahmen spielen sollen. Wie aber soll ich als Pädagoge nach den Richtlinien einer “Deutschen Leitkultur” unterrichten, wenn ich die entsprechenden Inhalte garnicht vorliegen habe? Die üblichen Rahmenrichtlinien für den Unterricht an bundesdeutschen Schulen enthalten diese Termini m.W. jedenfalls nicht.
Besonders “integrationsunwillige” ausländische Mitbürger darf man angesichts dieser Tatsache dann doch auch nicht zum Befolgen der “Deutschen Leitkultur” nötigen, wenn deren Inhalte noch nicht einmal bei der Bundeszentrale für politische Bildung in geschriebener (und damit in allgemein verbindlicher Form) vorliegen?
Ich meine auch: ein Begriff ohne klar definierte Inhalte darf man angesichts dieser Sachlage in politischen Debatten (wo es z.B. um Integration geht) erst garnicht als Argument verwenden. Was sollen denn unsere zu integrierenden ausländischen Mitbürger von uns halten, wenn wir selbst nicht einmal wissen, was wir unter “Deutscher Leitkultur” eigentlich genau zu verstehen haben sollen?
Meine Anfrage an die CSU in dieser Sache blieb übrigens bis heute ohne Antwort….
Mit bitte um Aufklärung und umfassende Information in Sachen “Deutsche Leitkultur” und schon jetzt vielen Dank für Ihre Antwort, mit freundlichen Grüssen, Martin Rzeszut, Kiel”
Die Antwort: ”...Leider ist es wegen der Vielzahl der an Frau Dr. Merkel gerichteten E-Mails und Schreiben nicht möglich, Ihnen individuell zu antworten. Ich würde mich freuen, wenn Sie dafür Verständnis haben….”...na ja, was bleibt mir anderes üblich…und im Kanzleramt hatten sie wohl auch alle Urlaub…
Man verwies mich allerdings freundlich an die Bundeszentrale für politische Bildung [ach nä...da warste doch schon vorher..wat?...d.Sätzer] und an das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) weiter.
Schade, dass Frau Dr. Merkel keine Zeit für Leitkulturfragen hat: sind diese ihr doch so wichtig…aber auch irgendwie wieder verständlich und vielleicht stand ja auch wieder die Geburtstagsfeier von Herrn Ackermann im Kanzleramt an….da hat man für solche Nebensächlichkeiten auch wirklich keine Zeit.
Sehr positiv war das Echo auf meine Frage aus dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), wo eine Mitarbeiterin der Bibliothek (Information und Ausleihe) sich rührend Mühe gab, mir etwa 10 Quellen zu nennen, darunter Wikipedia. Sie schrieb: “Leider kann auch ich Ihnen nicht erschöpfend zu diesem weitreichenden Thema Auskunft geben.” Und: “Hätte das BMBF zu diesem Thema [Leitkultur - M.R.] eine eigene Veröffentlichung anzubieten, wäre diese natürlich als erste aufgelistet worden. Leider ist dem aber nicht so; zu diesem Thema gibt es keinen Forschungs- oder Förderschwerpunkt.” [HELAU! d.Setzer]
Es liegt also die Annahme nahe, dass der Begriff “Leitkultur” zur zeit wissenschaftlich nicht aufgearbeitet wird. Das verwundert, handelt es sich doch um einen relativ neuen Begriff mit großer Tragweite, der seinerzeit vom Göttinger Prof. Bassam Tibi durchaus als wissenschaftlich fundiert geprägt wurde. Schaut man sich Tibis Definition aber genau an, so kann seine “Leitkultur” mit der von Seehofer und Friedrich nicht viel gemein haben: denn: “Die Werte für die erwünschte Leitkultur müssen der kulturellen Moderne entspringen….” [zitiert nach Wikipedia http://de.wikipedia.org/wiki/Leitkultur, 7.3.2011 bzw. nach Bassam Tibi: Europa ohne Identität? Die Krise der multikulturellen Gesellschaft. btb. 2000. S. 154]
In der “kulturellen Moderne” ist jedoch der Islam sowie jede andere Religionsrichtung für uns nachweislich prägend, präsent und durch das Grundgesetz übrigens auch geschützt…ja, wirklich, manche vergessen das einfach.
Wir sehen also auch hier (und nicht erst seit dem Fall Guttenberg): wissenschaftliche Präzision ist nicht gerade die Stärke dieser Bundesregierung. Wahrscheinlich schrieb man über “Leitkultur” gute 10 Jahre lang voneinander eifrig ab - das macht ja nichts - und schon hat man wie beim Spiel “Die stille Post” einen ganz anderen Begriff, mit dem sich trefflich argumentieren lässt, weil er ja so perfekt und wissenschaftlich klingt. [tätäh…tätäh…tätääääh! d.Sätz.]
Das alles ließ mir nun keine Ruhe und ich wollte es nun wirklich wissen: was zum Teufel ist die “Deutsche Leitkultur” nun wirklich???
In letzter Verzweifelung wandte ich mich an die CDU in Berlin. Aus dem Konrad-Adenauer-Haus half mir der Bürgerservice der CDU Bundesgeschäftsstelle umgehend weiter und empfahl mir die Lektüre des CDU-Grundsatzprogramms und unter “Die Politik der CDU von A-Z auf einen Blick” [ehäm…der Sbzätzer] auf der Website ”...können Sie sich über unsere Wertevorstellungen informieren.” - Sorry…unter L finde ich leider nicht “Leitkultur”...aber das macht ja nichts und das mag ja auch an mir liegen ...“Hochqualifizierte Zuwanderer” werden das schon finden…
Ich antwortete folgendes:
“Sehr geehrter Herr Pautz,
Danke für Ihre Hinweise und ich freue mich, dass Sie mir wenigstens etwas weiterhelfen konnten…wenn auch nicht so, dass ich z.B. nun eine Broschüre in der Hand halte, deren Inhalte ich morgen früh um 9.00 meinen integrationswilligen ausländischen Schülern im Unterricht vermitteln könnte oder die ich in meiner Klasse als Lernstoff verteilen könnte….denn manchmal ist das Leben simpler, als man denkt. In diesem Sinne: bitte haben Sie Verständnis für noch etwas Kritik zum Thema von meiner Seite.
Leider kann ich dem Grundsatzprogramm der CDU nur entnehmen, dass Leitkultur notwendig sei. Unter den Punkten 36. und 37. finde ich beim besten Willen jedoch keine Inhalte, die den Begriff “Leitkultur” wirklich mit Leben füllen könnten, denn “Gemeinsamkeiten” und “Besonderheiten der Geschichte”, “föderale und konfessionelle Traditionen” und ein “besonderes Verhältnis zwischen Staat und Kirche” finden sich in so einigen europäischen Ländern. Das sind keine spezifisch deutschen Phänomene. Diese Sachverhalte sind Migranten ja auch aus ihren eigenen Ländern bekannt. Eine historische Verantwortung aus der Tatsache, das wir zwei totalitäre Regime hatten ist allerdings schon eine sehr lehrreiche Tatsache, die man Migranten natürlich unterrichtlich vermitteln muss. Da diese ja sehr oft selbst aus Ländern mit totalitären Regimen zu uns kommen, sind diese Inhalte auch für diese Menschen ja eigentlich nicht gerade “typisch deutsch” oder neu.
Auch eine “europäisch geprägte Kultur” bei uns versteht sich von selbst und bedarf keiner besonderen und zusätzlichen Spezifizierung durch den besonderen Begriff “Deutsche Leitkultur”.
Unter Punkt 57. lese ich, dass kulturelle Identität stärkt und Sicherheit bietet. Sehr gut! “Wenn wir uns dessen versichern was uns leitet, dann gewinnen wir inneren Halt, um Freiheit in Verantwortung wahrnehmen zu können.” Auch gut. Doch jeder Einwanderer kennt das selbst und empfindet den Verlust seiner eigenen kulturellen Identität in unserem Land als schmerzlich. Was darf ich ihm allerdings in dieser Situation als Inhalte(!) deutscher Leitkultur anbieten, damit er sich bei uns zu Hause fühlen kann?
Darüber finde ich in diesem Text nichts. Aber genau danach frage ich: nach konkreten Inhalten!
Den “Wertevorstellungen” - deren Lektüre Sie mir empfehlen - kann ich den Begriff “Leitkultur” auch nicht wirklich entnehmen: er müsste ja unter dem Buchstaben L aufgeführt sein.
Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: mir geht es hier nicht nur um den Wunsch nach politischer Verlässlichkeit vielleicht zu eilig postulierter Thesen aus Regierungskreisen. Mir geht es um konkrete Inhalte, die ich pädagogisch wertschätzend und nachhaltig meinen Schülern mit Migrationshintergrund vermitteln kann, um sie schliesslich besser integrieren zu können und um ihnen letztlich das Leben hier zu erleichtern. Wenn ich aus Kreisen Ihrer Partei höre und lese, Integration wäre kein großes Problem, wir hätten ja schliesslich die deutsche Leitkultur, dann brauche ich Fakten und keine Eckpunkte oder ein Rahmenprogramm.
Meine Schüler und Schülerinnen mit Migrationshintergrund haben doch einen Anspruch darauf, entsprechenden Lernstoff nicht nur zu verinnerlichen sondern als erfolgreich integrierte Mitbürger nun doch auch ihrerseits weiterzugeben, etwa in dem Sinne: die deutsche Leitkultur hat konkret die und die Inhalte, man muss die und die kulturellen Fähigkeiten erlernen, man muss diese und jene kulturellen und meinetwegen “typisch deutschen” Fakten kennen, dann gehört man zur Gemeinschaft deutscher Mitbürger und Mitbürgerinnen und ist “eingegliedert”. Was fehlt ist doch ein konkreter Themenkatalog mit lehrfähigen Inhalten, nicht wahr?
Sollte ich da nicht fündig werden, muss ich Ihnen leider sagen, dass die Sache mit der “Deutschen Leitkultur” beim besten Willen nicht funktioniert - mangels konkreten und lehrbaren Inhalten!
Man sollte aber mit einem inhaltslosen Begriff keine Politik machen und man sollte vor allem nicht Migranten und Migrantinnen gegenüber mit diesem Begriff arbeiten, wenn er noch nicht einmal von deutschen Mitbürgern und Verantwortungsträgern mit konkreten Inhalten gefüllt werden kann. Informationsdienste der Bundesregierung nennen mir soeben Hunderte von Quellen zur Diskussion des Begriffes “Deutsche Leitkultur”, doch eine simple Auflistung von lern- und abfragbarem Grundwissen zu diesem Thema scheint es garnicht zu geben. Genau das aber fordere ich nun ein, weil ich Migranten ausbilden und den Integrationsprozesse meiner ausländischen Mitbürger beschleunigen möchte. Ich sehe nicht ein, dass man diese als “Integrationsverweigerer” beschimpft und ihnen eine “Deutsche Leitkultur” aufdrängt, die niemals formuliert oder schriftlich fixiert wurde und die die Wortführer, die locker mit dem Begriff “Integrationsverweigerer” arbeiten, mir merkwürdigerweise auch nicht erklären können. Ich meine, man sollte doch schon die Werte konkretisieren können, mit denen man argumentiert. Sonst wirkt man doch nicht überzeugend, oder? Ausserdem ist das ungerecht gegenüber lernwilligen Migranten, die ungläubig den Kopf schütteln und sich lieber nach den Werten und Inhalten ihrer eigenen althergebrachten Kultur (in der sie aufgewachsen sind) verhalten. Natürlich: orientalische Freundlichkeit und Geduld kompensiert schliesslich auch deutsche Unwissenheit und Orientierungslosigkeit…..alles schon erlebt!
Vielleicht haben Sie da noch weiterführende Ideen, ich würde mich sehr freuen. Ansonsten wende ich mich an die Kultusministerien unserer Länder bzw. mit Sicherheit noch einmal an Frau Dr. Merkel. Wenigstens sie in diesem Land müsste mir doch konkret die Inhalte von Deutscher Leitkultur nennen können. Leider hat sie - wie man mir aus dem Bundeskanzleramt schrieb - wenig Zeit, Anfragen zu beantworten. Das ist sehr schade und passt ganz und gar nicht zu der Hektik, mit der man hierzulande Menschen mit Migrationshintergrund auf die “Deutsche Leitkultur” verpflichtet. Das ist ein echter Schildbürgerstreich, meine ich! Wie stehen wir denn nun vor den lernbegeisterten Migranten da, wenn selbst die Regierungspartei nicht genau formulieren kann, was sie unter “Deutscher Leitkultur” denn für Inhalte zu verstehen gedenkt.
Wie Sie selber sehen, war ihre Hilfe - wirklich nett gemeint - leider nicht ausreichend. Vielleicht fällt Ihnen ja noch mehr zum Thema ein? Ich würde mich freuen!
Für evtl. weitere Hilfe Ihrerseits zum Thema bedanke ich mich schon freundlich im voraus.
Mit freundlichen Grüssen, Martin Rzeszut”
Daraufhin erreichte mich folgende nette Mail aus dem Berliner K.-A.-Haus:
“Sehr geehrter Herr Rzeszut,
vielen Dank für Ihre Rückantwort. Sie dürfen den Begriff deutsche Leitkultur nicht wörtlich auslegen.[ach, guck ma an, ne?...da guck ma an!!...echt!..d.Sätzer] Es ist vielmehr ein Wertekonsens, welcher sich durch viele Komponenten zusammensetzt. Er beschreibt die Werte, nach welchen wir zusammenleben wollen. Einige Werte leiten sich durch die christlich-abendländische-Kultur ab, andere durch unser Grundgesetz sowie die übrige Gesetzgebung. Daraus ergeben sich Regeln für Einwanderung und Integration. Dazu gehören zum Beispiel Toleranz, Gleichberechtigung von Mann und Frau, unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung (Verfassung) zu achten und der gegenseitige Respekt der Menschen untereinander.
Beste Grüße aus dem Konrad-Adenauer-Haus! Roger Pautz
Team Bürgerservice der CDU Bundesgeschäftsstelle.”
Ich meine, Herr Pautz hat sich grösste Mühe gegeben, die Informationsleere sinnvoll auszufüllen und ich danke ihm herzlich für seinen Stossseufzer: “Sie dürfen den Begriff deutsche Leitkultur nicht wörtlich auslegen”. Ich finde das wirklich und aufrichtig nett…und das was er schreibt trifft sicherlich auch den Kern der Sache. Praktiker haben da wohl eher den Durchblick als Innenminister….[nu schleim man nich rum hier, partei is partei…d.S.]
Aber aus dieser durchaus demokratischen und offiziellen Auslegung des Begriffes “Leitkultur” verbietet sich auch eindeutig, ihn als Kampfparole gegen Islamgläubige zu beschwören, Herr Innenminister!
Also, ich kann unserem neuen Innenminister Hans-Peter Friedrich nur empfehlen, sich vom Bürgerservice im Konrad-Adenauer-Haus beim Verfassen seiner Reden etwas helfen zu lassen. Dann muss er nicht seine Texte von anderen abschrei…äh….übernehmen, wie das schon sein Amtsvorgänger getan hat.
Diese Leidkultur bin ich jedenfalls langsam leid….[und ich ersma! lass ma jetzt den Wallraf ran, der mimt demnächst den Leitkulturminister, auf den alle jewartet habn…helau! d.EntSätzer]
Fleischskandal, Patriotismusdebatte und deutsche Leitkultur