Donnerstag, 10. Januar 2008
Der Bielefelder Expressionist Ernst Sagewka
Würdigung zum 125. Geburtstag des masurisch-westfälischen Malers von Martin Rzeszut


Am 20. März 1939 loderten im Hof der Feuerwache Berlin in der Köpenicker Strasse die Flammen: in Anlehnung an die sog. „Verbrennung von Büchern missliebiger Autoren“ im Jahre 1933 lagen da nun etwa 1000 Ölbilder und 4000 Aquarelle, Zeichnungen, Radierungen, Holzschnitte auf dem Scheiterhaufen. Auch das Gemälde „An der Windwehe“ und das Aquarell „Herbstwald“ von Ernst Sagewka vermutet man darunter.
Ernst Sagewka - einer der bekanntesten Bielefelder Maler (1883 - 1959) - war damals 54 Jahre alt. Ein Jahr älter als ich! Wie muss man sich fühlen, wenn man im Volksempfänger hört, dass in Berlin 5000 Bilder brennen? Und „meine“ dabei? Ja, es lässt sich sehr gut vorstellen. Ich seh Ernst Sagewkas hageres Gesicht vor mir: still und wütend, vielleicht auf dem Stiel seiner Pfeife herumbeissend.
„Vergessene Künstler“ nennen heute vereinzelt Kunstkenner die Opfer der Hitler-Diktatur pauschal. Vermutlich denken sie dabei über den Sinn dieser Bezeichnung nicht viel nach.
Ernst Sagewka - hat dabei noch Glück gehabt: seine Bilder wurden nach 1937 nicht mehr gehenkt. Seine Farben auf den Ölbildern seien „zu schreiend“ gewesen. Wahrscheinlich hat man den Sinn der Komplementärfarben nicht verstanden.
Aber da gab es Maler, die wurden aufgehenkt, weil ihre Kunst nicht gleichgeschaltet genug daherkam. Merkwürdiger Weise wirkt das im dritten Reich verliehene Stigma der sog. „entarteten Kunst“ anscheinend immer noch nach. Ja, bis heute!

(Nebenstehende Abb.: Gemälde von Ernst Sagewka “Am Spiekermeer Wittingsmoor” 1953, Öl auf Leinwand)
So plant die Kunsthalle Bielefeld „zur Zeit und auch in absehbarer Zukunft keine erneute Sagewka-Ausstellung.“
Ich kann mich nicht erinnern, dass die Bielefelder Kunsthalle seit ihrer Einweihung im Jahre 1968 jemals eine Ausstellung für den grossen Malersohn der Stadt Bielefeld unternommen hätte. Die letzte grössere war 1953 im Kunsthaus an der Wertherstrasse. Eine kleinere Sagewkaausstellung gab es 1983 im Kunsthistorischen Museum Bielefeld. Doch niemals gab es eine in der grossen Kunsthalle (im Volksmund „Elefantenklo“ genannt, was irgendwo Sinn macht). In den Magazinen lagern jedoch etliche Sagewka-Bilder. Schön im Dunkeln, damit die Öffentlichkeit sie nicht sehen muss.
Aber dieses Jahr feiern wir doch seinen 125. Geburtstag! Nächstes Jahr gedenken wir seinem 50. Todestag. Was geht da vor? Warum sperrt man sich in der Bielefelder Kunsthalle gegen die Ausstellung von Werken Bielefelder Maler? Ernst Sagewka war immerhin einer der ersten Studenten der 1907 gegründeten Bielefelder Kunstgewerbeschule und hat Bielefeld bis zu seinem Tode 1959 nicht verlassen.
Man mag es auch kaum glauben: der rührige Rolf Sagewka, ein Verwandter des Bielefelder Malers, fertigt mit Eigenmitteln einen Flyer an, der unter anderem im Foyer der Kunsthalle ausliegen sollte. Passend zur gerade laufenden Ausstellung über „entartete Kunst“ mit dem Titel „1937 – Perfektion und Zerstörung“. Die Ausstellung war jedoch so perfekt gemacht, dass der lokale Bielefelder Bezug und auch Ernst Sagewka glatt fehlten. Den wollte Rolf Sagewka aber gern und mit voller Sachberechtigung herstellen. Die ansprechend und stilvoll gemachten Flyer (Pdf-Download über http://www.sagewka.de/ernst_s/Flyer.pdf) sollten Kontakt zu Menschen schaffen, die etwa noch Bilder von E. Sagewka besitzen, die ihn kennengelernt haben und die an einer Ausstellung bzw. der geplanten Monografie mitarbeiten könnten.
Nix da! Die Flyer wurden vernichtet. Denn die Stellvertretende Direktorin der Bielefelder Kunsthalle, Frau Dr. Hülsewig- Johnen sah sich „überschwemmt von Drucksachen in ihrem Haus.“ Ausserdem: “dies wäre ja auch vollkommen absurd!“ Wie bitte, Frau Dr. Hülsewig- Johnen? - Doch, es wäre vollkommen absurd, im Falle Sagewka da eine Ausnahme zu machen, meint Frau Dr. Hülsewig- Johnen. Über Picasso würde sie nicht so reden. Über Sagewka schon, denn der hat ja keine Kunstsammler-Lobby. Doch eine Kunsthalle einer Stadt Bielefeld sollte doch für alle zur Verfügung stehen, oder?
Auch die Nazis hatten im Falle Sagewka keine Ausnahme gemacht. Die „Kommission der Reichskammer der Bildenen Künste“ räumten 1937 seine Bilder zusammen mit 134 anderen aus dem Städtischen Kunsthaus, beschlagnahmten sie und verbrannten sie 1939, weil sie ihnen „fremd“ vorkamen. Sie fühlten sich so bedroht von dieser Kunst, dass sie sie verbrennen mussten.
Nein, in Deutschland herrscht Ordnung bis zum heutigen Tag und bis in die „absehbare Zukunft“! Es wäre ja auch vollkommen absurd, wenn es da irgendwelche besonderen Weisungen gäbe. Da könnte ja jeder kommen, hören Sie mal! Da haben wir doch die „die generelle Anweisung, keinerlei Fremdschriften auzulegen.“
Ja, verehrte Leser und Leserinnen: nichts hat sich wesentlich geändert im Kunstbetrieb. Doch: vielleicht raucht es nicht mehr so stark. Das Verschweigen von Kunst zieht man heute vernichtenden und rußenden Feuern vor. Heute sind es eher Flyer, die Angst machen und vernichtet werden. Alles, was fremd ist, wird weggedrückt und vernichtet. Was das grosse Geld bringt, darf gern bleiben. Ich sehe Ernst Sagewkas hageres Gesicht vor mir: still und wütend!
Er saß da mit seiner Pfeife auf dem Sofa in unserer Oldentruper Wohnung und murmelte, was ich nicht verstand. So etwa um 1958 herum. Schliesslich war ich erst vier Jahre alt und „Onkel Sagewka“ - wie ich ihn nannte – sprach mit meinem Vater „über Kunst“. Das ging über meinen Kopf hinweg, denn ich spielte auf dem Fussboden. Aber wenn er auf diesem Ecksofa saß mit seinen 75 Jahren und vor sich hinpaffte, dann war es irgendwie gemütlich in unserer Wohnung. Es war sein ruhiger Sprachfluss, der mir gefiel. Und der Tabak roch irgendwie gut. Ernst konnte mich richtig angucken, mir in die Augen sehen. Jemand, der mich ernst nahm. Ich nahm seine Bilder ernst, die auf mich schon als kleines Kind gewaltig wirkten wegen ihrer leuchtenden und warmen, kräftigen Farben.
Eines Tages kam Onkel Sagewka mit dem Fahrrad in unseren Garten geschoben. Am Rahmen war mit Bindfaden ein Bild angebunden. Das war in braunes Packpapier gewickelt. Über die Schulter trug er eine Luftbüchse. Hätte er noch tote Kaninchen rechts und links hängen gehabt, hätte ich mich nicht gewundert. Das festgetüdelte Bild konnte daran auch nichts ändern: Onkel Sagewka war eine erhabende Persönlichkeit!
Später erzählte mir mein Vater, er habe ihm Bild und Luftgewehr abgekauft, denn Onkel Sagewka sei mal wieder Pleite gewesen. Mit dem Luftgewehr hätte er auf Kaninchen geschossen dann und wann. Das tat man allgemein nach dem Kriege, um sich zu ernähren. Kaninchen gab es genügend am Monte Scherbino, in dessen Nähe sich „Ernstken sein Atelier“ (wie mein Vater sich ausdrückte) befand. Am riesigen Trümmerhaufen im Osten Bielefelds, wo die Reste all der zerbombten Häuser aufgetürmt lagen. Bielefeld wurde ja 1944 komplett in Schutt und Asche gelegt.
Eines Sommernachmittags saßen wir bei Onkel Sagewka im Garten in der Heidsiekstrasse Richtung Heepen raus. Ich spielte im Keller des ausgebomten Hauses, in dem Ernst und Luise, seine Frau gelebt hatten. Eines Tages - genau am 17. Januar 1945 - kam dann der Luftangriff. Das Haus bekam einen Volltreffer. Luise hat in einem Bunker überlebt. Ernst war auch nicht zuhause. Etwas später hat Luise dann noch einige ihrer Bücher aus den Trümmern gezogen. Die Lauten, die Theorbe, die Noten, die Bücher und viele Bilder von Ernst waren jedoch kaputt. Auch die Hausorgel, auf der Luise so gerne spielte.
Ich spielte allerdings nicht den Luftangriff. Dazu war ich noch zu klein. Ausserdem lag der Krieg noch nicht allzulange zurück, als dass man soetwas hätte spielen können. Meine Eltern und auch Onkel Ernst wurden immer still und traurig, wenn es um den Krieg ging. Das Gespräch erstarb dann immer schnell, man seufzte und suchte hastig nach Taschentüchern.
Nein. Ich spielte „wohnen im Haus“ zwischen diesen Grundmauern und jeder Raum hatte was. Es standen nur noch Mauerreste, das Gebäude mit seinen grossen hellen Fenstern musste man sich eben denken. Doch das konnte ich als Kind hervorragend und vermutlich bin ich deshalb später auch mal Archäologe gewesen. Ich kochte Beerensuppe mit Birkenblattsalat.
Überhaupt: überall diese kleinen Birken in den Ruinen. Die fühlten sich da so richtig wohl in den Trümmern. Waren alle so drei bis vier Meter hoch. So lang her war also schon „der Krieg“: drei bis vier Meter Birkenhöhe!
Onkel Ernst mochte Birken und zeigte meinem Vater eines Tages am Stadtrand von Bielefeld in der Nähe eines Barackenlagers ein paar Birken, die er für seinen Garten ausgraben könnte. Wir stapften zu dritt über nicht mehr benutzte Eisenbahngleise, durch das Wäldchen, hüpften über Sumpfgräben, der Spaten klapperte und schliesslich wurden vier Birken auf zwei Fahrrädern verladen. Ernst mochte diese Zwischenlandschaften: Eisenbahnschienen, Feldwege, Fabrikreste und Birkenwäldchen. Ich auch. Bis heute.
(Abb. nebenstehendend: “Blühende Bäume”, 1949, Öl auf Leinwand)
Onkel Ernst stand im sonnendurchfluteten Atelier in der Heidsiekstrasse und malte gelbblättrige Birkenbäumchen rechts unten vor eine dunkle Kieferngruppe. Es roch schön nach Terpentin. Ich brabbelte so vor mich hin und Onkel Sagewka wurde etwas mürrisch und ungehalten: er konnte sich nicht konzentrieren. Also, da musste was her, was mich ablenkte! Onkel Sagewka drückte mir zwei leere Bierflaschen mit Bügelverschluss in die Hand und schob mich sanft raus auf die Wiese hinter dem Atelier. Dort sass ich unter einer grossen Birke im Gras und spielte mit den Flaschen. Dem Geruch nach zu urteilen war helles Bier drin gewesen. Diesem Geruch folgten auch hunderte von Ameisen und bald stürzte ein kleiner weinender Martin zu Onkel Sagewka ins Atelier, auf dem es nur so von Ameisen krabbelte. Ich glaube, die Malsession war damit endgültig beendet.
Sonntagnachmittag: meine Eltern, Ernstken und ich im Atelier. Der kleine Spirituskocher fauchte auf dem Tischchen (oder war es der Ofen?) rechts neben dem Sofa. Es gab Kekse, Neskaffee und Gespräche über Kunst. Durch die grossen Atelierfenster fiel die Nachmittagssonne. Es war gemütlich. Es roch nach Farben. Ernst zeigte seine Bilder. Mein Vater fragte. Wir gingen durch den Garten. Frühabends machten wir uns auf den Heimweg und ich fuhr auf meinem neuen blauen Kinderfahrrad voll in den Graben und brach mir den linken Arm.
Als ich gerade geboren war, fragten meine Eltern ihren Freund Ernst, ob er nicht Taufpate sein wollte. Doch, er wollte schon gern. Aber er meinte: als Taufpate müsse man auch über die nötigen Mittel verfügen, um für sein Patenkind im Notfall sorgen zu können. Er wäre leider zu arm dazu. Schade. Trotzdem sehe ich ihn als meinen Patenonkel an. Das passt durchaus, denn reich bin ich auch nicht. Die Patenschaft erstreckt sich in diesem Fall auf ganz andere Dinge und von Tante Luise – die ich leider nie auf der Erde getroffen habe – habe ich ja noch die Musik bekommen. Schöner kann Patenschaft nicht sein.
Ende August 1959, an einem sehr heissen Nachmittag, gingen meine Eltern zur Beerdigung von Onkel Sagewka auf den Sieker Friedhof. Obwohl ich viereinhalb Jahre alt war, verstand ich den Tod in dem Moment sehr gut und wohl auch zum ersten Male. „Ernstken“ - wie ihn meine Eltern immer freundlich nannten – war nicht mehr. Er würde da nie mehr gemütlich sitzen auf der Couch und murmelnd Pfeife rauchen. Da steht er nun nicht mehr an der Staffelei. Da werden wir auch nicht mehr zusammen am Spirituskocher sitzen. Da gibt es aber noch die Bilder! Ein Glück! Ist Onkel Ernst ja nicht ganz weg!
Ich sehe meinen Eltern nach, wie sie da den Weg an der Alten Mühle vorbei in den Ehlentruper Wald gingen. Hinter dem Wald waren die großen Felder und auf einem kleinen Pattweg kam man schliesslich nach einer halben Stunde und durch ein Pförtchen auf dem Friedhof an…..ich ging erstmal in den Garten, spielen.
Meine Eltern und ich hatten einen guten väterlichen Freund verloren. Ernst war 42 Jahre älter als mein Vater! Und 35 älter als meine Mutter (und 71 Jahre älter als ich). Ich kann mich aber an diese Altersunterschiede nicht erinnern. Wenn es um Kunst ging, diskutierten alle drei gleich laut und energisch. Wenn man sich über was aufregte, regte man sich gemeinsam auf. Aber man konnte auch gemeinsam vor sich hinmurmeln und in die Kaffeetasse starren. Ernst war durchaus eigen.
Ernst war ein Gemütsmensch. Manchmal war er sehr in sich zurückgezogen. Seine Frau Luise bestätigte meiner Mutter in einem Brief, dass beim letzten Besuch wohl „die Harmonie“ nicht so recht aufkam: “...insofern,...dass mein Mann sehr reizbar war an dem Tag, und ich kann mich dann dieser Stimmung doch wohl nicht genug entgegenstellen.“ Das Problem: der Tag verlief anders als ursprünglich geplant. Manchmal hielt Ernst die Essenszeiten nicht ein, weil er besessen durcharbeitete. Luise regte sich darüber auf. Verteidigte ihren Mann aber immer nach aussen mit dem Hinweis, dass Künstler eben nun mal so wären.
Luise Sagewka war 12 Jahre jünger als ihr Mann. Luise war Sängerin, Lautenistin und Musiklehrerin und trat im Rahmen von Kirchenmusik auf. Sie sang solo und spielte Laute bzw. die Theorbe. Sie spielte auch professionell Blockflöte und gab Musikunterricht. So ergab sich der Kontakt zu meinen Eltern, denn meine Mutter lernte Blockflöte bei Luise. Auch mein Vater für kurze Zeit. Und ich bin letztlich Musiklehrer geworden, weil meine Mutter von Luise musikalisch optimal und ganzheitlich gefördert wurde. Luises Notenheft liegt hier sicher und warm in der Musikwerkstatt in Kiel.
Luise Sagewka (siehe Abb. am Ende des Textes, Jahr 1930) war sehr naturverbunden und riet meiner 23 Jahre jüngeren Mutter, die Blockflöte im Wald zu spielen, weil sie dort am besten klänge. Sie war in der Frühen Musik zu Hause: Hassler, Händel, Bach, Krieger und die Italiener. Johann Rosenmüller mochte sie besonders, den sie der „alten Hausmusik“ zuordnete. Baltische Lautenmusik war ihr Thema. Aber durchaus auch Mozart, Schubert und Beethoven („Klassische Hausmusik“). Volkslieder und Hausmusik: Luise war, was man „jugendbewegt“ nannte und nennt. Und sie komponierte mal eben mit links ein Liedchen oder vertonte die kleinen Zwergen- und Blümchengeschichten von Ida Bohatta. Sie mochte Rilke und Sulamid Wülfing. Sie starb im Alter von erst 55 Jahren.
Luise Sagewka wird hier im TÖNCHEN! noch einen eigenen Artikel bekommen, weil ich sie für die Schutzpatronin und geistige Gründerin unserer Musikwerkstatt halte. Ihr Portrait hängt im Unterrichtsraum und sie beäugt all unsere Schüler mit konzentriertem, ernstem und einfühlendem Blick (siehe nebenstehende Abb. Gemälde “Meine Frau” 1929, Öl auf Leinwand).

Beide, Ernst und Luise haben sich seit ihrer Kindheit als Vetter und Cousine gekannt. Die Familien der beiden stammten ursprünglich aus Masuren (Alt-Ukta bzw. Nikolaihorst) und wanderten während der letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts nach Bielefeld aus. Ernst wurde 1883 noch in Masuren geboren, während Luise 1895 das Licht der Welt bereits in Bielefeld erblickte. Beide heirateten 1920. Die Familien hielten immer eng zusammen.
Ernst Sagewka hatte im Jahr seiner Hochzeit mit Luise schon den Ersten Weltkrieg in Polen und Frankreich überlebt, war 37 Jahre alt und lebte als freischaffender Künstler in Bielefeld.
Seine Ausbildung begann mit einer Lehre bei einem Kirchenmaler in Dornberg (1901 – 1904). Anschliessend trat Sagewka in die Fachschule der Malerinnung in Bielefeld ein und wurde von Ludwig Godewols unterrichtet. Er gehörte dann auch zu den ersten Studenten der 1907 gegründeten Bielefelder Handwerker- und Kunstgewerbeschule. Seine Lehrer waren dort Ludwig Godewols und Hans Perathoner. 1911 ging Ernst Sagewka nach Breslau und lernte dort das Freskenmalen bei Joseph Langer.
Später arbeitete Ernst Sagewka auch in einer Orgelbaufirma (G.Steinmann, Vlotho) und verzierte die Türen und Klappen mit masurischen Motiven. Wie begabt er im Umgang mit Holz war, zeigen die Rahmen seiner Ölbilder, die er immer in Form und Farbe dem Bild anpasste und die so zum festen Bestandteil seiner Malerei wurden. Das Bild bekam durch den handgemalten Rahmen eine weitere Dimension. Oft malte Sagewka die Rahmen nach den dominierenden Farben des Bildes, um die Farbwirkung zu erhöhen, und mal wurde der Rahmen mit gegeneinander konstrastierenden Farben versehen, um die Tiefenwirkung des Bildes zu steigern (siehe Abb. seiner Gemälde).
Die Kunstgeschichte hat Ernst Sagewka bisher wenig bis überhaupt nicht beachtet. Lokal war und ist er im Bielefelder Raum schon bekannt, doch der Kelch des grossen Ruhmes ging an ihm bisher vorüber. Es gibt in der Kunst ja immer nur diese zwei Extreme: entweder ist jemand gross und berühmt und eine Legende, oder….genau: seine Erwähnung wäre „absurd“, wie wir hörten. Da noch kein Kunstgeschichtsstudent seine Magister- oder Doktorarbeit über Ernst Sagewka geschrieben hat, ist er auch nicht kunstgeschichtlich vorhanden. Basta! Da wäre also voller Handlungsbedarf!
Kaum jemand weiss, dass dieser Mann Bilder gemalt hat, die nicht nur in erheblichen Maße Menschen seelisch bewegen können, sondern die sich obendrein auch noch kunstgeschichtlich tadellos einordnen lassen. Für viele Kunstkenner scheint ja das zweite wichtiger zu sein. Immerhin: das umfangreiche und über 53 Jahre entstandene Werk Ernst Sagewkas bietet natürlich auch das.
Es gibt Portraits aus dem ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts, die sind gemalt wie von Mackensen. Es gibt Landschaften, die könnten von Otto Modersohn stammen. Ein Portrait der Sagewka-Schwester Paula von 1914 würde ein Kunstgeschichtsstudent im vierten Semester ohne weiteres Paula Modersohn-Becker zuordnen.
Eine Bleistiftzeichnung von 1921 lagert da in den Magazinschubladen der Bielefelder Kunsthalle, die kündigt den beginnenden Kubismus an: verbogene Balken, Fachwerkhäuser voller Energie und mit sich biegenden Balken schreiten wie fremde Wesen auf Urlaub durch die „Straße in Höxter“.
Es gibt auch „Nolde-Bilder“ wie „Stapelager Heide“ von 1922 mit flächig hingeklotzten heftigen Komplementärfarben gemalt, die sich erst im Auge des Betrachters zu jenen Farben mischen, die Sagewka beabsichtigte zu zeigen.Wolken wie zwei tanzende Wesen. Spontan und doch voller Berechnung. Aufregend und doch – wenigstens am Horizont - brav genug für das bürgerliche Wohnzimmer.
Auch verspielter Manirismus findet sich mit dem „Garteneingang in Paderborn“. Schon expressionistische Andeutungen im impressionistisch anmutenden Farbenspiel!
Das „Selbstbildnis“ in Öl auf Malkarton von 1921 (siehe Abb.ganz oben) zeigt uns Ernst Sagewka stolz mit kantigem Gesicht und grossen dunklen Augen. Es sind Augen, wie wir sie von russischen Ikonen kennen: Augen, die den Betrachter erforschen und denen man sich nicht einfach entziehen kann.
Ähnlich beeindruckende Augen zeigt das Portrait von Luise aus dem Jahre 1929 (siehe Abbildung oben “Meine Frau”). Sie sitzt da auf einer Bank vor einer weiten Landschaft. Kleid und Weste in rotbraunen Farbtönen. Sie trägt eine Brosche. Doch eigentlich nimmt man das alles nicht so wahr, wenn man sich dem Bild nähert. Es sind die Augen, mit denen Luise redet – bis heute.
Landschaften: ich wuchs mit Landschaften und mit Luises Portrait auf! Natur sog mich auf. Wohin ich blickte in unserer kleinen Wohnung damals in den 1950iger und 1960iger Jahren, sah ich Wolken, Bäume und blühende Kirschbäume: denn an der Wand hingen auschliesslich Sagewkabilder. Ich glaube, nur wenige Menschen sind dermassen intensiv und mit nur wenigen Bildern konfrontiert worden. Beindruckend finde ich die Weite, die diese Bilder vermitteln. Und gleichzeitig gibt es kleine Details im Vordergrund: etwa fahles Gras oder jene Birken, deren Entstehung im Atelier ich erinnere. Wasser spielt sehr oft eine grosse Rolle: ein See, ein Moor, ein Bach.

(Abb. nebenstehend: “Masurische Landschaft am Malinowkosee”, 1953, Öl auf Leinwand. Beim späteren Einmalen der Birken im Vordergrund, ca. 1958 oder 59, war ich teilweise dabei. Sehr interessant: das Foto unten zeigt den Maler und sein Bild, dass sich hier noch in einem früheren Zustand befindet)
Ernst Sagewka gehörte zu jenen Landschaftsmalern, die auch draussen malten. Wenn es schwierig war, mit dem Fahrrad und dem Malkarton – den er oft benutzte - zum Motiv zu gelangen, dann zeichnete er wenigstens draussen und konzipierte sein Bild. Gemalt wurde dann später im Atelier. Fotografiert hat er m.W. nicht. Vermutlich war ihm das wegen der hohen Kosten nicht möglich.
Ernst Sagewka malte sehr oft Landschaft in Masuren. Dabei war es ihm gleichgültig, ob es sich um den Malinowkowsee in Masuren (siehe Abbildung) oder um eine masurische Landschaft in der Bielefelder Senne handelte. Ernst war 9 Jahre alt, als seine Eltern mit ihm nach Westfalen auswanderten. Während dieser Jahre muss er masurische Landschaft intensivst aufgesogen haben. Aber auch später noch hat er in Masuren gemalt, denn einige masurische Motive datieren auf 1923. Die Bleistiftzeichnung „Masurischer Bauernhof (Mein Geburtshaus)“ entstand 1927. Es gibt da auch ein Ölbild mit dem Elternhaus (siehe beistehende Abb.) 
Wer Bielefeld kennt, kann mit folgenden Bildtiteln etwas anfangen: „Blühende Wiese an der Lutter in Sieker“, „Landschaft in Sieker“, „Landschaft mit Kiefern bei Brackwede“, “Dornberg“, “Heidelandschaft bei Stapelage“, “Bansmanns Hof in Sieker“, „Heidelandschaft (Wistinghauser Senne)“, “Bachstrasse (Alt Bielefeld)“, “Fichten in Spiegels Forst“, “Piggenstrasse (Alt Bielfeld)“, “Sennelandschaft“, „Landschaft bei Zweischlingen“, „Im Quellental“, „Winterlandschaft bei Heepen“, „Am Johannisbach in Schildesche“, „Am Spiekermeer Wittingsmoor“ (siehe Abbildung oben), “Krebsbach (Sieker)“.
Sagewka war also offensichtlich jemand, der die Landschaft und die Häuser Bielefelds und seiner Umgebung mit künstlerischen Augen gesehen und auf seine Weise dokumentiert hat. Wer weiss, wie z.B. heute der Stadtteil Sieker aussieht oder die Bielefelder Innenstadt, wird Ernst Sagewka für die Dokumentation früherer Zustände dankbar sein.
Aber es gibt auch Motive aus der Lüneburger Heide. Ernst zeichnete und malte auch in Paderborn, Lemgo, Höxter und Schwalenberg. Ebenso in Duisburg. Und am Stettiner Haff. Auch gibt es eine „Strandlandschaft am Darß“.
Blumen und Bäume: „Blühende Bäume“(siehe Abbildung), „Lilien“, „Stilleben mit Begonien“, “Kiefern am Furlbach“, „Rote Lilien“, „Drei Kiefern“, „Kiefern im Moor“, „Sonnenblumen I“, „Stockrosen“, „Clematis, blaublühend“, „Blühende Apfelbäume“, „Butterblumen“, „Feld mit Kornblumen und Mohn“, „Schneebälle und Pfingstrosen“, „Herbstwald“, „Königskerze und Mohn“, „Kopfweiden am Bach“.
Menschen: „Luise mit ‘G’-Laute“, „Bildnis Emmy Sagewka“, „Selbstbildnis“, „Doppelbildnis Ernst und Luise Sagewka“, „Meine Frau“ (siehe Abbildung), „Bildnis Gerda Pape“.
Stimmungsbilder hiessen z.B. „Aufziehendes Gewitter“ oder „Romanze“. Aber typische Stillebenbilder sind selten. Dagegen finden wir zahlreiche Häuser und Gebäude in Sagewkas Werk: „Hafen (Rotterdam)“, „Kotten (Brackwede)“, „Steintreppe am Bauernhaus“, „Steinhaus“, „Ravensberger Bauernhof (Altenhagen)“, „Bauernhaus in Wehrbleck“.
Eine andere und weniger bekannte Seite Ernst Sagewkas sind Industriebilder: das Aquarell „Altes Fabrikgelände“ malte er 1957. Im Dezember 2005 versteigerte man bei Ketterer das 69x97cm messende und in Öl auf Leinwand gemalte Sagewka-Bild „Industrie“ aus dem Jahre 1919 für nur 4165€. Die Auktion lief unter dem Titel „Seitenwege der deutschen Avantgarde“.
Ich freue mich für die Stadt Bielefeld und für den Maler Ernst Sagewka, dass jenes mit “Industrie” betitelte und bei Ketterer versteigerte Bild ein neues Zuhause bei den Stadtwerken Bielefeld gefunden hat! Man hat es also nun zurückgeholt an jenen Ort, der damals auf unseren Maler überaus inspirierend gewirkt hat. Kohlekraftwerk mit zwei hohen Schornsteinen, Drehstrom-Generatorenhaus, schwefelgelbe bedrohliche Wolken: typische Merkmale früher expressionistischer Industriemalerei. Damals fuhren die Dozenten der Maler-Akademien mit ihren Schülern per Eisenbahn ins Ruhrgebiet, um sie für die Symbole rasant wachsender Technik-Zivilisation zu sensibilisieren. Man lernte vor Ort und unter Tage, wie sich Lärm, Dreck, Gestank, Stahlträger, schuftende Menschen und feuerspeiende Hochöfen mit kontrastierenden, “schreienden” Farben und massigen Schwarztönen in Malerei umsetzen lassen.
Selbst aber bei Ketterer verlegt man sich also auf die Bezeichnung „Seitenwege“, wenn es um die stilistische Einordnung und damit auch um die kunstgeschichtliche Bedeutung des Expressionisten Sagewka geht. Pure Verkennung der Situation: damals malten alle „Avantgarde“! Als Künstler, der ausstellen und verkaufen wollte, hatte man keine andere Wahl: Paris diktierte den Kurs und jeder musste jene neuen Stile und Techniken wenigstens probieren. Die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg war diesbezüglich eine sehr kreative Zeit: überall gab es Künstlergemeinschaften (ich nenne hier nur Worpswede) und Ernst Sagewka begann um 1907 sein Kunsstudium in Bielefeld. Sagewka gehört also eindeutig zu den Wegbereitern und Ersten der deutschen Avantgarde, daran führt leider kein Seitenweg vorbei.
Der Expressionismus war in Deutschland letztlich auch eine Befreiung von den Schrecken des Ersten Weltkrieges, unter denen alle Künstler damals – sofern sie denn noch lebten – gelitten haben.
Auch Ernst Sagewka, der den ersten Weltkrieg in Frankreich überlebte, hat sich mit voller Überlebenslust in den Bielefelder Expressionismus geworfen.
Das begann schon sehr früh an der Kunstgewerbeschule in Bielefeld: Ernst Sagewka gehörte zur avantgardistisch geprägten Künstlergemeinschaft „Rote Erde“ und beteiliogte sich 1919 und 1922 an den Gemeinschaftsausstellungen. Legendär waren die Feste dieser Künstlergemeinschaft und eine typische Einladungskarte habe ich hier nebenstehend abgebildet.
1925 tuschpinselte Ernst Sagewka liebevoll eine typisch expressionistische Einladungskarte (siehe nebenstehende Abbildung ), auf der er sich selbst als energisch blitzzackigen Schattenmann darstellt, der mit Hut und Pfeife im Mund an einer Staffelei lauert. Von Blumen umgeben, von einem Vogel kritisch beobachtet bringt er dort sicherlich riesige Wolken zu Papier. Im städtischen Museum Bielefeld findet seine „Gemäldeausstellung statt, zu deren Besichtigung ich höflichst einlade. Ernst Sagewka. Bielefeld-Sieker 313.“
Zehn Jahre später ist die Stimmung sichtlich gedämpfter. Auf der „Einladung zur 5. Bielefelder Sonderausstellung von Ernst Sagewka Bielefeld-Sieker, Heidsiekstraße 8, im Städt. Kunsthaus, Hindenburgstr.4 vom 3. bis 28.März 1935“ sehen wir das Portrait eines westfälischen Holzschuhmachers mit ausgemergeltem Gesicht (siehe nebenstehende Abbildung). Der Hunger steht ihm in den Augen geschrieben. Gerade bearbeitet er mit dem Breitbeil einen Holzschuh-Rohling. Irgendwo spüre ich Protest gegen herrschende Armut aus dem Bild heraus. Dieses Gesicht signalisiert Ausweglosigkeit.
Auf der Rückseite dieser Einladung lesen wir: „Nicht die Meinung verschiedener Kollegen ist ausschlaggebend für den Wert eines Kunstwerks, sondern das objektive Urteil des kunstgebildeten Publikums.“ - Aha! Sagewka bekam Keile. Von wem? Von seinen um 1935 schon eifrig “gleichgeschalteten” Kollegen? - Ja, vermutlich. Die Nazis beginnen nun auch bei Ernst Sagewka die Brechstange anzusetzen. Denn zwei Jahre später werden „An der Windwehe“ und „Herbstwald“ als „entartet“ beschlagnahmt, aus dem Archiv des Kunsthauses entwendet und später verbrannt.
Nach dem Krieg war der äusserst sensible Ernst Sagewka kleinlaut, traurig und arm. Desillusioniert. Schwierig und sehr empfindlich. Er flüchtete sich in seine Arbeit. Zwei überlebte Kriege und der Verlust eines Teils seiner Werke durch den Volltreffer auf das Haus waren zuviel. Aus den Trümmern seines Hauses baute Ernst sich wieder mühsam über die Jahre 1947 und 48 ein Atelier auf, um arbeiten zu können. Er verkaufte wenig. Tauschte Bilder gegen Essen. Schoss Kaninchen vom Schuttberg.
Luise war - das verraten ihre Briefe an meine Mutter Ende der 1940iger Jahre - fortwährend kränklich. Der Krieg und der Verlust des Hauses hatte sie geschwächt. Sie mochte die dunkle Notwohnung in der Heeper Strasse in Bielefeld nicht. Es war dort lärmig. Mühsam musste sie sich Instrumente beschaffen. Da sie kaum Geld hatte, wurden diese Käufe zu langwierigen Abstottereien, wo es auch um Speck und Lebensmittelmarken ging.
Von ihren bescheidenen Honoraren als Sängerin und Musiklehrerin konnte nur das Notwendigste bezahlt werden. Sie starb am Heiligabend 1950 an Darmkrebs. Es war ihr dreissigster Hochzeitstag! Meine Mutter – mit der Luise eine sehr vertraute Freundschaft pflegte - sagte: letztlich starb sie an den Folgen des Krieges. Während ihrer letzten Lebensjahre und besonders wenn die Herbstdepressionen sie „angriffen“ flüchtete sich Luise in ihre musikalische Arbeit.
Wie siehts nun aus mit grundlegender wissenschaftlicher Literatur über Ernst Sagewka? Ist das Thema gründlich aufgearbeitet? - Nein! Überhaupt garnicht! Und diese Erkenntnis ist erschütternd. Wenn dies anders wäre, hätte es sich Frau Dr. Hülsewig-Johnen nicht leisten können, Ernst Sagewka so einfach zu ignorieren und die Ausstellung „1937 – Perfektion und Zerstörung“ hätte einen hundertundeinundachzigsten Künstler, bei dem man sich für die erlittene Schmach im Dritten Reich quasi mal entschuldigen könnte.
Die oberflächlich denkenden Reichen reden nicht über Sagewka. Klar: Sagewka war ja auch ein ehrlicher Künstler, dem es allein um das Malen und niemals um die Popularität ging. Wer Sagewkas an der Wand hängen hat, ist in anderer Weise „reich“. Reich beschenkt mit Lebenskraft!
Die Kunstgeschichte bzw. Kunstwissenschaft hält bis heute keine würdigende Monografie über den Expressionisten und Landschaftsmaler Ernst Sagewka bereit. Ausser sehr kurzen Erwähnungen (Name, Daten und ein erklärender Satz) in den gängigen Handbüchern gibt es eine Retrospektive von Dr. Heinrich Becker anlässlich der Sagewka-Ausstellung im Jahre 1953. An neuerer Literatur kenne ich jedoch nur das kurze Vorwort von RÜDIGER JÖRN zum nett bebilderten Katalog der Sagewka-Ausstellung 1983 in Bielefeld. Und sonst nichts.
In „einführende Gedanken“ bemüht sich hier JÖRN – der die Auswahl der Bilder für die siebente Ausstellung der Reihe „Westfälische Künstler“ besorgte – um eine kunstgeschichtliche Einordnung und Würdigung des Malers. Er skizziert Sagewkas stilistische Entwicklung: sein erstes bekanntes Bild (das Portrait seiner Schwester Emmy Sagewka, siehe nebenst. Abb.) malte er 1906 im Stil des Naturalismus des späten 19. Jahrhunderts.
Nächste Station: sein „Selbstbildnis“ von 1921(siehe Abb. oben), bei dem JÖRN einen „expressionistischen Zug“ feststellt und meint: „seine Farbgebung ist Ausdruck für ein Lebensgefühl, das das Dasein als schwere Bürde empfindet.“ JÖRN spricht hier von „eindringlicher Verbildlichung seelischen Befindens.“
Weitere Stile folgen: in „ klaren, vereinfachenden Formen“ malt Sagewka seit den 1930iger Jahren. „Für Ernst Sagewka war Welt in erster Linie Farbe“ schreibt JÖRN. Deren Intensität habe er in den Werken der 1920iger Jahre besonders gesteigert. Zum Bild „Morgenstunde“(1924) schreibt JÖRN: “Für Sagewka [...] ist die morgendliche Stunde ein Zeitpunkt gewesen, der Empfindungen freigesetzt hat, und eben diese prägen die Gestaltung: die Farbe bedarf nicht des Lichtes, sondern beginnt aus sich selbst heraus zu leuchten; sie tut dies auf eine Art, die für den Augensinn eine beglückende Erfüllung bedeutet.[...] Sagewkas ‘Morgenstunde’ [...] ist ein expressionistisches Bild.“ (siehe nebenstehende Abb.)

Im Dezember 2006 googelte ich mal neugierig „Ernst Sagewka“ ein und wollte wissen, was das Internet zu diesem Thema so bietet. Ich fand da sofort die Familien-HP von Rolf Sagewka (http://www.sagewka.de/index.htm) , dessen Grossvater der Bruder des Malers war. Rolf Sagewkas Homepage beinhaltet einige sehr schön gestaltete Unterseiten über das Ehepaar Ernst und Luise Sagewka. Ich war begeistert und mailte ihm sofort. Ihm danke ich hiermit herzlich für wesentliche Informationen, ohne die dieser Artikel nicht in der Ausführlichkeit zustande gekommen wäre.
Und wie geht es nun weiter? Zunächst sollte sich die Kunstwissenschaft einmal dem Thema Sagewka professionell nähern. Mit der Werbung wurde schon begonnen. Der aktuelle Plan: eine wissenschaftlich fundierte Künstlermonografie solle entstehen, die biografische Informationen, ein Werkverzeichnis und Abbildungen aller erreichbaren Bilder enthält. Übrigens hat der Künstler selbst ein Werkverzeichnis eigenhändig angelegt, das es noch zu finden gilt. Es wäre also ausserordentlich schön, wenn sich in absehbarer Zeit ein kunstgeschichtliches Institut fände, dessen Mitarbeiter sich für Ernst Sagewka und sein Werk erwärmen könnten. Ein gutes Thema für eine Abschlussarbeit bzw. eine Dissertation!
Ich möchte hiermit und in diesem Sinne eindringlich an die Leiter zahlreicher Institute für Kunstgeschichte an unseren Universitäten appelieren, sich dem Thema Ernst Sagewka zu öffnen. Sagewka ist verhältnismässig leicht und unkompliziert aufzuarbeiten. Für das Land NRW und insbesondere für die Stadt Bielefeld wäre es schliesslich auch ein Prestigeprojekt.
Soweit ich weiss leben noch einige Personen, die sich an Ernst und Luise Sagewka erinnern und zu diesem Thema sicherlich etwas beitragen könnten. Diese gilt es nun zu finden. Neben Erinnerungen und Erlebnisberichten suchen wir Informationen über den Verbleib von Sagewka-Bildern. Besonders auch zur Person Luise Sagewka suchen wir noch Berichte und Erinnerungen, z.B. von ehemaligen MusikschülerInnen aus Bielefeld.
Vorstellbar und – wie ich auf Rolf Sagewkas Homepage sehe - auch schon im Entstehen begriffen wäre eine umfassende Internetpräsenz zum Thema Ernst und Luise Sagewka. Selbst ein Sagewka-Netzwerk ist vorstellbar, bei dem alle relevanten Sites per Hyperlinks verknüpft sind. Eine digitale Dokumentation des gesamten bildnerischen Werkes wäre eine wichtige Sache und ich kann mir vorstellen, dass Besitzer von Sagewka-Bildern auch daran interessiert wären und gern daran mitarbeiten würden.
Der Arbeitsaufwand für den Einzelnen wäre in diesem Fall relativ gering: jeder, der sich dem Künstlerehepaar irgendwie verbunden fühlt und zu einer Dokumentation beitragen möchte, erzählt oder beschreibt seine Sagewka-Erinnerungen und stellt digitale Fotos von Bildern und Dokumenten ins Netz. Das kann auf eigenen Websites sein, die sowieso schon extistieren, man könnte aber auch eine ausschliesslich den beiden, Ernst und Luise, gewidmete Domain gründen und mit einer Software betreiben, die sich für die professionelle Präsentation grösserer Bild- und Textdateien eignet.
Auch die Gründung eines Sagewka-Vereins wäre denkbar. Die Chancen, für die Sagewka-Aufarbeitung professionelle Hilfe zu bekommen und vielleicht sogar Fördermittel beantragen zu können, würden wachsen. Und vielleicht würde sich dann sogar die Stadt Bielefeld für ihren Malersohn interessieren!
Gebe ich auf der offiziellen Bielefeld-Homepage (http://www.bielefeld.de) den Namen „Ernst Sagewka“ in die Suchmaschine ein, so erziele ich keinen Treffer! Also etwas, das man im Kulturamt der Stadt auch mal ändern sollte!
Die alte und so interessant von Muthesius entworfene Kunstgewerbeschule am Fuße der Sparrenburg gibt es immer noch: sie feiert als Fachhochschule Bielefeld dieses Jahr im Oktober ihr 100.Jubiläum. Ernst Sagewka gehört zu ihren ersten Studenten. Auch Frau Dr. Hülsewig-Johnen von der Kunsthalle Bielefeld meint, dass das Historische Museum Bielefeld „sicher“ auch Werke von Sagewka mit in die geplante Jubiläumsausstellung einbeziehen würde. Na, denn man tau!
Rolf Sagewka ist es zu verdanken, dass es dieses Jahr wenigstens eine kleine Ausstellung geben wird, wenn auch nicht in der Sagewkastadt Bielefeld. Vom 6. Juni bis zum 15.August 2008 findet in der Galerie im Rathaus der Stadt Hiddenhausen (Kr. Herford) eine Ausstellung mit Bildern von Ernst Sagewka statt. Zur Eröffnung werden wir – die „Sagewkakinder“ - uns dann alle sehen!
Dir zum 125. Geburtstag alles Gute, lieber Ernst! Ein stolzes Alter! Leider ist das alte Ecksofa nicht mehr da, auf dem Du nun gemütlich sitzen und Deine Pfeife schmauchen könntest…trotzdem feiern wir und stossen mit nem lüttken Steinhäger an! Luise wird dazu auf der Laute einen Bach spielen, ganz sicher!
