Mittwoch, 20. Dezember 2006
Den Oldies war die Luft zu trocken….
Am 1.Dezember abends erreichen wir Enger, das etwa zwischen Bielefeld und Herford liegt. Die Luft ist lau und beim Bummel durch die adventlich geschmückte kleine Stadt tobt lautes Lachen aus einem „Biergarten“...Biergarten? Hier in Westfalen und Anfang Dezember? Jaha, so ist das dieses Jahr eben. Ein bischen wie in Italien.
Rund um die alte Engersche Stifts-Kirche findet der sog. „Adventsbummel“ statt: zahlreiche Menschen trinken Glühwein, kleine Buden sind aufgebaut, man verkauft und kauft Adventsschmuck, die Schulen haben Stände und man kann z.B. selbst hergestellten Senf erstehen. Meine Frau wartet lange und noch länger am Kartoffelpufferstand, doch die Kartoffelpuffer haben sich ausgepuffert…nix gibt’s da nich mehr. Da muss eben dann die Bratwurst her: die örtliche Fleischerei hat einen Stand. Bratwurst in Westfalen hat Stil!
Die Kirche ist gerade noch offen: wohlige Wärme empfängt uns. Ein schöner Altar. Ich denke an manches Orgelkonzert, das ich zur Weihnachtszeit in dieser Kirche erlebt habe, als ich noch hier wohnte. Weihnachtsoratorium.
Da ein Stand mit einem Fernseher: alte Filme laufen, man sieht die Herforder Kleinbahnen. Ich wohnte mal an der Kleinbahn Bielefeld nach Herford…nein, stimmt nicht, ich wohnte nur am Kleinbahndamm, denn im Zuge des Modernisierungswahns der 50iger Jahre demontierte man die Schienen, weil es nicht mehr lohnte. Der nette Mann vom Kleinbahnmuseum berichtete, dass die Wagen der Herforder Kreisbahnen damals in Herford auf die Seite gekippt und angezündet wurden. Die Holzteile brannten aus und der Rest wurde als Schrott verkauft. Modernisierungswahn der 60iger Jahre.
Der nette Mann vom Kleinbahnmuseum erzählte mir auch, dass mein altes aber mühevoll restauriertes Fachwerkhaus vom jetzigen Besitzer soeben abgerissen wurde. Verseucht mit Xylamon! Im Modernisierungswahn der 70iger Jahre.Witzig: man kommt aus Kiel dahergefahren, vertritt sich in Enger ein paar Minuten die Beine und erfährt gleich etwas Greuliches über sein ehemaliges Haus.
Wir hörten Akkordeonklänge: aha, wer spielt denn da? Klingt ja wie früher, diese ganz alten Bands auf dem Lande in den 50iger Jahren. Allerdings gabs da noch Geigen und Trompeten und jeder konnte 10 Instrumente…mehr oder weniger gut. Man war eher zufrieden mit dem, was man hatte und konnte und machte…muss vor dem Modernisierungswahn gewesen sein. Doch was wir hier sehen, das kann sich hören lassen….
Fünf Rentner sitzen dort im besten Alter von Ü80 auf ner Herforder-Pils-Anhänger-Bühne – vier spielen Pianoakkordeons und einer spielt Schlagzeug. Also. Das müssen doch Willi und Gustav, der Hans, der Paule und der Herbert sein, nicht zu vergessen: der Günther. Es sind diese oder andere Namen. In Westfalen gibt’s nich viel mehr. Und nach den Gesichtern und den Schiffermützen zu urteilen sind es echte Engeraner: Bauern und Handwerker, die hart gearbeitet haben. Trotz Zipperlein und steifer Schulter. Sie spielen flott und ohne Fehlerlesen „oh Tannenbaum, oh Tannenbaum!“
Sie spielen „feierliche Musik zum Advent“, ganz ohne Sentimentalität. Ziemlich nüchtern und trocken. Mit einer schönen Rhythmik, die uns tanzen lässt…ein bischen wenigstens, nicht zu viel. Was sollen die Engeraner denken, wenn wer hier zur feierlichen Adventsmusik tanzen würde..nä nä, das geht nich.
Gustav sagt: „Die Luft ist heute so winterlich kühl und trocken. Man bekommt ganz einen trockenen Mund…zwei, drei, vier fünf bitte!“ worauf jemand aus dem Backstagebereich mit einem Tablett herbeigeeilt kommt, darauf fünf kleine Pils und fünf Schnäpschen. [...dat heisst da Schnäpsken! d.Red.] Also erstemal Pause.
Dann kommt der zweite Block mit den böhmischen Polkas. Nicht ganz so feierlich – aber gut. Diese Sachen kennt man irgendwie alle, und trotzdem werden sie immer gespielt. Vermutlich, weil man sie eben kennt. Meine Frau singt die meisten Strofen mit. Ich beschränke mich aufs Summen der Melodien.“Bei der Tante Hedwich ihre Nähmaschine geht nich…” sacht Herbert am Schlagzeug – in Enger weiss man sofort, welche Polka dat is. In Bielefeld auch und in Herford sowieso.
Plötzlich wird wieder die Luft trocken und Herbert kündigt die Pause an. Ich nutze sie für ein paar Fragen und mache Fotos. “Jau, wir kommen von Herford, Schildesche, Enger, Oeynhausen und so weiter. Einer kommt auch ausm Ausland….(grins)...aus Nieder…sachsen!!Ha ha!“ Auf die Frage, wie lange sie schon spielen: „Ja, so 13 oder 15 Jahre schon!“ - „Wieso habt ihr denn nen Leuchtturm da auf der Pauke, ist das der Leuchtturm von Herford?“ - Nä, das ist der Leuchtturm Roter Sand!“...hm, müsste ich ja nu gerade wissen….
Jetzt kommt die Seemannsabteilung, wir haben es irgendwie geahnt. Der Leuchtturm musste ja irgendeine Bedeutung haben. Egal was sie spielen, sie spielen alles sehr schön. Das Schlagzeug spielt extrem leise und akzentuiert. Schiebt ein bischen hier, ein bischen da. Herbert spielt so vorsichtig, als ob die Becken rrrohe Eier wären. Die Snaredrum wird erstmal fixiert, bevor er sie dann doch auf die hunderstel Sekunde genau schlägt. Mit Bier und Schnäpsken könnte ich sowas garnicht. Doch Herbert kann.
„Hier oben riecht es nach Wachholder!“ bemerkte Herbert, „jaaa, man soll es nicht meinen, aber letztes Jahr um diese Zeit, da war über Nacht alles weisss…und ich hatte mal wieder Schicht inner Würstchenbude. Und die Luft war ganz trocken, wie das im Winter ja so is….zum Beispiel jetzt ja auch!...(grins!)....fünf!“
Jetzt geht alles im Dreiertakt. Es ist dieser schneller Walzertakt, der irgendwann auch in Polka-Zweier übergehen kann. Ternärer Zweier…wie auch immer, das Tanzbein wird nervös. All die Jahre, wo ich in Westfalen aufwuchs, habe ich diese Dreierhythmen bewundert und wahrscheinlich wurden Swing und Jazz auf dem Lande erfunden….
Für mich ist der Abend eine Erinnerung an die Schlagzeugtechnik der 50iger Jahre…vor dem Modernisierungswahn der 60iger….. Durch den Rock’n'roll wurde alles laut und bollerich. In den 50igern begleitete man die Band eher und führte nicht. Herberts Schlagzeug spielt Melodie. Er schlägt auch nicht ein (oder nur manchmal). Es ist einer der Akkordeonspieler, der einfach loslegt und Herbert kriegt das dann schon sofort irgendwie mit. Intros sind überflüssig. Mit 80 braucht man sowas nich mehr.
Ober-cool arbeiten sich die Akkordeon-Opas durch ihr Repertoire. Alles auswendig! Notenlesebrillen sind hier überflüssig. Man kennt ja seine Stücke. Man ist treffsicher und man hilft sich. Jeder guckt jeden an: totale Kommunikation über Sichtkontakt. Kommt wer raus, tüddelt wer rum, helfen die anderen sofort. Verspieler werden zum schönen Erlebnis. Man merkt: diese Musik ist noch nicht dem Modernisierungswahn zum Opfer gefallen.
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Paule ganz rechts guckt immer so ernst: und wieso sitzt er ganz rechts? Er macht jedenfalls nicht die Einsätze. Er improvisiert sich manchmal in die Stücke hinein. Paule spielt Hohner, Concerto III T. Überhaupt überwiegen die kleinen und leichteren Instrumente. Zweimal Zuppan und ein altes Hohner weissnichwas. Das Schlagzeug ist bunt zusammengewürfelt: typische Hardware der 50iger: dünn, spinnenbeinige Bassdrum. Aber eben leicht transportierbar. Nur das Notwendigste: Bassdrumm, Snare, eine Tom und zwei Cymbals rechts und links. Die Hihat wird kaum benutzt. Und wenn, dann schlägt Herbert sie im geschlossenen Zustand.
Nach einer weiteren Pause nimmt ein Organisator das Mikrofon :“Sooo…., ....liebe Oldies…jetzt spielt ihr bitte noch mal ganz feierlich ...ganz feierlich!.....ein oder zwei Weihnachtslieder hier so zum Abschluss. Und entschuldigt bitte, dass ihr hier auf der Bühne frieren musstet, der Wind ist heute ja so kalt, aber ihr habt das gut durchgehalten!“ Herbert grinst und denkt sicherlich feierlich an die Wachholder-Schnäpsken.
Die Band intoniert nun „Stille Nacht, heilige Nacht“. Nach den anscheinend obligatorischen drei Strofen hebt Willi am Akkordeon zwei Finger und guckt Richtung Herbert: aha, zwei Durchgänge mehr und um so feierlicher wird es. Herbert nickt ernst, sein Schlagzeugspielen wird jetzt auch feierlich. Bevor er wo drauf schlägt, guckt er ganz genau hinb,....ob das auch der richtige Moment dafür ist. So viele Schnäpsken und immer noch schlagfest…Mann Mann…denke ich.
Wir kaufen noch einen Stutenkerl (den gibt’s in Westfalen zum Nikolaustag und inzwischen hat ihn die Katze halb aufgefressen, weil sie komplette westfälische Stutenkerle nicht ab kann) und entfernen uns langsam während des fünften Durchgangs von „Stille Nacht…“
....ach, ob das da voll war vor der Bühne, wollt Ihr wissen?...Nä! Ganz leer. Eigentlich waren wir die einzigen beiden und manchmal noch ein paar Kinder. Aber wegen der Anlage hörte man die „Oldies“ ganz gut überall. War auch nich so schlimm, denke ich. Nach 10 Minuten Spielen gabs ja immer ein paar Schnäpsken, das wärmt auch. Man muss ja unbedingt was gegen die trockene Winterluft unternehmen, wenn man so in Enger aufm Adventsbummel Musik macht!
Kurz vorm Parkplatz sehen wir noch einen riesigen Granit-Findling und die Inschrift mahnt „gegen den Nazi-Terror“...“vieles hat sich jetzt geändert hier“ sagte der nette Herr vom Kleinbahn-Museums-Verein. Ich finde: das stimmt. Der Stein ist gut! Sowas hätte es hier früher nicht gegeben!
(Fotos M. Rzeszut)