Freitag, 18. Mai 2007
Das Mobiltelefon als Reisebegleiter für Straßenmusikanten
Fluch oder Segen? - oder: wie mobile Informationstechnologie auf die Reiselust wirkt.
Es ist Donnerstag der 17.Mai. Nach drei Monaten Reisepause in Tübingen, bin ich nun wieder unterwegs. Momentaner Aufenthaltsort ist Kristiansand im Süden Norwegens. Gestern bin ich mit der ColorLine-Christian IV von Dänemark aus hier eingetroffen.
Mein alter VW-Bus läuft übrigens immer noch sehr gut, und hat mich bisher noch nie im Stich gelassen. Toll, diese alte deutsche Wertarbeit! [ehäm!...88 gabs sowas nich mehr! d.Sätzer]
Früher, da soll wohl eh alles besser gewesen sein!? Baujahr1988 ... das verrät der Fahrzeugschein über mein rollendes Schneckenhaus. 1988 ... da war ich 9 Jahre jung, kam in die vierte Grundschulklasse, und der Bus in dem ich lebe begann wohl seinen Dienst bei der Marine.
Damals war mein bester Freund der Schelm Michi, welcher mich zu allem möglichen und unmöglichen Unsinn anstiftete. Heute, und vor allem jetzt, ist es mein emailfähiges Mobiltelefon.
“Was!?” fragt sich jetzt bestimmt der ein oder andere. Aber ja, ihr habt richtig gelesen. Es ist ein finnisches Gerät mit der Bezeichnung 6800. Für heutige Maßstäbe ist es ganz schön groß. Doch wenn man es einmal kennenlernt, weiß man auch warum. Es ist nämlich aufklappbar. Und zwar kann man die Tastatur um 180° nach oben über das Display klappen. Nun erscheint die Anzeige in dem kleinen Bildschirm um 90° verdreht, und wenn man das Telefon nun auch entsprechend dreht, befindet sich links und rechts der Anzeige eine nahezu komplette Computertastatur. Bestens dafür geeignet, im kleinen Maßstab lange Texte zu schreiben, und diese als Email zu versenden. Emailempfang ist natürlich auch möglich.
Doch wie ist das nun mit der Freundschaft zu diesem Plastikding mit HiTech drin?
Also, ich weiß nicht mehr genau wer mit dieser Beziehung zueinander angefangen hat. Doch im Augenblick will dieses 6800 mehr mein Freund sein, als es mir manchmal lieb ist.
Das macht sich dadurch bemerkbar, dass es sich immer wieder ungefragt in meine Hände schmiegt und von mir gedrückt werden will. Das nutzt es besonders dann aus, wenn es merkt, dass ich nicht so sonderlich gut drauf bin, und von dem Dasein nicht voll erfüllt bin. Mich dagegen zu wehren fällt mir auch schwer, und wie geistesabwesend fange ich an wie wild zu drücken, und Emails in alle Welt zu senden, und von dort aus natürlich auch zu empfangen. Unglaublich, was alles möglich ist. Und das Verrückte daran ist, dass das Senden dieser Daten viel weniger als’n Appl und’n Ei kostet.
Ich bin gerade auf Reise. Alleine. Na ja, nicht ganz alleine. Silvetta (mein Akkordeon), und eben dieses Mobiltelefon sind ja dabei. Doch im Moment fühle ich mich schon ein wenig einsam. Und aus dieser Einsamkeit heraus, nehme ich besonders häufig Kontakt zu meinen lieben Bekannten und Freunden in aller Welt auf. Verschlüsselt in unzählige Einsen und Nullen.
Recht bald gibt es dann auch eine Antwort.[...oder auch nich! d.Red.] Die lese ich, und für einige Minuten fühle ich mich nicht mehr einsam. Da bin ich mit meinen Gedanken bei jenen Menschen in der Ferne, und sehne mich womöglich nach dem, was gerade nicht ist.
Da bin ich dann gar nicht mehr dort, wo ich bin. Obwohl es dort wo ich, bin eigentlich ganz schön ist. Schöne Landschaft, schönes Wetter, gemütlicher Bus, Silvetta, was zu Essen ... Ist doch alles bestens!
Doch dieses Telefon (Multifunktionshitechding), schafft es immer wieder mich davon abzuhalten, mich auf den Ort einzulassen an dem ich mich gerade befinde. Statt auf Menschen einzugehen die ich hier treffe, gehe ich auf Menschen ein die ich nicht treffe. Statt eine ausgiebige Wanderung zu unternehmen, hänge ich ausgiebig in meinem kleinen Bus und tippe.
Ob mir es lieb ist oder nicht. Die gemeine Handysucht, sucht auch mich gelegentlich heim.
Denn es ist nicht immer so. Meistens dann, wenn ich gerade nicht so viel zu tun habe, und auf Silvetta auch keine Lust habe. Morgen sieht der Tag bestimmt wieder ganz anders aus. Da gehe ich runter in die Stadt, und spiele mit schwedischer Musik norwegische Kronen ein. Bei Straßenmusik ergeben sich oft ja einige Plaudereien und sogar nette Kontakte. Und nebenbei füllt sich der Geldbeutel.
“Früher war alles besser” [ach nee! d.Red.]
Ja wie war das denn damals? Mein lieber Herr Akkordeonlehrer? Vor ca.30 Jahren waren Sie doch selbst als Straßenmusikant lange Zeit unterwegs. Wie war denn das, als es diese mobile Kommunikation noch nicht gab, und Ihnen mal die Decke im Miniwohnmobil auf den Kopf fiel? [es gab diese Telefonzellen! Die futterten das Kleingeld auf. M.R.]
Na schön, ich habe auch Bücher dabei. Nur leider viel zu wenig lesenswerte Exemplare. Und manchmal ist diese technische Errungenschaft auch wirklich praktisch. Da werden mir z.B. Emailadressen von netten Leuten gegeben, bei denen ich auf meiner Tour einkehren könnte, und habe schnell Kontakte gefunden.
Und die Freunde in der Ferne freuen sich ja auch über ein Lebenszeichen von mir.
Aber ich glaube das nächste Mal wenn ich eine solche Tour unternehme, lasse ich dieses kleine Ding lieber zu Hause manchmal fängt es nämlich wirklich an zu nerven, und ich mache auch noch mit.
Statt dessen wäre es doch viel schöner an sich viel mir nach draußen zu gehen, und Land und Leute kennen zu lernen. Aber ich bin eben auch gerne bequem und liebe das was ich habe und kenne.
Du meine Güte, wie muss es bloß den Straßenmusikern gehen, die ganz doll daheim verliebt sind, und auch so ein tolles Telefon wie ich haben? [genauso wie Dir, Arno! d. Sätzer]
Ich möchte nicht dran denken! [..hier verrätst tu tich! d. S.]
Wenn ich an deren Stelle wäre, würde ich bestimmt wieder zurück nach Hause fahren
[das könnte jetzt durchaus wer Nette in TÜ ernst nehmen! d.S.]
Sende Euch musikalische Grüße aus Norwegen, und eigentlich bin ich ganz reiselustig.
Der Arno.
[Anmerkung der TÖNCHEN!-Redaktion: das Foto wurde nicht im Archiv verwechselt! Es stellt NICHT Rudi Dutschke während einer seiner spektakulären Reden im Jahre 1966 dar! Beweis: Rudi spielte niemals Silvetta-Akkordeon, besonders nicht, wenn er Reden sprach. Und falls zufälligerweise doch, so auf jedenfall nicht verkehrt rum. Ausserdem wurde das Foto der Redaktion kürzlich von Anja Mildner aus Tübingen zugespielt. Und das widerlegt schliesslich alle Gerüchte, es handele sich bei der dargestellten Person um Rudi Dutschke! Denn Rudi Dutschke war 1966 schliesslich in Gretchen Klotz verliebt!]