Donnerstag, 1. September 2011
Das Massaker von Wielun
Heute vor 72 Jahren begann die Okkupation Polens
Am 1. September 1939, am Morgen eines warmen Spätsommertages zerbombten die Nazis mit Sturzkampfbombern und ohne jede Vorwarnung das kleine Städtchen Wielun, etwa 20 km östlich der deutsch-polnischen Grenze gelegen. Die 13 000 Einwohner wussten nichts von Krieg oder Besatzung und waren der Situation hilflos ausgeliefert. Es gab keine Bunker oder Sirenen. Die Innenstadt wurde zu 70% in Schutt und Asche gelegt, darunter ein Krankenhaus. 1300 Menschen - 10% der Einwohner - wurden so ermordet.
Die Menschen - Babys, Kinder, jüngere und alte Menschen, kranke und gesunde - verbrannten, eingeklemmt unter den Trümmern ihrer Häuser. Sie schliefen friedlich, ...und plötzlich war alles aus.
Warum???
Weil ein Wahnsinniger 1933 die Macht bekommen hatte und Millionen Deutsche ihm huldigten, blind vor Führerverehrung.
Wie konnte das passieren?
Führerverehrung und quasi willenlose Abhängigkeit der Menschen vom Führer wurde mit psychologisch perfektionierter Taktik per Gleichschaltung aller Informationskanäle erzeugt. Wer kritisch war oder anders dachte wurde aus dem Land geekelt oder gleich umgebracht.(...und trotzdem leisteten Mutige unter Einsatz ihres Lebens Widerstand!) Rhetorische Drohgebärden, eine menschenverachtende Rassen-Theorie, “schneidiges Auftreten” und billige Abenteuerlust und Ostfahrt-Romantik - das waren die Mittel der Gehirnwäsche und damit konnte man kritiklose und entwurzelte Menschen für sich und für die Idee einer Okkupation Polens begeistern.
So einfach ist das also?
“Ja! - Ja, ganz einfach… wenn keiner aufpasst!” sagte mein Vater, Jahrgang 1925.
Warum denn gerade Polen?
Es war die Sache mit der “Ostlandfahrt”! Der Bestsellerautor Hans Grimm hatte sich 1926 mit seinem Roman “Volk ohne Raum” kurz mal so ausgedacht, dass “der natürliche Siedlungsraum des deutschen Volkes” weit über die Reichsgrenzen nach Osten und bis hin zum Ural gehen könnten - warum eigentlich nicht? Wer sollte und könnte denn das Gegenteil beweisen? Grimm war Rassist und dachte sich diese Theorie in Südafrika aus, wo deutsche “Kolonialherren” hemmungslos die angestammte Bevölkerung ermordeten um Platz für Farmen zu gewinnen.
Etwas früher schon hatte z.B. der heute immer noch von Regionalgeld-Fanatikern verehrte Silvio Gesell seine “Freiland”-Theorien für südamerikanische Kolonien angedacht. Beiden gemeinsam ist, dass man sich hemmungslos bei Gastvölkern mit Land bedienen und sie dann durchaus abschlachten darf wie Vieh. Anschließend “gehört” einem das Land und man hat es “auf natürliche Weise” bekommen - per “Schicksal”, “Fügung”...oder weil man sich als “Herrenmensch erster Klasse” fühlt und sich das sog. “Recht des Stärkeren” nimmt.
Die Nazis hatten Zeit genug, ihre Propagandamaschine zu programmieren: 13 Jahre nach Grimms Bestseller und eben im Jahre des Massakers von Wielun finden wir z.B. im Liederbuch des BDM (Bund deutscher Mädel) Lieder wie “Brüder, wir ziehen im gleichen Schritt” mit den aufschlussreichen Zeilen: “Voran zum Ziel! nehmt alle mit! Wer einzeln steht, den holt der Feind, wir siegen oder fallen vereint, wir brauchen jede deutsche Hand für Volk und Land.” Ferner hatten “die Mädels” das “Ostland-Lied” zu singen (“nach Ostland wollen wir reiten…da ist uns ein bessere Stätt!”) [“Wir Mädels singen”, Berlin 1939, S.173]. Ein anderes Lied heisst “Nach Ostland geht unser Ritt”: ”...auf,Brüder, die Kräfte gespannt: wir reiten in neues Land…Hinweg mit Sorge und Gram! Hinaus aus Enge und Schwüle!...” [ebenda, S.174]
Die gleiche Botschaft versuchte der noch in den 1950/60iger Jahren vom Bildungsbürgertum als netter, harmloser Hausmusikpoet und Jugendbuchautor verehrte Hans Baumann (Gerhard-Hauptmann-Preisträger 1959) beim damaligen “Jungvolk” zu landen: “In den Ostwind hebt die Fahnen, denn im Ostwind stehen sie gut, dann befehlen sie zum Aufbruch, und den Ruf hört unser Blut. Denn ein Land gibt uns die Antwort, und das trägt ein deutsch Gesicht, dafür haben viel geblutet, und drum schweigt der Boden nicht.” [ebenda, S.175]
Baumann dichtete auch dies: “Nun wird zu eng das weite Land, der Boden zu hart. Dort steht der Morgen wie ein Brand zu guter Fahrt. Nach Ostland führt der Wind! Drum Weib und Kind und Knecht und Gesind auf die Wagen und auf die Pferde. Wir hungern nach frischer Erde und spüren den guten Wind” [“Die Ostlandfahrer”, ebenda, S.176] Die Schwester meiner Mutter war in Klasse 3, als sie dieses BDM-Liederbuch bekam und ab sofort diesen Schrott singen musste…
Mein Vater war 1939 vierzehn Jahre alt und Mitglied der HJ (Hitlerjugend). Er sang mit Inbrunst - weil es so cooler war - Baumanns 1932 entstandene Lied von den “morschen Knochen” mit der Zeile: “Heute gehört uns Deutschland, morgen die ganze Welt”. Dass ich das weiß, habe ich nur dem Glück zu verdanken, dass mein Vater 1945 und zwanzig Jahre alt vor den britischen Flammenwerfern an der Westfront irgendwo bei Geldern ausreissen konnte und sich nicht im wahrsten Sinne des Wortes für den Hitlerstaat verheizen ließ...und wenn er das Lied von den “morschen Knochen” zitierte, verzog sich sein Gesicht zu einer grausigen Fratze. Die Nazis hatten ihn fertig gemacht.
Diese paar Zitate reichen vollkommen, um die Antwort auf die oben gestellte Frage - “wie konnte das Massaker von Wielun passieren?” - zu geben: vom Baby bis zum Greis wurden unsere Vorfahren gehirngewaschen und für einen Einmarsch in Polen eingestimmt und vorprogrammiert. Lieder wie oben zitiert hallten durch Grundschulen und Gymnasien. Und durch reichsdeutsche Wohnzimmer aus Volksempfängern, die Goebbels allein zu Propagandazwecken bauen ließ. Das erste Modell dieser sog. “Goebbelschnauzen” hieß nicht umsonst VE301 nach dem 30.Januar 1933, dem sog.“Tag der Machtergreifung”. Besonders die Jugend hatte man psychologisch im Griff: neben Uniform und dem Zwang zur Mitgliedschaft in paramilitärischen Jugendbünden gab es auch Bücher wie “Jungen, eure Welt!” oder Bilder über diese besonders geilen Sturzkampfbomber mit ihren starken Motoren…
Eroberungs und Kampfeslust wurde besonders gern mit Liedern und im trauten Beisammensein erzeugt. Suggestiv waberte Fahrtenromantik um die Lagerfeuer: neues Land und Wind, Blut und Fahnen illustrierten die Doktrin der Landnahme. “Wer einzeln steht, den holt der Feind” - welcher Feind sollte das denn sein…? Fragen verboten! Es ist wie es ist! “Und wer anzuzweifeln wagt, was die Obermaid, der Fähnleinführer oder der Führer sagt, der machte sich dadurch sofort zum Feind”, erzählte mir mein Vater.
“Hinaus aus Enge und Schwüle” war das Rezept, der geschwächten Wirtschaft der Weimarer Zeit und der großen Arbeitslosigkeit zu entkommen. Und der Weg in den “deutsche Osten” führte leider durch das kleine verschlafene und wehrlose Städtchen Wielun…Kollateralschäden, würde man heute sagen.
Es klingt nach Wahnsinn, ist aber wahr: diese Ostland-Lieder werden und wurden in Neonazi-Jugendorganisationen wie der HDJ (Heimattreue deutsche Jugend) oder dem “Freibund” weiterhin mit Inbrunst gesungen…nur fällt es kaum einem auf. Oder vielleicht nur denen, die solche Mütter und Väter haben wie ich…und wir werden leider immer weniger.
Das Rezept zur Macht ist ganz einfach: möglichst viele und junge Menschen dazu bringen, sich selbst und ihre “Rasse” und ihre “Nation” am wichtigsten zu finden. Mit der Warnung vor ”Überfremdung” - dieses Unwort wird bis heute gern genutzt - wird Angst und Hass geschürt, was wiedrum zu diffusen Feindbildern bei denjenigen führt, die natürlich nicht “einzeln stehen” möchten, weil sie dann ja “vom Feind geholt” werden könnten. 1939 war der Feind neben “dem Juden” eben auch “der Pole”!
Ist das Feindbild klar genug, wird ein Vorwand inszeniert. Einen Tag vor dem Massaker von Wielun lief das wochenlang von Heydrich und Hitler vorbereitete “Unternehmen Tannenberg”: als polnische Partisanen verkleidete SS-Leute überfielen den schlesischen Sender Gleiwitz und suggerierten einen Aufstand der polnischen Minderheit. Man hatte nun einen “Vorwand” für den Einmarsch in “neues Land”, ganz Deutschland entrüstete sich.
“Dann befehlen sie zum Aufbruch” dichtet Baumann…wer? Die Vollstrecker der Macht. Die gibt es in jeder Diktatur haufenweise. Ist das gelungen, erledigen Bomben und Schusswaffen den Rest…
Etwa 25% der damaligen polnischen Bevölkerung wurde im Weltkrieg II von Deutschen und Russen ermordet. Wir hoffen, dass solche Greueltaten niemals wieder geschehen. Wir müssen allerdings aufpassen, dass sie nie wieder geschehen können und dies ist eine Forderung und ein Gebot!
Meinem Vater Hasso Bartling (1925 bis 1982) bin ich äusserst dankbar, dass er mir die psychologische Mechanik der Hitler-Diktatur aus seiner Opferrolle heraus verständlich machte und mich zu einem politisch äusserst sensiblen und kritischen Menschen erzog. Vom Einmarsch in Polen erzählte er mir eines Sonntagsmorgens im Jahre 1968 am Frühstückstisch - ich war damals 14 Jahre alt, so alt wie er, als die Bomben auf Wielun fielen. Ich habe damals - als ich das alles hörte - wirklich nicht geglaubt, dass ich dieses unschöne Wissen einmal wieder auskramen und darüber schreiben werde. Auch, dass in meinem Lautensach-Schulatlas damals Polen als “Ostdeutschland” bezeichnet wurde, habe ich belächelt und auf keinen Fall als politische Manipulation der Nachkriegsgeneration gewertet….die sie aber zweifelsohne war…
“Nie wieder Krieg!” scheint heute vergessen. Wer sich offen gegen den Afghanistan-Krieg ausspricht, wird wegen mangelnder Solidarität mit den Nato-Verbündeten kritisiert. Als ob es keine humanitäre Hilfe in Krisengebieten gäbe, keine Ärzte ohne Grenzen. Es scheint um mich herum der primitive Grundsatz zu herrschen: wer nicht mitballert ist doof und gehört nicht mehr zu uns. Unglaublich!
Wehret den Anfängen! - Dieser alte Spruch unserer Eltern und Großeltern ist topaktuell. Nicht nur wegen der überall aus ihren Startlöchern kriechenden Nazis, sondern auch, weil die Bereitschaft für und die Gewohnheit an Krieg in diesem Lande wieder überall spürbar ist: einem generellen NEIN zu Krieg wird nur mit wenigen Ausnahmen widersprochen. Der Waffenhandel blüht und wird stillschweigend geduldet. Arbeitslosigkeit, schwache Wirtschaft und die damit stets verbundene Entwurzelung des Menschen könnten wieder einen idealen Nährboden für Machtdoktrinen und Gehirnwäsche abgeben. Auch die Qualität der Volksempfänger hat sich während der letzten 72 Jahre erschreckend perfektioniert…
Käthe Kollwitz schrieb im Dezember 1941 in ihr Tagebuch: “1918, als Richard Dehmel zum Weiterkämpfen bis zum Weißbluten aufrief, schrieb ich eine Entgegnung. Ich schloß sie mit den Goetheschen Worten aus dem Lehrbrief: ‘Saatfrüchte sollen nicht vermahlen werden.’...ich zeichnete also noch einmal dasselbe: Jungen, richtige Berliner Jungen, die wie junge Pferde gierig nach draußen wittern, werden von einer Frau zurückgehalten. Die Frau (eine alte Frau) hat die Jungen unter sich und ihren Mantel gebracht, gewaltsam und beherrschend breitet sie ihre Arme und Hände über die Jungen. ‘Saatfrüchte sollen nicht vermahlen werden!’ Diese Forderung ist wie “Nie wieder Krieg!’ kein sehnsüchtiger Wunsch, sondern Gebot, Forderung.” [Käthe Kollwitz, Aus Tagebüchern und Briefen, Berlin 1959]
Wir trauern und gedenken heute besonders der Toten von Wielun. Auf sie entlud sich der Hass zuerst. Wir vergessen ihre Schicksale nie! Und diese Botschaft geben wir bitte, bitte weiter!
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Die Abbildung: Lithographie von Käthe Kollwitz, 1942, “Mutter beschirmt ihre Kinder - Saatfrüchte dürfen nicht vermahlen werden.” gescannt aus Käthe Kollwitz, Aus Tagebüchern und Briefen, Berlin 1959, Abbildung 22