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Montag, 5. Februar 2007

Danke für den Kommentar, Martin Marheinecke!

...und darauf auch eine Antwort

Lieber Martin Marheinecke,

ich freue mich über Ihren offenen und ehrlichen Kommentar zu meinem TÖNCHEN! - Artikel. Ich war eben auch in Ihrem Blog “MMs Senf” und lese da weitaus vertrautere Töne als bei Asartru. So kann man sich täuschen, lieber Antfa-Kollege! Interessant ist hier nun aber auch, wie solche Missverständnisse überhaupt entstehen können. Das dürfte ja auch Ihnen nicht egal sein, wo Sie sich doch so für Asatru einsetzen!

Nichts für ungut und wirklich kein Grund, Streit anzufangen: im Zusatz ”...den auch Herr Rieger mögen müsste” habe ich wirklich nicht beabsichtigt, Sie oder Ihre Kollegen, die sich diesen Gedanken verbunden fühlen, direkt anzugreifen oder Sie etwa in Ihrem religiösen Selbstverständnis zu treffen. Ich meine auch, dass Sie sich da persönlich nicht verletzt fühlen brauchten, denn es geht doch nur um “die Sache”! Nur die habe ich gemeint und Sie persönlich kannte ich garnicht. Allerdings habe ich “die Sache” subjektiv und aus meiner Sicht dargestellt und diese Art von Journalismus ist vollkommen legitim. In “MMs Senf” arbeiten Sie genauso und die Artikel sind entsprechend erfrischend und enthalten auch einen gewissen Humor, den zu behalten immer gut ist.

“Die Sache”? - ich meine dieses Germanengerede! Herr Rieger dürfte an der Vielzahl der Thesen über “das Germanische” Spass haben und an einer gewissen Unwissenschaftlichkeit mancher Thesen. Denn damit lässt sich in braunen Kreisen fürtrefflich arbeiten und das hat sogar Tradition. Das habe ich gemeint! Und auch an der Tatsache, dass Riegers Blog und Normirs Aett beide bei der Google-Suche unter “Asatru” zu finden sind: inhaltlich gibt es durchaus Parallelen…eben: was die Sache betrifft. Da geht es um Germanen, Germanen, Germanen…und die Begeisterung für Germanisches.

Ganz ehrlich: nachdem ich bei der Recherche zu meinem Blog-Artikel Herrn Riegers Asatru-Seite verdaut hatte, guckte ich mir die Normirs Aett - Foren (ja, Gjallarhorn ist schon ziemlich abgefahren…!) durch, war verblüfft von der sehr ähnlichen Aufmachung…und dachte: noch son Naziblog…ach herrje! Begriff dann aber (“selber denken!”) bald, dass das bei Normirs Aett irgendwie anders gelagert ist. Die Sprach-Floskeln entstammen nicht direkt den 30iger Jahren des letzten Jahrhunderts. Man geht sogar gegen die Nazi-Formulierungen diskutierend vor. Dennoch wird “das Germanische” bei Normirs Aett im Übermass gepredigt. Ich sehe eben deshalb da im Normirs Aett - Blog - Komplex eine ähnliche Fixiertheit auf das Germanen-Thema wie in Riegers Blog. Und um “diese Sache” geht es mir, weil das ist Sprengstoff und weil das Übertonen eines rein fiktiven und niemals dagewesenen “Germanentums” neuen Nationalismus hervorbringt. Der wiedrum Aggression auslöst mit Glaubenskriegen und Sozialdarwinismus.

Herr Rieger zitiert und verherrlicht in seiner “Nordischen Zeitung”, “Artgemeinschaft” oder “Asatru.de” die Germanen bzw. “das Germanische” endlos. Und das ist letztlich auch - ich bitte vielmals um Entschuldigung! -das Gefährliche bei Normirs Aett. Denn mit dem Fixiertsein auf ein einziges Thema (das kommt meistens vor “Verherrlichung”) wird es schon gefährlich und Missverständnisse treten - wie Sie sehen - sofort auf. Auch Nationalismus ist ohne Verherrlichung nicht denkbar. Da braucht es dann auch schon akribische Forschungsarbeit, um den einen Asatru-Verein vom anderen Asatru-Verein zu unterscheiden - zumal beide noch zu “Naturreligion” aufrufen. Wenn Sie so wollen habe ich genau da vielleicht nicht gut genug recherchiert, aber vielleicht so gut wie ein durchschnittlicher Antifa-Internetsurfer beim Nazi - Research…. Insofern freue ich mich wirklich um Ihre Gegendarstellung. Was trotzdem bleibt, ist ein fader Geschmack. Muss man denn eine Naturreligion der Gegenwart eigentlich an “altnordischen Mythen” (die wir ohnehin nur ungenau interpretieren können) aufhängen? Dann kann diese Religion ja nicht sehr tragfähig für das Hier und Jetzt sein.

Beiträge über praktische Archäologie, eisenzeitliche Technologie, Rekonstruktionen des Alltags in der Eisenzeit aufgrund der zahlreichen Funde…das wären doch eigentlich Themen, die Ihnen liegen, Herr Marheinecke, stimmts? Sowas würde wie Wikingertage oder Mittelalterfeste irgendwie Hand und Fuss haben und nicht so “gestrig” anmuten: wir leben doch in der Gegenwart, Mann, und nicht im frühen Mittelalter oder gar in der Bronzezeit! Das Denken, Fühlen und der Glauben dieser gewesenen Populationen und all diese beleglosen Helden- und Ehr-Phantasien ...was gebt Ihr Euch damit ab? Es war sowieso alles ganz anders, als man so im rezenten Wohlstandseuropa denkt.

Nach längerer Lektüre in Normirs Aett erlaube ich mir also nun folgenden gutgemeinten Rat - bitte, ohne Sie irgendwie provozieren zu wollen! - :es wäre vielleicht auch an der Zeit, Ihren Asatru-Verein vom germanischen Überschwange oder von der Fixiertheit auf Germanisches ein wenig zu befreien. Dort wird sehr vieles behauptet, das wissenschaftlich überhaupt nicht relevant ist. Allem voran die Gewohnheit, schon für die Bronzezeit die Existenz von “germanischen Stämmen” anzunehmen, obwohl sich direkte Belege für diese Bezeichnung mit einiger Vorsicht erst für die Eisenzeit finden lassen: mit der Jastorf-Kultur am Übergang von Hallstatt- zur Laténe-Zeit. Vorher nicht! Und daran ändern auch keine neuen Ausgrabungsergebnisse was. Man sollte da m.E. gründlicher arbeiten und Literatur zu diesem Thema in voller Bandbreite lesen. Die Bibliotheken der Ur- und Frühgeschichte stehen zur Verfügung und man kann erst “so war es” sagen, wenn man ein Thema nach allen Regeln der wissenschaftlichen Diskussion aufgearbeitet hat bzw. Autoren zitiert, die dies getan haben.

Ein Beispiel:  Sie schreiben:“Die neuere ethnologische und historische Forschung hat diese alte Annahme längst widerlegt: germanische Stämme definierten sich nicht über reale Blutsverwandtschaften, sondern spirituelle Bindungen.” - Woher haben Sie das? Wen zitieren Sie denn? Archäologisch gesehen definieren sich germanische Stämme meines Wissens immer noch hauptsächlich über ihr “Inventar” (Sachbesitz), typologische Parallelen im Formenreichtum von Verzierungen von Pötten, Werkzeugen und Grabbeigaben und die entsprechenden Verbreitungsgebiete dieses archäologischen Materials. Die Ethnologie kann sich garnicht mit Germanen beschäftigen, da diese heute nicht als ethnisch beschreibbare ethnische Gruppe vorhanden sind. Ausserdem haben wir nur ein paar spärliche historische Quellen und kennen allenfalls ein paar Stammesnamen von römischen Reisenden. Aber sonst echt nix! Wir wissen, dass germanische und keltische Ethnien gelebt haben müssen und dass sie künstlerisch, handwerklich und händlerisch aktiv waren. Man vermutet Clanstrukturen. Aber wir können nicht archäologisch feststellen, was sie gedacht und geglaubt (im religiösen Sinne) haben. Und wir müssen uns einfach mit dieser spärlichen Quellenlage zufrieden geben. Aber bitte keine neue Pseudo-Quellenlage schaffen um etwa abzurunden, was nicht abzurunden ist. Überlassen wir das doch den Wissenschaftlern!

Allerdings hat man während des Dritten Reiches und im Zuge der sog. Gleichschaltung versucht, den Grundsatz: “die wahre Kultur kommt aus dem Norden!” und vor allem die These von der rassischen Überlegenheit der Deutschen aufgrund ihrer kämpferischen “germanischen Vorfahren” mit archäologischen Befunden zu belegen. Alles gelogen! Was unter dem “Amt Rosenberg” und unter dem Deckmantel der Wissenschaft zusammenphantasiert wurde, ist alles Quatsch und wurde früh korrigiert. Aber es gibt soweit ich weiss bis heute noch keine gute Monografie über die Lage der Ur- und Frühgeschichte zur Zeit des “Amt Rosenberg”...das wird auch noch ein paar Jährchen dauern, weil dies Thema so peinlich ist für die Archäologen in Schleswig-Holstein und Niedersachsen.

Sicher ist jedenfalls, dass wir “den Germanen” allein nicht allzuviel Bedeutung beimessen müssen, wenn es um die Vor- und Frühgeschichte Mitteleuropas geht. Mit unseren Vorfahren sah es überaus vielfältig aus, um nicht zu sagen: multikulturell. Jäger und Sammler der mittleren Steinzeit, unzählige für uns namenlose und staatenlose Siedler und Ackerbauern in Stein-, Bronze- und Eisenzeit, Germanen, Kelten, Slawen und Wikinger sowie zahlreiche etwa auf der Seidenstrasse wandernde Händler und Handwerker aus dem Orient sowie Seefahrer aus dem Mittelmeerraum prägten das vor- und frühgeschichtliche Mitteleuropa nachweislich und zahlreiche Importfunde beweisen das.

Die Anbindung Mitteleuropas an den Mittelmeerraum beispielsweise belegen bereits Funde aus der Bronzezeit , wie etwa die Bronze-Tasse von Dohnsen. Dazu im Anhang einen Leserbrief , den ich vor einiger Zeit an den SPIEGEL schrieb und aus dem auch meine Ansichten über “die Germanen” klar hervorgehen - vom SPIEGEL kam übrigens keine Reaktion… Und bekannt wurde diese Mittelmeer-Sympathie zu Beginn der 1960iger Jahre! In der Ur- und Frühgeschichte hat man sich danach zunehmend daran gewöhnt, unsere Uralt-Vorfahren mehr als “europäisch” zu betrachten und aus den “Indogermanen” wurden dann auch folgerichtig die “Indoeuropäer”.

Begonnen hat dieses Schwafeln über Germanen und pseudowissenschaftliche Hinbiegen von ungesicherten Fakten aber schon viel früher im Zuge des Nationalismus des 19. Jahrhunderts (etwa in den sog. “Altertumsvereinen”) und das Hermannsdenkmal ist ein sichtbares Dokument dieses nationalistisch begründeten Überschwangs mit aggressiver Note:  Hermann fuchtelt mit seinem Schwert bekanntlich gen Paris! Wann wird dat Dingen endlich mal abgerissen?!

Also kurz gesagt: jeder, der versucht, aus Hypothesen, Vermutungen, überalterten Denkmodellen oder zusammenhanglosen Fakten (letzteres kommt am häufigsten vor) ein glitzerndes Bild von “Germanenreligion”, “Germanenkultur” (soweit es sich nicht auf die Sach-Kultur bezieht) oder “germanischem Denken” zu basteln, landet hilflos im Nichts, wenn er ehrlich ist. Oder in den destruktiven, kämpferischen Ideologien der Germanenverfechter! ....wenn er ein Nationalist sein will. Es wäre besser, auf dem Boden der wissenschaftlich gesicherten Sachverhalte zu bleiben, archäologische Funde realistisch zu deuten und spärliche literarische Quellen nicht überzustrapazieren.

Natürlich gibt es auch in der neueren Ur- und Frühgeschichte merkwürdige Tendenzen zu esoterischen Deutungen. Ich war erstaunt, wie jene Sonnenscheibe von Nebra (die neulich auch Riegers Website schmückte) von angeblichen Wissenschaftlern geradezu unwissenschaftlich interpretiert wurde. Es sei jedem erlaubt, seinen Senf zu solchen Bronzescheiben zu verzapfen, doch entscheidet immer eine Mehrzahl von Fachleuten letztlich über die wissenschaftliche Relevanz oder Nicht-Relevanz dieser Senfsorten. Und das niemals übereilt.

Und kämpfen wir beide gegen Rechtsextremismus, so müssten wir da beide einig sein, so wahr wir Martin heissen!

Mit freundlichen Grüssen,

Martin Rzeszut

Geschrieben von Martin Rzeszut am 5. Februar 2007 um 23:11 Uhr

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