Donnerstag, 20. Dezember 2007
Chromatisches Knopfakkordeon System C-Griff
Umfassende Didaktische Überlegungen zum Diskantspielfeld Teil 1

Immer wieder erreichen mich Mails und Anfragen zum Thema Chromatisches Knopfakkordeon (im Folgenden abgekürzt als CKA bezeichnet). Die einen möchten wissen, warum es gegenüber dem Pianoakkordeon (PA) grifftechnisch Vorteile bietet, die anderen interessiert die Frage, ob sie sich für „B-Griff“ oder „C-Griff“ entscheiden sollen.
Der Winter ist immer eine kreative Zeit für Menschen, die sich mit einem neuen Instrument anfreunden wollen. Weihnachten steht vor der Tür und auch Akkordeons liegen alljährlich auf Gabentischen. Warum denn immer nur Pianoakkordeons?
Ich möchte deshalb hier einmal ausführlicher die Diskantfeld-Logistik des von mir bevorzugten C-Griff-Systems behandeln. Die Unterschiede zwischen C- und B-Griff sollen ebenfalls kurz angesprochen werden. Gegenstand der Betrachtung ist hauptsächlich das fünfreihige CKA. Um es gleich vorweg zu sagen: das fünfreihige CKA ist die älteste Knopffeldkonzeption und das dreireihige entwicklungsgeschichtlich ein Derivat des fünfreihigen. Die Tonarten F-Dur und D-Moll sowie C-Dur werden auf dem Dreireiher gern gespielt. Auf dem Fünfreihigen lassen sich alle Tonarten spielen.
Kern dieses Artikels ist einmal Material, dass ich als freier und unabhängiger Musiklehrer in erster Linie für meine SchülerInnen konzipiert habe. Das wurde dann bewusst so erweitert, dass auch AkkordeonlehrerInnen (die etwa dem Akkordeonlehrerverband angehören) daraus für sich einigen didaktischen und methodischen Nutzen ziehen dürften.
Eine gewisse Unzufriedenheit mit der immer noch herrschenden bundesdeutschen Lehrmeinung - das Chromatische Knopfakkordeon C-Griff wäre zunächst nur dreireihig und dürfe möglichst keinen Standardbass haben - machte diesen Text nach meinem Gefühl langsam notwendig. Standen doch hier in der Musikwerkstatt Rzeszut so einige Schiffbrüchige, die zwar Knopfakkordeon spielen, aber wegen der erlernten Fingersatzschwierigkeiten keinen rechten Spass daran hatten. Ermüdend sind auch für viele die immer gleichklingenden substanzlosen, an Tango-,Samba- oder Schneewalzerklischees erinnernde Übungsstückchen. Da haben wir besseres. Besonders die vom Schüler, von der Schülerin spontan improvisierte oder dann folgerichtig selbst komponierte Musik..
Das Thema „Knopffelderforschung“ kommt in der Akkordeonliteratur (wenigstens zum CKA-C-Griff) allgemein zu kurz. Die m.W. einzige deutsche Veröffentlichung von ELSBETH MOSER „Das Knopfakkordeon C-Griff – Ein systematischer Weg“ behandelt die Spieltechnik in meinen Augen zu subjektiv und unübersichtlich. Frau Moser spricht hier vermutlich hauptsächlich ihre (Akkordeon-)Studenten an. Es ist allgemein bekannt (s.o.), dass Akkordeonstudenten mit Musik konfrontiert werden, in der in erster Linie technische Schwierigkeiten verpackt sind. So beginnt das Werk auf S. 7 wenig optimistisch mit „Die Richtungsproblematik“ und ich lese über Dinge, die ich ganz und gar nicht problematisch finde.
Ich habe den Eindruck, Frau MOSER sollte eher das Knopffeld des CKA für ihre Zwecke neu strukturieren. Sie würde dann vermutlich haargenau bei B-Griff-System ankommen. Was mir wirklich aber an dem Heft gefällt, ist seine schöne Aufmachung und die Art, wie Frau MOSER mit Grafik umgeht. Ich würde allerdings alle Knopf-Grafiken um 180° drehen und aus der Perspektive „des umgehängten Akkordeons“ beschreiben. Denn so wird das Knopffeld ja beim Spielen hauptsächlich wahrgenommen. Frau MOSER hat die Grafiken aber vielleicht für AkkordeonlehrerInnen extra verkehrtherum konzipiert, denn als Lehrer schaut man genau so ja auf die Knopftastatur der Schüler.
Die bei MOSER beschriebenen Fingersätze und Handhaltungen sind für mich nur schwer nachvollziehbar. Um nicht zu sagen: ich finde sie reichlich umständlich und eben eher für B-Griff anwendbar. Dennoch gibt es auf S. 80 Informationen, die ich gut verstehe und ähnliche sehe (Stichwort“Modell“). Bei den folgenden Grundfingersätzen in diatonischer Musik lässt die Verfasserin die armen Schüler jedoch weiterhin „über den Daumen stolpern“. Warum?
Das allzu sparsame musikalische Beispielmaterial in diesem 96-seitigen Heftchen ist vornehmlich chromatischer Natur und die Dur/Moll-Tonalität wird am Rande behandelt. Der didaktische rote Faden ist so gesponnen, dass Schüler sich über die Chromatik der Diatonik nähern. Ich würde das andersherum sehen, weil wir alle zunächst mit diatonischer Musik (z.B. dem Kinderlied) aufgewachsen sind. Frau MOSER behandelt zwar oberflächlich die Tonverwandtschaften auf dem Knopffeld, macht aber z.B. nirgendwo den Leser mit dem Spiel diatonischer Reihen und einfach zu greifender Akkorde bekannt. Akkorde begegnen uns kurz auf S.68 f., doch in m.E. äusserst umständlichen Fingersätzen.
Für das Spiel schnell wechselnder Akkorde und diatonischer Melodien ist das C-Griff-Knopffeld jedoch im 19. Jahrhundert geschaffen worden. Es entstammte ja ganz klar dem dreireihigen diatonischen Modell und man brauchte ein neues und leicht spielbares System, um alle gebräuchlichen Tonarten auf nur einem Instrument spielen zu können. Damals war chromatische Musik im Akkordeonbereich noch nicht Mode. Wollte man verschiedene Tonarten spielen, so wählte man unter unterschiedlich gestimmten diatonischen Instrumenten das passende aus.
Was mir allgemein in der bundesdeutschen Akkordeonliteratur fehlt, ist die Diskussion traditioneller Spielweisen sowie die Behandlung der Dur-/Moll- Tonarten und sonstiger traditioneller Skalen. Denn es ist ja auf jeden Fall einfache und vertraute Musik, die vom Akkordeonlehrer für den Anfängerunterricht aufbereitet werden muss. Besonders auch in Hinblick auf das Spielenlernen nach Gehör.
Als ganzheitlich arbeitender und reformpädagogisch geprägter Akkordeonlehrer möchte ich auch nicht in als Akkordeonschulen konzipierten Schriften darüber lesen, in welchen speziellen Harmoniesituationen ich welche Ausnahmegriffe spiele. Ich möchte vielmehr den umgekehrten Weg behandelt wissen: welche spieltechnischen Möglichkeiten gestattet mir das Knopffeld in ihrer Gesamtheit? Wie kann ich Dur und Moll, Kirchentonarten, osteuropäische Skalen und dann auch vielleicht Musik chromatischer Natur mit meinen fünf Fingern greifen? Welche Finger sind für welche Anwendung vorteilhaft und wie forme ich meine Hand, um auf dem C-Griff-Knopffeld das spielen zu können, was ich möchte?
Um das Ansprechen genau diese Dinge geht es mir also in diesem Artikel und ich betone ausdrücklich, dass ich mir auch eine lebendige Diskussion dieser Themen wünsche. Am Ende des Textes befindet sich ein Editorfeld und ich bitte freundlich um dessen Benutzung.
Es ist während der letzten drei Jahrzehnte quasi ein nicht fest organisierter alternativer Akkordeonlehrerverband der ganzheitlich denkenden und unterrichtenden AkkordeonlehrerInnen entstanden. Inzwischen vernetzen sich via Internet immer mehr LehrerInnen und tauschen sich unter Beteiligung ihrer SchülerInnen lebhaft aus. In diesem Sinne bitte ich diesen Aufsatz auch als Denkermunterung und als Beitrag zur akkordeondidaktischen Diskussion zu sehen. Meine Erkenntnisse zur Spieltechnik des Chromatischen Knopfakkordeons stammen aus eigener und vieljähriger Beschäftigung mit dem Instrument oder basieren auf genauer Beobachtung zahlreicher traditionell musizierender Knopfspieler in ganz Europa. Alles, worüber ich hier schreibe, wurde in meinem Unterricht erprobt und hat sich auch in meiner eigenen Musik bewährt.
Meine persönliche Entscheidung zum C-Griff-System liegt lange zurück. Seit den 60iger Jahren spiele ich Pianoakkordeon. Dann plötzlich Anfang der 90iger Jahre interessierten mich plötzlich auch Knopfakkordeons: zunächst die diatonischen, dann die chromatischen CKA. Warum? Glatte runde Knöpfe erhöhen den Spielgenuss! Sie stehen alle gleich hoch. Dagegen liegen beim PA die Spielflächen der schwarzen Tasten etwa 6mm über denen der weissen. Knöpfe sind kleiner als Tasten und lassen sich gezielt mit den Fingerkuppen treffen. Das bedeutet: haben wir schon komplexe Fingerkonstellationen wie etwa gespreizte Akkordgriffe auf dem PA zu leisten, dann können wir diese auch – wie auf dem CKA möglich - in mehrere Richtungen hinbekommen, und nicht nur in der bei der PA-Tastatur einzig interessanten senkrechten Richtung.
Begeistern tat mich auch die Erfahrung, dass das CKA meine mittelgrosse Hand offensichtlich deutlich bewegungstechnisch entlastete. Fingersätze und hohe Spielgeschwindigkeit machten plötzlich Spass. Auch das Transponieren bereitete mir Freude: es war nur noch ein leichtes Verschieben der Hand notwendig, um ein Musikstück in eine andere Tonart verwandeln zu können: denn die Fingerprogression bleibt gleich. Ich empfand beim CKA C-Griff von Anfang an eine ergonomisch richtige Konzeption. Finger, Hand, Handgelenk, Unterarm und Oberarm passten zu den Bewegungsabläufen, die mir die Knopftastatur sozusagen aufdrängte. Mit anderen Worten: das CKA nimmt auf die Anatomie des Menschen sehr viel mehr Rücksicht als etwa das Pianoakkordeon mit seiner etwas umständlich zu bedienenden Tastatur.
Zur Demonstration des eben gesagten kurz ein kleiner Versuch: stellen Sie sich mal hin und lassen Sie beide Arme bitte mal locker hängen. Nun heben Sie nur die Unterarme langsam an: die Hand- und Fingergelenke sollten ganz locker dabei sein und die Hände mit den Fingern entspannt herabhängen. Die Oberarme bleiben weiterhin hängen. Ist der Unterarm vollständig angewinkelt, werden Sie feststellen, dass Ihre beiden Zeigefinger nun in einem Winkel von etwa 45° bis 90° zueinander hängen. Vorausgesetzt Ihre Hand ist weiterhin entspannt.
Hängen Sie nun ein Akkordeon um – vielleicht sogar Ihr neues C-Griff-CKA – und machen Sie diese eben beschriebene Übung diesmal nur mit dem rechten Arm noch einmal. Betrachten Sie nun Ihre locker herabhängende Hand vor dem Knopffeld, so wird Ihnen auffallen, dass bei ganz entspannter Fingerhaltung die Fingerkuppen von Zeige-, Mittel- und Ring-Finger vielleicht gerade ganz natürlich über den weissen Knöpfen c, d und e hängen. Ihre Hand kommt jetzt „von schräg oben“ und die Enden der Finger 2,3 und 4 liegen in genau derselben Richtung, in der auch die Knöpfe c,d und e angeordnet sind.
Sie lernten soeben die optimale Handhaltung für das Melodiespiel kennen (im Folgenden auch als „waagerechte Technik“ mit „Hand schräg von oben“ bezeichnet). Und auf dem Foto oben mache ich diese Haltung vor. Später werde ich noch mehr Angenehmes über das grandiose ergonomische Design unseres CKA zu berichten wissen.
Es mag für Leserinnen dieses Artikels sicherlich interessant zu wissen sein, dass ich niemals den Plan hegte, meine schönen Pianoakkordeons zu verkaufen, bloss weil ich plötzlich die Vorteile des Knopfakkordeons entdeckt hätte. Nein: Knopfakkordeons sind eine zusätzliche Bereicherung und wer so lange PA spielt wie ich, bleibt natürlich seinem Tastensystem treu. Zu viele Stücke sind auf Tasten eingespielt und auch beim Spiel von Noten bin ich nun mal an die Tasten gewöhnt. Ich glaube auch, dass Tasten unser Notensystem logischer widerspiegeln als die Knopftastatur. Schon das ist für potentielle Umsteiger wichtig zu wissen.
Aber es könnte durchaus sein, dass das CKA eines Tages zu meinem Hauptinstrument wird, weil es so vielseitig ist und weil ich mich im Alter vielleicht mit Athritis oder Gelenk-Rheuma herumquälen muss. Da ist das Akkordeon mit der fingerschonendsten Spieltechnik schon von Vorteil. Da hätten wir aber auch das diatonische Akkordeon noch im Blick mit seinem erstaunlich geringen Gewicht.
Nach den ersten Testläufen auf sowohl C-Griff als auch B-Griff-CKA war klar, dass für mich ein B-Griff-System nicht in Frage kommt. Ich spiele nämlich traditionelle Musik, in der Dur- und Moll-Tonarten sowie Kirchentonarten und osteuropäische Skalen wesentlich sind. Und diese Stücke fühlten sich auf dem B-Griff ziemlich merkwürdig an. Sicherlich klingt das sehr unwissenschaftlich und etwas unprofessionell. Aber es stimmt trotzdem. Und ich habe im Laufe des Lebens gelernt, solche Gefühle ernst zu nehmen. Facit: das B-Griff-System ist für meine diatonisch geprägte Musik ungünstig. Für sog. „chromatische“ Musik, die man Anfang des 20.Jahrhunderts zu komponieren begann, konnte ich mich aber bisher nicht erwärmen.
Ich spiele auch nicht jene Akkordeonmusik, die man „klassisch“ nennt, und die oft aus chromatisch durchgefeilten und mit „special effects“ versehenden Neukompositionen speziell für Akkordeon besteht. Ich spiele eigentlich überhaupt keine typische Akkordeonmusik, wie sie etwa bei Wettbewerben gepflegt wird. Das ist mir alles zu künstlich und erscheint mir nicht sehr lebendig. Aber genau für diese Musik scheint B-Griff besonders geeignet, denn die meisten leistungsorientierten PreisgewinnerInnen spielen B-Griff!
Für mich war das C-Griff-System auch deshalb erste Wahl, weil sich auf ihm (in der später zu besprechenden „senkrechten“ Griffweise) auch äusserst praktisch Akkorde greifen lassen. Hauptgrund jedoch war die Erkenntnis, dass meine vornehmlich diatonisch geprägten Musikstücke in der bequemen Griffweise „schräg von oben“ (oder auch als „waagerechte“ Griffweise bezeichnet) quasi wie von selbst liefen: und das im wesentlichen mit nur drei Fingern (Zeige/Mittel/Ring).
Nach einigen Testläufen mit beiden Systemen entschied ich mich also für C-Griff und habe bis heute auch nicht das geringste Verlangen nach B-Griff gespürt. Seitdem geniesse ich das einfache Greifen von Akkorden, wenn ich z.B. Zydeco-Musik spiele, und das flüssige, schnelle und mühelose Spielen über mehrere Oktaven, wenn ich in bestimmten Tonarten meine Melodien improvisiere. Ausserdem finde ich es wie gesagt äusserst günstig, dass beim Transponieren in andere Tonarten nicht mehr wie beim PA neue Fingersätze zu lernen sind. Ich versetze einfach nur die Position meiner Spielhand auf einen anderen Grundton. Genauso, wie wir das vom Standardbass her kennen. Diese leichte Transponierfähigkeit ist aber auch beim B-Griff gegeben.
Die Form und Beweglichkeit der Hand sowie die Länge der Finger spielen für die Wahl zwischen den beiden CKA-Hauptsystemen sicherlich auch eine Rolle, und deshalb ist längeres Testspielen von Vorteil. Beim C-Griff-System komme ich ohne besondere Spreizung der Finger aus und benutze die „enge Fingerhaltung“.
In meinem Unterricht habe ich allerdings Menschen kennengelernt, denen die für C-Griff typische Handhaltung „schräg von oben“ grosse Probleme bereitet. Hier würde sich vielleicht besser ein B-Griff-System anbieten, das eher „spielen von schräg unten“ begünstigt, auf jeden Fall aber durchweg wie das PA „von der Seite“ gegriffen wird. Meist sind jene SchülerInnen (die mit „schräg von oben“ nicht klarkommen) ältere PA-Spieler, deren Hand über Jahrzehnte an einen für das PA optimalen Spiel-Winkel gewöhnt wurde: „von der Seite“. Ich selbst habe das Problem nicht: ich spiele auch auf dem PA immer leicht „schräg von oben“. Das alles bestätigt auch wieder die These, dass letztlich unsere Arme und Hände das System wählen, das ihnen sozusagen am besten passt.
Ich kann jedoch beruhigen (falls schon ein C-Griff-Akkordeon gekauft wurde und die Haltung „schräg von oben“ schwer fallen sollte): selbst C-Griff-Systeme lassen sich auch „von der Seite“ spielen, wenn auch nicht so komfortabel. Der Daumen spielt dabei eine grössere Rolle und die Fingersätze laufen nicht mehr so einfach und elegant. Doch alles ist Übung. Man sieht seitliche Handhaltungen besonders deutlich bei MusikerInnen mit dreireihigen C-Griff- Instrumenten und auch bei den Franzosen.
Macht die Hand Probleme, so sollte man sich beide Systeme diesbezüglich genau angucken und dasjenige wählen, bei dem die Hand die bequemste Position (C-Griff: schräg von oben/B-Griff: von der Seite bzw. von schräg unten) einnehmen kann. Alles in allem lautet die Devise: Bequemlichkeit sollte an oberster Stelle stehen. Wer sich beim Spielen dauerhaft nicht wohlfühlt, sollte Abhilfe schaffen und den Instrumententyp überdenken. Oder eventuell seine Musik. Das gilt besonders für Umsteiger, die lange das PA gewöhnt waren. Bei besonders jungen Akkordeonanfängern dagegen lassen sich alle Unbequemlichkeiten der Handhaltung durch langsames Aufbautraining von vornherein vermeiden.
Zusammengefasst kann ich also sagen: ob C-Griff oder B-Griff hängt hauptsächlich von der Musik ab, die wir spielen wollen und von unserem Körperbau. Tendiert unsere Musik zu chromatischen Läufen, so wäre B-Griff die bessere Wahl. Jemand Unbekannter hat auf diese Frage auf der bekannten Akkordeon-Page „AKKORDEONS WELTWEIT“ im Kapitel „Chromatische Akkordeons“ geschrieben: „Das B System ist besser für technisch anspruchsvolle Werke, wobei das C System einfacher zum Spielen von Akkordeon und melodischer Musik ist.“ Dem kann ich nur zustimmen. Musik muss nicht zwangsläufig besser sein, nur weil sie technisch anspruchsvoll ist. Meist ist es umgekehrt: technisch anspruchsvoller Musik merkt man ihre Schwierigkeiten durchweg an und diese Musik verblüfft meist durch artistische Fingertechnik. Doch Musik als starkes emotionales Erlebnis braucht mehr als nur anspruchsvolle Technik. Oft ist der Schwierigkeitsgrad da garnicht wesentlich. Meist klingt das technisch bequem Machbare auch am besten.
Noch ein wichtiger Hinweis aus meiner Unterrichtspraxis: Kindern, die noch das Notenlesen lernen sollten, empfehle ich für den Anfang immer ein kleines Pianoakkordeon. Es ist für jeden Menschen vorteilhaft, dieses System einmal kennenzulernen. Die Pianotastatur gehört schliesslich zu unserem traditionellen Kulturinventar und stützt den Umgang mit traditionell notierter Musik. Die Vertrautheit mit ihr ist besonders für Jugendliche mit fest ausgeprägten Vorstellungen von „ihrer“ Musik vorteilhaft. Man muss ja im Anfangsunterricht auch überhaupt nicht auf Daumenakrobatik oder Fingerverknotungen setzen und begnügt sich als Lehrer mit den einfach zu greifenden Tonarten C-Dur und A-Moll, denn für genau jene Tonarten ist die weisse Tastatur mit ihren schwarzen Hilfstasten historisch gesehen ja optimiert! Die Entscheidung des musizierenden Kindes, später auf das Knopfakkordeon umzusteigen oder auch beim PA zu bleiben, ist bei solchem Vorgehen fundierter.
Ein anderer Grund, Kindern nicht von Anfang an Knopfakkordeons umzuhängen, ist die gegenwärtig herrschende und äusserst bedauerliche Modellarmut bei kleinen CKA-C-Griff-Modellen. Selbstredend ist diese verursacht durch die Vorstellungen und Vorschriften des Akkordeonlehrerverbandes, der als „erstes Instrument“ das dreireihige CKA mit Melodiebass favorisiert, um Kinder hauptsächlich für das Akkordeonorchester vorzubereiten. Es wird noch ein paar Jahre dauern, bevor es fünfreihige CKAs mit Standardbass (48 Knöpfe) im Umfang von ca. zwei Oktaven gibt, die nicht mehr als 6 kg wiegen.
Das müssen auch keine zweichörigen Instrumente sein. Wenn man z.B.leicht ansprechende tipo-a-mano Stimmen in ein Vollholzgehäuse einbaut, reicht Einchörigkeit. Gibt es solche Instrumente günstig zu kaufen, so würde das sicherlich einen wahren CKA-Boom auslösen. Überdies hätten junge Musizierende ein gutes Universal-Musizierwerkzeug in Händen, mit dem man praktisch jede Art von Musik einfach spielen könnte – wenn auch bei eingeschränktem Tonumfang.
Ausserdem hätten wir als Lehrer das geeignete Instrument, um angewandte Musiktheorie leicht und „spielend begreifen“ und damit verstehen zu lehren: Tonverwandtschaften, Intervalle, Tonarten, Skalen, Transponieren usw. lässt sich auf der Knopftastatur sehr gut demonstrieren und mit Übungsstücken leicht in die Praxis umzusetzen.
Jene CKAs, die als „für Musikschulen geeignet“ angepriesen werden und nur drei Diskant-Reihen bzw. keinen Standardbass besitzen, kann ich jedenfalls nicht empfehlen. Sie bremsen nämlich die hervorragenden Spielmöglichkeiten des CKA vollkommen aus. Denn nur auf fünf Reihen lassen sich die oben beschriebenen Vorteile des CKA auch wirklich voll ausschöpfen und geniessen.
Und ein Standardbass kombiniert mit einem C-Griff-Knopfdiskant ist nun mal die beste Erfindung auf dem Akkordeonsektor, die - abgesehen von den bis heute praktisch seit 1875 unverändert gebauten diatonischen „Wiener Accordions“ - je gemacht wurde. Mir sei nun hier ein kurzer Exkurs in die Geschichte dieses Instrumententyps CKA gegönnt.
Das Knopffeld des CKA wurde – so, wie wir es kennen – angeblich schon 1850 in Wien von F. Walther aus einem dreireihigen diatonischen Akkordeon heraus entwickelt. Das erklärt vielleicht auch, warum es überhaupt ein dreireihiges CKA gibt. Es ist entwicklungsgeschichtlich gesehen der ältere Typ. Auch die legendäre sog. „Schrammel-Harmonika“ gehört zu den legendären Vorläufern des CKA. Sie zeigt C-Griff-Merkmale, aber es hat anscheinend auch Schrammel-Harmonikas in B-Griff gegeben, die wiederum angeblich das Vorbild für den russischen Bajan abgaben, der in den 1870iger Jahren entwickelt wurde.
Auf das C-Griff-System selbst erhielt FRANZ MICHAEL GERL im Jahre 1891 ein deutsches Patent. WILHELM RICHARD SCHELLER verbesserte schliesslich das dreireihige GERL’sche C-Griff-Konzept mit zwei Wiederholungsreihen zur Spielerleichterung und nannte dieses zweifelsohne erste fünfreihige C-Griff-Knopfakkordeon im Jahre 1898 „Symphonetta“. [siehe H.P.GRAF, Entwicklungen einer Instrumentenfamilie: Der Standardisierungsprozeß des Akkordeons, Frankf.a.M. u.a. 1998,S.67]
Das Pianoakkordeon war schon Mitte des 19. Jahrhunderts bekannt und wurde angeblich als Unterrichtsmittel für den Klavierunterricht benutzt – wie und warum kann ich nicht sagen. Serienmässig verbaut wurde die Pianotastatur allerdings erst ab ca. 1910 bei Hohner. Somit ist das CKA-Knopffeld das älteste Akkordeon-System, das chromatisches Spielen bzw. das freie Transponieren diatonischer Skalen erlaubt und man wundert sich, dass sich das CKA in Deutschland nicht gegen die Pianotastatur durchsetzen konnte, obwohl es eindeutig das bessere und auch ältere System ist. Denn selbst die Pianotastatur oder „Klaviatur“ hat sich vor ca. 500 Jahren langsam aus einem Knopfsystem entwickelt.
Vermutlich gab es zu wenig kritische Akkordeonisten, die den Bedienungsvorteil der CKA-Konzeption wahrnahmen. Oder aber der Musikalienhandel hat sich dem Diktat der alles bestimmenden Firma Hohner zu willig unterworfen. Soweit ich weiss, hat Hohner ab ca. 1913, besonders aber nach dem Ersten Weltkrieg die Pianotastur am chromatischen Akkordeon allein aus Marketinggründen bevorzugt. Es gab darüber zu jener Zeit einigen Streit in der Hohner-Familie. Das Akkordeon als „kleines Klavier“ sollte damals mehr Absatz finden.
Die Akkordeonlehrer in Deutschland mussten sich sämtlichst der Firma Hohner willenlos unterwerfen (wollten sie was werden) und drückten das Knopfakkordeon aus dem Blickfeld ihrer Schüler. Das CKA wurde allerdings immer produziert: hauptsächlich als Exportinstrument in andere Länder.
Das war besonders witzig, da doch Vorzeigeakkordeonist HERMANN SCHITTENHELM offensichtlich ein chromatisches (übrigens vierreihiges) Knopfakkordeon spielte. Positiv wirkte sich jedoch diese Marketingstrategie auch aus: es konnten nämlich so damals Ende der 1920iger Jahre Tausende von durch den Tonfilm arbeitslos gewordene Kino-Klavierspieler noch Anstellungen als Akkordeonlehrer finden. Also: das Pianoakkordeon als erfolgreiche ABM-Massnahme!
Dass die marketingtechnische Bevorzugung des Pianoakkordeons aus der Sicht einer lebendigen Musiziertradition allerdings eine falsche und folgenschwere Entscheidung war, darf man nicht unter den Teppich kehren. Einmal stürzten sie mehrere Generationen von Pianoakkordeonisten in nicht unerhebliche fingertechnische Probleme, zum anderen verschwand das einfachere und logischer spielbare Knopfakkordeon aus dem Blick der hiesigen Musikanten.
Das trifft auch für das diatonische Knopfakkordeon mit ähnlich einfacher Spieltechnik zu, das bei uns erst wieder in den 1980iger Jahren quasi neuentdeckt werden musste. So muss man sich überhaupt nicht über den Rückgang des Akkordeonspielens im Laufe der 1960iger Jahre wundern. Das vom Seemannsklischee und von Reeperbahn-nachts-um-halb-eins-Atmosphäre arg gebeutelte (Piano-) Akkordeon erlitt in jenen Jahren einen ziemlichen Imageschaden. Der Volksmusikantenstadl versetzte ihm den Gnadenstoss. Als ich als linker Student Mitte der 1970iger Jahre ein Akkordeon spielte, guckte man mich besorgt und irritiert an: da passte doch was nicht?! Steht der da mit ner Quetschkommode…! Ende der 80iger Jahre verlor die Firma Hohner den Boden unter den Füssen. Der von Hohner und dem Akkordeonlehrerverband angepeilte Wettlauf mit dem 88-tastigen Klavier und seiner Musik konnte das Akkordeon eben doch nicht gewinnen (wozu auch? - Schliesslich ist das Akkordeon ein eigenständiges Instrument und eindeutig älter als das moderne Klavier mit Renner-Mechanik)
In Deutschland besann man sich leider nicht in jenen Jahren des Akkordeonverfalls auf das CKA. Es war das PA, das auf die Dachböden verschwand. Schuld ist letztlich der Musikinstrumentenhandel, der eigentlich bis heute das Pianoakkordeon klar bevorzugt. Man hat dort noch nicht begriffen, wie umsatzfördernd das fünfreihige CKA sein könnte. Für die Breitenwirkung eines Lust- und Spass-Instruments zur Freizeitgestaltung ist fraglos das Sortiment eines Musikladens mit verantwortlich.
In der von der Hausmusikszene abgeschotteten und hauptsächlich von den Freimaurern im Rahmen der üblichen und etablierten Musikschulstrukturen geprägten Akkordeonorchesterszene war das anders: dort konzipierte man unter Regie einiger und wie immer leider nur weniger aber einflussreicher Akkordeonmusiklehrer eigenartige und sehr schwere CKA-Instrumente mit Melodiebass. Der Melodiebass – für Jazz und Klassik durchaus geeignet - genügte jedoch nicht den Ansprüchen der traditionellen Spieler, die alle mit Standardbass begonnen hatten. Da aber die meisten Akkordeondozenten der 1980iger Jahre in das Free Bass – Horn tuteten (in Deutschland wie auch England), war und ist Free Bass bis heute mit dem CKA begrifflich und auch ausbildungstechnisch fest verbunden.
Die technisch anfälligen und superschweren Konvertermodelle (bei denen der Melodiebass durch Schalter zum Standardbass umfunktioniert werden konnte) waren zwar technisch eine ausgesprochen innovative und bewunderndswerte Leistung, sind jedoch für den täglichen Gebrauch überhaupt nicht geeignet. Man braucht ein Akkordeonstativ, um diese 14 bis 15kg schweren Instrumente abzustützen. Jugendliche Akkordeonspieler setzen für diese Monstren eine Transportkarre ein und leiden schon früh unter Rücken- und Schulterschmerzen. Warum? Die Convertermodelle beweisen, dass der Standardbass ganz klar seine Berechtigung hat.
Ein Akkordeon muss leicht wie ein kleiner Wanderrucksack sein, sonst nimmt man es nicht mit, wenn man Freunde besucht. Meine Tests über Jahre haben ergeben, dass die Grenze für bequemes Spielen irgendwo bei 8kg liegt. Über 10kg Akkordeongewicht halten ich und meine SchülerInnen für unbequem. Akkordeons für Rücken-, Schulter- und Arm-Geschädigte dürfen meist 7kg Gewicht nicht überschreiten. Die Hersteller sollten diese aus der alltäglichen Praxis gewonnenen Zahlen bitte ernst nehmen!
Das Chromatische Knopfakkordeon fand überall auf der Welt rasende Verbreitung. Nur in Deutschland nicht. Es gibt Länder, wo das Verhältnis zwischen PA und CKA etwa 1:1 liegt. Etwa in Grossbritannien oder in einigen osteuropäischen Ländern, in die ausschliesslich PA (etwa gebrauchte Instrumente aus Deutschland) geliefert wurden. Ausgesprochen starke CKA-Tradition zeigen Länder wie Frankreich, Schweden oder Russland.
Es fällt mir immer wieder auf, dass in Ländern, in denen das CKA das bevorzugte Modell ist, das Akkordeon auch ein viel besseres Image hat. Es wird z.B. auch in Schweden etwas ernster als bei uns genommen: 90% spielen es, sagt HANS PALM. Die anderen 10% aller AkkordeonspielerInnen greifen zum PA. Die meisten Hausmusiker spielen CKA. Musik wird in Schweden als etwas lustiges gesehen, was Spass macht. Ebenso ist es in Frankreich und Italien.
Natürlich gibt es überall in Europa unbd Japan auch die „ernste“ CKA-Szene, die von Lerneifer, Wettbewerbsgerangel, Hierarchie des Könnens und Wichtigkeit der künstlerischen Einmaligkeit geprägt ist. Die Absolventen der finnischen Sibelius-Akademie etwa sind inzwischen grosse Vorbilder auch für die leistungsorientierte deutsche Akkordeonszene. Die Wettbewerbe bei uns werden zunehmend „verernstet“ durch russische Hochleistungspädagogik, die sich ausschliesslich am ernsten Habitus der klassischen Musikpädagogik des 19. Jahrhunderts orientiert und leider wenig Spass kennt.
Nicht zuletzt deshalb ist seit Jahren bei den Spielern, die auf sich halten, ein Trend zum (selbstredend schwarzen) B-Griff - CKA feststellbar. Das geht sogar soweit, dass CKA-C-Griff(!)-Spieler bei uns in Deutschland ihr Instrument liebevoll „Bajan“ nennen, obwohl es bautechnisch oft nichts mit jenem original russischen Instrument zu tun hat.
Kurz gesagt: bei uns ist das CKA beider Griffsysteme in der sportlichen Musik heimisch, dominiert die Wettbewerbe und ist das Instrument der sog. „professionellen Spieler“. Man trifft es immer häufiger auch in Akkordeonorchestern. Aber in der mitteleuropäischen Schulmusik, Hausmusik und in der traditionellen Tanz- oder Folkmusik ist das CKA-C-Griff gegenwärtig noch ziemlich ungewohnt. Besonders in seiner fünfreihigen Version, die es schon immer für das Spielen traditioneller Musik gab.
Trotzdem finden wir auf dem Gebraucht-Akkordeonmarkt auch ältere dreireihige CKA. Es gab für diese Instrumente immer eine Szene bei uns und eine Hohner „Artiste“, eine „Concerto K“ aus den 1950igern oder gar eine „Cornelia“ aus den 1930iger Jahren findet man hier und da noch in tadellosem Zustand. Diese kleinen älteren Instrumente besitzen nur die Reihen I, II und III und sind etwas umständlicher zu spielen (dazu später mehr). Auch ist die Transponierfähigkeit auf dreireihigen CKAs eingeschränkt.
„C-Griff-System“ bedeutet übrigens ganz simpel, dass die äusserste Reihe I den Knopf mit dem Ton C enthält (bei B-Griff ist es entsprechend der Ton H, international B genannt). Es gibt darüberhinaus noch andere Systeme: etwa das finnische, das ein C-Griff-System mit fehlender Reihe I ist. Auch gibt es sechsreihige CKAs (wie die serbische Dugmetara in B-Griff).
[aus technischen Gründen muss dieser Artikel leider geteilt werden: bitte lesen Sie weiter “Umfassende Didaktische Überlegungen zum Diskantspielfeld Teil 2” !]