das toenchen-voegelchen

Das Tönchen!

Das Online-Magazin
der Musikwerkstatt-Rzeszut

 

:

:

Tönchen-Home | Home | Über uns | Kontakt | Impressum

Donnerstag, 15. Dezember 2005

Bulgarien ErHören

Ein Folklorefestival (Sabor) für Volksmusik – Koprivshtica 2005

Wenn man im Urlaub in ein fremdes Land reist, kauft man sich einen Reiseführer und schaut nach den Sehenswürdigkeiten. Doch oftmals sind es Hörenswürdigkeiten, die einen Ort zu etwas ganz Besonderem werden lassen und eine Atmosphäre des „Sich-Anders-Fühlens“ erzeugen. Mein Vorschlag wäre, den Versuch zu wagen, ein Land nicht nur zu beSichtigen, sondern auch zu erHören. Das ist gar nicht leicht, denn Sehenswürdigkeiten bleiben immer an einem Ort, sie können auf Karten verzeichnet werden und es können Reisen zu den Orten des Sehens organisiert werden. Hörenswürdigkeiten, nennen wir sie der Einfachheit halber „Musik“, sind temporal. Musik ist nicht an konstante Orte gebunden, sie kann überall und nirgends erklingen. Wie kann man nun herausfinden, wo in einem fremden Land Hörenswürdigkeiten stattfinden, wo gesungen und gespielt wird, wenn man das nicht einfach auf einer Karte verzeichnen kann? Zuerst muss man natürlich wissen, was für Musiken in einem Land existieren und welche Klangsphären man erwarten und suchen kann. In Bulgarien findet man, wie auch in jedem anderen Land mit Großstädten, Opern- und Konzerthäuser, ja sogar Amphitheater, Kammermusiksäle, Diskotheken, Rock- und Techno-Clubs. Diese Musikorte werden den Reisenden vertraut vorkommen und nicht sonderlich in Erstaunen versetzen. Anders wird es, wenn der Besucher sich den Kirchen und Klöstern zuwendet, wo er mit etwas Glück orthodoxe Kirchenmusik in byzantinischer Tradition hören kann, die für das abendländisch temperierte Ohr merkwürdig fremd klingt. Orientalische Assoziationen werden den Hörer erwarten, wenn er sich in eine Čalgothek – ein Club für Folkpop – einfindet, wo Diskomusik mit Bauchtanz und orientalischen und folkloristischen Elementen gemischt wird.

Doch berühmt ist Bulgarien vor allem für seine Volksmusik und diese live zu hören, erfordert Abenteuerlust und Vorwissen. Man muss wissen, dass in jedem Dorf und in jeder Stadt Volkslieder gesungen werden und zusätzlich muss man wissen, wann diese Lieder gesungen werden. Auch in Bulgarien wird das Selbersingen mehr und mehr durch das Abspielen von Tonträgern verdrängt, aber es ist dennoch viel öfter als in Deutschland zu erleben, dass Menschen, wenn sie feiern, singen.
Das Zauberwort nach dem der Hörenswürdigkeiten Suchende fragen muss, heißt „Săbor“. Das Wort kommt von „sabiram“ was soviel wie sammeln bzw. versammeln bedeutet. Ein Săbor ist ein Fest, zu dem sich die Menschen versammeln und zusammen feiern. Jedes noch so kleine Dorf hat seinen eigenen Săbor. Je mehr Besucher kommen, desto besser wird das Fest. Und damit recht viele Besucher kommen, werden Wettspiele der Musiker und Sänger organisiert.

Es gibt tausende kleine, hunderte mittlere und einige große Săbori, und es gibt den größten und wichtigsten Săbor und über den möchte ich berichten. Vom 4. bis 7. August 2005 fand das „9. Nationale Folklorefestival des bulgarischen Volksschaffens“ in Koprivštica statt. 250.000 Menschen, davon ca. 30.000 ausländische Gäste, pilgerten in das kleine Städtchen, um sich zu amüsieren, zu tanzen, zu singen, zu essen und zu trinken. Dieser Săbor wird nur alle fünf Jahre unter staatlicher Schirmherrschaft organisiert. Auch in diesem Jahr wurde ein Organisationskomitee am Ministerium für Kultur und Tourismus initiiert, welches sich aus Mitgliedern der Bezirksleitungen von Sofia und Koprivštica, der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften, dem Bulgarischen Nationalen Fernsehen und Radio und zahlreichen anderen Ministerien, Institutionen und Organisationen zusammensetzt. Dieser Săbor ist deshalb so wichtig, weil er eine Mission verfolgt. Es geht um „die Bewahrung und Popularisierung der bulgarischen traditionellen Kultur und Folklore“. Bereits 1965 fand der erste Săbor in Koprivštica statt, der die Idee des Bewahrens von „authentischer Folklore“ zum Ziel hatte. Die Organisatoren haben eine verantwortungsvolle Aufgabe. Sie müssen entscheiden, wer als Mitwirkender zu dem Săbor zugelassen wird und somit haben sie auch zu entscheiden, was „authentisch bulgarische Volksmusik“ ist und was nicht. Mitwirken dürfen nur „Laien“ - keine „professionellen“ Musiker. Angesprochen sind alle Bulgaren und jeder darf an den im Vorfeld organisierten 27 regionalen Vorausscheiden teilnehmen. In den Dörfern organisieren sich die Frauen, Männer, Jugendlichen und Kinder, üben und tragen ihre Lieder und Bräuche vor. Die Vorausscheide sind notwendig, da sich trotz der schwierigen Bedingungen für die Teilnehmenden (sie müssen in Zelten oder in Schulen der anliegenden Dörfer übernachten und bekommen keinerlei finanzielle Unterstützung für Reise und Verpflegung) mehr bewerben, als an dem Festival teilnehmen können. Eine Jury aus „Spezialisten“ der Akademie der Wissenschaften entscheidet darüber, wer zum nationalen Săbor zugelassen wird und wer nicht. Es ist eine „große Ehre“, wenn ein Dorf sich in Koprivštica mit seiner Folklore zeigen und mitfeiern darf, aber auch die Vorausscheide sind kleine Feste, die den Anwärtern einen Anlass zum Feiern bringen. Die Kriterien nach denen ausgewählt wird reichen von Kleidung, Instrumente und Habitus bis zur Auskunft der Vortragenden, dass die Lieder, Tänze und Bräuche tatsächlich von den Großeltern und Eltern erlernt wurden und nicht aus Büchern und über andere Medien rekonstruiert sind. 18.400 Teilnehmer, d.h. singende, tanzende und Bräuche zeigende „unprofessionelle“ Bulgaren aller Altersgruppen wurden in diesem Jahr ausgewählt, um ihre Folklore vorzuführen.
Das Abenteuer „Săbor“ beginnt mit der Anreise. Nationale Bedeutung, staatliche Organisatoren, Ministerien, Akademien hin oder her, organisationstechnisch beginnt hier das dazugehörige typische Chaos. Die Busse sind überfüllt und alt, die Bremsen quietschen statt zu bremsen und von Klimaanlage keine Spur, obwohl das bei 40 Grad im Schatten wirklich wünschenswert wäre. Die Hotels und Zimmer sind seit Monaten vorgebucht, natürlich an ausländische Gäste, denn Preise von 100 Lewa (50 Euro) pro Bett kann sich kein Bulgare leisten. Die meisten Besucher schlafen in Zelten, ein ganzes Lager mit Armeezelten wurde für sie errichtet und wer ein eigenes Zelt hat, der baut es auf, wo er nur will.
Wenn man also nach Koprivštica reinfährt sieht man zuerst das Zeltlager, dann die Stadt und weiter oben die Naturkulisse mit den weiten Wiesen auf denen das Wettspielen und -singen stattfinden wird. Die Gegend wird „Vojvodenec“ genannt. 1952 wurde die gesamte Stadtanlage unter Denkmalschutz gestellt und gilt seitdem als architektur-historisches Zentrum für den Baustil aus der Epoche der „bulgarischen nationalen Wiedergeburt“ (19. Jh.). Koprivštica befindet sich ca. 1060 m über dem Meeresspiegel im Balkan (Sredna-Gora, Mittelgebirge) am Fluss Topolka. Während des Săbors ist das Städtchen überfüllt mit Tausenden von Menschen und Hunderten von Verkaufsständen aller Art. Hier kann man Felle, handgewebte Teppiche, Dudelsäcke, Glocken, Antiquitäten, Trachten aber auch CD-s, chinesische Unterwäsche, Strümpfe, T-Shirts und Plastikwaren aller Art kaufen. Zahlreiche Stände verkaufen gegrillte Bouletten, Kebabčeta und Pommes, Mais, Zuckerwatte, Eierkuchen, Getränke usw.
Morgens um 9.00 Uhr beginnt das Wettsingen auf den Wiesen im Gebirge. Die Mitwirkenden (in Trachten) und die Besucher (ohne Trachten) laufen wie in einer Prozession die Waldwege nach oben. Sieben Bühnen sind auf den grünen Hügeln aufgebaut. Vor den Bühnen jeweils Tische mit Stühlen für die wissenschaftliche Jury, die für jede Bühne aus ca. 8-10 Spezialisten besteht. Sie hören, sehen, schreiben, werten aus und entscheiden am Ende, wer von den Mitwirkenden eine Urkunde bekommt. (Zu sozialistischen Zeiten wurden Medaillen vergeben.) Die Auftritte der Mitwirkenden sind so organisiert, dass sich auf jeder Bühne mehrere Stunden lang eine bestimmte Region vorstellt. Es ist üblich, Bulgarien in sechs bis elf Musikregionen zu unterteilen. Die Musikregionen setzen sich sowohl musikalisch und stilistisch, als auch im Vollzug der Bräuche und in der Kleidung markant voneinander ab.
Auf allen Bühnen ist Musik zu hören, man sitzt auf den Wiesen, hört zu, unterhält sich, isst und trinkt, tanzt und singt mit. Einige Gruppen stehen abseits (im Wald), um ihre Lieder für den großen Auftritt noch einmal zu proben. Es laufen maskierte wilde und behaarte Männer „Kukeri“ in ihren Fellen herum, sie lärmen mit ihren Glocken, und treiben ihre Späße mit den Vorbeilaufenden, sie erschrecken, sie kneifen in den Po der jungen Mädchen, übergießen Omas mit Wasser oder umzingeln einzelne Besucher. Esel, Kamele, Männer in Frauenkleidern andere im Bärenfell oder als Priester verkleidet – alle singen, tanzen und machen Scherze. Die Atmosphäre ist bunt und voller Leben, die Menschen glücklich und ausgelassen. Die ausländischen Besucher erkennt man an ihrer Unruhe, sie bewegen sich in Gruppen, schwenken ihre Kameras und versuchen nichts zu verpassen, was natürlich unmöglich ist.
In diesem ganzen lebendigen Chaos tritt ein ca. 9 jähriges Mädchen auf die Bühne und singt begleitet von einem Dudelsack ein langsam getragenes Lied aus dem Rodopengebirge. Ihre Stimme klingt klar und weit, sie überschlägt sich in den zahlreichen Verzierungen, es entsteht eine Stille unter den Zuhörer – sie essen und reden nicht, sie hören zu. Es ist wie ein Gebet an die Natur und an die Menschen, unglaublich romantisch. Das Mädchen singt über die Heldentaten eines Jünglings, über die Berge und Bäume, ihre Stimme trägt weit und berührt im Herzen. Sie endet und die Gewalt der Stille wird durch aufbrausendes Rufen und Klatschen abgelöst. Es kommen zwei Großmütter, die in ihrem Dialekt die politische Situation Bulgariens kommentieren. Indem sie sie auf ihren dörflichen Lebensalltag beziehen, wirkt alles witzig, skurril und sarkastisch. Es tut den Menschen sichtlich gut, über die politischen, ökonomischen und alltäglichen Probleme zu lachen – vielleicht ist das die einzige Art, trotz der allgemeinen Krise den „Spaß am Leben“ zu bewahren. Viele dieser Situationen, in denen Musik bewegt und lebendig macht, könnte man noch von den Bühnen in Koprivštica erzählen, aber der richtige Eindruck entsteht wohl erst, wenn man es erlebt hat. Am Abend gehen alle Menschen von den Wiesen zurück in die Stadt, um dort die „nichtauthentische“ bulgarische Musik zu hören. Diese wird von ca. 240 ausländischen Liebhabern aus 23 Ensembles gesungen, Amerikaner, Japaner, Australier, Franzosen, Schweden, Schweizer, Dänen, Holländer, Polen, Ungarn und Tschechen, ja sogar bulgarisch singende Baden-Württemberger und eine Gruppe aus Israel treten mit ihren Ensembles auf. Die Einheimischen reagieren mit Begeisterung „Schau an, wie die unsere Folklore singen! Wie haben die nur unsere Sprache gelernt! Bravo, Bravo!“ Es ist eine Ehre, dass sich selbst Amerikaner für die bulgarische Musik interessieren, sie werden herzlich beklatscht. Während des Abends darf jeder Musizieren, das inoffizielle Programm kümmert sich nicht um die wissenschaftliche Juri und deren Kriterien für das „Authentische“. Roma-Musiker, mit Zurna (ein Blasinstrument mit Doppelrohrblatt), Akkordeon und Tăpan (Trommel) spielen zum Tanz auf. Die ganze Nacht über wird getanzt. Jeder der Lust hat, singt und spielt, und diese Musik ist von erlesener Qualität, denn immerhin haben sich die Besten der Welt hier versammelt. So wäre das Fest vier Tage lang gegangen. Der offizielle Wettstreit der Mitwirkenden auf den Wiesen, der inoffizielle Teil auf allen Plätzen des Städtchens, an denen sich Menschen treffen, um zu singen und zu tanzen. Obwohl es sich um eine Massenveranstaltung mit etwa 250.000 Besuchern handelt, bleibt das dörfliche intime Gefühl erhalten, man lernt Leute kennen und man trifft sich permanent wieder und erkennt zumindest einige der 18.400 „Künstler“ und kann mit ihnen reden.
Aber, so authentisch die Musik, so authentisch auch die Natur – der Regen setzte am zweiten Tag ein und überflutete drei Tage lang nicht nur Koprivštica und das Zeltlager, sondern das ganze Land. Zahlreiche der Besucher von Koprivštica haben, als sie wieder in ihre Dörfer und Städtchen kamen, ihre Häuser und Felder unter Wasser stehen sehen: übergelaufenen Stauseen, eingefallene Brücken, versackte Straßen, zahlreiche Tote und obdachlos gewordene Menschen, ausgefallene Strom- und Wasserversorgung und die verdorbene Jahresernte – von dieser Naturkatastrophe waren etwa zwei Millionen der ca. acht Millionen Einwohner Bulgariens betroffen.
Viele Ereignisse lassen sich vor allem in Bulgarien nicht wirklich einplanen, vor allem dann nicht, wenn es sich um Hörenswürdigkeiten handelt. Es ist nur ehrlich zu sagen, dass auch die erhörten Erlebisse vor allem dann beeindrucken, wenn man ihnen in ihrer ungeplanten Authentizität begegnet: Wenn sich beispielsweise über 50 Menschen unter der Plane einer Würstchenbude zusammendrängen, der Himmel eimerweise Wasser drüberschüttet und man völlig unerwartet, in dem Meer ihrer bulgarischen Stimmen versinkt; Wenn ein junger bekiffter Dudelsackspieler, entnervt von zu viel und nur Volksmusik, sein Instrument dazu benutzt, um Jimi Hendrix zu spielen und damit generations- und traditionsübergreifende Begeisterung auslöst; Wenn der Zufall die Organisation übertrifft.
Bulgarien ist ein Land, in dem die orale Tradition nach wie vor sehr wichtig ist. Man muss, so auch der Rat an alle Reisenden, hinhören, denn letztendlich findet die Kommunikation über stattfindende Săbori und über die zahlreichen Feste und Orte des Singens, Hörens und Tanzens, vor allem von Mund zu Mund statt.

Geschrieben von Deniza Popova am 15. Dezember 2005 um 18:09 Uhr

Kommentare

Dieser Eintrag kann nicht mehr kommentiert werden.